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Full text of "Das Finanzkapitial. Eine Studie zur jüngsten Entwicklung des Kapitalismus"

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This document is the digitalized form of the printed book: 

Rudolf Hilferding 

Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus 

Nachdruck der Neuausgabe von 1947, 
unveränderte Wiedergabe der letzten vom Autor herausgegebenen Ausgabe, Wien 1923. 

Berlin: Dietz Verlag; 1955. 

Mit einem Vorwort von Fred Oelßner, 

The document has been created on February 27, 2012 by 

Klaus Hagendorf, Paris. 
http : //eur o do s . free . fr/mime 

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DAS FINANZKAPITAL 



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RUDOLF HILFERDING . DAS FINANZKAPITAL 



RUDOLF HILFERDING 



DAS FINANZKAPITAL 



EINE STUDIE 

ÜBER DIE JÜNGSTE ENTWICKLUNG 

DES KAPITALISMUS 



Mit einem Vorwort 
von Fred. Oelßner 




DIETZ VERLAG BERLIN 
1955 



. 



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Dia vorliegende Auflage ist ein Nachdruck der Neuausgabe von 1947, 

die das Werk nach der let/.ten vom Autor herausgegebenen Ausgabe, 

Wien 1923, unverändert wiedergab. Einige olTensiehtliche Druckfehler 

wurden beseitigt.. 



VORWORT ZUR NEUAUSGABE 






2. Auflage • 21.-28. Tausend 

Dietz Verlag GmbH, Berlin • 1. Auflage 194T • Printed in Cermany • Alle Rechte 

vorbehalten • Typographie: Dietz Entwurf • Einband: Hans Kurzhahn • Papier- 

format: 61X86 cm • Autorenbogen: 32 • Druckbogen: 37,5 • Lizenznummer 1 

Druck: Kail-Marx-Werk, Pößneck, V 15/30 



Um die Wende unseres Jahrhundertstraten in der kapitalistischen 
Weltwirtschaft neue Erscheinungen hervor, die auf eine struktu- 
relle Wandlung des Kapitalismus hindeuteten. Die für den alten 
Kapitalismus typische freie Konkurrenz und der freie Handel wur- 
den immer mehr durch monopolistische Gebilde eingedämmt, die 
sich aus der rasch fortschreitenden Konzentration der Produktion 
entwickelten. Auch die Banken machten diesen Konzentrations - 
prozeß durch und unterlagen dadurch einem Funktionswandel. Aus 
ursprünglich selbständigen Instituten zur Zahlungsvermittluvng ent- 
wickelten sie sich zu Finanzierungsinstituten der Industrie. Schließ- 
lich wuchsen Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital zu- 
sammen. Der riesige Kapitalüberschuß, den die Konzentration der 
Produktion und des Kapitals in den entwickelten kapitalistischen 
Ländern hervorbrachte, drängte immer mehr zum Kapitalexport. 
Den kapitalistischen Monopolen wurden die nationalen Grenzen zu 
eng, es entstanden internationale monopolistische Verbände, die 
eine wirtschaftliche Aufteilung der Welt vornahmen. Und daraus 
ergab sich der rasende Wettkampf der Großmächte um die terri- 
toriale Aufteilung unseres Planeten. Dieser Wettkampf führte 
dazu, daß die Erde zu Beginn unseres Jahrhunderts im wesentlichen 
ur er die Großmächte aufgeteilt war. Der alte Kapitalismus hatte 
sich durch diese Entwicklung in einenneuen, einen monopolistischen 
oder imperialistischen Kapitalismus verwandelt. 

Karl Marx und Friedrich Engels, die den alten Kapitalismus 
erschöpfend analysierten und seine Bewegungsgesetze entdeckten 



und überzeugend darstellten, haben diese neue Entwicklung des 
Kapitalismus nicht mehr erlebt. Sie konnten diese Entwicklung nur 
in genialen Voraussagen andeuten. Die Analyse und Darstellung 
des neuen Kapitalismus fiel der nachfolgenden Generation marxisti- 
scher Ökonomen zu. Unter ihnen nimmt Rudolf Hilferding mit 
seinem „Finanzkapital" einen hervorragenden Platz ein. Bereits 
im Jahre 1905 war, wie er im Vorwort vermerkt, seine „Studie 
über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus" fertig. Hilferding 
sah das Charakteristische des modernen Kapitalismus in „jenen 
Konzentrationsvorgängen, die einerseits in der , Aufhebung der 
freien Konkurrenz' durch die Bildung von Kartellen und Trusts, 
anderseits in einer immer innigeren Beziehung zwischen Bank- 
kapital und industriellem Kapital erscheinen" (S. 1). Er machte die 
zweite Erscheinungsform zum Hauptgegenstand seiner Analyse, wie 
schon der Titel seines Werkes verrät. Dies führte ilm — wie später 
gezeigt werden soll — zu einer Reihe grundlegender theoretischer 
Fehler, die ihn am Verständnis des Gesamtbildes der neuen Epoche 
der kapitalistischen Wirtschaft hinderten. Doch dieser Mängel un- 
beschadet stellt „Das Finanzkapital" eine bedeutsame Weiterent- 
wicklung der marxistischen ökonomischen Theorie dar. Trotz der 
vier Jahrzehnte, die seit der Abfassung vergangen sind, hat es seine 
aktuelle Bedeutung nicht verloren. Und es übertrifft an wissen- 
schaftlicher Tiefe und Schärfe heute noch alles, was die bürgerliche 
Volkswirtschaftslehre über das Finanzkapital zu sagen hatte. 

Da Hilferding das Finanzkapital zum Thema seiner Unter- 
suchung machte, beginnt er seine Darlegung logischerweise mit 
der Geldtheorie. Trotz der Irrtümer, denen er gerade auf dem Ge- 
biet der Geldtheorie erlegen ist, hat er in der Weiterentwicklung 
der marxistischen Kredittheoric einen bedeutenden Schritt vorwärts 
getan. Er entwickelte den Unterschied zwischen dem Zirkulations- 
kredit, der überwiegend von den produktiven Kapitalisten selbst 
gegeben wird und dem Bargeldersatz dient, und dem Kapitalkredit, 
der die Funktion hat, brachliegendes Geld in fungierendes Geld- 
kapital zu verwandeln. Die vorangehende tiefschürfende Unter- 
suchung über die periodische Freisetzung und Brachlegung von 



VI 



Geldkapital läßt die eminente Bedeutung des Kapitalkredits für die 
kapitalistische Entwicklung klar erkennen. 

Der hervorragendste Teil des Buches ist der Abschnitt über die 
Mobilisierung des Kapitals und über das fiktive Kapital, insonder- 
heit die Analyse der Aktiengesellschaft. Hier macht er eine funda- 
mentale ökonomische Entdeckung: den Gründergewinn. In An- 
lehnung an Marx' Entwicklung des Bodenpreises als kapitalisierte 
Grundrente weist Hilferding nach, daß der Gründergewinn aus der 
Verwandlung von profittragendem in zinstragendes Kapital ent- 
springt und eine Kapitalisierung des Unternehmergewinns darstellt, 
deren Ertrag in die Taschen der „Gründer", also meist der Banken 
fließt. Damit hat Hilferding den Beweis erbracht, daß der Gründer- 
gewinn (oder Gründungsgewinn, wie er ihn zuweilen auch nennt) 
„weder ein Schwindel noch eine Vergütung oder Lohn ist, sondern 
eine ökonomische Kategorie sui generis" (S. 145). Es ist Rudolf 
Hilferdings unvergängliches Verdienst, diese ökonomische Kategorie 
entdeckt und entwickelt zu haben. Er stellt auch die Formel dieses 
Gründergewinns dar, mit deren Hilfe an konkreten Beispielen leicht 
errechnet werden kann, welch ungeheure Summen den Banken 
durch ihre Emissionstätigkeit zufließen. Hilferding führt zugleich 
den Nachweis, daß dieser ökonomische Gründergewinn nicht nur 
bei Neugründungen oder Umwandlungen bestehender Privatunter- 
nehmungen in Aktiengesellschaften erzielt wird, sondern auch bei 
jeder Kapitalerhöhung bestehender Aktiengesellschaften. Diese 
Entdeckung Hilferdings erklärt uns, warum die Konzentration des 
Bankkapitals ein so rapides Tempo einschlagen konnte, denn gerade 
der Gründergewinn war das Mittel, ungeheure Reichtümer in 
den Händen der Großbanken zusammenzuballen. Die Entdeckung 
des Gründergewinns stellt eine bedeutsame Weiterentwicklung der 
marxistischen ökonomischen Theorie dar und ermöglicht uns das 
Verstau; ais für die rasche Ausbreitung des Finanzkapitals. 

In seiner Untersuchung der Aktiengesellschaft führt Hilferding 
auch mit zwingender Logik das Gerede von der angeblichen Demo- 
kratisierung des Kapitalismus durch diese Unternehmungsform ad 
absurdum. Er weist nach, daß gerade durch die Aktiengesellschaft 



VII 



ciiicin kleinen Häuflein von Großkapitalisten die Verfügungsgewalt 
üIht liesige fremde Kapitalien in die Hand gegeben wird. Beson- 
ders durch das sogenannte Beteiligungssystem, die Gründung von 
Tochter-, Enkel- und Urenkel-Gesellschaften, wird diese finanzielle 
Macht der Großkapitalisten gewaltig gesteigert. Was Hilferding in 
seinem Buch über die Aktiengesellschaften sagt, hat auch heute 
noch volle Gültigkeit. 

Auch die Probleme der Börse erscheinen bei Hilferding in neuem 
Licht. Er untersucht die neue Rolle der Börse als Markt des fiktiven 
Kapitals und kommt zu dem Schluß, daß mit der Entwicklung der 
Großbanken die Bedeutung der Börse zurückgeht. Diese Tatsache 
hatten schon vor Hilferding bürgerliche Volkswirtschaftler fest- 
gestellt, wie Schulze-Gävernitz, Riesser und andere. Aber erst im 
Lichte der theoretischen Untersuchung Hilferdings wird die Not- 
wendigkeit dieser Entwicklung völlig klar. 

Einen breiten Raum nimmt die Untersuchung der Entwicklung 
des Finanzkapitals und die Einschränkung der freien Konkurrenz 
in dem Buche Hilferdings ein. Erst jetzt kommt Hilferding auf die 
andere charakteristische Erscheinung des modernen Kapitalismus, 
auf die Monopole, zu sprechen. Hilferding macht hierbei manche 
scharfsinnige Bemerkung zur Entwicklung der Monopoltheorie, wie 
bei der Erklärung der Ursachen für die Entstehung der Kombina- 
tion, bei der Unterscheidung zwischen homosphärischen und hetero - 
sphärischen Vereinigungen und anderen. Dennoch scheint mir diese 
wesentliche Seite des modernen Kapitalismus zu schwach ent- 
wickelt. Das ist eine Folge des im Prinzip fehlerhaften Ausgangs- 
punktes Hilferdings, von dem später die Rede sein soll. Es mutet 
eigenartig an, daß Hilferding in dem Kapitel über die Kartelle und 
Trusts die Konzentration der Produktion außer Betracht läßt und 
demzufolge keine Erklärung für die Notwendigkeit der Entstehung 
kapitalistischer Monopole gibt. Nur gelegentlich weist er auf diesen 
Zusammenhang hin, so, wenn er die monopolistischen Vereinigun- 
gen als „Verwirklichung der Marxschen Konzentrationslehre" be- 
zeichnet. Eine organische Entwicklung der Monopole aus der Kon- 
zentration, aus der Entstehung von Großbetrieben läßt er vermissen. 






Was Hilferding über den Kartellpreis (Monopolpreis) sagt, steht 
turmhoch über allem, was die bürgerliche Wissenschaft über diese 
vielleicht komplizierteste Kategorie des monopolistischen Kapitalis- 
mus zutage gefördert hat. Mit Recht sagt Hilferding, daß der 
Monopolpreis nicht nur aus der Nachfrage erklärt werden kann, 
sondern einen ökonomischen Inhalt haben muß. Nach Hilferding 
ist auch der Kartellpreis gleich dem Kostpreis plus Durch Schnitts - 
Profitrate. (In früheren Ausgaben stand Produktionspreis plus 
Durchschnittsprofitrate. Offensichtlich ein Druckfehler, denn der 
Produktionspreis ist Kostpreis plus Durchschnittsprofit.) Aber, so 
sagt Hilferding, die Durchschnittsprofitrate hat sich geändert. „Sie 
ist verschieden für die große kartellierte Industrie und für die 
kleinen von ihr in Abhängigkeit geratenen Sphären der Klein- 
industrie . . ." Und er kommt zu dem Schluß: „Die Erhöhung des 
Kartellpreises findet also ihre Grenze an der Möglichkeit der 
Senkung der Profitrate in nicht kartellfähigen Industrien" 
(S. 343/544). Diese Grenze scheint mir zu eng gezogen. Denn der 
Kartellprofit (Monopolprofit) stammt nicht nur aus dem Mehr- 
wert der nichtkartellierten Industrien, sondern ist auch ein Tribut 
der Konsumenten an das Monopolkapital. Das gibt Hilferding 
zum Teil zu, wenn er sagt: „Ein Teil des Kartellprofits stammt 
also von den Konsumenten, womit hier alle nichtkapitalistischen 
Kreise, die abgeleitetes Einkommenbeziehen, gemeint sind" (S. 546). 
Die Beschränkung auf Konsumenten mit abgeleitetem Einkommen 
vermag nicht einzuleuchten. Denn eine rationelle Erklärung des 
Monopolprofits im sogenannten reinen Kapitalismus ist nicht mög- 
lich. Es ist allgemein bekannt, daß die Quelle eines beträchtlichen 
Teiles des Monopolprofits die Ausbeutung des selbständigen Mittel- 
standes und besonders der Bauern ist. Die „Schere" zwischen den 
Preisen für industrielle und denen für landwirtschaftliche Erzeug- 
nisse ist im wesentlichen auf d ie Monopole zurückzuführen Vor allem 
aber bildet die Ausbeutung der Kolonien durch die kapitalistischen 
„Mutterländer" eine ganz ersprießliche Quelle des Monopol- 
profits. Das Vorhandensein des Nicht-Äquivalenten-Austausches 
zwic jen imperialistischen Großmächten und kolonialen Ländern 



VIII 



IX 



ISl 



{'.einigend bekannt, um mit Tatsachen belegt werden 7,11 



Der Beziehung zwischen dem Finanzkapital und den kapita- 
lislisdion Krisen ist in dem Buche Hilferdings ein besonderes 
Kapitel gewidmet. Auch hier stößt der Leser auf theoretische Irr- 
liimer, die in ariderem Zusammenhang behandelt werden sollen. 
Ungeachtet dessen hat Hilferding auch die marxistische Krisen- 
theorie um neue wesentliche Gesichtspunkte bereichert. So in der 
Entwicklung des Zusammenhangs zwischen dem Gesetz des ten- 
denziellen Falls der Profitrate und der Krise, in der Rolle des fixen 
Kapitals, in der Behandlung der Kreditverhältnissc im Ablauf der 
konjunkturellen Entwicklung und besonders in der Darstellung 
der Börsenkrise und Geldkrise im Gefolge der industriellen Krise. 
Schließlich nimmt Hilferding auch zu der Frage Stellung, die da- 
mals die Volkswirtschaftler bewegte, inzwischen aber von der Ge- 
schichte mit aller Eindeutigkeit beantwortet worden ist, der Frage 
nämlich, ob die Kartelle die Krisen verhindern können. Dies wurde 
zu Beginn unseres Jahrhunderts, besonders nach der sogenannten 
milden Krise von 1907, allen Ernstes von bürgerlichen Ökonomen 
und auch von gewissen „Sozialisten" behauptet. Damals erklärte 
Hilferding auf Grund seiner Kenntnis der marxistischen Theorie 
kurz und klar: „Ebensowenig wie die Kartelle das Entstehen von 
Krisen verhindern können, können sie sich ihren Wirkungen ent- 
ziehen" (S. 440/441). Diese klare marxistische Feststellung hat 
Hilferding freilich zweieinhalb Jahrzehnte später nicht gehindert, 
die Theorie des organisierten Kapitalismus zu erfinden. 

Zu den besten Teilen des vorliegenden Buches gehört auch der 
fünfte Abschnitt über die Wirtschaftspolitik des Finanzkapitals. 
Hier erweist sich Rudolf Hilferding als echter marxistischer Theo- 
retiker, dem es nicht allein darauf ankommt, wissenschaftliche Er- 
kenntnisse zu erlangen, sondern der zugleich bemüht ist, diese 
Erkenntnisse dem Klassenkampf des Proletariats dienstbar zu 
machen. Es war daher gewiß kein Zufall, wenn der Vater des 
Revisionismus, Eduard Bernstein, seine Kritik an dem Buche 
Hilferdings gerade gegen diesen Teil richtete. 






In der Untersuchung der Handelspolitik des Finanzkapitals weist 
Hilferding nach, daß das Finanzkapital den Freihandel immer 
mehr durch den Schutzzoll ersetzt und der Erziehungszoll sich in 
den Kartellschutzzoll verwandelt. Bernstein, der sich in seiner 
Kritik gegen den Begriff des Finanzkapitals überhaupt wandte, 
schrieb damals: „Hilferdings Satz von einem generellen Interesse 
des Finanzkapitals am Allerweltsschutzzoll ist nichts als Konstruk- 
tion auf der Basis von Einzelerscheinungen, die durchaus unzu- 
länglich sind, eine so verallgemeinerte Theorie zu tragen." Und 
Bernstein verspottete Hilferding, weil dieser voraussagte, daß in- 
folge der Entwicklung des Finanzkapitals auch in England, dem 
klassischen Lande des Freihandels, „der Übergang zum Schutzzoll 
notwendigerweise erfolgen" muß. Bernstein stellte damals eine 
ganz aridere Prognose für England. Und wer behielt recht? Selbst- 
verständlich der Marxist Hilferding. Schon unmittelbar nach dem 
ersten Weltkriege, am 1. September 1919, wurden in England 
Vorzugszölle für die britischen Kolonien eingeführt. Im Dezember 
1920 wurde ein Farbstoffeinfuhrgesetz erlassen, durch das die 
Einfuhr aller synthetischen Farbstoffe verboten wurde. Am 1. Ok- 
tober 1921 trat ein Industrieschutzgesetz in Kraft, das für die Pro- 
dukte der Schlüsselindustrien einen Einfuhrzoll von 33 % Prozent 
festsetzte und die Einführung weiterer 33 Vn Prozent Zölle auf 
Stoffhandschuhe, Haushaltungsglaswaren, Glas für Beleuchtungs- 
zwecke und anderes ermöglichte. In der großen Krise von 1929 bis 
1932 erlebte der Protektionismus in England einen neuen Auf- 
schwung. Durch das Ottawa-Abkommen wurde ein System von 
Präferenzzöllen aufgebaut, durch das sich England eine Vorzugs- 
stellung auf den Märkten des British Empire sicherte. Der alte 
Freihandel war auch in England dahin. Heute weiß jeder, der sich 
in volkswirtschaftlichen Dingen auskennt, daß der moderne Kapi- 
talismus die allgemeine Tendenz zum Hochschutzzoll erzeugt und 
daß der Kampf um die Zölle beim Abschluß von Handels- und 
Finanzabkommen zwischen kapitalistischen Staaten eine der 

1 Eduard Bernstein, „Das Finanzkapital und die Handelspolitik"; „Sozia- 
listische Monatshefte", 1911, II. Bd., S. 951/952. 



X 



XI 



Ipi-riincmlstcn Fragen ist. Das trat besonders deutlich bei den 
VcrhancLKuo gen über die 4,4-Milliarden-DoUar-Anleihe der USA 
.111 England in Erscheinung, die Anfang Dezember 1946 ab- 
geschlossen wurde. Nach diesem Abkommen soll England die 
Vorzugszölle innerhalb seines Weltreiches einschränken und ohne 
die Einwilligung der Vereinigten Staaten keine Erhöhung dieser 
Vorzugszölle vornehmen. Alle diese Tatsachen zeigen anschau- 
lich, wie sehr der Marxist Hilferding gegenüber dem Revisionisten 
Bernstein recht behalten hat. 

Eines der wesentlichsten Merkmale des neuen Kapitalismus ist 
der Kapitalexport, der immer mehr an Stelle des einfachen Waren- 
exports kennzeichnend wird. Hilferding behandelt diese neue Er- 
scheinung in einem besonderen Kapitel, in dem er von der all- 
gemeinen Bedeutung des Wirtschaftsgebiets für die kapitalistische 
Entwicklung ausgeht. Er definiert den Kapitalexport als „Ausfuhr 
von Wert, der bestimmt ist, im Ausland Mehrwert zu hecken", 
wobei es wesentlich ist, „daß der Mehrwert zur Verfügung des 
inländischen Kapitals bleibt" (S. 468). Diese Definition ist all- 
gemein gültig. Auch die beiden grundlegenden Formen des Kapi- 
talexports „als zinstragendes oder profittragendes Kapital" hat er 
überzeugend entwickelt. Nachdem er die ökonomische Bedeutung 
des Kapitalexports als Mittel zum Ausgleich der nationalen Profit- 
raten dargestellt hat, kommt er zur Analyse der weltpolitischen 
Folgen des Kapitalexports. Diese Analyse bildet ein treffendes 
Beispiel dafür, wie es die marxistische ökonomische Theorie er- 
möglicht, die kommende Entwicklung vorauszusagen. Hilferding 
zeigt auf, wie die Diplomatie jetzt als wichtigste Funktion die Ver- 
tretung des Finanzkapitals erhält. Die Geschichte der Diplomatie 
des wilhelminischen Kaiserreichs bildet eine überzeugende Illustra- 
tion dazu (Marokko-Konflikt, Bagdad-Bahn usw.). Mit Recht weist 
Hilferding darauf hin, wie „das Finanzkapital zum Träger der 
Idee der Stärkung der Staatsmacht mit allen Mitteln" (S. 497) 
wird, wie durch die Entwicklung des Finanzkapitals die Interessen 
der Staaten unmittelbar feindlich aufeinanderstoßen. Schließlich 
kommt Hilferding auf Grund seiner marxistischen Analyse zu der 






Schlußfolgerung: „Es ist eine Situation, die den Gegensatz 
zwischen Deutschland und England mit ihren Trabanten außer- 
ordentlich verschärfen muß, eine Situation, die zu einer gewalt- 
samen Lösung hindrängt" (S. 498). 

Der Marxist Rudolf Hilferding gelangte also im Jahre 1909 
durch seine ökonomische Analyse des modernen Kapitalismus zu 
der Feststellung, daß die Entwicklung zum imperialistischen 
Kriege drängt und daß sich der deutsche und der englische Impe- 
rialismus als Hauptgegner gegenüberstehen. Es ist nicht verwun- 
derlich, daß diese Feststellung den Revisionisten Eduard Bernstein 
auf den Plan rief, der sich ja — wie schon bei der Frage der Zoll- 
politik gezeigt wurde — in der Rolle eines Apologeten des englischen 
Imperialismus gefiel. Bernstein begann seine Kritik damit, daß er 
die Bedeutung des Kapitalexports überhaupt leugnete. „. . . ohne 
einigermaßen verläßliches Tatsachenmaterial ist jede verall- 
gemeinernde wirtschaftspolitische Folgerung, die auf das Vor- 
kommen solcher Exporte sich stützt, bloße Hypothese und nicht 
mehr", schrieb Bernstein in den „Sozialistischen Monatsheften". 1 
Wie sehr gerade in den Jahren, als Bernstein das schrieb, der 
Kapitalexport des deutschen Imperialismus zunahm, zeigt die Tat- 
sache, daß die deutschen Kapitalinvestierungen im Auslande von 
12,5 Milliarden Franc im Jahre 1902 auf 44 Milliarden Franc im 
Jahre 1914 stiegen. Bernstein hätte also mit Leichtigkeit „einiger- 
maßen verläßliches Tatsachenmaterial" zusammentragen können; 
die ökonomische Literatur jener Jahre wimmelt davon. Aber Bern- 
stein wollte diese Tatsache einfach nicht anerkennen, weil ihm 
die Feststellung der drohenden Kriegsgefahr durch den Marxisten 
Hilferding nicht in den Kram paßte. An den Satz Jlilferdings, daß 
der Gegensatz zwischen Deutschland und England zu einer gewalt- 
samen Lösung dränge, knüpfte Bernstein entrüstete Protestrufe, wie 
„das alles soll die Sozialdemokratie als Notwendigkeit begreifen", 
„welche Zumutung!", um schließlich zu erklären: „Aber diese 
Deduktionen stimmen nicht. Selbst wer die Niederlagen, die die 
Schutzzöllnerei und der Hetzimperialismus in England in den 

1 Ebenda, S. 953. 



XII 



XIII 



letzten Jahren erfahren haben, als nicht entscheidend betrachtet, 
kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß sie uns gezeigt 
haben, wie starke Kräfte sich selbst in der kapitalistischen Gegen- 
wart gegen jene Tendenzen auflehnen. In keinem Land ist der 
Widerstand gegen sie auf das Proletariat und etliche Ideologen 
beschränkt. Überall nehmen große Teile der bürgerlichen Erwerbs - 
weit an ihm teil, überall gewinnt die Vertragsidee im Streit mit 
den überlieferten Kriegstendenzen an Boden." Das schrieb Eduard 
Bernstein 1911 gegen den revolutionären Marxisten Rudolf Hilfer- 
ding. Drei Jahre später erwies es sich, daß auch in dieser ent- 
scheidenden Frage nicht der revisionistische Apologet des Imperia- 
lismus Bernstein recht gehabt hat, sondern der Marxist Hilferding. 
Die Kriegstendenzen hatten über die „Vertragsidee" gesiegt. Da- 
mit war aber zugleich wieder einmal die Überlegenheit der marxi- 
stischen Theorie einwandfrei bewiesen. 

Noch klarer tritt diese Überlegenheit bei Hilferding zutage, wo 
er die Wandlung im Klassenbewußtsein der Bourgeoisie zeigt, die 
das Finanzkapital hervorruft. Als die Bourgeoisie noch im Kampfe 
gegen den Feudalstaat stand, war der Liberalismus ihre ideo- 
logische Fahne. „Der Liberalismus war wirklich destruktiv, be- 
deutete in der Tat den ,Umsturz' der Staatsgewalt und die Lösung 
der alten Bindungen", schreibt Hilferding (S. 500). Keinerlei Ein- 
mischung des Staates in die Wirtschaft, das war die Grundforde- 
rung im Kapitalismus der freien Konkurrenz, „laissez faire, 
laissez passer!" war der Grundsatz der Freihandelsschule. Anders 
in der Epoche des Finanzkapitals. Die imperialistische Bourgeoisie 
brauchte den Staat als den gewaltigsten Hebel ihrer Entwicklung, 
ihr handelte es sich darum, den Staat „umzuschaffen aus einem 
Hindernis in ein Vehikel ihrer eigenen Entwicklung" (S. 501). Die 
alten Freiheitsideale, die Ideologie des Liberalismus wurden über 
Bord geworfen, denn „das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern 
Herrschaft", konstatiert Hilferding (S. 502). Und mit Hilfe der 
marxistischen Theorie sagt er aus dem Wesen des Finanzkapitals 
jene Entwicklung voraus, die in Deutschland mit der Errichtung 

1 Ebenda, S. 954/955. 



XIV 



der Hitlerdiktatur einen so furchtbaren Abschluß gefunden hat. 
Es mutet uns heute geradezu unheimlich an, wenn wir die folgen- 
den Sätze Hilferdings lesen, die er vor nahezu vierzig Jahren 
niedergeschrieben hat: „Als Ideal erscheint es jetzt, der eigenen 
Nation die Herrschaft über die Welt zu sichern, ein Streben, ebenso 
unbegrenzt wie das Profitstreben des Kapitals, dem es entsprang. 
Das Kapital wird zum Eroberer der Welt, und mit jedem neuen 
Lande erobert es die neue Grenze, die es zu überschreiten gilt. Die- 
ses Streben wird zur ökonomischen Notwendigkeit, da jedes Zu- 
rückbleiben den Profit des Finanzkapitals senkt, seine Konkurrenz- 
fähigkeit verringert und schließlich das kleinere Wirtschaftsgebiet 
zum Tributpflichtigen des größeren machen kann. Ökonomisch be- 
gründet, wird es ideologisch gerechtfertigt durch jene merkwürdige 
Umbiegung des nationalen Gedankens, der nicht mehr das Recht 
]cder Nation auf politische Selbstbestimmung und Unabhängig- 
keit anerkennt und der nicht mehr Ausdruck ist des demokra- 
t IS chen Glaubenssatzes von der Gleichheit alles dessen, was Men- 
schenantlitz trägt, auf nationalem Maßstab. Vielmehr spiegelt sich 
die ökonomische Bevorzugung des Monopols wider in der bevor- 
zugten Stellung, die der eigenen Nation zukommen muß. Diese er- 
scheint als auserwählt vor allen anderen. Da die Unterwerfung 
fremder Nationen mit Gewalt, also auf sehr natürlichem Wege 
vor sich geht, scheint die herrschende Nation diese Herrschaft ihren 
besonderen natürlichen Eigenschaften zu verdanken, also ihren 
Rasseneigenschaften. In der Rassenideologie ersteht so eine natur- 
vvissenschaftlich verkleidete Begründung des Machtstrebens des 
lunanzkapitals, das so die naturwissenschaftliche Bedingtheit und 
Notwendigkeit seiner Handlungen nachweist. An Stelle des demo- 
kratischen Gleichheitsideals ist ein oligarchisches Herrschaftsideal 
getreten." (S. 504.) Was der marxistische Theoretiker hier vor 
vier Jahrzehnten voraussagte und was in so grauenhafter Weise 
eintrat - ist es nicht ein unumstößlicher Beweis für die Richtig- 
keit der marxistischen Theorie, die das Mitte, zu solcher Voraus- 
sage gibt? Und sollte uns da diese selbe Theorie nicht auch die 
Mittel in die Hand geben, die Entwicklung bewußt in solche 



XV 



Ilih i zu |i nlirii. iln- ein neues Reifen solcher Früchte des Finanz- 

Imi|mIi>I'> iiii Im- allemal ausschließen? In dem Werke Rudolf 
I lillniliii/'ii linden wir viele wertvolle Hinweise für diese Aufgabe. 
Sein Studium ist nicht nur unerläßlich, um den Klassencharakter 
clcvi Faschismus zu verstehen; es lehrt uns zugleich, die wirklichen 
Erreger der faschistischen Pest zu erkennen und zu bekämpfen. 
Dies sind die kapitalistischen Monopole, die Kartelle, Trusts, Kon- 
zerne, es sind die Brutstätten des Finanzkapitals, die Großbanken, 
und es sind die persönlichen Träger der finanzkapitalistischen Ten- 
denzen, die großen Finanzmagnaten, die in einem großen Teil 
Deutschlands auch nach dem zweiten Weltkrieg noch nicht zur 
Verantwortung gezogen worden sind. Wenn wir heute eine Lehre 
aus dem Buche Hilferdings ziehen müssen, so ist es vor allem die, 
daß die Macht der Monopole, die Macht des Finanzkapitals ge- 
brochen werden muß, wenn sich der Kreislauf der Katastrophen 
nicht ein drittes Mal wiederholen, wenn sich eine wahrhafte Demo- 
kratie entwickeln soll. 

Darüber hinaus gibt das Buch Hilf er dings der Arbeiterklasse eine 
weitere wichtige Lehre, die heute von großer praktischer Bedeu- 
tung ist: In dem Kapitel über den Kampf um den Arbeitsvertrag 
behandelt Hilferding die Veränderungen, die durch die finanz- 
kapitalistische Entwicklung in den Gewerkschaftskämpfen hervor- 
gerufen werden. Besonders die Entstehung und Stärkung der Unter- 
nehmerverbände macht die Einzelangriffe der Gewerkschaften 
immer schwieriger. Die Kämpfe gewinnen an Bedeutung. „Die 
Entwicklung der Unternehmer- und Arbeiterorganisation gibt 
den Lohnkämpfen immer größere, allgemein soziale und politische 
Bedeutung. Der Guerillakrieg der Gewerkschaften gegen den ein- 
zelnen Unternehmer weicht den Massenkämpfen, die ganze In- 
dustriesphären betreffen und, wenn sie die lebenswichtigsten Teile 
der durch die Arbeitsteilung aufeinander angewiesenen Produktion 
ergreifen, die gesamte gesellschaftliche Produktion mit Stillsetzung 
bedrohen." (S. 548.) Die Richtigkeit dieser Feststellung Hilferdings 
kann nach dem grandiosen Streik der nordamerikanischen Berg- 
arbeiter Ende 1946 nicht mehr bestritten werden. Aber aus dieser 



XVI 



Wandlung der Gewerkschaftskämpfe ergeben sich für die Arbeiter- 
klasse grundlegende Lehren. 

Wenn die Arbeiterschaft im Imperialismus an Stelle der frühe- 
ren Einzelunternehmer mächtigen Monopolorganisationen oder 
Unternehmerverbänden gegenübersteht, so wird sie um so schwä- 
cher sein, je mehr ihre Gewerkschaftsbewegung in verschiedene 
Richtungen und zahllose Berufsverbände zersplittert ist. Die 
Schaffung einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung und die 
Umwandlung der Berufsverbände in Industriegewerkschaften sind 
daher dringend geboten. Die Gewerkschaftseinheit ist das einzige 
Mittel, das die Arbeiterklasse der konzentrierten Macht des Finanz- 
kapitals entgegenzusetzen hat. Daher streben alle fortschrittlichen 
Elemente in der internationalen Gewerkschaftsbewegung die Ge- 
werkschaftseinheit auf der Grundlage von Industrieverbänden an, 
während umgekehrt das Finanzkapital ein Interesse daran hat, die 
Gewerkschaftseinheit zu verhindern oder rückgängig zu machen, 
um so die Arbeiterklasse möglichst zu zersplittern. Anderseits 
macht es die große Bedeutung, die heute gewerkschaftliche Kämpfe 
für die gesamte gesellschaftliche Produktion haben, dringend er- 
forderlich, daß die Arbeiter durch ihre Gewerkschaftsorganisatio- 
nen und die Betriebsräte das volle Mitbestimmungsrecht in allen 
Fragen der Produktion erlangen. Dies bedingt aber eine Ergänzung 
der gewerkschaftlichen Forderungen. Die Gewerkschaften können 
sich nun nicht mehr darauf beschränken, die unmittelbaren mate- 
riellen und kulturellen Interessen ihrer Mitglieder wahrzunehmen, 
sondern sie müssen die Einflußnahme der organisierten Arbeiter- 
schaft auf die Produktion erstreben. Hilferdings Buch, das uns diese 
Lehren gibt, ist somit auch heute noch für den praktischen wirt- 
schaftlichen und politischen Kampf der Arbeiterklasse von aller- 
größter Bedeutung. 

Das Werk Hilferdings schließt mit einem Ausblick auf die Per- 
spektiven der kapitalistischen Entwicklung. Das Finanzkapital, so 
schlußfolgert Hilferding, vollendet die Diktatur der Kapital- 
magnaten. Es macht diese Diktatur immer unvereinbarer mit den 
Interessen der durch das Finanzkapital ausgebeuteten, aber auch 



2 Hilferding, Das Finanzkapital 



XVII 



■/.um Kampfe aufgerufenen Volksmassen. „In dem gewaltigen Zu- 
snmmenprall der feindlichen Interessen schlägt schließlich die Dik- 
lalur der Kapitalmagnaten um in die Diktatur des Proletariats" — 
mit diesen Worten schließt das Werk. 

Zu dieser Schlußfolgerung gelangte im Jahre 1909 der Marxist 
Rudolf Hilferding infolge seiner grundlegenden theoretischen 
Analyse des modernen Kapitalismus. Auch in dieser Hinsicht hat 
die Geschichte Hilferding, das heißt dem revolutionären Marxis- 
mus, völlig recht gegeben. Denn der „gewaltige Zusammenprall 
der feindlichen Interessen" führte 1914 zum ersten imperia- 
listischen Weltkrieg. Und dieser Weltkrieg endete damit, daß auf 
einem Sechstel der Erde, in Rußland, das durch die Marxsche Lehre 
geschulte und von einer marxistischen Partei geführte Proletariat 
seine revolutionäre Diktatur errichtete, Monopol- und Finanz- 
kapital sowie den Großgrundbesitz mit Hilfe dieser Diktatur ver- 
nichtete und den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, des 
Sozialismus, in Angriff nahm. Damit hat ein neuer Abschnitt in 
der Menschheitsgeschichte begonnen. Der siegreiche Aufbau des 
Sozialismus in der Sowjetunion ist der welthistorische Beweis für 
die Richtigkeit der marxistischen Lehren und damit auch eine Be- 
stätigung für die Grundzüge der marxistischen Theorie Rudolf 
Hilferdings. 

Stellt somit das Werk Rudolf Hilferdings eine bedeutsame 
Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie des Marxismus dar, 
so ist es doch nicht frei von theoretischen Fehlern, die es Hilferding 
unmöglich machten, das ganze Wesen des imperialistischen Stadiums 
des Kapitalismus zu verstehen. Hilferding hat nur Teilerscheinun- 
gen des neuen Kapitalismus erklärt, ohne das Grundlegende und die 
Gesamtheit des Imperialismus zu erfassen. 

Der Ausgangspunkt der Irrtümer Hilferdings scheint mir in 
einer falschen Grundkonzeption zu liegen, die ihrem Wesen nach 
nicht materialistisch, sondern idealistisch ist. Marx steht in seiner 
Analyse des Kapitalismus konsequent auf dem Boden des Mate- 
rialismus. Für ihn bilden die Produktionsverhältnisse die Grund- 

XVIII 



läge auch für alle anderen wirtschaftlichen Beziehungen der 
Menschen, wie zum Beispiel auch für die Tauschbeziehungen. „Eine 
bestimmte Produktion bestimmt also bestimmte Konsumtion, 
Distribution, Austausch, die bestimmten Verhältnisse dieser ver- 
schiednen Momente zueinander" , schreibt Marx. 1 Für Hilferding 
sind dagegen die Tauschbeziehungen, ist die Zirkulation das 
Wesentliche. Das führt ihn schon in der Darstellung der Marx- 
schen Werttheorie zu Ungenauigkeiten, die wir übrigens bei den 
meisten marxistischen Ökonomen der Zeit vor dem ersten Weltkrieg 
(Karl Kautsky, Rosa Luxemburg u. a.) finden und die auf Ricardo 
zurückzuführen sind. David Ricardo hatte bekanntlich vor Marx die 
Arbeitswerttheorie zur höchsten Entwicklung gebracht. Aber er 
hat den Arbeitswert nur quantitativ, das heißt als Arbeitsmenge, 
betrachtet, während Marx die Qualität, die Substanz des Wertes in 
der abstrakt menschlichen Arbeit entdeckt hat, die eine gesellschaft- 
liche Kategorie ist. Marx schreibt über die Werttheorie Ricardos: 
„Was bei Ricardo der Fehler ist, liegt darin, daß er sich bloß mit 
der Wertgröße beschäftigt, daher nur sein Augenmerk auf das 
relative Quantum Arbeit richtet, das die verschiedenen Waren dar- 
stellen, als Werte verkörpert in sich enthalten. Aber die in ihnen 
enthaltene Arbeit muß als gesellschaftliche Arbeit dargestellt wer- 
den, als entäußerte individuelle Arbeit. Im Preise ist diese Dar- 
stellung ideell. Erst im Verkauf wird sie realisiert. Diese Verwand- 
lung der in den Waren enthaltenen Arbeiten der Privatindividuen 
in gleiche gesellschaftliche Arbeit, daher als in allen Gebrauchs- 
werten darstellbare, mit allen austauschbare Arbeit, diese quali- 
tative Seite der Sache, die in der Darstellung des Tauschwerts als 
Geld enthalten ist, ist bei Ricardo nicht entwickelt. Diesen Um- 
stand - die Notwendigkeit, die in ihnen enthaltene Arbeit als 
gleiche gesellschaftliche Arbeit darzustellen, das heißt als Geld — 
übersieht Ricardo." 2 Und an anderer Stelle: „Die Waren können 



1 Karl Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", Dietz Verlag, Berlin 
1951, S. 255. 

2 Karl Marx, „Theorien über den Mehrwert", Bd. III, Verlag J. H. W. 
Dietz, Stuttgart 1910, S. 154/155. 



XIX 



ff 



alle aufgelöst werden in Arbeit als ihre Einheit. Was Ricardo nicht 
uniersucht, ist die spezifische Form, worin Arbeit als Einheit von 
Waren sich darstellt. Daher begreift er das Geld nicht." 1 Dem- 
gegenüber hat Marx den qualitativen Charakter des Wertes ent- 
deckt durch seine Analyse des Doppelcharakters der in den Waren 
dargestellten Arbeit. Sie ist einerseits konkrete nützliche Arbeit 
und bildet als solche den Gebrauchswert, anderseits abstrakte 
menschliche Arbeit und bildet als solche den Wert. Die gesellschaft- 
lich notwendige Arbeitszeit ist für Marx nur das Maß, um die 
Größe (Quantität.) der Wertsubstanz (Qualität) zu messen. Dahin- 
gegen faßt Ifilfcrding, soweit er im „Finanzkapital" auf die Wert- 
theorie zu sprechen kommt, den Wert nur quantitativ. So schreibt 
er in einer Fußnote, Seite 14: „Diese Dinge müssen in der waren- 
produzierenden Gesellschaft miteinander überhaupt in ein Verhält- 
nis treten und dies können sie als Ausdruck gesellschaftlich not- 
wendiger Arbeitszeit." Das stimmt nicht, sondern sie beziehen sich 
als Ausdruck abstrakter Arbeit aufeinander. Seite 1 8 wirft Hilfer- 
ding Werlsubstanz und Wertgröße völlig durcheinander, indem er 
schreibt: „Es ist die gemeinsame Aktion der Waren im Austausch, 
was die private, individuelle und konkrete Arbeitszeit des einzelnen 
in allgemeine, gesellschaftlich notwendige und abstrakte Arbeits- 
zeit, die Wert bildet, verwandelt." Hier entdeckt Hilferding sogar 
eine neue Kategorie, die abstrakte Arbeitszeit, die wir bei Marx 
vergeblich suchen würden. Eine Seite weiter vermerkt Hilferding 
in einer Fußnote: „Wert hat jede Ware als Verkörperung gesell- 
schaftlich notwendiger Arbeitszeit" (S. 19), was zumindest ungenau 
ist. Doch genug der Beispiele! 

Nun ist die Werttheorie aber die unmittelbare Voraussetzung 
der Marxschen Geldtheorie. Eine Ware (z. B. Gold) wird nur da- 
durch zu Geld, daß alle Waren ihren Wert in dieser einen Ware 
ausdrücken. Das ist nur möglich, weil sie als Ware selbst Wert 
besitzt, das heißt vergegenständlichte abstrakte Arbeit enthält. Die. 
erste Funktion des Geldes, aus der alle anderen Funktionen ent- 
springen, ist daher seine Funktion als Maß der Werte. Bevor das 

1 Ebenda, S. 164. 



XX 



Geld als Zirkulationsmittel auftreten kann, müssen die Waren, die 
es zirkulieren soll, ihren Wert im Gelde gemessen haben. Innerhalb 
der Zirkulation kann das Gold durch Münzen oder Papierscheine 
ersetzt werden. Diese Scheine sind aber immer nur Vertretung von 
wirklichem Gold, und ihr Wert ist stets gleich dem Wert der Gold- 
menge, die sie in der Zirkulation vertreten. „Die wertlosen Marken 
sind Wertzeichen, nur soweit sie das Gold innerhalb des Zirku- 
lationsprozesses vertreten, und sie vertreten es nur, soweit es selbst 
als Münze in den Zirkulationsprozeß eingehen würde, eine Quanti- 
tät, bestimmt durch seinen eignen Wert, wenn die Tauschwerte 
der Waren und die Geschwindigkeit ihrer Metamorphosen gegeben 
sind." 1 

An diesem Punkt setzt nun Hilferdings Revision der Marxschen 
Geldtheorie an, die sich ebenso wie die falsche Geldtheorie Ricardos 
aus seinem Irrtum in der Werttheorie ergibt. Für Hilferding ist 
das Geld „zunächst Zirkulationsmittel. Erst dann, wenn es all- 
gemeines Maß der Werte und allgemeines Äquivalent der Waren 
geworden, wird es zum allgemeinen Zahlungsmittel" (S. 24, Fuß- 
note). Das heißt die Dinge auf den Kopf stellen. Erst muß der Wert 
einer Ware in einer anderen Ware (auch im Geld) ausgedrückt sein, 
ehe die Zirkulation vonstatten gehen kann! Weiter nimmt dann 
Hilferding eine reine Papierwährung mit staatlichem Zwangskurs 
an. Bei einer solchen Währung wird nach seiner Meinung das 
Papiergeld „ganz unabhängig vom Wert des Goldes und reflektiert 
direkt den Wert der Waren" (S. 29). „Der wirkliche Wertmesser ist 
nicht das Geld, sondern der ,Kurs' des Geldes wird bestimmt durch 
das, was ich den gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert 
nennen möchte . . ." (S. 41). Und an anderer Stelle sagt Hilfer- 
ding: „Nur erscheint der Umweg überflüssig, den Marx einschlägt, 
indem er zuerst den Wert der Münzmasse bestimmt und durch ihn 
erst den des Papiergeldes. Der rein gesellschaftliche Charakter 
dieser Bestimmung kommt viel deutlicher zum Ausdruck, wenn man 
den Wert des Papiergeldes direkt vom gesellschaftlichen Zirku- 
lationswert ableitet. Daß historisch die Papiergeldwährungen aus 



1 Karl Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", S. 124. 



XXI 



Mctallwährungen entstanden, ist kein Grund, sie auch theoretisch 
so zu betrachten. 1 Der Wert des Papiergeldes muß abgeleitet wer- 
den können, ohne auf das Metallgeld zu rekurrieren." (S. 58, Fuß- 
note.) Damit hat Hilferding die Wertbestimmung des Geldes völlig 
von der Arbeitswerttheorie losgelöst, denn es gibt heute fast nur 
noch Papierwährungen mit staatlichem Zwangskurs. An die Stelle 
der exakten wissenschaftlichen Erklärung des Geldwertes aus der 
gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, erforderlich zur Erzeu- 
gung der Geldware, setzt er einen mystischen „gesellschaftlich not- 
wendigen Zirkulationswert", der ein Widerspruch in sich ist, da in 
der Zirkulation keinerlei Werte entstehen. Damit wurde aber die 
ganze Marxsche Arbeitswerttheorie über den Haufen geworfen. 

Diese Tatsache wurde denn auch von Karl Kautsky festgenagelt, 
der in seiner ersten Besprechung des „Finanzkapitals" die Hilfer- 
dingsche Geldtheorie ablehnte, weil sie die Marxsche Werttheorie 
aufhebt. Damals schrieb Karl Kautsky: „Das heißt offenbar nichts 
anderes als : Der wirkliche Wertmesser der Ware ist nicht das Geld, 
sondern der wirkliche Wertmesser des Geldes ist die Ware. Könnte 
der Wert des Geldes auf diese Weise festgestellt werden durch den 
.gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert', so bedeutete das 
die Aufhebung des Wertgesetzes für die Geldware, so hieße es, daß 
für diese der Wert nicht durch die zu ihrer eigenen Herstellung 
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird. Die allge- 
meine Gültigkeit des Wertgesetzes würde durchbrochen, und das 
wäre in diesem Falle um so erstaunlicher, als das gerade durch die 
Geldware geschähe, ,die Ware, deren Naturalform zugleich un- 
mittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen 
Arbeit in abstracto ist'." 2 Karl Kautsky glaubte jedoch damals, diese 
Theorie Hilferdings auf die leichte Schulter nehmen zu können, 

1 Diese Trennung der historischen von der theoretischen Entwicklung ist 
typisch für den idealistischen Standpunkt Hilferdings. Dem Marxismus ist 
die Scheidung der historischen von der logischen Kategorie fremd. Er sieht 
in der Theorie den gedanklichen Reflex und die Verallgemeinerung der empi- 
rischen, das heißt historischen Erfahrung. F. O. 

8 Karl Kautsky, „Finanzkapital und Krisen"; „Die Neue Zeit", 29. Jahr- 
gang (1910/11), I. Bd., S. 771/772. 

XXII 



weil Hilferding im „Finanzkapital" selbst erklärt, daß reine Papier- 
währung auf die Dauer unmöglich ist. Deshalb tat Kautsky den 
Fehler Hilferdings mit den Worten ab: „Das besagt doch mit an- 
deren Worten nur, daß die Ersetzung der Geldware als Wertmesser 
durch den gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert nichts ist 
als eine akademische Schrulle. Auch als solche spielt sie aber im 
weiteren Verlauf des Buches keine Rolle mehr. Man kann sie ruhig 
ablehnen und doch alles anerkennen, was Hilferding im weiteren 
Fortgang seiner Darstellung auf seine Untersuchung der verschie- 
denen Funktionen des Geldes als Zirkulationsmittel, Wertmesser 
und Zahlungsmittel aufbaut." 1 Hierin irrte allerdings Kautsky 
selbst. Denn die „akademische Schrulle" Hilferdings spielt auch in 
seinen weiteren Untersuchungen eine Rolle, so zum Beispiel bei der 
Darstellung der Bankkrise. Hier knüpft Hilferding an die Ent- 
stehung des Bargeldagios die Bemerkung, daß „der Eigenwert des 
Geldes . . . verschwindet und der Kurs des Geldes bestimmt ist durch 
den gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert" (S. 403). Indes 
sollte Kautsky bald durch Hilferding selbst eines Besseren belehrt 
werden. Am 1. März 1912 erschien in der „Neuen Zeit" ein Auf- 
satz „Geld und Ware" von Rudolf Hilferding, in dem er seine 
„akademische Schrulle" weiterentwickelte und den Wert des 
Papiergeldes nicht nur bei gesperrter, sondern auch bei freier Gold- 
währung durch den gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert 
bestimmt wissen wollte. Er begründete dies damit, daß die Zentral- 
notenbanken ein Monopol verwirklichen, wodurch das Wertgesetz 
aufgehoben werde. Hilferding schrieb: „Daß die unmittelbare Gel- 
tung des Wertgesetzes für das Gold als Geld aufgehoben ist und 
dieses nur mittelbar — durch die Vermittlung des gesellschaft- 
lichen Zirkulationswertes — den Kurs (wie wir hier zum Unterschied 
von Wert oder Preis lieber sagen) des Geldes bestimmt, hat im 
Grunde genommen, so frappierend die Erscheinung auch auf den 
ersten Blick sein mag, nichts Wunderbares. Das Wertgesetz hat zu 
seiner Durchsetzung völlige wirtschaftliche Freiheit nötig. Diese ist 
durch die Wirksamkeit der Zentralnotenbanken für das Verhältnis 



1 Ebenda, S. 772. 



XXIII 



von Geld zur Ware modifiziert. Die spezifische Natur des Geldes 
macht es schwer, ein erläuterndes Beispiel zu geben; doch denke 
man an folgendes: In einem völlig abgeschlossenen, sich selbst ge- 
nügenden Wirtschaftsgebiet würde die Staatsmacht ein Petroleum- 
liandclsmonopol einführen. Sie würde ständig einen Vorrat von 
sage 100 Millionen Litern halten. Sie würde das Petroleum zum 
Preise von 30 Mark für 100 Liter an jedermann verkaufen, zum 
Preise von 29 'sMnrk alles ihr angebotene Petroleum stets kaufen. 
Die Folge wäre natürlich ein stetiger Petroleumpreis von 30 Mark. 
Dieser Preis würde entscheiden, welche Fundstellen noch aus- 
gebeutet werden könnten, welche Fundstellen Rente und in welcher 
Höhe sie diese abwerfen würden. Bei vermehrtem Petroleumbedarf 
wird die Nachfrage aus dem Vorrat befriedigt, auf dessen stets aus- 
reichende Größe die ,Petroleumbankpolitik' bedacht ist. Läßt die 
Nachfrage nach oder ist die Produktion besonders reichlich, so ver- 
mehrt sich der Vorrat weiter, was als besonders günstiger Umstand 
von den Bankleitern betrachtet würde. Ganz analog sind die Vor- 
gänge beim Golde, nur daß hier das gleichbleibende Austausch- 
verhältnis mit zwingender Sicherheit nur theoretisch nachgewiesen 
werden kann." Nun sah auch Karl Kautsky ein, daß er die Be- 
deutung der Fehler Hilferdings unterschätzt hatte. Bereits am 
1 5. Märzbegann er mit der Veröffentlichung eines längeren Artikels 
gegen Hilferding, in dem er die „akademische Schrulle" gründlich 
zerpflückte. Gleich im ersten Teil schrieb Karl Kautsky: „Hilfer- 
dings jüngster Artikel zeigt mir, daß die Auffassungen, aus denen 
er seine Theorie der Papierwährung entwickelt, doch größere Be- 
deutung gewinnen können. Er macht sie hier zur Grundlage von 
Darlegungen, die für die Beantwortung der ■wichtigsten Frage der 
Ökonomie unserer Zeit, der Frage der Teuerung, von entscheidender 
Bedeutung werden können, die aber auch darüber hinaus unsere 
Werttheorie in unseren Wurzeln angreifen — wenn sie richtig 
sind." Dann weist Kautsky in grundlegenden Ausführungen nach, 

1 Rudolf Hilferding, „Geld und Ware" ; „Die Neue Zeit", 30. Jahrgang 
(1911/12), I. Bd., S. 776/777. 

2 Karl Kautsky, „Gold, Papier und Ware"; ebenda, S. 838. 



XXIV 



■■^^^■M 



daß Hilferding die Messung des Warenwertes durch das Gold still- 
schweigend voraussetzt, daß er Wert und Preis verwechselt und 
sich dabei in dauernde Widersprüche verwickelt. Kautsky schreibt: 
„...das Geld muß nach der Hilferdingschen Formel zuerst als 
Wertmesser und dann noch als Zirkulationsmittel fungiert haben, 
ehe sein Wert festgestellt wird, der es zum Wertmesser und Zirku- 
lationsmittel macht. — Zuerst setzt der Verkäufer den Preis seiner 
Ware fest. Dann wird sie gegen diese bestimmte Geldmenge ver- 
kauft, und nun erst stellt sich als das Resultat dieser Operationen 
heraus, was das einzelne Geldstück wert ist! Der Wert des Geldes, 
der feststehen muß, ehe die Warenzirkulation, der Austausch von 
Ware und Geld, beginnen kann, wird zum Besultat des Austausches 
gemacht!" 1 Kautsky geht ferner darauf ein, daß Hilferding seine 
Geldtheorie auf die vor etwa vierzig Jahren akuten Währungs- 
probleme in Holland, Österreich und Indien stützt, die er mit seinem 
„gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert" zulösen versuchte. 
Kautsky nennt daher die Hilferdingsche Theorie „eine echt öster- 
reichische Theorie". Er erklärt die Währungserscheinungen in den 
genannten Ländern, denen Hilferding viel Raum widmet, daraus, 
daß sich diese Länder damals gerade in der Übergangszeit von der 
Silberwährung zur Goldwährung befanden. Abschließend kommt 
Kautsky am Ende seines ersten Aufsatzes zu dem harten Urteil: 
„. . . der gesellschaftlich notwendige Zirkulationswert ist, bei Lichte 
betrachtet, nichts als eine gesellschaftlich schädliche beständige 
Zirkulationsstörung"". 

Im zweiten Teil seines Aufsatzes setzt sich Kautsky mit Hilfer- 
dings Fortführung seiner falschen Theorie auseinander. Er weist 
nach, daß gerade Hilferdings Beispiel von einem Petroleum- 
monopol seine Theorie widerlegt. Denn ein solches Monopol, bei 
dem der Staat alles Petroleum aufkaufen müsse, ohne daß der Kon- 
sum wächst, würde unweigerlich zum Staatsbankrott führen. Zu- 
sammenfassend weist Kautsky nochmals auf den Grundfehler der 
Theorie vom Zirkulationswert hin: „Sie sieht gänzlich ab von der 



1 Ebenda, S. 843. 

2 Ebenda, S. 847. 



XXV 



Tatsache, daß die Waren mit Preisen versehen sind, daß sie also 
ihren Wert an dem des Goldes gemessen haben, ehe sie in die Zirku- 
lation eintraten. Damit das Gold diese Funktion des Wertmessers 
vollziehe, braucht es bloß vorgestellt zu sein, es muß aber bereits 
einen bestimmten Wert haben." 1 Und schließlich kommt Kautsky 
zu folgender allgemeiner Schlußfolgerung über die falsche Geld- 
theorie Hilferdings: „Die tatsächlichen Erfahrungen ebensowenig 
wie theoretische Erwägungen bieten uns irgendeinen plausiblen 
Grund, die Hilf erdingsche Theorie der Bestimmung des Geldwertes 
durch den gesellschaftlichen Zirkulationsprozeß anzunehmen und 
zu meinen, das Gesetz der Bestimmung des Wertes durch die gesell- 
schaftlich notwendige Arbeit sei durch das Aufkommen der Banken 
aufgehoben gerade für die ,Ware, deren Naturalform zugleich un- 
mittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen 
Arbeit in abstracto ist' (,Kapital', I, S. 124 [Neuausgabe: Karl 
Marx, „Das Kapital", Bd. I, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 148. Die 
Red.^). Im Gegenteil, in der Tatsache, daß selbst ein so scharf- 
sinniger Denker und gründlicher Kenner unserer Produktionsweise 
wie Hilf erding scheitert, sobald er von dieser Theorie des Wertes 
abweicht, sehe ich einen neuerlichen Beweis ihrer Richtigkeit — für 
das Gold ebenso wie für jede andere Ware." 

Ich habe so ausführlich die Fehler der Geldtheorie Hilferdings 
behandelt, weil sie der grundlegendste theoretische Mangel dieses 
Buches sind und weil es für den Leser wohl auf diesem Gebiete am 
schwierigsten ist, sich zurechtzufinden. Die falsche Geldtheorie ist 
aber nicht das einzige theoretische Gebrechen, das aus der fehler- 
haften Grundauffassung Hilferdings, dem Zirkulationsstandpunkt, 
entspringt. Das Hauptthema des Hilferdingschen Buches ist das 
Finanzkapital. Infolge der nicht genügenden Berücksichtigung der 
innerhalb der Produktion vor sich gegangenen Entwicklungs- 
prozesse vermag Hilferding keine allgemein gültige Definition 
des Finanzkapitals zu geben. Hilferding leitet die Entstehung des 
Finanzkapitals im wesentlichen aus Prozessen ab, die innerhalb der 

1 Ebenda, S. 892. 
! Ebenda, S. 893. 

XXVI 



Zirkulationssphäre vor sich gehen. Und er definiert das Finanz- 
kapital als „Bankkapital, also Kapital in Geldform, das . . .in Wirk- 
lichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist" (335). Finanz- 
kapital ist ihm „Kapital in der Verfügung der Banken und in der 
Verwendung der Industriellen" (S. 336). Über diese Begriffsbestim- 
mung des Finanzkapitals schreibt Lenin: „Diese Definition ist in- 
sofern unvollständig, als ihr der Hinweis auf eines der wichtigsten 
Momente fehlt, nämlich auf die Zunahme der Konzentration der 
Produktion und des Kapitals in einem so hohen Grade, daß die Kon- 
zentration zum Monopol führt und geführt hat." Und Lenin selbst 
schreibt ebenda: „Konzentration der Produktion, daraus er- 
wachsende Monopole, Verschmelzung oder Verwachsen der Banken 
mit der Industrie — das ist die Entstehungsgeschichte des 
Finanzkapitals und der Inhalt dieses Begriffes." Allerdings weist 
Lenin auch darauf hin, daß Hilferding die Rolle der kapita- 
listischen Monopole hervorgehoben hat. Jedoch finden wir, wie ich 
bereits erwähnte, bei Hilferding keine organische Entwicklung der 
Monopole aus der Konzentration der Produktion. Und dasselbe gilt 
für die Entwicklung des Finanzkapitals. Hilferding widmet seine 
Aufmerksamkeit vornehmlich den Vorgängen in der Zirkulations- 
sphäre. Wir finden daher bei ihm keinen Zusammenhang zwischen 
der Entwicklung der Großbetriebe, der Entstehung der Monopole 
und des Finanzkapitals. Ja, so eigenartig es anmutet, nicht einmal 
der Konzentrationsprozeß im Bankwesen, das Anwachsen der Fili- 
alen, Depositenkassen und Wechselstuben der Großbanken und das 
daraus entspringende Bankmonopol ist bei Hilferding systematisch 
dargestellt. Hierin sehe ich auch die Ursache dafür, daß Hilferding 
die Entwicklung des „Wucherkapitals von gigantischem Ausmaße" 
und die Entstehung parasitärer Züge im modernen Kapitalismus 
übersieht, wovon noch gesprochen werden soll. 

Noch nachteiliger tritt der fehlerhafte Zirkulationsstandpunkt 
Hilferdings in seiner Darstellung der Marxschen Krisentheorie in 
Erscheinung. Das Wesen dieser Theorie besteht bekanntlich darin, 

1 W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalis- 
mus"; Ausgewählte Werte, Bd. I, Dietz Verlag, Berlin 1954, S. 803. 



XXVII 



daß sie die Krisen nicht aus Vorgängen an der Oberfläche des kapi- 
talistischen Zirkulationsprozesses ableitet, sondern aus den Wider- 
sprüchen der kapitalistischen Produktionsweise. Der grundlegende 
Widerspruch ist aber der Widerspruch zwischen dem gesellschaft- 
lichen Charakter der Produktion und dem kapitalistischen Charak- 
ter der Aneignung. 1 Die Entfaltung dieses Widerspruches in den 
Widersprüchen zwischen Produktion und Markt, zwischen den ein- 
zelnen Produktionssphären, in den Widersprüchen des tendenziellen 
Falles der Profitrate usw. nachzuweisen, wäre die Aufgabe einer 
Darstellung der Marxschen Krisentheorie. Gewiß spielen gerade 
im Ablauf der konjunkturellen Zyklen, im Ausbruch und Ablauf 
der kapitalistischen Krisen die Zirkulationsvorgänge eine ganz her- 
vorragende Rolle. Aber alle diese Vorgänge haben ihren letzten 
Grund in den Widersprüchen der kapitalistischen Produktion. 

Hilferding führt in seiner Darstellung der Marxschen Krisen- 
theorie viele Stellen aus dem „Kapital" und auch aus den „Theorien 
über den Mehrwert" an. Aber den entscheidenden Hinweis Marx' 
über die Ursache der Krisen sucht man im „Finanzkapital" ver- 
geblich. Marx sagt im dritten Bande des „Kapitals": „Der letzte 
Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Kon- 
sumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapi- 
talistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als 
ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre 
Grenze bilde." 2 Ich glaube, es ist kein Zufall, daß Hilferding diesen 
Satz Marx' im „Finanzkapital" nicht anführt. Denn aus diesem 
Satze geht hervor, daß Marx die Krisen auf den grundlegenden 
Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise zurückführt und 
daß die Unterkonsumtion der Massen dabei eine wesentliche Rolle 
spielt. Hilferding aber leugnet die Bedeutung der Unterkonsumtion 
für die Krise und betrachtet letztere lediglich als Gleichgewichts- 
störung, als Disproportionalität, die noch dazu auf Vorgänge in der 



1 Siehe Friedrich Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie 
zur Wissenschaft"; Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in 
zwei Bänden, Dietz Verlag, Berlin 1953, Bd. II, S. 129-143. 

2 Karl Marx, „Das Kapital", Bd. III, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 528. 



XXVIII 



Zirkulation, nämlich auf Preisgestaltungen zurückzuführen sei. 
Gleich am Anfang seiner Betrachtung über die Krise erklärt Hilfer- 
ding : „Der Ausdruck ,Überproduktion von Waren' ist überhaupt an 
sich so nichtssagend wie der Ausdruck ,Unterkonsumlion'. Man 
kann von einer Unterkonsumtion strenggenommen nur in physio- 
logischem Sinne sprechen; der Ausdruck hat dagegen keinen Sinn 
in der Ökonomie, wo er nur besagen könnte, daß die Gesellschaft 
weniger konsumiert, als sie produziert hat. Es ist aber nicht ein- 
zusehen, wieso das möglich, wenn nur in der richtigen Proportion 
produziert worden." (S. 358.) Und an anderer Stelle wiederholt er: 
„Es folgt also durchaus nicht, daß die Krise in der der kapitalisti- 
schen Produktion immanenten Unterkonsumtion der Massen ihre 
Ursache haben muß" (S. 378). Damit eliminiert Hilferding eines 
der wesentlichsten Momente der Marxschen Krisentheorie. Für 
Hilferding ist die Krise ganz allgemein eine „Zirkulationsstörung". 
„Sie kann daher nur erklärt werden aus den spezifisch kapita- 
listischen Bedingungen der Warenzirkulation" (S. 362) — nicht also 
der kapitalistischen Warenproduktion! Von diesem Standpunkt aus 
geht Hilferding an das Krisenproblem heran und widmet seine 
ganze Aufmerksamkeit „den Gleichgewichtsbedingungen des gesell- 
schaftlichen Reproduktionsprozesses", wie sie von Marx im zweiten 
Bande des „Kapitals" behandelt werden, der bekanntlich den Zirku- 
lationsprozeß des Kapitals zum Gegenstande hat. Daraus ergibt sich 
mit innerer Konsequenz, daß die Krise bei Hilferding nur als 
Gleichgewichtsstörung, das heißt als Verletzung der Proportion 
zwischen den einzelnen Produktionssphären, erklärt wird, wobei 
diese Verletzung durch „eine Störung in den Preisgestaltungen" 
hervorgerufen wird. „So entstehen im Ablauf der Konjunktur- 
periode Disproportionalitätsverhältnisse durch Störungen der Preis- 
gestaltung", schreibt Hilferding. „Denn all die erwähnten Mo- 
mente bedeuten Abweichungen der Marktpreise von den Produk- 
tionspreisen und dadurch Störungen in der Regulierung der von der 
Preisgestaltung in ihrem Ausmaß und ihrer Richtung abhängigen 
Produktion. Daß diese Störungen schließlich zur Absatzstockung 
führen müssen, ist klar." (S. 393.) 



XXIX 



Mil. dieser Darlegung hat llilferding den Boden der Marxschen 
Krisen! lioorie verlassen. Denn wenn der Marxismus auch die Dis- 
proportionalität als Moment der Krise anerkennt, so leitet er doch 
keineswegs die Krisen aus bloßen Gleichgewichtsstörungen her. 
Der Marxismus erklärt, warum die Widersprüche der kapitalistischen 
Produktion ständig Gleichgewichtsstörungen hervorrufen müssen. 

Seine Abweichung von der Marxschen Krisentheorie verleitet 
llilferding indes, gerade in der neueren Entwicklung Momente zu 
sehen, die angeblich zu einer Milderung der Krisen führen. Ich 
habe oben gezeigt, wie Hilferding das bürgerliche Märchen ab- 
lehnt, die Kartelle könnten Krisen verhindern. Leider war er in 
anderen Fragen nicht so konsequent. So vertritt er die Anschauung, 
daß der moderne Großbetrieb krisenfester sei als der Kleinbetrieb 
(S. 427/428), daß, soweit Bankkrisen aus der Festlegung der Bank- 
mittel und Verlusten aus Kreditgewährungen entstehen, „die kapi- 
talistische Entwicklung Tendenzen hat, die eine Milderung der 
Krise für das Kapital erzeugen" (S. 432), daß „mit der Bedeutung 
der Börse im allgemeinen noch rascher ihre Rolle als krisenver- 
schärfende Ursache zurückgeht" (S. 436). All diese Behauptungen 
deuten auf die von Lenin konstatierte Neigung Hilferdings hin, den 
Marxismus mit dem Opportunismus zu versöhnen. Es ist hier nicht 
der Ort, eine theoretische Darstellung der Einwirkung des Imperia- 
lismus auf den Krisencharakter zu geben. Doch liegen heute ge- 
nügend empirische Tatsachen vor, um die Unrichtigkeit der An- 
schauungen Hilferdings in dieser Frage zu erkennen. Denn auf die 
sogenannte milde Krise von 1907 folgte die Krise von 1913, die 
unmittelbar inden ersten imperialistischen Weltkriegmündete; und 
nach diesem Kriege brachte der imperialistische Kapitalismus die 
große Krise von 1929/1932 hervor, die allen Behauptungen von 
einer Milderung des Krisencharakters durch das Finanzkapital 
Hohn sprach. 

Die erwähnte Neigung Hilferdings, den Marxismus mit dem 
Opportunismus zu versöhnen, kommt auch darin zum Ausdruck, 
daß in seinem umfangreichen Werke eine der wesentlichen Eigen- 
schaften des modernen Kapitalismus keine Beachtung findet, näm- 

XXX 



lieh sein parasitärer Charakter. In dieser Beziehung hat Hilferding, 
wie Lenin bemerkte, gegenüber dem Pazifisten und Reformisten, 
dem Engländer Hobson, einen Schritt zurück getan. Das ist um so 
erstaunlicher, als Hilferding die ökonomischen Erscheinungen be- 
handelt, aus denen der Parasitismus des Finanzkapitals unmittel- 
bar entspringt. In seiner Analyse des Aktienwesens behandelt 
llilferding ausführlich die Trennung des Kapitaleigentums von 
seiner Funktion. Gerade dadurch aber entsteht die rein parasitäre 
Gesellschaftsschicht der Rentner, Aktionäre, Kuponabschneider, die 
keinerlei Verbindung mehr mit der Produktion hat, als daß sie 
von deren Früchten lebt. Es ist eine Schicht bloßer Schmarotzer. 
Hilferding hat für diese Gesellschaftsschicht kein Interesse, sie 
bleibt außerhalb seiner Untersuchung. Das gleiche sehen wir bei 
der Behandlung des Kapitalexports. Es ist gerade das Verdienst 
Hobsons, nachgewiesen zu haben, wie durch das Kolonialmonopol 
riesige Profite in die kapitalistischen „Mutterländer" strömen und 
diese Länder immer mehr den Charakter parasitärer Rentner- 
staaten annehmen. Hilferding erwähnt nur en passant, daß vor dem 
ersten Weltkrieg die Summe der Pensionen allein, die England aus 
Indien bezog, auf jährlich 320 Millionen Mark berechnet wurde 
(S. 448, Fußnote). Aber er unterläßt es, Schlüsse über den parasi- 
tären Charakter des Finanzkapitals zu ziehen. 

Noch drastischer tritt die Vernachlässigung des Parasitismus zu- 
tage, wo Hilferding die kapitalistischen Monopole behandelt. Er 
konstruiert für die Kartelle geradezu einen Zwang zum technischen 
Fortschritt. „Die freie Konkurrenz erzwingt die ständige Erweite- 
rung der Produktion infolge Einführung verbesserter Technik. Für 
die Kartelle bedeutet die Einführung besserer Technik gleichfalls 
Erhöhung des Profits. Sie müssen sie zudem einführen, weil sonst die 
Gefahr besteht, daß der neuen Technik sich ein Outsiderbemächtigte 
und sie im neu entstehenden Konkurrenzkampf gegen das Kartell 
anwenden würde. Ob dies möglich, hängt von dem Charakter des 
Monopols ab, das das Kartell sich geschaffen hat." (S. 346/347.) 
Nun erzeugt aber gerade das Monopol unvermeidlich die Tendenz 
zur Stagnation und Fäulnis. Lenin schreibt darüber: „In demselben 



XXXI 




M.illi' wie, sei es auch nur vorübergehend, Monopolpreise einge- 
iilirl werden, verschwindet bis zu einem gewissen Gradeder Antrieb 
'/.um Lechnischen und folglich auch zu jedem anderen Fortschritt, 
zur Vorwärtsbewegung; in demselben Maße entsteht ferner die 
ökonomische Möglichkei t, den technischen Fortschritt künstlich auf- 
zuhalten." 1 Diese Tendenz wird besonders durch die Zunahme des 
fixen Kapitals gefördert, dem Hilferding in seinem Buche breiten 
Raum widmet. Denn je mehr Kapital ein Großbetrieb in Maschinen 
und Apparaten angelegt hat, desto eifriger wird er bestrebt sein, die 
Ausnutzung technischer Erfindungen zu hintertreiben, die geeignet 
sind, den „moralischen Verschleiß" seiner Produktionsmittel zu be- 
schleunigen. Objektiv ist hier also gerade die entgegengesetzte 
Tendenz wirksam, als Hilferding meint. Bei der Behandlung der 
Kartellpreise hätte es nahegelegen, die systematischen Stillegungen 
und Produktionseinschränkungen zu behandeln, die von den Mono- 
polen vorgenommen werden, sowie eine Darstellung der Kartell- 
rente zu geben, die eine Erscheinungsform des Parasitismus par 
excellence ist. All das läßt Hilferding vermissen. 

Zum Schluß muß noch erwähnt werden, daß Hilferding im 
Finanzkapital — eben weil er von seinem Zirkulationsstandpunkt 
ausgeht — Tendenzen zu finden glaubt, die eine allmähliche Über- 
windung der Anarchie in der kapitalistischen Produktionsweise an- 
streben. So wenn er behauptet: „Für das Minimum der Zirkulation 
ist diese Anarchie gleichsam ausgeschaltet" (S. 28). Oder wenn er 
eine Tendenz feststellt, die dazu führen würde, „daß eine Bank oder 
eine Bankengruppe die Verfügung über das gesamte Geldkapital er- 
hielte. Eine solche Zentralbank' würde damit die Kontrolle über 
die ganze gesellschaftliche Produktion ausüben." (S. 258.) Auf das- 
selbe läuft die Hypothese von der Bildung eines Generalkartells 
hinaus : „Die ganze kapitalistische Produktion wird bewußt geregelt 
von einer Instanz, die das Ausmaß der Produktion in allen ihren 
Sphären bestimmt. Dann wird die Preisfestsetzung rein nominell 
und bedeutet nur mehr die Verteilung des Gesamtprodukts auf die 

1 W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalis- 
mus"; Ausgewählte Werke, Bd. I, S. 849. 






Kartellmagnaten einerseits, auf die Masse aller anderen Gesell- 
schaftsnütglieder anderseits." (S. 549.) Und weiter: „Die Tendenz 
zur Herstellung eines Generalkartells und die Tendenz zur Bildung 
einer Zentralbank treffen zusammen, und aus ihrer Vereinigung 
erwächst die gewaltige Konzentrationsmacht des Finanzkapitals" 
(S. 350). All diese Phantastereien haben mit Marxismus schon 
nichts mehr zu tun. Was theoretisch dazu gesagt werden muß, hat 
Karl Kautsky bereits 1912 gesagt, als er Hilferding erwiderte: 
„Aber der Zirkulationsprozeß der Waren ist nur ein Teil des ge- 
samten Produktionsprozesses, wird durch dessen Bedürfnisse und 
Resultate bestimmt, und solange für den Gesamtprozeß das Privat- 
eigentum an den Produktionsmitteln noch gilt, kann auch für einen 
Teil desselben von einer gesellschaftlichen Regelung nicht die Rede 
sein, selbst nicht in irgendeinem übertragenen Sinne." Aber all 
das waren nicht etwa „akademische Schrullen", sondern gefährliche 
Keime einer falschen Theorie, die zwanzig Jahre später in der 
Theorie des „organisierten Kapitalismus" ihre Früchte getragen 
haben. Diese Theorie wurde von Rudolf Hilferding im Jahre 1927 
auf dem Kieler Parteitag der deutschen Sozialdemokratie entwik- 
kelt. Sie gipfelte in der Feststellung, daß wir „zu einer kapita- 
listischen Organisation der Wirtschaft kommen, also von der Wirt- 
schaft des freien Spiels der Kräfte zur organisierten Wirtschaft" . 
Und weiter führte Hilferding aus: „Organisierter Kapitalismus 
bedeutet also in Wirklichkeit den prinzipiellen Ersatz des kapita- 
listischen Prinzips der freien Konkurrenz durch das sozialistische 
Prinzip planmäßiger Produktion." 2 Es hat keinen Sinn, sich heute 
noch theoretisch mit dieser Auffassung auseinanderzusetzen, nach- 
dem sie zwei Jahre nach ihrer Erschaffung durch den Eintritt der 
Weltwirtschaftskrise so gründlich zertrümmert wurde. Aber die 
Aufspürung ihrer ideologischen Wurzeln zeigt uns, wohin „akade- 
mische Schrullen" und „theoretische Spielereien" führen können, 
wenn sie zu einem System theoretischer Fehler ausgebaut werden. 



1 Karl Kautsky, „Gold, Papier und Ware"; a. a. O., S. 890. 

2 Sozialdemokratischer Parteitag 1927 in Kiel, Protokoll, 
J. H. W. Dietz Nachfolger, Berlin 1927, S. 166 u. 168. 



Verlag 



3 Hilferding, Das Finanzkapital 



XXXIII 



Die Lheoretischen Irrtümer im „Finanzkapital" haben Hilferding 
daran gehindert, die neue Epoche des Kapitalismus ganz zu erfassen. 
Er sah nur einzelne, allerdings wesentliche Züge und hat in ihrer 
Ergründung und Darstellung Großes geleistet. Auch der Versuch 
Rosa Luxemburgs, in ihrem Werk über „Die Akkumulation des 
Kapitals" den Imperialismus zu erklären, schlug fehl; übrigens aus 
demselben Grunde wie bei Hilferding, weil auch sie den Zirku- 
lationsprozeß zum Ausgangspunkt ihrer Analyse machte. So blieb 
es den russischen Marxisten vorbehalten, das neue Stadium des 
Kapitalismus zu erklären. W. I. Lenin war es, der in gedrängtester 
Form eine erschöpfende Darstellung des Imperialismus gab und 
damit die Marxsche ökonomische Lehre für unsere Epoche weiter- 
entwickelte. Was den marxistisch geschulten Leser an dem Buche 
Lenins fesselt, ist der Umstand, daß Lenin unmittelbar an die 
Marxsche Konzentrationstheorie anknüpft und aus ihr die Monopole 
als das wesentlichste Merkmal des Imperialismus ableitet. Lenin 
hat den Faden der Entwicklung genau dort aufgegriffen, wo Marx 
und Engels ihn fallenlassen mußten. Er hat damit an Hand der 
neuesten Erscheinungen des Kapitalismus zu Anfang des 20. Jahr- 
hunderts die Richtigkeit und Fruchtbarkeit der Marxschen Theorie 
bewiesen. Dabei war ihm das Buch Hilferdings ein wichtiges Hilfs- 
mittel, denn es stellt trotz seiner Schwächen einen bedeutenden 
Baustein im wissenschaftlichen Gebäude des Marxismus dar. 

Seit dem Erscheinen des Hilferdingschen Buches sind fast vier 
Jahrzehnte verstrichen. Die Welt hat in dieser Zeit ihr Gesicht 
gründlich verändert. Besonders in der Weltwirtschaft sind Ver- 
änderungen vor sich gegangen, die manches, was Hilferding im 
„Finanzkapital" schildert, überholt haben. 1 Zwei Weltkriege haben 
tiefe Furchen in das wirtschaftliche Gesicht der Erde gezogen. 
Infolge des ersten Weltkriegs verschwanden zwei imperialistische 



1 So sagt Hilferding beispielsweise: „Amerika ist ein Land mit über- 
wiegendem Rohstoffexport" (S. 413). Diese Zeiten sind längst vorüber. Be- 
reits 1930 betrug der Export der USA an Fertigwaren 50,2 Prozent, an Roh- 
stoffen nur noch 21,9 Prozent. 

XXXIV 



Länder von der Erde: Rußland und Österreich-Ungarn. Aus dem 
feudalistisch-imperialistischen Zarenreich wurde ein Staat der Ar- 
beiter und Bauern. Der deutsche Imperialismus wurde zweimal 
geschlagen. Im Gefolge des zweiten Weltkriegs verkehrte sich das 
Verhältnis zwischen dem englischen und dem amerikanischen Im- 
perialismus. Chinas und Indiens Kampf um ihre Unabhängigkeit 
nimmt immer akutere Formen am In Ost- und Südosteuropa sind 
aus der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus Staaten von 
neuem Typus entstanden, die eine neue Form der Demokratie ent- 
wickeln. Haben schon alle diese rein politischen Veränderungen 
eminente Bedeutung für die ökonomische Theorie, so sind auch in 
der Weltwirtschaft selbst grundlegende Wandlungen eingetreten. 
In der Sowjetunion hat die sozialistische Produktionsweise den end- 
gültigen Sieg errungen. In den neuen europäischen Demokratien 
entwickeln sich neue Wirtschaftsformen. Und in den großen kapita- 
listischen Ländern nimmt die staatsmonopolistische Entwicklung 
immer größeren Umfang an. 

Alle diese Veränderungen müssen berücksichtigt werden, wenn 
man heute an das Studium des „Finanzkapitals" geht. Aber das gilt 
von anderen theoretischen Werken früherer Epochen nicht minder. 
Ihr empirisches Material mag zum Teil veraltet sein; soweit sie 
aber allgemeine Bewegungsgesetze aufzeigten, haben sie ihre 
aktuelle Bedeutung behalten und sind ein unerläßliches Mittel, 
uns in den komplizierten ökonomischen Problemen unserer Zeit 
zurechtzufinden. Ich glaube gezeigt zu haben, daß das Buch Rudolf 
Hilferdings trotz seiner theoretischen Mängel ein solches unerläß- 
liches Hilf smittel zum Verständnis unserer Epoche ist. Man kann die 
Ökonomie und die sozialen Bewegungen unserer Zeit nicht richtig 
verstehen, ohne gründlich „Das Finanzkapital" studiert zu haben. 
Darum ist es ein unbestreitbares Verdienst des Dietz Verlags, dieses 
wichtige Werk einembreiten Publikum wieder zugänglich zu machen. 



Berlin, den 12. Januar 1947 



Fred Oelßner 



XXXV 



VORWORT 



In den folgenden Blättern soll der Versuch gemacht werden, die 
ökonomischen Erscheinungen der jüngsten kapitalistischen Ent- 
wicklung wissenschaftlich zu begreifen. Das heißt aber, diese Er- 
scheinungen in das theoretische System der klassischen National- 
ökonomie einzureihen versuchen, die mit W. Petty beginnt und in 
Marx ihren höchsten Ausdruck findet. Das Charakteristische des 
„modernen" Kapitalismus bilden aber jene Konzentrationsvorgänge, 
die einerseits in der „Aufhebung der freien Konkurrenz" durch die 
Bildung von Kartellen und Trusts, anderseits in einer immer inni- 
geren Beziehung zwischen Bankkapital und industriellem Kapital 
erscheinen. Durch diese Beziehung nimmt das Kapital, wie später 
näher dargelegt wird, die Form des Finanzkapitals an, die seine 
höchste und abstrakteste Erscheinungsform bildet. 

Der mystische Schein, der das Kapitalverhältnis überhaupt um- 
gibt, wird hier am undurchdringlichsten. Die eigentümliche Be- 
wegung des Finanzkapitals, die selbständig erscheint, obwohl sie 
reflektiert ist, die mannigfachen Formen, in denen sich die Bewegung 
vollzieht, die Loslösung und Verselbständigung dieser Bewegung 
gegenüber der Bewegung des industriellen und kommerziellen Kapi- 
tals sind Vorgänge, die eine Analyse um so eher verlangen, als das 
rasche Wachstum und der immer mächtigere Einfluß, den das 
Finanzkapital in der jetzigen Phase des Kapitalismus ausübt, das 
Verständnis der gegenwärtigen Wirtschaftstendenzen, damit aber 
auch jede wissenschaftliche Ökonomie und Politik ohne Kenntnis 
der Gesetze und der Funktion des Finanzkapitals unmöglich macht. 



Die theoretische Analyse dieser Vorgänge mußte so zur Frage 
nach dem Zusammenhange dieser Erscheinungen führen und damit 
zu einer Analyse des Bankkapitals und seines Verhältnisses zu den 
anderen Kapitalformen. Es mußte untersucht werden, ob den juri- 
stischen Formen, in denen das industrielle Unternehmen gegründet 
wird, spezifische ökonomische Bedeutung zukommt, was also die 
ökonomische Theorie der Aktiengesellschaft etwa auszusagen habe. 
In den Beziehungen aber zwischen Bankkapital und Industrie- 
kapital konnte nur die Vollendung der Beziehungen erblickt werden, 
die in den elementareren Formen des Geldkapitals und des produk- 
tiven Kapitals zu finden waren. So warf sich die Frage nach der 
Rolle und dem Wesen des Kredits auf, die ihrerseits nur beant- 
wortet werden konnte, wenn die Rolle des Geldes klargelegt wurde. 
Dies war um so wichtiger, als seit der Formulierung der Marxschen 
Geldtheorie eine Reihe wichtiger Probleme durch die Gestaltungen 
vor allem des Geldwesens in Holland, Österreich und Indien auf- 
geworfen worden waren, auf die die bisherige Geldtheorie keine 
Antwort zu finden schien, ein Umstand, der Knapp, der das Proble- 
matische der modernen Gelderscheinungen scharfsinnig erkannte, 
zu seinem Versuche verleitete, jede ökonomische Erklärung beiseite 
zu schieben und an deren Stelle eine juristische Terminologie zu 
setzen, die zwar keine Erklärung, also kein wissenschaftliches Be- 
greifen, aber doch wenigstens die Möglichkeit einer vorurteilslosen, 
unpräjudizierlichen Beschreibung zu bieten schien. Die ein- 
gehendere Behandlung dieser Geldprobleme war aber um so nötiger, 
als nur durch sie der empirische Beweis für die Richtigkeit einer 
Werttheorie geliefert werden kann, die die Grundlage jedes ökono- 
mischen Systems bieten muß, und zugleich erst aus der richtigen 
Analyse des Geldes die Rolle des Kredits, damit aber die elementaren 
Formen der Beziehungen zwischen Bank- und Industriekapital 
erkannt werden konnten. 

So ergab sich die Gliederung dieser Studie von selbst. Der 
Analyse des Geldes folgt die Untersuchung des Kredits. Daran 
schließt die Theorie der Aktiengesellschaft und die Analyse der 
Stellung, die das Bankkapital hier gegenüber dem industriellen 



Kapital einnimmt. Dies führt zur Untersuchung der Effektenbörse 
als des „Kapitalmarktes", während die Warenbörse wegen der in 
ihr sich verkörpernden Beziehungen von Geldkapital und Handels- 
kapital einer besonderen Betrachtung unterworfen werden mußte. 
Mit dem Fortschreiten der industriellen Konzentration verflechten 
sich die Beziehungen zwischen Bank- und Industriekapital immer 
mehr und machen das Studium dieser Konzentrationserscheinungen, 
wie sie in den Kartellen und Trusts gipfeln, und das ihrer Ent- 
wicklungstendenzen nötig. Die Erwartungen, die an die Ausbildung 
der monopolistischen Vereinigungen für die „Regelung der Pro- 
duktion" und damit für die Fortdauer des kapitalistischen Systems 
geknüpft werden und denen namentlich für die periodischen Han- 
delskrisen große Bedeutung beigelegt wurde, erheischten eine 
Analyse der Krisen und ihrer Ursachen, womit der theoretische Teil 
beschlossen war. Da aber die Entwicklung, die theoretisch zu er- 
fassen versucht wurde, zugleich bedeutende Einwirkungen auf die 
Klassengliederung der Gesellschaft ausübt, so erschien es angezeigt, 
in einem letzten Abschnitt den hauptsächlichen Einflüssen auf die 
Politik der großen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft nach- 
zugehen. 

Es ist dem Marxismus oft vorgeworfen worden, daß er die Fort- 
bildung der ökonomischen Theorie vernachlässigt habe, und dieser 
Vorwurf entbehrt in einem gewissen Umfang der objektiven Be- 
rechtigung sicherlich nicht. Aber ebenso wird zugestanden werden 
müssen, daß dieses Versäumnis nur allzu erklärlich ist. National- 
ökonomische Theorie gehört infolge der unendlichen Kompliziert- 
heit der zu untersuchenden Erscheinungen sicher zu den schwierig- 
sten wissenschaftlichen Unternehmungen. Der Marxist ist aber in 
einer eigentümlichen Lage; ausgeschlossen von den Universitäten, 
die die nötige Zeit für. wissenschaftliche Forschungen gewähren, ist 
er gezwungen, die wissenschaftliche Arbeit in die Mußestunden zu 
verlegen, die ihm die Kampf stunden der Politik lassen. Von Kämp- 
fern aber zu verlangen, daß ihre Arbeit an dem Gebäude der Wissen- 
schaft so rasch fortschreite wie die friedlicher Maurer, wäre unbillig, 
zeugte es nicht von dem Respekt vor ihrer Leistungsfähigkeit. 



Die üclianillung der Wirtschaftspolitik bedarf vielleicht nach 
den zahlreichen methodologischen Kontroversen der jüngsten Zeit 
wenn nicht einer Rechtfertigung, so doch einer kurzen Erläuterung. 
Man hat gesagt, daß die Politik eine Normenlehre sei, die in letzter 
Inslanz bestimmt sei durch Wertungen; da solche Werturteile nicht 
Sache der Wissenschaft seien, so falle die Behandlung der Politik 
außerhalb des Rahmens wissenschaftlicher Betrachtung. Auf die 
erkenntnistheoretischen Erörterungen über das Verhältnis von 
Norm- und Gesetzeswissenschaft, von Teleologie und Kausalität 
hier einzugehen, ist natürlich unmöglich, und ich darf dies um so 
eher unterlassen, als Max Adler in dem ersten Bande der Marx- 
Studien ausführlich das Problem der Kausalität für die Sozialwissen- 
schaft untersucht hat. Hier braucht bloß gesagt zu werden, daß 
auch die Betrachtung der Politik für den Marxismus nur die Auf- 
deckung von Kausalzusammenhängen zum Ziele haben kann. Die 
Erkenntnis der Gesetze der warenproduzierenden Gesellschaft zeigt 
zugleich die determinierenden Faktoren, die den Willen der Klassen 
dieser Gesellschaft bestimmen. Die Aufdeckung der Determination 
des Klassenwillens ist nach marxistischer Auffassung die Aufgabe 
wissenschaftlicher, das heißt aber Kausalzusammenhänge beschrei- 
bender Politik. Wie die Theorie, so bleibt auch die .Politik des 
Marxismus frei von Werturteilen. 

Es ist deshalb eine, wenn auch intra et extra muros weitver- 
breitete, so doch falsche Auffassung, Marxismus mit Sozialismus 
schlechthin zu identifizieren. Denn logisch, nur als wissenschaft- 
liches System betrachtet, also abgesehen von seinen historischen 
Wirkungen, ist Marxismus nur eine Theorie der Bewegungsgesetze 
der Gesellschaft, die die marxistische Geschichtsauffassung all- 
gemein formuliert, während sie die marxistische Ökonomie auf die 
Epoche der Warenproduktion anwendet. Die sozialistische Konse- 
quenz ist Resultat der Tendenzen, die in der warenproduzierenden 
Gesellschaft sich durchsetzen. Aber die Einsicht in die Richtigkeit 
des Marxismus, die die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialis- 
mus einschließt, ist durchaus keine Abgabe von Werturteilen und 
ebensowenig eine Anweisung zu praktischem Verhalten. Denn 



etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes, 
sich in den Dienst dieser Notwendigkeit zu stellen. Es ist ganz gut 
möglich, daß jemand, von dem schließlichen Sieg des Sozialismus 
überzeugt, sich dennoch in den Dienst seiner Bekämpfung stellt. 
Die Einsicht in die Bewegungsgesetze der Gesellschaft, die der 
Marxismus gibt, gewährt aber stets eine Überlegenheit dem, der sie 
sich zu eigen macht, und von den Gegnern des Sozialismus sind 
sicher jene die gefährlichsten, die am meisten von der Frucht seiner 
Erkenntnis genossen. 

Die Identifizierung von Marxismus und Sozialismus ist aber 
anderseits leicht zu begreifen. Die Erhaltung der Klassenherrschaft 
ist an die Bedingung geknüpft, daß die ihr Unterworfenen an ihre 
Notwendigkeit glauben. Die Erkenntnis ihrer Vergänglichkeit wird 
selbst eine Ursache ihrer Überwindung. Daher die unüberwindliche 
Abneigung der herrschenden Klasse, die Resultate des Marxismus 
anzuerkennen. Die Kompliziertheit des Systems erfordert zudem 
ein Studium, dessen Mühen sich nur unterzieht, wer nicht von vorn- 
herein von der Unfruchtbarkeit und Schädlichkeit der Resultate 
überzeugt ist. So bleibt der Marxismus, der logisch wissenschaft- 
liche, objektive, von Werturteilen freie Wissenschaft ist, in seiner 
historischen Stellung notwendigerweise das Besitztum der Wort- 
führer jener Klasse, deren Sieg er als Resultat seiner Untersuchung 
erhält. Nur in diesem Sinne ist er Wissenschaft des Proletariats und 
der bürgerlichen Ökonomie entgegengesetzt, während er den An- 
spruch jeder Wissenschaft auf die objektive Allgemeingültigkeit 
ihrer Ergebnisse unbeugsam festhält. 

Die vorliegende Arbeit war in ihren Grundzügen schon vor vier 
Jahren im wesentlichen fertig. Äußere Umstände zögerten die 
Vollendung immer wieder hinaus. Ich möchte mir aber doch die 
Bemerkung erlauben, daß die das Geldproblem behandelnden 
Kapitel schon vor dem Erscheinen des Knappschen Werkes fertig 
waren und nur unwesentliche Änderungen und kritische Zusätze 
erfuhren. Dieses Kapitel wird auch am ehesten einige Schwierig- 
keiten machen, da in Geldsachen leider nicht nur die Gemütlich- 
keit, sondern auch das theoretische Verständnis allzu leicht auf- 



•zuhören pflegt, was übrigens schon Fullarton gewußt hat, wenn er 
melancholisch meint: „The truth is, this is a subject on which there 
never can be any efficient or immediate appeal to the public at 
large. It is a subject on which the progress of opinion always has 
been, and always must be, exceedingly slow." Und seitdem ist es 
sicher nicht besser geworden. Wir beeilen uns daher mit der Ver- 
sicherung, daß nach Überwindung der ersten Erörterungen die 
weitere Untersuchung dem ungeduldigen Leser hoffentlich keine 
besonderen Klagen über Schwerverständlichkeit entlocken wird. 



Berlin-Friedenau, Weihnachten 1909 



Rudolf Hilferding 



ERSTER ABSCHNITT 



GELD UND KREDIT 



I. Kapitel 



DIE NOTWENDIGKEIT DES GELDES 



Die menschliche Produktionsgemeinschaft kann prinzipiell auf 
zweierlei Art konstituiert sein. Sie kann einmal bewußt geregelt 
sein. Die Gesellschaft — mag nun ihr Kreis die selbstwirtschaftende 
patriarchalische Familie, den kommunistischen Stamm oder die 
sozialistische Gesellschaft timschließen — schafft sich die Organe, 
welche als Vertreter des gesellschaftlichen Bewußtseins das Ausmaß 
und die Art der Produktion festsetzen und das gewonnene Gesell- 
schaftsprodukt unter die Mitglieder verteilen. Wie, wo, wieviel, mit 
welchen Mitteln aus den vorhandenen natürlichen und künstlichen 
Produktionsbedingungen neue Produkte hergestellt werden, ent- 
scheidet der Pater familias oder die kommunalen, Landes- oder 
Nationalkommissäre der sozialistischen Gesellschaft, die, sei es aus 
persönlicher Erfahrung die Bedürfnisse und Hilfsquellen der 
Familie kennend, sei es mit allen Mitteln einer organisierten Pro- 
duktions- und Konsumtionsstatistik die gesellschaftlichen Erforder- 
nisse erfassend, in bewußter Voraussicht das ganze Wirtschafts- 
leben nach den Bedürfnissen ihrer in ihnen bewußt vertretenen und 
durch sie bewußt geleiteten Gemeinschaften gestalten. Die Men- 
schen einer so organisierten Gemeinschaft beziehen sich in ihrer 
Produktion bewußt aufeinander als Teile einer Produktionsgemetn- 
schaft. Ihre Arbeitsordnung und die Verteilung ihrer Produkte 
unterstehen der zentralen Kontrolle. Die Produktionsverhältnisse 
erscheinen als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse, die Be- 
ziehungen der einzelnen, soweit sie das Wirtschaftsleben betreffen, 



als von der gesellschaftlichen Ordnung bestimmte, ihrem Privat- 
wollen entrückte gesellschaftliche Beziehungen. Das Produktions- 
verhältnis selbst wird unmittelbar verstanden als von der Gesamt- 
heit bewußt gesetztes und gewolltes. 

Anders die Gesellschaft, die dieser bewußten Organisation ent- 
behrt. Sie ist aufgelöst in voneinander unabhängige Personen, deren 
Produktion nicht mehr als Gesellschafts-, sondern als ihre Privat- 
sache erscheint. Sie sind so Privateigentümer, die durch die Entwick- 
lung der Arbeitsteilung gezwungen sind, miteinander in Beziehung 
zu treten; der Akt, in dem sie dies tun, ist der Austausch ihrer 
Produkte. Erst durch diesen Akt wird hier, in der durch Privat- 
eigentum und Arbeitsteilung in ihre Atome zerschlagenen Gesell- 
schaft Zusammenhang hergestellt. Nur als Vermittler des gesell- 
schaftlichen Zusammenhanges bildet aber der Austausch den 
Gegenstand theoretisch-ökonomischer Analyse. Denn auch in einer 
sozialistischen Gesellschaft mag Austausch statthaben. Aber es ist 
ein Austausch nach stattgefundener, von der Gesellschaft irgendwie 
mit Willen und Bewußtsein normierter Zuteilung. Dieser Austausch 
ist so gleichsam private Korrektur der gesellschaftlichen Zuteilung, 
privater Akt, subjektivenLaunenundErwägungen unterworfen, aber 
kein Objekt ökonomischer Analyse. Er spielt dieselbe Rolle für die 
theoretische Ökonomie wie etwa der Austausch von Spielzeug in der 
Kinderstube zwischen Lotte und Fritz, ein Tausch, grundverschie- 
den von dem Einkauf, den ihr Vater bei dem Spielwarenhändler 
gemacht hat. Denn dieser Austausch ist nur ein Element in der 
Summe aller Austauschakte, durch die erst die Gesellschaft als 
Produktionsgemeinschaft, die sie ist, verwirklicht wird. In jedem 
solchen Austauschakt muß daher die PToäuktionsgemeinschaft aus- 
gedrückt sein. Denn erst durch ihn geschieht die Verbindung der 
durch die Arbeitsteilung und das Privateigentum zerlegten Gesell- 
schaft zu einem Ganzen. 

Wenn daher Marx einmal sagt, innerhalb des Austauschverhält- 
nisses gilt der Rock mehr als außerhalb desselben, so kann man 
auch sagen, innerhalb eines bestimmten Gesellschaftszusammen- 
banges gilt das Tauschverhältnis mehr als innerhalb eines an- 



10 



deren. 1 Nur dort, wo der Austausch erst den gesellschaftlichen Zu- 
sammenhang herstellt, also in einer Gesellschaft, in der die Indivi- 
duen durch das Privateigentum und die Arbeitsteilung einerseits 
getrennt, anderseits aufeinander angewiesen sind, erhält der Aus- 
tausch gesellschaftliche Bestimmtheit, muß er die Funktion er- 
füllen, den gesellschaftlichen Lebensprozeß möglich zu machen. In 
dem Vollzug aller in dieser Gesellschaft möglichen Tauschakte muß 
sich das durchsetzen, was in einer kommunistischen, bewußt ge- 
regelten Gesellschaft mit Bewußtsein durch das gesellschaftliche 
Zentralorgan bestimmt wird : was und wieviel produziert wird, wo 
und von wem produziert wird. Kurz, der Austausch muß den 
Warenproduzenten dasselbe mitteilen, was den Mitgliedern der 
sozialistischen Gesellschaft ihre Behörden, die mit Bewußtsein die 
Produktion regeln, die Arbeitsordnung bestimmen usw. Aufgabe 
der theoretischen Ökonomie ist es, das Gesetz des so bestimmten 
Austausches zu finden. Aus diesem Gesetz muß ebenso die Regelung 
der Produktion in den warenproduzierenden Gesellschaften hervor- 
gehen wie aus den Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften sozia- 
listischer Behörden der ungestörte Ablauf sozialistischer Wirtschaft. 
Nur daß dieses Gesetz nicht direkt mit Bewußtsein menschliches 
Verhalten in der Produktion vorschreibt, sondern nach Art eines 
Naturgesetzes wirkt mit „sozialer Naturnotwendigkeit". 

Aber auch die Frage, ob vom selbständigen Handwerker oder 
vom kapitalistischen Unternehmer produziert werden soll, muß 
durch den Austausch beantwortet werden; es ist die Antwort auf die 
Frage nach der Änderung im Austauschverhältnis, die innerhalb 
der Warenproduktion durch den Fortschritt von der einfachen zur 

1 Diese ganz verschiedene Natur des Tauschaktes macht es absurd, für die 
Tauschakte unter ganz verschiedenen Gesellschaftsformationen gleiche Ge- 
setze finden zu wollen. 

2 J. Karner (Dr. Karl Renner), „Die soziale Funktion der Rechtsinstitute", 
Marx-Studien, I. Bd., II. Heft, S. 108. Es sind also Gesetze ganz eigener Art, 
die nur ans einem bestimmten, gesellschaftlichen Zusammenhang sich er- 
geben, mit diesem verschwinden, aber innerhalb desselben kausale Wirksam- 
keit besitzen. Nur die Erkenntnis dieser Gesetze ist Aufgabe der theoretisch- 
ökonomischen Analyse. 



11 



kapitalistischen stattfinden muß. Der Austausch ist aber qualitativ 
verschieden nur in verschiedenen Gesellschaftsformen, so etwa in 
der sozialistischen wesensanders als in der warenproduzierenden. 
Er ist aber qualitativ gleich, und nur das quantitative Verhältnis 
der ausgetauschten Waren ist ein anderes innerhalb der waren- 
produzierenden Gesellschaft selbst. Innerhalb der Warenproduktion 
liegt dem Austausch ein objektiv gesellschaftliches Moment zu- 
grunde, das das Tauschverhältnis beherrscht: die gesellschaftlich 
notwendige Arbeitszeit, die in den ausgetauschten Sachen ver- 
körpert ist. In kommunistischen Gesellschaften liegt ihm zugrunde 
nur subjektive Gleichsetzung, gleichgerichteter Wille. Der Tausch 
ist hier zufällig, kein mögliches Objekt theoretisch-ökonomischer 
Betrachtung. Er ist nicht theoretisch analysierbar, sondern nur 
psychologisch begreifbar. Da aber Tausch immer als quantitatives 
Verhältnis zwischen zwei Dingen erscheint, merkt das Völkchen 
den Unterschied nie. 

Die Bestimmung des Tauschaktes, Vermittler des gesellschaft- 
lichen Stoffwechsels zu sein, ist es, die ihn seinerseits bestimmt sein 
läßt eben durch die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Stoff- 
wechsels. So zufällig der einzelne oder vereinzelte Tauschakt er- 
scheinen mag, so kann er auf die Dauer und in Masse nur vollzogen 
werden, wenn er den gesellschaftlichen Stoffwechsel ermöglicht, 

1 „Ihre (seil, der Warenproduzenten) gesellschaftliche Beziehung erscheint 
reduziert auf die private Beziehung des Tausches. Der Tausch aher ist als 
solcher zunächst nur private Beziehung. Damit zwei Menschen tauschen, ist 
nichts nötig, als daß sie den Gegenstand nahen und ihn für einen anderen 
hergehen wollen. Als solcher ist der Tausch eine allen Gesellschaftsformatio- 
nen angehörende Erscheinung, weil alle Gesellschaftsformationen Eigentum 
kennen. 

In der Tat, der Tausch von Federstiel und Marie auf der Schulbank, der 
Tausch von Reitpferd und Automobil zwischen zwei Mitgliedern einer sozia- 
listischen Gesellschaft ist ein privates Vorkommnis, ganz gleichgültig für die 
theoretische Ökonomie. Es ist die grundlegende Illusion der Grenznutzen- 
theorie, durch die Analyse des Tausches als rein privaten Aktes den Gesetzen 
der kapitalistischen Gesellschaft auf die Spur kommen *u wollen." Hilferding, 
„Zur Problemstellung der theoretischen Ökonomie bei Karl Marx", „Neue 
Zeit", 1904/05, I. Bd., S. 106. 



12 



wenn er die Produktion und Reproduktion der Gesellschaft sichert. 
Die Produktion der Gesellschaft wird so die Bedingung für den 
Tauschakt der einzelnen, die nur dadurch zur Gesellschaft ver- 
bunden werden und Anteil nehmen an dem Ergebnis der gesamten 
gesellschaftlichen Produktion, die unter sie aufgeteilt werden muß. 
Es ist diese Beziehung auf die gesamte Produktion der Gesellschaft, 
die den einzelnen Austausch aus dem Bereich des Zufälligen, Will- 
kürlichen und Subjektiven heraushebt und ihn zu etwas Regel- 
mäßigem, Notwendigem und Objektivem macht, zu einer Bedin- 
gung des gesellschaftlichen Stoffwechsels, damit zu einer indivi- 
duellen Lebensnotwendigkeit. Denn die auf Privateigentum und 
Arbeitsteilung basierte Gesellschaft ist nur möglich durch die Be- 
ziehung der Individuen, die miteinander tauschen, sie wird Gesell- 
schaft durch den Tauschprozeß, der der einzige gesellschaftliche 
Prozeß ist, den diese Gesellschaft ökonomisch kennt. Nur innerhalb 
dieser Gesellschaft wird der Tauschakt Gegenstand einer besonde- 
ren Analyse, die sich fragt: Wie ist der Tauschakt beschaffen, der 
den gesellschaftlichen Stoffwechsel vermittelt? 

Innerhalb eines solchen Tauschaktes ist das Gut Ware geworden, 
ein Ding, bestimmt nicht mehr für das individuelle Bedürfnis und 
in seinem Entstehen und Vergehen durch dieses hervorgerufen und 
vernichtet, sondern bestimmt für die Gesellschaft und in allen 
seinen Schicksalen, die noch wechselvoller sein können als die des 
Odysseus — denn was bedeutet heute der einäugige Polyphem gegen 
die argusäugigen Zollbeamten in New-Port oder was die schöne 
Kirke gegen die deutsche Veterinärpolizei?—, abhängig von den Not- 
wendigkeiten des Stoffwechsels der Gesellschaft. Es ist Ware ge- 
worden, weil die Produzenten dieses Gutes, in einem bestimmten 
gesellschaftlichen Verhältnis stehen, in welchem sie einander als 
unabhängige Warenproduzenten gegenübertreten müssen. In dieser 
Form erst ist das Gut, sonst ein natürliches, durchaus unproblema- 
tisches Ding, Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, ge- 
winnt also eine gesellschaftliche Seite. Daß es Arbeitsprodukt, ist 
jetzt nicht bloß mehr seine natürliche Eigenschaft, sondern wird 
zugleich eine gesellschaftliche Tatsache. Nun gilt es, das Gesetz 



4 Hilferdinß, Das Finanzkapital 



15 



dieser Gesellschaft als Produktions-, also Arbeitsgemeinschaft zu 
finden. Die Einzelarbeit erscheint so unter neuem Gesichtspunkt 
als Teil der Gesamtarbeit, über die diese Produktionsgemeinschaft 
verfügt. Allein unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Arbeit als 
wortbildende Arbeit. 

Der Tauschakt wird der Analyse zugänglich, weil er nicht nur 
individuelles Bedürfnis, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit 
ist, die das individuelle Bedürfnis nur zu ihrem Werkzeug macht 
und es gleichzeitig einschränkt. Das individuelle Bedürfnis kann 
sich nur befriedigen, soweit es die gesellschaftliche Notwendigkeit 
zuläßt. Es ist die Voraussetzung, denn ohne individuelle Bedürfnis- 
befriedigung ist menschliche Gesellschaft überhaupt undenkbar. 
Aber der Austausch wird nicht mehr Funktion individuellen Be- 
dürfnisses, wie in der kollektivistischen Gesellschaft, sondern das 
individuelle Bedürfnis befriedigt sich nur, soweit der Austausch 
ihm die Anteilnahme an der gesellschaftlichen Produktion gestattet. 
Diese ist es, welche den Austausch bestimmt. Der Austausch er- 
scheint aber nur als ein quantitatives Verhältnis zwischen zwei 
Dingen. 1 Er ist bestimmt, wenn diese Quantität bestimmt ist. Die 
Quantität, die aber überhaupt im Austausch umgesetzt wird, gilt 
nur als Teil der Quantität der gesellschaftlichen Produktion. Diese 
wieder ist quantitativ bestimmt durch die Arbeitszeit, welche die 
Gesellschaft zur Herstellung des Gesamtproduktes aufwenden 
mußte. Die Gesellschaft wird hier als eine Einheit auf gefaßt,, die 
mit ihrer gesamten Arbeitskraft ihr Produkt hergestellt hat; der 
einzelne gilt mit seiner Arbeit nur als Organ der Gesellschaft; als 
solches Organ ist er nur so viel an dem Produkt beteiligt, als seine 
Arbeitskraft dem Durchschnitt der Gesamtarbeitskraft - diese nach 
»~Diese Dinge müssen in der warenproduzierenden Gesellschaft mitein- 
ander überhaupt in ein Verhältnis treten und dies können sie als Ausdruck 
gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit. Nur als solcher Ausdruck werden sie 
kommensurabel. Daß sie Produkt gesellschaftlicher Arbeitszeit, also Gesell- 
schaftsprodukt sind, ist das Wesentliche an der Wertlehre, nicht aber, daß 
diese Arbeitszeit in allen Fällen die gleiche auf beiden Seiten des Tausch- 
verhältnisses sei. Dies ist ein sekundäres Moment und bestimmt nur das 
Tauschverhältnis unter den Bedingungen der einfaclien Warenproduktion. 



14 



Intensität und Produktivität als gegeben vorausgesetzt — entspricht. 
Hat der einzelne zu langsam gearbeitet oder hat er Unnützes — und 
das ist auch sonst Nützliches, das aber in dem gesellschaftlichen 
Stoffwechsel zuviel ist — hergesteUt, so wird diese Arbeit auf 
Durchschnittsarbeit — gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit — 
reduziert. Ist so die Summe der Arbeitszeit für das gesamte Produkt 
gegeben, so muß der Austausch diese Tatsache ausdrücken. Auf ein- 
fachste Weise wird sie ausgedrückt, wenn im Austausch die quanti- 
tative Beziehung der Waren gleich ist der quantitativen Beziehung 
der auf ihre Herstellung verwandten gesellschaftlich notwendigen 
Arbeitszeit. Dann tauschen sich die Waren zu ihrem Wert aus. 

Und diese Beziehung wird verwirklicht, wenn die Bedingungen 
für die Warenproduktion und den Warenaustausch für alle Mit- 
glieder der Gesellschaft sozial gleich sind, wenn sie alle selbständige 
Besitzer ihrer Produktionsmittel sind, die mit diesen das Produkt 
herstellen und es auf dem Markte austauschen. Diese Beziehung ist 
die einfachste und sie ist Ausgangspunkt der theoretischen Betrach- 
tung. Nur von ihr aus können Modifikationen verstanden werden, 
die aber stets die Bedingung erfüllen müssen, daß, wie immer der 
Einzelaustausch gestaltet sei, die Summe der Austauschakte die 
Gesamtproduktion umsetzen muß. Die Modifikation selbst kann 
nur hervorgerufen werden durch eine andere Stellung der Mit- 
glieder der Gesellschaft in der Produktion — sie muß durch sie her- 
vorgerufen werden, weil ja nur im Tauschakt der gesellschaftliche 
Zusammenhang nicht nur der Produktion, sondern auch des Produ- 
zenten sich durchsetzt. Die Enteignung des einen Teiles der Gesell- 
schaft und der Monopolbesitz der Produktionsmittel des anderen 
Teiles modifiziert naturgemäß den Austausch, da nur in ihm diese 
Ungleichheit der Gesellschaftsmitglieder in Erscheinung treten 
kann. Da aber der Tauschakt eine Gleichheitsbeziehung ist, er- 
scheint die Ungleichheit jetzt als Gleichheit nicht mehr des Wertes, 
sondern des Produktionspreises, also die Ungleichheit des Arbeits- 
aufwandes (zugleich die Gleichgültigkeit der Kapitalisten gegen 
den Arbeitsaufwand als Arbeitsaufwand Fremder) in der Gleich- 
heit der Profitrate. Diese Gleichheit drückt nichts anderes aus, als 



15 



daß in der kapitalistischen Gesellschaft das Entscheidende das 
Kapital ist; deshalb steht der einzelne Tauschakt nicht mehr unter 
der Bedingung; gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit, sondern: für 
gleiches Kapital gleichviel Profit. Die Arbeitsgleichung ist ersetzt 
durch die Profitgleichung, und die Produkte werden nicht zu ihren 
Werten, sondern zu den Produktionspreisen verkauft. 

Ist der Austausch so bestimmt durch die Gesellschaft, so erfährt 
anderseits die Gesellschaft wie der einzelne ihr Gesetz nur aus dem 
vollzogenen Austausch. Denn die Arbeit des einzelnen ist zunächst 
nur seine individuelle Leistung, entsprungen seinem individuellen 
Wollen — Privatarbeit, nicht gesellschaftliche Arbeit. Ob sie über- 
einstimmt mit den Bedingungen des gesellschaftlichen Stoffwechsels, 
von denen seine Arbeit nur eine Teilbedingung sein muß, kann 
sich erst bewähren, wenn alle diese Teilbedingungen miteinander 
verglichen werden und in ihrer Summe die Gesamtbedingung des 
gesellschaftlichen Stoffwechsels erfüllt ist. 

Die Waren sind Verkörperungen gesellschaftlich notwendiger 
Arbeitszeit. Aber diese Arbeitszeit wird als solche nicht direkt aus- 
gedrückt wie etwa in der Gesellschaft desRodbertus, wo die Zentral- 
behörde für jedes Produkt die gesellschaftlich gültige Arbeitszeit 
direkt festsetzt. Sie erscheint nur in der Gleichsetzung einer Sache 
mit einer anderen im Austausch. In diesem wird also der Wert einer 
Sache, ihre gesellschaftliche Produktionszeit, ausgedrückt nicht als 
solche, als Acht- oder Zehn- oder Zwölfstundenarbeil, sondern als 
bestimmtes Quantum einer anderen Sache. Diese, als Ding, wie es 
geht und steht, mit allen seinen Natureigenschaften, dient also als 
Ausdruck des Wertes eines anderen Dinges, als sein Äquivalent. 
Zum Beispiel in der Gleichung 1 Rock = 20 Meter Leinwand sind 
diese 20 Meter Leinwand Äquivalent des Rockes. Sie sind ihm 
gleich, weil auch sie Verkörperung gesellschaftlich notwendiger 
Arbeitszeit sind und als solche alle Waren einander gleich sind. 

Die Darstellung des Wertes, dieses gesellschaftlichen Verhältnis- 
ses, in einer anderen Sache, also einem vom Gebrauchswert der Ware, 
deren Wert dargestellt werden soll, unterschiedenen Gebrauchs- 
wert, folgt also unmittelbar aus der Natur der Warenproduktion 



16 



und ist von ihr unzertrennlich. Denn nur dadurch, daß das Gut des 
einen zur Ware und damit zum Gut des anderen wird, entsteht ja 
die der Warenproduktion eigentümliche gesellschaftliche Beziehung 
ihrer Mitglieder, ihr Aufeinanderbeziehen als Tauschende ihrer 
Sachen. Erst nach vollzogenem Austausch erfährt der Produzent, 
ob seine Ware tatsächlich gesellschaftliches Bedürfnis befriedigt 
und ob er seine Arbeitszeit richtig angewandt hat. Er bekommt die 
Bestätigung, daß er vollgültiges Mitglied der warenproduzicrenden 
Gesellschaft ist, ja nicht durch eine Person, die im Namen dieser 
Gesellschaft sprechen, sein Werk kritisieren — wie etwa der Ver- 
leger die Arbeit seiner Weber kritisiert — , billigen oder ablehnen 
könnte, sondern ihm wird seine Gesellschaftsfähigkeit nur bestätigt 
durch eine Sache, die er im Austausch für die seine erhält. Denn die 
Gesellschaft hat ihre Sache auf die Sache (und darauf gerade be- 
ruht trotz Stirner ihre Anarchie) und nichL auf die Personen und 
ihr kollektives Bewußtsein gestellt. Die Sache, die ihm das sagen 
kann, muß also die nötige Legitimation haben, um im Namen der 
Gesellschaft sprechen zu können. Sie bekommt diese Legitimation 
genauso, wie andere Organe ihre Legitimation erhalten, durch die 
gemeinsame Aktion der Legitimierenden. Wie die Menschen sich 
zusammentun und einen aus ihrer Mitte zu bestimmten Handlungen 
in ihrem Namen legitimieren, so müssen sich auch die Waren zu- 
sammentun, um ihrerseits die Ware zu legitimieren, die in ihrem 
Namen die Bürgerschaft in dieser Warenwclt — die Vollbürgerschaft 
oder die Bürgerschaft minderen Rechtes — erteilt. Die einzige Form 
aber, in der die Waren sich zusammentun können, ist ihr Austausch. 
Denn was das gesellschaftliche Bewußtsein in einer sozialistischen 
Gesellschaft, ist in der kapitalistischen die gesellschaftliche Aktion 
der Waren auf dem Markt. Das Bewußtsein der bürgerlichen Welt 
ist reduziert auf den Marktbericht. Nur durch Vollendung des Aus- 
tausches erfährt der einzelne das Gesetz der Gesamtheit. Nur wenn 
dem einzelnen der Austausch gelungen ist, hat er den Beweis dafür, 
daß er das gesellschaftlich Notwendige produziert hat; nur dann 
kann er von neuem die Produktion eröffnen. Die Sache, die so durch 
die gemeinsame Aktion der Waren legitimiert ist, den Wert aller 



17 



anderen Waren auszudrücken, ist — das Geld. Mit der Entwicklung 
des Warenaustausches selbst entwickelt sich zugleich die Legiti- 
mation dieser besonderen Ware. 

A und B treten als Warenbesitzer nur in ein gesellschaftliches 
Verhältnis, indem sie ihre Produkte miteinander austauschen. Das 
Verhältnis ist dann zustande gekommen, wenn sich der Rock mit 
den zwanzig Meter Leinwand ausgetauscht hat. Verallgemeinert 
sich die Warenproduktion, so muß der Schneider alle seine Bedürf- 
nisse durch den Austausch befriedigen; statt des einen Verhältnisses 
mit der Spinnerin der Leinwand geht er jetzt zahlreiche andere ein. 
1 Rock = 20 Meter Leinwand, aber auch gleich 5 Pfund Zucker, 
1 Pfund Brot usw. Da aber alle Warenproduzenten solch zahlreiche 
Verhältnisse eingehen, erhalten wir schließlich eine Unzahl Tausch- 
gleichungen, in denen sich die Waren einander gleichsetzen, ihren 
Wert miteinander messen. Indem sie sich aber gegenseitig messen, 
messen sie zugleich ihren Wert immer häufiger in einer Ware, die 
so zu dem allgemeinen Wertmaß aller wird. 

Schon der einfache Wertausdruck, etwa 1 Rock = 20 Meter 
Leinwand, drückt eine gesellschaftliche Beziehung aus; aber diese 
kann nur zufällig und vereinzelt bleiben. Um wahrhaft gesellschaft- 
licher Ausdruck zu sein, darf die Wertgleichung nicht vereinzelt 
sein; in zahllosen Austauschen und daher zahllosen Wertgleichun- 
gen setzt sich der gesellschaftliche Stoffwechsel und damit der gesell- 
schaftliche Zusammenhang der Arbeitenden durch, sobald die 
Warenproduktion die allgemeine Form gesellschaftlicher Produk- 
tion geworden ist. Es ist die gemeinsame Aktion der Waren im 
Austausch, was die private, individuelle und konkrete Arbeitszeit 
des einzelnen in allgemeine, gesellschaftlich notwendige und ab- 
strakte Arbeitszeit, die Wert bildet, verwandelt. Indem die Waren 
sich allseitig im Austausch gegenseitig messen, messen sie sich zu- 
gleich immer häufiger in einer Ware. Diese braucht bloß gewohn- 
heitsmäßig als Wertmesser fixiert zu werden, um Geld zu werden. 

Es ist also der Austausch von Werten notwendig, um überhaupt 
die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion möglich zu 
machen. Nur so werden die Privatarbeiten gesellschaftlich aner- 



18 






kannt, geeicht, werden die Beziehungen der Sachen aufeinander zu 
gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Produzenten. Wie immer also 
der Austausch vor sich gehen mag, er ist notwendigerweise der Aus- 
tausch zu Wertäquivalenten, mag nun der Austausch der Ware 
direkt vor sich gehen oder durch Geld vermittelt sein. Geld ist also 
als Wert Ware wie jede andere, und die Notwendigkeit, daß Geld 
Wert hat, entspringt unmittelbar aus dem Charakter der waren- 
produzierenden Gesellschaft. 

Das Geld ist so Ware wie alle anderen und damit Verkörperung 
von Wert. Das Geld aber unterscheidet sich von allen anderen Waren 
dadurch, daß es für alle anderen Waren Äquivalent ist, also die 
Ware, die den Wert aller anderen ausdrückt. Daß es dazu geworden, 
ist das Resultat sämtlicher Austauschprozesse. 2 Dadurch ist es zum 
Wertmaß legitimiert. Die Geldware, also dieser bestimmte Körper 
mit all seinen natürlichen Eigenschaften, ist jetzt unmittelbar Aus- 
druck von Wert, von dieser Eigenschaft, die nur aus den gesell- 
schaftlichen Verhältnissen der Warenproduktion und ihrem sach- 
lichen Ausdruck herstammt. Zugleich sieht man, wie aus dem 
Tauschprozeß selbst, aus der Notwendigkeit beständiger Gleich- 
setzung der Waren untereinander die Notwendigkeit des gemein- 
samen Wertmaßes entspringt, in dem der Wert jeder anderen Ware 
unmittelbar ausgedrückt wird, mit dem es daher jederzeit unmittel- 
bar austauschbar ist. Geld ist also einerseits Ware. Anderseits ist 
aber diese Ware immer an die besondere Stelle des Äquivalents ge- 
rückt. Es ist dies geschehen durch die Aktion aller anderen Waren, 
welche die Geldware als ihr einziges und allgemeines Äquivalent 
legitimiert haben. 

1 Es ist Gegenstand späterer Untersuchung, inwiefern dieser Satz durch 
die modernen Formen der Papierwährung eine Modifikation erfährt. 
< 2 Wert hat jede Ware als Verkörperung gesellschaftlich notwendiger Ar- 
heitszeit, also als Resultat des Warenprodufctionsprozesses. In den Austausch- 
prozeß geht sie also schon ein als Wertträger. In diesem Sinne sagt Marx: 
„Der Austauschprozeß gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren 
Wert, sondern ihre spezifische Wertform", nämlich als allgemeines Äqui- 
valent. „Kapital", I., 4. Auflage, S. 56. (Neuausgahe: Karl Marx, „Das Kapi- 
tal", Bd. I, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 96. Die Red.) 



19 



Der Tauschwert aller Waren wird also gesellschaftlich gültig 
ausgedrückt in der Geldware, in einem bestimmten Quantum ihres 
Gebrauchswertes. Durch die gegenseitige Aktion aller anderen 
Waren, die sich in ihr messen, erscheint so die Geldware als un- 
mittelbare Verkörperung der gesellschaftlich notwendigen Arbeits- 
zeit. Geld ist so „der Tauschwert der Waren als eine besondere, aus- 
schließliche Ware . . .' ll Alle Waren erhalten so durch ihre Ver- 
wandlung in Geld ihre gesellschaftliche Eichung. 

Wie nach Ernst Mach das Ich nur ein Knotenpunkt ist, in dem 
die unendlichen Fäden der Empfindungen, aus deren Netz das Bild 
der Welt sich gestaltet, enger zusammenlaufen, so ist das Geld ein 
Knoten in dem Netz des gesellschaftlichen Zusammenhanges der 
warenproduzierenden Gesellschaft, das aus den zahllosen Fäden der 
einzelnen Tauschakte gewebt ist. Im Gelde ist zugleich das gesell- 
schaftliche Verhältnis der Menschen zu einer Sache geworden, zu 
einem geheimnisvoll glänzenden Ding, dessen verwirrender Glanz 
noch immer die Augen so vieler Ökonomen blendet, wenn sie es 
nicht vorziehen, die Augen ganz davor zu schließen. 

Indem die Waren im Austauschprozeß sich aufeinander beziehen, 
werden sie zu Produkten gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit 
reduziert und werden als solche gleich. Im Austauschprozeß zer- 
reißt das Band, das die Ware als Gebrauchswert an das besondere 
Bedürfnis des einzelnen knüpft. Im Austausch gilt die Ware nur 
als Tauschwert, und nur durch Vollziehung des Austausches, also 
nach vollzogenem Austausch, wird sie wieder Gebrauchswert, ent- 
steht eine neue Verknüpfung an ein anderes individuelles Bedürf- 
nis. Im Geld, dessen Gebrauchswert nichts ist, als Verkörperung 
gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, also Tauschwert, erscheint 
die Ware unmittelbar als Tauschwert ausgedrückt; im Geld er- 
scheint so der Tauschwert der Ware verselbständigt gegenüber 
ihrem eigenen Gebrauchswert. Erst die Verwandlung von Geld in 

1 Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", 2. Auflage, S. 28. (Neu- 
ausgabe: Karl Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", Dietz Verlag, 
Berlin 1951, S. 45. Die Red.) 



20 



Ware realisiert die Ware als Gebrauchswert, nachdem im Geld ihr 
Tauschwert schon enthalten ist. Die Ware verläßt dann als Ge- 
brauchswert die Zirkulation und fällt der Konsumtion anheim. 

Geld kann nur allgemeines Äquivalent werden, weil es Ware, 
also Tauschwert ist. Als Tauschwert ist aber jede Ware Maß der 
Werte aller anderen Waren. Indem sich alle Waren in ihrer gegen- 
seitigen Aktion auf eine Ware beziehen, wird diese besondere Ware 
adäquates Dasein des Tauschwertes, sein Dasein als allgemeines 
Äquivalent. Daß alle Waren Tauschwerte sind, das heißt, daß die 
Produzenten in der durch Arbeitsteilung und Privateigentum in 
ihre Atome zerlegten Gesellschaft, die ohne gemeinsames Bewußt- 
sein doch eine Produktionsgemeinschaft ist, nur durch Vermittlung 
ihrer sachlichen Produkte in Beziehung zueinander stehen, erscheint 
jetzt so, daß ihre Arbeitsprodukte als Tauschwerte nur verschiedene 
Quanta desselben Gegenstandes — des Geldes — darstellen. Die all- 
gemeine Arbeitszeit, ihrerseits der ökonomische Ausdruck der 
Vioiukiioiisgemeinschaft, damit aber die Tatsache dieser Gemein- 
schaft selbst, erscheint jetzt als ein besonderes Ding, eine Ware 
neben und außer allen anderen Waren. 

Im Austauschprozeß hat sich die Ware als Gebrauchswert er- 
wiesen, hat bewiesen, daß sieBedürfnis, und zwar im gesellschaftlich 
geforderten Ausmaß befriedigt hat. Hat sie das getan, so ist sie 
damit zum Tauschwert für alle anderen Waren geworden, die die- 
selbe Bedingung erfüllen. Dies drückt ihre Verwandlung in Geld, 
den Repräsentanten des Tauschwertes überhaupt aus. Indem sie 
Geld geworden, ist sie zum Tauschwert für alle anderen Waren ge- 
worden. Die Ware muß daher Geld werden, weil sie nur dann 
gesellschaftlich ausgedrückt ist, als Gebrauchswert und als Tausch- 
wert, als die Einheit beider, die sie ist. Dadurch aber, daß alleWaren 
sich durch ihre Entäußerung als Gebrauchswerte in Geld verwan- 
deln, wird Geld das verwandelte Dasein aller anderen Waren, und 
nur als Resultat dieser Verwandlung aUer anderen Waren in Geld 
wird Geld unmittelbar Vergegenständlichung der allgemeinen 
Arbeitszeit, das heißt Produkt der allseitigen Entäußerung, Auf- 
hebung der individuellen Arbeiten. 



21 



Die Notwendigkeit des Geldes entspringt also aus dem Wesen 
der warenproduzierenden Gesellschaft, die ihr Gesetz erfährt aus 
dem Austausch der Waren als Produkte gesellschaftlich notwendiger 
Arbeitszeit, daraus, daß der gesellschaftliche Zusammenhang der 
Produzenten ausgedrückt wird als Preis ihrer Produkte, der ihnen 
jeweils vorschreibt ihren Anteil an der Produktion und an der Ver- 
teilung der Produkte. Es ist die eigentümliche Regelung dieser 
Gesellschaft durch das Preisgesetz, welches als Mittel des Aus- 
tausches der Waren selbst eine Ware verlangt, da nur eine solche 
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verkörpert. Daß das Tausch- 
mittel Wert haben muß, folgt unmittelbar aus dem Charakter einer 
Gesellschaft, in der die Güter Waren geworden sind und als solche 
ausgetauscht werden müssen. „Derselbe Prozeß, der aus dem Gut 
Ware macht, macht aus der Ware Geld." 

Die Unbewußtheit des gesellschaftlichen Zusammenhanges, seine 
Herstellung durch den Austausch der Waren und die Bestätigung, 
daß diese Herstellung auch gesellschaftlich richtig vollzogen wurde, 
die erst im Austauschprozeß erfolgt, wenn der Produktionsprozeß, 
der eigentlich den gesellschaftlichen Zusammenhang bereits fixiert 
hat, schon vorüber und unabänderlich geworden ist, dies bedeutet 
zugleich die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise. An- 
archie — denn es ist kein Bewußtsein da, das von vornherein die 
Produktion seinem Zwecke gemäß gestaltet, sondern den einzelnen, 
nur ihrer selbst, nicht aber der Gesellschaft bewußten Mitgliedern 
drängt sich dieser Zusammenhang nach Art eines Naturgesetzes auf, 
das unabhängig von dem Willen der Beteiligten wirkt, obwohl es 
nur durch ihre eigene gesellschaftliche und ihnen daher unbewußte 
Aktion existiert. Diese Aktion erfolgt eben nie in dem Bewußtsein 
und der Absicht, damit den gesellschaftlichen Zusammenhang zu 
konstituieren, sondern dient stets nur der individuellen Bedürfnis- 
befriedigung. In diesem Sinne kann man daher auch sagen, daß die 
Notwendigkeit, den Austausch durch Geld, also durch einen selbst 
wertvollen Stoff zu vermitteln, aus der Anarchie der warenprodu- 
zierenden Gesellschaft entspringt. 

Ist so das Geld einerseits notwendiges Produkt des Warenaus- 



tausches, so ist es anderseits selbst Bedingung der Verallgemeinerung 
des Austausches der Produkte als Waren. Es macht die Waren 
unmittelbar vergleichbar, indem es ihr Wertmesser wird. Es ist dies, 
weil es als Wert dasselbe wie die Waren und innerhalb der Wert- 
form ihr Entgegengesetztes ist - Äquivalent, also Gebrauchswert, 
in dem Wert ausgedrückt ist. 

Das Geld entsteht so naturwüchsig aus dem Tauschverkehr und 
setzt nichts anderes voraus als diesen. Der Tauschverkehr macht 
diejenige Ware zu Geld, die dazu vermöge ihrer natürlichen Eigen- 
schaften am besten geeignet ist. Es ist der Gebrauchswert dieser 
Ware, zum Beispiel des Goldes, der es zum Gelistoff macht. Gold 
ist nicht von Natur aus Geld (sondern nur infolge einer bestimmten 
Gesellschaftsstruktur), aber Geld von Natur aus Gold. Also weder 
den Geldcharakter noch auch den Geldstoff bestimmt der Staat oder 
die Rechtsordnung willkürlich. Der Staat oder die Rechtsordnung 
macht das Geld zunächst nur zur Münze. Er ändert nichts als die 
Einteilung der Goldquanta. Werden diese zuerst nach dem Gewicht 
eingeteilt oder gemessen, so jetzt nach einem anderen willkür- 
lichen, also notwendigerweise auf bewußtem Übereinkommen be- 
ruhenden Maßstab. Da die warenproduzierende Gesellschaft ihre 
höchste bewußte Organisation im Staate hat, so muß der Staat dieses 
Übereinkommen sanktionieren, damit es allgemein gesellschaftliche 
Gültigkeit hat. Es verhält sich hier ähnlich wie bei Festsetzung 
anderer Maßo, zum Beispiel des Längenmaßes. Nur daß hier, da es 
sich um einen Wertmaßstab handelt, sich der Wert aber immer nur 
in einer Sache und in jeder Sache je nach ihrer Produktionszeit 
anders darstellt, der Staat zugleich auch die Sache, den Geldstoff, 
deklarieren muß. Nur innerhalb des Kreises der Übereinkunft, also 
innerhalb des Staates zum Beispiel gilt dieser Maßstab. Er wird 
ungültig außerhalb der staatlichen Grenze. Auf dem Weltmarkt 
gelten Gold und Silber nach ihrem Gewicht gemessen als Geld. 1 Das 
Übereinkommen über ein bestimmtes Geld kann auch in Ermang- 
lung einer staatlichen Intervention durch Privatpersonen, zum Bei- 

1 Wenigstens vorläufig noch, solange die Tendenz zur Alleinherrschaft des 
Goldes sich noch nicht völlig durchgesetzt hat. 



22 



25 






1 



spiel durch Kaufleute einer Stadt erfolgen und gilt dann natürlich 
wieder nur für diesen Kreis. 

Das Gold wird also vom Staat in irgendeiner Weise eingeteilt 
und jedes Teilstück durch die staatliche Prägung gekennzeichnet. In 
diesem Maßstah werden jetzt alle Preise ausgedrückt. So hat also 
der Staat den Maßstab der Preise hergestellt. Als Maß der Werte 
fungiert Gold, weil es Ware, also Wert, Verkörperung gesellschaft- 
lich notwendiger Arbeitszeit ist, als solches ist sein Wert veränder- 
lich mit der Veränderung seiner Produktionszeit. Als Maßstab der 
Preise ist Gold eingeteilt in Stücke von gleichem Gewicht, und diese 
Einteilung ist ihrem Sinne nach unveränderlich. Die Prägung ist 
nichts als die Bestätigung, daß das damit versehene Geldstück eine 
bestimmte Gewichtsmenge des Geldstoffes, zum Beispiel des Goldes 
enthält. Dies ist zugleich eine erhebliche technische Vereinfachung. 
Das Geld braucht nicht mehr gewogen, sondern nur gezählt zu 
weTden. Zugleich kann jetzt auf bequeme Weise jede Wertquantität, 
die im Austausch erforderlich wird, dargestellt werden. 

iTeispicl ist die Hamburger Bankowährung seit 1770. Die Umsätze wur- 
den durch Übertragung auf Girokonto bei der Hamburger Girobank erledigt. 
Die Gutschrift wurde nur gegen Einzahlung vollwichtigen Silbers geleistet. 
Als Geldstoff gilt das Silber, als Einheit die Kölnische Mark Feinsilher, für 
die 273,4 Mark Banko gutgeschrieben wurden. Das Buchgeld, dessen sich der 
Hamburger Handel bis zum Jahre 1372 bediente, beruhte mithin auf unge- 
prägtem Silber. Dabei ist es unwesentlich, daß das Silber selbst wohlverwahrt 
in den Kellern der Bank lag und nur die Besitzscheine (etwas ganz anderes als 
Banknoten) zirkulierten. Vollgedecktes „Papiergeld", das nur ein Schein über 
wirklich von dem Inhaber des Scheines hinterlegtes und in der Bank wirklich 
aufbewahrtes Metall ist, ist rein technischer Behelf und bloßes Schutzmittel 
gegen die Abnützung des Metalls. Es läßt alle Gesetze des Geldumlaufes 
ebenso unberührt, als ob die Silberstücke selbst in Leder oder Papier ein- 
gewickelt zirkulierten. 

Die im Text gegebene Darstellung ist zunächst die einzige Rolle, die der 
Staat spielt. Damit erledigt sich die Einbildung Knapps, daß erst durch die 
Satzung des Staates das Geld entsteht. Zugleich sieht man, wie historisch das 
Geld primär aus der Zirkulation hervorwächst. Es ist also zunächst Zirku- 
lationsmittel. Erst dann, wenn es allgemeines Maß der Werte und allgemeines 
Äquivalent der Waren geworden, wird es zum allgemeinen Zahlungsmittel. 
Dies gegen Knapp, „Staatliche Theorie des Geldes", S. 3. 



24 



11. Kapitel 



DAS GELD IM ZIRKULATIONSPROZESS 



Der Zirkulationsprozeß hat die Form: Ware— Geld— Ware, 
W— G— W. In diesem Prozeß vollzieht sich der gesellschaftliche 
Stoffwechsel. Averkauft seine Ware, diefürihnNichtgebrauchswert, 
und kauft eine andere, die für ihn Gebrauchswert. Das Geld spielt 
in diesem Prozeß nur die Bolle des Beweismittels, daß die indivi- 
duellen Produktionsbedingungen der Ware den gesellschaftlichen 
Produktionsbedingungen entsprechen. Der Sinn des Prozesses ist 
aber die Befriedigung der Bedürfnisse des einzelnen, die nur durch 
den allseitigen Händewechsel der Waren ermöglicht wird. Der Wert 
der Ware wird ersetzt durch den Wert der anderen Ware. Diese 
wird konsumiert und fällt aus der Zirkulation heraus. 

Fällt die Ware so beständig aus der Zirkulation, so bleibt das 
Geld fortwährend in dieser Sphäre. Die Stelle, die die Ware ge- 
räumt hat, nimmt ein gleichwertiges Geldstück ein. Der Kreislauf- 
prozeß der Ware bildet so den Umlauf des Geldes. Es entsteht nun 
die Frage nach der Menge des Geldes, das für die Zirkulation nötig 
ist. Es handelt sich dabei um das wirkliche Gegenübertreten von 
Geld und Ware. Die Menge der Zirkulationsmittel ist also zunächst 
bestimmt durch die Preissummc der Waren. Die Warenmasse als 
gegeben vorausgesetzt, flutet die Masse des zirkulierenden Geldes 
auf und ab mit den Preisschwankungen der Waren, gleichgültig, 
ob die Preisänderung wirklichen Wertänderungen oder bloßen 
Schwankungen der Marktpreise entspringt. 1 Dies gilt, sobald Käufe 
und Verkäufe räumlich nebeneinander einhergehen. Sind dagegen 

1 Marx, „Kapital", L, 4. Auflage, S. 83. (Neuausgabe S. 123. Die Red.) 



25 



Käufe und Verkäufe nur Glieder einer Reihe, die zeitlich nachein- 
ander vor sich gehen, so gilt die Gleichung: Preissumme der Waren: 
Umlaufsanzahl gleichnamiger Geldstücke = Masse des als Zirku- 
lationsmittel funktionierenden Geldes. Dabei kann das Gesetz, daß 
die Quantität der Zirkulationsmittel bestimmt ist durch die Preis- 
summe der zirkulierenden Waren und die Durchschnittsgeschwin- 
digkeit des Geldumlaufes auch so ausgedrückt werden, daß bei ge- 
gebener Wertsumme der Waren und gegebener Durchschnitts- 
geschwindigkeit ihrer Metamorphosen die Quantität des umlaufen- 
den Geldes oder des Geldmaterials von seinem eigenen Wert 
abhängt. 1 

Man hat gesehen, was das Geld ist: ein gesellschaftliches Ver- 
hältnis ausgedrückt in einer Sache. Diese Sache dient als unmittel- 
barer Wertausdruck. Innerhalb des Verhältnisses W— G— W wird der 
Wert der Waren aber stets ersetzt durch den Wert einer anderen 
Ware. Der Geldausdruck ist also nur verschwindend. Er erscheint 
so als bloß technischer Behelf, dessen Anwendung Unkosten ver- 
ursacht, die nach Möglichkeit zu vermeiden sind. Zugleich mit dem 
Geld erwächst das Sireben, das Geld auszuschalten. 2 Innerhalb der 
Warenzirkulation erscheint das Geld erst als der feste Wertkristall, 
worin sich die Ware verwandelt, um hinterher als bloße Äqui- 
valentform zu zerrinnen. 

Als Wertkristall erscheint das Geld als notwendig, als Äqui- 
valentform überflüssig. Notwendig erscheint es aber, weil nur so 
der Wert der Ware gesellschaftlich gültig ausgedrückt wird und sie 
sich nur aus Geld wieder in alle anderen Waren rückverwandeln 



1 Ebenda, S. 87. (Neuausgabe S. 128. Die Red.) 

2 Es ist nur vom Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft geurteilt, wenn 
Wilson meint, daß nur das brachliegende Geld für die Gemeinschaft einen 
Verlust darstellt ; vielmehr bildet die ganze Zirkulationsmaschinerie, soweit sie 
Wert kostet, faux frais, und selbst vom entwickelteren bürgerlichen Stand- 
punkt erscheint Gold, soweit es Umlaufsmittel, als unproduktive (das heißt: 
nicht Profit bringende) Ausgabe, die daher zu vermeiden ist, ein Gedanke, 
der dem Merkantilsystem ein Greuel war. (Siehe James Wilson, „Capital, 
Currency and Banking", London 1847, S. 10.) 

3 Marx, „Kapital", I., S. 76. (Neuausgabe S. 116. Die Red.) 



26 



kann. Da aber der Geldausdruck nur verschwindend ist, nicht etwa 
an sich wichtig (wie dann, wenn der Prozeß W— G— W unterbrochen 
wird und das Geld selbst längere oder kürzere Zeit aufbewahrt wer- 
den soll, um dann später einmal den Prozeß G— W zu ermöglichen), 
so kommt allein die gesellschaftliche Seite des Geldes in Betracht, 
die Eigenschaft, daß es als Wert Warengleiches ist. Diese gesell- 
schaftliche Seite ist im Gelästoff, zum Beispiel im Goldgeld, sachlich 
ausgedrückt. Sie kann aber unmittelbar ausgedrückt werden durch 
bewußte gesellschaftliche oder, da der Staat das bewußte Organ der 
warenproduzierenden Gesellschaft ist, durch staatliche Regelung. 
Der Staat kann bestimmte Zeichen— zumBeispiel als solche gekenn- 
zeichnete Papierzettel — als Stellvertreter des Geldes, Geldzeichen, 
festsetzen. 

Es ist klar, daß diese Zeichen nur fungieren können als Ver- 
mittler der Zirkulation zwischen zwei Waren; sie sind zu anderen 
Zwecken, anderen Geldfunktionen unbrauchbar, sie müssen also 
ganz in die Zirkulation eingehen, denn nur innerhalb der Zirku- 
lation ist das Wertdasein des Geldes stets verschwindend, weil 
durch Warenwert stets ersetzte Form. Der Umfang dieser Zirku- 
lation aber ist außerordentlich schwankend, da er, wie wir wissen, 
bei gleichbleibender Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes von der 
Preissumme abhängt. Diese wechselt beständig, wobei die periodi- 
schen Schwankungen innerhalb des Jahres, wenn zum Beispiel die 
Ernteprodukte in die Zirkulation eintreten und ihre Masse die 
Preissumme anschwellt, oder die Preisschwankungen innerhalb des 
Zyklus von Prosperität und Depression besondere Rolle spielen. Die 
Menge des Papiergeldes muß also immer unter dem Minimum der 
zur Zirkulation erforderlichen Geldmenge bleiben. Dieses Minimum 
ist aber durch Papier ersetzbar , und da dies immer zur Zirkulation 
notwendig ist, braucht an seine Stelle kein Gold zu treten; der Staat 
kann dieses Papiergeld daher mit Zwangskurs ausstatten. Innerhalb 



1 Es gilt das Gesetz, „daß die Ausgabe des Papiergelds auf die Quantität 
zu beschränken ist, worin das von ihm symbolisch dargestellte Gold (resp. 
Silber) wirklich zirkulieren müßte". (Marx, „Kapital", I., S. 91. [Neuausgabe 
S. 133. Die Red.]) 



27 






des Umfanges des Zirkulationsjninimums ist so der sachliche Aus- 
druck des gesellschaftlichen Verhältnisses ersetzt durch ein bewußt 
geregeltes gesellschaftliches Verhältnis. Es ist dies möglich, weil 
eben auch Metallgeld ein wenn auch unter dinglicher Hülle ver- 
stecktes, gesellschaftliches Verhältnis ist. Dies muß begriffen sein, 
will man die Natur des Papiergeldes erfassen. 1 Wir haben gesehen, 
wie die warenproduzierende Gesellschaft anarchisch ist und aus 
dieser Anarchie die Notwendigkeit des Geldes folgt. Für das Mini- 
mum der Zirkulation ist diese Anarchie gleichsam ausgeschaltet. 
Denn ein Minimum von Waren zu einem gewissen Wert muß unter 
allen Umständen umgesetzt werden. Die Ausschaltung der Wirkung 
der anarchischen Produktion erscheint in der Möglichkeit des Er- 
satzes des Goldes durch bloße Wertzeichen. 

Diese bewußte Regelung hat aber ihre Grenze an dem Zirku- 
lationsminimum. Nur innerhalb dieser Grenze fungiert das Geld- 
zeichen als voller Stellvertreter des Geldes, ist das Papier Gold- 
zeichen. Da die Zirkulationsmenge stets schwankt, so muß neben 
dem Papiergeld stets Goldgeld in die Zirkulation ein- und aus ihr 
ausfließen können. Ist dies nicht möglich, so treten Abweichungen 
des Nominalwertes des Papiers von seiner wirklichen Geltung ein, 
wir haben Papiergeldentwertung. 

Um diesen Vorgang zu verstehen, unterstellen wir einmal reine 
Papierwährung. (Es ist dabei immer staatlicher Zwangskurs vor- 
ausgesetzt.) Wir wollen annehmen, daß in einem bestimmten Mo- 

1 Knapp verfällt zuerst in die Illusion, daß Geld „ursprünglich" nichts 
sei als bestimmtes Metallgewicht, um hinterher darüber zu erstaunen, daß 
es ersetzt werden kann durch ein nur gesellschaftlich gültiges Zeichen. Hätte 
er erkannt (und der Mangel dieser Erkenntnis hindert heute noch die 
Ökonomen, eine erschöpfende Geldtheorie zu geben), daß Geld nur eine 
gesellschaftliche Beziehung sachlich ausdrückt, so hätte er nichts Rätselhaftes 
daran Enden können, daß in einem bestimmten Umkreis diese sachliche Be- 
ziehung ausgedrückt wird durch ein gesellschaftlich gültiges, mit Bewußtsein 
geregeltes Übereinkommen, dessen Ausdruck das Staatspapier mit Zwangs- 
kurs ist. Dabei ist richtig, daß hier ein wesentliches Problem steckt, nämlich 
das nach den Schranken dieser staatlichen, also bewußt gesellschaftlichen 
Regelung. Dieses ökonomische Problem aber schließt Knapp gerade aus 
seiner Betrachtung aus. 



28 



ment die Zirkulation 5 Millionen Mark erfordere, zu denen zirka 
56,56 Pfund Gold nötig wären. Wir hätten dann eine Gesamt- 
zirkulation, die folgendes Bild zeigte: (5 Millionen Mark in) 
W-(5 Millionen Mark in) G-(5 Millionen Mark in) W. Ersetzt 
man das Gold durch Papierzeichen, so kann auf diesen Zeichen was 
immer gedruckt sein, ihre Summe muß immer die Wertsumme der 
Waren repräsentieren, also in unserem Falle gleich sein 5 Millionen 
Mark. Werden 5000 gleiche Zettel gedruckt, wird jeder 1000 Mark 
gleichgesetzt werden, werden 100 000 gedruckt, so jeder 50 Mark 
gleich sein. Verdoppelt sich, die Umlaufsgeschwindigkeit immer 
gleichgesetzt, die Preissumme der Waren und wird die Menge der 
Zettel nicht geändert, so werden sie 10 Millionen Mark gelten, sinkt 
die Preissumme auf die Hälfte, so nur 2/4 Millionen. Mit anderen 
Worten : Bei reiner Papierwährung mit Zwangskurs ist bei gleich- 
bleibender Umlaufszeit der Wert des Papiergeldes bestimmt durch 
die Summe der Warenpreise, die in der Zirkulation umgesetzt wer- 
den muß; das Papiergeld wird hier ganz unabhängig vom Wert des 
Goldes und reflektiert direkt den Wert der Waren nach dem Gesetz, 
daß seine ganze Menge gleichen Wert repräsentiert wie die 

Preissumme der Waren 



Umlaufsanzahl gleichnamiger Geldstücke 

Man sieht sofort, daß, verglichen mit dem Ausgangspunkt, nicht nur 
Entwertung, sondern auch Überwertung des Papiergeldes eintreten 
kann. 

Als Geldzeichen kann nun natürlich nicht nur Papier, sondern 
ein an sich wertvoller Stoff fungieren. Es sei die Zirkulation zum 
Beispiel besorgt durch Silber. Tritt Entwertung des Silbers ein 
infolge Senkung seiner Produktionskosten, so werden die Silber- 
preise der Waren steigen, während ihre Goldpreise unter sonst 
gleichen Umständen unverändert bleiben werden. Die Entwertung 
des Silbers selbst wird sich ausdrücken lassen in seinem Verhältnis 
zum Gold. Der Wechselkurs des Silberlandes gegenüber dem des 
Goldwährungslandes wird die Entwertung ausdrücken. Die Ent- 
wertung der Silhermünze, die gesetzliche Zahlkraft hat, wird bei 



5 Hilferding, Das Finanzkapital 



29 



freier Prägung genau in demselben Maße stattfinden wie die Ent- 
wertung des ungeprägten Metalls. Anders, wenn die freie Prägung 
eingestellt wird. Steigt jetzt die Preissumme der zu zirkulierenden 
Waren in unserem Beispiel von 5 auf 6 Millionen Mark und ist der 
Wert des gemünzten, also zur Zirkulation geeigneten Silbers ent- 
sprechend seinem Metallwert beispielsweise nur 5/2 Millionen 
Mark, so wird jetzt doch jede Silbermünze so weit in ihrer Be- 
wertung innerhalb der Zirkulation steigen, daß ihre Summe gleich 
ist 6 Millionen Mark. Ihre Wertung als Münze übersteigt daher 
ihren Metallwert. Eine Erscheinung, die in der so bedeutenden 
Geldtheoretikern wie Lexis oder Lotz unerklärbaren Überwertung 
des holländischen und österreichischen Silberguldens und später der 
indischen Rupie zutage getreten ist, die aber nach dem Vorher- 
gehenden nichts Rätselhaftes mehr aufweist. 

In der Bestimmung des Wertes des Papiergeldes durch den Wert 
der in Zirkulation befindlichen Warensumme erscheint der rein 
gesellschaftliche Charakter des Wertes darin, daß ein an sich wert- 
loses Ding wie Papier dafür, daß es eine rein gesellschaftliche Funk- 
tion, die Zirkulation, erfüllt, einen Wert erhält, der bestimmt ist 



1 Bekanntlich versteht man unter freier Prägung das Recht der Privaten, 
jedes beliebige Quantum des Geldstoffes bei der staatlichen Münzanstalt in 
Landesmünzen nach dem festgesetzten Münzmaßstab umprägen zu lassen. 
Die Prägung ist gesperrt, wenn der Staat sich weigert, diese Umprägung vor- 
zunehmen. 

2 In der Tat ist für die Schriftsteller, die unter dem Eindruck der eng- 
lischen Bankrestriktion schreiben, die Möglichkeit der Überwertung kein 
Problem, indem sie ganz naiv die Gesetze des Papiergeldes auf die Metall- 
währung anwenden. Man vergleiche das folgende Zitat: „Es ist klar, daß wie 
die Uberausgabe von Papiergeld die nominellen Preise der Waren erhöht, so 
aus ebensolchen Gründen die Kontraktion unter das natürliche Maß des 
Zirkulationserfordemisses in demselben Grad die nominellen Preise ver- 
ringern wird . . . Gold in Barrenform wird dann oft von geringerem Wert 
auf dem Markte sein als Gold in Münzform, und der Kaufmann wird es zur 
Münze bringen, um den Profit aus seiner Verwandlung von Barren in Münzen 
zu erlangen." William Blähe, „Observation on the principles which regulate 
the course of exchange and on the present depreciated State of the currency", 
London 1810, S. 40. 



nicht durch den eigenen verschwindend geringen Wert, sondern 
durch den der Warenmasse, die ihren Wert auf die Papierzettel 
reflektiert. Wie der Mond, der selbst längst erkaltet ist, nur leuchten 
kann, weil er von dem feurigen Sonnenball das Licht erhält, so hat 
das Papiergeld nur Wert, weil den Waren der gesellschaftliche 
Charakter der Arbeit Wert verleiht. Es ist der reflektierte Arbeits- 
wert, der das Papier zu Geld macht, wie es das reflektierte Sonnen- 
licht ist, das den Mond leuchten läßt. Es ist beim Papier Wert- 
schein, nämlich Warenwertschein, wie beim Mond Mondschein, 
nämlich Sonnenlichtschein. 

Österreich hatte seit 1859 uneinlösliches Papiergeld. Die Silber- 
gulden erzielten gegenüber dem Papier ein Agio. Es war eben mehr 
Papier ausgegeben, als die Zirkulation erforderte. Dadurch trat der 
von uns früher geschilderte Zustand ein: wieviel Waren ein Gulden 
kaufen konnte, war nicht mehr abhängig vom Wert des Silbers, 
sondern von dem Wert der in Zirkulation befindlichen Gesamt- 
warenmasse, durch den die Geltung der Gesamtsumme des Papier- 
geldes bestimmt war. War der Wert der Gesamtzirkulation = 500 
Millionen Gulden, waren aber 600 Millionen Papiergulden ge- 
druckt worden, so konnte der Papiergulden nur mehr soviel Waren 
kaufen wie früher 5 /e Silbergulden. Damit wurde der Silbergulden 
selbst zur Ware; denn man zahlte nur mehr in Papiergulden und 
verkaufte den Silbergulden etwa ins Ausland; dafür bekam man 
Vb Papiergulden, womit man seine früheren Silberguldenschulden 
bezahlen konnte. Das Silber verschwand aus der Zirkulation. Eine 
Änderung in dem Verhältnis zwischen Silber- und Papiergulden 
kann nun auf zweierlei Art eintreten. Einmal kann bei unveränder- 
tem Wert des Silberguldens infolge der Entwicklung der Waren- 
zirkulation der Warenumsatz steigen. Findet keine Neuausgabe von 
Papiergeld statt, so kann der Papiergulden wieder seine alte Geltung 
erlangen, sobald die zirkulierende Warensumme 600 Millionen 
Gulden zu ihrem Umsatz erfordert. Es kann auch, wenn die Waren- 
summe steigt, der Papiergulden über seinen Ausgangspunkt steigen. 
Erfordert die Warensumme 700 Millionen Gulden und sind nur 
600 Millionen Papiergulden in Zirkulation, so wird jetzt derPapier- 



30 



31 



gülden V« des Silberguldens gelten. Besteht freie Silberprägung, so 
werden Private Silber so lange ausprägen lassen, bis in die Zirku- 
lation so viele Silbergulden eingetreten sind, daß Papiergulden und 
Silbergulden zusammen zur Zirkulation der 700 Millionen Gulden 
Waren ausreichen. Dann gilt Papier- und Silbergulden dasselbe, 
und bei Fortbestand der freien Prägung ist der Papiergulden nicht 
mehr durch den Warenwert bestimmt, sondern durch das Silber, ist 
also wieder Silberzeichen geworden. 

Ähnliche Vorgänge können auch auf andere Weise eintreten. Die 
Warenzirkulation bleibe zunächst dieselbe; der Papiergulden gilt 
dann nur mehr 5 /» des Silberguldens; jetzt träte aber ein Fall im 
Wert des Silbers ein; dieses falle um 7e. Dann wird man um den 
Silbergulden soyiel Waren kaufen können wie um den Papier- 
gulden; das Silberagio ist Verschwunden, und das Silber bleibt in 
Zirkulation. Fällt das Silber noch stärker, sage um 7a, dann wird 
es profitlich, Silber anzukaufen und es in Österreich ausprägen zu 
lassen. Diese Ausprägung würde so lange vor sich gehen, bis die 
Summe von Papiergulden und Silbergulden so groß geworden 
ist, daß sie, obwohl um 7« in ihrer Kaufkraft vermindert, 
zur Zirkulation hinreicht. Wir haben vorausgesetzt eine Zirku- 
lation von 500 Millionen Gulden (ursprünglicher Geltung) in 
Waren. Wir hatten 600 Millionen Gulden Papier. Diese galten 
also 7« des ursprünglichen Guldens. Jetzt kommen dazu Silbergulden, 
die nur 7« gelten. Um die Waren zu zirkulieren, brauchen wir jetzt 
7* X 500 Millionen Gulden oder 750 Millionen Gulden; diese wür- 
den aus 600 Millionen Papier- und 150 Millionen neugeprägter 
Silbergulden bestehen. Der Staat will aber die Entwertung seiner 
Valuta hindern; dazu braucht er nur die freie Silberprägung auf- 
zuheben. Sein Gulden bleibt dann unabhängig vom Silberpreis; 
seine Geltung nach wie vor Y« des ursprünglichen Guldens; die 
Senkung des Silberwertes kommt beim Silbergeld nicht zum Aus- 
druck. 

Das widerspricht der herkömmlichen Theorie, wonach ein Silber- 
gulden unter allen Umständen nur ein Stück Silber von 7«» Pfund 
ist und daher denselben Wert haben muß; es erklärt sich leicht, 



32 



wenn man weiß, daß bei gesperrter Prägung die Geltung des 
Geldes nur ein Reflex des in die Zirkulation eingehenden Wertes 
der Warensumme ist. Da unserer Voraussetzung nach das Silber 
um 7« gefallen ist, der österreichische Gulden aber nur um 7s nied- 
riger steht als bei dem Ausgangspunkt der Betrachtung, so wird der 
noch in Zirkulation befindliche österreichische Silbergulden um 
7« höher stehen, als der Preis des gleichen Quantums Silber beträgt.. 
Es ist also überwertet. In der Tat ist das Phänomen in Österreich 
um die Mitte des Jahres 1878 eingetreten. Verursacht wurde es da- 
durch, daß einerseits der Wert des Papierguldens durch die Ent- 
wicklung der Zirkulation steigen mußte, da die Papiergeldsumme 
nicht oder nicht in gleichem Verhältnis vermehrt wurde, ander- 
seits der Wert des Silbers fiel, was im Fallen des Londoner Silber- 
preises zum Ausdruck kam. 

Der schematischen Darstellung entspricht die Wirklichkeit voll- 
kommen. In den Niederlanden wurde die freie Silberprägung im 
Mai 1875 eingestellt. Während das metallische Silber im Verhältnis 
zum Gold eine Entwertung erfuhr, wies das geprägte holländische 
Silbergeld eine beträchtliche Wertsteigerung auf. „Während bis zum 
Anfang des Jahres 1875 der Silberpreis in London bis auf etwa 
57 7aPence hinabging, stieg der Wert des niederländischen gegen- 
über dem des englischen Geldes so weit, daß 1 Pfund Sterling 
statt — wie früher — 12 Gulden nur noch 11,6 Gulden notierte. 
Darin kam die Tatsache in Erscheinung, daß der Wert des hollän- 
dischen Guldens um etwa 10 Prozent über seinen Silbergehalt 
hinaus gestiegen war." Erst 1875 wurde dann das goldene 10-Gul- 
den-Stück als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt. „Schon im 
Jahre 1879 war der Silbergehalt des Silberguldens nur noch 
96,85 Kreuzer wert, und er ging weiter zurück bis auf 91,95 Kreuzer 
im Jahre 1886 und 84,69 Kreuzer im Jahre 1891. " 2 

Die Entwicklung der österreichischen Währung sei im folgenden 
kurz geschildert: „Die Währung der Monarchie war kraft der 
Patente vom 19. September 1857 und vom 27. April 1858 seit 

1 Siehe Helfferich, „Das Geld", S. 77. 

2 Ebenda, S. 80. 



53 



1. November 1858 rechtlich und zunächst auch faktisch eine Silber- 
währung mit einem Münzfuß von 45 Gulden per Zollpfund feinen 
Silbers (90 Gulden [fl.] per Kilogramm). Eine Barzahlung in Silber 
(seitens der Notenbank) bestand jedoch nur ganz kurze Zeit (zu 
Ende des Jahres 1858). Überdies hatte das Silber infolge der an- 
dauernd kritischen politischen und finanziellen Verhältnisse (die 
eben eine Mehrausgabe von Noten zur Folge hatten. R. H.) bis 1878 
gegenüber dem Papiergeld ein Agio, welches die Silbermünzen mehr 
und mehr aus dem Verkehr drängte. Das Silberagio betrug 1871 
noch über 20 Prozent, sank aber im Laufe der siebziger Jahre in- 
folge des außerordentlichen Sturzes des Silberpreises am Weltmarkt 
sukzessive. Von 1875 an war der Preis des Silbers ein so tiefer, daß 
er dem Münzpreis desselben (45 fl. ö. W. per Zollpfund) wiederholt 
nahekam und denselben im Laufe des Jahres 1878 auch erreichte. 
Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kurses der Devise 
London an der Wiener Börse wurde die Einlieferung von Silber in 
die Wiener und Kremnitzer Münze behufs Ausprägung in Landes- 
silbermünzen rentabel. Tatsächlich nahm die Einfuhr von Silber in 
das österreichisch-ungarische Zollgebiet im Jahre 1878 außer- 
ordentlich zu, und die Ausprägung von Landessilbermünzen er- 
reichte in diesem Jahre und in dem folgenden (auf Grund der bereits 
früher erfolgten Anmeldungen) eine vorher nicht erreichte Höhe." 
Um die Devalvierung der Währung zu verhüten, wurde zu Beginn 
des Jahres 1879 die freie Silberprägung eingestellt. Die Einstellung 
der Silberprägung „bewirkte, daß die Kaufkraft des österreichischen 
Guldens dem gleichsam mechanischen Einfluß des Silberpreises ent- 
rückt wurde, sich vielmehr nahezu ganz unabhängig von dem Werte 
des im österreichischen Silbergulden enthaltenen Silberquantums 
entwickelte. Das in 100 Silbergulden enthaltene Feinsilber hatte 
nämlich unter Zugrundelegung des Londoner Silberpreises und 
des Kurses der Devise London in Wien durchschnittlich einen 
Wert: 



1 Spitzmüller, „Die österreichisch-ungarische Währungsreform"; „Zeit- 
schrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung", XI. Bd., 1902, 
S. 559. 



54 



im Jahre 1885 von 97 fl. 64 kr. 

„ „ 1887 .„,.....,•....«••->> „ yi„ „ 

„ „ 1888 „ 86 „ 08 „ 

„ „ 1889 „ 82 „ 12 „ 

„ „ 1891 ,, 84 „ 70 „ 

Der Wert von 100 fl. ö. W. hätte unter denselben Voraussetzun- 
gen in Gulden Gold 1 betragen : 

1885 82 ü. 38 kr. 

1887 72 „ 42 „ 

1888 69 „ 34 „ 

1889 69 „ 38 „ 

1891 75 „ 15 „ 

Dagegen betrug der tatsächliche kursmäßige Wert von 100 fl. 
ö. W. im Durchschnitt der bezeichneten Jahre: 84,08, 79,85, 81,39, 
84,33 und 86,33 Gulden Gold."' Mit anderen Worten, die öster- 
reichischen Silbergulden waren in diesen Jahren überwertet, das 
heißt, ihre Kaufkraft war höher als die des in ihnen enthaltenen 
Silbers, und zwar betrug die Differenz für 100 Silbergulden in den 
Jahren 

1883 1 fl. 70 kr. in Goldgulden 

1887 7„ 43 „ „ 

1888 12„ 05 „ „ 

1889 14„ 95 „ „ 

1891 13 „ 18 „ „ 

Man ersieht aus dieser Tabelle, daß der Kurs des Silberguldens 
nicht nur nahezu, wie Spitzmüller meint, sondern völlig unabhängig 
vom Silberpreis sich bewegt. 

Spitzmüller nennt diese Währung „Kreditwährung", aber er kann 
nicht angeben, wodurch ihr Kurs bestimmt war. Er sagt: 

1 Der Goldgulden ist der achte Teil des Achtguldenstückes, das als Han- 
delsmünze geprägt wurde, also nicht für die inländische Zirkulation bestimmt 
war und dem Zwanzigfrancsstück mit Rücksicht auf den Goldgehalt gleich 
war. 

2 Spitzmüller, „Die österreichisch-ungarische Währungsreform"; „Zeit- 
schrift, für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung", XI. Bd., 1902, 
S. 311. 



55 






„KauT- und Tauschkraft des österreichischen Silber- beziehungsweise 
Papierguldens wurden demnach in der Periode 1879 bis 1891 in erster Linie 
nicht durch den Wert des Währungsmetalles bestimmt; ja noch mehr, der 
österreichische Gulden wies in dieser Periode, wie Karl Menger treffend her- 
vorgehoben hat („N. Fr. Pr." vom 12. Dezember 1889), , einen Verkehrswert 
auf, welcher durch den inneren Wert keiner existierenden effektiven Münze 
dargestellt 1 wurde. 

Die österreichische Währung war demnach faktisch keine Silberwährung 
mehr, ja selbst hinkende Silberwährung konnte sie nur im uneigentlichen 
Sinn genannt werden. Sie war vielmehr eine Kreditwährung, deren Bewer- 
tung im internationalen Verkehr in erster Linie durch die Zahlungs- 
bilanz des österreichisch-nngarischen Zollgebietes, im inneren Verkehr aber 
überdies durch die übrigen, im Zollinland preisbildenden (sie!) wirksamen 
Faktoren bedingt war." (S. 341.) 

Seine Unsicherheit geht deutlich aus folgender Stelle hervor: 

„Immerhin würde man fehlgehen, wenn man annehmen wollte, daß der 
, Kredit', welcher der österreichischen Währung entgegengebracht wurde, 
von der Preisgestaltung am Silbermarkt ganz und gar (!) unabhängig war; 
vielmehr spielte der Umstand, daß die Sistierung der Silberprägung für Pri- 
vate nur auf einer administrativen, stets widerruflichen Verfügung beruhte 
und überdies die Prägungen für Staatsrechnungen fortdauerten, bei der Be- 
wertung unserer Währung in der Übergangsperiode von 1879 bis 1891 
unzweifelhaft eine gewisse (!) Rolle; denn die oben erwähnten Momente 
ließen die Zukunft unserer Währung als eine völlig unsichere erscheinen. 
Insbesondere ist es gewiß kein Zufall, daß der neuerliche Preisfall des Silbers 
in den Jahren 1885 bis 1888 mit einer starken Verteuerung unserer Devisen- 
kurse einherging." (S. 311.) 

Es wäre interessant, wenn gezeigt würde, wie die gänzlich un- 
sichere Meinung über die Zukunft der Währung in jedem Moment 
sich in mathematisch bestimmte Kurserhöhungen oder Erniedrigun- 
gen umsetzen kann. In der Tat haben diese subjektiven Einflüsse 
gar keine Rolle gespielt, sondern nur die objektive Gestaltung des 
gesellschaftlichen Zirkulationserfordernisses. 

Viel näher kommt Helffcrich der richtigen Erklärung, wenn er 
sagt: 

„Der Mehrwert des geprägten Geldes (sc. bei Währungen mit gesperrter 
Prägung) beruht darauf, daß nur das geprägte Metall, nicht auch das unge- 



fragte Metall die Funktionen als Geld erfüllen kann und daß der Staat sich 
weigert, auf Verlangen das Metall in geprägtes Geld zu verwandeln. 

Auch der Wert des uneinlösbaren Papiergeldes beruht ausschließlich dar- 
auf, daß es vom Staate zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt ist, daß es 
zur Erfüllung bestehender Schuldverpflichtungen verwendet werden kann 
iiud daß es für die wirtschaftlich gänzlich unentbehrlichen Funktionen des 
Geldes staatlich privilegiert ist. 

Der Wert beider Arten von Geld beruht weder auf dem Wert ihres Stoffes 
an sich noch darauf, daß sie etwa eine Forderung enthielten, wie einlös- 
bare Noten, sondern ausschließlich auf dem ihnen beigelegten Charakter als 
gesetzliches Zahlungsmittel." („Das Geld", S. 81.) 

Die Einstellung der freien Prägung bei Silberwährimg ist die 
Bedingung und zugleich die Erklärung dafür, daß das gemünzte 
Silber sich von seinem Stoffwert emanzipiert, wie Helfferich richtig 
hervorhebt. Es wird aber damit nichts über die Größe des Wertes 
gesagt, den die Münze nunmehr erhält, und gerade das ist das Ent- 
scheidende. Diese Größe ist bestimmt durch die gesellschaftlich not- 
wendige Zirkulationsmenge, die ihrerseits zuletztbestimmt ist durch 
den Wert der Warensumme. Dies zu erkennen, hindert Helfferich 
seine subjektivistische Werttheorie. 

Dagegen ist es ganz richtig, was Helfferich gegen die Kredit- 
hypothese, wie sie auch Spitzmüller vertritt, einwendet: 

„Bei den freien Währungen, bei welchen in allen Geldsorten der Stoff- 
urrl der Münzen hinter ihrem Geldwert zurückbleibt, ist es schon deshalb 
gänzlich ausgeschlossen, den höheren Geldwert auf den Kredit zurück- 
v.ii führen, weil es gar kein vollwertiges Geld gibt, in welchem das unler- 
wertige Geld einlösbar sein und von dem es auf dem Wege des Kredits seinen 
Wart ableiten könnte. Im niederländischen Geldwesen gab es von 1875 bis 
1K7 r ), im österreichischen von 1879 bis 1892, im indischen von 1893 bis 1899 
überhaupt kein vollwertiges Geld. Der den Stoffwert überschreitende Geld- 
wert des holländischen und österreichischen Silberguldens und der indischen 
Hii|iie war ein durchaus selbständiger, von keinem anderen Wertgegenstand 
abgeleiteter Wert. Er beruhte nicht einmal auf einer Tarilierung in voll- 
wertigem Geld, geschweige denn auf einem Forderungsrecht auf vollwertiges 
( Isld, sondern einzig und allein auf dem diesen Münzen beigelegten Charakter 
als gesetzliches Zahlungsmittel und der beschränkten Prägung. Wie wenig 
Mi li die Theorie bisher von der Vorstellung befreit hat, daß unlerwertiges 
l .eld Kreditgeld sein müsse und mindestens seinen Wert von einem voll- 



36 



37 



wertigen Geld ableiten müsse, zeigt die Unklarheit, welche teilweise heute 
noch über das Verhalten der österreichischen Währung vom Jahre 1879 an 
besteht. Die Erscheinung, daß sich der Wert des geprägten österreichischen 
Silberguldens nach der Einstellung der freien Silberprägung über den Wert 
seines Silbergehaltes erhob, verblüffte in erster Reihe deshalb, weil man nicht 
sah, von welcher in ihrem Stoffe höherwertigen Geldsorte der Silbergulden 
den seinen Silhergehalt überschreitenden Geldwert ableitete. Man verfiel des- 
halb auf die sonderbare Erklärung, daß der Wert des Silberguldens nur durch 
seine Verknüpfung mit dem Papiergulden über seinem Papierwert gehalten 
werde." („Das Geld", S. 382 ff.) 

Analoge Erscheinungen wie im österreichischen Geldwesen sehen 
wir in Indien. Im Jahre 1893 wurde die bisher freie Silberprägung 
eingestellt. Die Absicht war, den Kurs der Rupie auf 16 Pence 
zu heben. Dieser Kurs entsprach bei freier Prägung einem Silber- 
preis von ungefähr 45,05 Pence. Das heißt, bei einem solchen Preis 
erzielte das in der Rupie vorhandene Silber, wenn eingeschmolzen 
und verkauft, auf dem Londoner (Welt-)Markt den Preis von 
1 G Pence. Die Wirkung der Einstellung der freien Prägung war 
folgende: Der Rupienkurs stieg auf 16 Pence, nachdem er vorher 
14 7 /s Pence betragen hatte. Dagegen sank der Silberpreis im Ver- 
lauf weniger Tage von 38 Pence vor Schließung der Münzstätten 
auf 30 Pence am 1. Juli. Von da an ging der Rupienkurs abwärts, 
während der Silberpreis auf 34% Pence stieg und um diesen Betrag 
bis zur Einstellung der amerikanischen Silberkäufe (monatlich 
4V2 Millionen Oz. f.) am 1. November 1893 schwankte. Von da an 
ging er zurück und erreichte am 26. August 1897 mit 23% Pence 
einen Tiefstand. Dagegen erreichte der Wert der indischen Valuta 
Anfang September 1897 die gewünschte Höhe von 16 Pence, wäh- 
rend der in der Rupie enthaltene Metallwert zirka 8,87 Pence 
beträgt. 

Es „war von Anfang an der Erfolg zu verzeichnen, daß der Kurs 
der Rupie sich bereits von der Schließung der indischen Münz- 
stätten für private Prägung ab ständig über dem Schmelzwert hielt, 
und zwar um erheblich mehr, als die Prägekosten ausmachten. Von 
Mitte 1896 an erwies sich auch der letzte Zusammenhang zwischen 
dem Silberpreis und dem Rupienkurs als gelöst, und der Parallelis- 



mus, der zwischen ihren Bewegungen, wenn zuletzt auch er- 
heblich abgeschwächt, immer noch bestanden hatte, war endgültig 
beseitigt", u. 

Was die Geldtheoretiker quält, ist die Frage, was bei der ge- 
sperrten Währung Wertmesser ist.' Das Silber (bei gesperrter Gold- 
währung könnte genau dasselbe Phänomen auftreten) ist es offen- 
sichtlich nicht. 4 Der Kurs des Geldes und der Preis des Metalls 
verfolgen ganz verschiedene Bewegungen. Die Quantitätstheorie 



1 Dr. Anton Arnold, „Das indische Geldwesen unter besonderer Berück- 
sichtigung seiner Reformen seit 1893", S. 227. 

2 Ein Freund, der von einer Reise aus Indien zurückkehrte, erzählte mir 
einmal folgendes: Er beobachtete einige Europäer, die in einem indischen 
Basar Silberschmuck erstanden. Der indische Händler bot ihnen an, den 
Schmuck abzuwiegen, um ihr Mißtrauen, übervorteilt zu werden, zu ver- 
scheuchen. Der Kaufpreis solle in dem gleichen Gewicht Silberrupien bestehen. 
Die Europäer waren damit sehr zufrieden und schlössen das Geschäft mit dem 
befriedigenden Gefühl ab, dem Händler nur den Metallwert ersetzt und die 
Vorarbeitungskosten gratis erhalten zu haben. Daß der Händler dank der 
Währungsgesetzgebung dabei einen Preis von fast 100 Prozent über dem 
Mdallwert erzielt hatte, wußten sie natürlich nicht. Man wird diese Geld- 
strafe für nationalökonomische Unwissenheit sicher nur angemessen finden 
und nur bedauern, daß sie sich nicht verallgemeinern läßt. 

' „Man darf in der Tat daran zweifeln, ob seit Einführung des neuen 
Hiinksystems (gemeint ist die Suspension der Barzahlung und Verleihung des 
7, wangskurses für die Noten der Bank von England im Jahre 1797) das Gold 
fortgefahren hat, in Wirklichkeit unser Wertmesser (measure of prices) zu 
sein; und ob wir einen anderen Maßstab der Preise (Standard of prices) haben 
iils jenes Zirkulationsmittel (circulating medium) der Bank von England und 
ilcr Landbanken, dessen Variationen in seinem relativen Wert so unbe- 
stimmt sein können als der mögliche Exzeß dieses Zirkulationsmittels." „Report 
frorn the select Committee appointed to inquire into the cause of the high 
l'i ice of Gold Bullion." (London 1810.) S. 16. Der Report läßt die Frage, 
die er stellt, unentschieden. 

* Richtig hat Lindsay vor dem unter Vorsitz von Lord Towler tagenden 
Wiihrungskomitee von 1898 erklärt: „Rupien unter dem gegenwärtigen Wäh- 
1 nngssystem sind nichts anderes als eine Art uneinlösbarer, mit Zwangskurs 
versehener metallischer Noten, für die deshalb alle Gesetze zutreffen, die für 
nnrinlösbares Papiergeld gelten." Diese Gesetze sind nach Lindsay die von 
Uirnvdo aufgestellten. (Zitiert bei Bothe „Die indische Währungsreform''.) 



38 



39 






gilt mit Recht seit dem Nachweis Tookes als unhaltbar. Dazu 
kommt, daß man überhaupt nicht die Metallmasse auf der einen 
Seite, die Warenmasse auf der anderen in Beziehung setzen kann. 
Welche Beziehung soll zwischen x Kilogramm Gold oder Silber 
oder gar Papier und a Millionen Stiefel, b Millionen Schachteln 
Stiefelwichse, c Zentner Weizen, d Hektoliter Bier usf. bestehen? 
Die Inbeziehungsetzung der Geldmasse auf der einen, der Waren- 
masse auf der anderen setzt bereits ein Gemeinsames voraus, eben 
das Wertverhältnis, das zu erklären ist. 

Die Macht des Staates heranzuziehen, genügt aber ebenfalls 
nicht. Es bleibt zunächst völlig mystisch, wieso der Staat imstande 
sein soll, auch nur um ein Hundertstel eines Hellers einem Papier- 
zettel oder einem Gramm Silber größere Kaufkraft gegenüber 
Weinen, Stiefel, Stiefelwichse usw. zu verleihen. Zudem hat der 
Staat regelmäßig bei solchen Versuchen Schiffbruch erlitten. Der 
indischen Regierung nützte ihr Willen, der Rupie den Kurs von 
16 Pence zu verleihen, zunächst nicht das geringste. Die Purpie 
kümmerte sich nicht darum, und der nächste Erfolg des Staates war 
nur, den Kurs der Rupie zunächst überhaupt völlig unberechenbar 
zu machen, da er sich jetzt um den Preis des Silbers nicht mehr 
kümmerte. Für den österreichischen Staat gar kam die Überwertung 
des Silberguldens völlig überraschend, ohne jedes beabsichtigte Ein- 
greifen, gleichsam über die Nacht seiner Ahnungslosigkeit. Was die 
Theoretiker narrt, 1 ist der Umstand, daß das Geld seine Eigenschaft, 

1 Sehr charakteristisch ist folgendes Fragespiel bei Bothe („Die indische 
Währungsreform seit 1893", Cotta 1904, S. 48 ff.): „Was war nach dem 
26. Juni 1893 Wertmesser in Indien?" Daß, sobald einmal der Goldwert der 
Rupie sich über den Goldwert des in ihr enthaltenen Quantums Feinsilber 
erhöht hatte, Silber nicht mehr der Wertmaßstab war ... ist klar. War etwa 
die „Rupie" Wertmesser in Indien geworden in dem Sinne, wie Professor 
Lexis in seinem Artikel „Papiergeld" („Handwörterbuch der Staatswissen- 
schaften") ausführt, daß uneinlösliche, mit Zwangskurs versehene Noten 
zum selbständigen Gelde, das heißt auch zum Wertmaßstab werden können, 
weil ihnen ihre gesetzliche Zahlungskraft die „höchste Ausprägung des Zah- 
lungskredites", die Bewahrung ihres Wertes gegen Waren gestatte? Oder 
war das Gold nach Schließung der Münzstätten Wertmesser in Indien? 



40 



j^HH 



Wertmesser zu sein, scheinbar beibehalten hat. Natürlich werden 
nach wie vor alle Waren in Geld ausgedrückt, „gemessen". Das Geld 
erscheint nach wie vor als Wertmesser. Aber die Größe des Wertes 
dieses „Wertmessers" ist nicht mehr bestimmt durch den Wert der 
Ware, die ihn bildet, den Wert des Goldes oder Silbers oder des 
Papiers. Vielmehr wird dieser „Wert" in Wirklichkeit bestimmt 
durch den Gesamtwert der zu zirkulierenden Waren (bei gleich- 
bleibender Umlaufsgeschwindigkeit). Der wirkliche Wertmesser ist 
nicht das Geld, sondern der „Kurs" des Geldes wird bestimmt durch 
das, was ich den gesellschaftlich notwendigen Zirkulationswert 
nennen möchte, der gegeben ist, wenn wir auch die Zahlungsfunk- 
tion des Geldes berücksichtigen, was wir bisher der Vereinfachung 
wegen unterlassen haben und worauf wir später ausführlich zu 
sprechen kommen, durch die Formel 

Wertsumme der Waren 



Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes 

plus der Summe der fälligen Zahlungen minus der sich ausgleichen- 
den Zahlungen, minus endlich der Anzahl Umläufe, worin dasselbe 
Geldstück abwechselnd bald als Zirkulations-, bald als Zahlungs- 
mittel funktioniert. Das ist natürlich ein Maßstab, dessen Größe 

Spricht man der „Rupie" die Eigenschaft eines Wertmessers zu, so ist das 
gleichbedeutend mit der Behauptung, daß ein Abstraktum Wertmesser sein 
könne, denn nach dem. 26. Juni 1893 war der Wert der Rupie nicht mehr 
durch den Gebrauchswert (!) des Stoffes, aus dem sie geprägt war, bedingt 

dieser letztere war ja nur mehr die stets Verschiebungen ausgesetzte untere 
( i i i'iize — ., sondern durch das Urteil über Eigenschaften und Brauchbarkeiten 
ilcr „Rupie", die außerhalb der aus ihrem Stoffe sich ableitenden lagen. 

Ganz ebenso ist die Meinung John Lubbocks, „daß ,exchange' seit 
Schließung der Münzstätten Wertmesser geworden sei, nur eine andere Form 
cIit nicht unbedenklichen (!) Behauptung, daß ein Abstraktum Wertmesser 
Min könne". Voilä tout. Man sieht, die sehr konkrete Hochachtung vor der 
Autorität Professor Lexis' hindert den Verfasser an jeder Kritik des Mangels 
im theoretischer „Abstraktion", die Lexis zu dem famosen Abstraktum führt. 
Wo »her der Begriff des Wertes mangelt, da stellt zur rechten Zeit das Wort 
„Wrlrnuen" sich ein. Vergleiche übrigens die treffende Polemik gegen Lexis 
l...i Arnold, a. a. O., S. 241 ff. 



41 



nicht im vorhinein ausgerechnet werden kann. Der Rechenmeister, 
der allein imstande ist, das Exempel zu lösen, ist die Gesellschaft. 
Die Größe wechselt und mit ihm der Kurs des Geldes. Dies zeigen 
der wechselnde Kurs der indischen Rupie von 1893 his 1897 und 
ebenso die Schwankungen der österreichischen Valuta sehr deut- 
lich. Diese Schwankungen werden vermieden, sobald als Wertmesser 
wieder eine vollwertige Ware (Silber, Gold) als Geld funktioniert. 
Dazu ist keineswegs nötig, wie wir gesehen haben, daß das Papier- 
geld oder unterwertiges Geld aus dem Verkehr verschwindet; es 
braucht bloß auf das Zirkulationsminimum reduziert werden und 
die Schwankungen, die über das Minimum hinausgehen, durch den 
Eintritt von vollwertigem Geld beseitigt werden. 

Das Mystische verliert die merkwürdige Geschichte der ge- 
sperrten Währungen oder der „Silberwährung mit vergoldetem 
Rand, des Goldmarginalsystems", wie man die indische und analoge 
Währungen genannt hat, erst dann, wenn man sie im Lichte der 
marxistischen Geldtheorie betrachtet, wie sie anderseits im Lichte 
der „metallistischen'Theorie unerklärbar bleibt. Knapp dagegen, der 
mit größtem Scharfsinn vi eleMängel der „metallistischen" Theorie- 
die Marxsche berücksichtigt er nicht und konfundiert sie offenbar 
mit jener - aufgedeckt hat, gibt selbst keine ökonomische Erklärung 
der Phänomene, sondern nur ein kunstvolles System der Einteilung 
der Geldarten, ohne auf ihr Entstehen oder ihre Entwicklung ein- 
zugehen. Es ist eine spezifisch juristische Darstellung, für die der 
breite Raum, den die Terminologie einnimmt, charakteristisch ist; 
das ökonomische Grundproblem des Geldwertes und der Kauf- 
kraft des Geldes bleibt gänzlich außerhalb der Betrachtung. 
Knapp ist gleichsam der Linne der Geldtheorie, während Marx 
auch hier Darwin ist. Aber dieser Linne kommt lange nach 
Darwin ! 

Knapp ist der konsequenteste Ausläufer jener Theorie, die, weil 
sie die Phänomene der Papierwährung nicht erklären kann, das bei 
dem Papiergeld mit Zwangskurs in die Augen fallende Phänomen 
des Einflusses der Quantität der ausgegebenen Papierzettel einfach 
auf die metallische und damit auf die Zirkulation überhaupt (Metall 



42 



^^^M 



plus Banknoten, die mit dem Staatspapiergeld zusammengefaßt 
werden) überträgt. Sie betrachtet nur das quantitative Verhältnis 
und übersieht dabei das Bestimmende des Wertes, sowohl des Waren- 
wertes als des Geldwertes. Ihr Irrtum entsteht aus den Erfahrungen 
der Papiergeldwirtschaft besonders Englands seit der Suspension 
der Barzahlung 1797. „Als historischer Hintergrund der Debatte 
diente die Geschichte des Papiergelds im 18. Jahrhundert, das Fiasko 
der Lawschen Bank, die mit der wachsenden Quantität der Wert- 
zeichen Hand in Hand gehende Depreziation der Provinzial-Bank- 
noten der englischen Kolonien in Nordamerika vom Anfang bis in 
die Mitte des 18. Jahrhunderts; dann später das von der amerika- 
nischen Zentralregierung während des Unabhängigkeitskrieges ge- 
setzlich aufgezwungene Papiergeld (Continental bills), endlich das 
auf noch größerer Stufenleiter ausgeführte Experiment der fran- 
zösischen Assignaten." 

Diesem falschen Schluß entging auch der Scharfsinn Ricardos 
nicht, und das ist psychologisch interessant für den übermächtigen 
Einfluß empirischer Eindrücke auf das abstrakte Denken. Denn 
gerade Ricardo geht sonst überall von den Quantitätsverhältnissen, 
die die Preise beeinflussen (von Nachfrage und Angebot als preis- 
liestimmenden Faktoren), zurück auf das den Quantitätsverhält- 
nissen Zugrundeliegende und sie Beherrschende, auf den Wert. 
Nur in der Geldfrage schiebt er den bereits gefundenen Wertbegriff 
liciseite. Er sagt: „If a mine of gold were discovered in either of 
lliese countries, the currency of that country would be lowered in 
v.ilue in consequence of the increased quantity of the precious metah 
liiought into circulation, and would therefore no longer be of the 
SJune value as that of other countries." Hier ist es die Quantität 
allein, die den Wert des Goldes senkt, und das Gold wird ganz ein- 

1 Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", S. 177. (Neuausgabe S. 184. 
DU Red.) 

2 „Würde in einem Lande eine Goldmine entdeckt, so würde in diesem 
Lande das Umlauf smittel entwertet werden infolge der vermehrten Menge 
ilc r edlen Metalle, die in Zirkulation treten würden, und es würde infolge- 
dessen nicht länger denselben Wert besitzen wie das Umlaufsmittel anderer 
I .ander." 



43 



scitig nur als Zirkulationsmittel gefaßt, woraus dann natürlich 
folgt, daß sofort alles Gold auch insgesamt in die Zirkulation ein- 
tritt. Und da die Quantität allein entscheidet, kann dann das Gold 
ohne weiteres gleichgesetzt werden mit der Banknote, die zwar 
Ricardo mit Worten zunächst als konvertibel voraussetzt, die ihm 
aber, dem Zustand der damaligen englischen Währung entsprechend, 
als Staatspapiergeld mit Zwangskurs vorschwebt. Daher kann er 
sagen: „If instead of a mine being discovered in any country, a 
bank were established, such as the Bank of England, with the power 
of issuing its notes for a circulating medium, after a large amount 
had been issued, . . . thereby adding considerably to the sum of the 
currency, the same effect would follow as in the case of the mine." 
Hier wird also die Wirkung der Bank von England und die der Ent- 
deckung einer Goldmine gleichgesetzt: denn beide vermehren das 
umlaufende Medium. 2 

Diese Gleichsetzung ließ dann weder die Gesetze der metallischen 
noch der Banknotenzirkulation richtig erkennen. Knapp wieder ist 
ganz bestimmt durch die geschilderten neuen Phänomene der sta- 
bilen „Papierwährungen" und der Loslösung des Silbergeldes von 
seinem Metallwert. Das letztere ist dem Silbergeld (also Metall- 
geld) mit dem Papiergeld gemeinsam. Das Papiergeld aber scheint 
in seinem Wert bestimmt durch den Staat, der es ausgibt. Da aber 
das Silber bei gesperrter Prägung in dieser einen Beziehung mit 
dem Papier übereinkommt, so entsteht die Illusion, daß das Papier — 
wie das Metallgeld, also das Geld überhaupt - bestimmt ist durch 
den Staat, und die staatliche Theorie des Geldes, die bewußt keine 
ökonomische ist, ist entstanden. Die Illusion, die ihr zugrunde liegt, 
erfordert folgende Kritik: 

1 „Wenn statt der Entdeckung einer Mine in einem Lande eine Bank, wie 
die Bank von England, errichtet wird mit der Befugnis, ihre Noten als Zir- 
kulationsmittel auszugeben, so wird, sobald eine große Summe Noten aus- 
gegeben ist, die so ein Beträchtliches zu der Summe der Umlaufsmittel bei- 
trägt, genau die gleiche Wirkung eintreten als im Falle der Entdeckung der 
Mine." 

2 Ricardo, „High Price of Bullion"; „The Works of David Ricardo. Her- 
ausgegeben von McCulloch". New edition. London 1888, S. 264. 



44 



„Die Einmischung des Staats, der das Papiergeld mit Zwangs- 
kurs ausgibt . . ., scheint das ökonomische Gesetz aufzuheben. Der 
Staat, der in dem Münzpreis einem bestimmten Goldgewicht nur 
einen Taufnamen gab, und in der Münzung nur seinen Stempel auf 
das Gold drückte, scheint jetzt durch die Magie seines Stempels 
l'apier in Gold zu verwandeln. Da die Papierzettel Zwangskurs 
haben, kann niemand ihn hindern, beliebig große Anzahl derselben 
in Zirkulation zu zwängen und beliebige Münznamen, wie 1 Pfd. St., 
3 Pfd. St., 20 Pfd. St., ihnen aufzuprägen. Die einmal in Zirku- 
lation befindlichen Zettel ist es unmöglich herauszuwerfen, da so- 
wohl die Grenzpfähle des Landes ihren Lauf hemmen, als sie allen 
Wert, Gebrauchswert wie Tauschwert, außerhalb der Zirkulation 
verlieren. Von ihrem funktionellen Dasein getrennt, verwandeln 
sie sich in nichtswürdige Papierlappen. Indes ist diese Macht des 
Staats bloßer Schein. Er mag beliebige Quantität Papierzettel mit 
beliebigen Münznamen in die Zirkulation hineinschleudern, aber 
mit diesem mechanischen Akt hört seine Kontrolle auf." (NB. Und 
damit hört zugleich auch Knapps Theorie gerade da auf, wo das 
ökonomische Problem beginnt.) „Von der Zirkulation ergriffen, 
l.illl das Wertzeichen oder Papiergeld ihren immanenten Gesetzer 



.uihcim. 



Die Schwierigkeiten der Erklärung rühren daher, daß die ver- 
•iliiedenen Geldfunktionen und die verschiedenen Geldarten (das 
Sl.iatspapiergeld und das Kreditgeld [s. in ff.]) durcheinander- 
geworfen werden. War es der Fehler der Quantitätstheorie, dem 
auch Ricardo nicht entging, die Gesetze des Staatspapiergeldes mit 
denen der Geldzirkulation überhaupt und insbesondere mit denen 
lies Hanknoten- (Kreditgeld-)Umlaufes zu konfundieren, so geschieht 
heute das Umgekehrte. Da die Quantitätstheorie mit Recht als 
widerlegt betrachtet wird, fürchtet man sich, den Einfluß der Quan- 
hliit auf den Geldkurs dort einzugestehen, wo er bestimmend ist, 
nniiilich bei Papiergeldwährung und bei Währungen mit „unter- 
u'rrtigcm" Geld. Man greift zu allerhand Erklärungen und hilft 

' Mnrx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", S. 115. (Neuausgabe 
> 125/126. Die Red.) Die Hervorhebungen rühren von mir her. 



II llilliiiiling, Das Finanzkapital 



45 



sich, weil man das gesellschaftliche Bestimmungsmoment nicht 
kennt, mit subjektiven Erklärungsversuchen und sucht den Wert 
des Staatspapieres auf irgendwelche Kreditschätzungen -zurück- 
zuführen. Da man aber anderseits beim Metallwert an dem Eigen- 
wert des Geldes festhalten muß, will man nicht wie Knapp ge- 
zwungen sein, überhaupt auf die Erklärung des ökonomischen 
Inhalts zu verzichten, so bleibt die Überwertung eben unerklärt. 
Bei Ricardo erklärt sich jede Wertänderung des Geldes aus Quan- 
titätsänderung. Da die Wertänderung nach seiner Theorie eine sehr 
häufige Erscheinung ist, der Wert des Geldes, je nachdem seine 
Quantität sich vermehrt oder vermindert, fällt oder steigt, also hei 
jeder Währung beständig Über- und Untcrwertung vorkommt, so 
ist für ihn die Überwertung weiter kein Problem. Er sagt: 

„Obschon das Papiergeld keinen inneren Wert hat, so kann doch, 
wenn man seine Menge begrenzt, sein Tauschwert dem Wert von 
Metallgeld im gleichen Betrage oder von nach ihrem Münzwert 
abgeschätzten Barren gleichkommen. Ganz ebenso, infolge desselben 
Prinzips, das heißt dadurch, daß man die Menge des Geldes ein- 
schränkt, können unterwertige Geldstücke in dem Wert zirkulieren, 
den sie haben würden, wären ihr Gewicht und ihr Gehalt die vom 
Gesetze vorgeschriebenen, nicht aber nach dem inneren Wert des 
reinen Metallcs, das sie enthalten. Deshalb finden wir in der Ge- 
schichte des englischen Geldes, daß unser Hartgeld niemals sich in 
dem gleichen Verhältnis entwertete, als es gefälscht wurde. Die 
Ursache liegt darin, daß es niemals im Verhältnis seiner Entwertung 
vermehrt wurde." (Principles XXVII.) Ricardos Fehler ist der, daß 
er Gesetze, die für die gesperrte Währung gelten, ohne weiteres 
auch auf die freie Währung überträgt. Die meisten deutschen Geld- 
theoretiker konfundieren aber ebenfalls beide Währungssysteme, 
nur umgekehrt, ebendeswegen haben sie der Quantitätstheorie 
gegenüber ein schlechtes Gewissen und fallen bei Problemen der 
Banknotenzirkulation immer wieder in die alten Anschauungen 
der Quantitätstheorie zurück, während sie bei den Problemen der 
gesperrten Währungen wieder die Erklärung aus der Quantität ver- 
abscheuen. 






Dagegen findet sich bei Fullarton eine interessante und im 
wesentlichen richtige Problemstellung der gesperrten Währung. Er 
setzt eine Nation ohne Handelsverkehr und ohne Einrichtung für 
sländige Erneuerung der Münze voraus, die ihren Umsatz im 
Irinern vermittels einer alten und unterwertigen (debased) metal- 
lischen Zirkulation besorgt, die eine hohe Kaufkraft behält nur 
(I u ich die Beschränkung ihrer Menge (which preserves a high rate 
ol exchangeable value merely by the limitation of its amount). Die 
Nation verbraucht dabei Edelmetalle in ausgedehntem Maße zu 
I .iimis- und Schmuckzwecken und exportiert jährlich um eine halbe 
Million Industrieprodukte in ein Minen besitzendes Land, um ihren 
l.ilirlichen Edelmetallbedarf zu decken. Nun werden durch Ver- 
besserung in den Abbaumethoden oder durch Entdeckung neuer er- 
giebiger Minen die Kosten der Gold- und Silberproduktion in dem 

I ,.mdc, wo die Minen liegen, auf die Hälfte reduziert; ferner wird 
Lafol ged essen die Produktion verdoppelt, der Preis der Metalle am 
Orte wird entsprechend fallen; die Kaufleute der erwähnten Nation 
würden so imstande sein, für dieselbe Quantität der exportierten 
i lüt&r statt einer halben Million eine Million dieser Metalle ein- 
/iiliihren. Was wäre der Effekt? Sicher keiner, der wesentlich ver- 
schieden wäre von der Wirkung eines Überangebots irgendeiner 
.imlrren, gleich dauerhaften Ware. Da die frühere jährliche Kon- 

' niiilion von Gold und Silber für Luxuszwecke in dem Lande durch 
ilcii Import zu dem Werte von einer halben Million vollständig be- 

I I inligt worden war, werden sich Abnehmer für mehr nicht früher 
Finden, bis nicht eine neue Nachfrage durch Senkung des Preises 
;'•,( lialfcn ist; in Übereinstimnrang damit müssen die Preise des 
j ki i eingeführten Metallvorrates, geschätzt in der entwerteten Wäh- 
rung, mehr oder weniger rasch fallen, je nachdem die Kaufleute 
niiiir oder weniger rasch ihre Ware realisieren (the prices, aecor- 
dhigly, of the newlyimported stock of metals, as estimated inthebase 

i ui i riicy, would decline with more or less rapidity as the merchants 
inij'lit he more or less eager to realize their returns). Aber während 
ill dieser Zeit (bis durch die Konkurrenz die Preise der Metalle auf 
Ihre Produktionskosten reduziert sind) würde der Preis aller anderen 



46 



47 






Waren außer von Gold und Silber, gemessen in der lokalen Wäh- 
rung dieses Landes, unverändert bleiben; und solange nicht etwas 
von dem überschüssigen Metallwert verwendet werden könnte zu 
Austauschakten mit einem dritten Lande, das in dem Bezug von 
Gold und Silber weniger begünstigt wäre, würde das importierende 
Land von diesen periodischen Erwerbungen des Metallreichtums 
keinen Vorteil haben, außer dem, der aus der größeren Verbreitung 
der Verwendung von Gold und Silber zu häuslichen Zwecken ent- 
springt. (But, all this time, the price of every other commodity but 
the gold and silver, as measured in the local currency of the country, 
would remain unmoved; and, unless some of the surplus stock of the 
metals thus acquired could be turned to account in commercial 
exchange with some third country less favourably circumstanced 
for procuring its supplies of gold and silver direct from the mines, 
the importing country would derive no advantage from these 
periodical accessions of metallic wealth, beyond such gratification 
as can be derived from the more generally diffused application of 
gold and silver to domestic uses.) 

Hier ist also der Fall der Überwertung des österreichischen Silber- 
guldens theoretisch konstruiert. Nur daß Fullarton die quantitative 
Bestimmung durch das gesellschaftliche Zirkulationsminimum nicht 
gibt. 

Dann untersucht Fullarton die ganz anderen Verhältnisse unter 
einer, wie wir heute sagen, freien Prägung. Er fragt nach der Wir- 
kung, die die gleichen Umstände in einem Lande mit ausgedehn- 
teren Handelsbeziehungen haben würden, dessen Geldsystem in 
einem besseren Zustande wäre, das also einen vollwertigen Metall- 
geldumlauf hätte (a füll metallic circulation of Standard weight and 
fineness), einen unbeschränkten Metallhandel und eine zur Aus- 
prägung des Währungsmetalls verpflichtete Münze (a mint open 
for the coinage of all the Standard bullion which might be brought 
to it). Dann würde die Wirkung der Verdoppelung des Angebots 
der Minen eine ganz verschiedene sein. Es könnte kein Steigen des 
Marktpreises der Barren eintreten, denn der Preis des Goldes, ge- 
messen in der Münze desselben Metalls, kann nicht variieren; sie 



48 



mögen zusammen fallen oder steigen, aber eine Abweichung kann 
nicht eintreten. Daher würde es kein ungewöhnlich dringliches 
Angebot auf dem Markt für Goldbarren infolge der Zunahme 
des Imports geben, noch, wenigstens in der ersten Zeit, einen 
/Ynreiz zu vermehrter Konsumtion; die Barren würden alle in die 
Münze zur Ausprägung geschickt werden und den Importeuren 
einen enormen Zuwachs an Reichtum verschaffen, die jetzt nach 
dem Ausmaß der so erlangten Mittel sofort Konkurrenten für jede 
Art produktiver Anlage auf dem Markte würden, wie für alle 
Objekte, die zu den Annehmlichkeiten des Lebens beitragen. Da 
nber das Angebot von solchen Luxusgegenständen stets beschränkt 
ist und in keiner Weise durch diese große Überschwemmung mit 
zirkulierender Münze vermehrt würde, so würde die unvermeidliche 
Kolge sein: zuerst ein Fall der Zinsrate; dann eine Steigerung des 
Hodenpreises und aller zinstragenden Wertpapiere; schließlich eine 
fortschreitende allgemeine Steigerung aller Warenpreise, bis diese 
Preise ein Niveau erreicht haben werden, welches den verringerten 
Produktionskosten der Münze entspricht, worauf die Wirkung auf 
den Zinsfuß aufhört, der neue Vorrat von Münzen von dem alten 
iibsorbiert wird und die Visionen von plötzlichem Reichtum und 
Prosperität verschwinden, ohne andere Spur zurückzulassen als die 
größere Anzahl und Gewicht der Münzen, die bei jedem Kauf 
und Verkauf gezahlt werden müßten. („There would, in that case, 
!><• no rise of the market-price of the bullion, for the price of gold, 
measured in coin of the same metal, and of equal fineness, can never 
v.iry; they may both rise or both fall together, as compared with 
lommodities, but there can be no divergence. Neither would there 
lie any unusual pressure on the bullion market in consequence of 
the increased importation, nor, at least, in the Erst instance, any 
inducement to a larger consumption, and the rest would all be sent 
In llie mint for coinage, yielding an enormous accession of wealth to 
llie importers, who, to the extent of the means thus placed in their 
haods, would immediately become competitors for every description 
of produetive investment in the market, as well as for all the mate- 
riiil objeets which contribute to human enjoyment. But as the supply 



+9 



of such objects of desire is always limited, and would in no way be 
augmented by this great inundation of circulating coin, the ine- 
vitable results would be, first, a decline of the market-rate of inter- 
est; next, a rise in the value of land, and of all interest-bearing 
securities ; and lastly, a progressive increase in the prices of commo- 
dities generally, until such prices should have attained a level corre- 
sponding with the reduced cost of procuring the coin, when the 
action on interest would cease, the new stock of coin would be 
absorbed in the old, and the visions of sudden riches and prosperity 
would pass away, leaving no trace behind them but in the greater 
number and weight of the coins to be counted over on every occasion 
of purchase and sale.") 1 

Es muß aber noch eine charakteristische Überwertung des Geldes 
erwähnt werden, charakteristisch deshalb, weil sie ganz automatisch 
ohne jedes Eingreifen des Staates zustande kommt. Während der 
letzten Kreditkrise im Herbst 1907 in den Vereinigten Staaten ent- 
stand plötzlich ein Agio auf Geld, nicht etwa bloß auf Goldgeld, 
sondern auf alle Arten von gesetzlichen Zahlungsmitteln, Gold- 
und Silbermünzen, Staatspapiergeld (Greenbacks) und Banknoten. 
Das Agio betrug anfangs über 5 Prozent. Die Tatsachen beleuchtet 
folgende New- Yorker Korrespondenz der „Frankfurter Zeitung" 
vom 21 . November 1907 : „In einem großen Teil der amerikanischen 
Handelsplätze sind die Barzahlungen vollständig eingestellt. Dort 
werden Privatgeldzeichen gegeben, in anderen werden Zahlungen 
teilweise in solchen und teilweise in bar geleistet. An vielen Stellen 
kursiert Bargeld eigentlich nur noch als Scheidemünze. In 
77 amerikanischen Städten ist Notstandsgeld emittiert worden, das 
heißt Clearinghousezertifikate oder besonders für die Gelegenheit 
hergestellte Bankschecks, meist aber die ersteren. Während vor der 
Krisis nur vielleicht ein Dutzend amerikanischer Städte Clearing- 
institute hatten, sind solche jetzt in etwa hundert Plätzen gegründet 
worden. Sobald die Krisis in New York ausgebrochen war, taten 
sich die Geldinstitute in diesen Orten zur gemeinsamen Abwehr 
der drohenden Gefahr zusammen. Abweichend von dem Verfahren 



1 John Fullarton, „On the regulation of currencies", 2. ed. 1845, S. 59 ff. 



50 



in New York, wo die Clearingzertifikate nur auf große Summen 
ausgestellt sind, schufen diese Clearinganstalten nun ein für den 
allgemeinen Verkehr berechnetes Notstandsgeld, und zwar in den 
Bedürfnissen des Kleinverkehrs angepaßten Abschnitten von 1, 2, 
5 und 10 Dollar. Diese Geldzeichen zirkulieren in den Clearing- 
orten und der nahen Umgebung ganz ungehindert, Arbeiter nehmen 
sie an Stelle ihres Lohnes, Kaufleute für Waren usw., sie gehen von 
Hand zu Hand und haben, wenn überhaupt, meistens nur ein ge- 
ringes Disagio gegenüber Bargeld zu erleiden. Wie stark der Bar- 
geldmangel auch in New York ist, zeigt zum Beispiel, daß selbst die 
mächtige Standard Oil Company ihre Arbeiter in zertifizierten 
Schecks ablohnen mußte. Nur im Verkehr mit den Regierungs- 
instituten läßt sich das Notstandsgeld nicht gebrauchen, die öffent- 
lichen Kassen bestehen auf Legal Tender, und somit muß Bargeld 
beschafft werden. Es ist dies die vornehmste Ursache für das Auf- 
geld auf Barmittel. Als letzter Tage die American Sugar Refming 
Company hier nicht ausreichend Bargeld auftreiben konnte, um 
eine Zuckerladung aus dem Zollverschluß zu nehmen, mußte sie 
einige Etablissements einen oder zwei Tage stillegen." 

Das Eigentümliche der Erscheinung besteht darin, daß die vor- 
handene Zirkulationsmenge für die Bedürfnisse des Verkehrs zu 
gering wurde. Die Kreditkrise hatte ein starkes Bedürfnis nach barer 
Zahlung hervorgerufen, da die Ausgleichung der Zahlungen durch 
Kreditgeld (Wechsel, Giroübertragungen usw.) gestört wurde. Ein 
I Icißhunger nach Bargeld entstand. Während aber die Zirkulation 
mehr Bargeld verlangte, verschwand gleichzeitig Bargeld aus der 
Zirkulation und wurde als Reserve aufgeschatzt. 1 An Stelle des ver- 
schwundenen Geldes suchte man neues zu schaffen, die Clearing- 
'/ertifikate, in Wirklichkeit unter gemeinsamer Garantie der im 

1 In einem Mitte Jänner 1908 dem Kongreß vorgelegten Bericht schätzt 
der amerikanische Schatzseln-etär Cortelyon den Gesamtbetrag des baren Gel- 
des, welches seit der Zahlungseinstellung der Kmekerboclier Trust Company 
liis zur Wiederherstellung des Vertrauens von dem Publikum zurückgehalten 
werde, auf annähernd 296 MilUorum Dollar, Diese Summe stellt im wesent- 
lichen ein Zehntel des ganzen in den Vereinigten Staaten annähernd im Um- 
liiuf befindlichen Geldes dar. * 



51 



Clearingverkehr stehenden Banken ausgegebene Noten. Die gesetz- 
liche Beschränkung der Notenausgabe wurde so einfach contra oder 
zumindest praeter legem gesprengt, wie in England in gleichen 
Fällen die Peels-Akte suspendiert wurde. Aber dieses Kreditgeld 
hatte nicht gesetzliche Zahlkraft, und das Bargeld reichte nicht aus. 
So wurde es überwertet und blieb solange überwertet (es bedang ein 
„Agio"), bis die Goldzufuhren aus Europa, die Wiederherstellung 
normaler Kreditverhältnisse und die kolossale Einschränkung der 
Zirkulation unmittelbar nach der Krisis die „Geldnot" beseitigte 
und in große Geldflüssigkeit verwandelte. Die Höhe des Agio war 
wechselnd und bedingt durch den „gesellschaftlichen Zirkulations- 
wert". Das Charakteristische ist, daß das Agio ganz gleich war für 
Papier wie für Metall, der beste Beweis, daß es mit irgendeiner 
Steigerung im Goldwert nichts zu tun hatte. 

Die Ausgabe von Papiergeld mit Zwangskurs ist bekanntlich für 
den Staat häufig ein Mittel gewesen, Zahlungen zu leisten, für die 
ihm sonst die Mittel fehlten. Das Papiergeld warf zunächst das voll- 
wertige Metallgeld aus der Zirkulation hinaus, das ins Ausland zur 
Bezahlung etwa der Kriegsauf Wendungen abfloß. 1 Bei weiterer Aus- 
gabe fand dann Entwertung des Papiergeldes statt. Für die Wäh- 
rung mit gesperrter Prägung gilt also die Quantitätstheorie, die ja 
auch durch Verallgemeinerung der Erfahrungen, die man um die 
Wende des 18. Jahrhunderts mit der amerikanischen, französischen 
und englischen Währungszerrüttung gemacht hatte, formuliert 
worden ist. In solchen Fällen kann man auch von Inflation, Über- 
füllung der Zirkulation und (in besonderen Fällen) von Mangel an 



1 Nach dem alten Gesetz, daß das schlechtere Geld im Umlauf das bessere 
verdrängt. Man liest bei Macaulay: „Der erste Schriftsteller, welcher auf die 
Tatsache aufmerksam gemacht hat, daß, wo gutes und schlechtes Geld zu- 
sammen in Umlauf gesetzt worden, das schlechte Geld das gute verdrängt, 
ist Aristophanes. Er scheint geglaubt zu haben, daß der Vorzug, welchen 
seine Mitbürger dem leichteren Gelde geben, seinen Grund in demselben 
schlechten Geschmacke habe, welcher sie verleitete, Leuten, wie Cleon und 
Hyperbolus, die Leitung großer Angelegenheiten anzuvertrauen. Wenn aber 
auch seine Nationalökonomie die Prüfung nicht besteht, so sind doch seine 
Verse vortrefflich: 



52 



Zirkulationsmitteln sprechen. Dagegen ist bei freier Prägung, auch 
wenn das Minimum der Zirkulation durch Zwangspapiergeld aus- 
gefüllt ist, eine Inflation unmöglich. Das konvertible Kreditgeld 
kehrt, wenn im Überfluß vorhanden, sofort zur Ausgabestelle zu- 
rück, das Goldgeld ebenso, und wird in den Kellern der Bank als 
Goldschatz aufgespeichert. Als allgemeines Äquivalent ist es zu- 
gleich allgemein gültige und stets begehrte Form der Wert- und 
Keichtumsansammlung. Papiergeld mit Zwangskurs aufspeichern 

IToXXdxtg 8' f\\iXv edo£ev fj jzSXig jieitov&ivai 

tavzov eg ze zmv noXixmv zovg xaXovg rs xdya&ovg, 

Ei ze xdgxaXov vifiiafia, xal ro xaivov xgvoiov. 

ovze ydg zovzoioiv ovaiv ov xexißStjXev/ievoig , 

dXXd xaXXtozots äxdvzcov, d>g öoxst, vo/iio/idzcov, 

xal /iövotg dgdßg xonüai, xal xexadcovioftevotg 

er ze zoXg "EXXtjot xal xoXg ßagßägoiai narzaxov, 

XQwfieü' ovdev, dXXd xovxoig tolg novrjgoig yaXxloig, 

X&es xe xal TZQtörjv xoizeioi T<p xaxlaxq) xdfifiaxi' 

reüv noXizo&v #' ovg fiev Xofiev evysveXg xal adxpgovag 

ävSgag Svxag xal dtxaiovg, xal xaXovg xe xdya&ovg, 

xal xgayivxag h> JiaXalotgatg xal %oQoXg xal fiovaixfj, 

jigovaeXovfiev' zotg de jjaÄxoes xal g't'voig xal JIvgg'iaig, 

xal novrigoXg xdx novrjg&v, elg axavza xgwfie&a." 

In deutscher Übersetzung: 

Manches Mal hat mir's geschienen: unsenn Staate geht es ganz 

Kbenso mit seinen Bürgern, welche fein und edel sind, 

Wie's mit unsrer alten Münze bei dem neuen Golde geht. 

Jene, wenn auch probehaltig, ungefälscht an Schrot und Korn, 

Jn, von allen Münzen, wie mir dünkt, die beste nach Gehalt, 

Die, allein von echter Prägung und bewährt durch lautern Klang, 

Geltung hat bei Hellas Söhnen und im Ausland überall, 

llraucht ihr nicht; nein, lieber braucht ihr dieses schlechte Kupfergold, 

Gestern und ehegestern ausgeprägt, vom ärgsten Schlag. 

So die Bürger, die wir kennen, edel durch Geburt und Sinn, 

IVTnnner, fein, wohlwollend, redlich, ehrenhaft, gerecht und gut, 

Gut gepflegt in Ringerschulen, Chorgesang und Musenkunst, 

Die verstoßt ihr, und das Falschgold, Pyrrhiasse, Fremdlinge, 

Schurkensöhn' und Schurken braucht ihr keck zu allem. 

(Aristophanes. Deutsch von J. J. C. Donner. Leipzig und Heidelberg 1861, 
„Dir Frösche", S. 744 ff.) 



55 



ist sinnlos, da es nur innerhalb der Zirkulation des Landes sich als 
Wert erweist; Gold ist Weltgeld und bildet die Reserve für alle 
Ausgaben. Seine Ansammlung erscheint daher stets rationell. Gold 
ist selbständiger Wertträger auch außerhalb der Zirkulation, wäh- 
rend das Papiergeld nur innerhalb der Zirkulation einen „Kurs" 
erhält. 

Daß Papiergeld im Übermaß ausgegeben wird, erscheint nur in 
seiner Entwertung gegenüber dem Metall, das es zu vertreten vor- 
gibt. Aber in einem gegebenen Moment ist nicht etwa weniger oder 
mehr Papier da, als die Zirkulation erforderte. Gesetzt, die Zirku- 
lation erfordert 1 Million Gulden, der Staat hat aber durch seine 
Zahlungen 2 Millionen in die Zirkulation gepreßt; die Preise sind 
nominell auf das Doppelte gestiegen und erfordern jetzt die 2 Mil- 
lionen Papiergulden. Diese sind entwertet, weil sie im Übermaß 
ausgegeben wurden; aber da sie einmal ausgegeben sind, erfordert 
sie jetzt auch die Zirkulation. Sie können also nicht automatisch aus 
der Zirkulation austreten; ihre Summe kann bei gleichbleibender 
Warensumme nur verringert werden, indem sie der Staat wieder 
vernichtet, wodurch die zurückbleibende Geldsumme im Verhältnis 
im Kurs steigt. Für den Staat würde das natürlich den gleichen Ver- 
lust bedeuten, als der Gewinn betrug, den er durch die Ausgabe 
seinerzeit erzielt hat. Das Wesentliche ist hier, daß bei gesperrter 
Prägung und wertlosem oder unterwertigem Zirkulationsmittel die 
ganze Summe des Geldes in der Zirkulation bleiben muß und aus 
ihr nicht austreten kann, weil sie, in welchem Umfang immer aus- 
gegeben, ihren Kurs von den in Zirkulation befindlichen Waren 
erhält. Anders bei freier Prägung ; hier tritt das Gold in die Zirku- 
lation ein oder aus nach dem jeweiligen Bedarf, während der Über- 
fluß als Wertträger in den Banken aufgestapelt wird. Wertänderun- 
gen aus dem Umstand, daß zuviel oder zuwenig Geld (vollwertiges 
Metallgeld) in Zirkulation befindlich ist, wie die Quantitätstheorie 
annahm, sind hier also von vornherein ausgeschlossen. 

Bei reiner Papierwährung wechselt also die durch das Papier 
repräsentierte Preissumme bei gleichbleibender Umlaufszeit in 
gleichem Verhältnis zur Preissumme der Waren und im umgekehr- 



leii Verhältnis zur Menge der ausgegebenen Papiergeldeinheiten. 
Dasselbe Gesetz gilt, wenn bei gesperrter Prägung die Zirkulation 
von einem minderwertigen Metall versorgt wird. Nur ist hier in 
dem Preis des Metalls auf dem Weltmarkt die untere Grenze der 
KnLwertung gegeben. Unter diesen Wert kann die Münze auch bei 
vermehrter Ausgabe nicht sinken. Würde übrigens auch bei Gold- 
währung die freie Prägung, also das Recht der Privaten, ihr Gold 
jederzeit ausgeprägt zu erhalten, aufgehoben werden, so könnte 
äiuch hier eine Steigerung der Bewertung der Münze gegenüber 
drin ungemünzten Metall eintreten. In all diesen Fällen werden 
die Zirkulationsmittel nicht Geld-, also Goldzeichen, sondern Wert- 
zeichen. Sie würden aber diesen Wert erhalten nicht durch den Wert 
einer Einzelware, so wie das Papier bei gemischter Währung, wo 
es nur Repräsentant des Goldes ist, diesen Wert vom Golde erhält. 
Sondern die gesamte Papiergeldmasse hat gleichen Wert wie die 
( lesamtsumme der in Zirkulation befindlichen Warenmasse bei 
gleichbleibender Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes. Ihr Wert ist 

1 Auf die Erklärungsversuche der modernen Ökonomen dürfte man dann 
ivspnnnt sein. Mitte der neunziger Jahre, als die Goldprodultion rasch wuchs 
n ml zugleich starke Geldflüssigkeit und niedriger Zinssatz (Marktdiskont 
in I .ondon unter 1 Prozent) eintrat, wurde der Gedanke der Einstellung der 
1 1 i'ii-n Goldprägung in England diskutiert. 

IJiis Problem wird übrigens auch von Tooke erörtert. Veranlassung gab 
ilie Kontroverse über Nützlichkeit und Wirkung der Einführung eines 
Selilagschatzes (seignorage, Prägegebühr), wie diesen auch im Ausmaße von 
'i l'rozent Ricardo befürwortete. „Eine unterwertige Münze (debased coinage) 
inlrr eine solche, die einem Schlagschatz unterworfen ist, wird, wenn nicht 
«li-ii hzeitig die Menge des gesamten im Umlauf befindlichen Geldes begrenzt 
wird, natürlich nicht denselben- Tauschwert haben (not be of the same value 
im rxchange), als wenn die Münze vollwertig wäre oder ein Prinzip der Ein- 
ni IniinkuDg strikt durchgeführt würde." Zur Illustration setzt dann Tooke 
folgenden Fall: „Die Zirkulation des Landes bestände nur aus Gold und be- 
1 1 i«k° 20 Millionen Sovereigns von demselben Gewicht und derselben Fein- 
heit wie gegenwärtig; wenn plötzlich jedes Goldstück um ein Zwanzigstel 
■ > 1 1 < ■ i- 5 Prozent reduziert würde, aber die Zahl der Stücke genau auf den 
Ulrichen Betrag von 20 Millionen beschränkt bliebe, dann würde unter sonst 
gleichen Umständen, bei ungeändertem Verhältnis der Waren usw. zu der 
Zahl der Münzen selbstverständlich keine Veränderung in den Preisen ein- 



54 



55 



also nur Reflex des gesellschaftlichen Prozesses der Gesamtzirkula- 
tion. In ihr wirken alle in einem gegebenen Moment auszutauschen- 
den Waren als eine einzige Wertsumme, als Einheit, der die Papier- 
geldmasse durch den gesellschaftlichen Prozeß des Austausches als 
gleiche Einheit gegenübergestellt wird. 

Aus dem bisher Entwickelten geht aber auch bereits hervor, daß 
eine solche reine Papierwährung auf die Dauer den Anforderungen 
an das Zirkulationsmittel nicht entspricht. Da sein Wert bestimmt 
ist durch die Wertsumme der jeweils zirkulierten Waren, diese aber 
beständigen Schwankungen unterworfen ist, würde auch der Wert 
des Geldes beständig schwanken. Das Geld würde nicht mehr das 
Maß der Werte der Waren sein, sondern umgekehrt, sein Wert 
würde gemessen durch das jeweilige Zirkulationsbedürfnis, also bei 
gleichbleibender Zirkulationsgeschwindigkeit durch den Wert der 
Waren. Reines Papiergeld ist also auf die Dauer unmöglich, weil 
dadurch die Zirkulation beständigenPerturbationenausgesetztwäre. 

Abstrakt genommen ließe sich ein Zustand reiner Papierwährung 
folgendermaßen konstruieren. Man denke sich einen geschlossenen 

treten. Und wenn Barrengold vorher auf dem Markt per Unze 3 Pfund Ster- 
ling 17 Schilling 10% Pence galt, so würde der Preis unter sonst gleich- 
bleibenden Umständen derselbe bleiben; oder mit anderen Worten: 46 Pfund 
Sterling 14 Schilling 6 Pence in gemünztem Gold, die neunzehn Zwanzigstel 
Pfund wiegen, würden auf dem Markt ein ganzes Pfund ungemünzten 
Goldes derselben Feinheit eintauschen. Wenn aber die Quantität des Goldes, 
die so von jeder einzelnen Münze fortgenommen wurde, nun in eine zu- 
sätzliche Menge von Goldstücken ausgemünzt und in Zirkulation geworfen 
würde, so würden jetzt die 21 Millionen keine größere Tauschkraft besitzen 
als vorher die 20 Millionen. (The twenty-one millions would then exchange 
for no more than the former twenty millions.) Alle Waren würden um 
5 Prozent im Preis steigen und unter ihnen auch das Barrengold, welches 
dann 4 Pfund Sterling 1 Schilling 9\i Pence kosten würde; oder in anderen 
Worten 46 Pfund Sterling 14 Schilling 6 Pence in Münze würden nur neun- 
zehn Zwanzigstel eines Pfundes ungemünzten Goldes eintauschen. 

Dies ist der Kernpunkt aller Baisonnements über Umlaufsmittel (currency) 
und seine Anwendung in bezug auf die Macht des Staates, durch sein Aus- 
gabemonopol den Nominalwert der Münze über ihren inneren Wert (intrinsic 
value) bei ausschließlich metallischer Währung zu steigern, ist hinreichend 
klar." (Siehe „History of Prices", vol. I., S. 120 ff.) 



I landelsstaat, der Staatspapiergeld mit Zwangskurs in einer den 
durchschnittlichen Zirkulationsbedürfhissen genügenden Menge 
uusgebe. Diese Papiergeldsumme sei unvermehrbar. Die Bedürf- 
nisse der Zirkulation werden außer durch dieses Papiergeld durch 
Hanknoten usw. versorgt, genauso wie bei metallischer Währung. 
Das Papiergeld diene nach Analogie der meisten heutigen Noten- 
bankgesetzgebungen als Deckung für diese Banknoten, die im 
übrigen bankmäßig gedeckt seien. Die Unvermehrbarkeit des 
Papiergeldes würde es vor Entwertung sichern. Das Papiergeld 
würde dann je nach den Verhältnissen der Zirkulation analog wie 
heute das Gold in die Bank fließen oder von Privaten aufgeschatzt 
werden, wenn der Umfang der Zirkulation abnähme, und wieder 
in die Zirkulation zurückfließen, wenn ihr Umfang sich erweiterte. 
In der Zirkulation verbliebe immer das jeweils gebrauchte Zirku- 
l.ilionsminimum, während die Schwankungen der Zirkulation durch 
ein Mehr oder Minder von Banknoten befriedigt würden. Ein sol- 
ches Staatspapiergeld hätte also Wertbeständigkeit. Nur wenn der 
Kredit zusammenbräche, eine Geldkrise einträte, könnte eventuell 
die Masse des vorhandenen Papiergeldes nicht ausreichen und dieses 
«■in Agio erhalten wie etwa das Gold und die Greenbacks während 
der letzten Geldkrise in den Vereinigten Staaten. In Wirklichkeit 
ist aber eine solche Papierwährung nicht möglich. Einmal wäre 
dieses Papiergeld nur gültig innerhalb des einen Staates; zum Aus- 
gleich der internationalen Bilanzen ist Metall, Geld mit Eigenwert, 
erforderlich, und sobald dies der Fall, muß auch der Wert des im 
Inland zirkulierenden Geldes mit dem internationalen Zahlungs- 
mittel auf gleichem Stand erhalten werden, um Störungen des 

I I andelsverkehrs zu vermeiden, eine Forderung, die durch das 
System und die Politik zum Beispiel der österreichischen Währung 
erfüllt wird, ohne daß dabei Metall in die inländische Zirkulation 
einzutreten braucht. Es ist wie eine Vorahnung dieser neuesten Er- 
fahrungen auf dem Gebiete des Geldwesens, wenn Marx sagt: „Alle 
(beschichte der modernen Industrie zeigt, daß Metall in der Tat nur 
erheischt wäre zur Saldierung des internationalen Handels, sobald 
dessen Gleichgewicht momentan verschoben ist, wenn die inlän- 



56 



57 



dische Produktion organisiert wäre. Daß das Inland schon jetzt kein 
Metallgeld bedarf, beweist die Suspension der Barzahlungen der so- 
genannten Nationalbanken, zu der, als zum einzigen Hilfsmittel, 
in allen extremen Fällen gegriffen wird." 1 



1 „Kapital", III., 2, S. 55. (Neuausgabe: Karl Marx, „Das Kapital", 
Bd. III, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 562. Die Red.) Man hat übrigens bei 
manchen Äußerungen von Marx über die Geldprobleme die Empfindung, daß 
in seinem Bewußtsein gewisse Folgerungen, die sich aus seiner Geldtheorie 
ergeben, einen Kampf führen gegen die Anschauungen, die aus dem empiri- 
schen Material seiner Zeit gewonnen und auf bloß logischem Wege nicht 
völlig zu überwinden sind. Die neuesten Erfahrungen gerade bestätigen 
auch die letzten Konsequenzen, die sich aus der Marxschen Wert- und Geld- 
theorie ziehen lassen. 

Wenn Marx betont, daß nur so viel Papier in der Zirkulation sein kann, 
als sie Gold erforderte, so ist es für das Verständnis der modernen Währungs- 
phänomene wichtig, sich zu erinnern, daß diese Goldmenge selbst, da ihr 
Wert gegeben ist, jeweilig bestimmt ist durch den gesellschaftlichen Zirku- 
lationswert; sinkt dieser, so fließt Gold aus der Zirkulation ab; umgekehrt, 
umgekehrt. Bei Papierwährung und gesperrter Währung überhaupt kann 
aber ein Ab- und Zufluß aus der Zirkulation nicht stattfinden, da ja das nicht 
zirkulierende Papierzeichen minderwertig wäre. Hier muß man also auf 
den Zirkulationswert als das Bestimmende zurückgehen, und man kann sich 
nicht begnügen, die Geldzeichen als bloße Goldzeichen zu betrachten wie 
Marx in der „Kritik der politischen Ökonomie". 

Am richtigsten scheint mir Marx die Gesetze der Papier- (oder gesperrten) 
Währung zu formulieren, wenn er sagt: „Die wertlosen Marken sind Wert- 
zeichen, nur soweit sie das Gold innerhalb des Zirkulationsprozesses ver- 
treten, und sie vertreten es nur, soweit es selbst als Münze in den Zirkulations- 
prozeß eingehen würde, eine Quantität, bestimmt durch seinen eignen Wert, 
wenn die Tauschwerte der Waren und die Geschwindigkeit ihrer Meta- 
morphosen gegeben sind." („Zur Kritik der politischen Ökonomie", S. 113. 
[Neuausgabe S. 124. Die Red.]) Nur erscheint der Umweg überflüssig, den 
Marx einschlägt, indem er zuerst den Wert der Münzmasse bestimmt und 
durch ihn erst den des Papiergeldes. Der rein gesellschaftliche Charakter 
dieser Bestimmung kommt viel deutlicher zum Ausdruck, wenn man den 
Wert des Papiergeldes direkt vom gesellschaftlichen Zirkulationswert ab- 
leitet. Daß historisch die Papiergeldwährungen aus Metallwährungen ent- 
standen, ist kein Grund, sie auch theoretisch so zu betrachten. Der Wert 
des Papiergeldes muß abgeleitet werden können, ohne auf das Metallgeld 
zu rekurrieren. 



58 



Dann aber scheitert diese Währung praktisch an dem Umstand, 
daß keine Garantie möglich wäre, die die Unvermehrbarkeit eines 
solchen Staatspapieres gewährleisten würde. Als Aufbewahrungs- 
mittel des Reichtums in seiner stets schlagfertigen Form ist Geld 
mit Eigenwert, Gold, stets notwendig. 1 

Deshalb kann das Geld und der selbst wertvolle Geldstoff, zum 
Beispiel das Gold, in der Zirkulation, wenn sie anders ungestört 
verlaufen soll, nie vollständig durch bloße Zeichen ersetzt werden. 
Faktisch läuft daher auch in der reinen Papierwährung immer voll- 
wertiges Geld um, etwa für ausländische Zahlungen. Es kann immer 
nur das Minimum, unter das die Zirkulation erfahrungsmäßig nicht 
heruntergeht, durch Papier ersetzt werden. Dies ist aber zugleich 
ein Beweis dafür, daß das Geld ebenso wie die "Ware keinen imagi- 
nären Wert hat, sondern dieser eine objektive Größe sein muß. Die 
Unmöglichkeit der absoluten Papierwährung ist ein strikter Experi- 
mentalbeweis für die objektive Wertlehre, so wie nur auf Grund 
dieser Wertlehre die eigentümlichen Phänomene, die die reine 
Papierwährung und überhaupt die Währung bei gesperrter Prä- 
gung darbieten, erklärt werden können. 

Dagegen ist es rationell, in dem Umfang, den das Zirkulations- 
minimum gestattet, das vollwertige Geld, also Gold, durch relativ 
wertlose Zeichen zu ersetzen. Denn in dem Prozeß W-G-W ist das 
('■cid für den Inhalt des Prozesses, für den gesellschaftlichen Stoff- 
wechsel, überflüssig und bildet nur Unkosten, die erspart werden 
können." Nur in diesem Umfang in der Zirkulation befindlich, ist 

1 Es ist daher nicht richtig, wenn Helfferich sagt: „Theoretisch würde die 
Möglichkeit bestehen, ein reines Papiergeld den Schwankungen des Geld- 
l.cdarfes der Volkswirtschaft anzupassen und dadurch manche Störungen zu 
vrnueiden, die bei den metallischen Währungen aus Verschiebungen des 
Ueichgewichtes zwischen Geldbedarf und Geldversorgung hervorgehen 
Wunen." „Das Geld", S. 470. 

2 Papiergeld ist also kein „fehlerhaftes" oder „schlechtes, minderwertiges" 
(leid; in der richtigen Proportion in Zirkulation befindlich, widerspricht 
M durchaus nicht den ökonomischen Gesetzen. Es ist nur Unklarheit über 
(Mose, was die meisten „Metallisten" die Mißbräuche, die gewollten oder aus 
Unkenntnis der Theorie erfolgenden, als zum Wesen einer jeden Papier- 
wiilmmg gehörig ansehen und sie in eine ganz abergläubische Angst nicht 



59 



das Papiergeld nicht Repräsentant des Wertes der Waren, sondern 
der des Goldes, nicht Warenzeichen, sondern Goldzeichen. Inner- 
halb dieser Grenze gelten auch die Ausführungen von Marx: „In 
dem Prozeß W-G-W, soweit er als nur prozessierende Einheit oder 
unmittelbares Ineinanderumschlagen der beiden Metamorphosen 
sich darstellt - und so stellt er sich dar in der Zirkulationssphäre, 
worin das Wertzeichen funktioniert - erhält der Tauschwert der 
Waren im Preis nur ideelle, im Geld nur vorgestellte, symbolische 
Existenz. Der Tauschwert erscheint so nur als gedachter oder ding- 
lich vorgestellter, aber besitzt keine Wirklichkeit außer in den 
Waren selbst, sofern ein bestimmtes Quantum Arbeitszeit in ihnen 
vergegenständlicht ist. Es scheint daher, als ob das Wertzeichen den 
Wert der Waren unmittelbar repräsentiere, indem es nicht als 
Zeichen von Gold, sondern als Zeichen des im Preis nur ausgedrück- 
ten, aber in der Ware allein vorhandenen Tauschwerts sich darstellt. 
Dieser Schein ist aber falsch. Das Wertzeichen ist unmittelbar nur 
Preiszeichen, also Goldzeichen, und nur auf einem Umweg Zeichen 
des Werts der Ware. Das Gold hat nicht wie Peter Schlemihl seinen 
Schatten verkauft, sondern kauft mit seinem Schatten. Das Wert- 
zeichen wirkt daher nur, soweit es innerhalb des Prozesses den Preis 
der einen Ware gegenüber der andern oder jedem Warenbesitzer 
gegenüber Gold vorstellt. Ein bestimmtes relativ wertloses Ding, 
Stück Leder, Papierzettel usw., wird zunächst gewohnheitsmäßig 
Zeichen des Geldmaterials, behauptet sich jedoch nur als solches, 
indem sein Dasein als Symbol durch den allgemeinen Willen der 
Warenbesitzer garantiert wird, d. h., indem es gesetzlich konventio- 
nelles Dasein und daher Zwangskurs erhält. Staatspapiergeld mit 
Zwangskurs ist die vollendete Form des Wertzeichens und die einzige 
Form des Papiergeldes, die unmittelbar aus der metallischen Zirku- 
lation oder der einfachen Warenzirkulation selbst herauswäehst." 1 

nur vor jeder uneinlösbaren Staatsnote, sondern vor den harmlosesten kleinen 
konvertiblen Banknoten geraten läßt. Goliathe, aber nicht in der Theorie, 
fürchten sie David, und je kleiner die Banknote, desto größer die Angst. 

1 Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie", S. 109/110. (Neuausgabe 
S. 121. Die Red.) 



60 



Unsere Annahme eines reinen Papiergeldes, das ohne Gold- 
ergänzung existierte, hat also nur wieder die Unmöglichkeit gezeigt, 
ilaß die Waren einander direkt zum Ausdruck ihres eigenen Tausch- 
wertes dienen; vielmehr erscheint auch hier die Notwendigkeit des 
I ''ortschreitens zu einem allgemeinen Äquivalent, das selbst nur 
Ware und daher Wert sein muß. 

Es ist klar, daß bereits bei der Münze zur Garantie ihrer Richtig- 
keit gemeinsames Vorgehen der Produzenten erforderlich ist, um 
so mehr beim Papiergeld. Das natürliche Organ dazu ist der Staat, 
ilic einzig bewußte Organisation, die die kapitalistische Gesellschaft 
kennt, die zugleich Zwangsgewalt hat. Der gesellschaftliche Cha- 
rakter des Goldes erscheint hier unmittelbar als solcher in der gesell- 
schaftlichen Regelung durch den Staat. Gleichzeitig ist damit die 
Ciicnze der Zirkulationsfähigkeit von Münze und Papier gegeben 
in der staatlichen Grenze. Als Weltgeld fungieren Gold und Silber 
nach ihrem Gewicht. 



Ililk'rding, Das Finanzkapital 



61 



III. Kapitel 



DAS GELD ALS ZAHLUNGSMITTEL 
DAS KREDITGELD 



Wir haben bisher das Geld als Zirkulationsmittel betrachtet, die 
Notwendigkeit seines objektiven Wertes nachgewiesen und die 
Grenzen dieser Notwendigkeit, die Ersetzbarkeit durch Geldzeichen 
gezeigt. Im Zirkulationsprozeß W— G— W war dieselbe Wertgröße 
immer doppelt vorhanden, einmal als Ware, das andere Mal als 
Geld. Aber Ware kann verkauft werden und erst später gezahlt 
werden. Der Stellenwechsel der Ware ist vollzogen, bevor ihr Wert 
durch Geld ersetzt wird. Der Verkäufer wird Gläubiger, der Käufer 
Schuldner. Das Geld erhält durch die Trennung von Verkauf und 
Zahlung eine neue Funktion, es wird Zahlungsmittel. Die gleich- 
zeitige Erscheinung der Äquivalente Ware und Geld auf den beiden 
Polen des Verkaufsprozesses hat aufgehört. Das Zahlungsmittel tritt 
in die Zirkulation hinein, aber nachdem die Ware bereits aus ihr 
ausgetreten ist. Das Geld vermittelt nicht mehr den Prozeß, sondern 
schließt ihn selbständig ab. Hat der schuldige Käufer kein Geld, 
so muß er Ware verkaufen, um zahlen zu können. Zahlt er nicht, 
so finden Zwangsverkäufe seiner Habe statt. Die Wertgestalt der 
Ware, Geld, wird also jetzt zum Selbstzweck des Verkaufes durch 
eine den Verhältnissen des Zirkulationsprozesses selbst entsprin- 
gende gesellschaftliche Notwendigkeit. Während Geld als Zirku- 
lationsmittel den gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen 
Käufer und Verkäufer vermittelt, dieser selbst also nur durch Ver- 
mittlung des Geldes entsteht, drückt Geld als Zahlungsmittel einen 
gesellschaftlichen Zusammenhang aus, der sich bereits gebildet 
hat, ehe Geld in Funktion getreten ist. Die Ware ist weggegeben, 



62 



vielleicht längst konsumiert, bevor ihr Wert durch Geld ersetzt ist. 
Der Zahlungstermin ist ganz verschieden von dem Termin, an 
welchem die Zahlungsverpflichtung entstanden ist. Das Geld, das 
als Zahlung gegeben wird, ist nicht bloß vermittelnde und daher 
verschwindende, daher auch unmittelbar ersetzbare ökonomische 
l'orm in dem Warenaustauschprozeß. Vielmehr erfüllt erst die 
Zahlung den Prozeß auch inhaltlich. Denn wenn in W— G— W 
< ! kreditiert wird, so kann auch der erste Warenbesitzer, der die 
Ware verkauft hat, den zweiten Teil seiner Metamorphose G— W 
erst vollziehen, wenn G gezahlt worden ist. Der frühere einfache 
l'rozeß ist jetzt in zwei Bestandteile zerlegt, die zeitlich ausein- 
anderf allen. 

Auch ein anderer Fall ist möglich : Der Warenbesitzer vollzieht 
ilcu Kauf G— W seinerseits, indem auch er G schuldig bleibt, in 
Kr Wartung des Rückstromes von G für den Verkauf seiner Ware. 
Seine Zahlung hängt dann ab von der Zahlung des Käufers seiner 
Ware. Bleibt die Zahlung aus, so macht er bankrott und zwingt 
auch seine Gläubiger zum Bankrott. Als Zahlungsmittel muß daher 
il.is Geld rückfließen, soll nicht der ganze bereits vollzogene Aus- 
tauschprozeß hinterher seine Gültigkeit verlieren. Wird das Geld 
nicht gezahlt, so bleibt zwar die Ware weggegeben, der durch ihre 
Weggabe geschaffene gesellschaftliche Zusammenhang kann nicht 
n ichr rückgängig gemacht werden, aber er wird für den einzelnen 
Warenbesitzer hinterher annulliert. Er erhält den Wert, den er 
Im 1 gegeben, nicht mehr zurück und kann seinerseits keine Werte 

■ i langen oder die erlangten nicht bezahlen. 

Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel setzt also die beider- 

■ ii l ige Übereinkunft vonKäufer und Verkäufer voraus, die Zahlung 
aufzuschieben. Das ökonomische Verhältnis entspringt hier also 
ms einem privaten Akt. Neben dem Kauf und Verkauf entstellt 
das /weite Verhältnis von Gläubiger und Schuldner, eine Verpflich- 
l'ung zwischen zwei Privatpersonen. 

Anderseits repräsentiert das Geld als Zahlungsmittel nur voll- 
/n/'.ciie Käufe und Verkäufe. Das Geld hat zunächst nur ideell als 
Wertmesser fungiert. Gezahlt wird erst später. Sind Käufe und 



:■ 



63 



Verkäufe unter denselben Personen vorgegangen, so können sie 
sich gegenseitig kompensieren, und nur die Bilanz muß in Geld 
gezahlt werden. Soweit ist also das Geld auch hier nur Repräsen- 
tant von Werten und kann ersetzt werden. Aher als Zirkulations- 
mittel vermittelte das Geld nur den "Warenaustausch, der Wert der 
einen wurde durch den der anderen Ware ersetzt. Damit war der 
Prozeß vollständig abgeschlossen. Dieser Prozeß war ein gesell- 
schaftlicher, war der Akt, durch den sich der gesellschaftliche Stoff- 
wechsel vollzieht, daher innerhalb eines bestimmten Umfanges un- 
bedingt notwendig. Da das Goldgeld hier nur vermittelte, konnte 
es ersetzt werden durch Zeichen, die die Sanktion der Gesellschaft 
(des Staates) hatten. Wenn Geld als Zahlungsmittel wirkt, so ist 
gerade der unmittelbare Ersatz eines Wertes durch einen anderen 
aufgehoben. Der Verkäufer hat die Ware hingegeben, ohne sich das 
gesellschaftlich gültige Äquivalent, Geld, auch ohne sich eine andere 
Ware von gleichem Wert, die das Geld in diesem Austauschakt 
überflüssig gemacht hätte, zu verschaffen. Er hat nur ein Zahlungs- 
versprechen des Käufers, hinter dem nicht die gesellschaftliche 
Garantie 1 steht, sondern nur die private des Käufers. Daß er Ware 
gegen ein Versprechen hingibt, ist seine Privatsache. Was das Ver- 
sprechen wert war, zeigt sich erst am Zahltag, wenn es wirklich 
umwandelbar ist in Geld. Der Verkäufer hat also Ware hingegeben 
gegen eine Zahlungsverpflichtung, einen „Wechsel". Dieser selbst 
mag von anderen für sicher gehalten werden, und sie werden ihrer- 
seits Waren an unseren Wechselbesitzer verkaufen. Der Wechsel 
fungiert hier innerhalb dieses Kreises von Personen, welche durch 
ihre Eigenschaft, das Zahlungsversprechen für voll zu nehmen, also 
nur durch diese ihre private, wenn auch meist sehr begründete 
Meinung zu einem Kreis verbunden sind, als Zirkulationsmittel 
oder Zahlungsmittel, kurz als Geld — Kreditgeld. All diese Tausch- 
akte sind für diesen Kreis erst vollzogen, endgültig, wenn das 
Kreditgeld umgewandelt ist in Geld. 

Im Gegensatz also zum Staatspapiergeld mit Zwangskurs, das als 

1 Gemeint ist die inhaltliche ökonomische Garantie; die formelle, juristi- 
sche, daß Verträge erfüllt werden müssen, ist natürlich stets vorausgesetzt. 



64 



gesellschaftliches Produkt aus der Zirkulation erwächst, ist das 
Rrcditgeld privat, nicht gesellschaftlich garantiert und muß daher 
immer in Geld verwandelbar, konvertibel sein. Ist diese Konver- 
tibilität zweifelhaft, so verliert der Ersatz des Zahlungsmittels jeden 
Wort. Als Zahlungsmittel kann Geld daher nur ersetzt werden 
ilurch Zahlungsanweisungen. Diese müssen eingelöst werden, so- 
weit sie sich nicht durch gegenseitige Verflechtung kompensieren. 

Es konstituiert dies den Unterschied zwischen dem Wechsel- 
u ml auf und dem Umlauf des Staatspapiergeldes mit Zwangskurs. 
I Heses beruht auf dem gesellschaftlichen Minimum der Waren- 
zirkulation. Die Wechselzirkulation nimmt den Raum über jenes 
Minimum hinaus ein; sie beruht auf dem jeweilig wirklich voll- 
zogenen, und zwar zu einem bestimmten Geldpreis vollzogenen 
Verkauf einer Ware und ist privater Schuldtitel, der entweder gegen 
einen anderen kompensiert oder in Geld bezahlt wird und damit 
eist aus dem privaten Schuldtitel das gesellschaftlich gültige an- 
erkannte Äquivalent wird. Er ist entsprungen aus der Funktion des 
( leides als Zahlungsmittel, er ersetzt Geld, und zwar durch Kredit, 
durch das private Verhältnis zwischen den Kontrahenten, hinter 
ilenen das Vertrauen in ihre Zahlungsfähigkeit, in ihre gesellschaft- 
liche Kapazität steht. Beim Staatspapier ist der Vollzug des privaten 
T.nischvorganges nicht die Voraussetzung; vielmehr vollzieht sich 
der Tausch erst vermittels des Staatspapiers, das hier als reines 
/.iikulationsmittel wirkt und damit den Tausch vollendet, ihn 
gesellschaftlich gültig macht; der Tausch braucht nicht wie beim 
Werhselverkehr — soweit sich die Wechsel nicht kompensieren — 
i'isl durch bare Zahlung gesellschaftlich gültig zu werden. 

Das Staatspapiergeld dagegen beruht nicht auf einem Kredit - 
verhältnis, und es ist ganz irreführend, es als Staatsschuld oder als 
K rcditgeld zu bezeichnen. 

Auf dieser Tatsache, daß der Wechsel bloß die Privaten ver- 
l>l lichtet, das Staatspapiergeld die Gesellschaft, beruht die ver- 
weil iedene Entwertungsmöglichkeit von Staatspapier und Wechsel. 
I )ie Summe des Staatspapiers ist immer eine Einheit, in der jeder 
einzelne Abschnitt für den anderen gleichsam solidarisch verant- 



65 



wortlich ist; sie kann nur im ganzen entwertet oder überwertet 
werden, und diese Entwertung trifft alle Gesellschaftsmitglieder in 
gleicher Weise. Die gesellschaftliche Garantie gilt eben gleichmäßig 
für die ganze Summe und damit für jeden ihrer Bestandteile. Den 
Ersatz des Geldes als Zirkulationsmittel besorgt die Gesellschaft 
durch ihr bewußtes Organ, den Staat. Das Kreditgeld ist Schöpfung 
der Privatleute. Es beruht auf ihren privaten Tauschakten und hat 
nur Gültigkeit, fungiert nur als Geld, weil und solange es jederzeit 
in Geld konvertibel. Es kann daher jeder einzelne Wechsel für sich 
entwertet (aber kein Wechsel überwertet) werden, wenn diese priva- 
ten Transaktionen nicht gesellschaftlich gültig vollzogen werden 
können, das heißt, wenn am Verfallstermin keine Barzahlung er- 
folgen kann. Er kann völlig wertlos werden; aber wertlos wird 
immer nur der Wechsel des einzelnen, die Entwertung trifft immer 
nur einen anderen einzelnen, dessen Obligationen dadurch im übri- 
gen nicht geändert werden. 

Das inkonvertible Papiergeld muß auf das Minimum der Zirku- 
lationsvorgänge beschränkt bleiben. Die Menge des Kreditgeldes ist 
nur abhängig von der Preissumme der Waren, für die Geld als 
Zahlungsmittel fungieren soll. Sein Betrag hängt bei gegebenen 
Preisen nur ab von der Ausdehnung der Kreditverhältnisse, die 
selbst außerordentlich variabel ist. Da es aber stets konvertibel sein 
muß, so kann es nie im und durch sein Verhältnis zu den Waren 
entwertet werden. Konvertibles Kreditgeld kann seine Entwertung 
nie herleiten aus seiner Menge (wie inkonvertibles Staatspapier- 
geld), sondern nur aus dem Versagen der Konvertibilität. Beim ge- 
ringsten Zweifel an der Konvertibilität wird sofort die Probe auf 
das Exempel gemacht. Die Warenbesitzer, die inmitten all der 
süßen und feinen „Papierchen" des Goldes ganz vergessen hatten, 
stürzen alle nach dem Golde. On revient toujours a ses premiers 
amours. 

In einem bestimmten Zeitabschnitt läuft stets eine bestimmte 
Anzahl von Schuldverschreibungen ab; diese repräsentieren die 
Preissumme der Waren, deren Verkauf sie hervorrief. Die zur Be- 
zahlung dieser Preissumme nötige Geldmenge hängt zunächst ab 



\on der Umlaufsgeschwindigkeit der Zahlungsmittel. Diese ist be- 
dingt durch zwei Umstände: die Verkettung der Verhältnisse von 
< «laubiger und Schuldner, so daß A, der das Geld von seinem Schuld- 
ner B erhält, es an seinen Gläubiger C fortzahlt usw., und die Zeit- 
liinge zwischen den verschiedenen Zahlungsterminen. 

Je mehr die Zahlungstermine einander angenähert sind, desto 
üll er kann dasselbe Goldstück hintereinander zu Zahlungen ver- 
wendet werden. 

Finden im Prozeß G— W— G die Verkäufe gleichzeitig und neben- 
einander statt, so beschränkt dies die Umlaufsgeschwindigkeit der 
Zirkulationsmittel, also den Ersatz der Masse durch die Umlaufs- 
[;eschwindigkeit. Finden dagegen Zahlungen gleichzeitig und an 
demselben Orte statt, so können sie miteinander ausgeglichen wer- 
den und Geld als Zahlungsmittel erspart werden. Mit der Konzen- 
tration der Zahlungen an demselben Platz entwickeln sich natur- 
wüchsig eigene Anstalten und Methoden ihrer Ausgleichung. So 
/um Beispiel die Virements im mittelalterlichen Lyon. Die Schuld- 
l'oidcrungen brauchen bloß konfrontiert zu werden, um sich 
wechselseitig bis zu einem gewissen Belauf als positive und negative 
( • riißen aufzuheben. So bleibt nur eine Schuldbilanz zu saldieren. Je 
massenhafter die Konzentration der Zahlungen, desto kleiner relativ 
die Bilanz, also die Masse der zirkulierenden Zahlungsmittel. 

Wir fanden die Masse des in der Zirkulation, also im W— G— W 
lielmdlichen Geldes (wobei das Gold im Betrag des Minimums der 
Zirkulation durch Goldzeichen ersetzt sein kann) gleich Preis- 
Mimme der Waren, dividiert durch Umlaufsanzahl der gleich- 
namigen Goldstücke. Ebenso ist die Masse der Zahlungsmittel 
gleich der Summe der Obligationen (die wieder gleich sind der 
l'reissumme der Waren, durch deren Verkauf die Schuldscheine 
entstanden sind), dividiert durch die Umlaufsanzahl der gleich- 
namigen Zahlungsmittel, vermindert um die Summe der sich aus- 
reichenden Zahlungen. Nimmt man die Umlaufsgeschwindigkeit 
in einem gegebenen Moment als gegeben und setzt sie gleich 1, so 
ist die Masse des überhaupt fungierenden Geldes gleich der Summe 
der zu zirkulierenden Warenpreise plus der Summe der fälligen 



66 



67 






Zahlungen minus der sich ausgleichenden Zahlungen minus endlich 
derjenigen Geldstücke, die erst als Zahlungsmittel und dann als 
Zirkulationsmittel fungiert haben. Beträgt die Warensumme, die 
umgesetzt wird, auf jeder Seite 1000 Millionen Mark, die fälligen 
Zahlungen ebensoviel, dienen aber 200 Millionen zuerst zur Be- 
zahlung und dann zur Zirkulation, gleichen sich zudem noch 500 
Millionen der Zahlungen gegenseitig aus, so braucht man im gan- 
zen 1300 Millionen Mark, die das in diesem Moment nötige Geld 
darstellen. Es ist dies der Betrag, den ich den gesellschaftlich not- 
wendigen Zirkulationswert nenne. 

Der größte Teil aller Umsätze geschieht durch dieses private 
Kreditgeld, durch Schuldscheine und Zahlungsanweisungen, die 
sich gegenseitig kompensieren. 1 Der Grund des Überwiegens des 
Zahlungsmittels gegenüber dem Zirkulationsmittel ist, daß mit der 
Entwicklung der kapitalistischen Produktion auch die Verhältnisse 
der Zirkulation komplizierter werden, die Zeitpunkte des geeig- 
neten Ein- und Verkaufes auseinanderfallen, überhaupt jene Bin- 
dung wegfallen muß, die darin besteht, daß nur dann eingekauft 
werden, wenn verkauft werden kann. 

Das Kreditgeld entsteht also auf Grund von Käufen und Ver- 
käufen der Kapitalisten untereinander; es entsteht innerhalb und 
auf Grund der Zirkulation. Seine Wirksamkeit besteht darin, die 
Zirkulation von der Schranke des vorhandenen Goldes unabhängig 
zu machen; soweit Kreditgeld wirksam ist, wirkt das Gold nicht 
mehr als Zirkulationsmittel, braucht daher nicht leibhaftig der 
Ware gegenüberzutreten, sondern dient nur zur Ausgleichung der 
schließlichen Bilanz. Diese selbst ist riesenhaft gegenüber der Gold- 
menge, und ihrer Ausgleichung dienen eigene Anstalten. Die Zirku- 
lation ist aber, wie wir gesehen haben, in gleicher Weise Bedingung 
sowohl als Besultat der kapitalistischen Produktion. Diese kann nur 
begonnen werden, wenn der Kapitalist sich durch einen Akt der 
Zirkulation in den Besitz der Produktionselemente gesetzt hat. In 
dem Maße, in dem diese Zirkulation unabhängig wird von dem 

1 Im Giroverkehr der Deutschen Reichshank hat 1 Pf. Bargeld 1894 einen 
Jahresumsatz von M. 4,55, 1900 von M. 8,50 bewältigt. 



68 



I )asein wirklichen Geldes, in demselben Maße wird auch die Pro- 
duktion von der Goldmenge unabhängig gemacht. Da schließlich 
dieses Gold Arbeit kostet und einen erheblichen Posten der faux 
l'rais darstellt, so bildet der Ersatz des Geldes direkt eine Ersparnis 
0.n unnützen Kosten des Zirkulationsprozesses. 

Seiner Entstehung nach ist die Menge des Kreditgeldes be- 
schränkt durch die Größe der Produktion und Zirkulation. Es dient 
zum Umsatz von Ware und ist in letzter Instanz durch den Wert 
der Ware gedeckt, deren Umsatz es vermittelt hat. Aber im Unter- 
schied zum Staatspapier ist hier kein Minimum gegeben, das nicht 
vermehrt werden kann. Im Gegenteil wächst mit der Warenmenge 
und ihrem Preis das Kreditgeld. Das Kreditgeld ist aber nur 
Zahlungsvef sprechen; wäre der Umsatz der Ware gegen wirkliches 
Gold erfolgt, wäre also Wert gegen Wert getauscht worden, so 
w iire der Prozeß endgültig erledigt, weitere Störung ausgeschlossen. 
Kr ist aber nur gegen Zahlungsversprechen erledigt worden. Ob 
dieses Versprechen gehalten werden kann, hängt davon ab, ob der 
Schuldner die Ware, die er gekauft, oder eine andere an deren Stelle 
/um gleichen Wert wieder verkaufen kann. Hat der Tauschakt den 
l'Csellschaftlichen Bedingungen nicht entsprochen oder haben diese 
»ich unterdes geändert, so kann er sein Zahlungsversprechen nicht 
ei lullen, dieses wird wertlos; an seine Stelle muß wirkliches Geld 

I I eten. 

Daraus geht schon hervor, daß die Menge des Kreditgeldes sich 
stark kontrahiert mit der Kontraktion der Preise der Waren wäh- 
lend der Krise. Die Kontraktion bedeutet aber Entwertung des 
K reditgeldes, das die höheren Preise repräsentiert. Zur Kontraktion 
der Preise tritt die Absatzstockung, die Ware wird unverkäuflich, 
u iilirend der Wechsel verfällt. Die Einlösung des Wechsels ist frag- 
lich geworden. Die Preiskontraktion und die Absatzstockung ver- 
mindern so den Wert des gegen die Waren gezogenen Kreditgeldes. 
I )iese Entwertung bildet das wesentliche Moment der Kreditkrise, 
die jede Handelskrise begleitet. 

„Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel schließt einen un- 
\ ermittelten Widerspruch ein. So weit sich die Zahlungen aus- 



69 



gleichen, funktioniert es nur ideell als Rechengeld oder Maß der 
Werte. Soweit wirkliche Zahlung zu verrichten, tritt es nicht als 
Zirkulationsmittel auf, als nur verschwindende und vermittelnde 
Form des Stoffwechsels, sondern als die individuelle Inkarnation 
der gesellschaftlichen Arbeit, selbständiges Dasein des Tauschwerts, 
absolute Ware. Dieser Widerspruch eklatiert in dem Moment der 
Produktions- und Handelskrisen, der Geldkrise heißt. Sie ereignet 
sich nur, wo die prozessierende Kette der Zahlungen und ein künst- 
liches System ihrer Ausgleichung völlig entwickelt sind. Mit all- 
gemeineren Störungen dieses Mechanismus, woher sie immer ent- 
springen mögen, schlägt das Geld plötzlich und unvermittelt um 
aus der nur ideellen Gestalt des Rechengeldes in hartes Geld." 1 

Gerade dann aber, wenn die Entwertung des Kreditgeldes am 
größten, erlebt das Staatspapiergeld mit Zwangskurs seinen größten 
Triumph. Es ist gesetzliches Zahlungsmittel wie das Goldgeld. Das 
Versagen des Kreditgeldes schafft eine Lücke in der Zirkulation, und 
der horror vacui erfordert gebieterisch deren Ausfüllung. In solchen 
Zeiten wird es rationell, die Zirkulation des Staatspapiergeldes 
(oder der Noten der Zentralbank, deren Kredit unerschüttert ist 
und die, wie wir sehen werden, in der Tat durch die gesetzliche 
Regelung eine Zwischenstufe zwischen Staatspapier und Kreditgeld 
darstellen) zu erweitern. Geschieht das nicht, so erhält das Geld 
(Metall und Staatspapiergeld) ein Agio, wie zum Beispiel das Gold 
und die Greenbacks in der jüngsten amerikanischen Krise. 

Das Kreditgeld erfordert zu seiner Funktion eigene Anstalten, 
in denen die Zahlungsforderungen gegenseitig verglichen und zur 
Kompensation gebracht werden; mit der Entwicklung dieser An- 
stalten wächst die Ersparnis von Bargeld. Diese Aufgabe wird bei 
entwickeltem Bankwesen zu einer wichtigen Funktion der Banken! 1 

1 Marx, „Kapital", I., 4. Auflage, S. 101. (Neuausgabe S. 143/144. DU Red.) 

2 Zur Abwicklung des gesellschaftlichen Verkehrs ist in Deutschland 
9- bis 15mal mehr Bargeld erforderlich als in England. Der Scheckverkehr 
erspart zirka 140 Millionen Pfund Sterling Noten, zu deren Deckung der 
Geldvorrat von zirka 35 Millionen Pfund Sterling vervierfacht werden müßte, 
falls die heutigen gesetzlichen Bestimmungen in Geltung blieben. S. Jaffe, 
„Das englische Bankwesen", Leipzig 1905. 



70 



Im Laufe der kapitalistischen Entwicklung wächst einmal rasch 
die Gesamtsumme der zu zirkulierenden Waren und damit der 
l'cscllschaftlich notwendige Zirkulationswert. Damit wächst der 
ll.nnn, den Staatspapiergeld mit Zwangskurs einnehmen kann. 
Zweitens wächst mit der Größe des Umfanges der Produktion, mit 
der Verwandlung aller Verpflichtungen in Geldverpflichtung und 
besonders mit dem Wachstum des fiktiven Kapitals der Umfang, in 
dem die Transaktionen durch Kreditgeld vollzogen werden. Beides 
bewirkt starke Verringerung des Metallgeldes im Verhältnis der 
/\i vollziehenden Zirkulationsvorgänge und Zahlungen. 



71 






IV. Kapitel 



DAS GELD IN DER ZIRKULATION 

DES INDUSTRIELLEN KAPITALS 



Wir wenden uns nun der Rolle zu, die das Geld in der Zirkulation 
des industriellen Kapitals spielt. Also nicht in die kapitalistische 
Fabrik mit ihren Wundern der Technik geht der Weg, sondern der 
Eintönigkeit des ewig gleichen Marktvorganges muß sich unsere 
Betrachtung zuwenden, wo Geld in Ware und Ware in Geld in 
formell stets gleicher Weise sich wandelt. Nur die Hoffnung, daß 
auf diesem Wege es möglich ist, dem Geheimnis auf die Spur zu 
kommen, wie aus den Zirkulationsvorgängen seihst jene Macht 
erwächst, die als kapitalistischer Kredit schließlich die Herrschaft 
über die gesellschaftlichen Vorgänge erhält, mag den Leser er- 
mutigen, die Leidensstationen des nächsten Kapitels mit einiger 
Geduld zu passieren. 

In der Zirkulation wäre das Geld überflüssig, wenn der Betrag 
der Preissumme stets konstant, also Masse und Preis der Waren 
unveränderlich wären und jede Ware sich gegen die andere zu 
ihrem Werte austauschen würde. Eine Bedingung, die innerhalb 
einer ungeregelten, anarchischen Produktionsweise unerfüllbar ist. 
Andererseits 'würde die bewußte Regelung der gesellschaftlichen 
Produktion die Erscheinung des Wertes als Tauschwert, also das 
gesellschaftliche Verhältnis zweier Dinge und damit das Geld un- 
möglich machen. Anweisungen auf gesellschaftliche Produkte, von 
der Gesellschaft ausgestellt, sind ebensowenig Geld als die Theater- 
marke, die Anweisung auf einen Sperrsitz. Vielmehr macht nur der 



Charakter der Warenproduktion das Geld als Wertmaß und damit 
üls Zirkulationsmittel notwendig. 1 

Fungiert das Geld als Zahlungsmittel, so erscheint eine voll- 
sliindige Ausgleichung aller Zahlungen in einem bestimmten 
Moment von vornherein als reiner Zufall, der in Wirklichkeit nie 
eintreten wird. Das Geld schließt hier den Prozeß des Stellenwech- 
sels der Ware selbständig ab. Es ist willkürlich, wann das in Zah- 
lung empfangene Geld seinerseits in Ware verwandelt, also der 
Wert der ersten Ware endgültig durch andere Ware ersetzt ist. 
I )er Zusammenhang, der im Prozeß G— W— G besteht, ist hier zer- 
rissen. Das Geld muß notwendigerweise hier eintreten, um den 
V erkauf er der Ware, der seinerseits durchaus nicht Käufer einer 
anderen Ware sein muß, zu befriedigen. 

Diese Zerreißung des Zirkulationsprozesses, die uns auf dem Ge- 
liictc der einfachen Warenzirkulation noch als zufällig und will- 
luirlich erscheint, wird aber notwendig im Bereich der kapitalisti- 
m lien Warenzirkulation. Dies zeigt uns eine Betrachtung der 
Zirkulation des Kapitals. 

1 In einem Briefe an Rudolf Meyer sagt Rodbertus: „Das Metallgeld, ist 
nullt bloß Wertmesser und Liquidationsmittel — soweit entspricht es nur der 
liier des Geldes, in der es nicht liegt, daß diese Quittung = Anweisung 
niif Warenwert auf einem so teuren Stoff geschrieben stehe, wie Edelmetall 
ml. — , sondern dient heute auch als Produktionsregulator, und diesen Dienst 
vri sieht es nur durch seine kostbare Stoffzugabe. Sie müßten auch jedem 
I Inlcrnehmer befehlen dürfen, wieviel er produzieren soll, wenn Sie die 
Wmennote einführen wollen. Die Idee der Warennote bohrt auf dem inter- 
(•■isiiiitesten Punkt der ganzen Nationalökonomie, aber als ständiges Zirku- 
lnlionsmittel (und nicht bloß vorübergehender Darlehenskassenschein) ist sie 
nur möglich, wenn der Wert der Waren nach Arbeit konstituiert ist und die 
Wnrennote auf Warenwert nach Arbeit bemessen lautet. Die Möglichkeit 
ttlncs solchen Geldes bezweifle ich nicht; aber soll ein solches Geld das 
alleinige Zirkulationsmittel sein, so setzte das die Aufhebung des Grund- und 
lwi|iil»leigentums voraus." „Briefe und Sozialpolitische Aufsätze von 
llr Kodbertus-Jagetzow." Herausgegeben von Dr. Rudolf Meyer, Berlin 
I HH I , II. Bd., S. 441. Diese wie andere Stellen beweisen übrigens, daß Engels 
llixlhrrtus unrecht getan hat, wenn er ihn mit den kleinbürgerlichen Arbeits- 
(ii'liliilopisten, den Gray, Bray usw., die ein Arbeitsgeld ohne gesellschaftliche 
l(i in trolle der Produktion für möglich hielten, in einen Topf warf. 



72 



73 



Wert wird zu Kapital, indem es Mehrwert heckender Wert wird. 
Dies geschieht im kapitalistischen Produktionsprozeß, dessen Vor- 
aussetzung das Monopol der Kapitalisten an den Produktionsmitteln 
und das Dasein einer freien Lohnarbeiterklasse ist. Die Lohn- 
arbeiter verkaufen dem Kapitalisten ihre Arbeitskraft, deren Wert 
gleich dem Wert der zur Erhaltung und Reproduktion der Arbeiter- 
klasse notwendigen Lebensmittel ist. Ihre Arbeit schafft neuen 
Wert, von dem ein Teil dem Kapitalisten den Teil des Kapitals 
ersetzt, den er zum Ankauf der Arbeitskraft vorgeschossen hat — 
Marx nennt ihn den variablen Teil des Kapitals -, während der 
andere Teil als Mehrwert dem Kapitalisten zufällt. Da im 
Arbeitsprozeß der Wert der Produktionsmittel — das konstante 
Kapital — auf das Produkt übertragen wurde, hat sich der Wert, 
den der Kapitalist für die Produktion vorgeschossen hat, ver- 
mehrt, ist wertheckender Wert geworden, hat sich als Kapital 
bewährt. 

Jedes industrielle Kapital macht einen Kreislaufprozeß durch, 
von dem uns in diesem Zusammenhang nur die Formverwandlun- 
gen interessieren. Denn der Inhalt des Prozesses ist die Entstehung 
des Mehrwerts, also die Verwertung des Kapitals, und diese voll- 
zieht sich im Produktionsprozeß, der in der kapitalistischen Gesell- 
schaft doppelte Funktion hat: er ist wie in jeder Gesellschaftsform 
Arbeitsprozeß, der Gebrauchswerte liefert, er ist aber zugleich, wa9 
für die kapitalistische Gesellschaft charakteristisch ist, Verwertungs- 
prozeß, in dem die Produktionsmittel als Kapital fungieren und 
Mehrwert erzeugt wird. Die Analyse dieses Prozesses hat Marx 
im erstenBand des „Kapital" erschöpfend gegeben. Der Zusammen- 
hang unserer Untersuchung erfordert nur ein Eingehen auf die 
Formverwandlung des Wertes, nicht auf seine Entstehung. Die 
Formverwandlung betrifft aber nicht die Wertgröße, deren Ver- 
mehrung vielmehr den Inhalt des Verwertungsprozesses ausmacht; 
gehört diese Veränderung dem Produktionsprozeß an, so die Form- 
änderung dem Zirkulationsprozeß. Es sind aber nur zwei Formen, 
die der Wert in der warenproduzierenden Gesellschaft annehmen 
kann: die Form der Ware und die Form des Geldes. 



74 



Betrachten wir nun den Kreislauf prozeß des Kapitals, so erscheint 
jedes Kapital zunächst, etwa bei seinem ersten Auftreten, als Geld- 
kapital. Als Geld, das als Kapital fungieren soll, wird es verwandelt 
in Waren (W) bestimmter Art, Produktionsmittel (Pm) und Arbeits- 
kraft (A). Es folgt der Produktionsprozeß (P . . .). Dieser schließt 
keine Formänderung des Wertes ein. Der Wert bleibt Ware. Aber 
im Produktionsprozeß wird erstens — was den Wert überhaupt nicht 
trifft — der Gebrauchswert der Ware geändert, und zweitens ver- 
mehrt die Arbeitskraft durch ihre Funktion den Wert; der Wert 
wird vergrößert. Als Ware (W 1 ), deren Wert um den Mehrwert 
vermehrt ist, verläßt die Ware die Produktionsstätte, um ihre zweite 
und letzte Formveränderung zu erfahren, in Geld (G ) verwandelt 
zu werden. 

Der Kreislaufprozeß des Kapitals zerfällt also in zwei der Zir- 
kulation angehörige Stadien G— W und W 1 — G 1 und in ein Stadium 
der Produktion. In der Zirkulation erscheint es als Geldkapital und 
Warenkapital, in der Produktion als produktives Kapital; das Kapi- 
tal, welches alle diese Formen durchläuft, ist industrielles Kapital. 
Geldkapital, Warenkapital, produktives Kapital bezeichnen hier 
.ilso nicht selbständige Kapitalsorten, sondern nur besondere 
Kunktionsformen des industriellen Kapitals. 

Es ergibt sich also folgendes Schema: G— W— P . . . W 1 — G 1 . 

Jedes neu auftretende Kapital erscheint zunächst als Geldkapital. 
Daß es Kapital, sieht man dem Geld nicht an. 1 Das ist es nur, 
weil es in die Elemente des produktiven Kapitals verwandelt wer- 
den soll. Zunächst ist es nur Geld, kann also nur Geldfunktionen 
vollziehen, ist es nur Zirkulations- oder Zahlungsmittel. 

1 Die Schwierigkeit des Kapitalbegriffes wie der ökonomischen Begriffe 
überhaupt entspringt aus dem Schein, daß sie den Dingen selbst anhaften, 
während sie nur bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegeln, in 
ilenen dieselben Dinge durchaus wechselnde Rollen übernehmen. So spiegelt 
(iold als Geld einerseits nur das Verhältnis einer bestimmten Epoche in der 
l'.ntwicklung des Warenaustausches wider, es ist Zirkulationsmittel. Aber in 
einem anderen Verhältnis wird es Kapital. Ob Gold oder auch Geld Kapital 
ist, ist daher eine falsch gestellte Frage. In manchen Verhältnissen ist es 
(icld, in anderen auch Kapital. Auch Kapital aber, das heißt, es kann als 



75 



Nun wissen wir bereits, daß die Funktion des Geldes als eines 
Zahlungsmittels Kreditverhältnisse einschließen kann. G— W, das 
erste Stadium des Zirkulationsprozesses des Kapitals, zerfällt in 
zwei Teile: G— Pm und G— A. Da der Lohnarbeiter nur vom Ver- 
kauf der Arbeitskraft lebt, ihre Erhaltung tägliche Konsumtion 
erfordert, muß seine Zahlung ständig in kürzeren Terminen wieder- 
holt werden, damit er die zu seiner Selbsterhaltung nötigen Ein- 
käufe immer machen kann. Der Kapitalist muß ihm daher beständig 
als Geldkapitalist und sein Kapital ihm als Geld gegenübertreten. 
Hier spielt somit der Kredit keine Rolle. 

Anders im Prozeß G— Pm. Hier kann der Kredit eine größere 
Rolle spielen. Die gekauften Produktionsmittel haben den Zweck, 
verwertet zu werden. Das Geld, das für sie ausgegeben wurde, ist für 
den Kapitalisten nur vorgeschossen; es hat die Aufgabe, zu ihm 
nach Ablauf der Zirkulationsperiode zurückzukehren, und es kehrt, 
normalen Verlauf vorausgesetzt, zu ihm vermehrt zurück. Da der 
Kapitalist sein Geld also nur vorschießt, dieses zu ihm zurückkehrt, 
kann es ihm selbst vorgeschossen werden — geliehen werden. Und 
dies ist überhaupt Voraussetzung des Produkt iorcskredits : daß Geld 
nur dem geliehen wird, der es selbst nur in der Weise ausgibt, daß 
es zu ihm — normalen Verlauf stets vorausgesetzt — wieder zurück- 
kehren muß. Zugleich ist der Kredit hier fundiert auf die Waren, 
zu deren Ankauf das Geld vorgeschossen wurde. 

Wir haben es hier nur mit dem Kredit zu tun, der entspringt aus 
der Warenzirkulation selbst, aus der Änderung der Geldfunktion, 
aus der Verwandlung des Geldes aus Zirkulationsmittel in 
Zahlungsmittel. Dagegen betrachten wir an dieser Stelle noch nicht 



Kapital immer nur Geldfunktionen vollziehen, ist nur Geldf orm des Kapitals 
im Unterschied zur Warenform des Kapitals. 

Bestimmten Dingen Kapitalcharakter zuschreiben zu wollen ist ebenso 
falsch, wie den Raum als etwas den Dingen Anhaftendes anzusehen. Nur 
unsere Anschauung gibt den Dingen die Raumform, wie nur bestimmte 
Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung den Dingen Geld- oder Kapital- 
form geben. 

1 Marx, „Kapital", II., S. 12. (Neuausgabe: Karl Marx, „Das Kapital", 
Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 34. Die Red.) 



76 



jenen Kredit, der aus der Teilung der Funktion des Kapitalisten in 
einen reinen Geldbesitzer und einen Unternehmer entspringt. Wird 
das Geld vom Geld- oder Leihkapitalisten dem Unternehmer kredi- 
licrt, so ist das bloße Übertragung von Geld. An der Menge des 
vorgeschossenen Geldes wird dadurch noch nichts geändert. In dem 
Kalle aber, den wir jetzt betrachten, kann dies wohl eintreten. Der 
Verkäufer der Produktionsmittel kreditiert ihm die Ware und er- 
hält für diese Zahlungsversprechen, zum Beispiel Wechsel. Der 
Kapitalist wird dann am Ende des Termins vielleicht schon mit 
lUickflüssen aus dem Zirkulationsprozeß seines vorgeschossenen 
Kapitals zahlen können. Soweit dies der Fall, kann die Summe 
seines Geldkapitals geringer sein, als sie sonst sein müßte, hat der 
Kredit die Potenz seines Kapitals ausgeweitet. 

Aber die Tatsache des Kredits ändert nichts daran, daß das 
Kapital Geldform haben muß, um Ware kaufen zu können. Sie 
vermindert nur, soweit sich Zahlungen kompensieren, die Menge 
des Metallgeldes, das für den Umtausch sonst erforderlich wäre. 
A her diese Menge wird nicht irgendwiebestimmt durch den Kapital - 
diarakter, den das Geld bei dieser Transaktion besitzt, sondern 
unterliegt nur den Gesetzen, die aus der Natur der Warenzirkulation 
entspringen. Alle anderen Umstände gleichgesetzt, ist es die 
Preissumme der Waren, die gekauft werden müssen, die über die 
Menge des Geldes entscheidet, das vorgeschossen werden muß. Ver- 
mehrter Vorschuß von Geldkapital bedeutet also nichts anderes als 
vermehrten Ankauf von zu produktivem Kapital geeigneten Waren 
(l'm + A), also vermehrte Menge der Zirkulations- und Zahlungs- 
miLlcl. 

I5ci dieser Vermehrung wirken zwei einander entgegengesetzte 
Tendenzen. Mit der rascheren Akkumulation in Zeiten der Hoch- 
kimjunktur wächst die Nachfrage nach bestimmten Waren und in- 
hdgedessen ihr Preis. Die erhöhte Preissumme macht vermehrtes 
Geld nötig. Anderseits wächst gleichzeitig der Kredit, da es eine 
I Viiode der guten Konjunktur ist, in der die Rückflüsse regelmäßig 
eingehen, der Verwertungsprozeß des Kapitals gesichert erscheint 
I daher die Neigung und Möglichkeit der Kreditgewährung 



II Milferding, Das Finanzkapital 



77 



wächst. Die Expansion des Kredits macht hier die rasche Erweite- 
rung über die Basis des Metallgeldes hinaus möglich. 

Dies gilt natürlich nur für den Prozeß G— Pm, nicht für den 
Prozeß G— A. Vielmehr nimmt mit dem Wachstum des variablen 
Kapitals auch im selben Maße die Masse des zum Ankauf dienen- 
den und in die Zirkulation eingehenden zuschüssigen Geldes zu. Es 
ist klar, daß mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion 
die Sphäre der Anwendung des Kredits absolut und noch mehr 
relativ beständig wächst, da mit dem Fortschritt zur höheren orga- 
nischen Zusammensetzung des Kapitals der Umsatz von G— Pm 
ständig wächst gegenüber G— A, also auch die Sphäre des Kredits 
gegenüber der Sphäre des Bargeldes. 

Soweit ergibt sich aus der Betrachtung des Kreislaufprozesses 
noch keine neue Bestimmung für die Rolle des Kredits. Dies ändert 
sich, wenn wir den Einfluß der Umschlagszeit auf die Größe des 
Geldkapitals betrachten. Denn es wird sich zeigen, daß im Kreis- 
laufprozeß periodisch Geldsummen freigesetzt werden. Da aber 
brachliegendes Geld nicht Profit zeugen kann, so entsteht das 
Streben, dieses Brachliegen möglichst zu verhindern, eine Aufgabe, 
die nur durch den Kredit, der damit eine neue Funktion erfüllt, 
gelöst werden kann. Dieser neuen Ursache für das Entstehen von 
Kreditverhältnissen muß sich jetzt die Untersuchung zuwenden. 



Periodische Freisetzung und Brachlegung von Geldkapital 



„Die Bewegung des Kapitals durch die Produktionssphäre und 
die zwei Phasen der Zirkulationssphäre vollzieht sich ... in einer 
zeitlichen Reihenfolge. Die Dauer seines Aufenthalts in der Pro- 
duktionssphäre bildet seine Produktionszeit, die in der Zirkulations- 
sphäre seine Zirkulations- oder Umlaufszeit. Die Gesamtzeit, worin 
es seinen Kreislauf beschreibt, ist daher gleich der Summe von 
Produktionszeit und Umlaufszeit." 

„Der Kreislauf des Kapitals, nicht als vereinzelter Vorgang, 



Marx, „Kapital", IL, S. 97. (Neuausgabe S. 115/116. Die Red.) 



78 



sondern als periodischer Prozeß bestimmt, heißt sein Umschlag. Die 
Dauer dieses Umschlags ist gegeben durch die Summe seiner Pro- 
duktionszeit und seiner Umlaufszeit. Diese Zeitsumme bildet die 
Umschlagszeit des Kapitals." 1 

In unserem Schema bildet also die Zeit, die jedesmal nötig, um 
ilcn Prozeß G— G zu vollziehen, die Umschlagszeit. Die Umlaufszeit 
ist gleich der Zeit, die die Transaktionen G <£ m undW 1 — G 1 er- 
fordern, während die Produktionszeit gleich ist der Zeit, in der das 
Kapital als produktives Kapital (P) dem Verwertungsprozeß unter- 
liegt. 

Die Umschlagszeit eines Kapitals betrage neun Wochen, davon 
ilic Produktionszeit sechs Wochen und die Umlaufszeit drei Wochen. 
Zur Produktion seien wöchentlich 1000 M. Kapital erforderlich. 
Soll die Produktion am Ende der sechsten Woche, der Produktions- 
zeit, nicht auf drei Wochen unterbrochen werden, so muß der Kapi- 
talist während der drei Wochen, die die Zirkulation dauert, ein 
neues Kapital von 3000 M. (Kapital II) vorschießen, um die Pro- 
duktion kontinuierlich fortzuführen. Denn während der drei 
Wochen, worin das Kapital die Zirkulationssphäre behaust, be- 
lindet es sich mit Bezug auf den Produktionsprozeß in demselben 
Zustand, als wenn es überhaupt nicht existierte. 2 Die Zirkulations- 
v.eil macht also zuschüssiges Kapital nötig, und dieses zuschüssige 
Kapital verhält sich zum Gesamtkapital wie die Zirkulationszeit zur 
Umschlagszeit, also in unserem Beispiel wie 3:9, oder das zu- 
schüssige Kapital beträgt ein Drittel des ganzen Kapitals. 

Der Kapitalist .muß also über 9000 M. statt über 6000 M. ver- 
I ii^en, soll die Produktion nicht drei Wochen stillstehen. Aber diese 
/uschüssigen 3000 M. treten erst mit Beginn der Umlaufszeit, also 
in der siebenten Woche in Funktion, liegen also die ersten sechs 
Wochen brach. Diese Freisetzung und Brachlegung von 3000 M. 
wiederholt sich jedoch beständig. Die 6000 M., die in der ersten 
\ ibcitsperiode in Warenkapital verwandelt werden, sind am Ende 
iler neunten Woche verkauft. Der Kapitalist hat jetzt 6000 M. in 

1 Ebenda, S. 133. (Neuausgabe S. 150. Die Red.) 
■ Ebenda, S. 243. (Neuausgabe S. 257. Die Red.) 



79 



Händen. Die zweite Arbeitsperiode hat aber bereits mit der sieben- 
ten Woche begonnen und ist nun zur Hälfte vorüber. Während 
dieser Zeit hat das zuschüssige Kapital von 3000 M. fungiert; zur 
Beendigung der Arbeitsperiode sind also nur 3000 M. erforderlich; 
3000 M. von den ursprünglichen 6000 M. sind wieder freigesetzt, 
und dieser Prozeß wiederholt sich stets aufs neue. 

Es ist also ein zuschüssiges Kapital, und zwar Geldkapital, da es 
als Kaufmittel für Produktionsmittel und Arbeitskraft zu fungieren 
hat, nötig geworden zur Aufrechterhaltung der Kontinuität des 
Produktionsprozesses, der durch die Zirkulation des Kapitals nicht 
unterbrochen werden soll. Dieses zuschüssige Kapital heckt selbst 
nicht kontinuierlich Mehrwert, fungiert also soweit nicht als 
Kapital, sondern wird durch den Mechanismus des Kreislaufes selbst 
stets für eine Zeit freigesetzt, um während der anderen Zeit fun- 
gieren zu können. 

„Das gesellschaftliche Gesamtkapital betrachtet, wird sich stets 
ein mehr oder minder bedeutender Teil dieses zuschüssigen Kapitals 
für längre Zeit im Zustand des Geldkapitals befinden 1 . . ., und 
zwar ist dies freigesetzte Kapital gleich dem Kapitalteil, 
welcher den Überschuß der Zirkulationsperiode über eine Arbeits- 
periode oder über ein Multipel von Arbeitsperioden auszufüllen 
hat." 2 

„Dies Hereinkommen des zur Verwandlung der Umlaufszeit von 
Kapital I" (von 6000 M.) „in Produktionszeit erheischten Zuschuß- 
kapitals" (von 3000 M.) „vermehrt also nicht nur die Größe des 
vorgeschoßnen Kapitals und die Länge der Zeit, wofür das Gesamt- 
kapital notwendig vorgeschossen wird, sondern es vermehrt auch 
spezifisch den Teil des vorgeschoßnen Kapitals, der als Geldvorrat 
existiert, also sich im Zustand von Geldkapital befindet und die 
Form von potentiellem Geldkapital besitzt." 3 



1 Marx, „Kapital", II., S. 248. (Neuausgabe S. 262. Die Red.) 

2 Ebenda, S. 262. (Neuausgabe S. 277. Die Red.) 

3 Ebenda, S. 248. (Neuausgabe S. 262. Die Red.) Das Zahlenbeispiel ist 
bei Marx anders als in unserem Text. Wir haben in die Marx-Zitate der Ein- 
fachheit halber unsere Zahlen eingesetzt. 



80 



Allein diese 3000 M. brauchen durchaus nicht die ganze Summe 
des Geldkapitals darzustellen, das in einem gegebenen Moment 
In .ichliegt. Gesetzt den Fall 1 , unser Kapitalist verwende die 6000 M., 
die für die Produktion zunächst nötig, in der Weise, daß er die eine 
I liilfte zum Ankauf der Produktionsmittel, die andere für Arbeits- 
liilm verausgabt. Er zahlt aber die Arbeiter wöchentlich. Dann wird 
von den dazu nötigen 3000 M. bis zum Ablauf der sechsten Woche 
ein Teil, der sich wöchentlich um 500 M. verringert, stets brach - 
liegen. Ebenso ist es möglich, daß auch ein Teil der Produktions- 
mittel, zum Beispiel die Kohle, nicht sogleich zu Beginn für die 
ganze Produktionsperiode eingekauft wird, sondern erst während 
der Produktion sukzessive die nötigen Einkäufe vollzogen werden. 
(Umgekehrt könnte es auch passieren, daß die Marktverhältnisse 
oder Lieferungsgewohnheiten dazu zwängen, für mehr als eine 
Piodnktionsperiode einzukaufen. Darm würde sich die Notwendig- 
keit herausstellen, ein größeres Geldkapital in Warenkapital zu 
\ciwandeln.) f ' 

Dadurch also, daß in dem Prozeß G < ^ m das Geld nicht sofort 
in Arbeitskraft und Produktionsmittel verwandelt wird, entsteht 
ln.icliliegendes Geldkapital, auch abgesehen von dem zuschüssigen 
Kapital IL Ein Teil des Geldes vollzieht den Akt G— W, während 
ein ;mderer Teil im Geldzustand verharrt, um erst zu einer durch 
die Bedingungen des Prozesses selbst bestimmten Zeit für gleich- 
zeitige oder sukzessive Akte G— W zu dienen. Es ist der Zirkulation 
nur zeitweise entzogen, um am bestimmten Zeitpunkt in Aktion zu 
Helen, seine Funktion auszuüben. Diese Aufspeicherung ist dann 
ein Zustand, worin das Geld eine seiner Funktionen als Geldkapital 
ausübt. Als Geldkapital; denn in diesem Fall ist das zeitweilig in 
Ruhe verharrende Geld selbst ein Teil des Geldkapitals G, der gleich 
i.'.l dein Wert des produktiven Kapitals, von dem der Kreislauf aus- 

1 Wir können hier nur die wichtigsten Momente anführen. Im II. Band 
ijmi „Kapital" hat Marx das Problem bis in die Details, die übrigens von 
I Yilimlen noch vermehrt werden könnten, verfolgt. Doch ist die grundlegende 
lliili'iilnng dieser Untersuchungen für das Verständnis der Kreditverhältnisse 
lir.liei übersehen worden. 



8t 



geht. Anderseits befindet sich alles der Zirkulation entzogene Geld 
in Schatzform. „Die Schatzform des Geldes wird also hier Funktion 
des Geldkapitals, ganz wie in G— W die Funktion des Geldes als 
Kauf- oder Zahlungsmittel zur Funktion des Geldkapitals wird, 
und zwar weil der Kapitalwert hier in Geldform existiert, der Geld- 
zustand hier ein durch den Zusammenhang des Kreislaufs vor- 
geschriebner Zustand des industriellen Kapitals in einem seiner 
Stadien ist. Aber es bewährt sich hier wieder zugleich, daß das Geld- 
kapital innerhalb des Kreislaufs des industriellen Kapitals keine 
andren als Geldfunktionen verrichtet, und diese Geldfunktionen 
nur durch ihren Zusammenhang mit den andren Stadien dieses 
Kreislaufs zugleich die Bedeutung von Kapitalfunktionen haben." 1 

Eine dritte und sehr bedeutende Ursache von Brachliegen des 
Geldkapitals entsteht aus der Art, wie das Kapital aus dem Ver- 
wertungsprozeß rückfließt, und zwar sind auch hier wieder zwei 
Hauptursachen für die Entstehung von brachliegendem Geldkapital 
zu flennen. 

Das industrielle Kapital zerfällt, vom Standpunkt seines Um- 
schlages aus betrachtet, bekanntlich in zwei Teile. Ein Teil des 
Kapitals wird während jeder einzelnen Umschlagsperiode voll- 
ständig verzehrt, und sein Wert geht ganz auf das Produkt über. 
Tn einer Spinnerei zum Beispiel, in der 10 000 Pfund Garn monat- 
lich produziert und am Ende des Monats verkauft werden, sind 
während dieses Monats der entsprechende Wert von Baumwolle, 
Schmieröl, Leuchtgas, Kohle und Arbeitskraft verbraucht worden, 
und ihr Wert wird beim Verkauf des Produkts dem Kapitalisten 
zurückersetzt. Dieser Teil des Kapitals, der in einer Umschlags- 
periode ersetzt wird, ist das zirkulierende Kapital. Anderseits waren 
zur Produktion Baulichkeiten, Maschinerie usw. nötig, die fort- 
fahren, auch nach Beendigung der Umschlagsperiode im Produk- 
tionsprozeß zu fungieren. Von ihrem Wert ist daher nur ein Teil, 
gleich dem durchschnittlichen Verschleiß während einer Umschlags - 
periode, übertragen worden. Beträgt ihr Wert sage 100 000 M., 
ihre Funktionsdauer durchschnittlich 100 Monate, so werden durch 



1 Marx, „Kapital", II., S. 52. (Neuausgabe S. 73. Die Red.) 



82 






don Verkauf des Garns für Ersatz der Baulichkeiten und Maschine- 
rie 1000 M. zurückfließen. Jener Teil des Kapitals, der während 
einer Reihe von Umschlagsperioden fungiert, bildet das fixe Kapital. 
Es fließt also dem Spinnereibesitzer aus der Zirkulation beständig 
Geld zu als Ersatz seines fixen Kapitals, das er in Geldform fest- 
halten muß, bis es nach 100 Monaten den Betrag von 100 000 M. 
erreicht hat, die er dann zum Ankauf neuer Maschinerie usw. be- 
nötigt. Es findet also auch hier Schatzbildung statt, die „selbst ein 
Clement des kapitalistischen Reproduktionsprozesses, Reproduk- 
tion und Aufspeicherung — in Geldform — des Werts des fixen 
Kapitals oder seiner einzelnen Elemente, bis zu der Zeit, wo das 
l'ixe Kapital ausgelebt und folglich seinen ganzen Wert an die pro- 
duzierten Waren abgegeben hat und nun in natura ersetzt werden 
muß" 1 . 

Zugleich sehen wir, daß ein Teil der Kapitalisten der Zirkulation 
Inständig Geld entzieht als Ersatz des Wertes des verschlissenen 
fixen Kapitals. Die Geldform ist hier wesentlich ; der Wert des fixen 
Kapitals kann nur in Geld ersetzt werden, weil das fixe Kapital als 
solches weiter im Produktionsprozeß fungiert und daher nicht in 
natura ersetzt zu werden braucht. Es ist also die bestimmte Art der 
Heproduktionsweise des fixen Kapitals, die hier das Geld notwendig 
macht. 8 Was hier durch das Geld überhaupt erst ermöglicht wird, 
ist die Trennung und Verselbständigung der Wertzirkulation des 
I i xcn Kapitals gegenüber der Beständigkeit seiner technischen Funk- 
lion im Produktionsprozeß. 

Die Art des Rückflusses des fixen Kapitals bewirkt also perio- 
disches Aufschatzen, damit aber periodisches Brachliegen von Geld- 
knpital. 

/Vis letzte Ursache der Freisetzung von Geldkapital haben wir 
1 Marx, „Kapital", II., S. 449. (Neuausgabe S. 455. Die Red.) 
3 „So wenig wie die einfache Warenzirkulation identisch ist mit bloßem 
lYtwhiktenaustausch, so wenig kann sich der Umsatz des jährlichen Waren- 
]>iudukts in bloßen, unvermittelten, gegenseitigen Austausch seiner ver- 
im liicdnen Bestandteile auflösen. Das Geld spielt eine spezifische Rolle darin, 
ilii- namentlich auch in der Weise der Reproduktion des fixen Kapitalwerts 
sifth nnsdrückt." (Marx, „Kapital", II., S. 450. [Neuausgabe S. 455. Die Red.]) 



83 



noch die Art der kapitalistischen Akkumulation zu betrachten. Soll 
der Mehrwert als Kapital fungieren, sei es, daß er zur Erweiterung 
alter oder Begründung neuer Unternehmen verwandt werden soll, 
so muß er eine gewisse Größe erreicht haben, deren Ausmaß von 
den gegebenen technischen und ökonomischen Bedingungen des 
Unternehmens abhängt. Mit jeder Beendigung eines Kreislaufs 
wird aber ein Stück Mehrwert, und zwar zunächst in Geldform, 
realisiert. In der Regel muß eine ganze Anzahl solcher Kreisläufe 
vollzogen sein, bis die realisierten Mehrwertsummen groß genug 
geworden sind, um in Produktionskapital verwandelt werden zu 
können. Es werden so beständig Geldsummen von den einzelnen 
Kapitalisten auf geschätzt, die für sie realisierten Mehrwert dar- 
stellen, bis schließlich diese Summen für die produktive Ver- 
wendung ausreichend geworden sind. Wir haben es hier mit brach- 
liegendem Geldkapital zu tun, das aus dem Verwertungsprozeß her- 
stammt und eine Zeitlang in Geldform aufgeschatzt bleiben muß, 
bis es zur produktiven Verwendung gelangen kann. 

Schatzbildung kann schon innerhalb der einfachen Waren- 
zirkulation erfolgen. Dazu ist weiter nichts nötig, als daß beim 
Prozeß W— G— W der zweite Teil G— W nicht vollzogen wird, daß 
also der Warenverkäufer seinerseits nicht wieder kauft, sondern 
das Geld aufschatzt. Aber solches Verhalten erscheint als bloßer 
Zufall und Willkür. In der Zirkulation des Kapitals wird aber 
solches Aufschatzen zur Notwendigkeit, die sich aus der Natur des 
Prozesses selbst ergibt. Der Unterschied gegen die einfache Waren- 
zirkulation ist ferner der, daß nicht bloßes Zirkulationsmittel frei- 
gesetzt wird, das zum Schatz erstarrt, sondern daß Geldkapital frei- 
gesetzt wird, Geld, das zugleich Stadium des Verwertungsprozesses 
war und das nunmehr bestrebt sein muß, neuerdings in den Ver- 
wertungsprozeß zu gelangen, von neuem Geldkapital zu werden; 
es übt also Druck auf den Geldmarkt aus. 

So entsteht aus dem Mechanismus der Zirkulation des Kapitals 
selbst die Notwendigkeit, daß Geldkapital in größerem oder gerin- 
gerem Umfang für längere oder kürzere Zeit brachliegt. Das 
bedeutet aber, daß es während dieser Zeit nicht Profit zeugen kann, 



eine Todsünde vom Standpunkt des Kapitalisten. Der Umfang, in 
dem das Kapital seinen Sündenfall vollzieht, hängt aber wie die 
meisten Sünden von objektiven Faktoren ab, deren Betrachtung wir 
uns nunmehr zuwenden müssen. 



ff ' echselnder Umfang des brachliegenden Kapitals 
und seine Ursachen 

Wir wissen bereits, daß während der Umlaufszeit des Kapitals 
zuschüssiges Geldkapital zur Fortführung des Produktionszweiges 
erfordert wird, das periodisch brachgelegt wird. Verkürzt sich nun 
in unserem ersten Beispiel die Umlaufszeit von drei auf zwei 
Wochen, so werden 1000 M. überflüssig und werden in Form von 
Cicldkapital ausgeschieden. Als solches tritt es in den Geldmarkt 
ein und bildet zuschüssigen Teil der hier fungierenden Kapitalien. 
Diese überschüssigen 1000 M. existierten früher nur zum Teil in 
('■ eidform; nämlich zu jenem Teil, der zur Zahlung der Arbeits- 
k raft diente, 500 M. dagegen wurden zum Ankauf von Produktions - 
ini Iteln verwandt, existierten also in Warenform. Jetzt werden sie 
ganz, und zwar in Geldform, aus dem Kreislaufprozeß dieses Kapi- 
l;\ls ausgeschieden. 

„Die hiermit in Geldform ausgeschiednen" 1000M. „bilden jetzt 
ein neues, Anlage suchendes Geldkapital, einen neuen Bestandteil 
des Geldmarkts. Sie befanden sich zwar periodisch schon früher in 
Clor Form von freigesetztem Geldkapital und von zuschüssigem 
l'roduktivkapital, aber diese latenten Zustände selbst waren Bedin- 
gung für die Ausführung, weil für die Kontinuität, des Produk- 
linnsprozesses. Jetzt sind sie nicht mehr dazu nötig und bilden des- 
wegen neues Geldkapital und einen Bestandteil des Geldmarkts, 
obgleich sie durchaus weder ein zuschüssiges Element des vor- 
li;iniliicn gesellschaftlichen Geldvorrats bilden (denn sie existieren 
l;mini Beginn des Geschäfts und wurden durch es in die Zirkulation 
i;e wnrfen) noch einen neuakkumulierten Schatz." Es zeigt sich hier 

1 Mnrx, „Kapital", IL, S. 274. (Neuausgabe S. 288. Die Red.) 



84 



also, wie bei gleichbleibendem Geldvorrat nur durch Verkürzung 
der Umschlagszeit des Kapitals vermehrtes Angebot von Geldkapital 
entsteht. Denn das Geld ist durch seine frühere Funktion als Kapital 
prädestiniert, wieder Kapital zu werden. 

Verlängert sich umgekehrt die Umlaufszeit, sage um weitere 
zwei Wochen, so wird zuschüssiges Kapital erforderlich im Belauf 
von 2000 M., die aus dem Geldmarkt genommen werden müssen, 
um in den Kreislauf des produktiven Kapitals (in den immer die 
Zirkulationszeit eingeschlossen ist) zu treten. 1000 M. werden all- 
mählich aus der Geldform in Arbeitskraft umgewandelt, die ande- 
ren 1000 vielleicht sofort in Produktionsmittel. Die Verlängerung 
des Umschlages bewirkt daher vermehrte Nachfrage auf dem Geld- 
markt. 

Die wichtigsten Momente, welche die Umschlagsperiode selbst 
affizieren, sind die folgenden: „Soweit die größre oder geringre 
Länge der Umschlagsperiode abhängt von der Arbeitsperiode im 
eigentlichen Sinn, d. h. der Periode, nötig um das Produkt für den 
Markt fertig zu machen, beruht sie auf den jedesmal gegebnen sach- 
lichen Produktionsbedingungen der verschiednen Kapitalanlagen, 
die innerhalb der Agrikultur mehr den Charakter von Naturbedin- 
gungen der Produktion besitzen, in der Manufaktur und dem größ- 
ten Teil der extraktiven Industrie mit der gesellschaftlichen Ent- 
wicklung des Produktionsprozesses selbst wechseln." 1 

Hier walten zweierlei Tendenzen. Die Entwicklung der Technik 
verkürzt die Arbeitsperiode; das einzelne Stück wird rascher fertig- 
gestellt, verläßt also rascher die Fabrik und kommt auf den Markt; 
es tut das außerdem, wenn es sich um diskrete Produkte handelt, 
auch in größerer Gesellschaft, es ist mehr hergestellt worden als 
früher, ein größeres Kapital schlägt also rascher um; der technische 
Fortschritt verkürzt die Arbeitsperiode und beschleunigt so den 
Umschlag des zirkulierenden Kapitals und des Mehrwertes. Aber 
zugleich bedeutet dieser Fortschritt Vermehrung des Fixen Kapitals, 
dessen Umschlagsperiode länger ist, eine Reihe von Umschlägen 
des zirkulierenden Kapitals umfaßt. Diese Vermehrung des fixen 

1 Marx, „Kapital", II., S. 303/304. (Neuausgabe S. 316. Die Red.) 



86 



Kapitals schreitet in rascherem Verhältnis fort als die des zirkulie- 
i enden. Ein immer größerer Teil des Gesamtkapitals verlangsamt 
Somit seinen Umschlag. Vom Kredit abgesehen, wäre damit in der 
Voi l.ingsamung des Umschlages ein weiterer Grund — der erste ist 
ihr Vergrößerung der Stufenleiter der Produktion als solche — zu 
»'Ormebrtem Vorschuß von Geldkapital gegeben, von dem aber auch 
ein größerer Teil disponibel (freigesetzt) bliebe. 

„Soweit die Länge der Arbeitsperiode auf der Größe der Liefe- 
rungen beruht (dem quantitativen Umfang, worin das Produkt als 
Wimi- in der Regel auf den Markt geworfen wird), hat dies konven- 
tionellen Charakter. Aber die Konvention selbst hat zur materiellen 
ß.'isis die Stufenleiter der Produktion, und ist daher nur im ein- 
zelnen betrachtet zufällig." 1 Auch hier wächst im allgemeinen das 
Quantum, mit ihm der Kapitalvorschuß. Jedoch ist zu beachten, daß 
iln'i größere Quantum infolge des technischen Fortschritts geringe- 
mii l'reis haben kann, daher auch geringerer Vorschuß erforder- 
1 1 ■ 1 1 sein kann. 

„Soweit endlich die Länge der Umschlagsperiode von der Länge 
ilri '/.irkulationsperiode abhängt, ist diese zum Teil zwar bedingt 
iliinli den beständigen Wechsel in den Marktkonjunkturen, die 
1'iiilirc oder geringre Leichtigkeit zu verkaufen, und die dieser 
einspringende Notwendigkeit, das Produkt teilweise auf nähern 
imIit entfernten Markt zu werfen. Abgesehn vom Umfang der Nach- 
lni|>e überhaupt, spielt die Bewegung der Preise hier eine Haupt - 
inllr, indem der Verkauf bei fallenden Preisen absichtlich be- 
iilii.inkt wird, während die Produktion vorangeht; umgekehrt bei 
m 1 1 'iiM-mlcn Preisen, wo Produktion und Verkauf Schritt halten, oder 
im voraus verkauft werden kann. Jedoch ist als eigentliche mate- 
i Ic'lli; Mnsis zu betrachten die wirkliche Entfernung desProduktions- 
nii/i's vom Absatzmarkt." 

I );i der Profit in der Produktion entsteht, durch die Zirkulation 
hui realisiert wird, ist es ständiges Bestreben, alles Kapital wo- 
miiflirli in Produktionskapital zu verwandeln. Daher die Tendenz, 

1 Knrl Marx, „Das Kapital", Bd. II, Neuausgabe S. 316. Die Red. 
' Marx, „Kapital", II., S. 304. (Neuausgabe S. 316/317. Die Red.) 



87 



die Zirkulationskosten auf ein Minimum herabzusetzen durch Er- 
setzung des Metallgeldes durch Kreditgeld und zweitens die Zirku- 
lationszeit selbst herabzudriicken durch Entwicklung der Handels- 
technik, durch möglichst raschen Verkauf der Produkte. Eine 
Gegentendenz bildet die stete Erweiterung der Märkte und die Ent- 
wicklung der internationalen Arbeitsteilung. Diese Gegentendenz 
wird in ihrer Wirkung gemildert durch die Entwicklung der 
Transportverhältnisse. 

Wir haben schließlich noch hervorzuheben, daß die Länge der 
Umschlagszeit des Kapitals entscheidend ist für die Schnelligkeit, 
mit der der Mehrwert in Kapital rückverwandelt, akkumuliert wer- 
den kann. Je kürzer die Umschlagszeit, desto rascher realisiert sich 
auch der Mehrwert in Geldform und kann in Kapital verwandelt 
werden. 

All diese angeführten Momente: die organische Zusammen- 
setzung des Kapitals, insbesondere das Verhältnis des fixen zum 
zirkulierenden Kapitalsbestandteil, die Entwicklung der Handels- 
technik, welche die Umlaufszeit abkürzt, die in gleicher Richtung 
wirkende Entwicklung der Transportmittel, der aber in dem Auf- 
suchen stets entfernterer Märkte eine Gegentendenz erwächst, die 
Verschiedenheit im Tempo der Rückflüsse infolge der periodischen 
Konjunkturschwankungen, schließlich die raschere oder verlang- 
samtem produktive Akkumulation: alle diese Umstände wirken auf 
die Masse des brachliegenden Kapitals und auf die Dauer des Brach- 
liegens ein. 

Dazu kommt als wichtiges Moment der Einfluß der Preisände- 
rungen der Waren. Tritt Preisfall der Rohmaterialien ein, so 
braucht der Kapitalist unseres Beispiels, um die Produktion auf 
gleicher Stufenleiter fortzuführen, wöchentlich nicht 1000 M., 
sondern sage nur 900 M. vorzuschießen; für die ganze Umschlags- 
periode seines Kapitals also nicht 9000 M., sondern nur 8100 M., 
während 900 M. frei werden. Das so „ausgeschiedne und jetzt un- 
beschäftigte, daher auf dem Geldmarkt Anlage suchende Kapital, 
Geldkapital, ist nichts als ein Stück des ursprünglich als Geldkapital 
vorgeschoßnen Kapitals von" 9000 M., „das durch den Preisfall der 



88 



Pincluktionselemente, worin es periodisch rückverwandelt, über- 
flüssig geworden ist, soll das Geschäft nicht erweitert, sondern auf 
der ,-illen Stufenleiter fortgesetzt werden. Wäre dieser Preisfall 
nullt zufälligen Umständen geschuldet (besonders reicher Ernte, 
I llici/.ufuhr etc.), sondern einer Vermehrung der Produktivkraft in 
dorn Zweig, der den Rohstoff liefert, so wäre dies Geldkapital ein 
absoluter Zuschuß zum Geldmarkt, überhaupt zu dem in der Form 
um Geldkapital disponiblen Kapital, weil es keinen integrierenden 
llr.i.indteil des bereits angewandten Kapitals mehr bildete." 1 

Umgekehrt erfordert Preissteigerung des Rohmaterials zu- 
1 i liiissiges Geldkapital und bewirkt somit Steigerung der Nachfrage 
'> 1 1 1" dem Geldmarkt. 

Es ist ohne weiteres klar, daß die eben betrachteten Momente 
vnii großer Wichtigkeit sind für die Entwicklung des Geldmarktes 
u ,i Inend der periodischen Schwankungen, die durch die Konjunktur 
wiiii-sacht werden. Im Beginn der Prosperität sind die Preise 
niedrig, die Rückflüsse gehen noch rasch ein, die Zirkulationszeit 
1*1 kurz. Während der Hochkonjunktur steigen die Preise und die 
/.nluiluLionszeit dehnt sich aus. Kredit wird stärker in Anspruch 
r.rnoinmen für die Zirkulation, während gleichzeitig durch die Aus- 
dehnung der Produktion auch die Inanspruchnahme für Kapital- 
luiilii gewachsen ist. Sowohl die Ausdehnung der Zirkulationszeit 
»U die Erhöhung der Preise macht zuschüssiges Kapital erforder- 
lich, das dem Geldmarkt entnommen werden muß und die Menge 
''<•■' verfügbaren Leihkapitals verringert. 

Mit dem Fortschritt zur höheren organischen Zusammensetzung 
w.idisL im allgemeinen auch die Umschlagszeit des Kapitals. Es 
»\ in lisL nicht nur die Größe des angewandten Kapitals, sondern auch 
die Zeit, während der es im Produktionsprozeß fungiert. Es ver- 
engert sich die Zeit, bis das vorgeschossene Kapital an seinen Aus- 
gangspunkt zurückkehrt. Der Kapitalist muß zum Beispiel 
IIMIOO M. vorschießen, wenn seine Umschlagszeit zehn Wochen 
balrägt. Wendet er eine neue Produktionsmethode an, die einen 
Vorschuß von 60 000 M. nötig macht, und beträgt die Umschlags- 
1 Marx, „Kapital", II., S. 277. (Neuausgabe S. 291. Die Red.) 



89 



zeit jetzt 30 Wochen, so sind dem Geldmarkt 60 000 M. zu ent- 
ziehen. Das sechsfache Kapital müßte dreimal solange vor- 
geschossen werden. 

Je länger die Umschlagszeit des Kapitals, desto länger dauert 
es, his der Gegenwert der dem Markt entzogenen Waren (Produk- 
tionsmittel und Lehensmittel für die Arbeiter) wieder in Waren- 
form auf den Markt kommt. Dem Markte werden so Waren ent- 
zogen, für die ihm hloß Geld zur Verfügung gestellt wird. Das 
Geld ist hier nicht verschwindende Form, sondern bleibende Wert- 
gestalt für dem Markt entzogene Waren. Sein Wert ist verselbstän- 
digt gegenüber der Ware. Der Warenwert muß hier absolut ersetzt 
werden durch Geld, da der Ersatz durch andere Ware erst zu einem 
ganz anderen Zeitpunkt erfolgen kann. 

„Denken wir die Gesellschaft nicht kapitalistisch, sondern kom- 
munistisch, so fällt zunächst das Geldkapital ganz fort, also auch 
die Verkleidungen der Transaktionen, die durch es hineinkommen. 
Die Sache reduziert sich einfach darauf, daß die Gesellschaft im 
voraus berechnen muß, wieviel Arbeit, Produktionsmittel und 
Lebensmittel sie ohne irgendwelchen Abbruch auf Geschäftszweige 
verwenden kann, die, wie Bau von Eisenbahnen z. B., für längre 
Zeit, ein Jahr oder mehr, weder Produktionsmittel noch Lebens- 
mittel, noch irgendeinen Nutzeffekt liefern, aber wohl Arbeit, 
Produktionsmittel und Lebensmittel der jährlichen Gesamtproduk- 
tion entziehn. In der kapitalistischen Gesellschaft dagegen, wo der 
gesellschaftliche Verstand sich immer erst post festum geltend 
macht, können und müssen so beständig große Störungen eintreten. 
Einerseits Druck auf den Geldmarkt, während umgekehrt die 
Leichtigkeit des Geldmarkts ihrerseits solche Unternehmungen in 
Masse hervorruft, also gerade die Umstände, welche später den 
Druck auf den Geldmarkt hervorrufen . . . Andrerseits : Druck auf 
das disponible produktive Kapital der Gesellschaft. Da beständig 
Elemente des produktiven Kapitals dem Markt entzogen werden 
und für dieselben nur ein Geldäquivalent in den Markt geworfen 
wird; so steigt die zahlungsfähige Nachfrage, ohne aus sich selbst 
irgendein Element der Zufuhr zu liefern. Daher Steigen der Preise, 



90 



»owohl der Lebensmittel wie der Produktionsstoffe. Es kommt hin- 
'", daß während dieser Zeit regelmäßig geschwindelt wird, große 

I H>i'i'lragung von Kapital stattfindet." 1 

liier wird die Verschiedenheit des Umschlages ein Moment der 
Störung in der Proportionalität der Reproduktion und damit — wie 
jp'ater noch gezeigt werden wird — zu einem Krisenmoment. 

Als Resultat der bisherigen Untersuchung ergibt sich also: 
Ki slons: Ein Teil des in der Produktion fungierenden gesellschaft- 
Inlicn Gesamtkapitals liegt stets in Form von Geldkapital brach, 
/.wciiens: Die Größe dieses brachliegenden Geldkapitals ist starken 
Variationen unterworfen, und alle diese Variationen müssen un- 
inilli'lbaren Einfluß auf den Geldmarkt, auf Angebot und Nach- 

I I nge von Geldkapital ausüben. 

I )as Brachliegen von Kapital widerspricht aber der Funktion des 
Kapitals, Profit zu produzieren. Es ergibt sich so das Bestreben, 
iln •■;<•* Brachliegen auf ein Minimum zu reduzieren. Diese Aufgabe 
liililci eine neue Funktion des Kredits. 



/ , 



'idlung des brachliegenden in funktionierendes Geldkapital 
durch den Kredit 



I »in Art, wie der Kredit diese Funktion erfüllen kann, ist ohne 
"(iii'ics klar. Wir wissen ja, daß periodisch aus dem Kreislauf- 
|nip/ili des Kapitals Geldkapital freigesetzt wird. Dieses aus dem 
Kreislauf des einen individuellen Kapitals ausgeschiedene Geld- 
knpilal kann aber als Geldkapital in dem Kreislauf eines anderen 
K it I > i 1 .1 Is fungieren, wenn es diesem anderen Kapitalisten durch den 
Kivilii zur Verfügung gestellt wird. So bildet die periodische Frei- 
Sslv.iinjj des Kapitals eine wichtige Grundlage für die Entwicklung 
Hin Kicditverhältnissen. 

Alle Ursachen also, die zur Brachlegung von Kapital geführt 
tii'ilu-ii, worden jetzt ebenso viele Ursachen zur Entstehung von 
h ■ t-il ■ i Verhältnissen, und alle Momente, die auf die Menge des 

' Mm ix, „Kapital", II., S. 302. (Neuausgabe S. 314/315. Die Red.) 



91 



brachliegenden Kapitals einwirken, bestimmen jetzt die Expansion 
und Kontraktion dieses Kredits. 

Treten zum Beispiel Pausen im Kreislaufprozeß eines Kapitals 
ein und findet die Unterbrechung des Kreislaufprozesses so statt, 
daß das Kapital als Geldkapital fixiert bleibt, so wird latentes Geld- 
kapital gebildet, das jetzt durch den Kredit anderen Kapitalisten 
zur Verfügung gestellt wird. Dies ist der Fall bei diskontinuier- 
lichen Produktionsprozessen, in solchen, die von der Jahreszeit ab- 
hängen, sei es infolge von Naturbedingungen (Agrikultur, Herings - 
fang, Zuckerproduktion usw.), sei es infolge konventioneller Um- 
stände, wie zum Beispiel bei sogenannten Saisonarbeiten. Jede Frei- 
setzung von Geldkapital bedeutet aber die Verwendungsmöglichkeit 
dieses Geldkapitals durch Vermittlung des Kredits zu anderen pro- 
duktiven Zwecken außerhalb des Kreislaufes des individuellen 
Kapitals, das es freisetzt. 

Wird dagegen der Kreislauf in anderen Stadien unterbrochen, 
wo kein Geldkapital freigesetzt wird, da ist umgekehrt, soll der 

1 Darauf beruht die ausgleichende Tätigkeit jener Banken, die das in den 
Agrikulturbezirken mit ihrem stark wechselnden Geldbedarf freiwerdende 
Geldkapital industriellen Bezirken zuführen. Welchen Einfluß anderseits die 
Konvention ausüben kann, zeigt folgendes Beispiel aus der modernen 
Schuhfabrikation: Daß sich das umlaufende Kapital nicht öfter als zweimal 
im Jahre umsetzt, obwohl der Fabrikationsprozeß eines Schuhes durchschnitt- 
lich nur 5 bis 4 Wochen dauert, erklärt sich aus dem Umstand, daß die 
HauptbesteUungen im Laufe des Jahres für Lieferung vor Ostern oder 
Pfingsten geschehen. Die Ware wird in der Zwischenzeit angefertigt und 
liegt auf dem Lnger, da sie vor dem Lieferungslermin nicht abgenommen 
wird oder doch wenigstens die Zahlungsverpflichtung des Schuhhäudlers erst 
mit dem Lieferungstermin beginnt. Karl Rehe, „Die Deutsche Schuhgroß- 
industrie", Jena 1908, S. 55. 

Zugleich wirken solche Verhältnisse bestimmend ein auf die Benützung 
des Kredits. „Die Eigenart des Saisongeschäftes in der Schuhindustrie veran- 
laßt auch die Schuhfabriken, mit Banken zu arbeiten. Die großen, nach der 
Hauptsaison einlaufenden Summen werden an die Banken abgeführt, welche 
ihrerseits in den übrigen Jahreszeiten den Fabriken die erforderlichen Sum- 
men für die Bezahlung der Löhne und der sonstigen Betriebsunkoslen zur 
Verfügung stellen und auch die Zahlungen für die Rohstoffe durch Über- 
weisung oder Scheckverkehr übernehmen." (Ebenda, S. 57.) 



92 



Prozeß kontinuierlich erhalten werden, Beservcfonds nötig, der 
jjloichfalls in Geldform gehalten werden muß, oder bei entwickel- 
tem Kreditsystem Inanspruchnahme von Kredit. 

Einerseits gibt so die Natur des Kreislaufprozesses die Möglich - 
ln'il der Gewährung von Kapitalkredit. Da aber das Geld stets 
/ ii KulaLionsunkosten darstellt, die kapitalistische Produktion daher 
die 'Tendenz hat, ihre Potenzen immer stärker anzuspannen, ohne 
da* ' leldkapital in gleicher Weise zu vermehren, wird dieser Kredit 
/in N o Lwendigkeit. 

Anderseits macht jede Störung im Zirkulationsprozeß, jede Ver- 
l.iiijM'iung der Prozesse W— G oder G— W zuschüssiges Kapital, 
lli'M'rvckapital, nötig, um die Kontinuität des Produktionsprozesses 
5i.i erhalten. Wir haben gesehen, daß die Menge des Geldes caet. 
I Ims abhängt von der Preissumme der zu zirkulierenden Waren. 

Finden daher im Kreislaufprozeß Wertänderungen statt, so wird 
(llfi Menge des Geldkapitals affiziert. Steigen die Preise, so wird zu- 
i .i lifissigcs Geldkapital gebunden, fallen sie, so wird Geldkapital 
frei ; „je größer die Störungen, um so größres Geldkapital muß der 
Lad iin tri eile Kapitalist besitzen, um die Ausgleichung abwarten zu 
können; und da im Fortgang der kapitalistischen Produktion sich 
die Stufenleiter jedes individuellen Produktionsprozesses und mit 
ilim die Minimalgröße des vorzuschießenden Kapitals erweitert, so 

lio il jener Umstand zu den andren, die die Funktion des indu- 

(I i lellen Kapitalisten mehr und mehr in ein Monopol großer Geld- 
li > 1 1 > i l;i listen, vereinzelter oder assoziierter, verwandeln" . 

I ler ['Credit, der sich auf der Freisetzung des Geldkapitals auf- 
hiiil, unterscheidet sich aber wesentlich von dem Zahlungskredit, 
iln sich auf Grund der einfachen Warenzirkulation nur aus der 
l'i', linierten Funktion des Geldes ergibt. Dies bedarf noch näherer 
A ni.l iilirung. 



' Marx, „Kapital", II., S. 84. (Neuausgabe S. 102/103. Die Red.) Hier ist 
nlnci dir 1 rerrschaft der Banken über die Industrie, die wichtigste Erscheinung 

il uusten Zeit, vorausgesagt, als noch kaum die Keime dieser Entwicklung 

hu hl hur waren. 



H llillnuliiiK, Das Finanzkapital 



93 



V. Kapitel 



DIE BANKEN UND DER INDUSTRIELLE KREDIT 



Der Kredit erscheint zunächst als einfaches Resultat der ver- 
änderten Funktion des Geldes als Zahlungsmittel. Findet die Zah- 
lung erst statt eine Zeit nach dem tatsächlich vollzogenen Verkauf, 
so wird für diese Zeit das Geld kreditiert. Diese Form des Kredits 
unterstellt also Warenbesitzer, in der entwickelten kapitalistischen 
Gesellschaft produktive Kapitalisten. Unterstellen wir den Prozeß 
als einzelnen und einmaligen, so bedeutet er nur, daß Kapitalist A 
genug Reservekapital hat, um den Rückfluß von B abwarten zu 
können, der im Moment des Kaufes nicht über die nötige Summe 
von Zahlungsmitteln verfügt. Bei dieser einseitigen Kreditgewäh- 
rung muß A so viel Geld mehr halten, als B bis zum Zahlungs- 
termin braucht. Geld würde dadurch nicht erspart, sondern nur 
übertragen. Anders wenn die Zahlungsanweisung selbst als Zah- 
lungsmittel fungiert, mit anderen Worten, wenn A Kredit an B 
nicht nur gibt, sondern selbst von C nimmt dadurch, daß er C mit 
dem Wechsel von B bezahlt. Hat nun etwa C selbst Zahlung an B zu 
leisten und zahlt er B mit dessen eigenem Wechsel, so sind hier die 
Warenkäufe und -verkaufe zwischen A und B, A und C und C und B 
vollzogen worden ohne Dazwischenkunft des Geldes. Es ist also Geld 
erspart worden, und da zugleich dies Geld als zusätzliches Geld- 
kapital (für den Zirkulationsprozeß des Warenkapitals) in den Hän- 
den der produktiven Kapitalisten hätte sein müssen, so ist damit 
für sie Geldkapital erspart worden. Der Wechsel hat Geld ersetzt, 
indem er selbst Geldfunktion verrichtet, als Kreditgeld fungiert 
hat. Ein großer Teil der Zirkulationsvorgänge, zugleich die größten 



94 







ii ml konzentriertesten, spielt zwischen den produktiven Kapitalisten 
illisl. Alle diese Transaktionen können prinzipiell durch Wechsel 
bewerkstelligt werden; ein großer Teil dieser Wechsel wird sich 
gegenseitig kompensieren und nur ein gewisser Betrag Bargeld 
imi ig sein, um die Bilanz zu saldieren. Es wird hier also Kredit von 
ilin produktiven Kapitalisten einander gegenseitig gewährt. Was 
• I ic Kapitalisten einander hier kreditieren, sind Waren, die für sie 
W.m'iikapital darstellen, aber diese Waren als bloße Träger einer 
Im:.i i uvmten Wertsumme, die beim Verkauf als in ihrer gesellschaf t- 
II cli gültigen Gestalt bereits realisiert unterstellt wird, also als 
friiger einer bestimmten Geldsumme, die der Wechsel repräsen- 
I Mit. Die Wechselzirkulation beruht also auf der Zirkulation der 
Wnren, aber von Waren, die durch den vollzogenen Verkauf bereits 
In Geld verwandelt worden sind, wenn auch diese Verwandlung 
iiuili nicht gesellschaftlich gültig gemacht wurde, sondern nur als 
|n Ivaler Akt im Zahlungsversprechen des Käufers existiert. 

I »iesen Kredit, wie er hier betrachtet wurde, vorgehend zwischen 
ilin produktiven Kapitalisten selbst, nennen wir Zirkulationskredit. 
\\ ir haben gesehen, daß er Geld ersetzt, also das kostspielige Metall 
i ■!• .p.irt, da er die Übertragung von Waren ohne Dazwischenkunft 
ili-. Geldes bedeutet. Ausdehnung dieses Kredits beruht auf Aus- 
(1 ob i iting dieser Warenübertragungen, und da es sich hier um 
VV'firen kapital — um Vorgänge zwischen produktiven Kapitalisten — 
li.niililt, auf Ausdehnung des Reproduktionsprozesses. Der Repro- 
ilnkl innsprozeß wird erweitert, die Nachfrage nach Kapital in Form 
>.iii produktivem Kapital (Maschinerie, Rohmaterial, Arbeitskraft 
ii'.w ) steigt. 

I ).is Steigen der Produktion bedeutet zugleich Steigen der Zirku- 
I ,il iom ; die vermehrten Zirkulationsvorgänge werden erledigt durch 

' Sicht man bloß, daß die Wechsel durch den Warenaustausch fundiert 
«iml, 1 1 1 1 d übersieht man, daß dieser Warenaustausch erst dann gesellschaftlich 
(Hihi,", vollzogen ist, wenn die Wechsel gegeneinander kompensiert, die 
r.ilnnx ilnrch Bargeld beglichen und die nicht bezahlten Wechsel durch Geld 

I/.I sind, so gelangt man zur Utopie der Warennote, des Arbeitsgeldes 

iimv , vim Kreditzeichen, die vom Metall losgelöst, selbständig den Wert der 
W ii direkt repräsentieren sollen. 



95 



das vermehrte Kreditgeld. Der Wechselumlauf wird vergrößert und 
kann vergrößert werden, weil die in die Zirkulation eingehende 
Warenmasse vermehrt ist. Dieses Anwachsen der Zirkulation kann 
also vor sich gehen, ohne daß die Nachfrage nach Goldgeld zu stei- 
gen braucht. Auch das Verhältnis von Nachfrage und Angehot von 
Geldkapital braucht keine Änderung zu erfahren. Denn gleichzeitig 
und in gleichem Verhältnis mit dem vermehrten Bedarf nach 
Zirkulationsmitteln kann das Angebot wachsen, da auf Grund der 
vermehrten Warenmenge das Kreditgeld in vermehrtem Maße aus- 
gegeben werden kann. 

Gestiegen ist hier der Wechselumlauf. 1 Dieser vermehrte Kredit 
hat auch durchaus nicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage 
nach den Elementen des wirklichen produktiven Kapitals tangieren 
brauchen. Vielmehr ist beides gleichmäßig gestiegen. Der Produk- 
tionsprozeß wurde erweitert und damit die Waren produziert, die 
für die erweiterte Stufenleiter der Produktion nötig waren. Wir 
haben somit hier vermehrten Kredit und vermehrtes produktives 
Kapital. Beides drückt sich aus im vermehrten Wechselumlauf. Es 
ist aber keine Verschiebung in dem Verhältnis von Angebot und 
Nachfrage nach Kapital in Geldform damit verbunden gewesen. Es 
ist aber nur diese Nachfrage, welche auf den Zinsfuß wirkt. Es 
kann also vermehrter Kredit - wenn es eben nur Zirkulationskredit 
ist — einhergehen mit gleichbleibendem Zinsfuß. 

Der Wechselumlauf ist nur beschränkt durch die Summe der 
wirklich vollzogenen Transaktionen. Während das Staatspapier im 
Übermaß ausgegeben werden kann, wodurch der Wert des einzelnen 
Abschnitts gesenkt, aber nie der Wert der Summe verändert wird, 
kann der Wechsel prinzipiell nur über abgeschlossene Geschäfte 
ausgestellt, daher nicht im Übermaß ausgegeben werden. Ist das 



1 Die Summe der im Laufe des Jahres in Umlauf gesetzten Wechsel betrug 
in Millionen Mark: 1885 12 060, 1895 15 241, 1905 25 506. Davon waren 
Bankakzepte: 1965 oder 16 Prozent, 3530 oder 23 Prozent und 8000 oder 
31 Prozent. In diesen Summen sind allerdings auch die nicht in den Verkehr 
(Kautions-, Depotwechsel usw.) gelangenden Wechsel eingerechnet. W. Prion, 
„Das deutsche Wechseldiskontgeschäft", Leipzig 1907, S. 51. 



96 



( ieschäft fingiert, schwindelhaft, so ist der Wechsel allerdings wert- 
los. Diese Wertlosigkeit des einzelnen Wechsels aber tangiert durch- 
iiiis nicht die Masse der anderen. 

Daß aber Wechsel nicht im Übermaß ausgegeben werden können, 
beweist nicht, daß die Geldsumme, auf die sie lauten, nicht zu hoch 
sein, kann. Tritt eine Krise ein, in der die Waren entwertet werden, 
so können die Zahlungsverpflichtungen nicht voll erfüllt werden. 
I >ie Absatzstockung macht die Umsetzung von Ware in Geld un- 
möglich. Der Maschinenfabrikant, der auf den Verkauf seiner 
Maschine gerechnet hat, um den Wechsel, den er für den Kauf von 
Eisen und Kohle gegeben hatte, einzulösen, kann diesen jetzt nicht 
riii lösen und ihn auch nicht durch einen Wechsel, den er vom Käufer 
seiner Maschine erhalten hätte, irgendwie kompensieren. Fehlen 
ihm sonst die Mittel, so wird sein Wechsel jetzt wertlos, obwohl er 
bei seiner Ausstellung Warenkapital (Eisen und Kohle, die in Ma- 
schine verwandelt werden) repräsentiert hat. 

Der Wechselkredit ist Kredit für den Ablauf des Zirkulations- 
inozesses und ersetzt das Zusatzkacpital, das während der Zirkula- 
lionszeit gehalten werden muß. Diesen Zirkulationskredit geben 
inander die produktiven Kapitalisten selbst; nur wenn die Rück- 
lliisse ausbleiben, muß Geld von dritter Seite, von Banken, zur 
Verfügung gestellt werden. Ebenso treten die Banken ein, wenn der 
Warenverkauf, also die Bedingung des Wechselverkehrs, irgendwie 
Stockt, sei es, daß die Ware momentan unverkäuflich, sei es, daß 
sie aus spekulativen Gründen zurückgehalten wird oder dergleichen. 
I lier ergänzen sie nur und vervollständigen den Wechselkredit. 

I )er Zirkulationskredit erweitert somit die Basis der Produktion 
über das in den Händen der Kapitalisten befindliche Geldkapital 
hinaus, das für sie nur mehr die Basis des Kreditüberbaues bildet, 

1 Wird aber die normale Warenzirkulation durch außerordentliche außer- 
iilionomisehe, also zufällige Ereignisse unterbrochen, wie Revolution oder 
Kiieg usw., so wird es rationell, diese Unterbrechungszeit gleichsam in die 
inirinale Umlaufszeit nicht einzurechnen und erst das Vorübergehen dieser 
Ereignisse abzuwarten. Dies geschieht durch die gesetzliche Bestimmung eines 
Moratoriums für die Wechsel. 



97 









einen Fonds zum Ausgleich der Bilanz der Wechsel und einen 
Reservefonds für Verluste bei ihrer Entwertung. 

Die Ersparnis an Bargeld wird einmal um so größer sein, je mehr 
sich die Wechsel untereinander kompensieren. Dazu sind eigene 
Einrichtungen notwendig; die Wechsel müssen gesammelt und mit- 
einander konfrontiert werden. Diese Funktionen erfüllen die Ban- 
ken. Sodann wird die Geldersparnis immer größer, je mehr derselbe 
Wechsel als Zahlungsmittel fungiert. Der Umlauf des Wechsels 
wird aber um so ausgedehnter sein können, je sicherer seine 
Zahlungsfähigkeit ist. Die Kreditwürdigkeit des Wechsels, der als 
Zirkulations- und Zahlungsmittel fungieren soll, muß bekannt sein. 
Auch diese Funktion fällt den Banken zu. Sie erfüllen beide Funk- 
tionen, indem sie die Wechsel kaufen. Indem der Bankier den Wech- 
sel kauft, ist er es, der den Kredit gewährt. Der Bankier setzt an Stelle 
des kommerziellen Kredits den Bankkredit — seinen eigenen, indem 
er für den Wechsel Noten gibt, an Stelle des industriellen und kom- 
merziellen Wechsels seinen eigenen. Denn die Banknote ist nichts 
als ein Wechsel auf den Bankier, der lieber genommen wird als der 
des Industriellen oder Kaufmannes. Die Banknote beruht also auf 
dem Wechselumlauf. Ist die Staatsnote gesichert durch das gesell- 
schaftlich notwendige Minimum der Warentransaktionen, der 
Wechsel durch die vollzogene Warentrans aktion als einen privaten 
Akt des Kapitalisten, so die Note durch den Wechsel, das Zahlungs- 
versprechen, für das das ganze Vermögen aller Personen haftet, die 
den Austausch vollzogen haben. Zugleich ist die Notenausgabe be- 
schränkt durch die Zahl der diskontierten Wechsel, die selbst 
beschränkt ist durch die Zahl der vollzogenen Austauschakte. 

Die Banknote ist so ursprünglich nichts anderes als ein Wechsel 
der Bank, der den Wechsel der Produktiven ersetzt. Vor der Zeit 
der Entstehung der Banknote liefen die Wechsel oft mit hundert 
Unterschriften versehen in der Zirkulation bis zu ihrem Verfall 



1 Unter produktiven Kapitalisten verstehen wir die Kapitalisten, die 
Durchschnittsprofit realisieren, also die Industriellen und Kaufleute, iin 
Gegensatz zu den Leihkapitalisten, die Zinsen, und den Grundbesitzern, die 
Rente beziehen. 



98 







um 5 umgekehrt wurden die Banknoten ursprünglich nach Art des 
Wechsels auf die verschiedensten Beträge, nicht nur auf runde 
Summen ausgestellt. Sie trugen nicht einmal immer den Charakter 
von Sichtwechseln. „In früheren Zeiten war es nicht ungewöhnlich, 
ilnß Banken Noten ausgaben, die entweder bei Sicht oder an einem 
späteren Tag als dem der Präsentation, nach Wahl des Ausstellers, 
/;ililbar waren, doch in dem letzten Fall trugen die Noten bis zum 
Tag der Zahlung Zinsen." 

Eine Änderung, die aber die ökonomischen Gesetze nicht auf- 
licbt, führt erst das Eingreifen des Staates herbei: Zweck dieser 
( icsctzgebung ist, die Konvertibilität der Note zu sichern, indem 
ilie Ausgabe der Banknoten direkt oder indirekt beschränkt wird 
und die Ausgabe zum Monopol einer unter staatlicher Kontrolle 
•;l chenden Bank gemacht wird. In Ländern, wo das Staatspapiergeld 
fehlt oder auf einen weit unter dem gesellschaftlichen Minimum 
lilcibenden Betrag beschränkt ist, nimmt die Banknote den sonst 
dem Staatspapiergeld zukommenden Raum ein. Wird der Banknote 
in gewissen krisenhaften Zeiten Zwangskurs verliehen, so wird sie 
damit selbst zum Staatspapiergeld. 2 Die künstliche Regelung der 

1 James Wilson, „Capital, Currency and Banking", London 1847, S. 44. 

'•' Natürlich wird die Bank fortfahren, mit diesen Noten zu diskontieren, 

I insofern diese Noten gegen Wechsel und andere Sicherheiten ausgegeben 

worden, erfüllen sie die Punktionen des Kreditgeldes nach wie vor. Das 
idi ließt aber durchaus nicht aus, daß sie Staatspapiergeld sind, und das 
und sofort bewiesen, wenn sie entwertet werden, weil mehr Papier aus- 
gegeben ist, als dem gesellschaftlichen Zirkulationsminimum entspricht. Ge- 
rn liii'ht das nicht, so wird natürlich auch keine Entwertung eintreten. Da die 
Vni schüsse an den Staat, wodurch eben die Zirkulationsmenge des Papiers un- 
"l'liiingig von den Bedürfnissen von Handel und Industrie vermehrt wird, 

Ii während der Periode der Bankrestriktion in England gering blieben, 

u nr auch die Entwertung gering. Es ist jedoch falsch, wenn Diehl sagt: „Aber 
Sülbsl bei den uneinlöslichen Banknoten mit tatsächlicher Qualität als ge- 
si I /liclies Zahlungsmittel kann von einem ,Papiergeld' nicht die Rede sein; 
.liiin so bedenklich auch der Mangel der Einlösungspflicht ist" (Bedenken, 
dir Diehl, der auf die Erfahrungen der österreichischen Währung keine 
II Hellsieht nimmt, außerdem noch überschätzt), „auch unter diesem System 
worden die Banknoten nicht ausgegeben, um Geld in Umlauf zu bringen, 



99 



w: 



Notenausgabe versagt sofort, sobald die Umstände eine vermehrte 
Notenausgabe verlangen. So wenn in der Krise der Kredit zusam- 
menbricht, das Kreditgeld vieler privater Kapitalisten (also viele 
Wechsel) unsicher wird und der von ihm eingenommene Raum in 
der Zirkulation durch zuschüssige Umlaufsmittel ausgefüllt werden 
muß. Das Gesetz versagt und wird übertreten, wie jüngst in den 



sondern sie werden in Form von Darlehen an den Staat oder an Kaufleute 
ausgegeben — also gegen Forderungsrechte, die die Bank ihrerseits erreicht. 
Dann hängt alles von der Art der Geschäftsführung der Bank, nicht aber 
von der Notenmenge ab, ob und inwieweit auch unter diesen Verhältnissen 
die Notenausgabe nur berechtigten Kreditbedürfnissen des Staates und des 
Handels dient oder ob sie darüber hinausgehend zu einer den ganzen Kredit 
gefährdenden Papiergeldwirtschaft führt." (Karl Diehl, „Sozialwissen- 
schaftliche Erläuterungen zu Ricardos Grundgesetzen der Volkswirtschaft", 
Leipzig 1905, II. Teil, S. 235.) Diehl übersieht den wesentlichen Unterschied 
zwischen Notenausgabe, die auf Wechseldiskont beruht, also auf Waren- 
umsatz, der Geld verlangt, für den eben das Kreditgeld zur Verfügung ge- 
stellt wird, und der Notenausgabe für Vorschüsse an den Staat. Die Note 
ersetzt den Wechsel, also eine Form des Kreditgeldes durch eine andere, und 
der Wechsel repräsentiert wirklichen Warenwert. Notenausgabe gegen 
Zahlungsversprechen des Staates aber soll erst den Staat in den Stand setzen, 
Waren zu kaufen, für die ihm das Geld mangelt. Nimmt der Staat Schulden 
auf dem Geldmarkt auf, so erhält er in Zirkulation befindliches Geld, und 
durch seine Ausgabe fließt es wieder auf den Geldmarkt zurück. Hier braucht 
sich die in Umlauf befindliche Geldmenge nicht zu ändern. Aber der Staat 
wendet sich an die Bank, weil er eben keinen anderen Kredit hat, und ver- 
leiht den Noten Zwangskurs, weil die Bank sonst bankrott würde. Die für 
diese Anleihe ausgegebenen Noten sind Zusatz zur Zirkulation und können 
entwertet werden. Es ist genau dasselbe, als würde der Staat das Papiergeld, 
das er für seine Zahlungen braucht, selbst und nicht erst durch den Umweg 
durch die Bank ausgeben. Nur daß der Umweg für die Bank vorteilhaft ist, 
weil sie jetzt für die „Anleihe", die sie nur Druck kostet, Zinsen bezieht. 
Es war namentlich dieser Umstand, der Ricardo so gegen die Bank von 
England aufbrachte und zu der Forderung führte, die Papiergeldausgabe, 
wobei er freilich Staatspapier und Banknote konfundierte, zur Staatssache 
zu machen. Es ist übrigens nicht uninteressant, zu sehen, daß die berühmten 
Vorschläge Ricardos in seinen Proposais for an economical and secure 
Currency in der „reinen Papierwährung" Österreichs in manchen Teilen ver- 
wirklicht sind, während gerade diese Verwirklichung das Falsche in Ricardos 
theoretischer Begründung aufs klarste erkennen läßt. 



Vereinigten Staaten, oder suspendiert, wie die Peelsakte in Eng- 
liind. Daß die Banknote genommen wird, während viele andere 
Wechsel zurückgewiesen werden, beruht lediglich auf dem uner- 
m butterten Kredit der Bank. Wäre dieser gleichfalls erschüttert, so 
müßte den Noten Zwangskurs verliehen oder direkt Staatspapier - 
l'.rld ausgegeben werden. Geschähe auch dies nicht, so würden 
private Umlaufsmittel wie in der letzten amerikanischen Krise ge- 
schaffen werden. Aber dies ist ein viel unwirksameres Mittel, um 
iler durch verfehlte Banknotengesetzgebungen verschärften Geld- 
krise entgegenzutreten. 

Kbensowenig wie der Wechsel kann die konvertible Banknote 
(i nid die nichtkonvertible ist in Wirklichkeit nichts anderes als 

1 Bei der Gesetzgebung über das Geldwesen steht die kapitalistische Ge- 
sellschaft vor einem rein gesellschaftlichen Problem. Diese Gesellschaft ist 
stell aber ihrer selbst nicht bewußt. Ihre eigenen Bewegungsgesetze bleiben 
iln verborgen und müssen erst mühsam von der Theorie entdeckt werden. 
( legen die Annahme der theoretisch gefundenen Resultate wehrt sich aber das 
Interesse ihrer führenden Schichten. Selbst abgesehen von den engen und 
eigennützigen Interessen der Geldkapitalisten, die als vornehmlichste Sach- 
\ inständige in den Fragen der B ank gesetzgebung gelten, ist es der Wider- 
w illo gegen die Arbeitswerttheorie, welche zum unüberwindlichen Hindernis 
in ilio richtige Einsicht der Gesetze der Geld- und Notenzirkulation wird 
iiihI in der englischen Bankgesetzgebung zum Sieg der Prinzipien der 
i in lency-Schule führt, obwohl diese Lehre schon durch die Arbeit von Tooke, 
I 'ulhirlon und Wilson historisch und theoretisch ad absurdum geführt war. 
I d ist dabei eine hübsche Ironie der Geschichte, daß diese Theorie sich — 
lind liis zu einem gewissen Grade mit Recht — auf denselben Ricardo, der 
umist die Arbeitswerttheorie konsequent durchzuführen bestrebt war, berufen 

l> le, weil Ricardo unter dem Eindruck der Praxis der Papiergeldwirtschaft 

linr seine eigene Theorie im Stiche gelassen hatte. 

I'.s ist der anarchische Charakter der kapitalistischen Gesellschaft, der ihr 
■ In- i nlionelle und bewußte Regelung einer gesellschaftlichen Aufgabe so 
"In erschwert. Mühsam und ganz allmählich lernt sie erst aus den harten 
um! kostspieligen Erfahrungen der verschiedensten Länder und Epochen 
im liligerc Grundsätze, ohne die Kraft zu finden, sie zu verallgemeinern, wie 
die A n frech terhaltung der amerikanischen und englischen, im geringeren 
i Srncle auch der deutschen Notenbankgesetzgebung und -politik beweist. Und 
um h weniger ist sie heute imstande, die neuen Erfahrungen einheitlich 
il lelisch zu erfassen; staunt sie doch schon die Kühnheit eines Knapp an, 



100 



10t 



Staatspapiergeld mit Zwangskurs) im Übermaß ausgegeben wer- 
den. 1 Der Verkehr entledigt sich der Banknote, die er nicht mehr 
braucht, indem er sie der Bank zurückgibt. Da sie den Wechsel 
substituiert, ist ihre Notenausgabe denselben Gesetzen unterworfen 
wie die Wechselzirkulation und dehnt sich mit dieser aus, solange 
der Kredit unerschüttert bleibt, tritt aber als Zahlungsmittel, dessen 
Kredit in der Krise unerschüttert geblieben ist, neben dem Bargeld 
an die Stelle des Wechsels, sobald die Wechselzirkulation sich in der 
Kreditkrise gewaltsam kontrahiert. 

Mit der Entwicklung des Bankwesens, wo alles unbeschäftigte 
Geld in den Banken zusammenströmt, substituiert sich der Bank- 
kredit dem kommerziellen in der Weise, daß immer mehr alle 



der die neuen Tatsachen weder verurteilt noch weginterpretiert, sondern 
wenigstens daraus eine systematische — Terminologie schafft. 

Da es sich bei der Verwaltung der Geld- und Kreditzirkulation um eine 
rein gesellschaftliche Aufgabe handelt, so erhebt sich die Forderung, diese 
Aufgabe dem Staate zu übertragen. Da aber der kapitalistische Staat von 
Klasseninteressen zerrissen ist, so werden gegen diese Forderung sofort die 
Bedenken derer wach, die den Machtzuwachs der den Staat gerade beherr- 
schenden Schichten zu fürchten haben. Der Kampf endet zumeist mit dem 
Kompromiß einer weitgehenden staatlichen Aufsicht über eine privilegierte 
Privatgesellschaft. Das persönliche Interesse der Kapitalisten, das angeblich 
unentbehrlich sein soll, muß eben ausgeschaltet oder doch beschränkt werden. 
Das Privatinteresse der Leiter der Nationalbanken steht in gar keinem Ver- 
hältnis zur Bedeutung ihrer Macht. Hier könnte in der Tat das freie Walten 
des Profitinteresses durch Ausnützung des Nationalkredits für eigene Bech- 
nmig den größten Schaden anrichten. Der gesellschaftliche Charakter der 
Aufgabe macht die Ausschaltung oder doch die starke Einschränkung des 
Profitinteresses unentbehrlich. 

1 „Ich zögere keinen Moment, meine volle Übereinstimmung mit der so 
sehr verschrienen Doktrin der alten Bankdirektoren von 1810 auszusprechen, 
daß, solange als eine Bank ihre Noten nur ausgibt in der Diskontierung guter 
Wechsel von nicht mehr als 60tägiger Laufzeit, sie nicht falsch handeln 
kann, wenn sie soviel Noten ausgibt, als das Publikum nehmen will. In 
diesem Grundsatze, so einfach er ist, steckt nach meiner Meinung mehr 
Wahrheit und tiefere Einsicht in die Prinzipien, welche den Geldumlauf 
beherrschen, als in irgendeiner Vorschrift über diesen Gegenstand, die seit- 
dem erlassen worden ist." Fullarton, loc. cit., S. 207. 



Wechsel nicht in ihrer ursprünglichen Form als Zahlungsmittel 
dienen, indem sie unter den produktiven Kapitalisten umlaufen, 
sondern in ihrer verwandelten Form als Noten. Die Kompensation 
und Saldierung der Bilanz findet jetzt bei und unter den Banken 
i.l.ilt, eine technische Erleichterung, die den Kreis der möglichen 
Kompensation erhöht und das zur Saldierung nötige Bargeld weiter 
\ erringert. 

Das Geld, das früher die produktiven Kapitalisten selbst halten 
mußten, um die Bilanz der von ihnen ausgestellten Wechsel zu be- 
gleichen, ist für sie jetzt überflüssig; es fließt als Depositum den 
li.inken zu, die jetzt damit die Saldierung der Bilanzen vollziehen 
können. Es verringert sich also der Kapitalteil, den die Produktiven 
in Form von Geldkapital halten mußten. 

Da der Bankier an Stelle der Wechsel seinen eigenen Kredit setzt, 
SO braucht er Kredit, aber nur ein geringes eigenes Kapital in Geld- 
hinn als Garantiefonds für seine Zahlungsfähigkeit. Was die Ban- 
ken hier leisten, ist, durch Ersatz des unbekannten Kredits durch 
i In en eigenen bekannteren das Kreditgeld in erhöhtem Maße zirku- 
l.il ionsfähig zu machen. Sie ermöglichen dadurch auch den Aus- 
gleich der Zahlungsforderungen lokal auf einem viel größeren Ge- 
biete und, soweit dadurch auch die Kompensationsmöglichkeiten der 
Zeit nach vervielfacht werden, den zeitlichen Ausgleich; sie erwei- 
tern somit den Kreditüberbau in weit höherem Maße, als es der auf 
ilie produktiven Kapitalisten beschränkten Wechselzirkulation ge- 



lingen wäre. 



Aber man darf das Kapital, das die Banken durch den Wechsel- 
diskont den produktiven Kapitalisten zur Verfügung stellen, nicht 
ilu|i|)clt nehmen; der größte Teil der Bankdepositen gehört der 
K bisse der produktiven Kapitalisten, die mit der Entwicklung des 
ll.'inkwesens ihr ganzes verfügbares Geldkapital in den Banken 
hellen. Dieses Geldkapital bildet, wie wir gesehen haben, die Basis 
de:: Wccbselumlaufes. Es ist aber das eigene Kapital der Klasse. 
I buch den Wechseldiskont wird der Klasse als solcher nicht neues 
Knpilal zugeführt. Es wird nur an Stelle des Kapitals in der einen 
• ■eldlorm (dem privaten Zahlungsversprechen) Kapital in anderer 



102 



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Geldform (Zahlungsversprechen der Bank, eventuell Bargeld) ge- 
setzt. Um Geldkapital handelt es sich nur, soweit es eben realisiertes 
Warenkapital ersetzt, also die Geldsumme hier genetisch betrachtet 
wird. Funktionell handelt es sich immer um Geld (Zahlungs- oder 
Kauf mittel). 

Die Substituierung des Kredits der produktiven Kapitalisten 
durch Bankkredit kann natürlich auch in anderen Formen erfolgen 
als denen der Banknotenausgabe. So stellen in Ländern mit Noten- 
monopol die Privatbanken den Produktiven ihren Bankkredit zur 
Verfügung, indem sie die Wechsel der Produktiven „akzeptieren", 
das heißt mit ihrer Unterschrift versehen und damit sich für deren 
Zahlungsfähigkeit verbürgen. Dadurch genießt der Wechsel den 
Kredit der Bank, was seine Umlaufsfähigkeit ebenso erhöht, als 
wäre er durch die Noten dieser Bank ersetzt. Es ist bekannt, daß ein 
großer Teil besonders der internationalen Handelstransaktionen 
durch solche Wechsel erledigt wird. Prinzipiell besteht zwischen 
solchen akzeptierten Wechseln und Noten von Privatbanken kein 
Unterschied. 

Der Zirkulationskredit, in dem eben von uns gebrauchten Sinn, 
besteht also in der Schaffung von Kreditgeld. Er macht die Produk- 
tion damit unabhängig von der Schranke der vorhandenen Bargeld- 
summe, wobei wir unter Bargeld das vollwertige Metallgeld, das 
Währungsgeld, Silber- oder Goldgeld, verstehen, plus dem Staats- 

1 „Das wichtigste Mittel, im internationalen Verkehr Zahlungen zu er- 
ledigen, ist der Wechsel. Während sich in früherer Zeit in dem Handels- 
wechsel sichtbar der zwischenstaatliche Ausgleich vollzog, ist in dem letzten 
Jahrhundert der Bankwechsel mehr und mehr in den Vordergrund getreten, 
hinter welchem der erstere, aber auch der aus anderen Forderungen — zum 
Beispiel aus dem Effektengeschäft — abgeleitete, verborgen ist. In dem 
Handelswechsel ist die spezielle Art des vorausgegangenen Warenkaufes aus- 
gelöscht, in dem Bankwechsel ist, dem Zuge der Zeit entsprechend, die 
Abstraktion noch weiter getrieben, und es ist nicht mehr der Schluß ge- 
stattet, daß der Warenverkehr ihm zugrunde liegt, vielmehr läßt sich nur 
sagen, daß eine Geldforderung aus irgendeinem ökonomischen Vorgang be- 
glichen werden soll. An diese Zahlungsart kann nun der internationale Kredit 
anknüpfen." A. Sartorius Freiherr v. Waltershausen, „Das volkswirtschaftliche 
System der Kapitalanlage im Ausland", Berlin 1907, S. 258 ff. 



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Papiergeld mit Zwangskurs und den Scheidemünzen, soweit sie in 
dem Umfang des gesellschaftlich notwendigen Zirkulationsmini- 
nmms existieren. 

Durch den Zirkulationskredit als solchen findet aber weder Über- 
I ragung von Geldkapital von einem produktiven Kapitalisten auf 
•Ion anderen statt noch Zufluß von Geld anderer (unproduktiver) 
Klassen zur Kapitalistenklasse, um von dieser in Kapital verwandelt 
zu werden. Leistet der Zirkulationskredit also Bargeldersatz, so 
nennen wir den Kredit in seiner Funktion, Geld in welcher Form 
immer, also gleichgültig ob Bargeld oder Kreditgeld, aus brach- 
liegendem Geld in fungierendes Geldkapital zu verwandeln: 
Kapitalkredit. Kapitalkredit deswegen, weil diese Übertragung stets 
llbertragung an solche ist, die das Geld durch Kauf der Elemente 
iles produktiven Kapitals als Geldkapital anwenden. 

Wir haben im vorhergehenden Kapitel gesehen, wie im Ver- 
laufe des kapitalistischen Produktionsprozesses freiliegendes, auf- 
Ci'schatztes Geld, das als Geldkapital dienen soll, entsteht. Es sind 
die Summen, die zeitweilig durch den Zirkulationsprozeß gebunden, 
zeitweilig brachliegen, die Summen, die aufgeschatzt werden zum 
Ersatz des fixen Kapitals und des abgeschätzten Mehrwerts, bis sie 
fax Akkumulation groß genug geworden sind. Hier ist dreierlei zu 
leisten: die einzelnen Summen sind zu sammeln, bis sie durch die 
Zentralisation groß genug zur produktiven Verwendung werden; 
zweitens sind sie den geeigneten Personen zur Verfügung zu stellen; 
mimI drittens sind sie für die geeignete Zeit zur Verfügung zu stellen. 

Wir haben früher gesehen, wie das Kreditgeld aus der Zirku- 
lation entsprang. Jetzt haben wir es mit Geld zu tun, das nicht 
I ii nktioniert; Geld kann aber nur Geldfunktion verrichten, und diese 
kann es nur in der Zirkulation verrichten; der Kredit kann in dieser 
Kunktion daher nichts anderes leisten, als nichtzirkulierendes Geld 
im Zirkulation zu werfen. 

Aber als kapitalistischer Kredit wirft er es nur in Zirkulation, 
hui mehr Geld herauszuziehen; er wirft es in Zirkulation als Geld- 
taipital zur Verwandlung in. produktives Kapital. Er erweitert da- 
nn l den Umfang der Produktion, eine Erweiterung, der die Erwei- 



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teruiig des Umfanges der Zirkulation vorausgegangen sein muß. 
Diese Erweiterung vollzieht sich ohne Dazwischenkunft neuen 
Geldes, nur durch die Ausnutzung alten, aber brachliegenden Geldes 
zu Zirkulationszwecken. 

Hier ergibt sich also wieder das Bedürfnis für eine ökonomische 
Funktion, die darin besteht, das brachliegende Geldkapital auf- 
zusammeln und das gesammelte zu verteilen. 

Der Kredit trägt hier aber anderen Charakter als der Zirku- 
lationskredit. Dieser bewirkt, daß Geld als Zahlungsmittel fungiert. 
Die Zahlung für eine Ware, die verkauft wird, wird kreditiert. 
Geld, das sonst in die Zirkulation eintreten müßte, wird erspart, 
weil es durch Kreditgeld ersetzt ist. Um diese Summe wird wirk- 
liches Geld überflüssig, das sonst vorhanden sein müßte. Anderseits 
wird dem Kapitalisten kein neues Kapital zur Verfügung gestellt. 
Der Zirkulationskredit verleiht nur seinem Warenkapital die Form 
von Geldkapital. 

Anders der Kapitalkredit. Er ist nur Übertragung einer Geld- 
summe, die ihr Besitzer nicht als Kapital anwenden kann, an 
jemand, der sie als Kapital anwenden soll. Dies ist ihre Bestimmung. 
Denn würde sie nicht als Kapital angewandt, könnte ihr Wert nicht 
erhalten bleiben und rückfließen. Gesellschaftlich betrachtet ist 
aber immer Rückfluß des Geldes an den Schuldner nötig, um es 
mit Sicherheit ausleihen zu können. Es findet also hier Übertragung 
von Geld statt, das 1 bereits vorhanden ist, nicht Ersparung von 
Geld überhaupt. Der Kapitalkredit besteht also in Übertragung von 
Geld, das damit aus brachliegendem in fungierendes Geldkapital 
verwandelt werden soll. 1 Dieser erspart nicht wie der Zahlungs- 
kredit Zirkulationskosten, sondern erweitert auf Grundlage der 
gleichen Geldbasis die Funktion des produktiven Kapitals. 



1 Da alles Geld gegen Zins ausgeliehen, also für den Verleiher Kapital- 
charakter annimmt, so wird umgekehrt alles ausgeliehene Geld, welches immer 
in Wirklichkeit seine Funktionen, ob es Ausgangspunkt für neues produktives 
Kapital bildet oder nur Zirkulationsvorgänge bereits vorhandenen Kapitals 
vermittelt, als Kapital angesehen und die Nachfrage nach Geld als Zahlungs- 
mittel mit der als Geldkapital verwechselt. 



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Die Möglichkeit des Kapitalkredits entspringt hier aus den Be- 
il ingungen der Zirkulation des Geldkapitals selbst, entspringt dar- 
BUS, daß periodisch Geld im individuellen Kreislauf des Kapitals 
In. ich gelegt wird. Die einen Kapitalisten zahlen dies beständig in 
die Hanken ein, die es den anderen wieder zur Verfügung stellen. 

Die ganze Kapitalistenklasse betrachtet, liegt dann das Geld nicht 
um Big; erstarrt es hier als Schatz, so verwandelt es der Kredit sofort 
in aktives Geldkapital in einem anderen Zirkulationsprozeß. Für 
ihr ganze Klasse verringert sich so der Umfang des vorzuschießen- 
,l.ii Geldkapitals. Diese Verringerung erfolgt, weil die Pausen der 
Zirkulation hier das Geld übertragbar machen und so das Ruhen 
des Geldes als Schatz vermieden wird. Die ganze Kapitalistenklasse 
In .nicht dann nur einen verhältnismäßig geringen Teil des Geldes 
nl:. Schatz fungieren zu lassen, um Unregelmäßigkeiten und Störun- 
l'iii der Zirkulation begegnen zu können. 

Früher hatten wir es mit produktiven Kapitalisten (industriellen 
n ml kommerziellen) zu tun, die ihre Umsätze, zum Beispiel den 
K .i i ■ T von Produktionsmitteln, mit Kreditgeld vollziehen. Jetzt wird 
ilei produktive zum Geld- oder Leihkapitalisten. Aber diesen Cha- 
i n Isicr nimmt er nur vorübergehend an, wenn sein Geldkapital, der 
Verwandlung in produktives harrend, gerade brachliegt. Und wie 
n in einem Moment leiht, so borgt er in einem anderen von einem 
/weilen produktiven Kapitalisten. Der Charakter des Leihkapita- 
ln.len ist zunächst nur vorübergehend und wird dann mit der Ent- 
u n Klung des Bankwesens zu dessen besonderer Funktion. 

I ),is vorhandene Geldkapital fungiert durch Vermittlung des 
Kredits in größerem Umfang als ohne diese Vermittlung. Der 
Kredit schränkt das brachliegende Kapital auf jenes Minimum ein, 
dris erforderlich ist, um Störungen oder unvorhergesehene Verände- 
i nng im Kreislaufprozeß des Kapitals zu verhüten. Das Brachliegen 
Je« < '.( ldkapitals während einer gewissen Zeit im Ablauf des Kreis - 
ImiiI prozesses des individuellen Kapitals sucht der Kredit so für das 
t;< ullsc/iaftliche Kapital aufzuheben. 

Zugleich folgt, daß die Hinterlegung der Depositen der produk- 
Iimii Kapitalisten und ebenso ihre Entziehung bestimmten Ge- 



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setzen folgt, die sich aus der Natur der Zirkulation des produktiven 
Kapitals, aus der Länge seiner Umlaufszeit herleiten. Diese Gesetz- 
mäßigkeit erkennen, lehrt die Banken die Erfahrung, die ihnen das 
Minimum von Depositen zeigt, das in normalen Zeiten nicht unter- 
schritten wird und ihnen erlaubt, diesen Betrag den produktiven 
Kapitalisten stets zur Verfügung zu halten. 

Der Scheck ist der unmittelbare Bezug auf das Depositum, wäh- 
rend der Wechsel sich nur virtuell auf dasselbe beziehen muß; 
der Scheck bezieht sich auf das individuelle Deposit, der Wechsel 
beruht auf dem Depositum der Klasse. Denn es sind zunächst die 
eigenen Depositen, die der Kapitalistenklasse im Wechseldiskont 
zur Verfügung gestellt werden und, wenn die Zahlungen für die 
verfallenen Wechsel eingehen, die Rückflüsse für die verkauften 
Waren also tatsächlich erfolgen, immer wieder als Depositen 
zurückkehren. Vermindern sich die Rückflüsse, werden die Wechsel- 
eingänge geringer, so müssen die Kapitalisten zusätzliches Kapital 
zur Verfügung haben. Sie vermindern dann die Depositen, damit 
aber den Fonds, aus dem ihre Wechsel diskontiert werden. Dafür 
muß nun die Bank eintreten; sie muß mit ihrem eigenen Kredit 
diskontieren; da aber die Basis des Wechselumlaufes, die Depositen, 
abgenommen haben, ihre Liquidität vermindert ist, kann sie ohne Ge- 

fahr nicht ihren eigenen Kredit vermehren. Der verlangsamte Rück- 
fluß hat in diesem Fall vermehrte Nachfrage nach Bankierkredit, 
und da dieser nicht ausdehnbar ist, nach Bankierkapital - Leih- 
kapital - hervorgerufen. Dies äußert sich im Steigen des Zinsfußes. 
Die Funktion des Wechsels, als Kreditgeld zu fungieren, hat sich 
vermindert. An seine Stelle mußte Geld treten, das den Banken 
entzogen worden und hier als vermehrte Nachfrage nach Geld- 
kapital empfunden wurde. Wir haben hier also Verminderung der 
Depositen bei gleichbleibendem oder noch steigendem Wechselum- 
lauf und steigendem Zins. 

Daß die Summe der Depositen ein Vielfaches der wirklich vor- 
handenen Bargeldsumme ist, ist schon hier klar. Das Hartgeld 
macht eine ganze Anzahl von Umläufen durch und ist zugleich die 
Basis des Kreditgeldumlaufes. Jeder solcher Umlauf von Bar- oder 



108 



K icditgeld kann als Depositum beim Bankier niederschlagen. Die 
I )epositensumme kann damit um so viel größer sein als die Bargeld- 
Summe, als die Umlaufszahl des Geldes einschließlich des Kredit- 
feldes anzeigt. 

A legt 1000 M. in die Bank. Die Bank leiht diese 1000 M. an B. 
I )ieser zahlt damit eine Schuld an C. C legt diese 1000 M. wieder 
in die Bank, die Bank leiht sie neuerdings aus und erhält sie neuer- 
ilings als Deposit usw. „Die Depositen... spielen eine doppelte 
Holle. Einerseits werden sie als zinstragendes Kapital aus- 
geliehen und finden sich also nicht in den Kassen der Banken, son- 
dern figurieren nur in ihren Büchern als Guthaben der Depositoren. 
Andrerseits fungieren sie als solche bloße Buchposten, soweit die 
wechselseitigen Guthaben der Depositoren durch Schecks auf ihre 
1 )epositen sich ausgleichen und gegeneinander abgeschrieben wer- 
den; wobei es ganz gleichgültig ist, ob die Depositen bei demselben 
It.inkier liegen, so daß dieser die verschiednen Konti gegeneinander 
n lischreibt, oder ob dies durch verschiedne Banken geschieht, die 
i li i-o Schecks gegeneinander austauschen und sich nur die Differen- 
zen zahlen." 1 

Nach dem bisherigen wirkte die Bank einmal als Vermittlerin 
lies Zahlungsverkehres, den sie durch die Konzentration der Zah- 
lungen und Ausgleichung der örtlichen Verschiedenheiten erweitert; 
sodann besorgte sie die Verwandlung von brachliegendem in funk- 
lionierendes Geldkapital, das sie sammelte, konzentrierte, verteilte 
und dadurch auf das jeweilige Minimum, das für den Kreislauf des 
( iesellschaftskapitals notwendig ist, reduzierte. 

Eine dritte Funktion übernimmt die Bank, indem sie das Ein- 
kommen aller anderen Klassen in Geldform sammelt und der Kapi- 
l;ilistenklasse als Geldkapital zur Verfügung stellt. Den Kapitalisten 
Hießt so außer ihrem eigenen Geldkapital, das die Banken ver- 
walten, das brachliegende Geld alle,r anderen Klassen zur produk- 
liven Verwendung zu. 

I hn diese Funktion zu erfüllen, müssen die Banken möglichst 
ii I le Gelder, die in den Händen ihrer Besitzer brachliegen, sammeln, 

1 Marx, „Kapital", III., 2. Teil, S. 8. (Neuausgabe S. 514. Die Red.) 



III nilfrrding, Das Finanzkapital 



109 






konzentrieren und sie dann den Produktiven ausleihen. Ihr Haupt- 
mittel ist die Gewährung von Zins auf die Depositen und die Er- 
richtung von Sammelstellen (Filialen) zur Aufnahme der Depositen. 
Diese sogenannte Dezentralisation— so genannt, weil sie rein örtlich 
ist, nicht aher ökonomisch — liegt also im Wesen der Bankfunktion, 
die brachliegenden Gelder auf die Produktiven zu übertragen. 

Das Geldkapital, das die Banken den industriellen Kapitalisten 
zur Verfügung stellen, kann von diesen in zweierlei Weise zur 
Erweiterung der Produktion verwandt werden: es kann Geldkapital 
verlangt werden, um es in zirkulierendes oder aber um es in fixes 
Kapital zu verwandeln. Die Unterscheidung ist wichtig wegen der 
Verschiedenartigkeit des Bückflusses. Geldkapital, vorgeschossen 
zum Ankauf von zirkulierendem Kapital, fließt in derselben Weise 
zurück, das heißt, sein Wert ist nach Ablauf der Umschlagsperiode 
vollständig reproduziert und in Geldform rückverwandelt. Anders 
beim Vorschuß zur Verwandlung in fixes Kapital. Hier fließt das 
Geld nur allmählich während einer längeren Reihe von Umschlags - 
Perioden zurück und ist während der ganzen Zeit festgelegt. Die 
Verschiedenartigkeit des Bückflusses bedingt so eine Verschieden- 
artigkeit in der Art und Weise, wie die Gelder der Bank festgelegt 
sind. Die Bank hat ihr Kapital in das kapitalistische Unternehmen 
eingelegt und ist damit an dem Schicksal dieses Unternehmens 
beteiligt. Diese Beteiligung ist um so fester, je mehr das Bank- 
kapital als fixes Kapital in dem Unternehmen fungiert. Dem Kauf- 
mann gegenüber ist die Bank viel freier als dem industriellen Unter- 
nehmen gegenüber. Überhaupt kommt beim Kaufmannskapital 
überwiegend nur Zahlungskredit in Betracht. Dies erklärt auch, 
warum die Beziehungen zwischen Kaufmanns- und Bankkapital 
sich, wie wir noch sehen werden, ganz anders gestalten als die zum 
industriellen Kapital. 

Die Formen, in denen das Bankkapital inklusive der fremden 
Gelder in dem Umfang, in dem sie oben erwähnt worden, den Pro- 
duktiven zur Verfügung gestellt werden, sind mannigfach: Über- 
ziehen der eigenen Depositen, Einräumung eines offenen Buch- 
kredits und der Kontokorrentverkehr. Ihre Unterscheidung ist von 






keiner prinzipiellen Bedeutung, wichtig sind nur die Zwecke, zu 
welchen die Gelder wirklich verwandt werden, ob zur fixen oder 
zirkulierenden Kapitalanlage. 1 

Diese Festlegung von Kapital erfordert aber anderseits auch ein 
größeres eigenes Kapital der Banken, das als Reservefonds und 
< iarantiefonds für die stete Einlösbarkeit der Depositen dient. Ban- 
ken mit der Funktion der eigentlichen Kreditgewährung müssen 
also immer auch über bedeutendes Kapital verfügen, im Gegensalz 
v.u den reinen Depositenbanken. So ist in England das Verhältnis 
fles eingezahlten Aktienkapitals zu den Verpflichtungen ein außer- 
ordentlich geringes; „bei der ausgezeichnet geleiteten London- und 
Countybank war 1900 das Verhältnis wie 4,38 : 100. " 2 Anderseits 
erklärt sich aus diesem Verhältnis die Höhe der Dividenden der 
Inguschen Depositenbanken. 

Zu Beginn der Entwicklung wird der Kredit hauptsächlich ver- 
mittelt durch Wechsel; er ist Zahlungskredit, den sich die produk- 
liven Kapitalisten, Industrielle und Kommerzielle, untereinander 
geben; sein Resultat ist das Kreditgeld. Ist der Kredit bei den Ban- 
ken konzentriert, so tritt einmal neben dem Zalüungskrcdit der 
Kapitalkredit stets stärker hervor. Zugleich kann sich der Kredit, 
den sich die Industriellen untereinander geben, der Form nach ver- 
iin.lcrn. Die Industriellen halten alles Kapital, das sie in Geldform 
liaben, in der Bank. Es macht jetzt keinen Unterschied, ob sie sich 
Kredit durch Wechsel gegenseitig geben oder ob sie sich gegenseitig 
Anweisung auf ihre Bankkredite geben. So können Bankkredite an 
Stelle von Wechselkrediten treten und der Wechselumlauf hat sich 
vri ringert. An Stelle des industriellen und kommerziellen Wechsels 

1 Die Ökonomen, welche bei der Analyse der Ware die spezifischen Form- 
1 uiiilheitea übersehen und nur den Inhal l des Tauschaktes betrachten, 
.-■lilässigen umgekehrt hei den entwickelten Formen des Kredit- wie d« 
!'.... -rnverkehrs den Inhalt und können sich nicht genug lim mit unendlichen 
Rplnlisierereien über die Formen. Auch Jeidels scheint mir in seiner sonst 
»Ol .■"/Jüchen Schrift („Das Verhältnis der deutschen Großbanken zur In- 

"""'"- ^P^g 1905) den Formen des Kreditverkehrs übermäßige Be- 

ili-nliiiig beizulegen, 

■ fnite, „Das englische Bankwesen", S. 200. 



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ist der Bankwechsel, dem aber eine Verpflichtung des Industriellen 
an die Bank zugrunde liegt, getreten. 1 

Daß die Entwicklung vom Zahlungs- zum Kapitalkredit geht, 
zeigt sich auch international. Zuerst gibt England (wir sehen von 
der analogen Stellung des holländischen Kapitalismus zum eng- 
lischen während des Frühkapitalismus ab) den fremden Ländern, 
die die englischen Produkte kaufen, hauptsächlich kommerziellen 
Kredit, während England seine Einkäufe in verhältnismäßig größe- 
rem Maße bar zahlt; heute ist es anders: Kredit wird nicht allein 
und in erster Linie für die Handelsbeziehungen gewährt als kom- 
merzieller Kredit, sondern für Kapitalanlagen; man sucht sich 
durch Kapitalkredit der auswärtigen Produktion zu bemächtigen. 
Internationaler Bankier ist weniger das Industrieland (Vereinigte 
Staaten, Deutschland), sondern in erster Linie sind es Frankreich, 



1 „Zunächst ist in fast allen Geschäftszweigen, durchgeführt schon im 
Rohstoff- und Halbfabrikatenverkehr, die zunehmende Einbürgerung der 
Barzahlung (worin aber Prion die Bankzahlung einbegreift) an Stelle der 
Wechselbegleichung wahrzunehmen. Mit Hilfe des Bankkredits, besonders in 
der Form des Akzeptkredits, zahlt der Kaufmann mittels Giroüberweisung 
oder Ausschreibung eines Schecks in bar, so daß der reine Warenwechsel 
immer mehr verdrängt wird. Am stärksten muß dies die großen und besten 
Warenwechsel treffen, weil in den obersten Schichten des Handelsverkehrs 
der Kapitalreichtum durch den Aufsaugungsprozeß ohnehin schon stark ge- 
wachsen ist. Selbst im überseeischen Großverkehr, dem Herkunftsgebiet 
des bisher feinsten Wechsels, beispielsweise im Getreidehandel, ist es üblich 
geworden, an Stelle des Zwei- und Dreimonatswechsels mit der Sichttratte 
zu zahlen, wenn nicht das Bankakzept gebraucht wird. Begründet ist diese 
Umwandlung durch die Tatsache, daß der Käufer bei Barzahlung stets vorteil- 
haftere Bedingungen erlangen kann, die selbst im ganzen bestehen bleiben, 
wenn auch zu diesem Zwecke in erheblichem Umfange der Bankkredit in 
Anspruch genommen werden muß. Um die tatsächlich noch in Umlauf 
gelangenden Warenwechsel entspinnt sich des weiteren ein starker Wett- 
bewerb sowohl zwischen Reichsbank und Kreditbanken, als auch zwischen 
den einzelnen Gruppen der letzteren selbst. Die gewaltigen Kapitalanhäufun- 
gen in den Großbanken drängen nach einer entsprechenden Wechselanlage 
und drücken deshalb in diesem Wettbewerb den Preis für die guten Waren- 
wechsel weit unter den Reichsbankdiskontsatz bis auf den Privatdiskontsatz 
herab." (Prion, loc. cit., S. 120.) 



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'I .um Belgien und Holland, das schon den englischen Kapitalismus 
"" l7 - un <3 18. Jahrhundert finanziert hat, die Kapitalkredit ge- 
u. ihren. England nimmt eine Mittelstellung ein. Daher auch die 
Verschiedenheit der Goldbewegungen in den Zentralbanken dieser 
I .indor. Die Goldbewegung der Bank von England ist einmal Index 
Im die internationalen Kreditverhältnisse, da London der einzige 
/'.ui/. freie Goldmarkt von alters her ist und sich daher dort der 
Goldhandel konzentriert. In Frankreich hindert die Goldprämien- 
pcililik, in Deutschland manche Einflüsse der Reichsbankleitung die 
völlig freie Goldbewegung. Die Bewegung des englischen Gold- 
S- liil/.es hängt in erster Linie ab, da der Kredit, den England gibt, 
Doch wesentlich kommerzieller Kredit ist, vom Stande der Industrie 
und lies Handels und seiner Bilanz. Die Dispositionen der Bank von 
li.mkrcich mit ihrem riesigen Goldschatz und ihrer verhältnis- 
müßig geringen kommerziellen Verpflichtung sind viel freier. Sie 
ill «'s, die der Bank von England bei Erschütterungen des kommer - 
'i'llrn Kredits zu Hilfe kommt. 

Diese relative Unabhängigkeit des Bankkredits vom kommer - 
«lollnn ist wichtig, weil sie eine gewisse Überlegenheit für den 
Bankier bedeutet. Jeder Kaufmann und Industrielle hat Kredit- 
< oi nl'liclitungen, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt erfüllt werden 

1 •'•''"• Er selbst ist aber für die Erfüllung heute abhängig von 

iI.-m Dispositionen seines Bankiers, der ihm durch Einschränkung 
Minis Kredits die Erfüllung eventuell unmöglich machen könnte. 
üol.-mgc die Hauptmasse des Kredits kommerzieller Kredit war und 
•'"• Rankiers nur wesentlich Wechselhändler, war dies nicht der 
fnll; hier hing vielmehr der Bankier selbst vom Ablauf des Ge- 
'.' h.ills, von der Bezahlung der Wechsel ab; er mußte es möglichst 
Vermeiden, die geforderte Kreditgewährung einzuschränken, so- 
Iai-irc es irgendwie ging, da er sonst den ganzen Wechselkredit zer- 
"inini konnte; daher große Anspannung seines eigenen Kredits bis 
mm I Iheranspannung und dem Krach. Heute, wo der kommerzielle 
Iwnlii diese Rolle nicht mehr spielt, sondern der Kapitalkredit die 
fTfuiplsache, kann die Bank die Verhältnisse viel besser kontrollieren 
I heherrschen. 



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Eine gewisse Entwicklung des Kredits gegeben, wird die Benüt- 
zung des Kredits für das kapitalistische Unternehmen eine Not- 
wendigkeit, die ihm der Konkurrenzkampf aufdrängt. Denn für 
den Einzelkapitalisten bedeutet die Benützung des Kredits eine 
Erhöhung seiner individuellen Profitrate. Beträgt die Durch- 
schnittsprofitrate 50 Prozent, der Zinsfuß 5 Prozent, so wird ein 
Kapital von 1 Million Mark einen Profit von 300 000 M. erzielen. 
(Von diesem Profit werden in der Berechnung des Kapitalisten 
250 000 M. als Unternehmergewinn, 50 000 M. als Zins auf sein 
Kapital gebucht werden.) Gelingt es dem Kapitalisten, eine zweite 
Million aufzunehmen, so wird er jetzt einen Profit von 600 000 M. 
minus 50 000 M., die er als Zins auf die zwöite Million Mark weg- 
zahlen muß, also 550 000 M. Gewinn machen; sein Unternehmer- 
gewinn beträgt jetzt 500 000 M., der nach wie vor auf das eigene 
Kapital von 1 Million berechnet, nunmehr eine Unternehmer- 
gewinnrate von 50 Prozent gegen die frühere von 25 Prozent er- 
gibt. Erlaubt ihm das größere Kapital zugleich mit der Ausdehnung 
der Produktion auch billiger zu produzieren, so wird sich sein Ge- 
winn weiter erhöht haben. Ist anderen Kapitalisten die Kredit- 
benützung nicht im selben Maße oder zu härteren Bedingungen 
möglich, so würd der begünstigte Kapitalist einen Extraprofit 
machen können. 

Ist die Marktlage ungünstig, so äußert sich der Vorteil der 
Kreditbenützung in anderer Weise. Es ist dem Kapitalisten, der 
fremdes Kapital benützt, möglich, mit seinen Preisen für jenen 
Umfang, in dem er fremdes Kapital benützt, unter den Produktions- 
preis (Kostpreis plus Durchschnittsprofit) herunterzugehen bis auf 
k+z (Kostpreis plus Zins), so daß er die Gesamtsumme seiner Waren 
unter dem Produktionspreis verkaufen kann, ohne den Profit auf 
sein eigenes Kapital zu schmälern. Er opfert nur den Unter- 
nehmergewinn auf das fremde, nicht den Profit auf das eigene 
Kapital. Die Benützung des Kredits gibt so in Zeiten ungünstiger 
Konjunktur eine Überlegenheit im Preiskampf, die mit dem Um- 
fang der Kreditbenützung wächst. So wird das eigene Kapital, dal 
die produktiven Kapitalisten benützen, für sie nur die Basis eine« 



Unternehmens, das mit Hilfe fremden Kapitals weit über die 
''i h ranke des eigenen Kapitals ausgedehnt wird. Die Erhöhung des 
I Nternehmergewinns durch Benützung des Kredits ist eine solche 
!ur den individuellen Kapitalisten und für sein eigenes Kapital. Sie 
l.iliL zunächst die Höhe der gesellschaftlichen Dürchschnittsprofit- 
i.ilr unberührt. Zugleich steigert sich aber natürlich die Profit- 
m.isse, damit das Tempo der Akkumulation. Indem sie erlaubt, die 
Stufenleiter der Produktion auszudehnen, die Produktivkraft der 
\ i heit zu steigern, gewährt sie zunächst den Kapitalisten, die den 
Kredit zuerst oder in größerem Umfang als andere anwenden kön- 
nen, Extraprofit, um im weiteren Verlauf der Entwicklung durch 
l'ni Ischreiten zur höheren Zusammensetzung des Kapitals, die mit 
f)cr Ausdehnung der Produktion meist verbunden ist, die Profitrate 
zu senken. Die Erhöhung des Unternehmergewinns des einzelnen 
Kapitalisten treibt diese zu immer stärkerer Inanspruchnahme des 
Kredits. Zugleich wächst durch die Zusammenfassung alles Geld- 
I iipilals in den Banken die Möglichkeit der Inanspruchnahme. 
I Im'sc in der Industrie entspringende Tendenz muß ihrerseits zu- 
iiii K wirken auf die Art der Kreditgewährung durch die Banken. 

Die Verstärkung des Strebens nach Kredit führt zunächst dazu, 
■ Li II für das zirkulierende Kapital Kredit in Anspruch genommen 
wiiil; ein immer größerer Teil des eigenen Kapitals wird in fixes 
K.ipilal verwandelt, während für einen erheblichen Teil des zirku- 
lierenden Kapitals fremdes Kapital eintritt. Je größer aber die 
fthilYnleiter der Produktion, je gewaltiger der fixe Kapitalteil 
wird, desto fühlbarer wird die Beschränkung des Kredits auf das 
mi luilierende Kapital empfunden. Soll aber auch für das fixe Kapital 

1 Uni wie hohe Kredite es sich im Einzelfall handelt, sieht man zum 
Mi'is|>n'l ans einer Notiz des „Aktionär" aus dem Jahre 1902, wonach es viel- 
luili iililich geworden ist, daß Industrielle 20 bis 40 Prozent als Bank- 
«i Inilili'ii zu verzinsen haben. Auf der Generalversammlung des Neusser 

I inen wcrltns, vormals Rudolf Daelen, rechnete ein Aktionär aus, daß die 
'.. liul.len dieses Werkes 1900 bis 1905 26, 85, 105, 115 Prozent der flüssigen 

IM I betrugen; von den 718 000 Mark Schulden im Jahre 1903 waren 

Min nun Mark Bankschulden bei 1 Million Mark Aktienkapital. (Jeidels, a. a. 

II . '. 42.) 



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Kredit in Anspruch genommen werden, so ändern sich die Bedin- 
gungen für die Kreditgewährung von Grund aus. Das zirkulierende 
Kapital ist nach einer Umschlagsperiode in Geldkapital rückver- 
wandelt, das fixe Kapital verwandelt sich nur allmählich im Laufe 
einer längeren Periode mit seiner allmählichen Abnützung in Geld 
zurück. Geldkapital, das in fixes Kapital verwandelt worden ist, ist 
damit für längere Zeit gebunden, es muß lange Zeit vorgeschossen 
bleiben. Die Leihkapitalien aber, die der Bank zur Verfügung 
stehen, müssen zum größten Teil jederzeit ausbezahlt werden kön- 
nen. Es kann davon nur der Teil zur Verwandlung in fixes Kapital 
ausgeliehen werden, der in den Händen der Bank lange genug 
bleibt. Das tut nun kein individuelles Leihkapital; aber von dem 
gesamten Leihkapital bleibt immer ein großer Teil in den Händen 
der Bank, ein Teil, dessen Zusammensetzung stets wechselt, der 
aber in einem gewissen Minimum stets vorhanden bleibt. Dieser in 
der Verfügung der Banken bleibende Teil ist es, der auch als fixes 
Kapital ausgeliehen werden kann. Während das individuelle Kapital 
nicht in Form bloßen Leihkapitals zur fixen Anlage geeignet ist - 
denn es hört damit auf, Leihkapital zu sein, und wird ein Teil des 
industriellen Kapitals, der Kapitalist wird aus einem Leihkapita- 
listen ein Industrieller — , ist dieses Minimum, das immer der Bank 
zur Verfügung steht, zur fixen Anlage geeignet. Dieser Teil wird 
erstens um so größer und zweitens um so konstanter sein, je größer 
das Gesamtkapital, das der Bank zur Verfügung steht. Es muß da- 
her die Bank, die fixes Kapital zur Verfügung stellt, immer schon 
eine gewisse Ausdehnung haben, die mit der Expansion der indu- 
striellen Unternehmungen wachsen und noch rascher wachsen muß 
als diese. Zugleich wird eine Bank sich nicht an einem Unter- 
nehmen beteiligen können, sondern die Tendenz haben, durch mehr- 
fache Beteiligung ihr Risiko zu' verteilen. Dies wird schon deshalb 
der Fall sein, weil dadurch die Rückflüsse auf diese Vorschüsse 
regelmäßiger eingehen werden. 

Mit dieser Art der Kreditgewährung ändert sich aber zugleich 
die Stellung der Banken zur Industrie. Solange die Banken nur den 
Zahlungsverkehr vermitteln, interessiert sie eigentlich nur der 



116 



momentane Stand des Unternehmens, seine momentane Zahlungs- 
fähigkeit. Sie lösen die Wechsel ein, die nach dieser Prüfung gut 
Kind, sie bevorschussen die Waren, lombardieren die Aktien, die 
nach dem augenblicklichen Stand des Marktes zu normalen Preisen 
verkäuflich sind. Ihr eigentliches Wirkungsfeld ist demnach auch 
mehr das kommerzielle Kapital als das industrielle und daneben die 
Kcfriedigung der Ansprüche der Börse. Auch ihr Verhältnis zur 
Industrie bezieht sich weniger auf den Produktionsprozeß als viel- 
mehr auf den Verkauf des Industriellen an den Großkaufmann. 
Anders, wenn die Bank dazu übergeht, dem Industriellen Produk- 
linnskapital zur Verfügung zu stellen. Dann bleibt ihr Interesse 
CLicht mehr auf den augenblicklichen Zustand des Unternehmens 
und die augenblickliche Marktlage beschränkt, sondern jetzt han- 
ilelL es sich vielmehr um das fernere Geschick des Unternehmens, 
um die künftige Gestaltung der Marktlage. Aus dem augenblick- 
luli on wird ein dauerndes Interesse, und je größer der Kredit, 
|s mehr vor allem der Anteil des in fixes Kapital verwandelten 
Leihkapitals überwiegt, desto größer und desto bleibender dieses 
I n I cresse. 

<! leichzeitig wächst aber der Einfluß der Bank auf das Unter- 
in-liincn. 

Solange der Kredit nur vorübergehend war, solange also das 
I lulernehmen nur sein zirkulierendes Kapital von der Bank kredi- 
t n- 1 1 erhielt, so lange war auch die Lösung dieser Beziehung ver- 
Ihillnismäßig leicht. Nach Ablauf der Umschlagsperiode konnte das 
I lulernehmen den Kredit zurückzahlen, einen anderen Kreditgeber 
im li aussuchen. Das hört auf, wenn auch ein Teil des fixen Kapitals 
kiiililicrt ist. Die Verpflichtung läßt sich dann erst nach längerer 
/.eil lösen. Das Unternehmen bleibt an die Bank gebunden. In die- 
uhii Verhältnis pflegt aber die Bank der stärkere Teil zu sein. Die 
Bfiiik verfügt immer über das Kapital in seiner flüssigen, stets 
»i lila;;fertigen Form, über Geldkapital. Das Unternehmen aber ist 
unbewiesen auf die Rückverwandlung der Ware. Stockt der Zirku- 
lulionsprozeß oder sinken die Verkaufspreise, so ist zuschüssiges 
Kiijiital notwendig, das auf dem Wege des Kredits zu beschaffen ist. 



117 



I 






Denn mit der Ausdehnung des Kreditwesens ist der Umfang des 
Kapitals eines jeden Unternehmens auf das Mindestmaß beschränkt, 
erfordert jede plötzlich eintretende Notwendigkeit einer Vermeh- 
rung der flüssigen Mittel eine Kreditoperation, deren Versagung 
für das Unternehmen den Bankrott bedeuten könnte. Es ist die Ver- 
fügung über das Geldkapital, was der Bank die Übermacht gibt 
gegenüber dem Unternehmen, dessen Kapital als Produktions- oder 
Warenkapital festgelegt ist. Dazu kommt die Übermacht des Kapi- 
tals der Bank, die sie relativ unabhängig der einzelnen Transaktion 
gegenüber macht, während für das Unternehmen von dieser Trans- 
aktion vielleicht alles abhängt. Umgekehrt kann in manchen Fällen 
die Bank so stark bei einem Unternehmen engagiert sein, daß ihr 
Geschick mit dem Unternehmen eng verflochten ist und sie sich 
allen seinen Anforderungen fügen muß. Es ist im allgemeinen 
immer die Überlegenheit der Kapitalsmacht, besonders die Aus- 
dehnung des zu freier Verfügung stehenden Geldkapitals, was über 
die ökonomische Abhängigkeit innerhalb eines Schuldverhältnisses 
entscheidet. 

Das geänderte Verhältnis zur Industrie verstärkt alle jene Ten- 
denzen, welche schon aus der Technik des Bankwesens heraus zur 
Konzentration führen. Eine Betrachtung dieser Tendenzen muß 
auch hier die drei Funktionen der Banken scheiden, die im Zah- 
lungskredit (also im Wechselverkehr), im Kapitalkredit und im 
Emissionsgeschäft - dies muß hier vorweggenommen werden - zum 
Ausdruck kommen. 

Für den Wechselverkehr entscheidend ist vor allem die Aus- 
dehnung der internationalen Beziehungen. Er erfordert ein weit- 
verzweigtes Netz ausländischer Beziehungen. Sodann macht 
hier die längere Umlaufszeit des Auslandswechsels es notwendig, 
größere Mittel eventuell festlegen zu können. Drittens ist auch der 
Ausgleich durch Kompensation der Wechsel hier weniger gleich- 
mäßig. Der Devisenhandel verlangt also eine große leistungsfähige 
Organisation. „Das Bedeutsame dabei liegt darin, daß schon allein 
aus der Technik eines bestimmten Bankgeschäftes, das für eine auf- 
blühende Industrie von zunehmender Wichtigkeit ist, eine Tendenz 



118 






zur Konzentration im Bankwesen entsteht. Der aus der gewerb- 
lichen Produktion stammende Wechsel, Auslands- sowie Inlands- 
wechsel, wesentlich der Bezahlung von Rohmaterial und Fabrikaten 
dienend, verlangt eine Organisation des Bankwesens, die weitver- 
zweigt genug ist, um den Wechselverkehr im großen, besonders 
.nich mit dem Ausland, regeln, gleichzeitig aber auch den einzelnen 
Wechsel auf seine Sicherheit prüfen zu können, das heißt Groß- 
banken mit vielen auswärtigen Beziehungen und einheimischen 
Niederlassungen. Freilich dient der Wechsel der Industrie wesent- 
lich zur Zahlung und zur Schaffung von Zahlungskredit; das 
I nstitut, das diesen Kredit gewährt, erhält dadurch noch keine Mög- 
lichkeit, in die kreditnehmenden Industrien bewußt und planvoll 
einzugreifen, über die notwendige Prüfung der Sicherheit des 
K rcditnehmers und den Diskontgewinn gehen die Beziehungen 
/wischen Bank und Industrie dabei nicht hinaus." 

Um das ausländische Wechselgeschäft lukrativ betreiben zu kön- 
nen, muß damit auch die Wechselarbitrage eng verbunden sein. 

I ),i/.u gehören einerseits ausgedehnte Verbindungen, anderseits 
große flüssige Mittel. Denn Arbitrageoperationen müssen immer, 
um Gewinn abzuwerfen, sehr rasch und in großem Maßstab ge- 
macht werden. Dieses Wechselarbitragegeschäft „beruht darauf, 
il.iß zum Beispiel an Tagen, an denen (seil, in London) die Nach- 
hilfe nach Wechseln auf Paris größer ist als das Angebot und die 
Wechselkurse dementsprechend anziehen, von Häusern, welche ent- 
weder Guthaben oder Kredit in Frankreich haben, diese Konjunktur 
iinsgenützt wird, indem sie Wechsel auf Paris ausstellen; die be- 

I I elfcnde bezogene Firma in Paris wartet sodann eine ähnliche gün- 
(tl.igi: Gelegenheit auf dem dortigen Markte ab, um die Summen 
w ieder nach England zurückzuleiten" . 

! )ie Pflege des Kapitalkredits drückt sich aus in der zunehmenden 
llcdeutung des Kontokorrentverkehrs. „Seine Bedeutung für das 

' leideis, 1. c, S. 32. 

' Edgar Jaffa, „Das englische Bankwesen", S. 60. 

1 Das Wesen des Kontokorrentkredits besteht darin, „daß er dem Schuld- 
ii>'i f.i'slallet, über den vereinbarten Kredit im ganzen oder durch Teilbeträge 



119 






Verhältnis der Banken zur Industrie entspringt drei Gründen: 
1 . Durch seine entscheidende Wichtigkeit für die ruhige Ausdeh- 
nung eines Unternehmens schafft er eine Abhängigkeit von den 
Kreditgebern. 2. Die geschäftliche Natur des industriellen Bank- 
kredits übt noch mehr als die bisher erwähnten Kreditgeschäfte 
eine Wirkung auf die Organisation des Bankwesens aus, nur sie 
wirkt auf die Bankkonzentration hin . . ., die eigenartigen Bezie- 
hungen zur Industrie . . . verlangen neue Prinzipien, eine andere 
Kenntnis der Industrie seitens der Bankleiter. 3. Schließlich ist 
das industrielle Kontokorrentgeschäft der Angelpunkt sämtlicher 
Geschäfte der Bank mit der Industrie; die Gründungs- und Emis- 
sionstätigkeit, die direkte Beteiligung an gewerblichen Unterneh- 
mungen, das Mitwirken bei der Leitung industrieller Betriebe als 
Mitglied des Aufsichtsrates stehen zu dem Bankkredit in sehr vielen 
Fällen in dem engen Verhältnis von Ursache und Wirkung." Zu- 
gleich ist das Kontokorrentkonto ein „gutes Mittel für die Bank, 
das Industrieunternehmen zu beurteilen und zu kontrollieren; 



zu verfügen und auch dementsprechend jederzeit Rückzahlungen zu leisten. 
Vorteilhaft für den Schuldner ist diese Eigenart des Kontokorrentkredits 
dadurch, daß er die Benützung der leihweise überlassenen Kapitale ganz dem 
Bedürfnis seines Geschäftsbetriebes anpassen und in ökonomischer Weise die 
Kosten derselben verringern kann. Dagegen bedeutet die Hingabe von Gel- 
dern im Wege des Kontokorrentkredits für die Banken eine ziemlich feste 
Anlage, deren Dauer zwar nicht begrenzt ist, die aber Rückzahlungen von 
Seiten des Schuldners fortwährend zuläßt." (Prion, 1. c, S. 102.) Über seine 
Höhe in Deutschland heißt es ebenda: „Es ist üblich, den Kontokorrentzins- 
fuß dem Lombardzinsfuß der Reichsbank anzupassen, ihn jedoch nicht bei 
Ermäßigung der Bankrate unter eine bestimmte Mindesthöhe fallen zu 
lassen, die meist 5 Prozent beträgt. Neben dieser in der Praxis gleichmäßig 
gehandhabten Berechnung der Zinsen wird für die besondere Art der Kredit- 
gewährung nach Unterlagen und Qualität der Banken eine Provision in 
Ansatz gebracht, die den qualitativen Abstufungen der Geschäftsverbindungen 
gerecht wird. Sie wird meist von einem Vielfachen der gewährten oder tat- 
sächlich in Anspruch genommenen Kreditsummen berechnet und ist von der 
Lebhaftigkeit des Umsatzes abhängig. Jedenfalls verändert diese Provision 
den eigentlichen Zinssatz so sehr zuungunsten des Kreditnehmers, daß in 
Wirklichkeit je nach dem einzelnen Abkommen 2 bis 3 Prozent mehr gezahlt 
werden müssen, als die dem Namen nach bestehende Zinsberechnung angibt." 



irgelmäßige Umsätze bedeuten guten Geschäftsgang" 1 . Die Bank 
n wirbt durch diese regelmäßigen Beziehungen zugleich eine ge- 
iii iie Kenntnis dieses Unternehmens, die ihr in anderer Beziehung, 
/inii Beispiel bei Börsengeschäften, von Vorteil sein kann. Ander - 
Hi-its erfordert dieGefahr übermäßiger Kreditgewährung die genaue 
I Ibcrwachung des industriellen Unternehmens, deren erste Vor- 
liidingung die ist, daß das Unternehmen nur mit einer einzigen 
Hank arbeitet. 

I 'ordert so die Funktion der Bank als Kreditvermittlerin mit 
der Ausdehnung der Industrie eine fortschreitende Konzentration 
lies Fknkkapitals, so verlangt ihre Funktion als Emissionsinstitut 
gleichfalls größtmögliche Konzentration. Zunächst macht sich hier 
liri den gewinnreichsten Geschäften die unmittelbare Überlegenheit 
riiier großen Bank am stärksten geltend; sie wird mehr Geschäfte 
machen, größere Geschäfte und bessere Geschäfte. Je größer die 
Hank, desto größer die Sicherheit, mit der sie emittiert. Sie wird 
einen großen Teil der Emission bei ihren eigenen Kunden unter- 
Im ingen können. Dann aber muß die Bank imstande sein, die immer 
größeren Summen, um die es sich handelt, mit Sicherheit auf- 
/ulningen. Sie braucht dazu großes eigenes Kapital und großen 
Einfluß auf den Markt. 

Die große Bank kann sich den geeigneten Zeitpunkt des Ab- 
Sal/.es aussuchen, sie kann mittels ihres großen Kapitals die Börse 
l'iiiparieren, und sie ist in der Lage, auch späterhin die Kursent- 
u iiklung der Aktien zu beherrschen und so den Kredit des Unter - 
inliincns zu schützen. Die Ansprüche, die an die Emissionskraft der 
I Linken gestellt werden, werden mit der Entwicklung der Industrie 
im in er größer. Die Mobilisierung des Kapitals läßt für die Aus- 
ilrlniung der Produktion nur mehr eine Bedingung: die technische 
Angemessenheit, gelten. Zugleich beseitigt sie auch für die Erwei- 
löruiig der Unternehmungen die Abhängigkeit von den Über- 
schüssen des eigenen Betriebes und gestattet rasche, zu Zeiten 
|m n is liger Konjunktur oft geradezu sprunghafte Erweiterungen mit 
pliiUlichen starken Kapitalsansprüchen. Sie kann dieses Kapital nur 

1 .leidels, 1. c, S. 32 ff. 



120 



121 






dort erhalten, wo es in großen konzentrierten Massen vorhanden ist, 
von den Banken, und sie muß diesen wieder die Sorge überlassen, 
dieses Kapital ohne Erschütterung des Geldmarktes zu beschaffen. 
Dies kann die Bank nur, wenn das Kapital, das sie ausgibt, ihr wie- 
der rasch zurückströmt oder die Umsätze nur buchmäßig vollzogen 
werden; dies wird in um so größerem Maße der Fall sein, sobald die 
A.ktien von ihren eigenen Kunden genommen werden, die das Geld 
dafür an die Bank zahlen; sie entnehmen es den Depositen der Bank 
und vermindern damit die Passiven. 

Aus der Technik des Bankbetriebes selbst ergeben sich so Ten- 
denzen, die gleichfalls auf die Bankkonzentration hinwirken, wie 
dies die industrielle Konzentration bewirkt, die aber die primäre 
Ursache für die Bankkonzentration darstellt. 



VI. Kapitel 



DER ZINSFUSS 



/Yuf Grundlage der kapitalistischen Produktion erhält jede Geld- 
Mi mme die Fähigkeit, als Kapital zu fungieren, also Profit abzuwer- 
Irn. Bedingung dafür ist, daß sie den produktiven Kapitalisten zur 
Verfügung gestellt wird. „Gesetzt, die jährliche Durchschnitts - 
|tioli träte sei 20%>. Eine Maschine im Wert von 100 Pfd. St. würde 
dann, unter den Durchschnittsbedingungen und mit dem Durch- 
m Imittsverhältnis von Intelligenz und zweckmäßiger Tätigkeit als 
Kapital verwandt, einen Profit von 20 Pfd. St. abwerfen. Ein Mann 
Biso, der 100 Pfd. St. zur Verfügung hat, hält in seiner Hand die 
Macht, aus 100 Pfd. St. 120 zu machen oder einen Profit von 
'.'II l'l'd. St. zu produzieren. Er hält in seiner Hand ein mögliches 
Kapital von 100 Pfd. St. Überläßt dieser Mann für ein Jahr die 
MIO Pfd. St. einem andern, der sie wirklich als Kapital anwendet, so 
l'ilil er ihm die Macht, 20 Pfd. St. Profit zu produzieren, einen 
Mr lirwert, der ihm nichts kostet, wofür er kein Äquivalent zahlt. 
Wenn dieser Mann dem Eigner der 100 Pfd. St. am Jahresschluß 
vielleicht 5 Pfd. St. zahlt, d. h. einen Teil des produzierten Profits, 
tu zahlt er damit den Gebrauchswert der lOOPfd. St., denGebrauchs- 
Wurl ihrer Kapitalfunktion, der Funktion, 20 Pfd. St. Profit zu 

I In/.icren. Der Teil des Profits, den er ihm zahlt, heißt Zins, 

Wim also nichts ist als ein besondrer Name, eine besondre Rubrik 
hii einen Teil des Profits, den das fungierende Kapital, statt (ihn) 
In die eigne Tasche zu stecken, an den Eigner des Kapitals weg- 
/n/.ililen hat. 



122 



123 



Es ist klar, daß der Besitz der 100 Pfd. St. ihrem Eigner dio 
Macht gibt, den Zins, einen gewissen Teil des durch sein Kapital 
produzierten Profits, an sich zu ziehn. Gäbe er dem andern dio 
100 Pfd. St. nicht, so könnte dieser den Profit nicht produzieren, 
überhaupt nicht mit Beziehung auf diese 100 Pfd. St. als Kapitalist 
fungieren." 

Indem der Geldbesitzer sein Geld ausleiht, fungiert dieses Geld 
für ihn als Kapital, Leihkapital, da es nach einiger Zeit zu ihm 
zurückkehrt als vermehrtes Geld. Kapital verwertet sich aber nur 
im Produktionsprozeß durch Ausbeutung der Arbeitskraft, An- 
eignung von unbezahlter Arbeit. Das Geldkapital des Leihkapita- 
listen muß daher zum Geldkapital des produktiven Kapitalisten 
werden, um sich im Produktionsprozeß zu bewähren, um Profit zu 
erzeugen. Dieser Profit wird jetzt geteilt; ein Teil kehrt als Zins 
zum Leihkapitalisten zurück, der andere verbleibt dem produktiven 
Kapitalisten. Da der Zins unter normalen Umständen ein Teil des 
Profits, so ist der Profit die Höchstgrenze des Zinses. Und das ist 
das einzige Verhältnis zwischen Profit und Zins. Dagegen ist der 
Zins kein irgendwie bestimmter, fixierter Teil des Profits. Dio 
Höhe des Zinses hängt ab von der Nachfrage und dem Angebot dos 
Leihkapitals. Man kann sich kapitalistische Gesellschaft denken und 
ihre Grundsätze ableiten, unter der Voraussetzung, daß Geldbesitzer 
und produktive Kapitalisten identisch oder mit anderen Worten t 
daß alle produktiven Kapitalisten zugleich über das nötige Geld- 
kapital verfügten. Dann würde kein Zins entstehen. Dagegen ist 
kapitalistische Produktion undenkbar ohne Produktion von Profit) 
beides bedeutet vielmehr dasselbe. Die Produktion von Profit ist 
Bedingung wie Ziel kapitalistischer Produktion. Seine Produktion, 
die Produktion des Mehrwerts, der im Mehrprodukt verkörpert ist, 
ist objektiv bestimmt; der Profit entspringt unmittelbar aus dem 
ökonomischen Verhältnis, dem Kapitalverhältnis, der Trennung der 
Produktionsmittel von der Arbeit und dem Gegensatz von Kapital 
und Lohnarbeit; seine Größe hängt ab von dem Neuwert, den di« 
Arbeiterklasse mit den vorhandenen Produktionsmitteln produziert, 
i Marx, „Kapital", III., 1., S. 323. (Neuausgabe S. 371. Die Red.) 



124 



niiil der Teilung dieses Neuwerts zwischen Kapitalisten- und Ar- 
lii-iicrklasse, die wieder bestimmt ist durch den Wert der Arbeits- 
l.i.ift. Wir haben es hier mit lauter objektiv bestimmten Faktoren 
ni lun. 

Anders der Zins. Er entspringt aus der gegenüber dem Wesen 
ilis Kapitalismus, der Trennung der Produktionsmittel von der 
A rbeit, akzidentellen Tatsache, daß die Verfügung über das Geld 
einmal nicht allein die produktiven Kapitalisten besitzen, sodann 
daß im Kreislauf des individuellen Kapitals nicht zu jeder Zeit das 
i",;mze Geldkapital eingehen muß, sondern daß es zeitweise brach- 
lir^t. Es hängt nun von dem wechselnden Verhältnis der Nachfrage 
um seiten der Produktiven nach diesem Geldkapital ab, welchen 
Teil des Profits sich die Leihkapitalisten aneignen können. 1 

Hängt aber der Zins von Nachfrage und Angebot ab, so müssen 
wir uns fragen, wodurch Nachfrage und Angebot ihrerseits be- 
81 immt sind. Auf der einen Seite steht das momentan brachliegende, 
■ i I ht nach Verwertung strebende Geld, auf der anderen Seite steht 
die Nachfrage der fungierenden Kapitalisten nach Geld, das sie als 

1 Um mittels des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage etwas zur 
l'.i Klärung des Preises aussagen zu können, müssen Angebot und Nachfrage 
gegebene und feste Größen sein. Daher auch das Bestreben der Grenznutzen- 

ili -ie, das Angebot als konstant vorauszusetzen, also von einem gegebenen 

Vorrat auszugehen. Es ist also ganz konseejuent, wenn Schumpeter („Das 
Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie", Leipzig 
IllOS) in seinem Bemühen, die Grenznutzentheorie zu sichern, schließlich die 
INiulion '"nomie auf eine Statik reduziert, während sie doch. Dynamik, die 
I 'lue von den Bewegungsgesetzen der kapitalistischen Gesellschaft, sein 

II. Damit ist denn der Gegensatz gegen den Marxismus sehr glücklich und 

niil ilns schärfste formuliert, zugleich aber auch die völlige Ergebnislosigkeit 
il'i (irenznutzenlehre, the final futility of final Utility, nach dem Scherzwort 
ll\inlmans. Ökonomisch besteht die Schwierigkeit, das Ausmaß des Angebots 
zu erklären, was nichts anderes heißt, als den Umfang der Produktion in 

"ii • ökonomischen Gesetzmäßigkeit darzulegen. Die Nachfrage selbst ist 

beul im int durch die Produktion und deren Verteilung und die Gesetze, nach 
Jenen die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts vor sich geht. Auch bei 
ilrn Hestimmungsgründen des Zinsfußes besteht die Schwierigkeit nur in 
ilri Darlegung der Momente, welche das Ausmaß des Angebots bestimmen. 



It ililfordiag, Das Finanzkapital 



125 



■ 






Geldkapital in fungierendes Kapital verwandeln wollen. Diese Ver- 
teilung besorgt der Kapitalkredit, von dessen Stand also die Höhe 
des Zinsfußes abhängt. In jedem gegebenen Moment steht der 
kapitalistischen Gesellschaft eine quantitativ gegebene Geldsumme 
zur Verfügung, die das Angebot darstellt, und auf der anderen 
Seite der in demselben Moment gleichfalls durch die Ausdehnung 
der Produktion und Zirkulation gegebene Bedarf der fungierenden 
Kapitalisten nach Geldkapital. Es handelt sich hier also um zwei 
in jedem Moment bestimmte Größen, die als Nachfrage und An- 
gebot einander auf dem Geldmarkt begegnen und den „Leihpreis 
des Geldes", den Zinsfuß, bestimmen. Diese Bestimmung bietet 
weiter keine Schwierigkeit; diese ergibt sich erst bei der Analyse 
der Veränderung des Zinsfußes. 

Es ist zunächst klar, daß eine Ausdehnung der Produktion und 
damit der Zirkulation vermehrte Nachfrage nach Geldkapital be- 
deutet. Die vermehrte Nachfrage würde also, bliebe das Angebot 
dasselbe, eine Steigerung des Zinsfußes bewirken müssen. Die 
Schwierigkeit entsteht aber daraus, daß auch das Angebot sich 
ändert zugleich mit der geänderten Nachfrage und gerade infolge 
der geänderten Nachfrage. Betrachten wir die das Angebot bil- 
dende Geldmasse, so besteht sie aus zwei Teilen: erstens aus dem 
vorhandenen Bargeld, zweitens aus dem Kreditgeld. Nun haben wir 
bei der Analyse des Zirkulationskredits gesehen, daß das Kreditgeld 
einen variablen Faktor bildet, der sich ausdehnt zusammen mit der 
Ausdehnung der Produktion. Diese aber bedeutet vermehrte Nach- 
frage nach Geldkapital; diese vermehrte Nachfrage findet aber auch 
ein vermehrtes Angebot, das gegeben ist durch das infolge der Aus- 
dehnung der Produktion vermehrte Kreditgeld. Eine Änderung des 
Zinsfußes wird also nur eintreten, wenn die Veränderung in der 
Nachfrage nach Geldkapital stärker ist als die des Angebots; also 
ein Steigen des Zinsfußes dann, wenn die Nachfrage nach Geld- 
kapital rascher wächst als die Vermehrung des Kreditgeldes. Wann 
wird dies der Fall sein? Zunächst erfordert Vermehrung des Kredit- 
geldes eine Vermehrung derjenigen Bargeldsumme, die als Reserve 
für die stete Einlösbarkeit des Kreditgeldes nötig ist; ferner wächst 






ml der Zirkulation des Kreditgeldes auch der Teil der Bargeld- 

ine, die zur Ausgleichung der Bilanz für das sich nicht kom- 

iriiNirrcnde Kreditgeld gehalten werden muß. Zugleich wachsen 
ml der Ausdehnung der Zirkulation auch jene Transaktionen, in 
Irinii das Kreditgeld nur geringe Rolle spielt; die zur Bezahlung 
I' i Arbeiter und zur Erledigung der gestiegenen Umsätze im 
K leiubandel nötigen Summen bestehen meistens aus Bargeld. 
'ii verringern sich die für den Leihverkehr zur Verfügung 
I übenden Summen, weil ein Teil des Bargeldes für diese anderen 
l'u nklionen benötigt wird. Schließlich wird die Vermehrung des 
Kreiliigeldes hinter den Anforderungen der gestiegenen Produk- 

i und Zirkulation zurückbleiben, sobald bei Beendigung einer 

l'i ii';|)i'ritätsepoche der Absatz der Waren stockt oder verlangsamt 

Mini. 

Denn dies bedeutet, daß die Wechsel, die gegen die Waren ge- 

i'i' 1 '!! sind, sich nicht mehr gegenseitig kompensieren werden und 

ilill wenigstens die Laufzeit der Wechsel sich verlängert. Wenn 

ilin die verfallenen Wechsel sich nicht kompensieren, so müssen 

i iil Bargeld eingelöst werden. Das Kreditgeld (also die Wechsel, 

ii ■ |n-klive die sie substituierenden Noten) können also die Geld- 
1 iinliiiciiien, die Zirkulation der Waren, nicht mehr im bisherigen 
I iiif;mg erfüllen. Um sie einzulösen, entsteht vermehrte Nachfrage 
ii.ii Ii Bargeld. Es hat sich also das wirklich fungierende Kreditgeld 

\ ;;eit, während gleichzeitig zum Ersatz dafür die Nachfrage 

ii ,11 h Bargeld steigt; es ist diese Nachfrage, welche das Steigen des 
/ 1 1 1 '. 1 1 1 Bes herbeiführt. 

M.liigt also die absolute Höhe des Zinsfußes vom Stande des 
Is ,i|nl,ilkrcdits ab, so die Veränderungen vor allem vom Stande des 
/ ii luilalionskredits. Die nähere Analyse dieser Veränderungen ge- 
li"i l in die Darstellung der industriellen Konjunkturschwankungen 
und wiiil daher im Zusammenhang mit dieser gegeben werden. 

„Die Variationen des Zinsfußes (abgesehn von den in längern 
l'i i luden erfolgenden oder von dem Unterschied des Zinsfußes in 
\ 1 im hiednen Ländern; die erstem sind bedingt durch Variationen 
in > I • ■ i allgemeinen Profitrate, die zweiten durch Differenzen in den 



126 



ii« 



127 



■ 



Profitraten und in der Entwicklung des Kredits) hängen ab vom 
Angebot des Leihkapitals (alle andern Umstände, Stand des Ver- 
trauens etc. gleichgesetzt), d. h. des Kapitals, das in Form von 
Geld, Hartgeld und Noten, verliehen wird; im Unterschied zum 
industriellen Kapital, das als solches, in Warenform, vermittelst 
des kommerziellen Kredits, unter den reproduktiven Agenten selbst 
verliehen wird." 

Unsere Ansicht stimmt damit nicht voll überein. Marx läßt die 
Variationen des Zinsfußes abhängen von dem Angebot des Kapitals, 
das in Form von Geld, Hartgeld und Noten, verliehen wird. Es 
bleibt dann aber die Frage offen, wie groß der Betrag der Noten 
sein kann. Für England, dessen Verhältnisse Marx hier offenbar 
vorschweben, ist die Antwort durch die gesetzliche Vorschrift der 
Peelsakte gegeben. Die Summe des Hartgeldes und der Noten setzt 
sich zusammen aus der Summe des in Zirkulation befindlichen Hart- 
geldes, dem Goldschatz der Bank und 14 Millionen Pfund Sterling 
in Noten, die den Betrag des ungedeckten Notenumlaufes darstellen. 
In der Tat versehen diese Noten die Funktion von Staatspapiergeld 
insofern, als sie das Minimum der Zirkulation, das durch Geld- 
zeichen ersetzbar ist, repräsentieren oder wenigstens zu Peels Zeiten 
repräsentiert haben. Die Notensumme ist also durch das Gesetz in 
einem bestimmten Ausmaße ein für allemal festgesetzt. Stellt man 
aber die Frage allgemein, so hängen die Variationen des Zinsfußes 
ab von dem Angebot, von der Menge des verleihbaren Geldes. Es 
kann aber alles Geld verliehen werden, das nicht in Zirkulation 
befindlich ist. In Zirkulation befindlich ist aber erstens der dem 
Minimum entsprechende Bedarf an Geldzeichen und dann eine 
bestimmte Summe Gold. Das übrige Gold ist in den Kellern der 
Bank oder der Banken. Ein Teil dieses Goldes dient als Beserve 
(Schatz) für die inländische Zirkulation, ein Teil als Beserve für 
die internationale Zirkulation, da Gold die Funktion des Weltgeldes 
erfüllen muß. Den Minimalbetrag, den die Beserve für beide 
Zwecke haben muß, lehrt die Erfahrung. Der Best kann verliehen 
werden und bildet in letzter Instanz jenes Angebot, dessen Inan- 

1 Marx, „Kapital", III., 2., S. 37. (Neuausgabe S. 544. Die Red.) 





tpi iic.linahme die Höhe des Zinsfußes bestimmt. Diese Inanspruch- 
nahme selbst hängt aber ab vom Stande des Zirkulationskredits, 
also von dem „kommerziellen Kredit", den die reproduktiven Agen- 
iin einander geben. Solange dieser sich in gleichem Maße aus- 
dehnen kann, wie es die gestiegene Nachfrage verlangt, wird keine 
Veränderung im Zinsfuß erfolgen. Man darf aber nicht vergessen, 
>l ili der größte Teil der Nachfrage befriedigt wird durch ein An- 
r hol, das gleichzeitig mit der Nachfrage wächst. Der größte Teil 
f|i * Kredits ist „kommerzieller Kredit" oder, wie wir lieber sagen, 
/ ii kulationskredit. Hier wachsen Nachfrage und Angebot oder, 
u lim man will, die Befriedigungsmittel der Nachfrage gleichzeitig 
in ll einander und mit der Ausdehnung der Produktion. Die Aus- 
'li litiung dieses Kredits ist möglich ohne jede Wirkung auf den 
/ inst'uß; zu Beginn der Prosperität findet solche Ausdehnung statt 
nliiir hesondere Einwirkung auf den Zinsfuß. Der Zinsfuß steigt 
i ii. wenn die Goldbestände der Banken abnehmen, die Beserven 
uili ihrem Minimum nähern und die Banken daher gezwungen 
"imiI, den Diskont hinaufzusetzen. Dies ist aber in den Perioden 
il< i 1 1 ochkonjunktur der Fall, weil die Zirkulation mehr Gold ver- 
1 1 1 1 1 ; ■. 1 (Anwachsen des variablen Kapitals, der Umsätze überhaupt 

I damit auch desBetrages, der zumAusgleich der Bilanzen dient). 

I i'e Nachfrage nach Leihkapital wird aber gerade dann am stärk- 
'ihii, wenn der Goldschatz durch die Bedürfnisse der Zirkulation, 
■ 1 1 1 - mehr Gold absorbiert, am geringsten ist. Die Erschöpfung 
ili»« anslcihbaren Goldschatzes wird unmittelbare Veranlassung 
in der I Iinaufsetzung des Bankdiskonts, der in solchen Perioden 

i Uegulator des Zinsfußes wird. Der Zweck der Diskont- 

i ilmliiing ist es ja auch, den Goldzufluß zu bewirken. Die Ein- 
"i In anklingen der verfehlten Bankgesetzgebung bewirken nur, daß 
fllMier Zeitpunkt früher eintritt, als die rein ökonomischen Be- 
il in," uiigeii es erfordern. Das Verfehlte all dieser Einschränkun- 
l'i ii e,l, ilaß sie auf die eine oder andere Art indirekt in Deutsch- 
liiiiil, direkt in England, das von der Zirkulation benötigte 
Mm min in unterschätzen und damit das Angebot von Leihkapital 
eiiiM hrii.nk.cn. 



128 



129 



» 






TT 



Eine Tendenz zum Sinken des Zinsfußes wäre also an die Vor- 
aussetzung geknüpft, daß das Verhältnis des vorhandenen Gold- 
schatzes zu der Nachfrage nach Leihkapital ständig günstiger 
würde, das heißt, daß der Goldschatz rascher wüchse als die Nach- 
frage nach Leihkapital. Eine solche Tendenz zum ständigen Sinken 
des Zinsfußes läßt sich, wenn man nur entwickelte kapitalistische Ver- 
hältnisse miteinander vergleicht, in der Tat nicht konstatieren. Sie 
läßt sich auch theoretisch nicht postulieren; denn gleichzeitig mit 
dem Wachsen des Goldschatzes und dem Minimum der Zirkulation 
wächst auch die Goldsumme, die in Zeiten der Hochkonjunktur zu- 
sätzlich von der Zirkulation aufgenommen wird. 

Das Sinken der Profitrate würde aber nur dann ein Sinken des 
Zinsfußes bedeuten, wenn der Zins irgendein fester Teil des Profits 
wäre, was aber nicht der Fall ist. Das Sinken der Profitrate hat 



1 Soweit empirisches Material vorliegt, das Vergleiche zuläßt, stützt es 
das Dogma vom sinkenden Zinsfuß durchaus nicht. Smith erzählt, daß zu 
seiner Zeit in Holland die Regierung 2 Prozent und gutakkreditierte Privat- 
leute 3 Prozent Zinsen zahlten. In England bezahlten einige Zeit nach dem 
letzten Kriege (1763) nicht nur bestakkreditierte Privatleute, sondern auch 
einige der größten Handelsgeschäfte Londons gewöhnlich 5 Prozent Zinsen, 
während sie vordem höchstens 4 bis 4 1 / 2 Prozent zu bezahlen pflegten. Tooke, 
der die letztere Angabe zitiert, bemerkt dazu: „In 1764 fielen vierprozentige 
Schatzscheine unter Pari; navy bills bedangen 9 5 / 8 Prozent Diskont, und 
dreiprozentige Konsols, die März 1763 auf 96 standen, fielen im Oktober 
auf 80. Aber 1765 standen dreiprozentige Schatzscheine, von denen eine neue 
Emission erfolgt war, im allgemeinen auf und bisweilen über Pari, und die 
dreiprozentigen Konsols stiegen auf 92." Schmoller („Grundriß der All- 
gemeinen Volkswirtschaftslehre", IL, S. 207) gibt übrigens an, daß die 
dreiprozentigen Konsols schon 1737 auf 107 standen. Nun ist der Kurs der 
Staatspapiere, der ja noch anderen Bestimmungsgründen unterliegt, sicher 
kein unbedingt zuverlässiger Maßstab für die Höhe des Zinsfußes, aber 
immerhin zu beachten. 

Doch auch die Betrachtung der Diskontsätze der Notenbanken läßt keine 
gleichmäßig sinkende Tendenz erkennen. Wir entnehmen einem interessanten 
Artikel Dr. Alfred Schwoners, „Zinsfuß und Krisen im Lichte der Statistik", 
im „Berliner Tagblatt" vom 26. und 27. November 1907, folgende Tabelle 
(K bedeutet Krisenjahr, doch handelt es sich beim Jahre 1895 und 1882 
[Bontouxkrach] um reine Spekulationskrisen): 






Durchschnittsdiskontsätze 
der vier europäischen Hauptbanken in den letzten 55 Jahren 









Deutsche* Roichs- 


Österreichisch- 




Bank von 


Bank von 


Imnk (1847 bis 187S 

Pn nßisdle 


Ungarische 




England 


Frankreich 


Bank (früher 








Bank) 


Nationalbank) 


l'J07 (erste 10 










Monate) 


4,54 


3,3 


5,72 


4,72 


ÜI06 


4,27 


3,0 


5,12 


4,4 


1905 . 








3,08 


3 


3,82 


3,68 


191)4 . 








3,3 


3 


4,2 


3,5 


1903 . 








3,78 


3 


3,77 


3,5 


11102 . 








3,33 


3 


3,32 


3,55 


K 11101 . 








3,9 


3 


4,1 


4,08 


K 1900 . 








3,94 


3,2 


5,33 


4,58 


IK!)!) . 








3,75 


3,06 


5,04 


5,04 


IN98 . 








3,19 


2,2 


4,27 


4,16 


1897 . 








2,84 


2 


3,81 


4 


läse . 








2,48 


2 


3,66 


4,09 


1. 1 SU5 • 








2 


2,1 


3,14 


4,3 


1 894 . 








2.11 


2,5 


3,12 


4,08 


IBM . 








3,08 


2,5 


4,07 


4,24 


1 l!«)2. 








2,52 


2,7 


3,2 


4,02 


t 1S91 . 








3,35 


3 


3.78 


4,4 


1890 . 








4,69 


3 


4.52 


4,48 


IKK!) . 








S,b8 


3,16 


8,68 


4,19 


ISS8 . 








3,3 


3,1 


3,32 


4,17 


ISK7 








3,34 


3 


3,41 


4,12 


ISSS 








3 05 


3 


3,28 


4 


1 IJS5 . 








2,92 


3 


4,12 


4 


IBM . 








2,96 


3 


4 


4 


1883 . 








3,58 


3.08 


4,4 


4,11 


» isss . 








4.14 


3.8 


4,54 


4,02 


1881 








3,48 


3,84 


4,42 


4 


INS!) . 








2,76 


2,81 


4,24 


4 


1879 . 








2.38 


2,58 


3,07 


4,33 


1878 . 








3,75 


2,2 


4,34 


5 


im . 








2,85 


2,26 


4,42 


5 


187« . 








2.62 


3,4 


4,16 


5 


i H/n . 








3.25 


4 


4,71 


4,6 


1 MV-1 . 








3.75 


4,3 


4,38 


4,87 


k 1 873 . 








4,75 


5,15 


4,95 


5,22 


1872 . 








4,12 


5,15 


4.29 


5,55 


IM/1 . 








2,85 


5.35 


4,16 


5,5 


1870 . 








3,12 


3,9 


4.40 


5,44 


1889 . 








3,25 


2.5 


4,24 


4,34 


1.888 








2,25 


2.5 


4 


4 


181)7 . 








2,5 


2,7 


4 


4 


H 1811(1 








7 


3,67 


6.21 


4,94 


1 805 . 








4,75 


3,66 


4,96 


5 


IHM 








7,5 


6,51 


5,31 


5 


IMItt 








4,5 


4,63 


5,08 


5 


1882 








2,5 


3.73 


4,2 


5.06 


MIHI . 








5,25 


5,86 


4,2 


5,5 


1881) 








4,25 


3,56 


4,2 


5,12 


[MM 








2,75 


3,47 


4,2 


5 


IfläN . 








3 


3,68 


4,2 


5 


1- IM',/ 








6,7 


6 


5,76 


5 


iiittfl . 








5,8 


5,5 


4,94 


4,27 


|M', r i 








4,8 


5 


4,08 


4 


18 VI . 








5,1 


4,37 


4,36 


4 


1 H'i.l 








3.4 


3,23 


4.25 


4 


IflM 








2,5 


3,18 


4 


4 



150 



131 






höchstens die Bedeutung, daß dietheoretisch mögliche Höchstgrenze 
des Zinses, nämlich der Profit, sinkt; da aber diese Höchstgrenze 

Seh woner bemerkt zu dieser Tabelle: 

„Wollte man im übrigen aus der Statistik der Bankdiskonte im 19. Jahr- 
hundert allgemeine Schlüsse über die Bewegung des Zinsfußes ziehen, so 
zeigt sich, daß eine bestimmte Tendenz nach oben oder nach unten nicht 
nachweisbar ist. Zwar sind offizielle Diskontsätze unter 4 Prozent erst im 
Laufe der Zeit aufgetaucht, und zwar je nach der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung des Landes früher oder später. England war in dieser Beziehung 
den anderen Staaten weit voraus. Daselbst kam schon im Jahre 1845 der 
zweiprozentige Bankdiskont zum erstenmal vor. Bei der Bank von Frankreich 
gab es 1852 zum erstenmal einen Zinsfuß von 3 Prozent, 1867 zum ersten- 
mal 2 1 / 2 Prozent und 1877 zum erstenmal 2 Prozent. Bei der Berliner Bank 
gab es schon in den Zwanziger jähren des vorigen Jahrhunderts Minimalsätze 
von 3 Prozent, aber während des Regimes der Preußischen Bank und der 
Deutschen Reichsbank ging der Zinsfuß zum erstenmal im Jahre 1880 unter 
4 Prozent herunter. Bei der Österreichisch-Ungarischen Bank trat zum 
erstenmal im Jahre 1905 ein Zinsfuß von 3 1 / 2 Prozent auf, in der ersten 
Depressionsperiode, die die Monarchie nach der Valutaregulierung erlebte. 
Es ist also insoweit ein Fortschritt zu erkennen, als mit der technischen Voll- 
endung der Bankorganisation und der Währung die Grenze des Zinsfußes 
nach unten herabrückt." 

Schwoner gibt noch folgende Zahlen: 



D 


iskontdurch 


schnitte dei 


fünf letzten Dezennien 




Durch- 
schnitts- 

rli.'.kniit 


Bank 

von 

England 


Bank 
von 

Frankreich 


Deutschet 
Reichsb&nk 


Osten— 
Ungar. 
Bank 


Gesamt- 
durch- 
schnitt 


1S97— 1906 
1687— 1886 
1877—1886 
1867— 187S 
1 857— 1860 


3,82 
3,04 
8,18 
3,25 
4,32 


2,85 
2,71 
2,96 
3.39 
4,48 


4,28 
3,59 
4.11 
4.34 
4,33 


4,(15 
4,21 
4,26 
4,85 
5,06 


3,67 
S,3S 
3,63 
4, OB 
4,79 



„Der Gesamtdurchschnitt ist weitaus am höchsten im Dezennium 
1857-1866, wo er 4,79 Prozent beträgt, im Dezennium 1867-1876 fällt er 
auf 4,09 Prozent, ist also noch immer sehr hoch, 1877—1886 geht er auf 
3,63 Prozent zurück und erreicht im Jahrzehnt 1887—1896 mit 3,38 seinen 
Tiefpunkt, für das letzte Jahrzehnt beträgt der Durchschnitt 3,67, ist also 
höher als in den beiden vorgehenden Dezennien, dagegen noch viel nied- 
riger als in den ersten zwanzig Jahren des industriellen und finanziellen 
Aufschwungs (1857-1876)." 

Aus alldem geht hervor, daß die Höhe des Zinsfußes bestimmt ist nicht 
irgendwie durch die Profitrate, sondern durch die stärkere oder geringere 



(illgcroeui auf längere Zeit nicht erreicht wird, so hat diese „Kon- 
•■i ilicnmg" gar keine Bedeutung. 

I lagegen ist ein anderes Moment wichtig. Da der Zinsfuß in 
BDI wickelten kapitalistischen Verhältnissen sich wenig ändert, die 
Profil rate dagegen sinkt, so wächst in gewissem Grade der Anteil 
tlcis /.inscs am Gesamtprofit gegenüber dem Unternehmergewinn, 
il .n der Anteil der müßigen Kapitalisten auf Kosten der funktio- 
iim icndcn, eine Tatsache, die zwar mit dem Dogma vom sinkenden 
/ in'. lud im Widerspruch steht, dafür aber mit den Tatsachen im 
iMiikl.uig und zugleich mit eine Ursache ist des wachsenden Ein- 
IIii.m's und der Bedeutung des zinstragenden Kapitals, also der 
II .inlii'ii, und ein wichtiger Hebel zur Verwandlung des Kapitals in 
I m, m/kapital. 



pfoflifnige nach Geldkapital, wie sie die raschere oder langsamere Ent- 
UMtlnng, Tempo, Intensität und Ausdehnung der Prosperitätsepochen be- 

ll.MJTII 

I'.ii Betrachtung ganz anormal hohen Zinsfußes zeigt sich stets, daß 

i 1 1 1 s;n-h e in der Ordnung des Geldwesens zu suchen ist. So stieg 1799 

.Hin IScispiel der Diskont in Hamburg auf 15 Prozent, und auch zu diesem 
ii/ um in nur die besten Wechsel und auch nur in beschränktem Umfang 
leibar. (Tooke, I., S. 241.) Die Ursache liegt ebenso in dem Mangel 
Indischen Geldsystems, wie bei den enormen Zinssätzen und ihren 

/''ii Schwankungen in den Vereinigten Staaten heute; dagegen haben 

»i Iils zu tun mit irgendwelchen Änderungen in der Profitrate. 

' Dci C.rundsatz Adam Smiths, „daß dort, wo ein großer Gewinn mit 
eii in ( leide erzielt werden kann, auch gewöhnlich viel für seine Benützung 
£> ..ilili werden wird; und daß dort, wo wenig damit verdient werden kann, 

Ii um wenig dafür gegeben werden wird" („Wealth of Nation", Vol. I., 

II, IX), 
in liii/' 



.1.. I 

li.ll. 



st zwar sehr einleuchtend, aber nicht bewiesen und auch nicht 



132 



135 






ZWEITER ABSCHNITT 



DIE MOBILISIERUNG DES KAPITALS 
DAS FIKTIVE KAPITAL 









VII. Kapitel 



DIE AKTIENGESELLSCHAFT 



1. Dividende und Gründergewinn 

I >h- bisherige Ökonomie hat den Unterschied zwischen Einzel - 
mmIii nehmen und Aktiengesellschaft vornehmlich bloß in der Ver- 
8> liiVilciiheit der Organisationsform und dendaraus unmittelbar sich 
i i gehenden Folgen gesucht. Sie hat auf die „gute" und „schlechte" 
'" iie lieider Unternehmungsformen hingewiesen und dabei teils 
Huhjiikl.ive Momente (größere oder geringere unmittelbare Inter- 

ilheit und Verantwortlichkeit der Leiter, leichtere oder 

(leim 'irrigere Kontrollierbarkeit des Unternehmens), teils objektive 
Mniiienle (leichtere Kapitalbeschaffung, größere oder geringere 
\ li K ii iniilationskraft) als Unterscheidungsmerkmale hervorgehoben. 
Ilnili hal sie es unterlassen, auf die grundlegenden ökonomischen 

I Hleiseliiede der beiden Unternehmungsformen einzugehen, ob- 
u nlil diese von entscheidender Wichtigkeit sind für das Verständnis 
di i in in lernen kapitalistischen Entwicklung, die ohne den Sieg der 
Milien^esellschaft und dessen Gründe gar nicht begriffen werden 
li min. 

I )ie industrielle Aktiengesellschaft, die wir zunächst betrachten, 
Inileiilet vorerst eine Änderung der Funktion des industriellen 

1 Mieses Gefühl leitete wohl auch Erwin Steinitzer, als er seine Schrift 
1)1 im die Aktiengesellschaft „Ökonomische Theorie der Aktiengesellschaft" 

II ''i|"i(:, Thincker & Humblot, 1908) nannte. Jedoch sind die grundlegenden 

üi ii sehen Besonderheiten der Aktiengesellschaften auch hier nicht er- 

I'imhiI I )ie Schrift ist übrigens reich an treffenden und feinen Bemerkungen. 



157 









Kapitalisten. Denn sie bringt grundsätzlich mit sich, was beim 
Einzelunternehmen nur zufällig einmal eintreten kann: die Be- 
freiung des industriellen Kapitalisten von der Funktion des indu- 
striellen Unternehmers. Diese Funktionsveränderung gibt dem 
Kapital, das in die Aktiengesellschaft investiert wird, für den Kapi- 
talisten die Funktion des reinen Geldkapitals. Wieder Geldkapitalist 
als Gläubiger nichts mit der Verwendung seines Kapitals im Pro- 
duktionsprozeß zu tun hat, mag auch in Wirklichkeit diese Ver- 
wendung die notwendige Bedingung des Leihverhältnisses sein, so- 
fern er nur sein Geldkapital abzutreten und es nach Ablauf einer 
bestimmten Zeit mit den Zinsen zurückzuerhalten hat, seine Funk- 
tion also sich in einer juristischen Transaktion erschöpft; ebenso 
fungiert auch der Aktionär als bloßer Geldkapitalist. Er gibt Geld 
her, damit er dafür ein Erträgnis, um zunächst diese ganz allge- 
meine Bezeichnung zu gebrauchen, erhalte. Er kann dabei die Höhe 
der Summe beliebig bemessen und haftet für nicht mehr als diese 
Summe, so wie der Geldkapitalist ebenfalls nur eine bestimmte 
Summe in der von ihm gewählten Höhe aufs Spiel setzt. Jedoch 
ergibt sich hier bereits ein Unterschied. Der Zinssatz für das in 
Aktienform zur Verfügung gestellte Geldkapital ist nicht als solcher 
im voraus bestimmt, sondern er besteht nur als Anspruch auf den 
Ertrag (Profit) eines bestimmten Unternehmens. Ein zweiter Unter- 
schied gegenüber dem Leihkapital besteht darin, daß der Rückfluß 
des Kapitals an den Geldkapitalisten nicht direkt - nicht als beim 
Eingehen des Verhältnisses selbst vereinbart und aus der Natur des 
Leihverhältnisses selbst hervorgehend — bestimmt ist. 

Wir betrachten zunächst das erste Moment. Vor allem ist fest- 
zustellen, daß das Erträgnis für das in Aktienform zur Verfügung 
gestellte Geldkapital keineswegs ein völlig unbestimmtes ist. Ein 
kapitalistisches Unternehmen wird gegründet, um Profit abzuwer- 
fen. Die Erzielung des Profits, und zwar unter normalen Verhält- 
nissen die Erzielung des herrschenden Durchschnittsprofits, ist 
Voraussetzung der Gründung. Jedenfalls ist hier der Aktionär in 
ähnlicher Lage wie der Geldkapitalist, der ebenfalls auf die produk- 
tive Verwertung seines Kapitals rechnen muß, soll sein Schuldner 



158 



imlil. zahlungsunfähig werden. Im allgemeinen wird die im Ver- 
gleich mit dem Geldkapitalisten vielleicht etwas größere Unsicherheit 
des Aktionärs demselben eine gewisse Risikoprämie einbringen. Nur 
il.ii f man sich nicht vorstellen, daß diese Prämie als solche irgend- 
\\ ie fixiert und als bewußter und vor allem meßbarer Anspruch des 
Aktionärs erscheint. Vielmehr entsteht sie dadurch, daß das An- 
I' rix iL an Geldkapitalien — und an das freie Geldkapital wenden 
i H li die Gründer — für die Anlage in Aktien unter sonst gleichen 
I nislünden geringer sein wird als für die fest verzinslichen, even- 
hirll besonders sicheren Anlagen. Es ist überhaupt diese Ver- 
ii hiedenheit im Angebot, was die Verschiedenheit der Zinssätze, 
i i'.pcklive die Verschiedenheit im Kurse der zinstragenden Papiere 
i i klärt. Die größere Sicherheit oder Unsicherheit wirkt als Motiv 
Im das größere oder geringere Angebot. Aber erst aus der Ver- 
iti hiedenheit dieses Verhältnisses von Angebot und Nachfrage resul- 
IiiiI eine Verschiedenheit des Zinsertrages. Das mutmaßliche Er- 
l'ilniis des Ertrages der Aktie ist also bestimmt durch den industri- 
i llrn Profit und dieser unter sonst gleichen Umständen durch die 
I In 1 1 lischnittsprofitrate. 

I )<■!■ Aktionär ist aber nicht industrieller Unternehmer (Kapi- 
I iili'.l). Er ist vorerst nur Geldkapitalist. Aber es gehört zu den 
»i •. entliehen Unterscheidungsmerkmalen des Leihkapitalisten von 
ilrni industriellen Kapitalisten, daß er sein Kapital — Geldkapital — 
in i;.in7. anderer Weise frei verfügbar hat. Der industrielle Kapi- 
l iliiti legt als solcher sein ganzes Kapital in einem bestimmten 
I Hin nehmen an. Voraussetzung dafür ist, daß sein Kapital hin- 
ii H hl, in diesem Industriezweig selbständig fungieren zu können, 
jtr-i Aktionär dagegen braucht nur über einen geringfügigen 
l\ i|iil;ilhc'lrag zu disponieren. Der industrielle Unternehmer hat 
in in kapital in seinem Unternehmen fixiert, er wirkt nur produktiv 
in diesem Unternehmen und ist mit ihm dauernd verwachsen. Er 

li s nicht zurückziehen, außer durch den Verkauf des Gesamt- 

niiii'i nrlimcns, was nur heißt, daß die Person des Kapitalisten 
»Mi I im- 1 1 , ein industrieller durch einen anderen ersetzt wird. Er ist 
im hl ( Jeldkapitalist, sondern industrieller (produktiver, fungieren- 



139 









der) Kapitalist. Der Ertrag des Unternehmens - der industrielle 
Profit - fällt ihm zu. Wenn wir aber den Aktionär als bloßen Geld- 
kapitalisten betrachten, so würde für ihn die Erzielung des Zinses 
auf sein Kapital genügen, damit er sein Geldkapital zur Verfügung 

stellt. 

Damit aber der Aktionär Geldkapitalist werde, ist es notwendig, 
daß er sein Kapital jederzeit als Geldkapital zurückerhalten kann. 
Sein Kapital erscheint aber wie das des Einzelkapitalisten in dem 
Unternehmen fixiert. Und dies ist in der Tat so. Das Geld ist weg- 
gegeben und dient zum Ankauf der Maschinen, des Rohmaterials, 
zur Bezahlung der Arbeiter usw., kurz, es hat sich aus Geldkapital 
in produktives Kapital, G < p A m verwandelt, um den Kreislauf als 
industrielles Kapital zu beschreiben. Der Aktionär kann dieses ein- 
mal weggegebene Kapital nicht mehr zurückerhalten. Er hat darauf 
keinen Anspruch, er hat nur Anspruch auf einen aliquoten Tel 
des Erträgnisses. In der kapitalistischen Gesellschaft gewinnt aber 
jede Geldsumme die Fähigkeit, Zins abzuwerfen; umgekehrt wird 
jedes regelmäßig wiederkehrende Einkommen, das übertragbar ist 
(und dies ist der Fall, sofern es nicht an eine rein persönliche und 
daher vergängliche, unbestimmbare Bedingung geknüpft ist, wie 
der Arbeitslohn usw.), als Zins eines Kapitals betrachtet und erhall 
einen Preis, der gleich ist dem zum herrschenden Zinsfuß kapitali- 
sierten Betrag. 1 Dies erklärt sich ohne weiteres daraus, daß immer 
große Geldsummen zur Verwertung frei liegen und diese Ver- 
wertung in dem Anspruch auf dieses Erträgnis finden. Der Aktionär 
ist daher in der Lage, sein Kapital jederzeit zurückerhalten zu kön- 
nen durch den Verkauf seiner Aktien, seines Anspruchs auf den 
Profit, und ist damit in derselben Lage wie der Geldkapitalisl. 
Diese Verkaufsmöglichkeit wird geschaffen durch einen eigenen 
Markt, die Effektenbörse. Erst die Herstellung dieses Marktes gibt 
dem Aktienkapital, das nunmehr stets für den einzelnen „realisier- 

T^Der Wert des Geldes oder der Waren als Kapital ist nicht bestimmt 
durch' ihren Wert als Geld oder Waren, sondern durch das Quantum Mehr- 
wert, das sie für ihren Besitzer produzieren." Marx, „Kapital", III., 1., S. 540| 
(Neuausgabe S. 589. Die Red.) 



140 



bar" ist, ganz den Charakter des Geldkapitals. Umgekehrt behält 
der Geldkapitalist diesen seinen Charakter auch dann, wenn er sein 
kapital in Aktienform anlegt. Das freie Geldkapital konkurriert 
ulso als solches, das heißt als zinstragendes Kapital, um die Anlage 
in Aktien, wie es in seiner eigentlichen Funktion als Leihkapital 
inii die Anlage in festverzinslichen Darlehen konkurriert. Die Kon- 
kurrenz um diese verschiedenen Anlagemöglichkeiten nähert den 
Preis der Aktie dem Preis der fest verzinslichen Anlagen an und 
icduziert für den Aktionär das Erträgnis vom industriellen Profit 
;mf den Zins. 

Diese Reduktion auf den Zins ist also ein historischer Prozeß, 
dar mit der Entwicklung des Aktienwesens und der Effektenbörse 
vor sich geht. Solange die Aktiengesellschaft nicht herrschende 
Form und die Negotiabilität der Aktie nicht entwickelt ist, wird 
auch in der Dividende nicht nur Zins, sondern auch Unternehmer - 
l'.cwinn enthalten sein. 

Soweit also die Aktienunternehmung reicht, wird jetzt die 
Industrie betrieben mit einem Geldkapital, dessen Verwandlung 
in industrielles Kapital für diese Kapitalisten nicht den Durch - 
m Imittsprofit, sondern nur den Durchschnittszins abzuwerfen 
In .nicht. 

liier scheint sich aber ein offenkundiger Widerspruch zu er- 
l'rlirn. Das als Aktienkapital zur Verfügung gestellte Geldkapital 
wird ja in industrielles Kapital verwandelt. Daß es für seinen Be- 
ul /.er — also subjektiv — ganz nach Art des Leihkapitals fungiert, 
Im n n auf den Ertrag des industriellen Unternehmens sicher nicht 
Min Kinfluß sein. Dieses wird nach wie vor unter normalen Um- 
stünden den Durchschnittsprofit abwerfen. Daß die Aktiengesell- 
iii hilft ihre Ware unter dem Durchschnittsprofit verkauft, freiwillig 
mil einen Teil des Profits verzichtet, um ein Erträgnis zu verteilen, 
dun nur den Zins den Aktionären abwirft, ist eine unmögliche An- 
Ijfilime. Denn jedes kapitalistische Unternehmen sucht den höchst- 

glichen Profit zu erzielen, und gerade dieses Bestreben bewirkt 

di'ii Verkauf zu Produktionspreisen, das heißt zu Preisen gleich 
diin Kostpreis plus dem Durchschnittsprofit. Es scheint daher, als 



II llllloiiliiiK, Das Finanzkapital 



141 






wären die angeführten Momente, die subjektiv dem in Akticnronn 
angelegten Geldkapital den Charakter des Leih-, also des zins- 
tragenden Kapitals geben, nicht ausreichend, um die Reduktion des 
Erträgnisses der Aktie au[ Zins zu erklären. Würde ja dadurch 
unerklärt bleiben, wohin der andere Teil des Profits, näm- 
lich der Durchschnittsprofit minus Zins, der gleich ist dein 
eigentlichen Unternehmergewinn, entschwunden wäre. Sehen wir 
näher zu. 

Durch die Verwandlung des Privatunternehmens in eine Aktien- 
gesellschaft scheint eine Verdoppelung des Kapitals eingetreten zu 
sein. Aber das ursprüngliche, von den Aktionären vorgestreckte 
Kapital ist definitiv in industrielles verwandelt, existiert als solches 
allein in Wirklichkeit fort. Das Geld fungierte als Kauf mittel für 
Produktionsmittel, ist für diese ausgegeben und damit definitiv aus 
dem Kreislaufprozeß dieses Kapitals geschwunden. Erst die Ver- 
wandlung der Produktionsmittel in Waren durch die Produktion 
und der Verkauf dieser Waren läßt Geld - ganz anderes Geld - aus 
der Zirkulation zurückströmen. Das Geld also, das bei den späteren 
Umsätzen von Aktien gezahlt wird, ist durchaus nicht das Geld, 
das von den Aktionären ursprünglich hergegeben worden war und 
verbraucht ist; es ist kein Bestandteil des Kapitals der Aktiengesell- 
schaft, des Kapitals des Unternehmens. Es ist zusätzliches Geld, 
erforderlich für die Zirkulation der kapitalisierten Ertragscheinc. 
Ebenso ist der Preis der Aktie keineswegs bestimmt als Teil des 
Unternehmungskapitals ; er ist vielmehr der kapitalisierte Ertrags - 
anteil. Als solcher bestimmt nicht als aliquoter Teil des in der 
Unternehmung fixierten Gesamtkapitals und also eine relativ fixo 
Größe, sondern nur der zum herrschenden Zinsfuß kapitalisierte 
Ertrag. Daher ist der Preis der Aktie abhängig nicht vom Wert 
(respektive Preis) des wirklich fungierenden industriellen Kapitals, 
denn die Aktie ist nicht Anweisung auf einen Teil des im Unter- 
nehmen tatsächlich fungierenden Kapitals, sondern Anweisung auf 
einen Teil des Ertrages und daher abhängig erstens von der Größe 
des Profits (also einer viel variableren Größe, als es der Preis der 



l'roduktionselemente des industriellen Kapitals selbst wäre) und 
zweitens von dem herrschenden Zinsfuß. 1 

Die Aktie ist also Revenuetitel, Schuldtitel auf künftige Produk- 
tion, Ertragsanweisung. Indem dieser Ertrag kapitalisiert wird und 
ilies den Preis der Aktie konstituiert, scheint in diesen Aktienpreisen 
ein zweites Kapital vorhanden zu sein. Dieses ist rein fiktiv. Was 
wirklich existiert, ist nur das industrielle Kapital und sein Profit. 
I )as hindert aber nicht, daß dieses fiktive „Kapital" rechnungsmäßig 
vorhanden ist und als „Aktienkapital" angeführt wird. In Wirk- 
lichkeit ist es kein Kapital, sondern nur der Preis einer Revenue — 
ein Preis, der eben dadurch möglich ist, daß innerhalb der kapita- 
listischen Gesellschaft jede Geldsumme Revenue abwirft und daher 
umgekehrt jede Revenue als Frucht einer Geldsumme erscheint. Ist 
bei der industriellen Aktie diese Täuschung noch dadurch erleich- 
ii'it, daß ein wirklich fungierendes industrielles Kapital besteht, so 
w ird der fiktive, rein rechnungsmäßige Charakter dieses papierenen 
Kapitals bei anderen Ertragsanweisungen völlig unzweifelhaft. 
Niaatsschuldscheine brauchen in keiner Weise irgendein vornan - 
ilines Kapital zu repräsentieren. Das von den Staatsgläubigern 
seinerzeit geliehene Geld mag längst in Pulverdampf aufgegangen 
(ein. Sie sind nichts als der Preis für einen Anteil an den jährlichen 
''li'iicrn, die das Erträgnis ganz anderen Kapitals sind als desjenigen, 
eins seinerzeit irgendwie unproduktiv verausgabt worden war. 

Der Umsatz von Aktien ist kein Kapitalumsatz, sondern Kauf 
mihI Verkauf von Rententiteln; die Schwankungen ihrer Preise 
I i?scn das wirklich fungierende industrielle Kapital, dessen Erträg- 
iii'. und nicht dessen Wert sie repräsentieren, direkt ganz unberührt. 
Iln Preis hängt außer vom Erträgnis von der Höhe des Zinsfußes 
üb, /.iL dem sie kapitalisiert werden. Dieser ist aber in seinen Be- 

' Der Zusammenhang des Aktienkurses mit dem Wert des produktiven 
llnpiials äußert sich nur mehr darin, daß der Kurs nicht tiefer sinken kann, 
i'l'i ilir Wertteil beträgt, der beim Bankrott des Unternehmens aus der Masse 
Min li HcTnedigung aller anderen Forderungen als aliquoter Teil auf die Aktie 
HUfi.:le. 



142 



143 






wegungen ganz unabhängig von den Schicksalen des individuellen 
industriellen Kapitals. Schon daraus geht hervor, daß es nicht an- 
geht, den Aktienpreis als aliquoten Teil des industriellen Kapitals 
anzusehen. 

Die Summe des „Aktienkapitals", also die Preissumme der kapi- 
talisierten Ertragstitel, braucht daher mit dem ursprünglich in 
Industriekapital verwandelten Geldkapital nicht übereinzustimmen. 
Es fragt sich nun, wie diese Differenz entsteht und wie groß sie ist. 
Nehmen wir ein industrielles Unternehmen mit einer Million Mark 
Kapital. Der Durchschnittsprofit sei 15 Prozent, der herrschende 
Zinsfuß 5 Prozent. Das Unternehmen wirft einen Profit von 
1 50 000 Mk. ab. Die Summe von 150 000 Mk. wird aber als jähr- 
liche Revenue zu 5 Prozent kapitalisiert einen Preis von 3 000 000 
Mark haben. Zu 5 Prozent würde allerdings das Geldkapital vielleicht 
nur festverzinsliche, sichere Papiere übernehmen wollen. Aber setzen 
wir eine hohe Risikoprämie ein, sage von 2 Prozent, berücksichtigen 
wir weiter die Verwaltungskosten, Tantiemen usw., die aus dem 
Profit des Unternehmens bestritten werden müssen und dem Privat- 
betrieb im Gegensatz zur Aktiengesellschaft erspart blieben, und 
setzen wir dafür eine Verringerung des verfügbaren Profits um 
20 000 Mk., so werden 130 000 Mk. verteilt werden können, die 
den Aktionären eine Verzinsung von 7 Prozent bieten sollen. Es 
ist dann der Preis der Aktien gleich 1 857 143, sage rund 1 900 000 
Mark. Um den Profit von 150 000 Mk. zu erzeugen, ist aber nur 
ein Kapital von 1 000 000 Mk. nötig, 900 000 Mk. sind frei; diese 
900 000 Mk. entspringen aus der Verwandlung des profittragenden 
Kapitals in zinstragendes (Dividende tragendes) Kapital. Sie sind, 
wenn wir von den höheren, aus der Form der Aktiengesellschaft 
entspringenden Verwaltungskosten, die den Profit vermindern, ab- 
sehen, gleich der Differenz zwischen dem zu 15 Prozent und dem 
zu 7 Prozent kapitalisierten Betrag, also zwischen dem Kapital, das 
die Durchschnittsprofitrate, und dem, das den Durchschnittszins ab- 
wirft. Es ist diese Differenz, die als „Gründer gewinn" erscheint, 
eine Quelle des Gewinns, die nur aus der Verwandlung des profit- 
tragenden in die Form des zinstragenden Kapitals entspringt. 



Die herrschende Anschauung, die die Kostspieligkeit der Ver- 
waltung der Aktiengesellschaft gegenüber dem Privatunternehmen 
80 eifervoll hervorhebt, hat das merkwürdige Problem, woher ein 
< M-winn bei der Umwandlung aus einer billiger in eine teurer pro- 
duzierende Unternehmungsform entsteht, weder gesehen noch er- 
klärt, sondern sich mit bloßen Phrasen über Kosten und Risiko 
begnügt. Der Gründungsgewinn ist aber weder ein Schwindel noch 
'•me Vergütung oder Lohn, sondern eine ökonomische Kategorie 
Uui generis. 

Die Ökonomen, soweit sie Zins und Unternehmergewinn über- 
haupt scheiden, fassen die Dividende einfach als Zins plus Unter- 
."■Imiergewinn, also als dasselbe wie den Profit des Individual- 
M.ilernehmens. Daß dabei das Spezifische der Aktiengesellschaft 
nicht erkannt wird, ist klar. So sagt zum Beispiel Rodbertus: „Ich 
«ill zur Verständigung über die Terminologie hier nur noch be- 
merken, daß in der Dividende einer Aktie nicht bloß Zins, sondern 
auch Unternehmungsgewinn steckt, in dem Zinsfuß eines Dar- 
lehen sscheines aber nicht." 1 Eine Erklärung des Gründergewinnes 
.»■ claher unmöglich. „Es ist . . . Untemehmungsgewinn, der in der 
Ucinebrfonn der Aktienunternehmung, dem Kapitalbesitzer (der, 
wnm erseinKapital an einen Einzelunternehmer ausgeliehen hätte 
Bnr den laufenden Zins bekommen hätte) auch noch zufließt, und 
»war in derselben Bequemlichkeit, wie der Zins es getan hätte, 
weshalb auch die Aktienunternehmung für unsere Kapitalisten so 

" »ladend und vorauszusetzen ist, daß sich die Aktienform 

Immer mehr des Industriegebietes bemächtigen wird. Der soge- 
"""'" c Gründungsschwindel ist bloß Schaum respektive Abschaum 
wn dem reellen Geschäft.'" Über die moralische Verurteilung ist 
öde Erklärung des Gründergewinnes, der kein Schwindel ist son- 
Aorn erst den Schwindel möglich macht, unterlassen. Rodbertus 

' „Briefe und sozialpolitische Aufsätze von Dr. Rodbertus-Jagetzow" 
Hemtiigsgrtwa von Dr. Rudolf Meyer, Berlin 1880, I., S 259 

« Dm ut übrigem falsch: Aktiengesellschaft ist keine Betriebs-, sondern 
»im« nnternehraungsform. 

" Ebenda, I., S. 262. 



144 



145 






faßt die Sache einseitig und deshalb falsch auf, wenn er sagU „D^ 
frühere Leihkapital hört also ia der Aktieufonn auf, LeürUpU» 
zu sein, und wird in den Händen seiner Besitzer selbstwertend, und 
zwar in einer Form, die ihnen bei dem göttergleichen Leben äer 
Shkapitalisten noch nabeln die **** Kapitalrente (worunter 
Rodhertus den Unternehmer gewinn plus Zins versteht) ™det. 
Rcdbertus siebt nur den Inhalt des Prozesses, 0» Verwandlung von 
Geldkapital in industrielles; er übersiebt aber, daß hier die Form 
ae ; Verwandt wesentheh ist, indem das Geldkaprta ^d 
fiktives Kapital wird und damit für seine Besser <he *orm von 
Geldkapital beibehält. 2 

l "ie'-^lnie^de Bedeutung der Aktiengesellschaft bat de, 

taJ^r. Sozialist richtig gefühlt: „Diese ™**T£££J£Z 
Unternehmung), die aus tausend Meinen Kaprtalsoueüen d» .Zuflüsse zu «nem 
Strom zu verbinden weiß, hat eine Mission zu erfüllen. Siehat Cfcrtte. 
Schöpfung zu Supplik, Landengen und L^dcr «—J^^ 
AlWächtiee es vergessen oder noch nicht an der ieit genauen , 
SX Snn te lite unter de™ Meeresgründe oder Um der Meeres- 
Sie L verbinden, Alpen zu durchbohren usw. Der ^f ^« ^ / 
pWzischen Quadern reichen nicht an des, was das Aktontap.»! noch « 
Schaffen hat." Soweit schwärmt Rodbertus «icht wemger roman -seh al 
ztlafsaccard im „L'Argent". Dann aber fahrt er fort: Aber ^ = 
Person habe noch einen ganz besonderen ,Schwarm' für sie. Und warum 
SeXbern mir meine Straße. Und wie sie sie säubern , ^J™°^ 
Freihandel ohne Aktienform ist nur ein nuserabler Handbesen der Fm 
handel mit Aktienform ist ein Dampfmaschinenbesen, der m zehn Jahren s - 
"Igt wie jener San^g^en in tontet Die Hau von der , Aküe - 
Unternehmungen! Die Lösung der sozialen Frage bedarf «hewr SwB«- 
SrenSTauch ohne Innungen bedarf d. einer Reinheit, als hatten * 
Tauben sie zusammengelesen." (Ebenda, I., S. 291.) ., ripnform 6 „ 

Ebenso ist die Bemerkung sehr lein: „W.e unter der AUenform der 
IndSduaunternehmer wird auch der reine Leihkapitalist ton* mehr ver- 

^^t 5Ä die S D^iu.ng r» B«r g Us to Handwörterbuch der 
Suatswissenschalten, Kapitel Aktiengesellschaften. Au gäbe und ^eck ge- 
sellschaftlicher Unternehmungen kann sowohl die Ergänzung und Yerstai- 
kung der persönlichen Arbeitskraft, des Wissens und der Erfahrung des 
Unternehmers als auch die Verstärkung der Kapitalskraft sein.« Das .st 



146 



Hfl rächten wir nun die eigentümliche Zirkulationsform des fik- 
tiven Kapitals, so finden wir folgendes: Die Aktien (A) werden 
»initiiert, also gegen Geld (G) verkauft. Dieses Geld zerfällt in 
Mvri Teile; ein Teil (gi) bildet den Gründergewinn, gehört den 

< lern, zum Beispiel der Emissionsbank, und fällt aus der Zir- 

Iml.iiion dieses Kreislaufes heraus. Der andere Teil (Gi) verwandelt 
in li in produktives Kapital und beschreibt den uns bereits bekann- 
li-n Kreislauf des industriellen Kapitals. Die Aktien sind verkauft; 
»ollen sie selbst wieder zirkulieren, so ist dazu zusätzliches Geld 
(( i») ;ils Zirkulationsmittel nötig. Diese Zirkulation A— G2— A findet 
Ihre Slätte auf einem eigenen Markt, der Börse. 

Es ergibt sich also folgende Zirkulationsfigur: 



G ,_ W < Pm 

I gl 



. P 



W— G'i 



Einmal geschaffen, hat die Aktie mit dem wirklichen Kreislauf 
ili"; industriellen Kapitals, das sie repräsentiert, nichts mehr zu 
hm Die Vorgänge und Unfälle, die sie bei ihrer Zirkulation er- 
uiihn, lassen direkt den Kreislauf des produktiven Kapitals un- 

lui lilirt. 

I )cr Handel mit Aktien, allgemeiner mit den fiktiven Kapital- 
ncliciiien überhaupt, erfordert neues Geld — Bargeld und Kredit- 
l'ilil - zum Beispiel Wechsel. Während aber der Wechsel früher 
l'iiliikl war durch den Wert der Ware, ist er jetzt gedeckt durch 
■ Im „Kapitalwert" der Aktie, der wieder abhängt von dem Erträg- 
n n Dieses wieder hängt ab von der Realisierung der Produkte, die 
«In- Aktiengesellschaft herstellt, also von dem Verkauf der Waren 
n\ ihren Werten respektive Produktionspreisen. So ist dieses 

1 ti.11 '.ci schön, als wenn einer in einem wissenschaftlichen Kochbuch dozierte: 
Anl"nl>(' und Zweck des Zwetschkenknödels kann sowohl die Anregung und 
(Ina Vrignügen des Gaumens sein als auch der Köchin den Lohn zu ver- 



. 1 ... If > 



147 



Kreditgeld erst indirekt gedeckt durch Warenwert. Ferner: während 

der Zahlungsverkehr im Handel in seinem Umfang durch den Wert 

der Waren bestimmt ist, so dieser durch den kapitalisierten Betrag 

des Reinerträgnisses. Anderseits wird hier das wirklich nötige Geld 

sehr beschränkt durch die Fungibilität dieser Papiere. 

Betrachten wir nun die Formel für den Gründungsgewinn (Gg), 

so ergibt sich die folgende, wenn wir den Durchschnittsprofit = p, 

die Dividende=d und den Ertrag des Unternehmens gleich E setzen 

und uns erinnern, daß das Kapital gleich ist den hundertfachen 

Zinsen dividiert durch den Zinsfuß: 

100 E 100 E 

Gg = — 

a p 

Sieht man den Ertrag der Aktiengesellschaft als vermindert an 
infolge der Kostspieligkeit der Verwaltung, so ist für das erste 
E (E — n) zu setzen. Man sieht, die Trennung der Unternehmer- 
funktion, die die bisherige Ökonomie rein deskriptiv konstatiert, 
ist zugleich eine Verwandlung des industriellen Kapitalisten zum, 
Aktionär, zu einer besonderen Sorte von Geldkapitalisten, wobei 
die Tendenz besteht, den Aktionär immer mehr zum reinen Geld- 
kapitalisten zu machen. Diese Tendenz wird vollendet durch die 
stete Verkäuflichkeit der Aktie auf der Börse. 

Unsere Auffassung der Ökonomie der Aktiengesellschaft geht 
über die von Marx entwickelte hinaus. Marx faßt in seiner genialen 
Skizzierung — die Ausführung blieb ihm leider versagt — der Rolle 
des Kredits in der kapitalistischen Produktion die Bildung von 
Aktiengesellschaften als Folge des Kreditwesens und bezeichnet als 
ihre Wirkung: 

„1. Ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und Unter- 
nehmungen, die für Einzelkapitale unmöglich waren. Solche Unternehmun- 
gen zugleich, die früher Regierungsuntemehmungen waren, werden gesell- 
schaftliche. 

2. Das Kapital, das an sich auf gesellschaftlicher Produktionsweise be- 
ruht und eine gesellschaftliche Konzentration von Produktionsmitteln und 
Arbeitskräften voraussetzt, erhält hier direkt die Form von Gesellschafts- 

1 Marx, „Kapital", III., 1., 27. Kapitel, S. 422 ff . (Neuausgabe S. 477/478. 
Die Red.) 



148 



bptta) (Kapital direkt assoziierter Individuen) im Gegensatz zum Privat- 
lwpit.nl, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunterneh- 

'£''" ira Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des 

jWunls als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen 
Produktionsweise selbst. 

B Verwandlung des wirklich fungierenden Kapitalisten in einen bloßen 
I Urgenten, Verwalter fremden Kapitals, und der Kapitaleigentümer in bloße 
I 'grntümer, bloße Geldkapitalisten. Selbst wenn die Dividenden, die sie be- 
<•• ■Im, den Zins und Unternehmergewinn, d. h. den Totalprofit einschließen 
Wenn das Gehalt des Dirigenten ist, oder soll sein, bloßer Arbeitslohn einer 
S mv, SSen Art geschickter Arbeit, deren Preis im Arbeitsmartt reguliert wird, 

n r ' eder andren Arbeit), so wird dieser Totalprofit nur noch bezogen 

In ,I,t Form des Zinses, d. h. als bloße Vergütung des Kapitaleigentums, das 

' >"" n7 so von der Punktion im wirklichen Reproduktionsprozeß getrennt 

' wie diese Funktion in der Person des Dirigenten vom Kapitaleigentum. 

I Im Profit stellt sich so dar (nicht mehr nur der eine Teil desselben, der Zins, 
''"' "" me Rechtfertigung aus dem Profit des Borgers zieht) als bloße An- 
»iKii.ing fremder Mehrarbeit, entspringend aus der Verwandlung der Pro- 

"""'mittel in Kapital, d. h. aus ihrer Entfremdung gegenüber den wirk- 

i'.l.mi Produzenten, aus ihrem Gegensatz als fremdes Eigentum gegenüber 
"Um, wirklich in der Produktion tätigen Individuen, vom Dirigenten bis 

1 '" Im letzten Taglöhner. In den Aktiengesellschaften ist die Funktion 

'"' " l vom Kapitaleigentum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom 

I rmilnni an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit. Es ist dies 
!V-nl[„i der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion ein not- 

>"" r Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum 

ilm Produzenten, aber nicht mehr als das Privateigentum vereinzelter Pro- 
lin-,, |,.„, sondern als das Eigentum ihrer als assoziierter, als unmittelbares 
" U..II», linftseigentum. Es ist andrerseits Durchgangspunkt zur Verwandlung 

" '"' <lem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen imRepro- 

'l»lii„„,s|,rozeß in bloße Funktionen der assoziierten Produzenten, in gesell- 
ii Imliliilie Funktionen. 

IWor wir weitergehn, ist noch dies ökonomisch Wichtige zu bemerken: 

1 ' IVofit hier rein die Form des Zinses annimmt, sind solche Unter- 

"" "K ,M1 noch möglich - ,n sie bloßen Zins abwerfen, und es ist dies 

" '"' Gründe , di e das Fallen der allgemeinen Profitrate aufhalten, indem 

ll """ " rnehmungen, wo das konstante Kapital in so ungeheurem Ver- 

'" """ variablen steht, nicht notwendig in die Ausgleichung der all- 

R ni-n Profitrate eingehn." 

Wa» Marx hier betrachtet, sind vor allem die wirtschaftspoli- 
IL.I.m Wirkungen der Aktiengesellschaften. Die Dividende faßt 



149 






er noch nicht als besondere ökonomische Kategone und laßt deshalb 
auch den Gründergewinn unanalysiert. Was die letzte Bemerkung 
über den Einfluß auf die Bildung der Durchschnittsprofitrate und 
den Fall der Profitrate anlangt, ist es klar, daß mit der Verbreitung 
der Aktiengesellschaft der Profit der Aktiengesellschaft genauso 
in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingehen muß wie 
der von Privatunternehmungen. Wir haben übngens schon oben 
gesehen, daß auch das Produkt der Aktiengesellschaft unter nor- 
malen Umständen genau den gleichen Preisgesetzen unterliegt wie 
das von Privatunternehmungen. Marx schwebten die Eisenbahn- 
aktiengesellschaften seiner Zeit vor, und in dieser Beziehung mag 
seine Bemerkung vielleicht teilweise zutreffen; nur teilweise , d s- 
wegen weil auch dort der Gründergewinn bereits einen Teil des 
Profits vorweggenommen hat, der in den Eisenbahnpreisen zum 
Ausdruck gelangen mußte. 

2. Finanzierung der Aktiengesellschaften 
Aktiengesellschaften und Banken 

Bei Gründung einer Aktiengesellschaft wird also das Aktien- 
kapital so bemessen, daß der Profit des Unternehmens hinreicht, 
auf dieses Kapital eine Dividende zu verteilen, die für den einzelnen 
Aktienbesitzer den Zins auf sein ausgelegtes Kapital abwirft. 

Tritt eine Hochkonjunktur ein oder erlauben sonst gunstige Um- 
stände, später eine höhere Dividende zu verteilen, so wird der Kur. 
der Aktien steigen. Gesetzt, die Aktien eines Unternehmens stehen 

-TI in Beispiel für die im Text gegebene -^^^^X 
Berliner Tageblatt" berichtet in der Abendausgabe vom 16 Mai 1908. ^„ln 
dfesen Tagen wurden die Aktien der Köpenicker ™»1*ta* - -* «J 
K Z*J Agio an der Börse eingeführt. Vom Jahre 1901 bis zum Jahre 1906 
bestand dieseT Unternehmen als Gesellschaft mit beschrankter Haftung mit 
dm beschienen Kapital von 300 000 Mk. Nach einigen Verlusten 
STren erzielte die Gesellschaft mit beschränkter Haftung emm 1 m.» 
Bruttogewinn von 100 000 Mk., ein zweitesmal emen solchen von 300 000 Mk. 
^d zlte 15 000 respektive 75 000 Mk. an Dividenden. Damrt seinen S1 e d«, 



150 



uil 100 bei einer Dividende von 6 Prozent, so werden sie auf 150 
iiifcn, wenn die Dividende 9 Prozent beträgt. In der Vcrschieden- 
ln ii der Dividenden spiegeln sich also die verschiedenen Geschicke, 
diu die individuellen Unternehmungen in ihrem weiteren Verlauf 
■ il, ihren. Anderseits werden diese Verschiedenheiten ausgelöscht 
Im die Neuerwerber von Aktien in der Erhöhung oder Erniedri- 
gung des Kursstandes. 1 

Im Verlauf des Lebens einer Aktiengesellschaft kann die Diffe- 
H n/. /.wischendem wirklich fungierenden Kapital und dem (fiktiven) 
\ K l icnkapital weiterwachsen. Wirft das Unternehmen viel höheren 
nl'. ilcn Durchschnittszins ab und ergibt sich die Notwendigkeit 
n'lri auch nur die Gelegenheit zu einer Kapitalserhöhung, so wird 
'Iiim'i' höhere Ertrag bei der neuen Kapitalisierung zugrunde 

i.iiinilcrn prädestiniert für eine Aktiengesellschaft mit 1 Million Mark 
i .i iinclliapital, in die die 300 000 Mk. Anteile der Gesellschaft mit beschränk- 
ii i I In Thing zu einem Preise von 900 000 Mk. wanderten. Um die Aktiva und 

I' <i vii der neuen Aktiengesellschaft balancieren zu lassen, mußten die 

Oi iinilstücke, die bei der Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit 
9(1111)0 Mk. zu Buch standen, von der Aktiengesellschaft mit 210 000 Mk. 
Hliiniiiiinmen werden, der Gebäudewert wurde von 45 000 Mk. auf 140 000 Mk. 

I >li'i- Maschinen-, Apparate- und Utensilienwert von 246 000 Mk. auf 

IHM Hill) Mk. erhöht. Die neue Aktiengesellschaft hat jetzt zwei Geschäfts- 
juliir hinter sich, für die sie 15 respektive 16 Prozent Dividende verteilte, 
ijlnvnlil das Grundstückskonto — ohne Berücksichtigung der Neuerwerbun- 
li i ii noch immer eine Belastung von 200 000 Mk. und das Gebäudekonto 
eini' llclastung von 150 000 Mk. zeigt. Nur beim Maschinen- und Utensilien- 
küiiln, dessen Werterhöhung am bedenklichsten erschien, ist eine Herab- 
ii liiriliiing bis auf 250 000 Mk. vorgenommen worden. Die Fabrikation der 
liini'llM'liaft basiert auf zwei Patenten, von denen las eine bereits in einem 
liilur nlilüuft, das andere von seinem Erfindei »ur 50 000 Mk. an die Aktien- 
jj : ii»i'llsi liaft verkauft wurde. Und diese Grundlagen genügten den Emissions- 
liilii'iri n, um einen Preis von 180 Prozent zu stipulieren, das heißt, sie ließen 
• i> Ii l'ur die ehemaligen 300 000 Mk. Anteile, die zuzüglich einer Barzahlung 
V"ii Uli) (100 Mk. das Fundament der Aktiengesellschaft bilden,l 800 000 Mk. 
mlili'ii 1 " Der Gründergewinn ist hier noch vermehrt, weil das Unternehmen 
iIiiii Ii ilic Ausbeutung der Patente Extraprofit macht, der natürlich gleichfalls 
d«|iiliili'.nTl wird. 

' llnll das in Aktien ausgelegte Kapital seinem Besitzer bei der ersten 
inli'i lii-i Neuanlage eine Dividende bringt, die nur wenig über den durch- 



151 









gelegt und das nominelle Aktienkapital weit über das fungierend« 
Kapital hinaus vermehrt. Umgekehrt ist es auch möglich, das fun- 
gierende Kapital SU vermehren, ohne das nominelle Aktienkapilnl 
zu erhöhen. Das wird zum Beispiel der Fall sein, wenn der Rein- 
gewinn, statt als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet zu wer- 
den, ganz oder teilweise für den Betrieb des Unternehmens ver- 
wendet wird. Da eine solche Verwendung Steigerung des künftigen 
Ertrages verspricht, wird gleichzeitig eine Erhöhung im Kurswert 
des Aktienkapitals eintreten. 

Abgesehen davon werden Änderungen im Kurswert unabhängig 
von Änderungen im Ertrag und in der Vermehrung oder Vermin 
derung des wirklich fungierenden Kapitals sich ergeben durch 
Änderungen in der allgemeinen Zinsrate. Ein länger dauernd.- 
niedriger Zinsfuß läßt den Kurswert des Aktienkapitals ceterii 
paribus anschwellen, ein hoher ihn kontrahieren. 

Aus der Bildung der Dividende geht bereits hervor, daß es keino 
Durchschnittsdividende weder nach Art der Zinsrate noch nach Art 



schnitt.lich.en Zinssati sich erhebt, beweist folgende Tabelle, die wir dem 
„Berliner Tageblatt" vom 1. Juni 1907 entnehmen. Der Diskont der Reichi- 
bank betrug damals 5 1 /» Prozent. 



Berliner Handelsgesellschaft . . . 

Darmstädter Bank 

Deutsche Bank 

Diskontogesellschaft 

Dresdner Bank 

Nationalbank 

Bochumer Gußstahl 

Laurahütte 

Harpener Bergbau 

Gelsenkirchner Bergwerk 

Phönix Bergbau 

Rombacher Hüttenwerke 

Donnersmarckhütte 

Eisen weilt Kraft ......... 

Eisenhütte ThnJe, Vorzugsaktien . 
Allgemeine ElektrtiitätigfBclbxfaaft 

Lahmeyor Elektrizität 

Hofmann Waggonfabrik 

GaRgenauor Eiienwerk ...... 

Schering Chemische Fabriken . ■ 
Chottifscho Fabrik Oranienburg . 

Schultheiss' Brauerei 

Vereinsbrauerei, Aktien 



Kuri vom SO. Mal 


Dividend« 


RentabilllHI 


Prozent 


Prozent 


Prozent 


150,75 


9 


5,97 


129,30 


8 


6,18 


223,60 


12 


5,36 


189,— 


9 


5,32 


141,— 


8% 


6,02 


121,50 


V/i 


6,17 


224,25 


15 


6,68 


225,30 


12 


5,32 


207,60 


11 


5,29 


195,50 


11 


5,62 


205,30 


15 


7,30 


204,50 


14 


6,84 


264,50 


14 


5,29 


166,— 


11 


6,62 


123,— 


9 


7,31 


198,50 


11 


5,54 


122,— 


8 


8,55 


335,— 


22 


6,56 


105,— 


8 


7.61 


263,— 


17 


6,46 


134,50 


10 


5,42 


288,50 


18 


6,23 


210,50 


12 


5,70 



«li i Profitrate gibt. Die Dividende ist ursprünglich gleich dem Zins 
pltiii einer Risikoprämie, kann im Lauf der Entwickhing aber so- 
unlil geringer als höher werden und dauernd so bleiben, da ja hier 
■ In- Ausgleichung durch die Konkurrenz nicht wie bei der Zins- 

I Profitrate bei dem Erträgnis, sondern nur beim Aktienkurs 

• Irnctzt. 

I )er Kurswert des Aktienkapitals ist also stets größer als der Wert 
ilc; unter normalen Bedingungen fungierenden, das heißt den 
Dun lischnittsprofit bringenden Kapitals. Anderseits den Ertrag des 
I iili-inehmens und den Zinsfuß gegeben, hängt der Kurswert des 
Ulienkapitals ab von der Menge der ausgegebenen Aktien. Das 
l'i ■'i.-iinte Aktienkapital eines Unternehmens, in dem das produktive 
K.ipiial 1 Million Mark beträgt und das 200 000 Mark Profit bringt, 
»ml einen Kurswert von 4 Millionen Mark haben, wenn der Zins- 
lull r i Prozent beträgt. Der Kurs einer Aktie von 1000 Mk. Nomi- 
niilwert wird aber 4000 Mk. betragen, wenn 1 Million Mark Aktien, 
iOüO, wenn 2 Millionen, 1000, wenn 4 Millionen, 500, wenn 8 Mil- 
liniien Mark Aktien ausgegeben werden. 

1 .1 das nominelle Aktienkapital so groß, daß sein Kurs bei der 

I (Mission unter den Nominalwert, unter pari, fällt, so spricht man 
\i<\\ Verwässerung des Aktienkapitals. Es ist klar, daß diese Ver- 
»iiv.enmg zunächst etwas rein Rechnungsmäßiges ist. Gf eben 
Ul 'las Krträgnis, und dieses bestimmt den Kurs des Gesamt. Ktien- 
l(i|iil,ils; aus je mehr einzelnen Stücken sich dieses zusammensetzt, 
c in desto kleinerer aliquoter Teil entfällt natürlich auf das einzelne 
''im lt. Die Verwässerung hat nichts zu schaffen mit dem Gründer - 
i;i wmii, der vielmehr bei jeder Aktiengesellschaftsgründung aus 
ili i Verwandlung von produktivem, profittragendem Kapitell in fik- 

I I \ es, zinstragendes Kapital entsteht. In der Tat ist die Verwässerung 
im liis Wesentliches und kann daher in der Regel durch Gesetz ge- 

I lert werden, im Gegensatz zum Griindergewinn. Die Bestim- 

liniiig des deutschen Aktiengesetzes, daß das Agio der Aktie den 
lle.eiven zufallen muß, hat nur bewirkt, daß dieAktiepari oder mit 
l'.i i ni|;em Agio an ein Bankkonsortium begeben wird und von diesem 
inii Gewinn (Gründergewinn) an das Publikum verkauft wird. 



152 



153 



Die Verwässerung ist aber unter Umständen ein gecignoliiS 
finanztechnisches Mittel, um den Anteil der Gründer über iluij 
Gründergewinn hinaus zu steigern. In den Vereinigten Staaten 7.11m 
Beispiel werden bei den großen Gründungen gewöhnlich zweierlei 
Arten Aktien ausgegeben, die preferred shares (Vorzugsaktien) und 
die common shares (gewöhnliche Aktien). Die preferred shares sind in 
ihrer Verzinsung limitiert, sie tragen meist 5 bis 7 Prozent. Sin 
sind zugleich häufig kumulativ, das heißt, wenn in einem Jiilirn 
nicht die ganze Dividende, auf die sie Anspruch haben, gcznltll 
wird, so haben sie das Recht auf Nachzahlung aus den Erträgnissen 
der folgenden Jahre. Erst nach Befriedigung der preferred slinrn» 
können Dividenden auf die commons verteilt werden. Der Beim« 
der preferred shares wird bei der Gründung gewöhnlich so bemessen, 
daß er größer ist als das wirklich zur Funktion benötigte Kapilnl. 
In den preferred shares steckt schon der größte Teil des Gründer- 
gewinnes. Dazu kommen dann die common shares meist in 11 11- 
nähernd gleichem Betrag. Ihr Kurswert ist gewöhnlich ursprünglich 
sehr gering; preferred und commons zusammen stehen meist clwm 
über pari. Aber diese commons bleiben einmal zum großen Teil in 
den Händen der Gründer und erleichtern ihnen die Sicherung der 
Majorität. 1 Zweitens: die preferred werden bei den solideren Grün- 



1 Dasselbe auch bei englischen Gründungen. Bei Schilderung einer Inlm 
essengemeinschaft zwischen einem gemischten Roheisenwerk und ein »Hl 
Stahlwerk sagt Macrosty: „It is to be observed, that while \he aid «1 tl 
public was called in to assist in the extension of the business (seil, ihn 
Ausgabe von Obligationen, Vorzugsaktien), control lay solely withthe vendoi ■ 
(die Firma Bül bros. and Durmsn Long & Co.) so long eis debenture inti 
and preference dividend were maintained. This is qnite a common realm 
British flotarions, and it demands from the cautious änvestor n coi 
serutiny of the pnrehase conditions." Henry W. Macrosty, „The Trust M. 
ment in British Industry", London 1907, S. 27. „In many cases the ordinär] 
stock is held largely or solely by the original vendors in order that they nmy 
retain control, in which case the amount of the ordinary dividend is of lall 
consequence to the public." Ebenda, S. 54. 

Eine ähnliche Funktion wie die common shares - die Monopolisierung 
der günstigen Ergebnisse der Entwicklung der Aktiengesellschaft für (IU 
Gründer - hatten die sogenannten Gründerrechte des früheren deutirJion 



154 



Jungen so ziemlich verzinst; der Anteil der commons dagegen ist 
■iillig unbestimmt, in ihnen vor allem kommt die Gestaltung der 
Konjunktur zum Ausdruck; ihr Ertrag schwankt außerordentlich; 
Mi- sind daher beliebtes Spekulationspapier; die Kursschwankungen 
In innen aber von den eingeweihten Großaktionären, denen sie nichts 
gekostet haben, zu gewinnreicher Spekulation ausgenützt werden. 
Iliillens aber sichert diese Finanzierungsmethode den durch die 

• Mündung zu erwartenden Extraprofit und den Ertrag aller künf- 

(iiimI österreichischen) Aktienrechts. Die Gründer bedangen sich gewisse Vor- 
ii'c hie, zum Beispiel hei Neuemissionen von Aktien aus, die ihnen etwa stets 
Ulm Parikurse angeboten werden mußten. Diese Festlegung geriet aber mit 

• In Funktion der Mobilisierung des Kapitals in Widerspruch und wurde daher 
I" ■iriligt. Das „Berliner Tageblatt" vom 24. September 1907 schreibt dar- 
nhi'i : „Wie ein Denkmal einer längst vergangenen Periode ragt in unsere 
V'-ii die Institution der Gründerrechte hinein, die noch bei einer Beihe von 
M, iii'iigesellschaften besteht. Die Gründerrechte stammen aus einer Zeit, in 
(joi das Aktienrecht noch nicht die Entwicklung erreicht hat, auf der es heute 
Stuhl Früher galt es als zulässig, den Gründern eines Unternehmens dauernde 
1 Icivorteile zu sichern, ein Zustand, der bei dem mobilen Charakter, der 

• I ■ 1 Aktie innewohnt, als drückend und ungerechtfertigt empfunden werden 

Hie. Bereits die Aktiermovelle von 1884 legte Bresche in das System der 

1 11 iinili-rrechte, völlig beseitigt werden diese für Neubildungen von Gesell- 
|i Im Ihn durch das Pfandelsgesetzbuch, das seit dem 1. Jänner 1900 Gültigkeit 
hui h'reilich hatte das neue Handelsgesetz keine rückwirkende Kraft, und so 
In nirlii'ii unverändert die Gründerrechte aus alter Zeit weiter und bringen 
■ 11 li, soweit sie nicht durch freiwillige Vereinbarungen abgelöst worden sind, 
(11 hv'i'iillich den Aktionären von mit Gründerrechten , gesegneten' Gesell- 
•1 Inil ii'u recht unangenehm in Erinnerung . . . Bei den Berliner Elektrizitäts- 

Ai n — um eines der Schulheispiele der Wirkung von Gründerrechten zu 

iMMihnrn — bestehen Vorrechte der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft 
ihiliui, daß diese jeweils die Hälfte der neu zu emittierenden Aktien zu pari 
flliin iirhmeu kann. Der Gewinn, der durch dieses Vorrecht der Allgemeinen 

I h In iv.ilätsgesellschaft allein hei der Aktienemission der Berliner Elektrizi- 

iviki- in den Jahren 1889, 1890, 1899 und 1904 zufloß, wird auf etwa 

!'• Millionen Mark geschätzt. Daß die Gründer respektive ihre Erben ihre 

II nlih'i wo ebenen Rechte geltend machen, wird man ihnen nicht verübeln 

l 11 Aber es hat sich doch gezeigt, daß die moderne Auffassung vom 

Aliiirnwi'sen mit Recht die Beseitigung der ewigen Gründervorteile ver- 
lmi/ji " 



15c 






tigert Errungenschaften und günstigen Konjunkturen den Grün- 
dern, den Besitzern der common shares, während der Gewinn dp.« 
Publikums, das die preferred besitzt, auf eine feste, den Zins nicht 
allzu hoch überschreitende Grenze gesetzt ist. Schließlich wird da- 
durch bis zu einem gewissen Punkte der wirkliche Stand des Unter- 
nehmens verhüllt, und dieses Dunkel kann leicht zu Schwindel - 
haften Operationen ausgenützt werden. Doch hat die Überkapitali- 
sierung keineswegs einen Einfluß auf die Preise. Es ist eine merk- 
würdige Vorstellung, daß, weil das fiktive Kapital nominell an- 
geschwollen ist, die Preisgesetze irgendwie alteriert sein können. 
Daß ein großes Aktienkapital den Wunsch erzeugt, hohe Preis« 
möchten seine Verzinsung gestatten, ist selbstverständlich. Aber das 
Kapital kann auch auf abgeschrieben sein, und kein Kapitalist 
wird billiger verkaufen, als er muß, sei er Gebieter eines Prival- 
unternehmens, einer einfachen Aktiengesellschaft oder eines Trusts. 



1 Das beste und größte Beispiel bietet die Geschichte des amerikanischen 
Stahltrusts. (Siehe „Report of the Industrial Commission 1901", vol. XIII, 
S. XIV und XV.) Er vereinigte bereits überkapitalisierte Gesellschaften. Der 
Report berechnet den „wirklichen Wert", indem er nur die preferred shnrm 
der konstituierenden Gesellschaften addiert, was in Wirklichkeit ein Aktien- 
kapital ergäbe, das den Paristand einnehmen könnte, und kommt zu dem 
Resultat, daß 598 918 111 Dollar nur für „good will" gerechnet sind. Noch 
bessere Vorstellung von der „Überkapitalisation", genauer von der Differem 
des wirklich fungierenden Kapitals und des Aktienkapitals, gibt folgend» 
Angabe der „Frankfurter Zeitung" vom 29. März 1909: „Die Werke in Gnry 
werden etwa 100 Millionen Dollar kosten und über 2 Millionen Tonnen Stahl 
liefern. Die anderen Werke des Trusts sind mit fast 1500 Millionen Dollur 
kapitalisiert und haben eine Leistungsfähigkeit von 10 Millionen Tonnon. 
Das Mißverhältnis springt in die Augen." Selbst wenn man berücksichtigt, 
daß in dieser Kapitalisation wertvoller Erzbesitz und andere Objekte ein- 
geschlossen sind, bleibt das Mißverhältnis noch kolossal. 

Das hat aber nicht gebindert, daß der Stahltrust stets die 7 Prozent Divi- 
dende auf die preferred shares zahlen konnte und daß auch die common 
shares in steigendem Maße Dividenden tragen. Der Trust wurde im Früh- 
jahr 1901 gegründet. 1901 bis 1903 war günstige Konjunktur, und die common 
shares erhielten 4 Prozent Dividende; 1903 sank die Dividende auf 3 Prozent, 
1904 und 1905 fiel die Dividende aus. Jedoch setzte 1905 bereits die Besserung 
in der Konjunktur ein, und der Stahltrust hätte gegen 43 Millionen Dollar 






IJie Aktiengesellschaft ist eine Gesellschaft von Kapitalisten. Sie 
wird konstituiert durch die Einzahlung des Kapitals; der Grad, in 
dem jeder Kapitalist an der Konstituierung teilhat, ist gegeben 
durch die Größe des von ihm beigesteuerten Kapitals; sein Stimm- 
recht respektive seine Verfügungsgewalt richtet sich daher natur- 
gemäß nach der Größe seiner Einzahlung. Der Kapitalist ist ja 
(Kapitalist nur, soweit er Kapital hat, unterscheidet sich nur quan- 
lilaliv von jedem anderen Kapitalisten. Damit ist aber die Ver- 
liiKimgsgewalt über das gesamte Unternehmen in die Hand der 
llcsitzer der Majorität des Aktienkapitals gegeben. Um über die 
Aktiengesellschaft verfügen zu können, ist also nur die Hälfte des 
Kapitals notwendig, nicht wie bei der Verfügung über das Privat- 
imicrnehmen der Besitz des Gesamtkapitals. Dies verdoppelt die 
Macht großer Kapitalisten. Ein Kapitalist, der sein Privatunter- 
nilimen (vom Kredit abgesehen) in eine Aktiengesellschaft ver- 

<nr Dividendenverteilung übrig gehabt, was die Ausschüttung von8J£ Prozent 
Dividende gestattet hätte. Aber der Trust verwendete diesen Betrag zu Ab- 
m lin-ibungen, Neuinvestitionen und Reservebildung. 1906 wurden dann 
« '«der 2 Prozent gezahlt. 

'/.ii den Gewinnen des Stahltrusts stand aber diese Dividende in keinem 
inliligen Verhältnis, denn das Jahr 1906 war sehr fett gewesen, und für 
I iiviilcnden standen dem Stahltrust fast 100 Millionen Dollar zur Verfügung. 
I in von beanspruchte die Auszahlung auf die preferred shares etwa 25 Millio- 
iiiii Dollar. Was rechnerisch übrigblieb, waren 14,4 Prozent für die common 
ghnres. Während nun die Aktionäre nur 10 166 000 Dollar erhielten, wurden 
MI Millionen Dollar für Neubauten auf gewandt (darunter figurierte die zweite 
Unii' für das Garystahlwerk mit 21 % Millionen Dollar), und außerdem wurde 
ilii Surplusfonds mit 13 Millionen Dollar bedacht. Die gleiche Politik schlu- 
l{in die Direktoren auch im Jahre 1907 ein. Es wurde noch mehr verdient als 
Im Inlire 1906. Für die Besitzer der common shares stand ein Betrag zur 
V ri higung, der 15,6 Prozent Dividende entsprach. Wieder erhielten die 
Aliiiuiiiire nur 2 Prozent per Jahr, also ein halbes Prozent per Quartal. 
'i I 1 Millionen Dollar wurden für Neubauten verwandt, davon 18% Millionen 
I Mlnr für das Garywerk ausgesetzt. Das Surplus erhielt 25 Millionen Dollar. 
I Ina Inlir 1907 fiel nun wesentlich dürftiger als seine Vorgänger aus. Immer- 
hin wurden auf die common shares des Stahltrusts noch etwas über 4 Prozent 
fuji Inlir verdient; die Besitzer erhielten tatsächlich nur 2 Prozent. Für Neu- 
l.iniiii'ii wurde nichts ausgeworfen, dagegen dem Surplus über 10 Millionen 



156 



• ■• 1 1 1 1 1 1 < i ri i ng, Das Finanzkapital 



157 



wandelt, braucht, um die volle Verfügungsgewalt zu behalten, nur 
sein halbes Kapital. Die andere Hälfte wird frei und kann aus din- 
sem Unternehmen zurückgezogen werden. Freilich geht dann dlo 
Dividende auf diese Hälfte verloren. Jedoch ist die Verfügungi- 
gewalt über das fremde Kapital von größter "Wichtigkeit und dl* 
Beherrschung des Unternehmens, abgesehen von allem anderen, 
von größter Bedeutung für die Beeinflussung der Eigentum»- 
bewegung der Aktien auf der Börse. 

In der Praxis ist aber der Kapitalbetrag, der zur Beherrschung 
der Aktiengesellschaft ausreicht, gewöhnlich noch geringer, bo- 
trägt bloß ein Drittel bis ein Viertel des Kapitals und weniger. Dor 
Beherrscher der Aktiengesellschaft verfügt aber über das andern, 
fremde Kapital wie über sein eigenes. Diese Art der VerfügttB| 
deckt sich keineswegs mit der Verfügung über fremdes Kapital 
überhaupt. Ist in der kapitalistischen entwickelten Geselle hui I 
jedes eigene Kapital durch die Entwicklung des Kredits zugleich 
Exponent fremden ausgeliehenen Kapitals - und von der Groß« 
des eigenen Kapitals hängt unter sonst gleichen Umständen all 
Größe des Kredits ab, die noch rascher wächst als die Größe d« 
DoTkr^ugefuhrt, so daß dieses bei Jahresschluß 1908 auf zirka 153% MilMo 
neu Dollar angewachsen war. Für das erste Quartal 1909, das im Vergl«ri< N 
mit der entsprechenden Vorjahrszeit wieder eine Besserung aufwies, gcgwi 

Über den beiden letzten Quartalen 1S0S hauptsächlich infolge des M 

Februar am amerikanischen Eisenmarkt erfolgten Preissturzes dagegen 

Verschlechterung zeigte, wurde auf die common shares wie seit 190l 

halbes Prozent Qnartalsdivider.de gezahlt und über 3 Millionen Dollnt d 
Surplnsbestande überwiesen. (Siehe „Berliner Tageblatt" vom 28. Juli 1909 | 
Für das zweite Quartal 1909 erklärte der Stahltrust eine QuartalsdivUleni»« 
von % Prozent, was einer drei prozenti gen Verzinsung entspricht, und f n, 
dritte Quartal eine solche von 1 Prozent, also eine vieiprozentige Verziti 

auf die common shares. Da die common shares zu einem großen Teil in 

Händen der Gründer geblieben oder aber, soweit sie in die Hände der Spoktl 
lation übergegangen waren, su deren beliebtesten Spielpapieren sie züi.U 
während und bald nach der Panik von 1907 zu niedrigsten Kursen von dtA 
Finanzgruppen zurückgekauft worden waren, ist diese Dividendcnpolilil. I 

auf Kosten der Aktionäre den Gewinn jahrelang zurückhielt, um ihi 

geeigneten Moment plötzlich auszuschütten, eine ungeheure Bereicherung!« 
cpieUe für die den Stahltrust beherrschenden Finanzgruppen gewesen. 



158 



I i^cnkapitals — , so wird das Eigenkapital des Großaktionärs in 
doppelter Hinsicht ein solcher Exponent. Sein Kapital hat die Ver- 
lni;ui]g über das der übrigen Aktionäre, und die gesamte Kapitals- 
l'i.ill des Unternehmens wird wieder die Attraktion für fremdes 
Kapital, Leihkapital, das das Unternehmen aufnimmt. 

Von noch viel größerer Wucht aber wird das eine Aktiengesell- 
'" h.i 1 1 beherrschende Großkapital, wenn es sich nicht mehr um eine 
im/eine Aktiengesellschaft, sondern um ein System voneinander 
(IthJin giger Gesellschaften handelt. Gesetzt, Kapitalist N beherrsche 
um r > Millionen Aktienbesitz die Aktiengesellschaft A, deren 
Uillc.-nkapital 9 Millionen betrage. Diese Gesellschaft gründe eine 
I cii hleigeseilschaft B mit 30 Millionen Aktienkapital, von denen 
ii I ("i Millionen im Portefeuille behält. Um das Geld für diese 
Mi Millionen einzahlen zu können, gäbe A für 16 Millionen fest- 
' ii /msliche Obligationen aus, die kein Stimmrecht besitzen. N be- 
lli 1 1 .1 hl jetzt mit seinen 5 Millionen beide Gesellschaften, also ein 
iwi|iii,-il von 39 Millionen. A und B können jetzt nach denselben 
i'i invi|iicn neue Gesellschaften gründen, so daß N mit einem ver- 
li.iliniMii.ißig geringen Kapital das Kommando über außerordent- 
lii Ii i'iulSr fremde Kapitalssummen erhält. Mit der Entwicklung des 
A Ii i mii wesens bildet sich eine eigene Finanztechnik aus, deren Auf- 
Ijjilir i ■■; ist, möglichst geringem eigenem Kapital die Beherrschung 
iiuiflii hsl großen fremden Kapitals zu sichern. Ihre Vollendung hat 
illi'ii Technik bei der Finanzierung amerikanischer Eisenbahn- 
et Kinne erfahren. 



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ili'laillierte Darstellung der Finanzierungstechnik fällt außerhalb 
irns vorliegender Arbeit. Doch wird folgendes typische Beispiel das 
.vi-anschaulichen, das die Finanzierung des Bock-Island-Bahnsystems 
(Siehe „Frankfurter Zeitung" vom 6. Oktober 1909.) An der Spitze 
■ms sieht eine Kontrollgesellschaft (Holding Companj', das heißt 
i eine Aktien anderer Gesellschaften besitzende Gesellschaft), die 
iml Company, ohne feste Verschuldung mit einem autorisierten 
..ii 34 Millionen Dollar preferred und 96 Millionen Dollar common 
von ■19,129 Millionen Dollar beziehungsweise 89,733 MillionenDollar 
■.iml. Die preferred Aktien allein besjtzen das Stimmrecht. Diese Ge- 
hoifiui das gesamte Aktienkapital von 145 Millionen Dollar der Chi- 



159 






Mit der Entwicklung der Aktiengesellschaften einerseits, mit der 
wachsenden Eigentumskonzentration anderseits wächst die Zahl 
der Großkapitalisten, die ihr Kapital in verschiedenen Aktiengesell- 
schaften angelegt hahen. Starker Aktienbesitz gibt aber die Macht, 
sich in der Leitung der Gesellschaft vertreten zu lassen. Als Mit- 
glied des Auf sichtsrates erhält der Großaktionär in Form der Tan- 
tiemen erstens einen Anteil am Profit 1 , zweitens Gelegenheit, auf 



cago Rock Island und Pacific Railroad Company, die außerdem eine feste Vor- 
schuldung von 70,199 Millionen Dollar 4prozentiger Collateral Trust Bond« 
und 17,361 Millionen Dollar 5prozentiger Collateral Trust Bonds besitzt. 
Dies sind Schuldscheine, zu deren Sicherheit andere Effekten bei Treu- 
händern als Pfand hinterlegt sind. (Siehe über die Collateral Trust Bondi 
Thomas L. Greene, „Corporation Finance", New York 1906.) Diese Railroad 
Company erst besitzt zwei Bahngesellschaften: 1. Chicago Rock Island und 
Pacific Railway Company. Deren fundierte Schuld beträgt 197,850 Millionen 
Dollar; das Aktienkapitel 74,859 Millionen Dollar, wovon 70,199 Million«! 
Dollar bei Treuhändern als Unterlage für die erwähnte Emission der 4pro- 
zentigen Collateral Trust Bonds der Railroad Company hinterlegt sind. 
2. Die St. Louis und San Francisco Railroad Company mit einer fundierlnn 
Schuld von rund 227 Millionen Dollar. Das Aktienkapital besteht aus: 5 Mil- 
lionen Dollar I. preferred stock, 16 Millionen Dollar II. preferred stock, 
29 Millionen Dollar common stock, wovon 28,940 Millionen Dollar von 
der Rock Island Company erworben wurden. Diese gab für je 100 Dollor 
in Aktien 60 Dollar in eigenen Aktien und 60 Dollar in fünfprozentignn 
Collateral Trust Bonds der Chicago Rock Island und Pacific Railroad Com- 
pany. Beide große Bahngesellschaften haben nun wieder ihre eigenen Untor- 
gesellschaften. 

Der Zweck dieser kunstvollen Finanzierung ist klar. Die Kontrolle d»l 
ganzen gewaltigen Bahnsystems Hegt bei den allein stimmberechtigten 
preferred shares der Rock Island Company. Zur Zeit ihrer Gründung 1902 
betrug der Kurswert dieser Titres zwischen 40 und 70 Prozent. Für dl« 
27 Millionen Dollar preferred shares, die zur Kontrolle nötig waren, brauch« 
ten die Gründer höchstens etwa 15 Millionen Dollar. Dieses Geld genügtt ( 
um sie zu Beherrschern des ganzen Bahnnetzes zu machen. 

1 Die Einnahmen aus Aufsichtsratsstellungen in Deutschland hat 
E. Loeb (Das Institut des Aufsichtsrates usw., Jahrbuch für Nation»!« 
Ökonomie und Statistik, 3. Folge, XXIII. Bd., 1902) für 1900 auf i 
60 Millionen Mark geschätzt. In einer sehr eingehenden Untersuchung üb»! 
die Aufsichtsräte der deutschen Aktiengesellschaften in der genannten Ztlt« 



tili Verwaltung des Unternehmens Einfluß zu nehmen oder aber 
■ I" Kenntnis von den Vorgängen im Unternehmen auszunützen, 
«i i rs zu spekulativen, sei es zu anderen geschäftlichen Trans- 
fillllmien. Es bildet sich ein Kreis von Personen heraus, die vermöge 
ilmi eigenen Kapitalsmacht oder aber als Vertreter der konzen- 
ii i'i len Macht fremden Kapitals (Bankdirektoren) als Aufsichtsräte 
Im einer großen Anzahl von Aktiengesellschaften vertreten sind. Es 

• ni'ilelii so eine Art von Personalunion , einmal zwischen den ver- 
«i liieclenen Aktiengesellschaften untereinander und sodann zwischen 
iliien und den Banken, ein Umstand, der für die Politik dieser 

I ii illschaften von größtem Einfluß sein muß, weil zwischen den 

I I in liiedcnen Gesellschaften ein gemeinsames Besitzinteresse sich 

l.llilel 

Hm ilic Konzentration der Kapitale in einem Unternehmen durch - 
«iiluliieii, sammelt die Aktiengesellschaft ihr Kapital aus einzelnen 

»lnili (">. Folge, XXXII. Bd., 1906, S. 92ff.) schätzt Franz Eulenburg diese 

"■ mif zirka 70 Millionen Mark für 1906. Jede Aktiengesellschaft ver- 

ii.ili iliueliscJmittlich e /io Prozent ihres Nominalkapitals als Tantieme, mithin 
uliiili </ 1/ rch schnittlich jedes Aufsichtsratsmitglied Vio Prozent. Bei großen 
1 1. -.'II',. Imflen ist natürlich dieser Betrag absolut größer, etwa 6000 bis 
«mihi Mjuk und mehr. So verteüten die Dresdner Bank 21 000, Feiten & Guil- 

Im ".4 000, Dürkopp 10 000, Deutsche Bank 32 000, Hörder Bergwerke 

liililil, < ielsenkirchen 8700, Bayrische Hypothekenbank 13 000 Mk. als 

I HMlli'inen. 

1 I !lo 1 Vrsonalunion ist Anfang oder Ende von zusammengehörigen Ver- 
» 1 1 1 1 |i ■ ■ ■ i •• i ■ 1 1 , die aus äußeren Gründen organisatorisch und institutionell ge- 
in hui nein müssen, die aber nur in der Zusammenfassung ihrer Kräfte in 
Hin i iilieisten gemeinsamen Leitung ihre volle Wirksamkeit entfallen kön- 
iii'ii I lie I Vrsonalunion zwischen Osterreich und Ungarn ist der Rest, der aus 
ilm '/.eil der ehemaligen Verbindung beider Länder zurückgeblieben, und 

• teilen hl nur so weit bedeutungsvoll, als er der Ausgangspunkt einer anders- 
Hiiiji.ii Verbindung werden könnte. Die Vereinigung der wirtschaftlichen 
liml |inhhselien Organisationen der Arbeiterklasse durch Personalunion in 
ilm i nlii-rston Leitung gestattet beiden erst volle Machtentfaltung. Dieselbe 
| i«i ln-iiimig der Verbindung wirtschaftlicher und politischer Organisation 
fliiilnii wir beim deutschen Grundbesitz im Bund der Landwirte und be- 
inmli'ig vollkommen ausgebildet bei den Organisationen der preußischen 
I'hIi.ii 



160 



161 



Kapitalstücken, jedes für sich genommen vielleicht zu klein, um 
industriell — sei es überhaupt, sei es namentlich in den Industrie- 
zweigen, deren Domäne die Aktiengesellschaft ist — zu fungieren. 
Es ist aber zu beachten, daß in den Anfängen der Aktiengesellsdiiil'l 
diese Sammlung meist durch direkten Appell an die Einzelkap itnli 
sten geschieht. Im Fortgang der Entwicklung aber sind die Einzel 
kapitale bereits gesammelt und konzentriert in den Banken. Der 
Appell an den Geldmarkt geht daher durch die Vermittlung der 
Banken. 

Keine Bank kann daran denken, das Kapital eines Privatuni er- 
nehmers aufbringen zu wollen. Diesem kann sie in der Regel 
wesentlich nur „Zahlungskredit" leisten. Anders bei der Aktien- 
gesellschaft. Hier das Kapital aufbringen, heißt für die Bank nicht« 
anderes als es vorschießen, in Anteile zerlegen und durch Verkauf 
dieser Anteile das Kapital zurückerhalten, also ein der Form nach 
reines Geldgeschäft G— G 1 machen. Es ist die Ühertragbarkeit und 
Negotiabilität dieser Kapitalscheine, die das Wesen der Aktien- 
gesellschaft ausmacht, die dann der Bank die Möglichkeit der 
„Gründung" und damit der schließlichen Beherrschung der Aktien- 
gesellschaft gibt. Ebenso ist hier die Möglichkeit der Bankschulden 
viel größer als im Privatbetrieb. Dieser muß im allgemeinen dieso 
Schulden aus den Erträgnissen decken können, und diese Schuldon 
haben daher eine enge Grenze. Gerade deswegen, wegen ihrer rela- 
tiven Kleinheit, lassen sie aber den Privatunternehmer ziemlich 
unabhängig. Bei der Aktiengesellschaft besteht aber die Möglich- 
keit, diese Bankschulden nicht nur aus den laufenden Erträgnissen, 
sondern durch Vergrößerung des Kapitals decken zu können, durch 
Emission von Aktien oder Obligationen, deren Ausgabe für diö 
Bank dann noch den Gründungsgewinn abwirft. Die Bank kann 
daher der Aktiengesellschaft mit größerer Sicherheit wie dem 
Privatunternehmen größeren Kredit einräumen, vor allem aber 
andersartigen Kredit, Kredit nicht nur zur Zahlungsvermittlung, 
also Zirkulationskredit, sondern zur Ergänzung fehlenden Betrieb»- 
kapitals, also Kapitalkredit. Denn die Bank vermag, falls es ihr 
nötig erscheint, diese Kreditgewährung dadurch einzuschränken, 



162 



■I 'II 'lern Unternehmen durch Neuemission von Aktien oder Obliga- 
i '"Neu neues Kapital zugeführt wird. 1 

Nie Bank kann aber der Aktiengesellschaft nicht nur in höherem 
Maß« Kredit gewähren als dem Privatuntenehmen, sie kann auch 

" ' "" UlTes Geldkapitals für kürzere oder längere Zeit in Aktien 

-»■«'Ben. In allen Fällen aber entsteht ein dauerndes Interesse 
flw Jtank an der Aktiengesellschaft, die einerseits von der Bank 
kontrolliert werden muß, um die richtige Verwendung des Kredits 
> JTvvnhrleisten, anderseits von der Bank möglichst beherrscht wer- 
j«l -u,ß, um all die gewinnbringenden finanziellen Transaktionen 
mi Hank zu sichern. 

Aus diesen Interessen der Banken entspringt das Bestrehen die 

Ulli™ Seilschaften, an denen sie interessiert sind, dauernd zu 

»bi rwachen, was am besten durch die Vertretung im Aufsichtsrat 

»ichchen kann. Diese Vertretung gewährt zugleich die Garantie 

■' ■<■ »he Gesellschaft auch alle übrigen finanziellen Transaktionen, 

I mit dem Emissionsgeschäft zusammenhängen, durch die Bank 

n läßt Anderseits sucht die Bank, um das Risiko zu ver- 

I Rj n und ihren Geschäftskreis zu erweitern, mit möglichst viel 

' ■' ""scharten zu arbeiten und damit zugleich auch in deren Auf- 

'"•" Vertreten zu 8ehl - Bk Verfügung über Aktienbesitz gibt 

Mifl Möglichkeit, eventuell auch in ursprünglich widerstreben- 

'■"sehnen eine Vertretung durchzusetzen. So entsteht 

■ eine Tendenz zur Kumulierung solcher Aufsichtsrats- 

|,; '" 1(lere Rolle spulen die Vertreter der Industrie m den Auf- 

tl.l.i.r..ien; hier handelt es sich um Anknüpfung von Geschäft»- 
!W/.el...i. S en zwischen zwei Gesellschaften. So wenn der Vertreter 

.Stark* Bankschulden Am PriTatuntemelunens sind daher oft die Vor- 
1 N »mer Umwandlung in B ine Aktiengesellschaft 

'■.roßten suchen „ihre Verbindungen mit industriellen Unter- 

-.. nach Ort und Gewerbeart nächst Welse.tig „ gesta l ten , die 

■-» «•■ « >n der örtlichen nnd gewerblich Vm.ih.ng die aid / aus 

■»■■hie der einten Institute erklärt, m ehr und Jl m hesttg^ 

' '""<* ^ « *« B ~*eben, die Indus tri eWiehnngen „ W 

f ' "^ Iare <*—' ^ Geschäftsverbindung und ihnen Ausdruck 



163 



eines Eisenwerkes im Aufsichtsrat einer Kohlenzeche sitzt und dar- 
auf hinwirkt, daß das Eisenwerk seine Kohle von dieser Zecbii 
bezieht. 

Diese Personalunion, die zugleich eine Kumulierung von Auf- 
sichtsratsstellen in der Hand einer kleinen Anzahl von Großknpi- 
talisten bedeutet, wird wichtig, sobald sie Vorläufer oder Beförderer 
engerer organisatorischer Verbindung zwischen bisher voneinander 
unabhängigen Gesellschaften wird. 



und die Möglichkeit der Erweiterung und Vertiefung zu geben durch ein 
vereinigtes System der Besetzung von Aufsichtsratsstellen". Jeidels, a. a. O., 
S. 180. 

Jeidels gibt folgende Tabelle (für 1903): Es waren bei Aktiengesellschaften 
vertreten: 



Die 

Deutsche 

Bank 

mit 



Di*- 
konto- 
Gesell- 

ichaft 



Daim- 
städter 
Bank 



Dresd- 
ner 
Bank 



Schaaff- 
hausenscher 
Bankverein 



Berliner 
Handels- 
gesell- 
schaft 



durch 
Direktoren 
durch eigene 
Aufsichtsräte 



101 
130 



ei 



51 
50 



53 

SO 



60 



40 
34 



221 



101 



133 



130 



74 



92 

Im ganzen verfügten also die sechs Berliner Großbanken allein über 
751 Aufsichtsratsstellen. 

Nach dem neuesten Adreßbuch der Direktoren und Aufsichtsratsmit- 
glieder (1909) gibt es in Deutschland 12 000 solche Stellen. 2918 Aufsichti- 
ratsstellen aber sind in der Hand von nur 197 Personen. Den Rekord hiilt 
Herr Karl Fürstenberg von der Berliner Handelsgesellschaft mit 44 Man- 
daten; Herr Eugen Gutmann von der Dresdner Bank hat 35 Stellen innn. 
Überhaupt ist von den verschiedenen Berufen, die unter den Auf sichtsra ti- 
mitgliedern vertreten sind, der Bankberuf am stärksten vertreten, und auf 
diesen fällt daher die stärkste Kumulierung. Detaillierte Angaben darüber bnl 
Eulenburg 1. c. 

Dieselbe Erscheinung natürlich in den Vereinigten Staaten. 1906 war die 
Firma J. P. Morgan & Cie. vertreten im Board von 5 Banken, 50 Bahnen, 
3 Schiffahrtsgesellschaften, 8 Trustgesellschaften, 8 Versicherungsgesell- 
schaften und 40 industriellen Unternehmungen. Steinitzer, a. a. O., S. 158. 

1 Dagegen spielt die Aufsichtsführung im Sinne der juristischen Fiktion 
gar keine Rolle. So sagte der Vorsitzende in der Generalversammlung der 
„Elektrische Licht- und Kraftanlagen-Aktiengesellschaft in Berlin" gerade- 
zu: „Die Idee, daß irgendein Aufsichtsrat oder das Mitglied eines Aufsichli- 



164 



>'. Aktiengesellschaft und Individualunternehmung 

I l!ü Aklicngesellschaft appelliert also bei ihrer Gründung nicht 

'"' n ' laliv schmale Schicht der fungierenden und funktions- 

1 '■ " Kapitalisten, die die Eigentumsfunktion mit der Unter- 
en Im,,, Funktion vereinigen müssen. Sie ist von diesen persönlichen 

'' " ilen im v °rWin unabhängig und bleibt es während ihres 

l»' »lohuns. Tod, Erbteilung usw. ihrer Besitzer üben auf sie keinen 
I ■'"ll-iM. Aber dies ist kein entscheidender Unterschied gegenüber 
•I" Imlividualunternehmung, die von einem gewissen Grad der 
Kai wi, kJung an die persönlichen Qualitäten, die ihrem Eigentümer 
»ülH, ft „, durch die bezahlter Angestellter ersetzen kann. Praktisch 

■■"""gdos ist auch ein anderer Gegensatz, der in der Literatur 

- h ,h hm Aktiengesellschaft und Privatunternehmen gemacht wird ; 

'' sd,alte einmal ein subjektiv voll verantwortlicher, ganz un- 

«W.NiiKiger Unternehmer, der aber auch voll interessiert sei, wäh- 

,(,s «nderemal eine Menge wenig unterrichteter, einflußloser 

' ""' ,,mer (Aktionäre) gebiete, die nur zum Teil interessiert 

Mm und nichts von der Leitung verstünden. Denn die Aktien- 

1 Ihdl;l - rte n, und gerade die wichtigsten, erträgnisreichsten und 

'" '" '''lindsten, werden von einer Oligarchie oder sogar nur von 

'" ' ; '"ßkapitalisten (oder einer Bank) beherrscht, die in Wirk- 

I" l.lu-ii «henfaUs voll interessiert und von der Masse kleiner Aktio- 
D»r, ii„,-,l,l,ängig sind. Dazu kommt, daß die Leiter, die Spitzen der 
""lH..l,„llon Bürokratie, sowohl durch die Tantiemen als auch, und 



• hl. 

Im 

iwl, 

I 

I 

I 

I 

I 



I du* l,m könne, was das Gesetz ihnen vorschreibe, sei irrig. Die Gesetz- 
! »■ Milien nicht, was sie taten, als sie dieses Gesetz machten. Man stelle 
>•■', .1,0 ein Mitglied des Atifsiditsrates oder der Aufsichtsrat überhaupt 
"",-, „„serer großen Gesellst f tPn die sämtlichen Zweige des Unter- 
'"■"•• "„ch nur an einem Tag verfolgen solle. Während der Mann an 
i »loMe kontrolliere, könnten an zehn anderen die größten Fehler be- 
P » Wrfcn, Der Aufsichtsrat könne die großen Richtlinien angeben 
« ' I' !"■', e,ne Gesellschaft geleitet werden soll. Er könne die Direktion 
'•'•U ,«en, daß sie nichts gegen Gesetz und Statuten tue. Die Einzei- 
" dar Revision seien Sache der Revisionsgesellschaften." („Berliner 
BloU" vom 28. November 1908.) 



165 












vor allem, durch in der Regel ausgedehnten Aktienbesitz an dein 
Unternehmen interessiert sind. 

Viel wichtiger ist der sachliche Unterschied: der Appell an den 
Geldmarkt ist ein Generalappell an alles, was Geld hat, Geld hier 
zugleich als Verfügung über Kredit genommen. Die Aktiengesell- 
schaft ist unabhängig von der Größe des Einzelkapitals, das in einer 
Hand erst vereinigt sein muß, um als Industriekapital eines Privnl- 
unternehmens fungieren zu können. Es ist nicht nur der Kreis der 
Personen erweitert - Geldkapitalist kann jeder sein, der Geld hat -, 
sondern es ist jetzt auch jede Geldsumme über ein gewisses Mini- 
mum hinaus (das bekanntlich bloß ein paar Schillinge zu betragen 
braucht) befähigt, in einer Aktiengesellschaft mit anderen vereinigt 
und als industrielles Kapital angewendet zu werden. Das gibt der 
Aktiengesellschaft von vornherein eine ganz andere Leichtigkeit 
der Gründung als dem Privatunternehmen und der schon bestehen- 
den eine viel größere Expansionskraft. 

In dieser Eigenschaft der Zusammenfassung von Kapital erfüllen 
die Aktiengesellschaften eine ähnliche Funktion wie die Banken. 
Der Unterschied ist der: Das in den Banken angesammelte Kapitr.1 
behält die ursprüngliche Form von Geldkapital bei und wird durch 
den Kredit nach seiner Zusammenfassung der Produktion zur Ver- 
fügung gestellt. Bei den Aktiengesellschaften wird das zersplitterte 
Geldkapital vereinigt in der Form des fiktiven Kapitals. Man darf 
übrigens nicht meinen, daß die Zusammenfassung kleiner Kapita- 
lien die nur Bruchstücke großer zu sein brauchen, dasselbe ist wie 
die Beteiligung kleiner Kapitalisten. Die kleinen Kapitale können 
recht großen Kapitalisten gehören. Kleine Kapitalien kleiner Kapi- 
talisten werden mehr durch die Banken als durch die Aktiengesell - 
schaft vereinigt. . 

Zu der Leichtigkeit der Kapitalbeschaffung geseUt sich die Leich- 
tigkeit der Akkumulation. Beim Privatunternehmen muß die Akku- 
mulation aus dem Profit bestritten werden. Ein Teil des Profiti, 
der nicht konsumiert wird, was von vornherein eine gewisse Groß« 
des Unternehmens voraussetzt, wird als latentes Geldkapital an- 
gesammelt, bis seine Größe zur Neuanlage und Erweiterung dci 



166 



Mi I liebes ausreicht. Demgegenüber wird in der Aktiengesellschaft 
allerdings die Dividende zunächst an die Aktionäre weggezahlt. 
Alu t auch hier ist die Möglichkeit vorhanden, Teile des Profits, 
iiiiiiirntlich bei hohen, über den Durchschnittszinssatz erheblich 
Inii.'iiisgchenden Dividenden, zu akkumulieren. Aber vor allem wird 
ihr Kr Weiterung unabhängig von der eigentlichen Akkumulation 
Hut den eigenen Erträgnissen des Betriebes und kann direkt durch 
I. i| ii l.ils Vermehrung vollzogen werden. Die Schranke des Wachs- 
liiin:; des Privatbetriebes — die Größe des im Betriebe selbst erzeug- 
ii n Profits — ist gefallen. Die Wachstumsenergie der Aktiengesell- 
ili.ill ist damit eine bedeutend größere als die der Privatunter- 
iH'lniiimg. Der Aktiengesellschaft steht für ihre Vergrößerung 
i Im iimi wie für ihre Gründung das gesamte freie Geldkapital zur 
Verfügung. Sie vergrößert sich nicht bloß aus der Akkumulation 
iIh o« eigenen Profits. Das gesamte akkumulierte und nun nach Ver- 
itniiing strebende Geldkapital ist das Wasser, das sie auf ihre 
Mühle leiten kann. Die Schranken, die aus der individuellen Zer- 
■ |iliiliTimg des Kapitals unter seine gleichgültigen und zufälligen 
I i fi'fji'i- entspringen, sind aufgehoben. Die Aktiengesellschaft appel- 
ln 1 1 unmittelbar an das vereinigte Kapital der Kapitalistenklasse. 
I )ie Unabhängigkeit vom Einzelkapital macht die Größe der 

I hiiei nehmung unabhängig von der Größe des bereits in einer 
i mi/i;m'ii Hand akkumulierten Reichtums und erlaubt ihr — ohne 
Um li:;i<ht auf den bereits eingetretenen Grad der Vermögens- 

I /inlration — , das Unternehmen auszuweiten. So werden durch 

ihr Akliengesellschaft Unternehmungen erst möglich oder wenig- 
(IlrtiiM in dem erforderlichen Umfang möglich, die durch die Größe 
lliir.'i K.ipitalerfordernisses dem Privatunternehmer unzugänglich 
hui im, daher entweder unterblieben oder vom Staate ausgeführt 
im ■ i «I i -ii mußten, also dem direkten Einfluß des Kapitals entzogen 
lilnlieii. Das bedeutendste Beispiel bilden hier bekanntlich die 

I I inenhalmen, die am mächtigsten die Verbreitung der Aktiengesell- 
mlnilieii gefördert haben. Diese Bedeutung der Aktiengesellschaft, 
illo |iei sönliche Schranke des Eigentums zu sprengen, gleichsam nur 
iliinh die Größe nicht des persönlichen, sondern des gesellschaft- 



167 



liehen Kapitals in ihrem Umfang beschränkt zu sein, hat nament- 
lich in ihren Anfängen die größte Wichtigkeit. 

Die Expansion des kapitalistischen Unternehmens, das Aktien- 
gesellschaft geworden ist, kann jetzt, losgelöst von der Fessel dos 
individuellen Eigentums, rein nach den Anforderungen der Technik 
erfolgen. Die Einführung neuer Maschinerie, die Aufnahme ver- 
wandter Produktionszweige, die Ausnützung von Patenten erfolgt 
nur mehr nach dem Gesichtspunkt ihrer technischen und ökono- 
mischen Angemessenheit. Die Sorge um Aufbringung des nötigen 
Kapitals, die beim Privatunternehmen eine Hauptrolle spielt, seine 
Expansionskraft einschränkt, seine Schlagfertigkeit und steto 
Kriegsbereitschaft vermindert, tritt zurück. Konjunkturen können 
hesser, gründlicher und rascher ausgenützt werden, ein wichtiger 
Gesichtspunkt namentlich dann, wenn die Dauer günstiger Kon- 
junkturen sich verkürzen sollte. 






1 Wenn hier von gesellschaftlichem Kapital gesprochen wird, so ist die» 
in diesem Sinne gemeint: Der Privatunternehmer ist beschränkt durch die 
Größe des Einzelkapitals, die Aktiengesellschaft durch die Größe des ganzen 
in der kapitalistischen Gesellschaft vorhandenen, zu neuer Verwertung freien 
Geldkapitals. 

* „Die Aktiengesellschaft ist die schärfste und sicherste und deshalb 
bevorzugteste Waffe, welche die kapitalistische Wirtschaftsordnung zur 
Durchfechtung ihrer Konzentrationstendenzen zur Verfügung hat. Stellt 
doch schon die Aktiengesellschaft selbst eine vollendete Konzentration dar: 
eine Zusammenfassung kleiner und zersplitterter, an sich von produktiver 
Verwertung mehr oder weniger ausgeschlossener Vermögensteile in einor 
Gesamtkapitalmasse, welche als solche unter einheitlicher Leitung wirt- 
schaftliche, also produktive Zwecke zu verfolgen bestimmt und geeignet ist. 
Die Aktiengesellschaft übt denn aber auch infolge der leichten Veräußerlich- 
keit und Vererblichkeit der Anteile, ferner infolge der durch die fast völlige 
Loslösung von der Person des Unternehmers in viel höherem Grade als bei 
den anderen Unternehmungsformen gewährten Wahrscheinlichkeit längerer 
Lebensdauer, endlich infolge der (theoretischen) Unbegrenztheit der auf du» 
zusammengefaßte Kapital zu erwartenden Dividende eine ungemein stark« 
Attraktionskrajt auf verfügbare Kapitalien aus. Sie besitzt also in höherem 
Grade als jede aridere Untemehmungsform die Möglichkeit, ihre Kredit- 
und Erweiterungsbedürfnisse durch Kapitalerhöhungen zu befriedigen. Di« 
Leichtigkeit der Kapitalbeschaffung aber ruft naturgemäß wieder die Tendern 



Die angeführten Momente werden von Bedeutung im Kon- 
Uuenzkampf. Wir haben gesehen, wie bei der Aktiengesellschaft 
•Im- I .eichtigkeit der Kapitalbeschaffung eine ganz andere ist als bei 
'l-ni Privatunternehmer!. Die Aktiengesellschaft hat so die Möglich- 
I" il, die Einrichtung ihres Betriebes nach rein technischen Rück- 
en hten zu treffen, während der Individualunternehmer dabei fort- 
während an die Schranke stößt, die ihm die Größe seines Kapitals 
( lebt. Dies gilt auch dann, wenn er Kredit benützt, da dessen Größe 
' ll, " h die Größe seines Eigenkapitals begrenzt ist. Die Aktiengesell - 
'" haft dagegen ist sowohl bei der Gründung als auch namentlich bei 
•I. i Krweiterung und bei Neuanlagen an diese Schranke des persön- 
Uchao Eigentums nicht gebunden. Sie kann daher die besten und 
neuesten Errungenschaften sich aneignen und ist auch in dem Zeit- 
punkt, in dem sie Neuanlagen macht, viel unabhängiger als der 
l'i iv.il Unternehmer, der warten muß, bis sein Profit akkumulations- 

1 ff° Größe erreicht hat. Die Aktiengesellschaft kann also tech- 

'"•■'h überlegen eingerichtet werden und, was fast ebenso wichtig 
Ut, diese technische Überlegenheit stets festhalten. Das bedeutet 

'' ; " lch > daß si e imstande ist, technische Errungenschaften, 

arhcil sparende Methoden anzuwenden, bevor sie allgemein ge- 
u (ii den sind; die Aktiengesellschaft kann so gegenüber dem Privat- 

'"»'limen erstens auf größerer Stufenleiter, zweitens mit ver- 

'""•■-I ler und neuerer Technik arbeiten und wird so diesem gegen- 
über einen Extraprofit erzielen können. 

I hzu kommt die große Überlegenheit, die die Aktiengesellschaft 
in der Benützung des Kredits vor dem Individualunternehmer vor- 

.(,, Kupitalvergrößerung hervor, und zwar deshalb in immer steigendem 

V " is > weil es sowoh l auf dem Gebiete der Industrie wie des Handels 

' '""'' des Bankwesens ein wirtschaftliches Gesetz zu sein scheint, daß 

'"rr'-ltes Kapital mehr als doppelte Produktion beziehungsweise mehr 

S/i 'loppellen Umsatz (Anmerkung: Aber nicht ohne weiteres auch doppelte 

,( '" ilHt ) ermöglicht und daß schon deshalb die Tendenz zur Kapital- 

>■,,■, „{Irrung sich verstärkt mit dem Wachstum dieses Kapitals und somit 
!••' K rolleren Kapitalien relativ weit bedeutender ist als bei kleineren." 

" r ' " Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Großbanken" 

'i 1.52 ' 



168 



169 



aus hat und auf die in diesem Zusammenhang noch kurz verwiesen 
werden muß. 

Der Privatunternehmer wird in der Regel nur Kredit im Höchst - 
betrag seines zirkulierenden Kapitals in Anspruch nehmen können. 
Jede weitere Kreditgewährung würde das kreditierte Kapital in 
fixes industrielles Kapital verwandeln und ihm damit auch für den 
Leihkapitalisten de facto den Charakter von Leihkapital nehmen. 
Der Leihkapitalist würde einfach verwandelt sein in einen indu- 
striellen Kapitalisten. Daher kann der Kredit an Privatunternehmer 
auch nur gewährt werden von Personen, die mit allen Verhältnissen 
und Geschäftsgebarungen der Industriellen vertraut sind. Der 
Kredit an das Privatunternehmen unterstellt den kleinen lokalen 
Bankbetrieb, den Privatbankier, als genauen Kenner der Geschäfts- 
beziehungen seiner Kunden. 

Die Aktiengesellschaft erhält leichter Kredit, weil die Art ihrer 
Organisation die Überwachung außerordentlich erleichtert durch 
einfache Delegierung eines Vertrauensmannes der Bank. Hier ist 
der Privatbankier auszuschalten durch einen Bankbeamten. Dann 
aber ist die Kreditgewährung an die Aktiengesellschaft in viel 
größerem Umfang möglich, da die Aktiengesellschaft sich leicht 
Kapital beschaffen kann. Es besteht nicht die Gefahr, daß der in 
Anspruch genommene Kredit immobilisiert wird. Selbst wenn er in 
der Tat von der Aktiengesellschaft zur Anschaffung von fixem 
Kapital benützt würde, kann die Aktiengesellschaft doch bei gün- 
stiger Gelegenheit ohne Rücksicht auf den wirklichen Rückfluß 
des fixen Kapitals durch Ausgabe von Aktien das Kapital mobilisie- 
ren und es zur Rückzahlung der Bankschulden verwenden. In der 
Tat auch ein alltäglicher Umstand. Beide Umstände aber, die leich- 
tere Beaufsichtigung und der Wegfall der Kreditbeschränkung auf 
das zirkulierende Kapital, geben der Aktiengesellschaft die Mög- 
lichkeit weit stärkerer KreditbenüLzung und damit eine neue Über- 
legenheit im Konkurrenzkampf. 

Die ökonomische Überlegenheit der leichteren Kapitalbeschaf- 
fung bei der Gründung und der leichteren Ausdehnungsfähigkeit 
bringt so eine technische Überlegenheit mit sich. 



Die Aktiengesellschaft ist aber vermöge ihrer Konstitution auch 
uliorlcgen im Preiskampf. 

Wir haben gesehen, daß der Aktionär den Charakter des Geld- 
li.i|iiialisten hat, von seinem angelegten Kapital nur Zins erwartet. 
Trotz des Gründergewinnes, trotz Verringerung des Profits durch 
Ol liölite Verwaltungskosten, Tantiemen usw. mag im Verlauf einer 
l',n listigen Entwicklung das Erträgnis den Zins weit übertreffen. 

Dies gesteigerte Erträgnis braucht, wie wir gesehen haben, 
durchaus nicht immer den Aktionären zugute zu kommen. Ein Teil 
desselben mag zur Stärkung des Unternehmens, zur Reserven- 
liiMung verwendet werden, die dann in Krisenzeiten der Aktien- 
i;i";cllschaft einen stärkeren Rückhalt verschafft gegenüber dem 
l'uv.it unternehmen. Gleichzeitig ermöglichen hohe Reserven eine 
Blüligcre Dividendenpolitik und erhöhen dadurch den Kurs der 
Aktien. Oder es kann aus diesem Erträgnis ein Teil akkumuliert, 
das wirklich fungierende, Profit produzierende Kapital also erhöht 
uii den ohne Erhöhung des Nominalkapitals. Auch das steigert, und 
in noch höherem Maße als die Reservenbildung, den wirklichen 
Will der Aktie. Diese Steigerung, die sich vielleicht erst in einem 
"l'.ilrn.'n Zeitpunkt manifestiert, kommt den großen und bleibenden 
A li I ionären zugute, während die kleinen und häufig ausscheidenden 
I li-.il /er dazu mit dem Verlust eines Teiles ihres Gewinns beitragen 
mußten. 

Tritt aber eine ungünstige Konjunktur ein und verschärft sich 
«li t Konkurrenzkampf, so kann eine Aktiengesellschaft, bei der 
iIhmIi eine solche Dividendenpolitik die ursprüngliche Differenz 
mv im hon Aktienkapital und wirklich fungierendem Kapital stark 
ui mindert oder völlig geschwunden ist, ihre Preise unter den Pro- 
tluklionspreis k + p reduzieren auf einen Preis =k + z (Kostpreis 
I /ins) und wird dann noch immer eine Dividende gleich oder 
\M'ni;; unter dem Durchschnittszins verteilen können. 

I >ic Widerstandskraft der Aktiengesellschaft ist dadurch viel 
ijmßiT. Der Einzelunternehmer wird das Bestreben haben, den 
I »um lisehnittsprofit zu realisieren. Produziert er weniger, so wird 
i'i dm, -inf bedacht sein, sein Kapital zurückzuziehen. Dies Bestreben 



170 



171 






ist bei der Aktiengesellschaft gar nicht in diesem Maße vorhanden, 
wenigstens nicht hei der Leitung, aber auch nicht bei den Besitzern. 
Der Privatunternehmer muß aus dem Erträgnis seinen Leben» • 
unterhalt bestreiten; sinkt sein Profit unter eine gewisse Grcna«, 
so werden ihm die Betriebsmittel ausgehen, da er einen Teil sein«, 
Kapitals zu seinem Unterhalt verbraucht. Er macht Bankrott. 
Anders die Aktiengesellschaft. Sie hat das Bestreben, das Aktion- 
kapital zu verzinsen. Aber die Aktiengesellschaft kann überhaupt 
so lange bestehen, als sie nicht mit Verlust arbeitet. Der Zwang, mit 
Reinertrag zu arbeiten, besteht für sie überhaupt nicht 1 , nämlich 
ein unmittelbar zur Katastrophe führender Zwang, der für den 
Einzelkapitalisten in der Verringerung seines Kapitals durch seinen 
Konsum und dem Unzureichendwerden seines Kapitals exist.ort. 
Dieser Zwang wirkt vielleicht auf den Aktionär und zwingt ihn, 
die Aktie zu verkaufen. Aber dieser Verkauf läßt das fungierend« 
Kapital unberührt. Ist der Reingewinn nicht verschwunden, son- 
dern nur geschmälert, so kann die Aktiengesellschaft auch auf dlo 
Dauer weiterbestehen. Ist der Reingewinn unter den Durchschnitt! • 
satz der Dividende gefallen, so wird der Preis der Aktie fallen. Dlo 
neuen Käufer ebenso wie die alten Besitzer berechnen jetzt das Er- 
trägnis auf ein niedrigeres Kapital. Der Kurswert der Aktie i.t 
gesunken, aber das Unternehmen, das vom Standpunkt des mdu- 
striellen Kapitalisten unrentabel geworden, da es nicht mehr den 
Durchschnittsprofit erzeugt, ist für die neuen Käufer durcliaui 
rentabel und die alten Besitzer würden bei völliger Einstellung nur 
noch mehr verlieren. Aber auch die mit Verlust arbeitende Aktion- 

" r~ Namenüi ch über die Konkurrenz der Aktiengesellschaften hat dl» 
Kommission von 1886 besonder* viele Klagen zu hören bekommen; mM 
Zeunn beuteten, die Hauptursache der niedrigen Warenpreise be.t.llt 
darin daß in vielen Produktionszweigen Aktiengesellschaften eine üb.r- 
mäßige Verbreitung gefunden lüill«. Diese könnten zu arbeiten ^fahr..., 
selbst ohne einen Profit, da im Interesse der Leute, welche die Geschäft« 
leiten (des Vorstandes, des Aufsichtsrates usw.), eine Weiterfuhrung d.f 
Produktion ohne Rücksicht auf ihre Rentabilität hege." Tugan-Baranow.W, 
„Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen m England , 
Jena 1901, S. 162. 



172 






8 füc II schaft ist widerstandsfähiger. Während der Privatunter- 
nehmer in diesem Falle gewöhnlich verloren, der Bankrott 
Unausbleiblich ist, kann die Aktiengesellschaft verhältnismäßig 
Wahl „reorganisiert" werden. Denn ihr macht es die Leichtigkeit 
ili-i Kapitalsbeschaffung eher möglich, die Summen aufzubringen, 
■ I ii- zur Fortführung und Sanierung nötig sind. Die Aktionäre müs- 
rn in der Regel zustimmen. Im Aktienpreis ist ja dieser Stand des 
I 'nlrinehmens ausgedrückt. Sie müssen den tatsächlichen Verlust 
Uni- ;iuch nominell ausdrücken. Das Aktienkapital wird herab - 
Ci'M'lv.l; das heißt, das Erträgnis verteilt sich auf ein geringeres 
Knpitiü, ist diesem alsdann angemessen. Oder wenn kein Erträgnis 
il.i ist, so wird neues Kapital aufgebracht, das, mit dem minderbe- 
\\ i-i Löten alten zusammengenommen, nunmehr genügenden Ertrag 
iiliwiiTt. Nebenbei sei bemerkt, daß diese Sanierungen und Reorga- 
ii r.,it innen für die Banken von doppelter Bedeutung sind: erstens als 
fr wiii abringendes Geschäft und zweitens als eine Gelegenheit, 
<<<>!< 1 1 4- notleidenden Gesellschaften von sich in Abhängigkeit zu 
In Ingen. 

Die Trennung des Kapitaleigentums von seiner Funktion ist auch 
nnl die Führung des Betriebes von Einfluß. Für die Leiter der 
Milirngcsellschaft können bis zu einem gewissen Grade die Inter- 
i mifii des Eigentümers auf Erzielung eines möglichst großen und 
i im hui Profits, der Drang zum Raubbau, der in jeder Kapita - 
liNhnsede schlummert, zurücktreten hinter die rein technischen 
Im Inidcrnisse, die der Betrieb stellt. Sie werden in energischerer 
Am, ;ils es der Privatunternehmer tut, die Ausgestaltung des Be- 
ll nhrs, die Modernisierung veralteter Einrichtungen, auch die 
liihiuiig des Konkurrenzkampfes um Eroberung neuer Gebiete 
Ijni reiben, trotz der Opfer, die die Befriedigung ihrer Forderungen 
ihr Aktionäre kostet. Es wird bei der Verwaltung des fremden 
Kn|iil.'ils ein energischerer, kühnerer und rationellerer, von persön- 
hi hin Hücksichten freierer Zug sich geltend machen, um so mehr, 
hIm lim: solche Politik auch die Zustimmung der großen, herrschen- 
den Alilionäre in der Regel finden wird, die die vorübergehenden 
I ihm hiänkungen ihres Profits leicht ertragen können, während sie 



i ( Mllfoifjing, Das Finanzkapital 



175 



schließlich in erhöhtem Kurs und erhöhtem Profit auch die Frucht.« 
der Opfer einheimsen, die die kleinen Aktionäre, die schon längst 
ihren Besitz veräußert haben, gleichfalls bringen mußten. 

Die Aktiengesellschaft ist darin dem Individualunternehmen 
überlegen, daß bei ihr die rein ökonomischen Bedingungen 
und Bedürfnisse sich durchsetzen auch gegen die Bedingungen 
des individuellen Eigentums, die unter Umständen in Wider- 
spruch zu den technisch-ökonomischen Erfordernissen geraten 

können. 

Die Konzentrationsbewegung des Kapitals wird ständig begleite! 
von der Loslösung von Kapitalteilen, die als neue selbständige 
Kapitale fungieren. „Eine große Bolle spielt dabei unter anderm 
die Teilung des Vermögens in Kapitalistenfamilien . . . Die Akku- 
mulation und die sie begleitende Konzentration sind also nicht nu r 
auf viele Punkte zersplittert, sondern das Wachstum der funk- 
tionierenden Kapitale ist durchkreuzt durch die Bildung neuer und 
die Spaltung alter Kapitale. Stellt sich die Akkumulation daher 
einerseits dar als wachsende Konzentration der Produktionsmittel 
und des Kommandos über Arbeit, so andrerseits als Repulsion vieler 
individueller Kapitale voneinander." 

Mit der Ausdehnung des Aktienwesens löst sich so die ökono- 
mische Entwicklung los von den individuellen Zufälligkeiten der 
Eigentumsbewegung, die in dem Schicksal der Aktien, nicht der 
Aktiengesellschaft, erscheint. Die Konzentration der Unternehmun ■ 
gen kann also rascher erfolgen als die Zentralisation des Eigentum:). 
Beide Bewegungen haben ihre eigenen Gesetze. Doch ist die Kon- 
zentrationstendenz bei beiden vorhanden. Bei der Eigentums- 
bewegung erscheint sie nur zufälliger und weniger zwingend und 
wird auch in der Tat oft durch Zufälligkeiten durchkreuzt. Es ist! 
dieser Schein, der manche veranlaßt, von einer Demokratisierung 
des Eigentums durch die Aktie zu reden. Die Trennung der indu- 
striellen Konzentrationsbewegung von der Eigentumsbewegung ist 
wichtig, weil dadurch die erstere nur mehr den technisch-ökonomi- 
schen Gesetzen zu folgen braucht, unabhängig von der Schranke doi 

»~Marx, „Kapital", I., S. 589 ff. (Neuausgabe S. 658/659. Die Red.) 



174 



Individuellen Eigentums. Diese Konzentration, die nicht zugleich 
I' il'iiiliimskonzentration ist, muß unterschieden werden von der 
Konzentration und Zentralisation , die durch Eigentumsbewegung 
iinil mit ihr zugleich erfolgt. 

I )nrch die Verwandlung des Eigentums in Aktieneigentum wird 
doi Eigentümer zum Eigentümer minderen Rechts. Als Aktien- 
bi Ml/er ist er abhängig von den Entschlüssen aller anderen Aktien- 
I" mI /er; er ist nur ein Glied (wenn auch nicht gerade immer ein 
dienendes) einer Gesamtheit. Mit der Ausdehnung des Aktien- 
vmm'ms wird so das kapitalistische Eigentum immer mehr zu sol- 
chem beschränkten Eigentum, das dem Kapitalisten nur einen 
bloßen Mehrwertstitel gibt, ohne ihm zu erlauben, entscheidend in 
iliu Gang der Produktion einzugreifen. Diese Beschränkung gibt 
iiln i zugleich dem Besitzer der Aktienmajorität die unumschränkte 
1 1' 1 1 schaft über die Minorität, und so wird das Eigentum der größ- 
Imi Zahl der kleinen Kapitalisten immer mehr beschränkt, die un- 
iini \c h rankte Verfügung über die Produktion beseitigt, der Kreis 
d'.'i I 'i oduktionsbeherrscher stets enger; die Kapitalisten bilden eine 
• li tellschaft, in deren Leitung die meisten von ihnen nichts drein- 
■HMilin haben. Die wirkliche Verfügung über das Produktions- 
li i|nl.il steht Leuten zu, die nur einen Teil desselben wirklich bei- 

I r.hiicrt haben. Die Besitzer der Produktionsmittel existieren nicht 
mein- als einzelne, sondern sie bilden eine Gesellschaft, von der der 
i m/eine nur die Forderung auf den aliquoten Teil des Erträg- 
ihv.cs hat. 

4. Die Emissionstätigkeit 

A Is Vermittler des Wechselverkehrs substituieren die Banken 

II i ii k k rcrlit dem kommerziellen Kredit. Als Vermittler der Ver- 

w Ilimg von brachliegendem Geld in Geldkapital führen die Ban- 

I" n den produktiven Kapitalisten neues Kapital zu. In einer dritten 
I iinklion führen die Banken gleichfalls den Produktiven Kapital 

1 Slclio über den Unterschied dieser beiden Begriffe Marx, „Kapital", I., 
'. VH II. (Neuausgabe S. 660/661. Die Red.) 



175 






zu, aber nicht, indem sie es ihnen leihen, sondern indem sie Geld 
kapital in industrielles Kapital und in fiktives Kapital verwandeln 
und diese Umwandlung seihst vornehmen. Einerseits führt die Eni - 
wicklung immer mehr dazu, daß alles Geld in den Banken zu- 
sammenströmt und nur durch ihre Vermittlung in Geldkapital ver- 
wandelt werden kann. Anderseits hört durch die Verwandlung de* 
Bankkapitals in industrielles das Kapital auf, in Geldform zu exi- 
stieren, und hört damit auf, geeigneter Bestandteil des Bankkapital« 
zu sein. Diesen Widerspruch löst die Mobilisierung des Kapitals, 
seine Verwandlung in fiktives Kapital, in kapitalisierte Erträgnis- 
anweisungen. Da gleichzeitig mit dieser Verwandlung sich der 
Markt für diese Anweisungen entwickelt, sie damit jederzeit in 
Geld verwandelbar werden, können sie Bestandteil des Bankkapitals 
selbst werden. Die Bank geht hier kein Kreditverhältnis ein, sie 
realisiert auch keinen Zins. Die Bank stellt nur das zur Verwand- 
lung in industrielles Kapital bestimmte Geldkapital in Fot.ii di 
fiktiven Kapitals dem Markt zur Verfügung. Dort wird das fikth I 
Kapital verkauft, und die Bank realisiert den Grimdergewiim, äex 
aus der Umwandlung des industriellen in fiktives Kapital entspring! 
Der Ausdruck „Emissionskredit" bezeichnet also kein Kretin 
Verhältnis, sondern bedeutet nur das mehr oder weniger begründe!« 
Vertrauen des Publikums, von der Bank nicht beschwindelt zu 

werden. 

Diese Funktion der Bank, die Mobilisierung des Kapitals durch- 
zuführen, entspringt aus ihrer Verfügung über das gesamte Geld 
der Gesellschaft. Zugleich bedingt diese Funktion ein großes eigen« 
Kapital der Bank. Das fiktive Kapital, der Schuldtitel, ist eine War« 
sui generis, die erst durch Verkauf in Geld rückverwandelt wird 
Dazu ist eine gewisse Zirkulationszeit nötig, während der das K npl 
tal der Bank in dieser Ware festliegt. Zudem mag der Verkauf ni; M 
in jedem Zeitpunkt möglich sein, während die Verpflichtungen der 
Bank stets in Geldform zu erfüllen sind. Es muß daher für dien« 
Transaktionen stets der Bank Kapital zur Verfügung stehen, für du» 
sie nicht verpflichtet ist, also eigenes Kapital; zugleich wächst mit 
der Entwicklung der industriellen Unternehmung die Größe der 



176 



I i tti'isalctionen und damit die Notwendigkeit der Vergrößerung des 
llimkkapitals. 

Ja stärker die Bankenmacht, desto vollständiger gelingt die 
Hnliiktion der Dividende auf den Zins, desto vollständiger fällt der 

' nlergewinn der Bank zu. Umgekehrt wird es starken und ge- 

I' .1 igten Unternehmungen gelingen, bei Kapitalserhöhungcn selbst 
i ii ic n Teil des Gründergewinns dem eigenen Unternehmen zu 
' M Iiii n. Es entspinnt sich dann eine Art Kampf um die Verteilung 
fli i ( iriindergewinnes zwischen der Gesellschaft und der Bank und 

■ I imil ein neues Motiv für die Bank, ihre Herrschaft über dasUnter- 
iM lunrn zu sichern. 

IIa versteht sich von selbst, daß Gründergewinn nicht nur ge- 
rn ii hl wird bei Gründungen im eigentlichen Sinne des Wortes, 

ii es völlige Neugründungen oder Umwandlungen bestehender 

l'i n .ilunlcrnehmungenin Aktiengesellschaften. Gründergewinn im 
i.kiimiinisclien Sinne des Wortes kann ebenso bei jeder Kapitals- 
• i linliimg bestehender Aktiengesellschaften erzielt werden, voraus- 
|! m i/l, daß ihr Erträgnis mehr abwirft als bloßen Zins. 

/.hui "Feil ist das, was als Sinken des Zinsfußes imponiert, nur 

■ In 1 l'olge der fortschreitenden Beduktion der Dividende auf Zins, 
VStlnvnd im Gründergewinn immer mehr der gesamte Unter - 
in liini'i gewinn kapitalisiert erscheint, ein Prozeß, der zur Voraus- 
ii i / ii ng hat eine verhältnismäßig hohe Entwicklung der Banken 
I ihrer Verbindung mit der Industrie sowie eine entsprechende 

I I ni u ii Uimg des Marktes des fiktiven Kapitals, der Börse. Wenn 



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,'si' Tendenz zur Vergrößerung des Bankkapitals kann durch gesetz- 

ngi ilTe noch gesteigert werden. So hat die Bestimmung des deutschen 

,'si'Lzcs, daß bei Umwandlung von Privatimtemehmungen in Aktien- 

linrion die Aktien erst ein Jahr nach der Gründung zum Börsenhandel 

m'ii werden, die Folge, daß das Bankkapital ein Jahr hindurch nicht 

uil werden kann, während dieses Jahres also in industrielles ver- 

l bleibt und nicht wieder Geldform annehmen kann. Dadurch wurde 

inliingslätigkeit besonders für große Unternehmungen das Monopol 

i. großen Banken mit hohem Eigenkapital. Zugleich wurde dadurch 

li'iiy. zur Konzentration im Bankwesen gefördert. Diesen Großbanken 

im mich der Gründungsgewinn zu. 



177 









in den siebziger Jahren in den Vereinigten Staaten der Zins für. 
Eisenbahnobligationen 7 Prozent betrug gegen 3V2 Prozent heute 1 , 
so deswegen, weil heute der Teil, der in den 7 Prozent als Unter- 
nehmergewinn steckte, von den Gründern kapitalisiert wird. Dies 
ist auch deswegen wichtig, da es bedeutet, daß der GründergcwiTin 
steigende Tendenz hat, weil der Ertrag für Aktien und Obligationen 
immer mehr auf den bloßen Zins reduziert wird. Dieser steigenden 
Tendenz des Gründergewinnes wirkt entgegen der Fall der Profi I- 
rate, doch darf man annehmen, daß dieser so oft unterbrochene Fall, 
dem so viele den Profit steigernde Gegenwirkungen gegenüber- 
stehen, in seinem schließlichen Ergebnis die steigende Tendenz des 
Gründergewinnes nicht aufheben konnte, dieser also bis in die 
neueste Zeit steigende Richtung hatte, und zwar in den Ländern 
am stärksten, wo die Entwicklung von Bank und Börse am rasche- 
sten vor sich ging und der Einfluß der Banken auf die Industrie 
seine größte Vollendung erfuhr. 

Während der Geldkapitalist durch Verleihen des Kapilals Zins 
erhält, erhält die Aktien emittierende Bank, die in diesem Fall 
nichts ausleiht, auch keinen Zins. Den Zins erhalten vielmehr die 
Besitzer der Aktien als Dividende. Der Bankfließtder Unternehmer- 
gewinn zu; aber nicht als jährliche Revenue, sondern kapitalisiert 
als Gründergewinn. Der Unternehmergewinn ist eine fortlau- 
fende Einnahme, die aber der Bank im Gründergewinn ein für alle- 
mal ausbezahlt ist. Die Bank hat die kapitalistische Verteilung des 
Eigentums als ewig und unabänderlich gesetzt und eskomptiert im 
Gründergewinn diese Ewigkeit. Sie ist damit auch ein für allemal 
abgefunden und hat keinen Anspruch auf Entschädigung für die 
Aufhebung dieser Eigentumsverteilung. Sie hat ihren Lohn bereits 
dahin. 



1 Siehe Edward Sherwood Meade, „Trust Finance", New York 1907, 
S. 245. 



178 



Vlll. Kapitel 



DIE EFFEKTENBÖRSE 



1. Die Börsenpapiere. Die Spekulation 

I )ic Börse ist der Markt für die Effekten. Darunter verstehen wir 
) 1 1 ■ ■ i zunächst ganz allgemein „Wertpapiere", die Geldsummen 
i i|n »sentieren. Sie zerfallen in zwei Hauptgruppen: Geldanweisun- 
P n, die nichts anderes darstellen als Schuldscheine, also Kredit- 
Bapierc, die auf die Geldsumme lauten, auf die sie ausgestellt sind; 
(leren I lauptrepräsentant ist der Wechsel. Die zweite Gruppe wird 
iliiil'cslellt von Papieren, die nicht die Geldsumme, sondern deren 
1* im r-fi fr repräsentieren; sie zerfallen wieder in zwei Unterabteilun- 
I'im, in die festverzinslichen Papiere — Staatsschuldscheine und 
i ilili[;,iiiiincn — und in die Dividendenpapiere, Aktien. In der kapi- 
inlr.lisclien Gesellschaft wird aber, wie wir bereits wissen, jeder 
ir/'clinäliig (jährlich) wiederkehrende Ertrag als Revenue eines 
I'. iipihils aufgefaßt, dessen Größe gleich ist dem zu dem herrschen- 
den Zinsfuß kapitalisierten Ertrag. So repräsentieren diese Wert- 
l'ii j ml i- gleichfalls Geldsummen. Der Unterschied gegenüber der 
li iihiicii Gruppe ist jedoch der: bei den Kreditpapieren ist die Geld- 

fijini las Primäre; Geld oder Wert von gleicher Größe ist wirklich 

* •■ i lirlieu worden und trägt nun Zinsen. Diese Papiere zirkulieren 
ihm eine bestimmte Zeit — sie finden ihr Ende, wenn das Kapital 
«in in kp'/.ahlt wird. Damit ist der Wechsel verfallen. Daß ständig 
VVi'i li.'.rl im Umlauf sind, hindert nicht, daß der einzelne Wechsel 
»tiiinli|; verfällt und damit das ausgeliehene Kapital an den Ausleiher 
im im K fließt. Dieser hält dann die Geldsumme wieder in Händen 



179 



und kann sie von neuem ausleihen. Der Verfall des Wechsels, also 
der ständige Rückfluß des Kapitals zu seinem Eigentümer, ist hier 
die Bedingung der ständigen Erneuerung des Prozesses. 

Anders in der zweiten Gruppe : Hier ist das Geld definitiv weg 
gegeben; bei den Staatspapieren kann es längst unproduktiv ver- 
zehrt sein, also gänzlich verschwunden sein, bei den Industriepapieren 
ist es im Ankauf von konstantem und variablem Kapital aus- 
gegeben, es hat als Kauf mittel gedient, sein Wert ist nun vorhanden 
in denElementen des produktiven Kapitals, dieGeldsumme ist in. den 
Händen der Verkäufer und kehrt nicht mehr zu ihrem Ausgang» 
punkt zurück. Die Aktien können dieses Geld schon deshalb niclil 
mehr repräsentieren, weil dieses Geld in die Hände der Waren - 
Verkäufer (der Verkäufer der Elemente des produktiven Kapitals) 
übergegangen ist, deren Eigentum es damit wurde. Sie repräsen- 
tieren aber auch durchaus nicht das produktive Kapital selbst. Denn 
erstens haben die Aktienbesitzer keinen Anspruch auf irgendeinen 
Teil des produktiven Kapitals, sondern nur auf das Erträgnis, und 
zweitens repräsentiert die Aktie nicht irgendeinen konkreten Ge- 
brauchswert nach Art der Warrants oder Ladescheine, wie es sein 
müßte, wenn die Aktie wirklich einen Anteil an dem produktiv 
fungierenden Kapital darstellte, sondern sie gibt nur Anspruch aul: 
eine Geldsumme. Daß sie das tut, macht ja die „Mobilisierung" du* 
industriellen Kapitals aus. Diese Geldsumme ist aber nichts andenj* 
als der zum jeweiligen Zinsfuß kapitalisierte Ertrag. Hier ist also 
der Ertrag, die jährliche Revenue, der Ausgangspunkt für die Be- 
wertung des Papieres, und erst nach dem Ertrag wird die Geld- 
summe berechnet. 

Die festverzinslichen Papiere nähern sich der ersten Gruppe in- 
sofern, als jederzeit in einem bestimmten Moment einem festen 
Erträgnis eine bestimmte Geldsumme entspricht. Aber sie gehören 
zur zweiten Gruppe, weil das Geld, das sie ursprünglich repräsen- 
tierten, definitiv fortgegeben ist und nicht an den Ausgangspunkt 
zurückzukehren braucht, das Kapital, das sie darstellen, also fiktiv, 
seine Größe nur aus dem Ertrag berechnet ist. Der Unterschied der 
festverzinslichen Paniere von den anderen Ertragspapieren erscheinl 



180 



I , daß, von den zufälligen Bestimmungsgründen abgesehen, 

■ nu ri; in ihren Preisen abhängen von dem Zinsfuß, letztere von 
'I und der jeweiligen Höhe des Ertrages. Der Preis der ersteren 

ml somit verbal Inismäßig nur geringen Schwankungen unter- 
U'i'rn, Schwankungen zudem, die allmählich vor sich gehen mit 
l' n leichter vorauszusehenden allgemeinen Schwankungen des 

in lnlii's. Dagegen ist die Höhe des Ertrages bei der zweiten 
i 'flippe unbestimmt, mannigfachen, nicht immer vorausberechen- 



I i \ mlerungen unterworfen, die starke Preisschwankungen 

il i Papiere bewirken. Diese bilden damit das hauptsächliche 

i ll'iji Kl der Spekulation. 

\ ii'. dem Bisherigen folgt bereits, daß die allgemein übliche Be- 
■ • Ii liiiuiig der Börse als „Kapitalmarkt" ihr Wesen nicht trifft. 

I tu' l\i|iiere der ersten Gruppe sind Schuldscheine. Sie sind ihrer 
iiln i «*icganden Mehrheit nach entstanden aus Akten der Zirku- 
liiiHi, uns Warenübertragung ohne Dazwischenkunft des Geldes, 
il i i Iijci nur als Zahlungsmittel fungiert hat. Sie haben als Kredit- 
M' Itl dsis liare Geld ersetzt. Ihr Handel auf der Börse bedeutet nur 
ili. 1 1 Ihm l ragung der Kreditgewährung von dem einen auf den 
Mini' im I )ie Zirkulation des Kreditgeldes hat aber, wie wir bereits 
i'ii.iii, zur Voraussetzung und zur Ergänzung die Zirkulation 
" ii Mm licn Geldes. Da das Kreditgeld, das hier zirkuliert, nicht nur 
il. n ml. indischen, sondern auch den ausländischen Zahlungsverkehr 

! Hill, so muß der Börse nicht nur das inländische Kreditgeld, 

• l'Tn .in ch das ausländische Kreditgeld und Hartgeld zur Ver- 

lii| c flehen. Als Ergänzung des Kreditgeldverkehrs findet daher 

Hinli (Irr llandel in ausländischer Valuta und der Geldhandel auf 
ili i f Hirse sein Zentrum. Hier strömt das jederzeit verfügbare Geld- 
pCpllnl zusammen, um Anlage zu suchen und sie in den Kredit- 
|iii|>ni in zu finden. In dieser Tätigkeit konkurriert die Börse mit 

il :riil liehen Kreditinstituten, den Banken. Der Unterschied ist 

hIm i unwohl quantitativ als qualitativ. Quantitativ, da hier nicht 
8 h In i den Banken die Sammlung aus den verschiedensten kleinen 
IJin Hm rine Rolle spielt, sondern von vornherein große angesam- 
iiii III Kapitalien nach Anlage suchen. Die Konzentration der 



181 






Gelder, die bei den Banken eine so wichtige Funktion ausmacht, im 
hier schon vollzogen. Qualitativ ist der Unterschied der, daß es sich 
nicht um verschiedene Arten der Kreditgewährung handelt. Hier 
wird nur das Geld zur Verfügung gestellt, das zur Erhaltung der 
Kreditgeldzirkulation nötig ist. Das Geld wird angelegt in großen 
Beträgen, erstklassigen Wechseln. Sowohl bei der Nachfrage «In 
bei dem Angebot handelt es sich um große Summen, Angebot und 
Nachfrage stehen sich konzentriert gegenüber. Hier ist es, wo clor 
Marktpreis des Leihkapitals, der Zinsfuß, sich bildet. Es ist dt» 
reine Zins - befreit von jeder Risikoprämie -, handelt es sich doch 
um die besten Papiere, die in dieser schlechten kapitalistischen Well 
zu haben sind, an deren Güte ein Zweifel weit unmöglicher ist nl» 
ein Zweifel an der Güte des lieben Gottes. Der Zins auf diese fein- 
sten Wechsel - fein natürlich nicht im Sinne des schnöden Ge- 
brauchswerts, auch Primawechsel werden nicht auf Büttenpapier 
geschrieben - scheint unmittelbar aus dem bloßen Eigentum an 
Geldkapital herzurühren. Das Geld scheint gar nicht fortgegeben; 
denn es kann jeden Moment durch die stets mögliche Weiter- 
begebung des Wechsels realisiert werden. Auf alle Fälle wird es nur 
vorübergehend angelegt, stets bereit zu anderer Verfügung. Die 
Sicherheit und die kurze Fälligkeit bedingen die Niedrigkeit (Ich 
Zinses für diese Anlagen, zu denen nur ganz große, oft nur momen- 
tan verfügbare Kapitalien geeignet sind. Es ist der Zins, der den 
Ausgangspunkt bildet für die Berechnung des Zinses für die ande- 
ren Anlagezweige. Seine Höhe bestimmt auch die Wanderungen 
der freien, schwebenden, flottierenden Geldkapitalien von und zu 
den verschiedenen Börsenplätzen. Diese Gelder treten in beständig 
wechselndem Umfang in die Zirkulation des Weltgeldes ein und au». 
Die Börse bildet hier den Markt für den Geldverkehr der großen 
Banken und Großkapitalisten untereinander. Die Wechsel, um dio 
es sich handelt, tragen die Unterschrift eines der ersten Bankhäuser. 
Die Banken des In- und Auslandes oder sonstige Großkapitalien 
legen in diesen Wechseln flüssige Gelder zu zinstragender und ab- 
solut sicherer Verwendung an. Umgekehrt bringen die großen 
Kreditinstitute diese Wechsel an die Börse, um sich die nötigen 



182 






Miiicl /.ii verschaffen, wenn die an sie gestellten Ansprüche ihre 
1 1 1 1 Miliaren Kapitalien überschreiten. 

I lio ( i eidsummen, die dieser Verkehr erfordert, expandieren und 

1 1 1 aliieren sich, aber sie sind immer in einem gewissen Minimal- 

fang vorhanden. Mit ihnen werden die Wechsel gekauft, und die 

i .1 hier kehren zurück, wenn der Wechsel verfällt. Durch diese be- 
ul Inilige Rückkehr des Geldes zu seinem Ausgangspunkt, durch 

i Funktion als bloßer Vermittler des Kreditverkehrs, unter - 

ii IiiiiIi-i sich die Zirkulation des Geldes, das in dieser ersten Gruppe 
den lli nsenpapiere angelegt wird, sofort von der Anlage des Geldes 
in ilei /.weiten Gruppe, zum Beispiel von der Anlage in Aktien. 
II H i wird das Geld definitiv fortgegeben, in produktives Kapital 
v'frvviinilüll und wandert in die Hände der Warenverkäufer. Es 
In In I nicht, wie im ersten Fall, zur Börse zurück. Statt des Geldes 
' ni'l |il/,l die kapitalisierten Zinstitel vorhanden. Hier wird wirklich 
tli in < »Md markt Geld entzogen. 

\ul dem Wechselmarkt konkurriert die Börse mit den Banken. 

I lii- Knl wicklung der letzteren nimmt der Börse einen Teil der 
A'.'i li'il; die Beziehungen zwischen den industriellen Kapitalisten 

I der Itörse als Vermittlerin des Zahlungskredits, die in der Ent- 

Eli liiiiij;s/.eit der Börsen deren wichtigste Funktion war, werden von 
d' ii Hanken zum größten Teil ihr abgenommen. Es bleibt ihr nur 

In Vermittlung zwischen denBanken selbst und derDevisenhandel, 
ili i ilie ausländischen Zahlungen vermittelt und den Wechselkurs 

I I i'iihei -|. Aber auch hier vollzieht sich ein großer Teil des Ver- 
II ■ 1 1 1 ■. direkt durch die Banken, die zu diesem Zwecke ihre aus- 
ii .ii 1 1 ■ >. i ■ 1 1 Filialen unterhalten. Die Entwicklung der Banken wirkt 
iii iln|i|ielter Hinsicht auf die Einschränkung dieses Teiles des 
lliii'n nverkehrs. Zunächst direkt dadurch, daß die Banken ihre stets 
> ii leanden Gelder in immer größerem Maße ohne Vermittlung 

il< i Hm se in Wechseln anlegen. Sodann dadurch, daß durch die Ent- 
S'iililuiig der Banken der Wechselkredit zum Teil durch andere 
H i ' dii I nrmen ersetzt wird. 

' Vei -fliehe die instruktive Schrift von W. Prion, „Das deutsche Wechsel- 
ili-l i;;.-srliäft", Leipzig 1907. 



185 






Der Wechsel ist Kredit, der von einem produktiven Kapitalisten 
(darunter wird jeder Kapitalist, der Profit macht, verstanden, iiInd 
auch der Kaufmann) dem anderen an Zahlungs Statt gegeben wird, 
Der Kapitalist, der ihn empfängt, läßt ihn von der Bank diskon 
tieren, die somit jetzt den Kredit gewährt. Haben beide Kapitalisten 
ein Depot oder einen offenen Bankkredit bei der Bank, so können 
sie statt des Wechsels mit einem Scheck auf die Bank oder durch 
Überschreibung in den Büchern der Bank ihre Zahlung regeln. Der 
Wechsel ist überflüssig geworden. An seine Stelle ist eine TraiiN- 
aktion in den Büchern der Bank getreten, die nach außen im Gegen ■ 
satz zum Wechsel, der weiterbegeben werden kann, gar nicht in 
Erscheinung tritt. Dadurch, daß die Banken in immer größerem 
Maße die Zahlungen ihrer Kunden regeln, findet eine Einschrän- 
kung des Wechselverkehrs statt, von der auch der Börsenmarkl für 
Wechsel betroffen wird. Dazu kommt in Ländern mit Notenbank - 
monopol die beherrschende Stellung der Notenbank auf dem 
Devisenmarkt, eine Stellung, die nicht zugunsten der Börse, sondern 
nur zugunsten der Großbanken erschüttert wird. Eine spezifische« 
Börsentätigkeit findet auf diesem Gebiete des Kreditgeldumsalzes 
nicht statt, mit Ausnahme der Valutaspekulation. Die Börse ist hier 
nur der zusammenfassende Markt für die Geldsummen, die dem 
Kreditgeldverkehr zur Verfügung gestellt werden. 

Das Gebiet der eigentlichen Börsentätigkeit ist der Markt der 
Zinstitel oder des fiktiven Kapitals. Hier findet zunächst die Anlaß« 
des Geldes als Geldkapital statt, das in produktives umgewandelt 
werden soll. Das Geld wird definitiv im Ankauf der Zinstitel fort- 
gegeben und kehrt nicht wieder zurück. Der Börse strömt nur all ■ 
jährlich der erzielte Zins zurück, also anders als bei der Geldanla^o 
für Kreditpapiere, wo das Kapital selbst gleichfalls zurückkehrt . 
Vielmehr ist für den Kauf und Verkauf der Zinstitel weiteres Gold 
nötig, das der Zirkulation an der Börse selbst dient. Diese Geld- 
summen sind im Verhältnis zu den umgesetzten Summen gering, 
Da die Zinstitel Geldanweisungen darstellen, so können sie un- 
mittelbar miteinander kompensiert werden, und es ist stets nur cino 
kleine Bilanz auszugleichen; durch eigene Anstalten zur Abrech - 



184 



;: dieser Differenzen wird dafür gesorgt, daß tatsächlich nur der 

Hiii ng der Bilanz mit Bargeld beglichen werden muß. Absolut ge- 

innen sind aber die für Börsenzwecke erforderlichen Zirkulations- 

miMrl namentlich in Zeiten starker Spekulation bedeutend, da 
I ■ i.nle in erregten Spekulationszeiten die Spekulation meist ein- 

i iiij; gerichtet ist und daher die Bilanz, die auszugleichen bleibt, 

tftrlt anwächst. 

I '■'■ en l steht nun die Frage nach der Art der Börsentätigkeit und 
ilini Ki inktion. Wir haben gesehen, daß die Börsentätigkeit auf 

■ I' in Wechselmarkt mit der Tätigkeit der Banken übereinstimmt. 
I In ir.n ist der Kauf von Wertpapieren zu Anlagezwecken keine 
"I" / ilia he Funktion der Börse. Die Wertpapiere können ebensogut 
hiI iIi.t Bank gekauft werden wie auf der Börse und werden es auch 
in ili i Tnl in immer höherem Maße. Die spezifische Börsentätigkeit 
i i \ lehn ehr die Spekulation. 

I in- Spekulation erscheint zunächst als Kauf und Verkauf. Es ist 
kil.ii i nicht Kauf von Waren, sondern von Zinstiteln. Damit der 
1 1 ii K live Kapitalist seinen Profit realisiert, muß sein Waren- 

I i|niil in Geld verwandelt werden, also seine Ware verkauft sein. 
i i 1 1 1 1 1 1 1 1 ihm die Verkaufsfunktion ein anderer Kapitalist ab, so muß 

ll ler Industrielle einen Teil seines Profites abtreten. Der ganze 

in il'n Ware steckende Profit wird erst beim Verkauf an den Kon- 

i niin definitiv realisiert. Die Ware wird dabei vom Produ- 

ii iii< ii /um Konsumenten bewegt, wobei es natürlich unsinnig ist, 
il ilni .in die örtliche Bewegung zu denken (man denke nur an den 

I I in, ri kauf) und den Handel mit dem Transport zu verwechseln. 
Ili i Kauf und Verkauf handelt es sich nicht um Lokalereignisse, 

■ iniilii ii nm ökonomische Vorgänge, Eigentumsübertragungen. Bei 
illi ii nicht intensiven Vorgängen handelt es sich auch um räum- 
Inlir Veränderung. Aber wer sieht das Wesen des Theaterver- 
|iMii;;riis im Aufsuchen des Theaterraumes? 

I lic Ware fällt schließlich der Konsumtion anheim und ver- 
tu Invnnlel damit vom Markt. Der Zinstitel ist dagegen seiner Natur 
um Ii ewig. Er fällt nie in dem Sinne aus der Zirkulation wie die 
W Selbst wenn er zu Anlagezwecken dem Markt momentan 



185 



entzogen ist, kann er doch jederzeit auf den Markt zurückkehren 
und kehrt tatsächlich nach längerer oder kürzerer Zeit in größerer 
oder geringerer Anzahl dorthin zurück. Für die Spekulation selbst 
ist aber die Entfernung des Zinstitels vom Markte und damit aus 
der Zirkulation weder Zweck noch Wirkung. Das eigentliche Spe- 
kulationspapier ist beständig auf der Börse in Zirkulation. Es ist 
ein Hin- und Herbewegen, ein Kreisen und keine Fortbewegung. 

Der Warenkauf und -verkauf ist ein gesellschaftlich notwendiger 
Vorgang. Durch ihn erfüllt sich in der kapitalistischen Wirtschaft 
die Lebensbedingung der Gesellschaft, er ist eine Conditio sine qi»< 
non dieser Gesellschaft. Die Spekulation ist dies keineswegs in 
gleicher Weise. Sie betrifft nicht das kapitalistische Unternehmen, 
weder den Betrieb noch sein Produkt. Der Besitzwechsel, die stete 
Zirkulation, ist für das einmal gegründete Unternehmen ohne Ein- 
fluß. Die Produktion und ihr Ertrag wird nicht dadurch berührt, 
daß die Anweisungen auf den Ertrag die Hände wechseln; ebenso- 
wenig wird der Wert des Ertrages geändert durch die Preisänderun- 
gen der Aktien. Umgekehrt ist es caet. par. der Wert des Ertrages, 
der diese Prcisändcrungen bestimmt. Der Kauf und Verkauf dieser 
Zinsanweisungen ist also ein rein wirtschaftliches Phänomen, eine 
reine Verschiebung in der privaten Eigcntumsverteihing, ohne jedß 
Einwirkung auf die Produktion oder die Realisierung des ProfiU 
(wie heim Warenverkauf). Die Gewinne oder Verluste der Speku- 
lation entstehen also nur aus den Differenzen der jeweiligen Be- 
wertungen der Zinstitel. Sie sind nicht Profit, nicht Anteil am 
Mehrwert, sondern entspringen nur aus Schwankungen der Be- 
Wertungen des Mehrwerlanlcilcs, der aus dem Unternehmen auf dio 
Aktienbesitzer entfällt, Schwankungen, die, wie wir noch sehen 
werden, durchaus nicht aus Veränderung im wirklich realisierten 
Profit zu entstehen brauchen. Es sind reine Differenzgewinnc 1 . 

« Wohlgemerkt: Wir sprechen liier durchaus nicht von den sogenannt™ 
Differcnzgeschäiten, wobei die talsäcl.luhe Lieferung der Effekten niclil 
erfolgt und die Spekulation durch Zahlung der Kursdifferenz obgeschlo^-,, 
wird. Vielmehr ist jeder Spekulationsgewinn Differenzgewinn in ökonowd 
scliem Sinne. Die Technik des zugrunde liegenden Börsenges.-hiilea ist dafül 



186 



W.ihrend die Kapitalistenklasse als solche sich einen Teil der Arbeit 
fl(iS Proletariats ohne Äquivalent aneignet und so ihren Profit erzielt, 
|.',i'w innen die Spekulanten nur voneinander. Der Verlust des einen 
[fl der Gewinn des anderen. Les affaires, c'est l'argent des autres. 

1 )ie Spekulation besteht in der Ausnützung der Preisänderung. 
A her nicht in der Ausnützung der Preisänderung der Waren. Dem 
'<|H'luilanten ist es im Gegensatz zum produktiven Kapitalisten 
gleichgültig, ob die Preise sinken oder steigen. Ihm handelt es sich 
ni<lil um Warenpreise. Diese kommen für ihn nicht in Betracht, 
Mindern nur die Preise seiner Zinstitel. Diese hängen aber ab von 
dir ( iröße des Profits, einer Größe, die steigen oder fallen kann, bei 
l'lciclibleibenden, sinkenden oder steigenden Preisen. Denn für den 
I 'i nlil entscheidend ist nicht die absolute Preishöhe der produzierten 
W.iic, sondern das Verhältnis ihres Kost- zu ihrem Verkaufspreis. 
\ln-i' es ist dem Spekulanten auch nicht wesentlich, ob der Profit 
1 loigt oder ob er fällt; es kommt ihm nur auf die Veränderung an 
und darauf, diese vorauszusehen. Sein Interesse ist durchaus ein 
iiimIitcs als das des produktiven Kapitalisten sowohl, als auch des 
i fölilkupitalisten, der einen möglichst stabilen, sich womöglich stets 
ii Nullenden Ertrag wünscht. Die Warenpreiserhöhungen haben nur 
dorm Einfluß auf die Spekulation, wenn sie Index eines erhöhten 
l'inlils sind. Es sind die Veränderungen im Profit, die vorausgehen 

skcn, respektive erwartet werden, die die Spekulation bestimmen. 

I )n- l'rofit aber, der da produziert wurde, wird verteilt ohne Rück- 
imi lil auf die Spekulation. Der Profit verteilt sich ja auf die Eigen- 
liinici- des produktiven Kapitals oder auf die Eigentümer der Profit - 
lihl Der Spekulant aber als solcher zieht seinen Gewinn durchaus 
nulil ,'ius dem erhöhten Profit; er kann ebenso gewinnen durch 

ii hall des Profits; er rechnet überhaupt nicht auf die Profit- 

i'i linliiing, sondern nur auf die Preisveränderungen der Profittitel 
liilcilj'C der Profitsteigerung oder -Senkung. Er behält nicht die 

i'Ih'M'hi gleichgültig wie der Umstand, daß den Kapitalisten und zum Teil 
um Ii den Ökonomen aller kapitalistische Gewinn als Differenz erscheint, 
gmi/ «li'ich, ob es sich um industriellen oder kommerziellen Profit, Grund- 
iiTnii', '/ins oder Spekulationsgewinn handelt. 



187 






Profittitel in der Hoffnung, erhöhte Profite einzustecken - das .,, 
der Anlagekapitalist -, sondern er sucht zu gewinnen durch Knui 
und Verkauf seiner Profittitel. Sein Gewinn Desteht aber nicht in 
irgendeiner Anteilnahme am Profit - er gewinnt ja eventuell auch 
bei fallendem Profit -, sondern an der Preisveränderung daran , d, ß 
er in einem gegebenen Zeitpunkt billiger kaufen kann, als er früh« . 
verkauft, o/e/teurer verkaufen, als er früher gekauft hat. Wurf« 
alleTeilnehmer der Spekulation in gleicher Richtung handeln, wu, - 
den also alle gleichzeitig die Profittitel höher oder niedriger be- 
werten 1 , so könnten überhaupt keine Spekulationsgewinne ent- 
stehen. Sie entstehen nur dadurch, daß entgegengesetzte Bewertun- 
gen sich bilden, von denen nur eine sich als richtig herausste e 
kann. Die Differenz, die zwischen den Bewertungen der Profit Ut 
zu einem gegebenen Zeitpunkt zwischen Käufern und Verkaufern 

verlust des andern. Der Gewinn des einen ist hier der ^Verlust s 
Widern ganz im Gegensatz zum Profit des produktiven Kapitalisten, 
^Profit derlapitalistenklasse ist kein Verlust der Arbeiter- 
klasse, die unter normalen kapitalistischen Verhaltnissen nicht meh, 
als den Wert ihrer Arbeitskraft zu erhalten hat. 

Esld nun die Momente zu untersuchen, die die Spekula^ 
bei ihren Operationen berücksichtigt. Das Hauptob.ekt der Speku- 
lation sind die nicht festverzinslichen Papiere. Hier hangen die 
Preisveränderungen im wesentlichen von zwei Fak oren ab ^ Von 
der Höhe des Profits und von der Höhe d« -Zinsfußes . Der P h 
ist zwar im allgemeinen theoretisch gegeben durch die Durch 
cLittsprofitrate Aber diese ist nur der Ausdruck einer unzahligen 
Reihe von Einzelprofiten, deren Höhe von dem ^« 
niveau durchaus abweichen kann. Die Höhe des ^viduellen 
Profits ist aber für den Außenstehenden völlig unerkennbar. Neben 
"T^ d nicht nur in gleich« Richtung, sonder, auch in gleicher Zeit «ml 
R ,e,chem Grade. Denn W^^wh.n — ** «* ^Z * 
7nvllr ^n einen, höheren Preise io em«» saueren Zeitpunkt k«rft, .« 
TmZ anderer verkauft, oder weun einer einen höheren Preis <pbt ab « 
zweiter, der zu diesem Preise schon verkauft. 



188 



'lin ,i]lgemeinen Bestimmgründen der Profitrate: Größe des Mehr- 
wrris und Größe des vorgeschossenen Kapitals, spielen hier alle 
/u Billigkeiten der Variationen der Marktpreise, der Ausnützung 
der Konjunktur durch individuelles Geschick der Unternehmer eine 
entscheidende Rolle. Nach außen tritt nur der Marktpreis der Ware 
in Krscheinung; das entscheidende Moment, das Verhältnis des 
Marktpreises zum Kostpreis, bleibt nach außen unerkennbar, ist 
i > M den Unternehmern selbst erst am Schluß einer Umschlagsepoche 
nicli genauer Berechnung bekannt. Abgesehen von der wirklichen 
< iniße des Profits, spielen eine Reihe von mehr oder weniger will- 
liiu lieben Momenten eine Rolle, die auf den Ertrag einwirken, der 
wirklich zur Verteilung auf die Zinstitel gelangt: Höhe der Ab- 
i lncibungen, der Tantiemen, Bemessung der Reserven usw. Die 
li l /.leren Momente geben zugleich der Leitung des Unternehmens 
du- Macht, die Höhe des Ertrages bis zu einem gewissen Umfang 
*\ illkiirlich festsetzen zu können und so die Kurse zu beeinflussen. 
A ber jedenfalls ist der eine Faktor der Preisbestimmung und der in 
l'i.ivi entscheidende für die Masse der Spekulanten durchaus un- 
liricclienbar. Bei den geringfügigen Preisdifferenzen, um die es 
mi li manchmal handelt, und bei der Größe des Ausschlages, den 
• 'ine Veränderung des Profits durch seine Kapitalisierung im Kurse 
In- wirkt, ist mit einer allgemeinen, mehr oder weniger oberfläch - 
Inlicu Kenntnis des Unternehmens noch sehr wenig getan. Um- 
i:< kehrt gibt die intime Kenntnis den Eingeweihten eine große 
,'.ii lii'iheit und die Befähigung, ihre Kenntnis fast risikolos zu 
'>l>r1uilalionsgewinnen auszunützen. 

Anders steht es mit dem zweiten Preisbestimmungsgrund, dem 
/■insliiß. Wir haben gesehen, daß zur Betätigungsmöglichkeit der 
'•|n kulation eine Divergenz der Meinungen über die voraussicht- 
ln ho Kursgestaltung bestehen muß, wie sie sich etwa aus der Un- 
gavvißheit über den künftigen Profit ergibt. Der Zinsfuß ist da- 
i;i'i;c-n iihnlich wie der Marktpreis der Ware in jedem gegebenen 
Moment eine gegebene Größe, also allen Spekulanten gleich be- 
ll iumt Aber auch seine Veränderung läßt sich in ihrer Richtung 
w <• 1 1 1 (> s l imis mit annähernder Wahrscheinlichkeit vorausbestimmen, 



li Itllli'iiling, Das Finanzkapital 



189 












abgesehen von plötzlichen, mehr oder weniger starken Perturbatw- 
nen wie sie außerordentliche, direkt auf de« Geldbedarf em- 
wirkende Ereignisse, Kriegs- oder Revolutionsau.bruch, kosmisch. 
Katastrophen, mit sich bringen. Zudem tritt die Intensität der Wir- 
kung von Zinsfußveränderungen auf die Kurse zurück; niedriger 
Zinsfuß herrscht gewöhnlich in Zeiten der Depression, wo die 
Spekulation matt, das Vertrauen gering ist und das Kursniveau der 
Industriepapiere trotz des niedrigen Zinsfußes tief steht. Umgekehrt 
wird zur Zeit der Hochkonjunktur und der entfesselten Spekulation 
der hohe Zinsfuß durch die Erwartung gesteigerter Kursgewinne 
überwunden. Ist somit der Zinsfuß und seine Gestaltung ein siche- 
reres Moment als dieVorausberechnung des Profits, so ist es imWesen 
die Gestaltung des letzteren, die die Richtung der Spekulation an- 
gibt und ihre Intensität bestimmt. Es ist also gerade das unsichere, 
unberechenbare Moment, das die Spekulanten in Rechnung ziehen 
sollen Mit anderen Worten: irgendeine sichere Voraussicht ist der 
Spekulation unmöglich, sie tappt bei ihren Operationen im Dunkeln. 
Die Börsenspekulation hat den Charakter von Spiel und Wette. 
Aber diese Wette wird zur Wette a coup sur für die Eingeweihten. 
Wie bei allen Preisen kann man auch bei den Kursen neben den 
eigentlichen Bestimmgründen des Preises jene gelegentlichen 
unterscheiden, die im veränderten Verhältnis von Nachfrage und 
Angebot zum Ausdruck kommen. Für die Spekulation, der es nur 
auf die Preisänderung und nicht auf deren Gründe ankommt, sind 
diese natürlich gleichgültig. Anderseits liegt es im Wesen der 
Spekulation, mit ihren stets wechselnden Stimmungen und Erwar- 
tungen - ein Wechsel, der aus ihrer Unsicherheit notwendig sich 
ergibt - selbst ein stets wechselndes Verhältnis von Angebot und 
Nachfrage zu schaffen, das wieder preisändernd wirkt; jede Preis- 
änderung aber ist auf diesem Gebiet wieder der Anstoß für neue 
Spekulationen, neue Engagements und Positionsänderungen, mit 
neuem Wechsel für Nachfrage und Angebot. So schafft die Speku- 
lation in den Papieren, deren sie sich bemächtigt, einen stets auf- 
nahmebereiten Markt, gibt so die Möglichkeit für andere kapita- 
listische Kreise, ihr fiktives Kapital in wirkliches zu verwandeln, 



190 



schafft also den Markt für den Umsatz des fiktiven Kapitals und 
damit die Möglichkeit des steten Wechsels der Anlagen im fiktiven 
Kapital und seiner steten Rückverwandlung in Geldkapital. 

Die Unsicherheit der Spekulation schafft aber auch ein anderes 
Phänomen, die Möglichkeit der Beeinflussung der Spekulations- 
richtung, des „Mitnehmens" der kleinen Spekulanten durch die 
großen. Da der Spekulant nichts weiß (oft im allgemeinen, aber 
jedenfalls nichts im besonderen) , so folgt er äußeren Anzeichen, 
der Stimmung, der allgemeinen Strömung des Marktes. Diese Stim- 
mung kann aber erzeugt werden und wird in der Tat erzeugt von 
den großen Spekulanten, die zudem mit mehr oder minderem Recht 
als eingeweiht gelten. Ihre Spekulationen werden von den Kleinen 
nachgemacht. Sie befestigen durch umfangreiche Käufe den Markt 
und erhöhen das Kursniveau, indem ihre gesteigerte Nachfrage die 
Preise hinauftreibt. Ist die Bewegung im Gange, so steigert sich die 
Nachfrage durch die Käufe aller jener, welche in ihrem Gefolge zu 
spekulieren glauben, und die Preise erhöhen sich weiter, obwohl die 
Beteiligung der Großen bereits aufgehört hat. Diese können jetzt 

1 Dafür nur ein schlagendes Beispiel: „Dieser Tage tauchte die Meldung 
auf, der Phönix habe einen recht bedeutenden Auftrag auf Stahlröhren für 
amerikanische Rechnung erhalten; genannt wurde ein Wert von mehreren 
Millionen Mark. Leichten Herzens schenkte die Börse der Meldung Glauben 
und setzte die Kurse unserer heimischen Montanpapiere, vor allem aber 
Phönixaktien in die Höhe. Wußte sie doch, daß es in den Vereinigten Staaten 
zur Zeit nicht unwesentlich hesser aussieht als vor Monaten . . . Aber draußen 
im Lande, in den Industrierevieren, da wird man sich wohl eins ins Fäustchen 
über jene abenteuerliche Meldung gelacht hahen, die an der Berliner Börse 
eine so gute Stimmung auslöste, und besonders wohl im Direktorium des 
Phönix. Wird da einem Unternehmen ein Auftrag, ja ein Millionenauftrag 
und obendrein noch für amerikanische Rechnung angedichtet, das überhaupt 
keine Tonne Stahlröhren produziert, ja nicht einmal eine Beteiligungsziffer 
für Röhren im deutschen Stahlwerksverband besitzt. Also ein plumper 
Schwindel." „Berliner Tageblatt" vom 15. Juli 1909. 

Wenn also Herr Amhold (Deutsche Börsenenquete, Teil I, S. 444) von 
spekulativer Denktätigkeit spricht, so ist das mehr eine Spekulation auf die 
Denkuntätigkeit der Zuhörer. Übrigens muß er selbst das Zufällige und die 
Regellosigkeit der Spekulation für die Masse der Kleinen und der Mitläufer 
aus dem Publikum zugeben. 



191 



je nach ihrem Zweck ihren Gewinn allmählich realisieren oder das 
erhöhte Kursniveau mehr oder minder lang Behaupten. Hier er- 
zeugt die Verfügung über das größere Kapital unmittelbar die 
Überlegenheit auf dem Markt, da die Marktrichtung selbst durch 
die Anwendungsart dieses Kapitals bestimmt wird. Während auf 
dem Gebiet der Produktion der Vorteil des größeren Kapitals in 
der billigeren Produktion, also in der Senkung des Preises besteht, 
wird hier die Preisäuderung direkt durch die Einwirkung des Kapi- 
tals hervorgerufen. Diesen Umstand können die Großhändler in 
Effekten, die Banken, benützen, um die Spekulation in eine be- 
stimmte Richtung zu drängen. Sie geben ihrer zahlreicher l Klientel 
Winke für Kauf und Verkauf bestimmter Wertpapiere und erzielen 
somit gewöhnlich eine ihnen im voraus bekannte Verschiebung des 
Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, was für sie, wie ein ]cdes 
Vorauswissen der Spekulationsrichtung, gewinnbringend ist Zu- 
gleich aber zeigt sich die Wichtigkeit dieser Mitgeher, der Außen- 
seiter oder des Publikums. Für die berufsmäßige Spekulation mögen 
sich Gewinne und Verluste gegenseitig aufheben; das große Publi- 
kum aber, das nur der Richtung folgt, die die großen Spekulanten 
anzeigen, und in dieser Richtung verharrt, wenn sich jene bereits 
mit ihrem realisierten Gewinn zurückgezogen haben, djese Naiven, 
die glauben, daß für sie jetzt der Moment gekommen sei, um teil- 
zunehmen an den Früchten der Hochkonjunktur, sie sind es, die 
die Verluste zu tragen haben und bei jedem Umschlag der Konjunk- 
tur oder auch nur bei jedem Umschlag der Börsenstimmung die 
Differenzen zahlen müssen, deren Einsackung die „produktive 
Tätigkeit" der Spekulation ausmacht. 

Aber daß die Spekulation unproduktiv ist, daß sie den Charakter 
von Spiel und Wette trägt und in der Volksmeinung ganz richtig so 
eingeschätzt wird, dies alles sagt nichts gegen die Notwendigkeit 
der Spekulation auf Basis der kapitalistischen Gesellschaft oder zum 
mindesten in einer bestimmten Epoche der kapitalistischen Ent- 
wicklung. Es ist überhaupt ein apologetischer Kniff, alles, was in 
der kapitalistischen Gesellschaft notwendig ist, als produktiv aus- 
zugeben; vielmehr schließt die kapitalistische Produktion infolge 



192 



ihrer Anarchie, infolge des Antagonismus zwischen den Eigen- 
tümern der Produktionsmittel und ihren Anwendern, in der Art 
ihrer Distribution von vornherein eine große Summe von Ausgaben 
und Aufwendungen ein, die keine Erhöhung des Reichtums be- 
deuten, in einer organisierten Gesellschaft in Wegfall kommen und 
in diesem Sinne unproduktiv 1 sind. Ihre Notwendigkeit in der 
kapitalistischen Gesellschaft zeugt nicht für ihre Produktivität, 
sondern nur gegen die Organisation dieser Gesellschaft. 

Die Spekulation ist aber notwendig für die Erfüllung der Funk- 
tionen der Börse, die nun näher zu betrachten sind. 



2. Die Funktionen der Börse 

Die Funktion der Börse ändert sich im Laufe der wirtschaftlichen 
ftntwicklung. In ihren Anfängen diente die Börse dem Umsatz von 
Geldsorten und Wechseln. Dazu war nur nötig die Ansammlung 
freier Geldkapitalien, die in diesen Wechseln angelegt werden. 
Später wird sie zum Markt des fiktiven Kapitals. Dieses entwickelt 
sich zuerst mit der Entwicklung des Staatskredits. Die Börse wird 
mm Markt der Staatsanleihen. Aber umwälzend wirkt erst die 
Verwandlung von industriellem Kapital in fiktives Kapital, also das 
immer stärkere Eindringen der Aktiengesellschaft in die Industrie. 
Kinerseits dehnt sich damit das der Börse zur Verfügung stehende 
Material rasch und unbegrenzt aus, anderseits ist das Vorhanden- 
sein der Börse als stets aufnahmebereiter Markt die Voraussetzung 
dir die Verwandlung von industriellem in fiktives Kapital und der 
Reduktion der Dividende auf Zins. 

Mit der Entstehung dieses Marktes des fiktiven Kapitals ist die 
Möglichkeit der Spekulation gegeben. Anderseits ist die Spekulation 
nötig, um diesen Markt stets aufnahmebereit zu machen und da- 
durch erst dem Geldkapital als Geldkapital die Möglichkeit zu 
j;nben, sich stets in fiktives Kapital und aus fiktivem Kapital wieder 

1 Über den Begriff der produktiven Arbeit im engeren Sinne siehe Marx, 
„Theorien über den Mehrwert", I. Bd., S. 407 ff. 



195 



in Geldkapital zu verwandeln. Denn dadurch, daß durch Kaufen 
und Verkaufen Differenzgewinne gemacht werden können, ist der 
fortwährende Anreiz zum Kaufen und Verkaufen gegeben, ist also 
das beständige Dasein eines aufnahmebereiten Marktes verbürgt. 
Es ist die wesentliche Funktion der Börse, diesen Markt für die 
Anlage des Geldkapitals herzustellen. Denn dadurch wird die An- 
lagemöglichkeit des Kapitals als Geldkapital erst in weitem Umfang 
gegeben. Denn damit Kapital als Geldkapital fungieren kann, muß 
es erstens eine ständige Revenue — Zins — abwerfen, zweitens muß 
die Hauptsumme selbst zurückfließen oder, falls sie nicht tatsäch- 
lich zurückfließt, doch jederzeit gegen Verkauf der Zinsforderung 
zurückfließbar gemacht werden können. Die Börse erst hat die 
Mobilisierung des Kapitals möglich gemacht. Diese Mobilisierung 
ist juristisch nichts anderes als eine Umwandlung und zugleich 
eine Verdoppelung des Eigentumsrechts. 1 Das Eigentum an den 
wirklichen Produktionsmitteln geht über von den Einzelpersonen 
an eine juristische Gesellschaft, die zwar aus der Gesamtheit dieser 
Einzelpersonen besteht, in der aber die Einzelperson als solche 
durchaus nicht mehr das Eigentumsrecht an deren Vermögen hat. 
Die Einzelperson hat vielmehr nur einen Anspruch auf den Ertrag; 
ihr Eigentum, das einst tatsächliche, unumschränkte Verfügung 
über die Produktionsmittel und damit die Leitung der Produktion 
bedeutete, ist jetzt in einen bloßen Ertragstitel umgewandelt und 
ihr die Verfügung über die Produktion genommen. Ökonomisch 
aber besteht die Mobilisierung in der Möglichkeit für den Kapita- 
listen, sein angelegtes Kapital jederzeit in der Form von Geld zu- 
rückziehen und auf andere Sphären übertragen zu können. Je höher 
die organische Zusammensetzung des Kapitals wurde, desto weniger 
konnte dieser Wechsel sich durch tatsächliche Veränderungen der 
Anlage des produktiven Kapitals in seinen stofflichen Elementen 
vollziehen. Die Tendenz zur Ausgleichung der Profitrate findet in 
stets höherem Maße Widerstand an der steigenden Unmöglich- 
keit, das produktive Kapital, dessen Hauptbestandteil vom fixen 

1 Nach der Terminologie Karners liegt Funktionswandel eines Rechts- 
instituts ohne gleichzeitigen Normwandel vor.(Siehe „Marxstudien", I.,S. 81.) 



194 



Kapital gebildet wird, aus einem Produktionszweig zurückzuziehen. 
Die tatsächliche Bewegung der Ausgleichung vollzieht sich nur 
langsam, allmählich und annähernd, hauptsächlich durch die An- 
lage des neu zu akkumulierenden Mehrwerts in den Anlagesphären 
mit höherer Profitrate und der Unterlassung von Neuanlagen in 
solchen mit niedrigerer Rate. Umgekehrt ist die Zinsrate im Gegen- 
satz zur Profitrate in jedem gegebenen Moment gleich und all- 
gemein. Die Gleichheit alles Kapitals — und diese besteht für den 
individuellen Kapitalisten nicht in der Gleichheit der Wertsumme, 
sondern in der Gleichheit des Ertrages gleich großer Werte — findet 
ihren adäquaten Ausdruck erst in der Allgemeinheit und Gleich- 
heit der Zinsrate. Die Gleichgültigkeit des Kapitalisten gegen den 
Gebrauchswert, gegen die jeweilige konkrete Anlagesphäre seines 
Kapitals, die Tatsache, daß das Kapital nichts ist als Mehrwert 
heckender Wert, nur in diesem Quantitätsverhältnis in Betracht 
kommt, nur Profittitel ist, führt bei tatsächlicher Verschiedenheit 
des Ertrages (Profits) zu einer verschiedenen Bewertung der glei- 
chen Kapitalwerte. Von zwei Kapitalien vom Wert 100, von denen 
das eine 10, das andere 5 Profit abwirft, wird das erste doppelt so 
hoch bewertet als das zweite. Die Verschiedenheit des Profits, den 
das individuelle Kapital abwirft, führt einerseits durch das Streben 
des individuellen Kapitalisten nach möglichst hohem Profit für 
sein Kapital zur Konkurrenz der Kapitalien um die Anlagesphären 
und damit zur Tendenz der Ausgleichung der Profitraten (und vor- 
her der Mehrwertraten) und zur Herstellung der allgemeinen 
Durchschnittsprofitrate, und anderseits, da diese Ungleichheit der 
individuellen Profitraten ständig sich neu erzeugt und ständig die 
Bewegung der Kapitalien hervorruft, wird diese Ungleichheit stän- 
dig für den individuellen Kapitalisten überwunden durch die Be- 
wertung seines Kapitals nach dem zum Zinsfuß kapitalisierten 
Ertrag. Damit diese Bewertung praktisch wird, die Kapitalisten qua 
Kapitalisten wirklich gleich sind, die Gleichheit alles dessen, was 
Profit trägt, endlich verwirklicht werde, muß dieses Kapital auch 
jederzeit nach diesem Bewertungsmaßstab realisiert werden können, 
und zwar realisiert werden in der gesellschaftlich gültigen Form — 



195 



als Geld. Erst dann ist die Gleichheit der Profitrate für jeden indivi- 
duellen Kapitalisten verwirklicht. Diese Verwirklichung ist zugleich 
die Umkehrung des tatsächlichen Verhältnisses. Das Kapital erscheint 
nicht mehr als hestimmte Größe und diese als entscheidend ühcr di« 
Größe des Profits. Vielmehr erscheint der Profit als bestimmte 
Größe fixiert und danach die Größe des Kapitals bestimmt; eine IJe- 
stimmung, die bei der Gründung der Aktiengesellschaft praktisch 
wird, die Erzielung des Gründungsgewinnes ermöglicht und dessen 
Höhe bestimmt. Die wirklichen Verhältnisse erscheinen auf den Kopf 
gestellt. Was Wunder, daß jenen Ökonomen, die die ökonomischen 
Verhältnisse mit Börseaneraugen ansehen, umgekehrt die Dar- 
stellung der wirklichen Verhältnisse als Verkehrtheit erscheintl 

Die Gleichheit alles Kapitals realisiert sich so in seiner Bewertung 
nach seinem Ertrag. Realisiert aber und damit wirklich werden 
diese so bewerteten Kapitalien eben auf der Börse, dem Markte der 
kapitalisierten Zinstitel, des fiktiven Kapitals. Treibt so die inncro 
Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus, sein Bedürfnis, alle in der Ge- 
sellschaft vorhandenen Werte als Kapital in den Dienst der Kapitn- 
listenklasse zu stellen und für jeden Kapitalsteil den gleichen Ertrag 
zu erhalten, zur Mobilisierung des Kapitals und damit zu seiner 
Bewertung als bloßes zinstragendes Kapital, so erfüllt die Börse 
die Funktion, diese Mobilisierung zu ermöglichen, indem sie den 
Ort für die Übertragung und den Mechanismus derselben schafft. 

Die Mobilisierung des Kapitals verwandelt in steigendem Maße 
das kapitalistische Eigentum in Ertragsanweisungen und macht 
dadurch den kapitalistischen Produktionsprozeß in wachsendem 
Umfang unabhängig von der Bewegung des kapitalistischen Eigen- 
tums. Denn der Handel mit diesen Ertragstiteln, der auf der Börse 
vor sich geht, bedeutet eine Eigentumsbewegung. Diese Eigentums- 
übertragung kann aber jetzt unabhängig von der Bewegung der 
Produktion und ohne Einfluß auf diese vor sich gehen. Die Eigen- 
tumsbewegung ist jetzt verselbständigt und wird nicht mehr durch 
Produktionsvorgänge bestimmt. Während früher Eigentums - 
bewegung zugleich Übertragung der kapitalistischen Unternehmer- 
funktion bedeutete und anderseits Wechsel der Unternehmerfunk- 



196 



Wechsel dos Eigentums bedingte, ist das jetzt nicht mehr der 

I "II Und während früher der Hauptgrund zur Änderung der 
1 T 1 ' 1 nsverleilung geänderte Produktionsergebnisse waren, die 

I >i" nt Minsverteilung ein Produkt der industriellen Konkurrenz, 
ii'i'ii z,u diesen fortwirkenden Ursachen andere, die aus dem 
M«i li.mismus der Zirkulation der Zinstitel fließen und Eigentums- 
I" woßungen hervorrufen können, die ohne jeden Einfluß auf die 
l'ii'ilnklion bleiben, wie sie ohne Änderung in den Produktions- 

I I ili.illnissen entstanden sind. 

In ritt Warenzirkulation gehen Güterübertragung und Eigen- 

1 nlierlragung Hand in Hand. In der einfachen Warenproduk- 

"•scheint die Güterübertragung als das Wesentliche, als der 

\ nii ich des Prozesses der Eigentumsübertragung, diese nur als das 
Ml Hol, jene zu vollziehen. Denn bestimmendes Motiv der Produk- 
ten ist noch der Gebrauchswert, die Bedarfsdeckung. In der kapita- 

'"' Il( ' 11 Warenzirkulation bedeutet die Güterzirkulation zudem 

'in I Ionisierung des Profits, der in der Produktion entstanden ist und 
'Ion Ti ieb des ökonomischen Handelns bildet. Innerhalb der kapita- 
liülii» hon Gesellschaft bedeutet zugleich die Übertragung der Ware 
\i li.il sluaft auf den Kapitalisten Vermehrung des kapitalistischen 
l'i|"ni,i,iis durch Mehrwerterzeugung. Bei der Zirkulation der 
I ll'lihn aber handelt es sich um Eigentumsübertragung, Zirku- 
I 'iM'ii hlnßer Eigentumstitel ohne gleichzeitige Güterübertragung. 
I »io Kiventumsbewegung findet hier statt ohne gleichzeitige Güter - 
I" 'Mf:"ng. Hier hat das kapitalistische Eigentum jeden unmittel- 

1 '" /'iisammenhang mit dem Gebrauchswert verloren. Der Markt 

liii iliese 7Arkulation des Eigentums an sich ist die Börse. 

I >i<- Mobilisierung selbst, die Schaffung des fiktiven Kapitals, 
151 im miil für sich bereits eine wichtige Ursache der Entstehung 
l"i|iii,ilislischen Eigentums außerhalb des Produktionsprozesses. 
I iiM.iml früher kapitalistisches Eigentum wesentlich durch Akku- 

h'l'mn von Profit, so gibt jetzt die Schaffung des fiktiven Kapitals 

>!l" Möglichkeit des Gründungsgewinnes. Damit wird der Profit zu 
■■in' 'Mi Kroßen Teil in die Hände der konzentrierten Geldmächte 
I" leitet, ilie allein imstande sind, dem industriellen Kapital die 



197 






Form von fiktivem Kapital zu verleihen. Dieser Profit fließt ihnen 
aber nicht, wie die Dividende der Aktionäre, als jährliche, zer- 
splitterte Revenue zu, sondern kapitalisiert als Griindungsgcwinn, 
als eine relativ und absolut betrachtet große Summe, die in Geld- 
form sofort als neues Kapital fungieren kann. Ein jedes neue Unter- 
nehmen zahlt so von vornherein einen Tribut an seine Gründer, 
die nichts dafür getan haben und nie etwas mit ihm zu tun haben 
brauchen. Es ist ein Vorgang, der in der Hand der großen Geld- 
mächte aufs neue große Geldsummen konzentriert. 

Und ein Konzentrationsprozeß des Eigentums, unabhängig von 
dem Konzentrationsprozeß in der Industrie, geht auch an der Börso 
vor sich. Es sind die großen Kapitalisten, die die Kenntnis besitzen 
von den Vorgängen in den Aktiengesellschaften, die die Gestaltung 
der Geschäftsergebnisse übersehen und daher die Richtung der 
Kursentwicklung vorauswissen können. Ihnen erlaubt es auch ihro 
große Kapitalsmacht, durch entsprechende Käufe und Verkäufe dio 
Kursgestaltung selbst zu beeinflussen und daraus den entsprechen- 
den Gewinn zu ziehen. Ferner gestattet ihnen ihre Kapitalsmacht 
die Interventionen, wofür sie sich noch so preisen lassen, die Auf- 
nahme der Papiere zu Zeiten einer Krisis oder einer Panik, die sie 
dann, sobald normale Verhältnisse wieder eingetreten sind, mit Ge- 
winn verkaufen können. 1 Kurz, sie sind es, die Bescheid wissen, und 



1 Vielleicht das bedeutendste Beispiel aus neuester Zeit ist die Aufnahme 
der Tennessee Steel & Goal Company während der Panik im Herbst 1.007 
durch den Stahltrust, dessen bedeutendste Konkurrentin diese Kompanie 
war. Im „Berliner Tageblatt" vom 17. November 1907 schreibt darüber einn 
entrüstete Feder: „Von gut informierter Seite wird jetzt bestätigt, daß din 
beiden vor einigen Tagen nach Washington gesandten Vertreter J. Pierpont 
Morgans - E. H. Gary (Steel Trust) und H. C. Frick — dem Präsidenten 
Boosevelt folgendes Ultimatum stellten: entweder die Aufsaugung der 
Tennessee Steel & Coal Company durch den Morganschen Trust ruhiß 
gewähren zu lassen und zu versprechen, daß von der Begierung keine prä- 
ventive Aktion vorgenommen werde in Gemäßheit der bestehenden Anli- 
trustgesetze, oder — die schlimmste Panik zu erleben, die sich je im Land« 
abgespielt hat, mit wahrscheinlicher Suspendierung jeder Bank. 

Diese waghalsig im erregtesten und bedrohlichsten Moment der wirt- 
schaftlichen Katastrophe auf den Staatspräsidenten gerichteten Feuerwaffen 



■ 1 1er Schwankungen des Geschäfts sind vorteilhaft für den, der 
Ui»acliftid weiß", wie schon der schlaue Bankier Samuel Gurney 

• I ■■ 1 1 1 Komitee des Oberhauses versicherte. 

l'Vir die Funktion der Börse, dem industriellen Kapital durch 
\ ' i Wandlung in fiktives Kapital für den individuellen Kapitalisten 
ili ii Charakter von Geldkapital zu verleihen, ist die Größe des 
M.iiklcs wesentlich, da ja der Geldkapitalcharakter davon abhängt, 

• I i II die Aktien und Obligationen jederzeit wirklich und ohne größe- 
i'-ii Kursverlust verkauft werden können. Daher die Tendenz zur 

glichst großen Konzentration aller Geschäfte an einem einzigen 

M i rli t ; so werden die Bank- und Börsengeschäfte immer mehr im 
.'• niialpiinkt des wirtschaftlichen Lebens, in der Hauptstadt, kon- 

riiiiicrl, während die Provinzbörsen immer mehr an Bedeutung 
v ■ i Herein. In Deutschland überragt die Berliner Börse weit alle 

Im-n. Neben Berlin kommen nur noch die Börsen in Hamburg 

null Frankfurt in Betracht, deren Bedeutung aber im Rückgang 
I" lniillich ist. 

Wahrend nach der kleinbürgerlichen TheSrie die Aktien die 

I Vinokratisierung des Kapitals" bedeuten sollen, sucht die klein- 
lniii-ri liehe Praxis — immer noch vernünftiger — den Aktienbesitz 
niil diu Kapitalisten zu beschränken. Die Vertreter der großkapita- 
lr i lachen Praxis schließen sich bereitwilligst diesen Warnungen an, 
in ih'iii angenehmen Bewußtsein, daß sie nicht allzuviel nützen 

I hu naturgemäß ihre Wirkung nicht verfehlen. Der Präsident mußte, 

rl> i IViil gehorchend, der Börse seine Macht ausliefern. Er wurde brutal 
i" nviiNjjen, selbst seine höchsten Pflichten als erster Staatsbeamter augen- 
I'ImIIhIi abzuschwören und die bestehenden Gesetze außer acht zu lassen. 
I in' lii'n liste Exekutivgewalt war unschädlich gemacht, und — der brave Mor- 

i I, minie für die , Rettung' der Trust Company of America und der Lincoln 

I i'niti Company das Monopol für Eisen und Stahl in der Union für seinen 
■ -I ••!■ I Ti nst einstreichen. Wenige Tage später ist ihm in seiner Rettertätigkeit 
'in ni'ili'iTr Coup gelungen, er nahm C. W. Morses Coastwise Steamship 
' Ivimilion. 

Hie, kennzeichnet die augenblickliche Lage der von selbstlosen Patrioten 
>> ii' (ii'iiige Washington, Benjamin Franklin, Jefferson und anderen hervor- 
i inli.'ii Männern begründeten Republik der United States of America." 

' Miu-x, „Kapital", III., 1., S. 406. (Neuausgabe S. 459. Die Red.) 



198 



199 



werden. „Wer festen Zins zum Leben braucht", meint der Sach- 
verständige Arnhold, „der darf keine Aktien kaufen." 1 Die schwan- 
kenden Erträgnisse einer Aktie, wird dann im folgenden ausgeführt, 
sind für den, der seine Zinsen zum Leben braucht, nur eine Quelle 
von Kapitalverlusten, weü ihn hohe Dividenden meist zu einer Er- 
höhung seines Etats veranlassen; er benützt hohe Kurse nicht zum 
Verkauf, sondern tut das in der Regel erst dann, wenn er durch 
kleine Dividenden und niedrige Kurse ängstlich geworden ist (und 
das wird er immer, weil er keinen Einblick in die wirkliche Lage 
des Geschäftes hat und daher dem Kurs, dem „Urteil" der Börse, 
glauben muß) oder aus sonstweichen Anlässen verkaufen muß. 



3. Die Börsengeschäfte 

Börsengeschäfte sind Kauf- und Verkaufgeschäfte, die sich von 
anderen essentiell unterscheiden durch die Ware, mit der, und nicht 
durch die Weise, in der gehandelt wird. Nicht die Technik der Ge- 
schäfte, sondern ihr Inhalt ist ökonomisch entscheidend, und die 
Beschreibung dieser technischen Einzelheiten gehört in ein Hand- 
buch für praktische Kaufleute mehr als in eine theoretische Ab- 
handlung. Nur insofern die Art der Abwicklung der Geschäfte 
gewisse Resultate erleichtert, die aus dem Inhalt der Geschäfte sich 
ergeben, wird sie auch allgemein von Wichtigkeit und Interesse. 

Die eigenartigen Bestimmungen über die Abwicklung der 
Börsengeschäfte - die Börsenusancen - verfolgen vor allem die Er- 
möglichung weitestgehender Kreditbenützung, der Begrenzung des 
Risikos und der größten Beschleunigung der Umsätze. 

Die Kreditbenützung ist im weitesten Maße schon ermöglicht 
durch die Natur der „Waren", mit denen gehandelt wird. Diese sind 
im vorhinein Geldanweisungen entweder direkt wie die Wechsel 
usw. oder indirekt wie die kapitalistischen Profitanweisungen. Als 
solche Geldanweisungen sind die Börsenwerte einander gleich, fun- 
gibel, nur quantitativ verschieden. Auch sogenannte qualitative 

1 Stenographischer Bericht der deutschen Börsenenquete 1893, I., S. 190. 



200 



Unterschiede der Börsenpapiere, wie die zwischen festverzinslichen 
Papieren und den Aktien, ebenso wie Unterschiede in der Sicherheit 
der Papiere, werden durch den Börsenhandel stets in quantitative 
Unterschiede verwandelt und können auch gar nicht anders als in 
Verschiedenheiten der Bewertung zum Ausdruck kommen. Nur daß 
hier die Verschiedenheit des Preises nicht wie bei verschiedener 
Qualität derselben Ware sich in erster Linie aus der Verschieden- 
heit der Produktionskosten erklärt, sondern ausschließlich zustande 
kommt durch ein verschiedenes Verhältnis von Nachfrage und An- 
gebot. Wenn meinethalben eine Zuckeraktie und eine Eisenbahn- 
aktie gleichen Ertrag liefern, so mag der Kurs der Eisenbahnaktie 
höher sein, weil mehr Leute die Eisenbahnaktie kaufen wollen, die 
nach ihrer Meinung größere Stabilität in ihrem Erträgnis ver- 
sprechen mag. Der qualitative Unterschied der Sicherheit des Er- 
trages ist in der Verschiedenheit des Kurses quantitativ ausgedrückt. 
Diese Fungibilität der Börsenwerte läßt nun die Möglichkeit zu, 
daß die Kauf- und Verkaufgeschäfte durch gegenseitige Kompen- 
sation zum größten Teil erledigt werden und nur ein geringer Teil 
durch Bezahlung der Differenzen beglichen zu werden braucht. Mit 
dem Abschluß des Geschäftes ist so zugleich Kreditgewährung ver- 
bunden, das Geld fungiert nur als Rechengeld, und nur ein geringer 
Betrag ist dann zur Barzahlung nötig. Damit aber diese Zahlungen 
auf das geringste Maß reduziert werden können, sind eigene An- 
stalten zur Kompensation der aus den Kauf- und Verkauf geschäften 
resultierenden Forderungen vorhanden. 1 Dazu ist aber nötig, daß 
die Preise, zu denen die Börsengeschäfte abgeschlossen werden, be- 
kannt sind; die Kursfestsetzung ist daher öffentlich. Zugleich wird 



1 So besteht zum Beispiel in London „seit 1874 das Stock Exchange 
Clearing, durch welches für die bedeutendsten Effektengattungen die jeweili- 
gen Umsätze so weit als möglich kompensiert werden, so daß nur für den etwa 
verbleibenden Rest ein Scheck ausgestellt wird. Für die Umsätze auf der 
Fondsbörse ist das Ergebnis, daß nur zirka 10 Prozent derselben per Scheck 
zu bezahlen sind, während 90 Prozent der gegenseitigen Verpflichtungen 
sich durch einfachen Ausgleich erledigen." (Jaff6, „Das englische Bank- 
wesen", Leipzig 1904, S. 95.) Ähnliche Einrichtungen existieren auch an den 
anderen Börsenplätzen. 



201 









durch diese öffentliche Kursfestsetzung erst die Funktion der Börse 
erfüllt, der Markt zu sein, wo jederzeit zu einem bekannten Preis 
diese Börsenwerte gehandelt werden können. Da so der jederzeit 
realisierbare Preis festgesetzt wird, ist auch die andere Form der 
Kreditgewährung, die eigentliche Belehnung im Gegensatz zur 
früheren Form der Zahlungskompensation wesentlich erleichtert, 
da der Kreditgeber genau den Preis des Objekts, das er belehnt, 
kennt. Der Spekulant verpfändet dem Geldgeber die Papiere, die 
er mit dem geliehenen Geld bezahlt. Zugleich entsteht so eine neue 
und sichere Art der zinstragenden Verwendung von Geldkapital in 
der Lombardierung der Börsenpapiere. 

Die Kreditgewährung gestattet dem Spekulanten, schon gering- 
fügige Preisschwankungen auszunützen, indem er so seine Opera- 
tionen weit über sein eigenes Vermögen ausdehnen kann und da- 
mit auch kleine Preisschwankungen durch den Umfang seiner Ge- 
schäfte lukrativ macht. Umgekehrt wieder dadurch, daß der Speku- 
lation durch den Kredit gestattet wird, ihre Geschäfte auszudehnen, 
jederzeit die Marktlage auszunützen, bewirkt sie, da die spekulativen 
Operationen stets von Gegenoperationen begleitet werden, eine Ver- 
ringerung der Preisschwankungen. Die Kreditausnützung steigert 
gleichzeitig die Überlegenheit des großen Spekulanten; die Wucht 
seines Vermögens wird ums Vielfache vermehrt durch die Aus- 
nützung des Kredits, der viel rascher wächst als das Vermögen. 

Eine weitere Eigentümlichkeit der Börsengeschäfte ist die 
Schnelligkeit, mit der sie geschlossen werden, die eine gewisse Form- 
losigkeit des Geschäftsabschlusses bedingt. Diese Schnelligkeit ent- 
springt wesentlich aus dem Bedürfnis der Spekulation, geringe, kurz 
dauernde Preisschwankungen ausnützen zu können. Bei dem schnel- 
len Wechsel des Verhältnisses von Nachfrage und Angebot und der 
Schnelligkeit der Kursvariationen ist diese möglichste Beschleuni- 
gung des Geschäftsabschlusses von großer Wichtigkeit. Denn für 
die Spekulation bedeutet jeder neue Umschlag eine neue Ver- 
wertungsmöglichkeit, neuen Kursgewinn; deshalb wird jede zeit- 
raubende Formalität perhorresziert, denn hier gilt tatsächlich für 
viele das Wort: Zeit ist Geld. Daher auch die Abneigung gegen jede 



gesetzliche Fristbestimmung, gegen jede gesetzliche Intervention 
überhaupt, die stets mit Zeitverlust verbunden ist. 

Die Vorteile des Kredits werden am besten ausgenützt durch den 
Terminhandel. Das Termingeschäft verlegt die Erfüllung aller 
Geschäfte auf den gleichen Zeitpunkt. Da diese Geschäfte vor allem 
von der Spekulation gemacht werden, stehen sich Kauf- und Ver- 
kaufgeschäfte gegenüber, die sich zum größten Teil gegenseitig 
kompensieren. Geld ist nur nötig zum Ausgleich der Differenzen 
(und auch diese Zahlungen finden statt zum großen Teil durch 
Kreditgeld oder Überschreibungen in den Büchern der Banken) oder 
zur Begleichung einseitiger Käufe und Verkäufe, die aber der 
großen Menge der sich kompensierenden Geschäfte gegenüber 
relativ gering sind. Auch hier entfaltet der Kredit seine markt- 
erweiternde Wirkung. Der Terminhandel erlaubt eine große Aus- 
dehnung der Operationen; die Papiere, die auf Termin gehandelt 
werden, finden jederzeit ihren Markt; es ist daher jederzeit möglich, 
durch Kauf oder Verkauf seine Spekulation zu beendigen, seinen 
Gewinn zu realisieren oder seinen Verlust zu begrenzen, außer im 
Zeitpunkt katastrophenartiger Erschütterungen des Marktes. Da es 
ferner bei der Terminspekulation nicht auf den Besitz der Papiere 
ankommt, sondern auf die Erzielung des Differenzgewinns, und 
die Papiere jederzeit verkauft werden können, so ist die Größe des 
Engagements begrenzt nicht durch den Preis der Papiere, sondern 
nur durch die Summe der Differenzen, die aus der Spekulation ent- 
stehen können. Zugleich sind die wirklich existierenden, am Markte 
vorhandenen Papiere nur nötig, soweit sich die Spekulations- 
geschäfte — Kauf und Verkauf — nicht gegenseitig aufheben. Die 
Größe des eingegangenen Engagements ist also auch unabhängig 
von der Größe der Preissumme der wirklich vorhandenen Papiere 
und kann diese um das Vielfache übertreffen. Zugleich ist durch die 
typische Beschaffenheit der Schlußbedingungen für die Schnellig- 
keit der Geschäftsabwicklung in vollkommenster Weise gesorgt. 

Die größere Vereinfachung auf dem Terminmarkt, die erhöhte 
Möglichkeit der Kompensation verringert das Kapital, das für das 
Eingehen der Spekulation nötig ist. Es erweitert damit den Kreis 



202 



203 






der Personen, die sich an der Spekulation beteiligen können, und 
vergrößert den Umfang der einzelnen Engagements. Der Termin- 
markt wird gegenüber dem Kassenmarkt erweitert. Zugleich aber 
absorbiert er weniger Mittel zur Aufrechterhaltung und Fort- 
führung der Spekulation und wirkt dadurch weniger intensiv auf 
den Zins des der Spekulation zur Verfügung gestellten Kapitals. 
Da aber stets ein großer Teil der Spekulation mit geliehenem Kapi- 
tal gemacht wird, für die Weiterführung der Spekulation der Zins 
auf dieses Kapital bestimmend einwirkt, wird der Terminmarkt im 
allgemeinen die Tendenz zur stetigeren Fortführung der Speku- 
lation haben. Aus dieser größeren Stetigkeit folgt wieder eine ge- 
ringere Variation im Verhältnis von Nachfrage und Angebot und 
damit ein geringerer Ausschlag der Kursschwankungen. Zugleich 
genügen bei dem größeren Umfang der Transaktionen auch viel 
geringere Schwankungen, um die Spekulanten zu ihren Aktionen 
zu veranlassen. In gleicher Richtung wirkt der Umstand, daß durch 
den Terminhandel auch der Verkauf der Papiere zu Spekulations- 
zwecken ermöglicht ist und dadurch einem einseitigen Zunehmen 
des Angebots besser entgegengewirkt werden kann als auf dem 
Kassenmarkt. 

Der Terminhandel gibt die Möglichkeit, erst später fällige Kapi- 
talien schon früher zu vorher feststehenden Kursen anzulegen oder 



1 „Die Formen des Börsenverkehrs sind aber nicht nur für die Ermittlung 
der Preise von Bedeutung; die Bedingungen für die Eingehung und Abwick- 
lung von Börsengeschäften sind mehr als bloße juristisch-technische Hilfs- 
mittel des Börsenverkehrs, sie sind auch Faktoren der Preisbildung selbst, 
deren "Wichtigkeit nicht verkannt werden darf, wenn auch in letzter Linie 
Bedarf und Vorrat, Angebot und Nachfrage entscheiden. Ob ein Effekt oder 
eine Ware bloß per Kasse oder auch auf Termin, ob auf längere oder kürzere 
Termine, in welchen Schluß einheiten, in welcher Type eine Ware, in welcher 
Börsengruppe: Kulisse oder Schranken, ein Wertpapier gehandelt wird und 
andere formale Einrichtungen mehr: das sind sehr einflußreiche Momente, 
nicht bloß für die richtige Ermittlung der Preise, sondern auch für ihre 
Bildung, und jede Veränderung in ihnen beeinflußt die Kurve, in der die 
Preise auf einem organisierten Markt zeitlich verlaufen." Landesberger, „Die 
Reform der landwirtschaftlichen Börsen in Deutschland", „Zeitschrift für 
Volkswohlfahrt, Sozialpolitik und Verwaltung", XL Bd. (1902), S. 56. 



die erst später benötigten Kapitalien sich zu günstigen Umständen 
vorher zu beschaffen. Dazu kommt die bereits erwähnte Erweite- 
rung des Marktes, die der Terminhandel durch die Leichtigkeit der 
Kreditgewährung und des Geschäftsabschlusses überhaupt gewährt. 
Er ist aufnahmefähiger als der Kassenmarkt. Er erleichtert so das 
Emissionsgeschäft, indem die Emissionshäuser ihre Bestände all- 
mählich und ohne Kursrückgang veräußern können. Der Termin- 
handel ist auch für die Funktion der Arbitrage, des Ausgleiches von 
Kursdifferenzen an verschiedenen Börsenplätzen die gegebene Form. 

Die Spekulation verlangt einen gewissen Vorrat von Papieren, 
der für ihre Zwecke zur Verfügung gestellt ist. Ist ein Papier über- 
wiegend in „festen" Händen, das heißt, ist es als Anlagepapier dem 
Markt dauernd entzogen, so ist es für die Spekulation ungeeignet. 
Ebenso sind Papiere, deren Gesamtbetrag gering ist, ungeeignete 
Objekte der Spekulation. Kleine Käufe und Verkäufe können das 
Kursniveau sehr stark beeinflussen und geben einigen wenigen 
Kapitalisten die Möglichkeit, durch Aufkauf en des gesamten „Mate- 
rials" ihren Gegenspekulanten Monopolpreise diktieren zu können. 
Die Spekulation setzt eben einen großen, nicht allzu leicht zu beherr- 
schenden Markt voraus ; das Monopol ist der Tod der Spekulation. 

Mit den Spekulationsgeschäften sind, wie wir gesehen haben, 
immer auch Kreditgeschäfte verbunden. Bei der Spekulation steht 
ja nicht die Gesamtsumme des Kurswertes der angekauften Papiere 
in Frage, sondern nur die Größe der möglichen Kursvariationen. 
Der Kreditgeber wird bei Verpfändung des Papiers bis zu einem 
solchen Betrag mit der Kreditgewährung gehen können, daß er 
gegen Kursveränderungen gedeckt ist. Ist der Kurs eines Papiers, 
in dem verhältnismäßig geringe Schwankungen vorkommen, 110, 
so wird beispielsweise der Spekulant jederzeit gegen Verpfändung 
des Papiers 90 erhalten können und braucht daher nur 20 selbst 
vorzuschießen. 

Diese Form der Kreditgewährung ist die gewöhnlichste Art, in 
der Börsenkommissionsgeschäfte, Bankiers und Banken ihren Kun- 
den die Beteiligung an den Börsengeschäften ermöglichen. Die Ent- 

1 Deutsche Börsenenquete, L, Bericht der Kommission, S. 75 ff. 



204 



16 Hilferding, Das Finanzkapital 



205 



ziehung oder Erschwerung dieses Kredits ist ein beliebtes Mittel, 
diese Kunden „aus ihren Engagements zu werfen", den Fortgang 
ihrer Spekulationen unmöglich zu machen, sie zu zwingen, zu jedem 
Preis ihre Papiere loszuschlagen und so durch dieses plötzliche An- 
gebot die Kurse zu werfen, zugleich ein Mittel für die Kreditgeber, 
diese Papiere zu billigen Preisen sich zu verschaffen. Auch hier ist 
die Kreditgewährung ein Mittel zur Expropriation der kleinen 
Schuldner. 

Anders ist die Kreditgewährung für die eigentliche große Speku- 
lation geregelt. Hier verschaffen sich die Spekulanten die nötigen 
Gelder auf dem Wege des Reports. Formell besteht das Report- 
geschäft in einem Kauf- und Verkaufgeschäft. Will der Hausse- 
spekulant seine Papiere über den Ultimo hinaus halten bis zum 
nächsten Termin, weil er hofft, daß in der Zwischenzeit die Papiere 
weiter steigen werden, so verkauft er diese Papiere an einen Geld- 
kapitalisten und kauft sie für den nächsten Termin zurück. In dem 
Unterschied des Verkauf- und Kaufpreises ist für den Geldgeber 
die Verzinsung seines Geldes enthalten. Das ist aber nur nominell, 
in Wirklichkeit hat einfach der Geldgeber für diese bestimmte Zeit 
das Papier aufgenommen und ist an Stelle des Spekulanten getreten; 
er unterscheidet sich aber von ihm dadurch, daß er kein Risiko über- 
nimmt, auch keinen Spekulationsgewinn machen will, sondern sein 
Geld für diese Zeit angelegt hat und dafür den Zins realisiert. Es 
ist aber hier die Form, in welcher dieser Vorschuß geleistet wird, 
von Wichtigkeit. Denn dadurch, daß hier das Kreditgeschäft die 
Form eines Kaufgeschäftes hat, geht in der Zwischenzeit das Eigen- 
tum an den Papieren auf den Kreditgeber über. Dies ermöglicht 
ihm, in der Zwischenzeit die Papiere nach Gutdünken zu benützen. 
Dies kann wichtig werden, sobald es sich um industrielle Aktien 
handelt. Es kann sich bei einer Bank darum handeln, sich zur Zeit 
einer Generalversammlung durch großen Aktienbesitz entscheiden- 
den Einfluß auf deren Beschlüsse zu sichern. Durch den Report ist 
sie imstande, sich vorübergehend in den Besitz der Aktien zu setzen 
und damit die Aktiengesellschaft zu beherrschen. Indem eine Bank 
die Reportierung durch Herabsetzung des Reportsatzes erleichtert, 



wird es ihr ein leichtes, von der Spekulation diese Papiere zu er- 
halten. Die Banken pflegen dabei sich oft gegenseitig zu unter- 
stützen, indem sie die Konkurrenz um die Reportierung bei einem 
bestimmten Papier in einem gegebenen Zeitraum ausschalten. Da- 
durch gewinnen die Aktien gleichsam doppelte Funktion. Sie dienen 
einerseits als Objekt der Spekulation und Unterlage für ihre Diffe- 
renzgewinne. Gleichzeitig dienen sie auch den Banken in ihrem 
Bestreben, sich in den Aktiengesellschaften beherrschenden Einfluß 
zu verschaffen und ihren Willen in den Generalversammlungen zur 
Geltung zu bringen, ohne dabei genötigt zu sein, dauernd ihre 
Gelder in den betreffenden Aktien festlegen zu müssen. 

Die Größe der Börsenspekulationen ist unter sonst gleichen Um- 
ständen wesentlich abhängig von der Größe des den Spekulanten zur 
Verfügung stehenden Geldes. Denn wie oft die Papiere umgesetzt 
werden — und jeder dieser Umsätze bringt Differenzgewinne — , ist 
von der Zahl der vorhandenen Papiere natürlich unabhängig. 



1 Dies kann auch zu anderen Zwecken geschehen. „Auf dem Kontinent 
wird (von den Banken) nicht selten eine eigene Reportpolitik getrieben. Es 
kommt vor, daß Banken, wenn sie zum Beispiel eine größere Emission vor- 
bereiten, den Report herabsetzen, um Haussestimmung zu erzeugen, sie 
können ja den Verlust, den sie dadurch erleiden, durch Kursgewinne bei der 
Emission kompensieren." Philippovich, „Grundriß der politischen Ökonomie", 
II. Bd., 2. Teil, S. 181. 

2 Vergleiche Deutsche Börsenenrpiete, III., S. 1950, die Aussage des 
Sachverständigen Königs. Er hält den Terminhandel für die Industrie für 
unerwünscht und begründet dies folgendermaßen: „Alle diese Papiere, die 
im Ultimohandel sind, schwimmen an der Börse herum, zum großen Teil 
in Händen, die sich dauernd nicht für die Sache selbst interessieren, sondern 
nur ein Interesse haben an den Aktien, aber nicht an den Werken als Werken, 
die ein Interesse daran haben, die Aktien von oben nach unten oder von unten 
nach oben zu bringen; bei den Einrichtungen, die bei dem Ultimohandel 
bestehen, ist es außerordentlich leicht für jemand, auf die Werke einzuwirken 
und an dem Ultimo desjenigen Monats, wo eine Generalversammlung statt- 
finden soll, sich ein großes Quantum Aktien zu sichern im Wege des Reports. 
Man tritt als Eigentümer von ein paar Millionen Aktien auf, die einem gar 
nicht gehören, tritt auf einmal vor die soliden Aktionäre, die gar nichts 
ahnen; auf einmal werden sie überrumpelt und ihnen die schönsten Sachen 
oktroyiert, von denen sie gar nichts geahnt haben." 



206 



207 






Daher der Einfluß der Banken auf die Börsenspekulation, die durch 
Gewährung oder Versagen des Kredits den Umfang der Spekulation 
in hohem Maße beeinflussen können. Die größte Inanspruchnahme 
des Kredits erfolgt nun auf dem Wege des Reportgeschäftes. In 
diesem werden meistens bedeutende flottante Kapitalien angelegt 1 , 
und diese Anlagen sind von Einfluß auf die Bildung der Sätze für 
tägliches Geld und — in Zeiten geringerer Geldflüssigkeit — auf die 
Diskontsätze und damit auf die Goldbewegung. Durch die Ein- 
schränkung der Kreditgewährung können daher die Banken un- 
mittelbaren Einfluß auf die Höhe des Zinses nehmen. Es ist dies 
möglich, weil hier die Kreditgewährung in ganz anderem Maße 
in dem Belieben der Banken steht. Es handelt sich hier um rein 
finanzielle Transaktionen, die wegfallen können, ohne auf den Gang 
der Volkswirtschaft von entscheidendem Einfluß zu sein. Anders 
bei der Kreditgewährung an die Kommerziellen und Industriellen, 
wo eine plötzliche und übertriebene Kreditentziehung zum Zu- 
sammenbruch und zur akutesten Krise führen muß. 

Mit der Entwicklung des Bankwesens geht eine Änderung in der 
Struktur des Handels in Wertpapieren vor sich. Anfangs ist der 
Bankier nur Kommissionär, der für den Kunden das Geschäft be- 
sorgt. Je mehr aber die Kapitalskraft und das Interesse der Bank 
an den Aktienkursen wächst, desto mehr geht sie zum Eigenhandel 
über. Ein großer Teil der Umsätze wird jetzt nicht mehr auf der 
Börse vollzogen, sondern die Bank gleicht die von ihren Kunden 
an sie gelangenden Aufträge untereinander aus, und nur der Be- 
trag, der sich nicht ausgleicht, wird auf der Börse besorgt oder aus 
den eigenen Beständen der Bank gedeckt. Es steht also bis zu einem 
gewissen Grade im Belieben der Bank, welche Summen sie auf der 
Börse zum Kauf oder Verkauf bringt; die Bank hat darin ein Mittel, 
die Kursentwicklung zu beeinflussen. So hört die Bank auf, bloße 
Vermittlerin des Effektenhandels zu sein, und treibt Eigenhandel. 

1 Siehe die Aussage von Meier (Börsenenquete, II. Bd., S. 1608), der die 
starke Entwicklung des Termingeschäftes in England darauf zurückführt, 
daß dort jederzeit bedeutende flottante Kapitalien für das Reportgeschäft 
zur Verfügung stehen. 



„Das Bankgeschäft ist heute tatsächlich kein Kommissionsgeschäft 
mehr, es ist das Geschäft des Eigenhandels geworden." 1 

Zugleich entzieht die Großbank der Börse einen Teil ihrer Funk- 
tion und wird selbst zum Markt für die Effekten; der Börse bleibt 
nur ein Restbetrag übrig, der bei den Banken nicht zum Ausgleich 
kommt. „Eine Großbank stellt in sich ein Quantum von Angebot 
und Nachfrage dar, wie es früher ein bedeutender Börsenplatz allein 
repräsentierte." 

Mit der fortschreitenden Konzentration des Bankwesens wächst 
die Macht der Großbanken über die Börse außerordentlich, beson- 
ders in den Zeiten, wo die Beteiligung des großen Publikums an 
der Börsenspekulation geringer ist. „Wie sich die Verhältnisse 
an der Börse entwickelt haben, muß man ja heute, statt von einer 
Tendenz der Börse, viel eher von einer Tendenz der Großbanken 
reden, weil diese die Börse immer mehr zu ihrem abhängigen Werk- 
zeug gemacht haben und deren Bewegungen nach ihrem eigenen 
Belieben lenken. Wie im vergangenen Frühjahr die viel erörterte 
ungünstige Konjunkturprognose einer Großbank den äußeren An- 

1 Die Börsenenquete, I. Bd., S. 347. Aussage von Amhold. 

5 Vergleiche zum Beispiel folgende Äußerungen eines „hervorragenden 
Mitgliedes der Berliner Bankwelt", die das „Berliner Tageblatt" vom 
25. Februar 1908 wiedergibt: „Vergessen Sie nicht, daß zu dem offiziellen 
Kassakurs nur ein relativ kleiner Teil der Gesamtumsätze getätigt wird. Die 
Konzentration im deutschen Bankgewerbe hat es mit sich gebracht, daß ein 
wesentlicher Teil der Kauf- und Verkauforders in den Büros der Groß- 
banken zur Kompensation gelangt. An der Berliner Börse werden eigentlich 
nur noch die ,Spitzen' reguliert." 

Die gleiche Erscheinung auch in Osterreich: In der Generalversammlung 
des Wiener Giro- und Kassenvereins klagt ein Aktionär: „Infolge des Um- 
standes, daß das kommerzielle Leben der Monarchie sich immer mehr bei den 
Banken konzentriert, so daß alle schwächeren Privathäuser verschwinden 
müssen, benötigt der Umsatz an der Börse in sehr vielen Fällen gar nicht die 
Vermittlung des Arrangementbüros. Jede Bank ist ein Giro- und Kassen- 
verein ohne Spesen und Beamten. Das Prosperieren des Effektengeschäftes bei 
den Banken ist verbunden mit einer Einschränkung der Vermittlung des 
Arrangements durch den Giro- und Kassenverein." „Neue Freie Presse" vom 
1. Februar 1905. 

' Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie 1905. 



208 



209 



stoß zu dem damaligen plötzlichen Kursrückgang gegeben hatte, 
dessen innere Ursachen allerdings natürlich viel tiefer lagen, so 
sind es in dieser Woche umgekehrt Stimulationen und Beruhigungs- 
versuche der Haute-banque gewesen, die die Stimmung der Börse 
ausgewechselt und sie, die bisher nur für die ungünstigen Momente 
Aufmerksamkeit hatte, jetzt auch für die günstigen empfänglich 
gemacht haben." 

Zu diesem starken Einfluß auf die Kursentwicklung kommt aber 
hinzu, daß die Banken durch ihre zunehmende Verbindung mit der 
Industrie die Verhältnisse der einzelnen Unternehmungen genau 
kennen, die Ergebnisse voraussehen, eventuell unter Umständen 
deren Höhe nach ihren Wünschen beeinflussen können, alles 
Momente, die den Banken gestatten, bei ihren Spekulationen mit 
großer Sicherheit zu operieren. 

Mit dieser Entwicklung der Großbanken ist natürlich ein Rück- 
gang in der Bedeutung der Börsen verbunden. 



1 „Frankfurter Zeitung" vom 21. Juni 1907. 

2 So schreibt die „Frankfurter Zeitung" am 28. Jänner 1906 : 

„Von einer wirklichen Ultimo-Liquidation ist heutzutage kaum die Rede. 
Es werden allerdings noch Prolongationssätze bekanntgegeben, aber die 
Mehrzahl der Schiebungen wird innerhalb der großen Banken reguliert, die 
auch ihre eigenen Sätze notieren dürften. Über die Höhe der schwebenden 
Engagements läßt sich überhaupt kein Urteil abgeben, weil, wie gesagt, in 
der Börsenliquidation nur der kleinste Teil aller Engagements zur Verrech- 
nung gelangt." 

Anders steht es zum Teil mit den auswärtigen Börsen. Namentlich die 
New- Yorker Börse hat als Mittel der Eigentumsübertragung, das heißt der 
Expropriation, größere Bedeutung als die europäischen Börsen. Hier wirkt 
auch die eigentümliche Geldverfassung in Verbindung mit der Börsentechnik 
mit. Die New-Yorker Börse kennt nur das Kassengeschäft, in der Art, daß 
die Differenzen täglich reguliert werden müssen. Bei stärkeren Kursbewe- 
gungen, besonders wenn diese sich in ein und derselben Richtung bewegen, 
entsteht so eine starke Nachfrage nach Geld. Ist der Geldmarkt angespannt, 
so ist die amerikanische Notenbankgesetzgebung mit ihrer mangelnden 
Elastizität ein ausgezeichnetes Mittel, exorbitante Zinssätze zu produzieren, 
die die kleinen Spekulanten nicht bezahlen können. Dies ist der Moment für 
die großen Geldgeber, sie „aus der Spekulation zu werfen" und bei der Zwangs- 
liquidation die Papiere billig zu erwerben. 



210 



Auf der Börse erscheint das kapitalistische Eigentum in seiner 
reinen Form als Ertragstitel, in den das Ausbeutungsverhältnis, die 
Aneignung der Mehrarbeit, begriffslos verwandelt ist. Das Eigen- 
tum hört auf, irgendein bestimmtes Produktions Verhältnis aus- 
zudrücken, und wird eine Ertragsanweisung, die ganz unabhängig 
erscheint von irgendeiner Tätigkeit. Das Eigentum ist losgelöst von 
jeder Beziehung zur Produktion, zum Gebrauchswert. Der Wert 
jedes Eigentums erscheint bestimmt vom Wert des Ertrages, eine 
rein quantitative Beziehung. Die Zahl ist alles und die Sache nichts. 
Die Zahl allein ist das Wirkliche, und da das Wirkliche keine Zahl 
ist, so ist der Zusammenhang mystischer als der Glaube der Pytha- 
goräer. Alles Eigentum ist Kapital und Nichteigentum, Schulden 
sind, wie jede Staatsanleihe beweist, ebenso Kapital, und alles Kapi- 
tal ist gleich und verkörpert sich in den bedruckten Papierzetteln, 
die auf der Börse hoch- und niedergehen. Die wirkliche Wertbildung 
ist ein Vorgang, der ganz der Sphäre der Eigentümer entrückt bleibt 
und auf völlig rätselhafte Weise ihr Eigentum bestimmt. 

Die Größe des Eigentums scheint nichts zu tun zu haben mit 
der Arbeit; ist schon in der Profitrate der unmittelbare Zusammen- 
hang von Arbeit und Kapitalertrag verhüllt, so vollends in der Zins- 
rate. Die scheinbare Verwandlung alles Kapitals in zinstragendes 
Kapital, das die Form des fiktiven Kapitals mit sich bringt, löscht 
vollends jede Einsicht in den Zusammenhang aus. Es erscheint 
absurd, den Zins, der stets wechselt und in der Tat unabhängig von 
den unmittelbaren Vorgängen in der Produktion wechseln kann, 
in Zusammenhang mit der Arbeit zu bringen. Er erscheint als Folge 
des Kapitaleigentums als solchen, als töxos , Frucht des mit Produk- 
tivität begabten Kapitals. Er ist wechselnd, unbestimmt, und mit 
ihm wechselt der „Wert des Eigentums", eine verrückte Kategorie. 
Dieser Wert erscheint ebenso rätselhaft, unbestimmt, wie die Zu- 
kunft. Der bloße Zeitablauf scheint Zinsen zu bringen, und Böhm- 
Bawerk macht aus diesem Schein seine Theorie des Kapitalzinses. 



211 



IX. Kapitel 



DIE WARENBÖRSE 



Für den Effektenhandel ist die Börse die Geburtsstätte. Mit ihr 
entwickeln sich die Effektenbanken, die einerseits Konkurrenten 
der Börse sind, anderseits die Börse als ihr Vermittlungsorgan ge- 
brauchen. Für den Effektenhandel ist das Termingeschäft un- 
wesentlich, es erleichtert ihn, hat aber keinen entscheidenden Ein- 
fluß auf die Höhe des Preises. Anders steht es beim börsenmäßigen 
Warenhandel. 1 

Auf der Effektenbörse vollzieht sich der Umsatz von Effekten; 



diese Umsätze erfüllen die Funktion der Mobilisierung des Kapi- 
tals. Im Verkauf der Aktien vollzieht sich für den individuellen 
Kapitalisten die Rückverwandlung fiktiven Kapitals (das seinerzeit 
einmal in industrielles Kapital verwandelt worden war) in Geld- 
kapital. Es sind Umsätze eigener Natur, die mit dem Warenhandel 
nichts gemeinsam haben als die Form von Kauf und Verkauf, die 
allgemein ökonomische Form von Wert- und Eigentumsüber- 
tragung. Ganz anders der Warenhandel: hier vollzieht sich dj e 
Realisierung des in der Produk tion erzeugten industriellen un d 
kommerziellen Profits; zugleich erfüllt sich durch die Waren- 
zirkul ation der Stoffwechsel der Gesellschaft. Warenbörse und 
Effektenbörse unterscheiden sich daher von vornherein schon so 
wie Waren und Effekten. Ihre Zusammenwerfung als „Börse" muß 



1 Herr Rüssel von der Diskontogesellschaft definiert: „Das Wesen der 
kaufmännischen Spekulation liegt darin, eine entsprechende Änderung der 
Konjunktur wahrzunehmen und unter Umständen dieselbe sich durch den 
Terminhandel schon im voraus zu sichern." Börsenenquete, I., S. 417. 



212 



Verwirrung stiften, wenn man diesen grundlegenden Unterschied 
außer acht läßt und noch dazu Spekulation und Handel identifiziert. 
Der Begriff des börsenmäßigen Warenhandels, also der spezifischen 
Eigenschaften der Warenbörse, zum Unterschied von anderem 
„Handel" bedarf daher näherer Prüfung. 

Gewöhnlich nennt man allen Handel börsenmäßtg, der an einer 
Börse , einem vo n zahlreichen Kaufleuten bes uchten Ort, vor sich 
jpli t Doch ist es klar, daß es nur einen han d eist echni sehen, aber 
keinen ökonomischen Unterschied ausmachen kann, ob die Kauf- 
leute ihr Geschäft auf ihren Kontors erledigen oder an einem dritten 
Ort, eben der Börse. Die Schnelligkeit der Geschäftsabschlüsse, die 
Übersicht der Marktlage können dadurch vermehrt werden; doch 
s ind d ies bloß handelstechnische und. nicht ökonomische Unte r- 
schiede- 

Der Unterschied bleibt selbst dann ein bloß handelstechnischer, 
wenn eine sonst wichtige Funktion des Kaufmanns dadurch über- 
flüssig wird, daß die Prüfung und Feststellung des Gebrauchswertes 
für das einzelne Geschäft in Wegfall kommt, indem nur Waren 
einer festgesetzten Qualität geliefert werden dürfen. Ob diese Liefe- 
rungsbedingungen erfüllt sind oder nicht, darüber haben dann in 
Streitfällen eigene sachverständige Börsenorgane zu befinden. 
Jedoch bleibt der Wegfall dieser Funktion eine Vorbedingung des 
Börsenwarenhandels, der aber nur dann gegeben ist, wenn andere 
ökonomische Kriterien hinzutreten. 

Die Ware geht also in den Börsenhandel ein als Ware bestimmter 
Qualität. Sie ist_bojaeam.äßig_.als festgesetzter Gebrauchswert, als 
Standard wäre, .'Vis solche is1 jedes Quantum durch das andere gleich 
große ersetzbar, als Quantum von gleichem Gebrauchswert ist die 
Ware fungibles Gut geworden. Die Warenmengen unterscheiden 
sich innerhalb des Börsenhandels nur quantitativ. Je nach der Natur 
der Ware und den Bestimmungen der Börse gilt ein bestimmtes 
Quantum — soundso viel Kilogramm, soundso viel Sack — als Ein- 
heit bei den Geschäftsabschlüssen. Für den börsenmäßigen Handel > 
g eeignet sind also nur Waren, die v on Natur aus oder durch ver - 
h ältnismäßig einfache, wenig kostspielige Maßregeln fungibel sind. 

213 






I 



Daß ab erWa ren. fungibel sind, ist eine natürliche F.i genschjffi 
des Gebrauchswertes, weicht- die eine Ware nart besitzt, d ie andere 
nicht: Zumoofsenmäßigcn Handel gehört aber mehr. Beim ge- 
wöhnlichen Handel geht die Ware zum Produktionspreis des Fabri- 
kanten an den Kaufmann über und wird von ihm — um den Handels- 
profit vermehrt — an den Konsumenten verkauft. Börsenmäßig wird 
der Handel erst dann, wenn außer dem Handel noch Raum bleibt 
für Differenzgewinn, für Gewinn aus Spekulation. Voraussetzung 
aber für die Spekulation sind häufige PreisnirfprpnTPn Pi-^jg . 
fluktuati onen, Z u m_bö r s en mäßigen Handel geeignet sind also solc he 
Waren, die größer e n Preisschwankung en - !! ! verhältnismäßig kür- 
zeren Zeilräume n unterlie gen. Dies sind vor allem Bo denfrücht e, 
Getre ide, Baumwolle, dann Halb- und eventuell auch Ganz- 
f abrikate, bei denen das Rohmate.riaI-£tarken-P-reisschwa nkungen 
imicrliegt und den Preis des Pr o dukts ents cheidend b ecinfl u ßt, zum 
Beispiel Zucker. 

Nach den Angaben von Robinow 1 hat sich der Terminhandel zu- 
erst in England in Metallen, Talk usw. entwickelt. Erst mit der 
Einführung des Telegraphen und der Dampferlinien dehnte sich 
der Terminhandel aus auf überseeische Produkte, deren Gewinnung 
sich nicht über ein ganzes Jahr hinaus erstreckt, sondern nur wenige 
Monate dauert, die mit einem Male auf den Markt geworfen wer- 
den, während der Konsum sich über das ganze Jahr verteilt. Ursache 
des Terminhandels ist also die kurze Dauer der Prn duk ti0ns2e . fr 
gegenüber der Lä nge der Z^irkulatipnszeit, die durch den ununtejv 
brochenen Konsum erzeugt wird. Zur Einführung des Termin- 
handels im Effektengeschäft drängt die Fungibilität der umgesetz- 
ten Objekte, die an sich als kapitalisierte Ertragsanweisungen, also 
Repräsentanten von Geld, fungibel sind. Die Einführung des 
Warenterminhandels ist bedingt durch spezifische Umschlags- 
bedingungen, zum Beispiel durch die Differenz zwischen Zirku- 
tations- und Produktionszeit. Erst das Bedürfnis de s Termin - 
ha ndeis führt zu der oft nur durch künstliche Mittel erreichbaren 
Herstellung von völlig fungiblen. Waren, das heißt Waren , von 

1 Börsenenquete, II., S. 2072. 



denen jedes Oj^™*»™ rUnaalhop fw-lM-:. u nwert wie jedes andere^ 
hat/ 

Hören die Preisschwankungen auf, etwa durch Kartellierung, 
wie zum Beispiel bei Petroleum, so hört auch der Börsenhandel in 
diesen Produkten auf oder wird rein nominell. 

Ein drittes Moment von Wichtigkeit, das mit den vorigen un- 
mittelbar zusammenhängt, ist dies, daß die Preisschwankungen 
durch ein Anpassen des Angebots an die Nachfrage nicht in jedem 
Moment ausgeglichen werden können. Auch hier ist die Anpassung 
am schwierigsten bei den Ernteprodukten. Ist einmal geerntet, so 
ist damit das Angebot bestimmt und kann erst nach längerer Zeit 
der Nachfrage angepaßt werden. Ein letzter Umstand, der noch zu 
erwähnen bleibt, ist der, daß die Warenmengen, die in den Börsen- 
handel eingehen, groß genug sein müssen, um die Gefahr einer 
Ringbildung, eines Corners, der Regel nach auszuschließen, da die 
Herstellung eines Monopolpreises die Preisänderung und damit die 
Spekulation stillsetzt. 

Die Eigenheit des börsenmäßigen Handels ist nun die, daß die 
Festlegung des Gebrauchswertes der Ware diese Ware für jeder- 
mann zur reinen Verkörperung des Tauschwertes, zum bloßen 
Preisträger macht. Jedes Geldkapital ist unmittelbar in der Lage, 
sich in diese Ware zu verwandeln. Es können daher Kreise außer- 
halb des bisherigen berufsmäßigen, sachverständigen Handels zum 
Kauf und Verkauf dieser Waren herangezogen werden. Diese Waren 
sind unmittelbar geldgleich ; die Prüfung ihres Gebrauchswertes ist 
dem Käufer abgenommen; sie unterliegen nur beständigen, mehr 
oder weniger geringen Schwankungen ihres Preises. Da sie Welt- 



1 Diese Künstlichkeit ist Quelle vieler Mißbräuche und Hemmungen, die 
dort wegfallen, wo wirkliche und stets leicht konstatierbare Fungibilität vor- 
handen, wie zum Beispiel beim Spiritus (Alkoholgrad) und zum Teil beim 
Zucker (Polarisationsgrad). 

s „Diese spezielle Form des Termingeschäftes ist also nicht nur zur Er- 
leichterung des effektiven Handels geschaffen, sondern sie dient im letzten 
Grunde dazu, den Kapitalisten oder Spekulanten, das heißt dem Besitzer von 
zur Zeit anderweitig ungebundenem Kapital, die Möglichkeit zu geben, dies 
vorübergehend (oder dauernd) in der betreffenden Warenbranche anzulegen, 



214 



215 






marktwaren sind, ist ihre Absatzfähigkeit und daher ihre Rück- 
verwandelbarkeit in Geld jederzeit gesichert; es handelt sich immer 
nur um Gewinn oder Verlust der Preisdifferenzen. Sie sind daher 
ebenso geeignete Spekulationsobjekte geworden wie sonstige Geld- 
anweisungen, zum Beispiel Effekten. Beim Terminhandel gilt so 
die Ware nur als Tauschwert. Sie wird zum bloßen Repräsentanten 
von Geld, während sonst Geld Repräsentant des Warenwertes ist. 
Der Sinn des Handels, der Warenzirkulation, ist verlorengegangen 
und damit auch die Charaktere und der Gegensatz von Ware und 
Geld. Dieser Gegensatz erscheint erst wieder, wenn die Spekulation 
zu Ende, weil sie ein Corner verhindert und plötzlich an Stelle der 
profanen Ware, die nicht zu haben ist, Geld treten muß. Wie das 
Geld in der Zirkulation nur eine verschwindende Rolle spielt, so 
innerhalb der Warenspekulation die Ware. Wie in der Zirkulation 
viel mehr Geld rechnungsmäßig umgesetzt wird, als vorhanden ist, 
so setzt die Spekulation weit größere Warenmengen um, als in 
Wirklichkeit existieren. 1 

Damit beim Warenterminhandel schließlich eine wirkliche Fort- 
bewegung vom Produzenten zum Konsumenten vor sich gehe, also 
wirklich Handels- und nicht bloß Spekulationsoperationen erfolgen 
- und für die Möglichkeit der Spekulation ist der Handel die not- 
wendige Voraussetzung — , ist es notwendig, daß am Anfang der 

auch wenn ihm Kenntnis der Ware und der äußeren Technik dieses Handels- 
zweiges fehlt. Dieser Kapitalist . . . unterscheidet sich also von dem Getreide- 
händler prinzipiell durch das Motiv seiner Tätigkeit." Letzterer will Getreide 
umsetzen, ersterer an den Schwankungen des Preises gewinnen. Der Kapitalist 
nimmt dabei zugleich das Risiko auf sich. (Fuchs, „Der Warenterminhandel" 
in Schmollers „Jahrbuch für Gesetzgebung usw.", 1891, 1. Heft, S. 71.) Dazu 
ist jedoch zu bemerken, daß das Gewinnstrehen natürlich gemeinsames Motiv 
aller kapitalistischen Aktionen ist, verschieden ist nur die Art, wie der Ge- 
winn erzielt werden kann. 

1 So berichtet Offermann von der Wollbörse in Havre, daß dort 1892 
2000 Ballen effektiv und 16 300 Ballen auf dem Terminmarkt verkauft 
wurden. Desgleichen sei auch in Baumwolle der Terminhandel zehnmal 
größer als der Effektivhandel. Bei einer Ernte von 8 bis 9 Millionen Ballen 
wurden zirka 100 Millionen auf dem Terminmarkt umgesetzt. (Börsen- 
en<juete, S. 3568.) > 



216 



Kette der Zeitgeschäfte der Produzent (oder der Kaufmann als 
dessen Repräsentant) und am Ende der Konsument (zum Beispiel 
der Müller) stehe. Man kann die Sache so betrachten, daß ein Teil 
der Ware stets zur Verfügung der Spekulation bleibt. Es ist das nichts 
anderes als ein gewisser Vorrat, dessen Zusammensetzung natür- 
lich beständig wechselt; dieser müßte sonst anderswo gelagert und 
unter Verfügung anderer kapitalistischer Agenten, nicht der 
Spekulanten, sondern der Produzenten oder Kaufleute, eventuell 
auch der Konsumenten stehen. Dieser Vorrat muß stets eine ge- 
wisse Größe haben, um die Gefahr eines Corners, einer Ring- 
bildung, zu vermeiden. 

Indem die Spekulation sich dieser Waren bemächtigt, entsteht 
eine große Reihe neuer Transaktionen von Käufen und Verkäufen. 
Diese Kette von Kauf- und Verkauf geschäften ist rein spekulativ; 
ihr Zweck ist die Erzielung von Differenzgewinn. Es sind keine 
Handelsoperationen, sondern Spekulationsumsätze. Die Kategorien 
von Kauf und Verkauf haben hier nicht die Funktion der Waren- 
zirkulation, nicht die Aufgabe, die Ware von der Produktion zur 
Konsumtion gelangen zu lassen, sondern sie sind gleichsam 
imaginär geworden. Der Zweck ist die Erzielung eines Differenz- 
gewinnes. Die Ware erreicht die Börse bereits mit dem Aufschlag 
des normalen Handelsprofits. Denn der Händler verkauft sie an der 
Börse. Hat es der Fabrikant getan, so hat er eben selbst zugleich 
als eigener Kaufmann fungiert und den Handelsprofit selbst ein- 
gesteckt. Die Börse kauft und verkauft nur spekulativ, die Speku- 
lanten machen nicht Profit, sondern Differenzgewinn. Der Gewinn 
des einen ist der Verlust des anderen. Aber diese Kette beständiger 
Transaktionen sichert die beständige Verwandelbarkeit der börsen- 
mäßigen Ware in Geld, gestattet daher bis zu einem gewissen Grad, 
das Geld in dieser Ware anzulegen und es jederzeit durch ihren 
Verkauf zu realisieren. Die börsenmäßige Ware wird also zum ge- 
eigneten Pfandobjekt vorübergehend freiliegender Gelder. Die 
Banken können also diese Waren bis zu einem gewissen Grad ihres 
Preises belehnen oder sie reportieren. Dadurch ergibt sich eine neue 
Verwendungsart des Bankkapitals. Das Bankkapital beteiligt sich 



217 



am Handel; aber es tut dies nur in der ihm eigenen adäquaten Form 
als zinstragendes Kapital. Die Waren, in die es sein Geld verwandelt 
hat, sind jederzeit in Geld rückwandelbar. Und eine gut geleitete 
Bank wird nie mehr Geld in diesen Waren festlegen, als sie jeder- 
zeit, auch im ungünstigsten Fall, realisieren kann. Das Vorhanden- 
sein einer Börse, einer unaufhörlichen Kette von Käufen und Ver- 
käufen, die die Spekulation ausmachen, sichert der Bank jederzeit 
die Möglichkeit, ihr Geld zu realisieren. Das Geld ist also nicht fest- 
gelegt, ist für die Bank Geldkapital, bankmäßig angelegtes Kapital 
geblieben und bringt daher nur Zinsen. Das Eingreifen des Bank- 
kapitals aber gibt wieder der Spekulation sowohl als dem Handel 
die Möglichkeit zur Ausdehnung ihrer Operationen. Um die Ware 
zu kaufen, ist jetzt der Besitz des vollen Geldpreises nicht nötig. 
Man braucht nur soviel Geld, als ausreicht, alle etwa im Bereich der 
Möglichkeit liegenden Differenzen decken zu können, den Rest 
stellt die Bank. Für die Spekulation bedeutet das nur Ausdehnung 
ihrer Operationen. Da aber infolge des Wachsens der gehandelten 
Massen schon geringe Differenzen genügen, um Kauf und Verkauf 
dem Spekulanten nahezulegen, wird sich die Zahl der Umsätze 
einerseits vermehren, anderseits aber die Größe der jedesmaligen 
Differenzen verringern. 

Anders und interessanter liegt die Frage des Einflusses des Bank- 
kapitals auf den Handel. Auch der Handel kann jetzt die Ware 
belehnen lassen. Für dieses Kapital hat er nur Zins zu zahlen. Durch 
den Handel selbst aber entsteht kein Profit. Der Handel realisiert 
nur soviel Durchschnittsprofit, als der Größe des angewandten 
Kapitals entspricht. Er braucht aber jetzt, da ihm nun Kredit in 
größerem Umfang zur Verfügung steht, nur mehr ein geringeres 
Eigenkapital, um dieselben Mengen umzusetzen. Der Handelsprofit 
auf dieses Kapital wird sich also jetzt auf eine größere Warenmenge 
verteilen. Der durch den Handel verursachte Aufschlag auf die 
Ware wird sich also vermindern. Da der Handelsprofit aber nur 
Abzug ist vom industriellen Profit, so wird dieser um das gleiche 
steigen. Der Preis der Ware für den Konsum wird derselbe bleiben. 
Das Eingreifen des Bankkapitals hat zur Folge also erstens Steigen 



218 



des industriellen Profits, zweitens Sinken des Handelsprofits in 
seiner Gesamtheit und berechnet auf die einzelne Ware und drittens 
Verwandlung eines Teiles des Handelsprofits in Zins. Das letztere 
ist die notwendige Folge davon, daß ein Teil des Handelskapitals 
ersetzt ist durch Bankkapital. Möglich gemacht aber hat diese Er- 
setzung der börsenmäßige Warenhandel. 

Der Zins — dies sei hier eingeschaltet — ist — Konsumtionskredit 
ausgenommen — immer ein Stück Profit oder Bodenrente. Jedoch ist 
folgendes noch zu merken. In der Produktion tätiges Leihkapital 
wirkt als industrielles Kapital, produziert also Profit. Es erhält nur 
Zins und vermehrt daher den Profit des industriellen Kapitalisten 
um die Differenz zwischen dem Durchschnittsprofit und dem Zins 
auf den Betrag des ausgeliehenen Kapitals. Im Handel, wo kein 
Profit produziert wird, sondern nur für das Handelskapital die 
Durchschnittsprofitrate aus der allgemeinen Profitmasse bezahlt 
werden muß, wirkt das Bankkapital anders. Es erhält seinen 
Zins, aber es produziert keinen Profit für den Händler. Dieser 
erhält vielmehr jetzt den Durchschnittsprofit für sein um den 
Betrag des Bankkapitals verringertes Handelskapital plus dem 
Zins, den er an das Bankkapital weiterzahlt. Zur Besorgung des 
Handels ist jetzt weniger kommerzielles Kapital nötig, daher 
auch weniger Profit auf dieses Kapital. Dieser ersparte Profit 
bleibt seinem Erzeuger, dem industriellen Kapital. Das Bank- 
kapital wirkt hier so wie irgendein Fortschritt, der Handels- 
kosten erspart. Der Unterschied in der Wirkung rührt einfach 
daher, daß industrielles Kapital Mehrwert erzeugt, kommerzielles 
nicht. 

In derselben Richtung wirkt ein anderer Umstand. Der börsen- 
mäßige Terminhandel schafft für die von ihm ergriffenen Waren 
einen stets aufnahmebereiten Markt. Der Produzent oder der Im- 
porteur kann daher jederzeit die Ware verkaufen. Das bedeutet aber 
eine Verkürzung der Zirkulationszeit seines Kapitals. Wir wissen 
aber bereits, daß jede Verkürzung der Zirkulationszeit Freisetzung 
von Kapital bedeutet. So vermindert der Terminhandel auch auf 
diese Weise das zur Zirkulation der Ware, also zu Handelsopera- 



219 



tionen erforderliche Kapital, das nicht zur Produktion, sondern nur 
zur Realisierung des Profits diente. 

Die adäquate Form jeder Spekulation ist der Terminhandel. Da 
jede Spekulation die Ausnützung von Preisdifferenzen ist und diese 
sich in der Zeit abspielen, anderseits aher für jede Spekulation die 
Zeit, in der sie keine Käufe oder Verkäufe macht, bloßer Verlust 
ist, da die Spekulation nicht Produktion ist, so muß sie jede Preis- 
differenz, auch die künftige, sofort benützen können. Sie muß also 
in jedem Augenblick für jeden künftigen Augenblick kaufen oder 
verkaufen können, eben das, was das Wesen des Terminhandels 
ausmacht. Indem die Spekulation dies tut, schafft sie einen Preis 
für jeden Moment des Jahres. Damit aber gibt sie dem Fabrikanten 
und Händler die Möglichkeit, die zufälligen Folgen der Preis- 
entwicklung für sich auszuschalten, sich gegen die Preisschwankun- 
gen zu versichern, das Risiko für die Preisänderungen auf die 
Spekulation abzuwälzen. Der Rohzuckerfabrikant, der heute Rüben 
kauft, weiß, daß er für dieselben sage 100 000 Mk. zahlen kann, 
wenn er den Rohzucker bereits heute an der Börse für denjenigen 
Termin, an dem er den Rohzucker wird liefern können, sage um 
130 000 Mk. wird verkaufen können. Verkauft er also heute den 
Rohzucker um diesen Preis, so ist er von allen unterdes erfolgenden 
Preisschwankungen unabhängig, er hat seinen Profit sichergestellt. 
Der Terminhandel ist so das Mittel für die Industriellen und 
Kommerziellen, sich auf ihre reine Funktion zu beschränken. 
Ein Teil des Reservekapitals, das zur Sicherung gegen diese 
Schwankungen notwendig war und in der industriellen, respektive 
kommerziellen Sphäre festlag, wird hiermit frei. Ein Teil da- 
von dient jetzt zur Börsenspekulation. Hier aber ist es konzen- 
triert, und infolgedessen kann es geringer sein, als das Kapital 
war, das in den Händen der einzelnen Industriellen und Kaufleute 
zersplittert war. 

Der kapitalistische Profit entsteht in der Produktion; er wird 
realisiert durch die Zirkulation. Es ist das naturgemäße Streben 
der Produzenten sowohl als der Händler, sich diesen Profit zu 
sichern gegen die Zufälle, die aus den Preisschwankungen während 



220 



der Zirkulation entstehen, wenn die Produktion längst abgeschlossen 
und der Profit damit für den Produzenten, respektive den Händler, 
der die Ware bereits gekauft hat, eine gegebene Größe ist. Diesem 
Streben dient in einem bestimmten Stadium der Entwicklung und 
für jene Waren, bei denen infolge natürlicher Ursachen (zum Bei- 
spiel infolge der Abhängigkeit des Ausfalles der Produktion von 
Witterungsverhältnissen) diese Schwankungen besonders groß und 
unübersehbar sind, der Terminhandel. Er gleicht die aus der Speku- 
lation stammenden Schwankungen möglichst aus, kann dies aber 
nur durch Erzeugung kleinerer und häufigerer Oszillationen, die 
die Spekulation hervorbringt. Diese Spekulation - gänzlich sinnlos 
vom gesellschaftlichen Standpunkt aus - erscheint notwendig, weil 
sie für den notwendigen Umfang der Beteiligung von Käufern und 
Verkäufern sorgt, so daß immer die nötigen Warenquanta gehandelt 
werden können. Diese Versicherung gegen Preisschwankungen 
bringt den Marktpreis in stetig größere Annäherung zum Produk- 
tionspreis. Es bildet sich eine eigene Klasse von Kapitalisten, die 
Spekulanten, heraus, die diese Preisschwankungen auf sich nehmen. 
Die Frage ist, wie verwertet sich deren Kapital? 

Wir haben bei der Effektenspekulation gesehen, daß dieses Kapi- 
tal Differenzgewinn erzielt. Der Gewinn des einen ist der Verlust des 
andern. Es sind dabei in der Regel die Großen, die warten können 
und selbst Einfluß auf die Kurse nehmen, und die Eingeweihten 1 , 
die Bescheid wissen, die den Gewinn machen auf Kosten der Kleinen 
und der Outsiders. Das Problem ist nur, ob der Spekulation außer- 
dem eine Risikoprämie zufällt. 

1 Allerdings darf man sich von den Eingeweihten beim Warentermin- 
handel keine besonderen Vorstellungen machen. „Wenn es so wäre, daß man 
aus den Berichten ersehen könnte, wie der Markt ferner gehen wird und 
welcher Preis angemessen ist, so wäre das eine herrliche Sache. Ich kann 
aus alter Erfahrung nur sagen: Gefühl ist alles. Informiert sein ist gani 
wundervoll, ein Schlagwort, nur es wird nichts daraus, und die Kaufleute 
irren sehr häufig . . . Der Kaufmann ist so unwissend wie der Landwirt, und 
wenn er alle Berichte studiert, ist er erst recht dumm geworden, und es 
kommt gewöhnlich anders", gesteht der aufrichtige Händler Damme. 
(Deutsche Börsenenquete, II., S. 2858.) 



17 Hilferding, Das Finanzkapital 



221 






Die Risikoprämie ist zwar sehr häufig berufen, aber um so 
weniger untersucht worden. Festzuhalten ist zunächst, daß die 
Risikoprämie nicht Entstehungs- und daher auch nicht Erklärungs- 
grund des Profits sein kann. Der Profit ist in der Produktion 
erzeugt und ist gleich dem Mehrwert, der in dem Mehrprodukt der 
Arbeiter, das der Kapitalistenklasse nichts gekostet hat, enthalten 
ist. Verschiedenes Risiko, das heißt verschiedene Sicherheit, den in 
der Produktion erzeugten Profit durch die Zirkulation realisieren 
zu können, kann nur eine verschiedene Verteilung des Profits be- 
wirken, so daß Zweige mit höherem Risiko, das sich aber auch wirk- 
lich in höherem Verlust ausdrücken muß, höhere Preise erzielen, so 
daß die Profitrate auf ihr Kapital doch schließlich gleich der Durch- 
schnittsprofitrate ist. Es ist klar, daß, soweit in einem Produktions- 
zweig mit besonderen Umständen, die den Ertrag vermindern, zu 
rechnen ist, diese Umstände ausgleichend in die Höhe der Preise 
eingehen müssen, damit die Gleichheit der Profitrate gewahrt werde. 
In den Preis optischer Linsen gehen auch die Kosten für jene Gläser 
ein, die beim Guß durchschnittlich verderben. Sie gehören eben zu 
den Produktionskosten. Ebenso gehen Beschädigungen oder Verderb, 
die Waren auf ihrer Reise zum Markt durchschnittlich erfahren, 
in den Preis ein. Anders steht es aber mit dem Risiko, das aus Vor- 
gängen entspringt, die nur zufällig während der Zirkulation vor- 
gehen, aber die Produktionskosten selbst alterieren. Ist zum Bei- 
spiel ein Produkt noch auf dem Markte, das mit alten Maschinen 
hergestellt wurde, während neue erlauben, es in der Hälfte 
der Zeit herzustellen, so existiert für dieses „Risiko" kein Aus- 
gleich. Der Verkäufer dieses Produkts wird den Verlust zu tragen 
haben. 

Ähnlich sind nun die Bedingungen für die Produkte, die zumeist 
auf dem Börsenterminmarkt gehandelt werden. Die Unsicherheit 
rührt daher, daß für den Preis zum Beispiel des deutschen Getreides 
nicht nur der Ausfall der deutschen Ernte, also die deutschen 
Produktionskosten, die sich im Preise unmittelbar ausdrücken 
würden, bestimmend sind, sondern ebenso die amerikanischen, 
indischen, russischen usw. Produktionskosten. Für diese Preis- 



gestaltung aber gibt es keinen Ausgleich im Preis des deutschen 
Getreides. 

Sofern aber in der Zirkulation große, unvorhergesehene Schwan- 
kungen auftreten, muß in einem solchen Produktionszweig ein 
Reservefonds von den Kapitalisten gehalten werden, um Verluste 
aus Preisschwankungen ausgleichen und die Produktion konti- 
nuierlich fortführen zu können. Dieser Reservefonds ist ein Teil 
des notwendigen Zirkulationskapitals, und für ihn wird der Durch- 
schnittsprofit berechnet. Der auf ihn entfallende Profit kann als 
Risikoprämie bezeichnet werden. Dieser Reservefonds wird aber 
auch durch den Terminhandel für die produktiven Kapitalisten nicht 
überflüssig. Denn der Terminhandel beseitigt durchaus nicht die 
Schwankungen der Preise, die aus Wechsel der Produktionsbedin- 
gungen folgen. Die Wirkung des Weltmarktes auf den inländischen 
Preis muß der Produzent tragen. 

Die Versicherung der Börse bezieht sich nur auf Schwankungen, 
die während der Zirkulation auftreten. Der Müller sichert sich den 
Preis, zu dem er heute sein Mehl verkauft hat, indem er heute Ge- 
treide kauft. Der Getreidehändler sichert sich seinen Gewinn, 
indem er das Getreide, das er heute gekauft hat, an der Börse für 
einen bestimmten Termin verkauft. Die Versicherung besteht 
darin, daß er sich den bestimmten, den bestehenden Preis sichert für 
einen späteren Termin, an dem er seine Verpflichtung effektiv 
erfüllen wird. Mit anderen Worten: Kauf und Verkauf haben sich 
für den Händler oder Produzenten Zug um Zug vollzogen, statt daß 
nur einseitig Kauf oder Verkauf stattgefunden hätte. Dies setzt 
aber einmal einen stets bereiten, großen, aufnahmefähigen Markt 
voraus, wie ihn der Terminhandel schafft; sodann aber Agenten, die 
ihrerseits diese Sicherung nicht vornehmen, sondern die Gestaltung 
des späteren Termines abwarten, eben Spekulanten, die dem sich 
versichernden Händler das Risiko abnehmen. Ihr Gewinn ist also 
keine Risikoprämie, sondern nur Differenzgewinn, dem ein ent- 

1 Der Schutzzoll gleicht diesen Preis nicht aus, sondern erhöht nur den 
deutschen um einen Betrag über den Weltmarktpreis, der dem Getreide- 
produzenten auch bei niedrigem Weltmarktpreis noch •'Profit bringen soll. 



222 



223 



r\ 



sprechender Verlust entgegenstehen muß. Eben dieser Charakter 
des Spekulationsgewinnes hat zur Folge, daß die Berufsspekulation 
nur gedeiht, wenn zahlreiche Außenstehende teilnehmen, die die 
Verluste tragen. Ohne Beteiligung des „Publikums" gedeiht die 
Spekulation nicht. 

Die fortschreitende Konzentration macht diese Versicherung all- 
mählich unnötig. Einen gewissen Umfang des Handelsgeschäftes 
gegeben, gleichen sich günstige und ungünstige Chancen aus. Das 
große Handelshaus macht die „Versicherung in sich" und verzichtet 
auf den Terminmarkt. Dazu kommt, daß die kleinen Spekulanten 
allmählich sich zurückziehen müssen, da sie immer öfter die Zeche 
zahlen mußten. Die Entwicklung des Aktienwesens und die Effek- 
tenspekulation entzieht sie der Warenbörse. Schließlich machen die 
Syndikate und Truste der Spekulation in jenen Waren, die sie be- 
herrschen, radikal ein Ende. 

Fragt man, für welche Schichten der Terminhandel nötig ist, so 
kann man sagen, daß seine Notwendigkeit für den mittleren Hand - 
ler wohl am dringendsten ist. Für den Produzenten trifft die Not- 
wendigkeit so weit zu, als dieser wichtige Handelsfunktionen sonst 
selbst vollziehen müßte. Dieses wird dann der Fall sein, wenn die 
Weiterver arbeitung schon großkapitalistisch ist, während die Er- 
zeugung des Rohmaterials noch stark zersplittert ist. Hier vollzieht 
die Börse die notwendige Konzentration der Produkte. Dies gilt zum 
Beispiel für die Zeit der Entwicklung dermodernen Handelsmüllerei. 



1 über die Beteiligung am Terminhandel überhaupt, sagt Herr Kämpf, 
Vorsitzender der Berliner Handelskammer: „Wenn die Wogen hochgehen, 
die ganze Welt. Wenn sie nicht hochgehen, dann sind es die reicheren Leute, 
die derartige Geschäfte machen." (Börsenenquete, II., S. 813.) 

2 Köstlich ist das Zwiegespräch zwischen Herrn v. Gamp und Herrn Horwitz 
über den Schmerz, den der Kaufmann bei dem Gedanken an die Verluste der 
kleinen Leute zu empfinden sittlich verpflichtet sei: Das liegt nicht in der 
Natur des Kaufmannes. Schaffen sie entweder den Kaufmann ab oder lassen 
sie ihm die Natur, die ihm nun einmal eigen ist. (Börsenenquete, III., S. 2459.) 

Für die ethische Nationalökonomie erfüllt die Börse überhaupt nur die 
Funktion einer moralischen Bedürfnisanstalt. Ihre sonstigen Funktionen 
bleiben ihr verborgen. 



Die Warenbörse vollzieht rascher und radikaler diese Konzentration, 
alswenn sich erst ein Großhandel entwickeln müßte. Für den Handel 
ist der Terminmarkt besonders in jenen Produkten erwünscht, wo 
die Zirkulationszeit lang, die Produktion über einen großen Kreis 
von schwer übersehbaren Produktionsstätten zersplittert, ihre 
Ergebnisse schwer vorauszusehen und inkonstant, die Zirku- 
lationsschwankungen der Preise daher bedeutend und unregel- 
mäßig sind. 

Ist der Terminhandel einmal etabliert, dann wird die Beteiligung 
sowohl für die Händler als auch für die Produzenten immer mehr 
zur Notwendigkeit, weil der Terminmarkt für die Preisgestaltung 
maßgebend wird. Dagegen nimmt die Einschränkung des Termin- 
handels auf die Berufshändler dem Terminhandel seine wich- 
tigste Funktion: die Versicherungsmöglichkeit durch Abwälzen der 
Verluste aus Preisschwankungen auf die Spekulation. 

Da die Spekulanten das Spekulationsobjekt nicht dauernd be- 
halten wollen, so geht schon daraus hervor, daß jeder Spekulant 
immer sowohl Käufer als Verkäufer ist. Der Baissespekulant, der 
Verkäufer einer Ware, wird ihr Käufer, um sich zu decken. Er ist 
aber Käufer und Verkäufer zu einem verschiedenen Zeitpunkt und 
nützt die Preisschwankungen innerhalb dieses Zeitpunktes aus, 
während die Versicherung des Effektivgeschäftes gerade darin 
besteht, diesen Schwankungen auszuweichen und daher den 
Käufen die Bewertung desselben Zeitpunktes durch gleichzeitigen 
Verkauf und den Verkäufen durch gleichzeitigen Kauf zugrunde 
zu legen. 

Der Spekulant nützt zunächst die Preisschwankungen aus, die 
nicht er, sondern der Effektivverkehr geschaffen hat. Diese Preis- 
schwankungen können sowohl aus zufälligem Verhältnis von An- 
gebot und Nachfrage als auch aus tief erliegenden Veränderungen 
der Produktionskosten der Ware hervorgegangen sein. Die Nach- 
frage und das Angebot der Spekulation verändert sodann selbst 
wieder dieses Preisniveau und bewirkt Schwankungen, die sich aber 
schließlich stets kompensieren müssen, eben weil jeder Spekulant 
sowohl Käufer als Verkäufer ist. Das hindert natürlich nicht, daß 



224 



22c 






eine Zeitlang eine Spekulationsrichtung, zum Beispiel Kauf, also 
Haussespekulation, überwiegen kann; solange diese Einseitigkeit an- 
hält, steht der Preis über dem Niveau, das aus dem bloßen Effektiv- 
geschäft sich ergeben würde. So bewirkt die Spekulation häufigere 
und deshalb vielfach auch geringere Preisoszillationen, die sich auf 
die Dauer gegenseitig kompensieren. 

Der Terminhandel konzentriert das ganze Geschäft an einem 
Ort und gibt den dortigen Großhändlern das Übergewicht über die 
Provinzialhändler, die allmählich verschwinden. 1 Aber an dem 
Börsenplatz selbst gibt er die Möglichkeit des Eindringens früher 
außenstehender Elemente, die den alten Häusern Konkurrenz 
machen. Daher begegnet die Neueinführung des Terminhandels 
oft dem Widerstand der alten Berufshändler. Der Terminhandel 
ist bis zu einem gewissen Grade weniger qualifiziert als der alte 
Berufshandel, und die Beteiligung des Bankkapitals erlaubt kapitals- 
schwächeren Elementen die Teilnahme. Aber auch hier findet auf 
der neuen Basis eine Konzentration statt; im allgemeinen hat man 
den Eindruck, daß die Beteiligung der reinen Spekulation und der 
außenstehenden Elemente an den Terminmärkten eher im Ab- 
nehmen begriffen ist. 

Umgekehrt bedeutet die Abschaffung des Terminhandels die Ver- 
stärkung der Position der Großhändler, die das Versicherungs- 
geschäft entbehren können. 

Eine Gefahr des Terminhandels besteht in der Möglichkeit des 
„Schwänzens". Der Käufer hat das Recht, sich die Ware auf Rech- 
nung des Verkäufers auf der Börse zu kaufen, wenn der Verkäufer 
am Lieferungstage die Ware nicht abgeliefert hat. Ist diese Ware 



1 Siehe Börsenenquete, Bericht der Kommission. S. 90. 

2 „Aus dem Kaffeehandel hahen sich die kleinen und unberufenen Ele- 
mente zurückgezogen, er steht unter Führung großer Konsortien." (Börsen- 
enquete, S. 2065.) Dies aus der Erfahrung erklärlich, die der Sachverständige 
van Gülpen in die Worte faßt: „Es läßt sich mit großer Kapitalsgewalt außer- 
ordentlich viel ausrichten, wenn sie auf vereinzelte Artikel dirigiert wird." 

Die großen Londoner Getreidefirmen sind Gegner der Einführung des 
Terminhandels, durch den der Handel demokratisiert und ihre beherrschende 
Stellung aufgehoben würde. (Ebenda, S. 3542.) 



226 



nicht in genügendem Verhältnis zur Nachfrage vorhanden, weil 
der Käufer die verfügbaren Vorräte bereits früher hat ankaufen 
lassen, so entstehen sehr hohe, fiktive, vom Willen der Käufer ab- 
hängige Preise; die Verkäufer sind dann den Käufern völlig preis- 
gegeben. Die „Schwänze" ist um so leichter, je geringer der Vorrat 
der Ware. Dies kann auch künstlich herbeigeführt werden, wenn 
die Lieferungsbedingungen für den Terminhandel hohe Ansprüche 
an die Qualität der Ware stellen. Umgekehrt ist die Herabsetzung 
der Lieferungsqualitäten ein Mittel, das „Schwänzen" zu erschwe- 
ren. Die „Schwänze" läßt sich gewöhnlich nur unter besonderen 
Umständen und für kurze Zeit herbeiführen, zum Beispiel wenn 
die Getreidevorräte gering sind, weil die neue Ernte noch nicht 
stattgefunden, die alten Vorräte aber bereits zumeist verkauft sind. 
Die außerordentlichen Preise bewirken aber gewöhnlich das Er- 
scheinen von Vorräten, die man schon der Konsumtion anheim- 
gefallen glaubte, auf dem Markte. Übersteigen die neuen Zufuhren 
die Aufnahmefähigkeit der Käufer, so bricht die „Schwänze" zu- 
sammen. Im allgemeinen bedeuten aber auch gelungene „Schwän- 
zen" nur die Expropriation der außenstehenden Spekulantengruppen 
und beeinflussen den effektiven Handel und die wirklichen Preise 
der Ware in geringem Maße. 

Das deutsche Börsengesetz vom 22. Juni 1896 hat bekanntlich 
den Terminhandel zum Teil aufgehoben, zum Teil erschwert. Der 
Getreidehandel erfuhr, namentlich seit die Rechtsprechung auch 
das handelsrechtliche Lieferungsgeschäft bedrohte, eine starke Ein- 
schränkung. So wurde „der Kreis der am Lieferungshandel be- 
teiligten Personen ein immer kleinerer, und zwar so klein, daß er 
für die Zwecke des Lieferungshandels kaum mehr ausreicht". Da- 
durch wurden nun auch die Versicherungsgeschäfte wesentlich 
erschwert. Was waren nun die Folgen? „Es gibt nun schon einige 
sehr große Firmen, die wegen der Schwierigkeiten, welche damit 
verbunden sind, eine Preissicherung an der Terminbörse ganz 
entbehren zu können glauben, und dieselben haben dabei, unter- 
stützt durch einige Jahre stabilerer, ja sogar steigender Preise, 
nicht unerhebliche Gewinne erzielt. Im allgemeinen halten jedoch 



227 






die soliden Firmen ein solches Verfahren für eine sehr gefährliche 
Spekulation und begnügen sich lieber mit einem kleineren, aber 
sicheren Gewinn ... Es ist ganz unverkennbar, daß bei der heutigen 
Sachlage die oben erwähnten zwei bis drei großen Firmen auch 
einen immer wachsenden Anteil des ganzen Geschäftes an sich 
reißen. Durch die Gesetzgebung wird hier die Konzentration 
ebenso begünstigt, wie eine solche im Bankgewerbe auf dieselbe 
Weise zutage getreten ist. Es ist sehr zu bezweifeln, ob diese Ent- 
wicklung denjenigen, welche das Gesetz als einen so großen Erfolg 
preisen, wirklich auf die Dauer gefallen wird. Für die Erzielung 
möglichst günstiger Preise wird wohl jedenfalls eine vielseitige 
Konkurrenz den Landwirten weit bessere Garantien bieten, als 
wenn schließlich ein paar Riesenfirmen die Preise diktieren 
können." 

„Die Provinzhändler sind um so mehr am Lieferungsgeschäft 
interessiert, als sich ihnen durch den Terminverkauf die Möglich- 
keit bietet, die Ware günstig zu lombardieren, da dieselbe schon 
zu einem festen Preise verkauft ist und daher nicht mehr durch 
einen Preissturz an Wert verlieren kann. So wird dann der Händler 
wieder kapitalkräftig und imstande, neue Posten Getreide den Pro- 
duzenten zu guten Preisen abzunehmen." 

Durch Verkürzung der Zirkulationszeit für die produktiven 
Kapitalisten und Abnahme des Risikos durch die Spekulation 
können auch Rückwirkungen auf die Produktion erfolgen. Vor Ein- 
führung des Terminhandels war es hauptsächlich ein Teilproduzent, 



1 H. Ruesch, „Der Berliner Getreidehandel unter dem deutschen Börsen- 
gesetz"; Conrads Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik", III. Folge, 
XXXIII. Bd., 1907, 1. Heft, S. 53. 

- Ebenda, S. 87. Vergleiche auch die Voraussage dieser Entwicklung bei 
Landesberger: „Die allergrößten Getreidehäuser beteiligen sich bezeichnen- 
derweise am Terminhandel nicht, sie machen die Versicherung in sich. Die 
Aufhebung des Termbihandels muß daher mit derselben Notwendigkeit dazu 
führen, den Getreidehandel in den Händen der kapitalslärksten Häuser zu 
konzentrieren, mit der das Verbot des Terminhandels in gewissen Sorten 
von Wertpapieren diesen Zweig des Effektenhandels in die Hände der 
deutschen Großbanken gespielt hat." (L. c, S. 45.) 



der das Risiko zu tragen hatte; fällt dies und die Notwendigkeit der 
Lagerung der Ware, die jetzt ebenfalls an dem Börsenplatz konzen- 
triert ist, fort, so genügt die reine Produktionsfunktion nicht mehr; 
der Teilnehmer wird Vollunternehmer durch Kombination seines 
Betriebes mit einem zweiten. Er kann das um so eher, da ja jetzt 
ein Teil seines Zirkulations- und Reservekapitals frei geworden ist. 
So werden die Wollkämmer überflüssig, weil das Risiko, das sie 
früher trugen, nun auf den Terminhandel überwälzt ist. Sie werden 
nun selbst Spinner; oder die Spinner gliedern sich umgekehrt Woll- 
kämmereien an. 

Der Terminhandel erspart den Produzenten Zirkulationskapital 
erstens durch Verkürzung ihrer Zirkulationszeit, zweitens durch 
Reduzierung der Selbstversicherung (Reservefonds) gegen Preis- 
schwankungen. Das verstärkt die Kapitalskraft der großen Unter- 
nehmungen, die vor allem die Vorteile des Terminmarktes genießen. 
Das so frei gewordene Kapital wird zu Produktionskapital. 

Bei der Arbeitsteilung der Unternehmungen ist nicht allein der 
technische Gesichtspunkt ausschlaggebend, sondern auch der kom- 
merzielle; manche Teilprozesse, zu denen vor allem die Verarbei- 
tung von Rohstoffen zu Halbfabrikaten gehört, bleiben nur deshalb 
als solche verselbständigt, weil die Teilproduzenten zugleich wich- 
tige kommerzielle Funktionen erfüllen. Sie übernehmen die Roh- 
stoffe vom Produzenten oder von den Importeuren, mit denen sie 
das Risiko der Preisschwankungen teilen. Die Selbständigkeit wird 
überflüssig, wenn sich der Fabrikant auch ohne diese Vermittlung 
durch den Terminmarkt vor Risiko schützen kann. Er gliedert dann 
seinem eigenen Betrieb diese Verarbeitung des Rohstoffes an. Es 
ist der Wegfall der kommerziellen Funktion, der die technische 
Selbständigkeit überflüssig macht. Es liegt auch hier die Tendenz 
nach Ausschaltung des Zwischenhandels vor. Die Warenbörsen 
scheinen allerdings zunächst die Handelsoperationen noch zu ver- 
mehren, jedoch wissen wir bereits, daß diese Käufe und Verkäufe 
Umsätze nicht des Handels, sondern der Spekulation darstellen. 

Wir haben gesehen, daß der Terminhandel Mittel ist, um Bank- 

1 Börseneucpete, III., S. 3373 ff. Aussage Offermanns. 



228 



229 



kapital sich am Warenhandel beteiligen zu lassen, zunächst durch 
Kreditgewährung, sei es in Form der Lombardierung oder des 
Reportgeschäftes. Die Bank kann aber ihre große Kapitalsmacht 
und ihre Übersicht über den Markt auch ausnützen, um mit ziem- 
licher Sicherheit sich an der eigentlichen Spekulation zu beteiligen. 
Ihre umfassenden, sich über eine Reihe von Terminmärkten er- 
streckenden Verbindungen geben ihr außer besserer Übersicht über 
den Markt zunächst Gelegenheit zu sicheren Arbitrageoperationen, 
die bei dem großen Umfang, in denen sie ausgeführt werden, erheb- 
lichen Gewinn bringen. Die Bank wird solche Spekulationsgeschäfte 
um so sicherer ausführen können, in je größerem Umfang sie über 
die Ware verfügt und damit Einfluß auf die Größe der Zufuhr 
nehmen kann. So entsteht das Streben, über die Waren, die auf dem 
Terminmarkt gehandelt werden, immer mehr die Verfügung zu 
bekommen. Die Bank sucht die Ware direkt vom Produzenten unter 
Ausschluß anderer Händler zu erhalten. Sie läßt sich entweder 
kommissionsweise den Verkauf übertragen - und sie kann für diesen 
Verkauf in Konkurrenz mit dem Händler einen viel geringeren 
Profit beanspruchen als dieser, weil sie noch Spekulationsgewinn 
machen kann und weil sie mit Kredit in viel höherem Maße arbeiten 
kann - oder sie kauft die Ware für eigene Rechnung. Die Bank 
benützt dabei den Einfluß, den sie durch ihre sonstigen geschäft- 
lichen Beziehungen auf die Industrie besitzt, um sich an Stelle des 
Kaufmannes dem Industriellen darzubieten. Ist die Bank einmal 
im Besitz des Absatzes, so werden dadurch die gegenseitigen Be- 
ziehungen der Bank zur Industrie enger. Die Bank ist an der Preis- 
gestaltang der Ware nicht nur als Spekulant interessiert, ein hoher 
Preis ist ihr erwünscht im Interesse des Unternehmens, zu dem sie 
auch Kreditbeziehungen aller Art hat. Zugleich sucht sie, da sie ja 
Interesse an möglichst großer Verfügung über die Ware hat, mit 
möglichst viel Unternehmungen Verbindung und wird so an dem 
ganzen Industriezweig interessiert. Dir Interesse aber ist es, diesen 
Industriezweig möglichst gegen Depressionen zu schützen ; sie wird 
ihren Einfluß benützen, um die Kartellierung zu beschleunigen, 
die ja allerdings die spekulative Tätigkeit der Bank auf dem inneren 



250 



Markt (nicht auf dem Weltmarkt) überflüssig macht, sie aber durch 
Anteilnahme am Kartellprofit, in verschiedener Form dafür reich- 
lich entschädigt. Es ist eine Entwicklung, die sich namentlich dann 
vollzieht, wenn aus historischen Ursachen die Bildung eines starken 
und leistungsfähigen Großhandels, sei es überhaupt, sei es in dem 
betreffenden Produktionszweig, ausgeblieben ist. So sind in Öster- 
reich die Banken auf dem Wege des Handels in die Zuckerindustrie, 
mit geringerem Erfolge in die Petroleumindustrie eingedrungen 
und Träger der Kartellierungsbestrebungen in diesen Industrie- 
zweigen geworden, die stark in ihrer Abhängigkeit stehen. So wird 
hier durch den Terminhandel eine Entwicklung, die ja allgemeine 
Tendenz ist, begünstigt, um schließlich den Terminhandel selbst 
wieder aufzuheben. 

Die monopolistischen Verbände beseitigen die Warenbörsen voll- 
ständig. Das ist ja selbstverständlich, da sie die Preise für längere 
Zeit festsetzen und daher die Ausnützung der Preisschwankungen 
unmöglich machen. Die „Verteilung in der Zeit" geht natürlich 
ohne weiteres vor sich, was höchstens Herrn Professor Ehrenberg 
überraschen kann. Das deutsche Kohlensyndikat und der Stahl- 
werksverband haben die Börsennotierungen von Essen und Düssel- 
dorf zu rein nominellen gemacht. „So besteht die Essener Kohlen- 
börse lediglich in — einer Mappe mit Kohlennotierungen, die jedes- 
mal vom Kohlensyndikatsgebäude zum Essener Saalbau getragen 
wird, während die ganze sogenannte Düsseldorfer Produktenbörse 
in — einem Schreibebrief besteht, den ein Industrieller regelmäßig 
dem Vorstand der Düsseldorfer Börse zugehen läßt." 

Das gleiche gilt für das Termingeschäft in Spiritus. „Es ist hier 
ganz richtig bemerkt, daß ein Teil des Handels durch die Zentrale 
(für Spiritusverwertung) seine Bedeutung verloren hatte und daß 
ein Teil des Zwischenhandels in dem Syndikat keinen Raum mehr 
fand. Es ist das der Teil, der sich in der Hauptsache mit dem Börsen- 
geschäft befaßt. Das Kommissionsgeschäft, die Makler, alle die 
Händler, die nicht direkt mit Produzenten in Verbindung stehen, 
sind allerdings durch das Zustandekommen des Syndikats überflüssig 

1 „Berliner Tageblatt" vom 19. Oktober 1907. 



231 



geworden und sind dadurch ausgeschaltet." Die effektiven Händler 
werden vom Spiritussyndikat in Agenten verwandelt, mit fester 
Provision (30 bis 40 Pf.), und ihre Zahl, wie es scheint, ziemlich 
stabil gehalten— 1906 waren es 202 — , die 40 Prozent der Erzeugung 
absetzten. 

Soweit die Gewinne der Produktenbörse aus Handelsprofit stam- 
men, fallen sie bei Ausschaltung der Börse den Produzenten zu. 
Dies ist auch der Fall bei jenen Gewinnen, die aus der Verschieden- 
heit der Produktionszeit (der „Dauer der Kampagne") und der 
Konsumzeit entstehen. So sind zum Beispiel für Spiritus die 
Sommerpreise höher als die Winterpreise. Die Produktion geht am 
Ende der Kampagne in die Hände des Handels über. Die Sommer- 
preise sind schon deswegen höher, weil Lagerungskosten, Zinsver- 
luste usw. berechnet werden müssen. Aber die Brenner müssen am 
Ende der Kampagne möglichst bald verkaufen. Das Angebot ist hier 
drängend. Umgekehrt findet während des Sommers keine Produk- 
tion statt. Das Angebot kann hier nicht mehr vermehrt werden, und 
die Händler sind kapitalskräftig genug, um die Ware nicht in un- 
günstigen Zeiten loszuschlagen. Hier spielt der Unterschied der 
Kapitalskraft der Händler einerseits, denen auch hier das Bank- 
kapital für Reportierung oder Lombardierung zur Verfügung steht, 
und der Kapitalskraft der oft kleinen Produzenten eine Rolle in der 
Preisbestimmung, allerdings nicht für den Preis, den der Konsum 
zu zahlen hat, sondern für den, den der Händler dem Produzenten 
zahlt. Auch diese Verhältnisse werden durch ein Kartell der Pro- 
duzenten zuungunsten der Händler und zugunsten der Produzenten 
geändert. Sehr prägnant drückt dies Herr Stern, der Geschäftsführer 
der Zentrale für Spiritusverwertung, aus, wenn er sagt: „Das Syn- 
dikat läßt die Preissteigerung nach Schluß der Brennkampagne den 
Brennern zugute kommen, der freie Markt der Spekulation." 

Gerade auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Produktion hat 
die Kartellierung — und die landwirtschaftlichen Produktions- 

1 Kontradiktorische Verhandlungen der deutschen Kartellenquete über die 
Verbände in der deutschen Spiritusindustrie. Aussage des Geschäftsführers 
der Zentrale für Spiritusverwertung, BourzutscKky. 



252 



„genossenschaften" sind häufig nichts anderes als Kartellkeime oder 
Kartelle im kleinen - große Vorteile, weil gerade für die landwirt- 
schaftliche Produktion die kapitalistische Regelung durch den Preis 
am unangemessensten ist, die Anarchie der kapitalistischen Gesell- 
schaft mit den natürlich-technischen Bedingungen gerade der land- 
wirtschaftlichen Produktion unvereinbar ist, wie ja der Kapitalis- 
mus überhaupt das Ideal einer rationellen Landwirtschaft im 
Gegensatz zur Industrie nicht durchsetzen kann. Dieser Wider- 
spruch, in den die kapitalistische Preisgestaltung zu den natürlich- 
technischen Bedingungen landwirtschaftlicher Produktion gerät, 
wird aber durch das Vorhandensein eines Terminmarktes, der die 
Preisänderungen kontinuierlich macht, auf die Spitze getrieben. 
Was Schuld der kapitalistischen Produktionsweise überhaupt, wird 
so dem Terminhandel mit seinen oft dramatischen, durch die Speku- 
lation hervorgerufenen oder doch übertriebenen Änderungen der 
Preisrichtung angekreidet. Demagogisch ausgenützt, kann daher 
leicht bei den landwirtschaftlichen Produzenten eine heftige Be- 
wegung gegen den Terminhandel hervorgerufen werden. 1 



1 Sehr richtig sagt Landesberger: „Der Kampf der Landwirtschaft gegen 
den Terminhandel findet seine Erklärung auch in wichtigen Tatsachen der 
Wirtschaft. Die Landwirtschaft steht mehr als irgendein anderer Produktions- 
zweig im Banne zeitlich und örtlich gegebener Produktionsbedingungen. Das 
heißt, der Faktor Produktionskosten ist bei ihr weniger veränderlich als in 
anderen Wirtschaftszweigen. Es hängt dies zusammen mit der Bindung des 
Kapitals in der Landwirtschaft, mit der Bodenverschuldung, mit der natür- 
lichen Schwierigkeit, die wichtigsten Defensivwaffen anderer Produktions- 
zweige gegen ungünstige Konjunkturen: Spezialisierung der Produktion, 
temporäre Ausdehnung und Einschränkung des Betriebes, auch nur an- 
nähernd im gleichen Umfang oder mit gleichem Erfolg anzuwenden. Der 
außerpersönliche Faktor alles Wirtschaftslebens, die Konjunktur, hat in 
keinem anderen Produktionszweige ein gleiches Übergewicht über den per- 
sönlichen Faktor: Produktionskosten. Und die Konjunktur ist für die mittel- 
europäische Landwirtschaft seit mehreren Jahrzehnten überwiegend ungün- 
stig. Die Konjunktur aber wird durch den Terminhandel vermittelt. Der 
Handel, der die Konjunktur nicht umgehen kann, der an beiden Polen seines 
Wirtschaftsprozesses, bei Anschaffung und Veräußerung von der Konjunktur 
ergriffen wird, ist gezwungen, auf sie mit einer spezifischen Funktion zu 



233 



Soweit ein Kartell imstande ist, die Anarchie einzuschränken, 
soweit wirkt es gerade auf landwirtschaftlichem Gebiet besonders 
günstig. Es liegt im Charakter der Landwirtschaft, daß die Produk- 
tionsmengen der einzelnen Jahre je nach den natürlichen Bedingun- 
gen außerordentlich variieren. Diese Produktionsmengen beein- 
flussen aber unmittelbar den Preis. Eine überschüssige Produktions- 
menge übt starken Preisdruck und vermehrt in diesem Jahr die 
Konsumtion. Infolge der gedrückten Preise wird im nächsten Jahr 
die Produktion beschränkt. Tritt dazu etwa eine schlechte Ernte, so 
tritt Mangel ein, der Preis schnellt in die Höhe, die Konsumtion 
wird stark eingeschränkt. Die zersplitterte Produktion ist gegen 
diese Erscheinungen ziemlich machtlos. Das Kartell aber hat auf 
die Preisgestaltung viel größeren Einfluß, da es die Möglichkeit 
hat, rechtzeitig Vorräte anzulegen und in Verbindung mit der 
Produktionskontingentierung allzu starken Schwankungen vorzu- 
beugen. Freilich benützt das kapitalistische Kartell diese Macht, 
um dauernd Höchstpreise zu erzielen durch eine dementsprechende 
Einschränkung der Produktion. Aber für die landwirtschaftliche 
Produktion schafft es stabilere Verhältnisse. 






reagieren. Das Organ für diese Funktion ist der Terminhandel, seine Auf- 
gabe, die Weltkonjunktur ökonomisch erfaßbar zu machen, sie möglichst klar 
zu vermitteln. Der Terminhandel in seiner vollkommensten Gestalt, von 
allen Irrungen und Mißbräuchen befreit, müßte die Konjunktur getreulich 
widerspiegeln. Aber in diesem Spiegel würde die Landwirtschaft überwiegend 
eine ihr ungünstige Konjunktur erblicken. Und daher das natürliche Be- 
streben, den Spiegel zu zertrümmern." (Landesberger, 1. c, S. 44 ff.) 

Daß das Verbot des Terminhandels in einem Staate durch Ausnützung 
des Terminhandels in einem anderen für die kapitalskräftigen Händler und 
Spekulanten umgangen wird, ist bekannt. So sagt zum Beispiel der Baumwoll- 
industrielle Dr. Kuffler: „In Bremen, wo fast das ganze Baumwollimport- 
geschäft für Zentraleuropa gemacht wird, hesteht kein Terminhandel, und 
doch wird jeder einzelne Abschluß auf Termin basiert, nämlich in Liverpool 
oder in New York." (Siehe den Bericht über die Verhandlungen der Gesell- 
schaft österreichischer Volkswirte in „Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozial- 
politik und Verwaltung", XI. Bd., S. 83.) Ebenso hat das Verbot des Getreide- 
terminhandels in Osterreich nur die Übertragung der Spekulation nach Buda- 
pest hewirkt. 



So sagt der eben angeführte Geschäftsführer Stern: „Das Syn- 
dikat kann die Überschüsse bis zu einem sehr weitgehenden, wenn 
auch nicht unbeschränkten Maße aufbewahren. Der freie Markt 
läßt, sowie die Überschüsse zu stark werden, sofort einen Preissturz 
eintreten und hört damit erst auf, wenn das Produkt weit unter den 
Herstellungswert sinkt. Das Syndikat kann den Auslandspreis vom 
Inlandspreis trennen, der freie Markt ist, wenn Überschüsse vor- 
handen und auf Ausfuhr angewiesen sind, in der Preislage für das 
gesamte Erzeugnis vom Erlös für den Export abhängig. Ein Bei- 
spiel: 1893/94 ist ein Überschuß von 20 Millionen Liter vorhanden 
gewesen, keineswegs ein bedrohlicher Überschuß, der aber den 
Durchschnittspreis des Jahres auf 31 Mk. drückte. Das Syndikat 
hätte in diesem Jahre 10 Millionen mehr exportiert, und wenn es 
auf diese 10 Millionen 5 oder 8 Mk. im Preise, gleich 500 000 bis 
800 000 Mk. verloren hätte, so hätte es dem Brennergewerbe 
eine große Entwertung erspart; denn wenn ich annehme, daß die 
Preise dann 5 Mk. auf die ganze Produktion höher gewesen wären, 
so hätten wir mit 500 000 bis 800 000 Mk. Verlust die ganze Pro- 
duktion von etwa 300 Millionen Liter um 15 Millionen Mk. im 
Werte gehoben. 

Die Börse hat wesentliche Bestände nicht aufkommen lassen und 
sehr schnell ein etwaiges Plus durch ein Minus der Produktion aus- 
geglichen. Die Bestände, die am Schluß einer Kampagne (am 
50. September eines Jahres) vorhanden waren, betrugen während 
der Dauer des freien Marktes in Spiritus regelmäßig zirka 30 Mil- 
lionen; mehrere Male bleibt der Bestand darunter, und zwar am 
weitesten einmal um 9 Millionen; ein einziges Mal aber steigt 
diese Ziffer wesentlich, nämlich um 1 5 Millionen im Jahre 1893/94. 
Diese Ziffern, diese 10 Millionen hin und her, sie sind nur 3 bis 
5 Prozent der Produktion, und diese 3 bis 5 Prozent genügen, um 
den Preis auf das äußerste zu drücken. Selbst kleine Bestände 
machen den Spekulanten nervös; er stößt sie ab, wenn er glaubt, 
daß eine gute Ernte bevorsteht. Das scheinbare Gleichmaß der Börse 
war nichts anderes im Grunde als Ängstlichkeit und Nervosität." 
Den Grund, warum ihm der Ausgleich durch die Börse nicht recht 



234 



235 



• 






ist, gibt er gleich darauf an: „Der Ausgleich wird von der Börse 
durch billige Preise erzielt." Seine Auftraggeber, die kartellierten 
Brenner und Spritfabrikanten, können aber nur einen Ausgleich zu 
hohen Preisen brauchen. 

Manche Verfechter des Terminhandels behaupten auch, daß er 
eine Gewähr für eine genauere Preisbestimmung sei. Der Termin- 
markt umfasse eine größere Zahl von sachverständigen Interessen- 
ten, die Besultante so vieler sachverständiger Meinungen müsse im 
allgemeinen richtiger sein als die einer geringeren Anzahl. Aber die 
Eigenschaft, Getreidehändler zu sein, verleiht dem Menschen noch 
nicht die mystische Fähigkeit, den künftigen Ernteertrag voraus- 
sehen zu können, und diese Fähigkeit besitzt weder einer noch un- 
endlich viele Getreidehändler. Mag also für Börsenbesucher das 
Wort „Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen" nicht gelten, so 
besitzen sie doch — so viele alttestamentarische Eigenschaften sie 
sonst haben mögen - sicher nicht die Prophetengabe. In Wirklich- 
keit sind Terminpreise nur spekulativ. Selbst ein Syndikat wie das 
Spiritussyndikat, das auf die inländische Preisbestimmung ja un- 
mittelbaren Einfluß hat und daher viel eher in der Lage wäre, 
Terminofferten abzugeben, gibt sie nur ungern ab. So sagt der Ge- 
schäftsführer der Spirituszentrale, Untucht: „Mit den Termin- 
offerten hat es immer gewisse Schwierigkeiten gehabt. Wenn es 
nach uns gegangen wäre, wären wir lieber mit den Terminofferten 
zurückhaltender gewesen . . . Wenn jemand ein Produkt offeriert, 
muß er, um den Preis normieren zu können, vorher wissen, welche 
Mengen ihm zur Verfügung stehen. Wir können das natürlich erst 
wissen, wenn die Kampagne schon etliche Monate vorgeschritten ist, 
Auch dann sind wir Täuschungen nicht ganz enthoben, denn erst 
die Produktion der Frühjahrsmonate gibt immer den Ausschlag 
dafür, ob die Produktion der Kampagne groß oder klein ist; 
dies namentlich, wenn die Situation etwas unübersichtlich ist." 
Man wird aber zugeben, daß die Informationen der Zentrale, die 



1 Anderseits zeigt dies aber auch, wie unvollkommen die Börse ihre angeb- 
liche Funktion des zeitlichen Ausgleichs erfüllt. 



236 



die ganze Produktion übersieht und der zirka 80 Prozent der 
Produktion unterstehen, ganz anders geartet sind als die der Börsen- 
besucher. 

Der Grund, der zum Verlangen nach Terminpreisen führt, ist 
der, daß die weiterverarbeitende Industrie in dem Moment, wo sie 
Offerten abzugeben hat, dazu die Preise des Rohmaterials kennen 
muß. Wenn nun der Zeitpunkt der Kampagne des Rohmaterials 
nicht zusammenfällt mit den Bestellungsterminen der weiterver- 
arbeitenden Industrie, so entsteht bei Waren mit stärkeren Preis- 
schwankungen das Bedürfnis nach Terminpreisen. Der Weiter- 
verarbeiter wälzt damit das Risiko auf seinen Rohmateriallieferan- 
ten ab. Syndikate aber benützen ihre Stärke, um das Risiko wieder 
von sich abzuwälzen, sei es, daß sie die Preise stabil halten oder daß 
sie die Terminpreise so hoch ansetzen, daß für sie ein Risiko gleich- 
falls in Wegfall kommt. Herr Untucht spricht es auch direkt aus: 
„Da wir uns ungewissen Verhältnissen gegenüber befinden, haben 
wir die Vorsicht (siel) beobachtet, daß wir die Preise eher etwas zu 
hoch griffen als zu niedrig." Und in der Denkschrift des Syndikats 
wird bemerkt: „Während solche Terminofferten in den ersten vier 
Jahren des Syndikats zeitig zu Beginn des neuen Geschäftsjahres 
ausgegeben wurden, wird seit 1904/05 der Grundsatz befolgt, die 
aUgemeinen Lieferungspreise erst zu notieren, sobald ein gewisser 
Anhalt für die Entwicklung der Produktion vorliegt." 

In der deutschen Börsenenquete halten die außerhalb der Ge- 
schäftswelt stehenden Mitglieder (wie Geheimrat Wiener und der 
freikonservative Abgeordnete v. Gamp) das Effektivgeschäft für 
legitim, das Börsendifferenzgeschäft für illegitim; eine Unter- 
scheidung, die ebenso regelmäßig von den Geschäftsleuten zurück- 
gewiesen wird. Die ersten können eben nicht begreifen, daß bei 
allen kapitalistischen Transaktionen der Gebrauchswert völlig 
gleichgültig und nur meistens eine traurige Notwendigkeit (conditio 
sine qua non) ist. Das reine Differenzgeschäft ist in Wirklichkeit 
der vollendetste Ausdruck der Tatsache, daß für den Kapitalisten 
nur der Tauschwert wesentlich ist. Gerade das Differenzgeschäft ist 



18 Hilferding, Das Finanzkapital 



237 



so das legitimste Kind der kapitalistischen Grundstimmung; es ist 
das Geschäft an sich, bei dem von der profanen Erscheinungsform 
des Wertes — dem Gebrauchswert — abstrahiert ist; es ist nur natür- 
lich, daß dieses ökonomische Ding an sich den nichtkapitalistischen 
Erkenntnistheoretikern schlechthin als transzendent erscheint und 
sie es dann in ihrem Ärger als Schwindel bezeichnen. Sie sehen 
nicht, daß hinter der empirischen Realität eines jeden kapitalisti- 
schen Geschäfts die transzendentale Tatsache eines solchen Geschäfts 
an sich steht, die erst jene empirische Realität erklärt. Das merk- 
würdige dabei ist, daß den Verteidigern des Gebrauchswertes, 
sobald sie mit der Börse zu tun bekommen, der Begriff des Ge- 
brauchswertes selbst verlorengeht. Als effektiv gilt ihnen jetzt jedes 
Geschäft, ob es sich um Umsatz von Ertragstiteln oder Waren han- 
delt, in gleicher Weise, wenn nur die Papiere oder die Waren wirk- 
lich abgeliefert werden. Sie übersehen dabei vollkommen, daß die 
Effektenzirkulation für den Stoffwechsel der Gesellschaft völlig 
gleichgültig ist, während die Warenzirkulation ihre Lebensbedin- 
gung ist. 



1 Es ist also ganz richtig, wenn der Sachverständige Simon meint (Börsen- 
enquete, II., S. 1584): „Der Wunsch nach Differenz ist der eigentliche Be- 
gründer jedes gewerblichen Unternehmens." Wenn dagegen der Reichsbank- 
präsident Koch einwendet, bei Kaufgeschäften liege zum Unterschied von 
Differenzgeschäften die Absicht zugrunde, eine Ware aus einer Hand in die 
andere gehen zu lassen, so trifft diese Erwiderung vollständig daneben und 
wird auch von Simon gar nicht verstanden. Denn der Unterschied zwischen 
den beiden Geschäften besteht nur darin, daß diese Differenz einmal durch 
den Durchschnittsprofit, das andere Mal durch Differenzgewinn im katego- 
rischen Sinn gebildet wird. 

Die bürgerliche Ökonomie verwechselt fortwährend die gesellschaftlichen 
Punktionen der wirtschaftlichen Handlungen mit den Motiven der Handeln- 
den und schiebt die Erfüllung dieser Punktionen den Handelnden als deren 
Motiv unter, wovon diese natürlich nichts wissen. Sie sieht also gar nicht das 
spezifische Problem der Ökonomie: diesen funktionellen Zusammenhang der 
wirtschaftlichen Handlungen, durch dun sich das gesellschaftliche Leben er- 
füllen muß, als Ergebnis ganz anderer Motive aufzudecken und aus der not- 
wendigen Funktion selbst die Motivation der kapitalistischen Produktions- 
agenten zu verstehen. 



238 



Zu welchen Verrücktheiten die Gleichgültigkeit gegenüber dem 
Gebrauchswert führen kann, dafür ein Beispiel. Um die Ware fun- 
gibel zu machen, muß sie bestimmte festgesetzte Bedingungen er- 
füllen, also in bestimmter Menge ein bestimmtes Gewicht besitzen, 
bestimmte Farbe, bestimmten Geruch usw. aufweisen. Nur dann 
entspricht sie dem „Typ", der zur Erfüllung der Lieferung geeignet 
ist. Beim Kaffeetermingeschäft in Hamburg war der Typ ein ziem- 
lich schlechter. Bessere Sorten wurden also durch Zusatz von 
schwarzen Bohnen, Steinen usw. verschlechtert. In Berlin war der 
Typ besser. Die Zusätze, die in Hamburg gemacht wurden, mußten 
in Berlin erst mühsam entfernt werden, um den Kaffee lieferbar zu 
machen. Wohl das merkwürdigste Beispiel von kapitalistischen Un- 
kosten. Es kommt aber noch besser. In Hamburg hatte sich ein 
Corner gebildet. Es trat Mangel an lieferbarer Ware ein. Lieferbar 
war aber nur der mit Steinen usw. versetzte Kaffee. Bessere Sorten 
bedangen daher, da sie nicht der Lieferungsqualität entsprachen, 
ein Aufgeld. Mit anderen Worten, man mußte für die Lieferung 
besserer Qualität Strafe zahlen. Es entspricht das aber nur konse- 
quent angewandter kapitalistischer Logik; denn es handelt sich 
dem Käufer, dem Mitglied des Corners, gar nicht um den Ge- 
brauchswert, sondern nur um den Tauschwert. Dieser bestimmt 
die ganze wirtschaftliche Aktion, die eben nicht Gebrauchs - 
werterzeugung oder Vermittlung ist, sondern nur Erzielung von 
Gewinn. 

Die Apologeten der kapitalistischen Produktionsweise suchen die 
Notwendigkeit ihrer einzelnen Erscheinungen zu beweisen, indem 
sie die aus der kapitalistischen Produktion folgende spezifisch 
ökonomische und daher historische Form identifizieren mit dem 
technischen Inhalt, der gegenüber der transitorischen Form dauernd 
notwendig ist, und aus dieser falschen Identifizierung dann auf die 
Notwendigkeit der Form zurückschließen. So betonen sie emphatisch 

1 Börsenenquete, II. Bd., S. 2079. 

* Börsenenquete, S. 2135. Im folgenden noch ähnliche Beispiele für Ge- 
Ireide und Spiritus, wo zum Beispiel rektifizierter Spiritus nicht an Stelle 
von rohem geliefert werden kann. 



239 






die Notwendigkeit der Oberleitung und Beaufsichtigung jedes 
gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, um daraus sofort die Not- 
wendigkeit der kapitalistischen Leitung, die aus dem Privateigen- 
tum an den Produktionsmitteln entspringt, und damit die Not- 
wendigkeit dieses Privateigentums überhaupt zu beweisen. So fassen 
sie den Handel nicht als spezifischen Zirkulationsakt, sondern als 
Verteilung der Güter an die Konsumenten auf. So erklärt Ehren- 
berg den Handel als Verteilung über den Raum, die Spekulation 
als Verteilung über die Zeit. Und da die Verteilung natürlich bei 
einem gewissen Grade der technischen Entwicklung immer not- 
wendig ist, so ist Handel und Spekulation immer notwendig, ihre 
Beseitigung eine Unmöglichkeit, eine Utopie. Identifiziert man noch 
dazu „notwendig" mit „produktiv", so kommt man mit Ehrenberg 
zu dem grotesken Resultat, daß die Spekulation ebenso ein Produk- 
tionszweig ist wie die Landwirtschaft. Warum auch nicht, da der 
Boden und eine Aktie in gleicher Weise Geld tragen! Es wird da- 
bei der Handel einfach mit dem Transport und der Arbeit des Ein- 
packens, Zerteilens usw. verwechselt, die Spekulation mit der Lage- 
rung identifiziert, Operationen, die natürlich bei jeder technisch 
entwickelten Produktionsweise nötig sind. Aber auch ein ganz 
anders als Ehrenberg ernst zu nehmender und scharfsinniger Mann 



1 „Handel und Spekulation sind besondere Produktionsarten, gleich der 
Urproduktion und dem stoffbearbeitenden Gewerbe: Der Handel ist die- 
jenige Produktionsart, welche die Aufgabe hat, die örtliche Knappheit der 
Natur an wirtschaftlichen Gütern zu überwinden. Die Spekulation dagegen 
hat die gleiche Aufgabe hinsichtlich der zeitlichen Güterknappheit. Privat- 
wirtschaftlich betrachtet, nützt der Handel örtliche, die Spekulation zeitliche 
Preisunterschiede aus." 

„Die Börsenmeinung beeinflußt die Preise auf Grund von Nachrichten 
aller Art, die an der Börse zusammenströmen, wahren und falschen Nach- 
richten, solchen über schon erfolgte und solchen über erst erwartete Tat- 
sachen. Letztere werden schon im voraus von der Börsenmeinung auf ihre 
Tragweite abgeschätzt (,eskomptiert'). Wenn sie auf solche Weise niedrige 
Preise benützt, um Vorräte für die Zukunft zu schaffen, hohe Preise, um 
die Verfügung über künftige Vorräte wie über gegenwärtige zu ermöglichen, 
so wirkt sie produktiv, anderenfalls nicht." Richard Ehrenberg: Artikel 
„Börsenwesen" im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften", 2. Auflage. 



wie Professor Lexis 1 gerät bei seinen Aussagen über den Termin - 
handel in Verlegenheit; denn auch er übersieht die spezifisch öko- 
nomische Formbestimmtheit des börsenmäßigen Warentermin- 
handels zum Unterschied vom Warenhandel. Er übersieht die 
spezifische Rolle der Spekulation und sucht den Terminhandel als 
Notwendigkeit zu erweisen, indem er ihn als wirklichen Handel 
nachzuweisen sucht. 

Sein Gegner Gamp hat dann leichtes Spiel, darauf hinzuweisen, 
daß der Terminhandel eine Unsumme von Warenumsätzen schafft, 
die für die Verteilung vom Produzenten zum Konsumenten gar 
nichts leisten. Lexis weist darauf hin, daß es beim Terminhandel 
leichter sei, Käufer zu finden. Das ist richtig, nur ist dieser „Käufer" 
gewöhnlich nicht der Konsument, sondern selbst wieder „Ver- 
käufer", nämlich selbst Spekulant. Es ist aber falsch, den Handel 
und gar den Termin„handel", die Terminspekulation, aus einem 
absoluten Distributionsbedürfnis herleiten zu wollen; der Handel 
erfüllt nur das Distributionsbedürfnis in einer kapitalistischen Ge- 
sellschaft, und seine Notwendigkeit ist nur transitorisch selbst inner- 
halb der kapitalistischen Gesellschaft, wie die Ausschaltung des 
Handels durch die Syndikate und Truste beweist. Wer nun gar den 
Handel als „produktiv", das heißt als Profit nicht bloß realisierend, 
sondern erzeugend ansieht, gerät vollends in Verlegenheit : er preist 
als einen Vorzug der Kartellierung die Ersparung von Handels- 
kosten, was ja nur Vorteil sein kann, wenn die Handelsoperationen 
Unkosten darstellen, also unproduktiv sind. 

Die Notwendigkeit des Terminhandels besteht in Wirklichkeit 
einmal darin, daß er den produktiven Kapitalisten, Industriellen 
und Kommerziellen erlaubt, ihre Zirkulationszeit auf Null herab- 
zusetzen und sich damit gegen die Preisschwankungen während der 
Zirkulationszeit zu versichern, diese auf die Spekulation, die diese 
spezifische Funktion zu erfüllen hat, abzuwälzen. Zweitens erlaubt 
der Terminhandel, einen Teil der Handelsfunktionen statt von 
kommerziellem Kapital von Geld-(Bank-)kapital erfüllen zu lassen; 
für diesen Teil der Operationen wird nicht Durchschnittsprofit, son- 

1 Siehe Börsenenquete, II., S. 3523 ff. 



240 



241 



dem Zins erzielt; um die Differenz steigt der industrielle Profit 
(Unternehmergewinn). Drittens gestattet der Terminhandel, was 
ja mit dem zweiten Punkt zusammenhängt, die Verwandlung von 
Geldkapital in Handelskapital unter Beibehaltung des Geldkapital- 
charakters und eröffnet so dem Bankkapital die Möglichkeit, 
sein Herrschaftsgebiet über Handel und Industrie zu erweitern 
und einem immer größeren Teil des produktiven Kapitals den 
Charakter von Geldkapital, das in der Verfügung der Bank ist, zu 
erhalten. 



242 



X. Kapitel 



BANKKAPITAL UND BANKGEWINN 



Die Mobilisierung des Kapitals eröffnet den Banken ein neues 
Gebiet ihrer Tätigkeit: die Emission und die Spekulation. Theore- 
tisch ist es dabei nicht von Belang, ob diese Tätigkeiten mit der der 
Zahlungs- und Kreditvermittlung in einer Bank verbunden sind 
oder von verschiedenen Bankinstituten besorgt werden. Wichtig ist 
nur die Unterscheidung der einzelnen Funktionen nach ihrer ökono- 
mischen Bedeutung. Die moderne Entwicklung führt übrigens über- 
all in immer steigendem Grade zur Zusammenfassung dieser Funk- 
tionen, sei es in einem Unternehmen, sei es durch die Beherrschung 
mehrerer, verschiedene und also sich ergänzende Funktionen erfül- 
lender Unternehmungen durch denselben Kapitalisten oder dieselbe 
Kapitalistengruppe. Das Moment, das zur Zusammenfassung führt, 
ist in letzter Instanz dies, daß in allen diesen Funktionen das Kapi- 
tal als Geldkapital im spezifischen Sinn auftritt, als Leihkapital, das 
stets wieder aus seiner jeweiligen Anlage als Geld zurückgezogen 
werden kann. Aber auch wo diese Zusammenfassung in einem Unter- 
nehmen nicht erfolgt ist, ist es zum Teil dasselbe Geldkapital, das 
alle verschiedenen Funktionen erfüllt, indem es von der einen dieser 
Unternehmungen den anderen zur Verfügung gestellt wird. 

Erst nach der Analyse dieser verschiedenen Funktionen ist es 
möglich geworden, zu untersuchen, aus welchen Quellen der Ge- 
winn des Bankkapitals fließt und welche Gestaltung in der Sphäre 
des Bankkapitals das Verhältnis zwischen Gewinn und Kapital — so- 
wohl dem eigenen der Bank als dem ihr zur Verfügung stehenden 
fremden — annehmen muß. 



243 



Wir wissen, daß der Profit in der Produktion entsteht und in der 
Zirkulation realisiert wird; ebenso wissen wir, daß die Ausführung 
der Zirkulationsoperationen, der Kauf und Verkauf der Waren, zu- 
schüssiges Kapital erfordert. Ein Teil dieser Operationen wird den 
Industriellen von den Kommerziellen abgenommen und zur selb- 
ständigen Funktion einer Abteilung des gesellschaftlichen Kapitals, 
des Warenhandlungskapitals. Das von den Kaufleuten angewandte 
Kapital wirft Durchschnittsprofit ab, der nichts anderes ist als ein 
Teil des von den Industriellen in der Produktion erzeugten Profits, 
also pro tanto Abzug von dem Profit bildet, der sonst den Industriel- 
len zufiele. 1 Ebenso erfordert die Zirkulation eine Reihe von Geld- 
transaktionen, Vorrathaltung, Bereitstellung und Versenden von 
Geld, Einziehen und Auszahlung von Rechnungen usw. Diese Ope- 
rationen, also die Kassenführung, können konzentriert und durch 
diese Konzentration Arbeit, die Zirkulationskosten darstellt, erspart 
werden. Infolge der Konzentration wird zur Ausführung dieser 
Arbeit auch ein geringeres Kapital nötig sein. „Die rein technischen 
Bewegungen, die das Geld durchmacht im Zirkulationsprozeß des 
industriellen Kapitals und, wie wir jetzt hinzusetzen können, des 
Warenhandlungskapitals (da dies einen Teil der Zirkulations- 
bewegung des industriellen Kapitals als seine eigne und eigentüm- 
liche Bewegung übernimmt) — diese Bewegungen, verselbständigt 
zur Funktion eines besondren Kapitals, das sie, und nur sie, als ihm 
eigentümliche Operationen ausübt, verwandeln dies Kapital in 
Geldhandlungskapital. Ein Teil des industriellen Kapitals, und 
näher auch des Warenhandlungskapitals, bestände nicht nur fort- 
während in Geldform, als Geldkapital überhaupt, sondern als Geld- 
kapital, das in diesen technischen Funktionen begriffen ist. Von 
dem Gesamtkapital sondert sich nun ab und verselbständigt sich ein 
bestimmter Teil in Form von Geldkapital, dessen kapitalistische 
Funktion ausschließlich darin besteht, für die gesamte Klasse der 
industriellen und kommerziellen Kapitalisten diese Operationen 



1 Über das Nähere siehe „Kapital", III., 1., 4. Abschnitt: „Verwandlung 
von Warenkapital und Geldkapital in Warenhandlungskapital und Geld- 
handlungskapital" . 



244 



auszuführen. Wie beim Warenhandlungskapital, trennt sich ein 
Teil des im Zirkulationsprozeß in der Gestalt von Geldkapital vor- 
handnen industriellen Kapitals ab und verrichtet diese Operationen 
des Reproduktionsprozesses für das gesamte übrige Kapital. Die 
Bewegungen dieses Geldkapitals sind also wiederum nur Bewegun- 
gen eines verselbständigten Teils des in seinem Reproduktionsprozeß 
begriffnen industriellen Kapitals." „Der Geldhandel in der reinen 
Form, worin wir ihn hier betrachten, d. h. getrennt vom Kredit- 
wesen, hat es also nur zu tun mit der Technik eines Moments der 
Warenzirkulation, nämlich der Geldzirkulation und den daraus 
entspringenden verschiednen Funktionen des Geldes ... Es ist 
augenscheinlich, daß die Masse des Geldkapitals, womit die Geld- 
händler zu tun haben, das in Zirkulation befindliche Geldkapital 
der Kaufleute und Industriellen ist und daß die Operationen, die 
sie vollziehn, nur die Operationen jener sind, die sie vermitteln. Es 
ist ebenso klar, daß ihr Profit nur ein Abzug vom Mehrwert ist, da 
sie nur mit schon realisierten Werten (selbst wenn nur in Form von 
Schuldforderungen realisiert) zu tun haben." 2 Die Kassenführung 
fällt im Laufe der Entwicklung den Banken zu. Die Größe des dazu 
erforderlichen Kapitals ist durch die technische Natur der Opera- 
tionen und ihre jeweilige Ausdehnung jeweils gegeben. Auf dieses 
Kapital realisieren die Banken ebenso wie die Händler auf das 
Warenhandlungs- und die Industriellen auf das Produktionskapital 
den Durchschnittsprofit. Dies ist aber auch der einzige Teil des 
Bankkapitals, dessen Gewinn Durchschnittsprofit im kategorischen 
Sinn darstellt. Der Gewinn auf das übrige Bankkapital ist davon 
w esensverschieden . 



1 Marx, „Kapital", III., 1., S. 299. (Neuausgabe S. 346. Die Red.) 

2 Ebenda, S. 306. (Neuausgabe S. 353 und 354. Die Red.) 

3 Zur Veranschaulichung diene folgende schematische Berechnung. Ge- 
setzt das Produktionskapital sei gleich 1000. Es erzeuge einen Profit von 200. 
Das Warenhandlungskapital betrage in übertriebener Proportion 400, das 
Geldhandlungskapital 100. Der Profit verteilt sich auf ein Gesamtkapital von 
1500; die Durchschnittsprofitrate beträgt daher 15 Prozent. Den Industriellen 
fällt vom Gesamtprofit von 200 zu: 150, den Kommerziellen 40 und den 
Geldhändlern 10. 



245 



Als Vermittlerin des Kredits arbeitet die Bank mit dem ganzen 
ihr zur Verfügung stehenden eigenen und fremden Kapital. Ihr 
Bruttogewinn besteht aus dem Zins für das ausgeliehene Kapital; 
ihr Reingewinn — nach Abzug der Unkosten — aus der Differenz der 
ihr bezahlten Zinsen und der Zinsen, die sie ihrerseits für die 
Depositen zahlt. Dieser Gewinn ist also nicht Profit im kategori- 
schen Sinn und seine Höhe ist nicht durch die Durchschnittsprofit- 
rate gegeben. Er stammt ebenso wie der eines anderen Geldkapitali- 
sten aus dem Zins. Die vermittelnde Stellung der Bank im Kredit- 
verkehr erlaubt ihr nur, nicht wie ein anderer Geldkapitalist, bloß 
an dem eigenen Kapital, sondern auch an dem ihrer Gläubiger zu 
gewinnen, denen sie einen niedrigeren Zins zahlt, als sie selbst von 
ihrem Schuldner verlangt. Dieser Zins ist nur ein Teil oder ein Ab- 
zug von dem in seiner Höhe bereits gegebenen gesellschaftlichen 
Durchschnittsprofit. Dieser Gewinn geht aber keineswegs wie der 
des Kaufmanns- und Geldhandlungskapitals selbst in die Bestim- 
mung der Höhe der Durchschnittsprofitrate ein. 

Die Höhe des Zinses hängt von Angebot und Nachfrage nach 
Leihkapital im allgemeinen ab, von dem das Bankkapital nur ein 
Teil ist. Diese Höhe des Zinses bestimmt den Bruttogewinn. Um 
möglichst große Verfügung über das Geldkapital zu erhalten, ver- 
güten die Banken ihrerseits Zins auf die Depositen. Caeteris paribus 
hängt die Verfügung einer Bank über das Geldkapital ab von der 
Höhe des von ihr auf die Depositen gezahlten Zinses. Die Konkur- 
renz um die Depositen zwingt so die Banken, einen möglichst hohen 
Zins zu vergüten. Die Differenz zwischen dem Zins, den sie als 
Gläubiger erhalten, und dem Zins, den sie als Schuldner vergüten, 
bildet den Reingewinn der Banken. 

Der Vorgang ist also der : Primär setzt sich durch Nachfrage und 
Angebot des Leihkapitals überhaupt der Zinsfuß fest, und dieser 
bestimmt den Bruttogewinn der Banken, den sie durch das Ver- 
leihen der ihnen zur Verfügung stehenden eigenen oder fremden 
Gelder erhalten. Dabei ist es sowohl für die Bildung der Höhe der 
Zinsrate als auch für die Größe des Bruttogewinns völlig gleich- 
gültig, in welchem Verhältnis die eigenen zu den fremden Mitteln 



246 



der Bank stehen. Nur daß von den fremden Geldern bloß ein Teil 
wirklich den Banken zur Verfügung steht, ■während ein anderer als 
Reserve gehalten werden muß, wobei diese Reserve, die keine 
Zinsen trägt, im Vergleich zu der gesamten Summe minimal ist. 
Die Konkurrenz der Banken untereinander bestimmt die Höhe der 
Zinsen, die die Banken ihrerseits für die Depositen vergüten müssen, 
und von dieser Höhe hängt dann bei gegebenem Bruttogewinn und 
gegebenen Unkosten der Reingewinn ab. Man sieht, das Gegebene 
ist hier nicht das eigene Kapital der Banken. Denn nicht vom Eigen- 
kapital, sondern von dem ihnen überhaupt zur Verfügung stehen- 
den Leihkapital hängt der Gewinn der Banken ab. Dieser ist also 
das Gegebene, und nach ihm muß sich das Ausmaß des Eigen- 
kapitals der Banken richten. Die Banken können von dem gesamten 
Leihkapital so viel in ihr eigenes umwandeln, als ihr Gewinn er- 
laubt. Für das Kapital ist aber der Bankbetrieb eine Anlage wie 
jede andere. Es wird in diese Sphäre nur strömen, wenn es in dieser 
die gleiche Verwertungsmöglichkeit finden wird wie in einer 
industriellen oder kommerziellen Sphäre. Sonst würde Kapital aus 
dieser Sphäre abfließen. Anderseits ist aber der Gewinn der Bank 
das Gegebene. Das Eigenkapital der Bank muß also so bemessen 
werden, daß der Gewinn, auf das Eigenkapital berechnet, gleich dem 
Durchschnittsprofit auf dieses Kapital ist. Gesetzt den Fall, eine 
Bank habe die Verfügung über ein Leihkapital von 100 Millionen 
Mark. Sie macht damit einen Bruttogewinn von 6 Millionen und 
einen Reingewinn von 2 Millionen. Das Eigenkapital der Bank 
kann dann bei einer Profitrate von 20 Prozent 10 Millionen be- 
tragen, während ihr 90 MiUionen als Depositen zur Verfügung 
stehen werden. 

Dies erklärt auch, warum bei Gründung oder Kapitalvermehrung 
von Aktienbanken Raum für Gründergewinn bleibt, während doch 
das Bankkapital nicht Unternehmergewinn (industriellen Profit) 
erzeugt, sondern nur Zins realisiert. Denn da der Bankgewinn gleich 
ist der Durchschnittsprofitrate, die Aktionäre aber bloß Zins zu 
erhalten brauchen, so ergibt sich die Möglichkeit von Gründer- 
gewinn. Hat die Bank auf dem Geldmarkt eine beherrschende 



247 



Stellung, so kann sie den Gründergewinn ganz oder teilweise selbst 
machen. Er verstärkt dann ihre Reserven. Die Reserven sind natür- 
lich Eigenkapital, der Bank, nur daß buchmäßig sich der Gewinn 
auf das geringere' Nominalkapital verteilt. Die Reserven erlauben 
der Bank wieder, einen größeren Teil ihres Kapitals industriell zu 
fixieren. 

Der Umstand, daß die Teilung in eigenes und fremdes Kapital 
hier für den Gewinn gleichgültig ist, ein festes Verhältnis zwischen 
der Größe des eigenen und des durch das Eigenkapital attrahierten 
fremden Kapitals nicht existiert, läßt das Ausmaß des eigenen 
Kapitals zunächst willkürlich erscheinen und gibt die Möglichkeit, 
es so zu bemessen, daß der Gewinn, obwohl nicht selbst Durch- 
schnittsprofit, doch gleich dem Durchschnittsprofit wird. Ist das 
Bankwesen bereits stark entwickelt und das freie Leihkapital bereits 
in der Verfügung der Banken, so ist die Neugründung von Banken 
sehr erschwert, da diesen nicht genügend fremdes Kapital zur Ver- 
fügung stehen würde oder dieses erst nach einem heftigen 
Konkurrenzkampf mit der Gesamtheit der anderen Banken — eine 
Konkurrenz, deren Erfolg sehr zweifelhaft wäre — herangezogen 
werden müßte. 

Es verhält sich eben mit dem Bankkapital ganz anders als mit 
dem Industrie-, aber auch anders als mit dem kommerziellen und 
Geldhandlungskapital. In diesen Sphären ist das Ausmaß des Kapi- 
tals technisch gegeben, durch die objektiven Bedingungen des 
Produktions- und Zirkulationsprozesses bestimmt. Die Größe des 
industriellen Kapitals hängt ab von der Entwicklung des Produk- 
tionsprozesses überhaupt, von dem Ausmaß der vorhandenen 
Produktionsmittel, wozu auch die Naturkräfte und ihre Aus- 
nützungsmöglichkeiten gehören, und der vorhandenen Arbeiter- 
bevölkerung. Ihre Anwendung und der Ausbeutungsgrad der 
Arbeiterschaft bestimmt die Größe des Profits, der sich in gleicher 
Weise auf das industrielle, kommerzielle und Geldhandlungs- 
kapital verteilt, wobei das Kapital in den beiden letzteren Sphären 
gleichfalls technisch durch die Bedingungen der auszuführenden 
Zirkulationsoperationen gegeben ist. Da die Zirkulation nicht 



248 



Profit erzeugt, also Unkosten darstellt, besteht zugleich die Tendenz, 
das hier verwandte Kapital auf sein Minimum zu reduzieren. Da- 
gegen ist das Bankkapital, das eigene und das fremde, nichts anderes 
als Leihkapital und dieses Leihkapital in Wirklichkeit nichts an- 
deres als Geldform des produktiven Kapitals, wobei es wichtig ist, 
daß es zum größten Teil bloße Form ist, also rein rechnungsmäßig 
existiert. 

Das gleiche Verhältnis zwischen Bankgewinn und Größe des 
Eigenkapitals finden wir bei der Betrachtung des Gewinnes, der aus 
der Emissions- und der Spekulationstätigkeit fließt. 

Der Gründungs- oder Emissionsgewinn ist weder Profit noch 
Zins, sondern kapitalisierter Unternehmergewinn. Seine Voraus- 
setzung ist die Verwandlung des industriellen in fiktives Kapital. 
Die Höhe des Emissionsgewinnes ist bestimmt erstens durch die 
Durchschnittsprofitrate und zweitens durch den Zinsfuß. Durch- 
schnittsprofit minus Zins bestimmen den Unternehmergewinn, 
der zum herrschenden Zinsfuß kapitalisiert den Gründungsgewinn 
bildet; in keiner Weise ist der Gründungsgewinn abhängig von der 
Höhe des Eigenkapitals der Bank. Die Verwandelbarkeit von indu- 
striellem in fiktives Kapital hängt nur ab von der Menge des ver- 
leihbaren Kapitals überhaupt, das unter Beibehaltung der Form von 
zinstragendem Kapital zur Umwandlung in produktives Kapital 
bereit ist. Es muß genügend Geld vorhanden sein zur Anlage in 
Aktien. Dabei ist zu unterscheiden: Verwandlung bereits vorhan- 
denen industriellen Kapitals in Aktienkapital bindet nur soviel 
Geld, als zur Zirkulation der Aktien auf dem Effektenmarkt not- 
wendig ist; dies hängt selbst wieder davon ab, ob diese Aktien mehr 
als Anlagepapiere in „festen Händen" bleiben oder alsSpekulations- 
papiere rege umgesetzt werden. Oder aber die Ausgabe von Aktien- 
kapital bedeutet zugleich die Neugründung oder Erweiterung der 
Unternehmung. Dann braucht es soviel Geldkapital als nötig, um die 
Umsätze G — < p ™ — P . . . W — G zu vollziehen und zweitens, um 
die der Aktien selbst auszuführen. Die Menge des vorhandenen 
Leihkapitals bestimmt zugleich die Höhe des Zinsfußes, der ent- 
scheidend ist für die Kapitalisierung, und damit die Größe des 



249 



Emissionsgewinnes. Dieser ist also unabhängig von der Höhe des 
Eigenkapitals der Bank. Die Summe des Emissionsgewinnes muß 
aber auf die Dauer gleich sein der Durchschnittsprofitrate auf das 
eigene Kapital der Bank. Anderseits wird die Bank die Tendenz 
haben, ihr Eigenkapital auszudehnen, weil damit einmal ihr Kredit, 
sodann ihre Sicherheit wächst. 

Analog verhält es sich bei dem Spekulationsgewinn. Auch die 
Beteiligung an der Spekulation hängt nicht von der Teilung des 
den Banken zur Verfügung stehenden Kapitals in eigenes und 
fremdes ab, sondern von der Größe der Gesamtsumme. 

Wir wissen aber bereits, daß sowohl aus der Tätigkeit der Kredit- 
vermittlung als aus der Finanzierung und Spekulation Tendenzen 
zur Konzentration erwachsen und mit diesen zugleich das Streben, 
einen möglichst großen Teil des Kapitals als Eigenkapital zu halten. 
Denn das eigene Kapital kann nicht wie das ausgeliehene jederzeit 
zurückverlangt werden, kann also mit viel größerer Sicherheit in 
industriellen Anlagen fixiert werden. Namentlich das Gründungs- 
geschäft bedeutet ja Festlegung des Geldkapitals für kürzere oder 
längere Zeit in der Industrie, bis durch Verkauf der Aktien das 
Geldkapital wieder der Bank zurückgeflossen ist. Sodann bedeutet 
Vergrößerung des Eigenkapitals die Möglichkeit größerer dauern- 
der Beteiligung und schließlicher Beherrschung der Industrie- 
unternehmungen und stärkerer Beeinflussung der Waren- und 
Effektenspekulation. Die Bank hat daher die Tendenz, sobald es 
der Gewinn aus Zins und Emissionsgewinn erlaubt, ihr Kapital 
beständig zu vergrößern. 

Die Möglichkeit der Umwandlung des fremden in eigenes Kapital 
steht aber auch, abgesehen von der Notwendigkeit, das vergrößerte 
Kapital entsprechend zu verwerten, durchaus nicht im Belieben der 
Bank. Die Bank sucht ihr Eigenkapital zu vergrößern, um es in- 
dustriell fixieren zu können, um Emissionsgewinn zu machen und 
die Industrie beherrschen zu können. Denn für die Vermittlung des 
Zahlungskredits allein wäre die Vergrößerung des Eigenkapitals 
über eine gewisse Grenze hinaus unnötig, da hier die Verfügung 
über die fremden Gelder ausschlaggebend bleibt, die Bank das zur 



250 



Zahlungsvermittlung dienende Kapital stets in schlagfertiger Form 
halten, anderen als Zinsgewinn darauf nicht machen kann. Allein 
es ist nicht so, daß, weil die Bank jetzt einen größeren Teil des 
überhaupt verleihbaren Geldes als eigenes Kapital hält, sie deshalb 
allein schon ein größeres Kapital industriell festlegen kann. Sondern 
umgekehrt. Weil nur ein Teil des verfügbaren Leihkapitals über- 
haupt für die Zahlungsvermittlung (den Zirkulationskredit) not- 
wendig ist, steht der andere Teil für industrielle Anlagen (Kapitals- 
kredit) zur Verfügung. Diese Teilung des überhaupt verfügbaren 
Leihkapitals für die Zwecke des Zirkulationskredits und des 
Kapitalkredits besitzt ihre eigenen objektiv bedingten Bestimmun- 
gen, die sich aus dem jeweiligen Stand des Produktions- und Zirku- 
lationsprozesses ergeben; sind die Grenzen auch elastisch, so dürfen 
sie doch nicht von den Banken außer acht gelassen werden, soll nicht 
die stete Erhaltung der Geldform des Bankkapitals unmöglich, also 
die Zahlungsfähigkeit der Bank gefährdet werden. Dagegen ist diese 
Teilung des verfügbaren Leihkapitals davon unabhängig, welcher 
Teil als Eigenkapital und welcher als fremdes Kapital den Banken 
zur Verfügung steht. Die Bank will aber ihr Eigenkapital ver- 
größern, um es industriell fixieren zu können; die Grenze für diese 
Umwandlungsmöglichkeit fremden in eigenes Kapital bildet jener 
Teil des überhaupt verfügbaren Kapitals, der für Kapitalskredit 
zur Verfügung steht. Innerhalb dieser Grenze geht die Tendenz der 
Bankentwicklung dahin, einen stets wachsenden Teil des Leih- 
kapitals in Eigenkapital der Bank zu verwandeln. Es hängt somit 
die Größe des Eigenkapitals durchaus nicht von dem Willen der 
Bank allein, auch nicht von der Verwertungsmöglichkeit des ver- 
größerten Kapitals allein ab. 

Die Vermehrung des Bankkapitals bedeutet zunächst nur eine 
juristische Transaktion, keine ökonomische Funktionsänderung. Die 
Bank kann ihr Kapital, das ja die Form von Geldkapital haben 
muß, nur vermehren, indem sie fremdes Geldkapital in ihr eigenes 
verwandelt. Da bei entwickeltem Geldwesen alles verfügbare Geld 
bei den Banken gesammelt ist, so bedeutet die Vermehrung des 
Bankkapitals zunächst nichts anderes, als daß ein Teil der Depositen, 



251 



die die Bank zur Verfügung gehabt hat, jetzt, etwa durch den Weg 
der Aktienausgabe, in Bankkapital verwandelt wird. 

Diese Verwandlung fremden in eigenes Geldkapital der Bank 
läßt natürlich Nachfrage und Angebot von Geldkapital ganz un- 
verändert und hat daher keine Wirkung auf den Zinsfuß. 1 

Vermehrung des industriellen Kapitals hat unter sonst gleichen 
Umständen Vermehrung der Profitmasse zur Folge, da ja das 
industrielle Kapital im Produktionsprozeß Mehrwert heckt. Ver- 
mehrung des Bankkapitals läßt die von den Banken erzielte gesamte 
Zinsmasse natürlich ganz unverändert; denn diese hängt bei gleich- 
bleibender Nachfrage ab von dem Angebot an Leihkapital, das in 
keiner Weise durch die geänderte Verteilung des Leihkapitals 
zwischen Banken und Privaten, also durch die bloße Eigentums- 
änderung alteriert wird. Was sich ändert, ist nur die Berechnung 
des Reingewinnes der Bank, der bei vermehrtem Eigenkapital 
prozentual geringer erscheint. 

Industrielles, kommerzielles und Geldhandlungskapital sind be- 
stimmte Teile des gesellschaftlichen Kapitals, die in einem ge- 
gebenen Moment in einem bestimmten Verhältnis zueinander 
existieren müssen. Abstrakt genommen, könnte aber alles gesell- 
schaftliche Kapital zugleich Bankkapital sein. Denn Bankkapital 
bedeutet nur das den Banken zur Verfügung gestellte Kapital, und 
es steht an sich nichts im Wege, daß alles Kapital durch die Banken 
hindurchgeht. Der größte Teil dieses Bankkapitals ist natürlich 
fiktiv, nur Geldausdruck für wirklich produktiv fungierendes 
Kapital oder nur kapitalisierter Mehrwertstitel. 

Die Vermehrung des Bankkapitals ist also nicht Voraussetzung 
der Vermehrung des Gewinns wie in der Industrie. Vielmehr ist 
bei der Bank der Gewinn das Gegebene. Steigt der Gewinn, so wird 
die Bank ihr Eigenkapital vermehren, weil das vermehrte Kapital 
ihr erlaubt, in größerem Umfang sich an der Verwandlung ihres 
Bankkapitals in industrielles zu beteiligen, ohne ihre Sicherheit zu 

1 Es ist daher eine ganz kindische Vorstellung, zu erwarten, daß die Ver- 
mehrung des Eigenkapitals einer Notenbank, zum Beispiel der Deutschen 
Reichsbank, eine Verbilligung des Zinsfußes herbeiführen müßte. 



252 



gefährden. Daß es wesentlich die industrielle Kreditgewährung, die 
Beteiligung an Industrieunternehmungen durch Aktienbesitz und 
die Emissionstätigkeit ist, die die Vergrößerung des eigenen 
Kapitals der Bank veranlassen, beweist die Tatsache, daß die reinen 
Depositenbanken Englands ihr Kapital trotz der riesig gestiegenen 
Umsätze nicht vermehren und daher sehr hohe Dividenden ver- 
teilen. 

Man darf sich also die Sache nicht so vorstellen, als ob der Zufluß 
oder Abfluß von Bankkapital etwa in der Weise auf den Gewinn 
der Banken einwirken würde, daß der Zinsfuß sich veränderte. 
Vielmehr verändert sich nur die Verteilung des Gewinns, indem 
dieser bald auf ein größeres, bald auf ein kleineres eigenes Kapital 
repartiert werden muß. 

Es ist dabei von einer gewissen Wichtigkeit, daß die Vermehrung 
des Bankkapitals in Form des Aktienkapitals, also des fiktiven 
Kapitals vor sich geht. 

Wir haben gesehen, daß die Verwandlung von Geld in fiktives 
Kapital den Charakter des individuellen Kapitalisten als Geld- oder 
Leilikapitalisten unverändert läßt. Das Geld, das jetzt in fiktives 
Kapstal verwandelt wird, wird Bankkapital bleiben, daher auch 
ökonomisch Geldkapital. Ein Teil dieses Bankkapitals wird in 
industrielles Kapital verwandelt, wobei diese Verwandlung auf 
doppelte Weise vor sich gehen kann. Die Bank gewährt dem indu- 
striellen Unternehmen Kredit, hat also einfach ihr Kapital diesem 
geliehen, oder die Bank übernimmt Aktien des Industrieunter- 
nehmens, die sie jetzt, da die Größe ihres Kapitals es erlaubt, 
dauernd in Besitz behält. In diesem Fall war die Wirkung der Ver- 
mehrung des Bankkapitals die, daß das Geldkapital zuerst in Bank- 
kapital und erst dieses in produktives verwandelt wird. Statt daß 
die privaten Geldkapitalisten direkt ihr Geld in Industrieaktien 
anlegen, legten sie es in Bankaktien an, und erst die Bank ver- 
wandelte es, indem sie Industrieaktien kaufte, in industrielles 
Kapital. Der Unterschied ist aber der, daß die Bank nicht nur Ver- 
mittlerin dieser Operation ist, sondern als Eigentümerin des Bank- 
kapitals auch Miteigentümerin des Industrieunternehmens geworden 



13 Hilferding, Das Finanzkapital 



253 



ist. Und dieses Eigentumsrecht derBank ist ganz anders wirksam als 
das der einzelnen Aktionäre. Und so bestellt eine Tendenz, das verfüg- 
bare Geldkapital der Privaten zunächst in möglichst großem Umfang 
in Bankkapital und erst dieses in industrielles zu verwandeln. Dabei 
hat Verdoppelung des fiktiven Kapitals stattgefunden. Geldkapital 
wird fiktiv in das Kapital der Bankaktien umgewandelt und geht 
damit in Wirklichkeit über in das Eigentum der Bank; dieses Bank- 
kapital wird jetzt fiktiv in Industrieaktien verwandelt und in Wirk- 
lichkeit in die Elemente des produktiven Kapitals, Produktions- 
mittel und Arbeitskraft. 

Die Dividendenpolitik der Banken, die mit großem fremden 
Kapital (Depositen) arbeiten, muß stabiler sein als die von Industrie- 
unternehmungen. Dies besonders dann, wenn die Depositen von 
Kreisen herrühren, die nur aus äußeren Anzeichen, wie es die Sta- 
bilität der Dividende ist, auf die gute oder schlechte Leitung 
schließen können und bei schwankender Dividendenpolitik ihre 
Depositen zurückziehen. Es handelt sich hier also um die Depositen 
der nichtkapitalistischen Kreise. Das Industrieunternehmen ist in 
der Dividendenpolitik unabhängiger. Einmal, weil seine Kredit- 
geber ohnehin meist genauen Einblick in die Zahlungsfähigkeit 
haben. Sodann, weil der Kredit, den es beständig in Anspruch nimmt, 
der Zahlungskredit, durch die Waren, die es produziert, gedeckt 
sein muß, während anderer Kredit nicht beständig wie bei den 
Banken, sondern nur in längeren Zeiträumen in Anspruch genom- 
men wird. Diese größere Unabhängigkeit erlaubt einmal Beein- 
flussung der Aktienkurse und damit für die Eingeweihten Speku- 
lationsgewinn auf der Börse, dann aber auch leichtere Anpassung 
an Konjunkturschwankungen und die Bedürfnisse der Akkumu- 
lation, Schwankungen und Anpassungen, die für das Industrie- 
unternehmen mehr ins Gewicht fallen als für die Banken. 

Anderseits ist die größere Stetigkeit in der Dividendenpolitik 
für die Banken leichter durchzuführen als für die industriellen 
Unternehmungen, weil die Konjunkturschwankungen auf die Bank- 
gewinne nicht so stark und nicht so einseitig einwirken wie auf den 
Profit. Einmal hängt ein großer Teil des Bankgewinns nicht so 



254 



sehr ab von der absoluten Höhe der Zinsrate, sondern von der 
Differenz zwischen dem Zins auf das ausgeliehene und das ge- 
schuldete Kapital. Diese Differenz ist aber, besonders wenn die 
Bankkonzentration bereits einigermaßen fortgeschritten ist, viel 
konstanter als die Schwankungen in der absoluten Höhe des Zinses 
Sodann entstehen im Laufe der Konjunktur günstige und ungün- 
stige Momente, die sich zum Teil miteinander kompensieren. Am 
gunstigsten ist die Periode ansteigender Prosperität mit allmählich 
anziehendem Zinsfuß, starkem Kapitalbedarf der Industrie und 
daher lebhafter Emissionstätigkeit und hohem Gründergewinn. Zu- 
gleich steigen die Gewinne aus der Kassenführung und der Ver- 
mittlung des Zahlungskredits sowie der Börsenspekulation. In der 
Hochkonjunktur steigt der Zinsfuß und auch die Differenz zwischen 
dem erhaltenen und vergüteten Zins. Dagegen nimmt die Emissions- 
tatigkeit und der Gründergewinn ab. Der Kapitalbedarf der In- 
dustrie wird mehr durch Bankschulden als durch Aktien- oder 
Obligationenausgabe befriedigt, zugleich wird die Effektenspeku- 
lation gewöhnlich schon einige Zeit vor der Krise durch den hohen 
Zinsfuß eingeschränkt. In der ersten Zeit der Depression, wenn der 
Zinsfuß am niedrigsten, ist der Zeitpunkt für die Ausgabe von 
festverzinslichen Papieren am günstigsten. Der Gewinn der Banken 
aus der Übernahme von Staats- und Stadtanleihen usw. nimmt stark 
zu, ebenso der Gewinn durch Verkauf festverzinslicher Papiere aus 
den eigenen Beständen zu jetzt erhöhten Kursen. Ein Teil der von 
der Industrie früher eingegangenen Bankschulden wird in Aktien- 
und Obligationenkapital verwandelt, da der Geldmarkt flüssig ist, 
und liefert neuen Emissionsgewinn, Momente, die die geringeren 
Einnahmen aus dem Zinsgewinn der Kreditvermittlung mehr^oder 
weniger kompensieren. 

Die Konkurrenz, die die Banken untereinander führen, führen 
sie nicht mit ihrem eigenen Kapital allein, sondern mit dem Gesamt- 
kapital, das ihnen zur Verfügung steht. Die Konkurrenz auf dem 
Geldmarkt ist aber eine wesentlich andere als auf dem Warenmarkt 
Der wichtigste Unterschied ist zunächst, daß auf dem Geldmarkt 
das Kapital Geldform hat, auf dem Warenmarkt das Kapital erst 



255 



aus Warenkapital in Geldkapital verwandelt werden muß. Letzteres 
schließt aber auch ein, daß diese Verwandlung mehr oder weniger 
mißlingen, das Warenkapital also entwertet werden kann und so 
statt Profit Verlust entsteht. Bei der Konkurrenz der Waren handelt 
es sich um die Realisierung des Kapitals, nicht nur um seine Ver- 
wertung. Bei der Konkurrenz des Geldkapitals ist das Kapital als 
solches gesichert, es handelt sich nur um seinen Verwertungsgrad, 
um die Höhe des Zinses, Der Zins aber wird in einer Weise be- 
stimmt, die dem einzelnen Konkurrenten wenig Spielraum läßt. Es 
ist vor allem die Diskontpolitik der zentralen Geldinstitute, die 
hier für alle anderen ausschlaggebend ist und ihnen nur innerhalb 
einer verhältnismäßig engen Grenze Spielraum gibt. Dies ist zu- 
nächst wichtig für die reinen Kreditgeschäfte, die aktiven sowohl 
als die passiven der Banken. Hier ist die Konkurrenz verhältnis- 
mäßig gering. Je geringer aber der Spielraum ist, desto größere 
Rolle spielt das quantitative Moment der Größe des Geschäfts- 
kreises. Nur wenn dieser sehr groß, kann eine Herabsetzung der 
Provisionen, eine Erhöhung des Zinses auf die Depositen gegeben 
werden. Bei gleich großen Unternehmungen müssen aber die Be- 
dingungen auch annähernd die gleichen sein, Femer fällt auf dem 
Gebiete der Kreditvermittlung der Extraprofit fort, außer dem ein- 
zigen, der in der Ersparnis und der Leichtigkeit, Verluste zu ver- 
meiden und das Risiko zu verteilen, bei sehr großen Unternehmen 
gegenüber kleineren liegt. Dagegen spielt hier der Extraprofit, wie 
er in der Industrie aus technischen patentierten Neuerungen quillt 
und so wichtig für den Konkurrenzkampf ist, keine Rolle. 

Eine größere Rolle als bei der Kred «Vermittlung spielt die Kon- 
kurrenz bei dem Finanzgeschäft, also den Emissionen. Hier erlaubt 
die Größe des Gründergewinns einen weiten Spielraum für die 
gegenseitige Unterbietung. Aber auch hier sind keine aüzu weiten 
Grenzen. Vielmehr entscheiden hier weniger die Bedingungen der 
Banken, als vielmehr der Grad der Abhängigkeit der Industrie durch 
vorher gewahrte Kredite. 

Bei der Frage der Konkurrenz ist in der Industrie die technische 
und die ökonomische Seite zu trennen. Bei den Banken spielt die 



256 



technische Verschiedenheit eine ganz geringe Rolle, die Technik ist 
bei Banken gleicher Art dieselbe. (Banken verschiedener Art kon- 
kurrieren direkt überhaupt nicht miteinander.) Es gibt hier im 
vorhinein nur einen ökonomischen Unterschied, der rein quantitativ 
ist und nur in der Größe des werbenden Kapitals besteht. 

Es ist aber dieser ganz eigenartige Charakter der Konkurrenz, 
welcher den Banken erlaubt, in so verschiedener und wechselnder 
Weise bald miteinander zu konkurrieren, bald zu kooperieren. 
Etwas Ähnliches finden wir nur bei gleich großen Unternehmungen 
bisweilen auch in der Industrie in der fallweisen Verständigung 
für ein bestimmtes Geschäft, zum Beispiel bei Submissionen. Dort 
aber ist es viel häufiger Vorläufer des Kartells, also der dauernden 
Kooperation unter Ausschluß der Konkurrenz. 

Ist der allgemeine Zinsfuß die Schranke für die Konkurrenz in 
der Kreditvermittlung, so die Durchschnittsprofitrate auf dem Ge- 
biete des Zahlungsverkehrs. Gerade hier ist aber die Größe des 
Umsatzes entscheidend für die Höhe der Provision und bedingt 
eine starke Überlegenheit der Großbanken. 

Das banktechnische Prinzip größter Sicherheit macht die Banken 
im vorhinein der Konkurrenz abgeneigt. Der Ausschluß der Kon- 
kurrenz in der Industrie durch die Kartelle, die Erzielung eines 
„stetigen Gewinns" liegt ihnen daher besonders nahe. 

Der Bankgewinn ist nicht Profit. Aber die Summe des Gewinns 
muß auf das Eigenkapital der Bank berechnet gleich sein der Durch- 
schnittsprofitrate. Ist er geringer, so werden Kapitalien dem Bank- 
geschäft entzogen, ist er höher, so werden neue Banken entstehen. 
Da das Bankkapital stets Geldform hat oder jederzeit zu einem 
großen Teil leicht in Geldform rückverwandelbar ist, so ist hier 
eine Ausgleichung am raschesten möglich. 

Daher gibt es auch keine „Überproduktion" von Bankkapital. 
Vielmehr führt eine zu starke Vermehrung des eigenen Bankkapitals 
wieder zu seinem Abfluß und anderer Anlage, aber nicht etwa zu 
einem allgemeinen Krach mit Entwertung usw., wie wir es in 
industriellen Sphären beobachten. Der Bankkrach ist nur Folge 
einer industriellen Überproduktion oder Überspekulation und 



257 



erscheint als Mangel an Bankkapital in Geldform; darin, daß Bank- 
kapital festgeritten ist in einer Form, die nicht als Geld sofort 
realisierbar ist. 

Mit der Entwicklung des Bankwesens, mit der immer enger wer- 
denden Verflechtung der Beziehungen zwischen Bank und Industrie 
verstärkt sich die Tendenz, einerseits die Konkurrenz der Banken 
untereinander immer mehr auszuschalten, anderseits alles Kapital 
in der Form von Gcldkapital zu konzentrieren und es erst durch 
die Vermittlung der Banken den Produktiven zur Verfügung zu 
stellen. In letzter Instanz- würde diese Tendenz dazu führen, daß 
eine Bank oder eine Bankengruppe die Verfügung über das gesamte 
Geldkapital erhielte. Eine solche „Zentralbank" würde damit die 
Kontrolle über die ganze gesellschaftliche Produktion ausüben. 1 

Im Kredit tritt neben die sachliche die persönliche Beziehung, er 
erscheint als unmittelbar persönlich-gesellschaftliche Beziehung 
gegenüber den dinglich-gesellschaftlichenderübrigen ökonomischen 



1 Mit dem Banksystem ist „allerdings die Form einer allgemeinen Buch- 
führung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufen- 
leiter gegeben, aber auch nur die Form ... Es stellt den industriellen und 
kommerziellen Kapitalisten alles disponible und selbst potentielle, nicht be- 
reits aktiv engagierte Kapital der Gesellschaft zur Verfügung, so daß weder 
der Verleiher noch der Anwender dieses Kapitals dessen Eigentümer oder 
Produzenten sind. Es hebt damit den Privatcharakter des Kapitals auf und 
enthält so an sich, aber auch nur an sich, die Aufhebung des Kapitals 
selbst . . . 

Endlich unterliegt es keinem Zweifel, daß das Kreditsystem als ein 
mächtiger Hebel dienen wird während des Übergangs aus der kapitalistischen 
Produktionsweise in die Produktionsweise der assoziierten Arbeit; jedoch nur 
als ein Element im Zusammenhang mit andren großen organischen Um- 
wälzungen der Produktionsweise selbst. Dagegen entspringen die Illusionen 
über die wunderwirkende Macht des Kredit- und Bankwesens, im sozia- 
listischen Sinn, aus völliger Unkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise 
und des Kreditwesens als einer ihrer Formen. Sobald die Produktionsmittel 
aufgehört haben, sich in Kapital zu verwandeln . . ., hat der Kredit als solcher 
keinen Sinn mehr . . . Solange andrerseits die kapitalistische Produktions- 
weise fortdauert, dauert das zinstragende Kapital als eine ihrer Formen fort 
und bildet in der Tat die Basis ihres Kreditsystems." Marx, „Kapital", III/2, 
S. 146 ff. (Neuausgabe S. 655/656. Die Red.) 



258 



Kategorien, dem Geld zumal: der Vulgaris redet vom „Vertrauen". 
Und ebenso ist er in seiner Vollendung dem Kapitalismus entgegen- 
gesetzt, ist er Organisation und Kontrolle gegenüber der Anarchie. 
Er entspringt daher aus dem Sozialismus, der der kapitalistischen 
Gesellschaft angepaßt wird, er ist der schwindelhafte, kapitalistisch 
adaptierte Sozialismus. Er sozialisiert das Geld der anderen für den 
Gebrauch der wenigen. In seinem Beginn eröffnet er dem Kredit- 
ritter plötzlich die gewaltigsten Perspektiven: die Schranken der 
kapitalistischen Produktion — die Privatvermögen — erscheinen ge- 
fallen, die gesamte Produktivkraft der Gesellschaft scheint dem 
einzelnen zur Verfügung gestellt. Ihm schwindelt und er schwindelt. 
Die ersten Pioniere des Kredits sind die Romantiker des Kapi- 
talismus wie Law und Pereire ; es dauert einige Zeit, bis der nüch- 
terne Kapitalist die Oberhand gewinnt und Gunderman Saccard 
besiegt. 



259 









DRITTER ABSCHNITT 



DAS FINANZKAPITAL 
UND DIE EINSCHRÄNKUNG 
DER FREIEN KONKURRENZ 



XI. Kapitel 



HINDERNISSE IN DER AUSGLEICHUNG 
DER PROFITRATEN UND IHRE ÜBERWINDUNG 



Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist der Profit. Die 
Erzielung möglichst großen Profits ist Motiv für jeden Einzcl- 
kapitalisten, wird die Maxime seines ökonomischen Handelns, die 
aus den Bedingungen des kapitalistischen Konkurrenzkampfes mit 
Notwendigkeit entspringt. Denn der Einzelkapitalist kann sich nur 
behaupten, wenn er ständig danach strebt, seinen Konkurrenten 
nicht nur gleich, sondern auch überlegen zu bleiben. Dies kann er 
nur, wenn es ihm gelingt, seinen Profit über den Durchschnitt zu 
steigern, also Extraprofit zu erzielen. 



1 Hobbes faßt dieses Streben allgemein: Die allgemeine Neigung der 
Menschheit ist „das beständige und rastlose Begehren von Macht über Macht, 
welches nur mit dem Tode aufhört". „Und die Ursache davon ist nicht immer, 
daß einer hofft auf ein intensiveres Vergnügen, als er schon erreicht hat, oder 
daß er nicht zufrieden sein kann mit einer mäßigen Macht; sondern weil er 
nicht die Macht und Mittel zum Wohlleben, welche er zur Verfügung hat, 
sichern kann, ohne die Erwerbung von mehr." (Leviathan, eh. XL) 

Das kapitalistische Motiv — Profit um des Profits willen — ist von Zola, 
dem großen Personifikator sozialer Kategorien, in Gunderman dargestellt, 
dessen sämtliche Konsumbedürfnisse auf Milch reduziert sind und der trotz- 
dem stets weiter wuchert. Daher auch sein Sieg — der Sieg des kapitalistischen 
Prinzips — über Saccard, bei dem die Profitsucht getrübt ist durch dem Kapi- 
tal fremden Einschlag — durch Machtstreben, Kulturideen und persönliche 
Luxusbedürfnisse. In Gunderman ist der Typus des Kapitalisten in seiner 
begriffslosesten Form als Geldarbitrageur und Börsenspekulant am besten ge- 
faßt, viel richtiger als bei Ibsens Gabriel Borkmann (wo das gesellschaftliche 
Bedürfnis durch den Kapitalismus vergewaltigt wird). Denn Borkmann geht 
vom gesellschaftlichen Bedürfnisse aus statt vom Profitinteresse, also von 



265 



Das subjektive Streben nach möglichst hohem Profit, das alle 
individuellen Kapitalisten beseelt, hat aber zum objektiven Resultat 
die Tendenz zur Herstellung der gleichen Durchschnittsprofitrate 
für alle Kapitale. 

Das Resultat wird zu erreichen gesucht durch die Konkurrenz 
der Kapitalien um die Anlagesphären, durch das beständige Hin- 
strömen von Kapital in Sphären mit überdurchschnittlicher und das 
beständige Abströmen aus Sphären mit unterdurchschnittlicher 
Höhe der Profitrate. Diese ständige Ab- und Auswanderung findet 
aber Hindernisse, die mit der Höhe der kapitalistischen Entwicklung 
zunehmen. 

Die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der technische 
Fortschritt, erscheint darin, daß diesselbe Masse lebendiger Arbeit 
eine immer mehr anschwellende Masse von Produktionsmitteln in 
Bewegung setzt. Dieser Prozeß spiegelt sich ökonomisch in der 
immer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals, in dem 
immer größeren Anteil, den der konstante Kapitalteil gegenüber 
dem variablen innerhalb des Gesamtkapitals bildet. 2 In dieser Ände- 

einem dem Kapitalisten fremden Motiv. In den Kapitalistendramen ist dieser 
Widerspruch zwischen Gesellschafts- und Profitinteresse stets das tragische 
Motiv und daher so oft ihre unrealistische Wirkung. Der richtige Kapitalist 
taugt — anders wie der Geizhals, bei dem das persönliche Elend unter Um- 
ständen tragisch wirken kann — nicht zur dramatischen Figur, sondern nur 
zur Episode im Roman. 

1 Aus den Motiven der handelnden Wirtschaftsobjekte, die selbst aber 
durch die Natur der wirtschaftlichen Beziehungen determiniert werden, läßt 
sich nie mehr als die Tendenz zur Herstellung der Gleichheit der ökono- 
mischen Bedingungen ableiten: gleiche Preise für gleiche Waren, gleicher 
Profit für gleiches Kapital, gleicher Lohn und gleiche Ausbeutungsrate für 
gleiche Arbeit. Aber zu den quantitativen Beziehungen selbst komme ich auf 
diese Weise, ausgehend von den subjektiven Motiven, nie. Ich muß vielmehr 
bereits die Größe des gesellschaftlichen Gesamtprodukts kennen, bei dessen 
Verteilung jene Gleichheitstendenzen wirksam werden, um die quantitativen 
Bestimmungen der einzelnen Teile finden zu können. Aus psychologischen 
Faktoren lassen sich nie quantitativ bestimmte Resultate ableiten. 

2 Wie stark in modernen Walzwerken der Anteil der lebendigen Arbeit 
herabgedrückt worden ist, dafür folgendes: „Durch die Hebetische allein 
wurde beim Schienenwalzen die Bedienungsmannschaft von 15 bis 17 auf 4 



264 



rung der Proportion c:v drückt sich die Änderung des Bildes aus, 
das die Manufaktur und frühkapitalistische Fabrik mit ihren in 
wenig ausgedehnten Arbeitsstätten um wenige und kleine Arbeits- 
maschinen zusammengedrängten Arbeiterscharen darbot, im Ver- 
gleich mit dem der modernen Fabrik, wo hinter den riesenhaften 
Leibern der Automaten die kleinen Menschen, kaum hie und da 
sichtbar werdend, immer wieder zu verschwinden scheinen. 

Die technische Entwicklung bringt aber zugleich auch eine Ände- 
rung innerhalb der Bestandteile des konstanten Kapitals mit sich. 
Es wächst der Bestandteil des fixen Kapitals rascher als der des 
zirkulierenden. Als Illustration diene folgendes : 

„Die technischen Fortschritte im Hochofenprozeß haben zu immer 
größerem Betriebe, zu immer stärkerer Kapitalskonzentration gezwungen. 
Nach Lünnann (,Die Fortschritte im Hochofenbetrieb seit 50 Jahren', 
Düsseldorf 1902) ist seit 1852 der kubische Inhalt der Hochöfen im Verhält- 
nis von 1 : 4,8, die Leistungsfähigkeit pro Hochofen von 1 : 33,3, pro Tonne 
des Hochofeninhaltes von 1:7 gestiegen. 1750 produzierten 14 schlesische 
Holzkohlenhochöfen zusammen 25 000 Zentner Roheisen, im Jahre 1799 
waren die beiden Königshütter Kokshochöfen zusammen auf 40 000 Zentner 
im Jahre projektiert. Oechelhäuser rühmt 1852 eine Tagesleistung von 50 000 
bis 60 000 preußische Pfund. Die letzten Rekorde per Tag und Ofen sind: 
Gewerkschaft Deutscher Kaiser (Thyssen) mit 518 Tonnen; Ohio Steel Co. 
No. 3 mit 806 Tonnen; das heißt, der amerikanische Ofen produziert in etwa 
30 Stunden das gleiche, was ein schlesischer Ofen früher in einem Jahre 
leisten sollte, und in 36 Stunden das Quantum, das vor 150 Jahren 14 schle- 
sische Ofen in einem Jahre herstellten. 

Dementsprechend sind die Anlagekosten pro Ofen enorm gestiegen. Die 
erwähnten Königshütter Ofen waren alles in allem auf 40 000 Taler ver- 
anschlagt ; das macht etwa 20 000 Mk. Anlagekapital per Tonne Tages- 
produktion. 1887 war man nach Wedding bei Anlagekosten von fast 1 Million 



bis 5 Mann herabgesetzt. In Amerika fielen die Löhne pro Tonne Fabrikat 
in Cents • 

von 1880 bis 1901 

für Schienenwalzer von 15 auf weniger als 1 

„ Drahtwalzer „ 212 „ 12 

„ Wärmer der Drahtknüppel . . . . „ 80 „ " 5 

(Hans Gideon Heymann, „Die gemischten Werke im deutschen Großeisen- 
gewerbe", Stuttgart 1904, S. 23.) 



265 






pro Ofen auf 5400 bis 6000 Mk. pro Tonne Tagesproduktion herunter. Neuer- 
dings sind die Kosten pro Tonne Tagesproduktion durch die vielen neuen 
Apparate und die last vollständige Verdrängung der Handarbeit wieder auf 
rund 10 000 Mk. gestiegen, das beiflt, ein normaler 250-Tonnen-Ofen im 
Ruhrrevier kostet Mute 2W Millionen Mk., die amerikanischen Riesenöfen 
haben schon bis 6 Millionen Mk. verschlungen. 

AuOer im Stegerlund und in Oberschlesien finden sich heute in Deutsch- 
land kaum noch Ofen mit einer täglichen Leistungsfähigkeit unter 100 Ton- 
nen. Die jährliche Minimal Produktion eines neu zu errichtenden Ofens muH 
mithin mindestens auf 30 000 bis 40 000 Tonnen veranschlagt werden, aber 
der Betrieb mehrerer Ofen bietet große Vorteile, daher das Streben, die Zald 
der in einem Hochofenbetrieb gehörigen Ofen stetig zu mehren. Ebenso wie 
che Gcneralkosten (Direktion, Laboratorium, Ingenieure) verteilen sich d.c 
Kosten der notwendigen Reservemaschinerie (Gebläsemaschinerie, Wind- 
erhitzer) aur eine viel gröDere Produktion. Dann kann »an nur bei Ver- 
einigung mehrerer Ofen mit einem Ofen jahrein, jahraus die gleiche Roh- 
eisensorle herstellen. Dadurch fällt einmal das lästige Umsetzen der Ofen von 
einer Robeisensörte auf die andere hinweg, und dann wird es möghch, die 
Ofenkonstruktion im Hinblick auf die zu erzeugende Roheisensorte zu spe- 
zialisieren. Endlich wird die Ausnützung der modernen Erfindungen (ratio- 
nelle Anfuhr der Rohstoffe, Gießmaschine, Mischer, Gichtgasmaschincu) erst 
bei hohen Produktionsziffern und mehreren Ofen wirtschaftlich rationell." 
(Heymann, a. a. O., S. 15 ff.) 

Gegenüber dieser Sphäre mit höchster organischer Zusammensetzung ist 
es ganz interessant, eine Industriesphäre zu vergleichen, bei der die Maschinen- 
anwendung gleichfalls einen hohen Grad erreicht hat, wo aber infolge der 
ganz anderen technischen Bedingungen die organische Zusammensetzung 
weitaus niedriger ist. „Die Größe des für die Schuhfabrikation erforderlichen 
Kapitals wollen wir uns an dem Beispiel einer Fabrik vor Augen führen, die 
täglich 600 bis 800 Paar Schuhe, zur Hälfte randgenäht, zur anderen Hälfte 
durchgenäht, herstellt. 

„,..-, . . 100 000 Mk. 
Gebäude 

Grund undBoden 50 00 ° » 

Dampfmaschine (50 PS) 21 000 „ 

Elektrische Anlagen 20 00 ° » 

Fabrikationsmaschinen und sonstige Einrichtungen 80 000 „ 

t ■ . .... 25 000 „ 
Leisten _ 2— 

Stehendes Kapital . . 296 000 Mk. 

Nehmen wir nun an, daß das umlaufende (Betriebs-) Kapital etwa zwei- 
mal im Jahre umgesetzt wird, so erhalten wir: 



266 



Rohstoffe für % Jahr 550 000 Mk. 

Arbeitslöhne für % Jahr 100 000 „ 

Sonstige Unkosten für M* Jahr 90 000 „ 

Umlaufendes Kapital . . 540 000 Mk. 

Wir werden also sagen können, daß neben einem stehenden Kapital von 
rund 500 000 Mk. ein umlaufendes Kapital von 500 000 Mk. nötig ist, daß 
also für diese Fabrik, welche 180 bis 200 Arbeiter beschäftigen würde, etwa 
800 000 Mk. Gesamtkapital erforderlich wäre." (Karl Rehe, „Die Deutsche 
Schuhgroßindustrie", Jena 1908, S. 54.) 

Dagegen: „So würde heute alles in allem ein großes kombiniertes Thomas- 
werk von 500 000 bis 400 000 Tonnen Produktion, das in Westdeutschland 
neu gegründet werden soll und Mineralfelder wie Grund und Boden kaufen 
muß, mindestens kosten: 

1000 Hektar Minettef eider , 10 000 000 Mk. 

6 Kohlenfelder im Ruhrrevier 5 000 000 „ 

Kohlengrube mit 1 000 000 Tonnen Förderung, einschließ- 
lich Kokereien 12 000 000 „ 

Hochofenanlage 10 000 000 „ 

Stahl- und Walzwerke 15 000 000 „ 

Grund und Boden, Bahnanschlüsse, Arbeiterwohnungen 

usw. auf dem Eisenwerk 5 000 000 „ 

Insgesamt ... 55 000 000 Mk. 

Dazu gehören etwa 10 000 Arbeiter. Entsprechend werden in Amerika 
20 bis 50 Millionen Dollar Anlagekapital für ein Stahlwerk der doppelten 
Leistungsfähigkeit (2500 Tonnen täglich) als notwendig bezeichnet." Da- 
gegen steckte in der ganzen Nassauer Eisenindustrie 1852 an Kapital 
1 255 000 fl. (Heymann a. a. O., S. 26.) 

Dieses riesige Anschwellen des fixen Kapitals bedeutet aber eine 
stets erschwerte Übertragbarkeit der einmal gemachten Kapitals- 
anlagen. Während das zirkulierende Kapital nach Ablauf jeder Um- 
schlagsperiode in Geld rückverwandelt ist und daher in jedem 
anderen Produktionszweig angelegt werden kann, ist das fixe Kapital 
durch eine größere Reihe von Umschlagsperioden im Produktions- 
prozeß fixiert; sein Wert überträgt sich allmählich auf das Produkt 
und fließt ebenso allmählich in Geldform zurück. Der Umschlag des 
Gesamtkapitals verlängert sich. Je größer das fixe Kapital, je mäch- 
tiger sein Umfang, desto gewichtiger fällt es bei Anlagen in die 



267 



Waagschale, desto größeren Teil des Gesaratkapitals bildet es und 
desto größer ist die Schwierigkeit, den darin gebundenen Wert 
ohne die größten Verluste zu realisieren und das Kapital dann aut 
eine günstigere Sphäre zu übertragen. Dadurch wird aber die Kon- 
kurrenz des Kapitals um die Anlagesphären modifiziert. An Stelle 
der alten rechüichen Schranken der mittelalterlichen Bevormun- 
dung sind neue ökonomische entstanden, die die Freizügigkeit des 
Kapitals beschranken, eine Beschränkung freilich, die nur bereits 
in Produktionskapital verwandelte Kapitalien trifft, nicht aber erst 
neu anzulegende. Eine zweite Schranke besteht darin, daß die tech- 
nische Entwicklung zugleich die Stufenleiter der Produktion aus- 
dehnt daß der anschwellende Umfang des konstanten und ins- 
besondere des fixen Kapitals eine absolut immer größere Kapital- 
summe erfordert, um überhaupt die Produktion entsprechend 
erweitern oder neue Unternehmen errichten zu können. Die all- 
mählich akkumulierten Summen aus dem Mehrwert reichen lange 
nicht aus, um in selbständige Kapitalien verwandelt zu werden. Es 
wäre so denkbar, daß auch der Zufluß von neuem Kapital unge- 
nügend wird oder verspätet kommt. Die Freizügigkeit des Kapitals 
ist aber eine Bedingung der Herstellung der gleichen Profitrate. 
Diese Gleichheit wird verletzt, wenn Zu- oder Abfluß des Kapitals 
nicht ungehindert erfolgen kann. Da die Tendenz nach der Gleich- 
heit des Profits zunächst individuelles Streben des Kapitalisten nach 
möglichst hohemProfit ist, so muß die Schranke zunächst individuell 
beseitigt werden. Dies geschieht durch die Mobilisierung des 

Kapitals. . 

Das Kapital zu zentralisieren, genügt die Schaffung der Kapital- 
assoziation. Durch die Mobilisierung wird aber gleichzeitig der 
Kreis des assoziierbaren Kapitals erweitert. Denn sie macht die stete 
Rückverwandlung industriellen Kapitals, einschließlich des fixen 
Kapitals in Geldkapital möglichst unabhängig von dem wirklichen 
Rückfluß nach Ablauf der Umschlagsperiode, während der das fixe 
Kapital zu funktionieren hat. Natürlich ist diese Rückverwandlung 
nicht möglich auf gesellschaftlicher Stufenleiter, sondern nur ge- 
geben für eine Anzahl stets wechselnder Kapitalisten. Diese stete 



268 



Rückverwandelbarkeit in Geld gibt aber dem Kapital die Rückfluß- 
art von Leihkapital — Geldkapital, das, für einige Zeit vorgeschossen, 
als um den Zins vermehrte Geldsumme zurückkehrt. Es macht daher 
Geldsummen für die industrielle Anlagesphäre geeignet, die sonst 
nicht als industrielles Kapital fungiert hätten. 

Es sind Geldsummen, die für ihre Besitzer für längere oder 
kürzere Zeit brachliegen müßten oder als reines Leihkapital vor- 
übergehend angelegt würden. Diese Summen wechseln beständig in 
ihrer Zusammensetzung, kontrahieren und expandieren sich, stets 
ist aber eine gewisse Summe solch momentan brachliegenden Geldes 
vorhanden. Diese kann in industrielles Kapital verwandelt und 
damit fixiert werden. Der stete Wechsel dieser Geldsumme drückt 
sich aus in dem steten Besitzwechsel der Aktien. Die Verwandlung 
in industrielles Kapital geschieht natürlich nur einmal und ein für 
allemal. Das brachliegende Geld ist definitiv in Geldkapital, dieses 
in Produktionskapital verwandelt worden. Die neuen Geldsummen, 
die nunmehr aus diesen Fonds brachliegenden Geldes einströmen, 
fungieren als Kauf mittel für die Aktien, dienen jetzt nur mehr als 
Zirkulationsmittel für deren Umsatz. Für die Besitzer des ursprüng- 
lich in industrielles Kapital verwandelten Geldes bewerkstelligen sie 
aber den Rückfluß ihres Geldes, das sie nun wieder anderen Zwecken 
zur Verfügung stellen können, nachdem es für sie auch in der 
Zwischenzeit als Kapital fungiert hat. Nebenbei ist zu bemerken, 
daß mit der Steigerung der Aktienkurse caeteris paribus auch das 
zu ihrem Umsatz nötige Geld zunehmen muß und daß dann mehr 
Geld in diese Zirkulation eingehen kann, als ursprünglich in indu- 
strielles verwandelt wurde. Dabei ist zu beachten, daß in der Regel 
der Kurs der Aktien größer ist als der Wert des industriellen Kapi- 
tals, in das das Geld verwandelt wurde. 

Die Mobilisierung des Kapitals läßt natürlich den Produktions- 
prozeß unberührt. Sie berührt nur das Eigentum, schafft nur die 
l'orm für die Übertragung des kapitalistischen fungierenden Eigen- 
tums, die Übertragung von Kapital als Kapital, als Profit heckende 
Geldsumme. Da sie die Produktion unberührt läßt, ist diese Über- 
tragung in der Tat nur Übertragung der Eigentumstitel auf den 



20 Hilferding, Das Finanzkapital 



269 






Profit. Dem Kapitalisten handelt es sich aber nur um den Profit. 
Die Sphäre, in der der Profit produziert wurde, ist ihm gleichgültig. 
Der Kapitalist macht nicht eine Ware, sondern er macht in einer 
Ware - Profit. . 

Eine Aktie ist somit so gut wie eine andere, wenn sie unter sonst 
gleichen Umständen gleichen Profit bringt. Jede Aktie wird somit 
bewertet nach dem Profit, den sie bringt. Der Kapitalist, der Aktien 
kauft, kauft um dieselbe Geldsumme gleichgroßen Anteil am Profit 
wie jeder andere. Individuell ist somit durch die Mobilisierung des 
Kapitals für jeden einzelnen Kapitalisten die Gleichheit der Profit- 
rate verwirklicht. Aber auch nur individuell, indem die wirklich be- 
stehenden Ungleichheiten nur für ihn bei dem Ankauf von Aktien 
ausgelöscht werden. In Wirklichkeit bestehen diese Ungleichheiten 
fort und ebenso die Tendenz zu ihrer Ausgleichung. 

Denn die Mobilisierung des Kapitals läßt die wirkliche Bewegung 
des Kapitals zur Ausgleichung der Profitrate unberührt. Es bleibt 
ja das Streben des Kapitalisten nach möglichst großem Profit. Dieser 
erscheint jetzt in der größeren Dividende und dem erhöhten Kurs- 
wert der Aktien. Damit wird dem neuanzulegenden Kapital deutlich 
der Weg gewiesen. Die Höhe des erzielten Profits, früher das 
Geschäftsgeheimnis des einzelnen Unternehmens, erscheint jetzt 
mehr oder minder adäquat ausgedrückt in der Höhe der Dividende 
und erleichtert damit für das Anlage suchende Kapital die Ent- 
scheidung, welchen Produktionszweigen es sich zuzuwenden habe. 
Wird zum Beispiel in der Eisenindustrie mit einem Kapital von 
einer Milliarde 200 Millionen Profit gemacht und in einer anderen 
Industrie mit demselben Kapital ein Profit von 100 Millionen, so 
mag der Kurswert der Eisenaktien - wenn wir eine Kapitalisierung 
zu 5 Prozent annehmen - 4 Milliarden betragen, der der anderen 
2 Milliarden und damit für die individuellen Besitzer der Unter- 
schied ausgelöscht sein. Das hindert aber nicht das neue Kapital, 
in der Eisenindustrie Anlage zu suchen, wo es überdurchschnitt- 
lichen Profit machen kann. Gerade durch das Aktienwesen wird 
der Zufluß in diese Sphären erleichtert. Nicht nur weil, Wie schon 
bemerkt, das Hindernis, das aus der Größe des Kapitals entspringt, 



dadurch leicht überwunden wird, sondern der Extraprofit dieser 
Sphäre verspricht kapitalisiert auch besonders hohen Gründergewinn 
und reizt die Banken zur Betätigung in diesem Produktionszweig 
an. Die Verschiedenheit der Profitraten tritt hier in der verschie- 
denen Höhe der Gründergewinne in Erscheinung; sie wird aus- 
geglichen, indem die neu akkumulierten Mehrwertmassen den 
Sphären mit höchstem Gründergewinn zuströmen. 

Ebenso läßt die Mobilisierung des Kapitals die Schwierigkeiten, 
die sich der Ausgleichung der Profitrate entgegenstellen, unberührt. 
Dagegen räumt die zugleich mit der Mobilisierung sich entwickelnde 
Assoziation des Kapitals die Schranken hinweg, die aus der Größe 
des neuanzulegenden Kapitals entspringen; durch die Vereinigung 
der Geldsummen wird mit dem wachsenden Reichtum der kapita- 
listischen Gesellschaft die Größe des Unternehmens kein Hindernis 
für dessen Ausführung. So wird die Ausgleichung der Profitrate 
immer mehr nur möglich durch Einwanderung neuen Kapitals in 
die Sphären, wo die Profitrate über dem Durchschnitt steht, wahrend 
die Abwanderung des Kapitals aus den Produktionszweigen mit viel 
fixem Kapital nur schwer möglich ist. Hier vollzieht sich die Ver- 
minderung des Kapitals nur durch allmähliches Absterben alter Ein- 
richtungen oder aber durch Vernichtung von Kapital im Falle des 
Bankrotts. 

Zugleich ergibt sich mit der Ausdehnung der Stufenleiter der 
Produktion eine weitere Schwierigkeit. Ein neuerrichteter Betrieb 
muß in einer hochkapitalistischen Sphäre im vorhinein eine große 
Ausdehnung haben; seine Errichtung wird mit einem Schlage die 
Produktion dieser Sphäre gewaltig steigern. Die Gebote der Technik 
erlauben nicht jene Nuancierung in der Steigerung der Produktion, 
die die Aufnahmefähigkeit des Marktes vielleicht erforderte. Die 
starke Vermehrung der Produktion überkompensiert die Wirkung 
auf die Profitrate; stand diese vorher über dem Durchschnitt, so 
sinkt sie jetzt unter ihn. 

So entstehen der Tendenz zur Ausgleichung der Profite Hem- 
mungen, die sich mit der Entwicklung des Kapitalismus steigern. 
Diese Hemmungen wirken verschieden stark auf die verschiedenen 



270 



:.■■!■ 



271 






1 



Sphären ein, je nach der Zusammensetzung des Kapitals, insbeson- 
dere ie nach der Größe des Raumes, den das fixe Kapital innerhalb 
des Gesamtkapitals einnimmt. Am stärksten wird sich diese Wir- 
kung geltend machen gerade in den entwickeltsten Sphären kapita- 
listischer Produktion, in den schweren Industrien. Hier spielt das 
fixe Kapital weitaus die größte Rolle, hier wird der Abfluß einmal 
angelegten Kapitals am schwierigsten. 

Wie wirkt dies nun auf die Profitrate in diesen Sphären? Es wäre 
folgende Argumentation denkbar: In diesen Industrien ist ein sehr 
bedeutendes Anfangskapital nötig, der Besitz so großer Anfangs- 
kapitalien ist beschränkt, dalier wird auch die Konkurrenz in diesen 
Sphären geringer, der Profit höher sein. Das Argument übersieht, 
daß das nur zutrifft für die Zeit, wo das Kapital noch individuell 
fungierte. Die Assoziationsmöglichkeit des Kapitals überwindet 
spielend diese Schranke. Die Größe des Kapitals ist kein Hindernis 
für dessen Aufbringung. Dagegen ist der Ausgleich durch Kapital- 
abfluß hier fast ausgeschlossen, und ebenso ist die Kapitalvernich- 
tung hier sehr erschwert. Diese entwickelten Industrien sind zu- 
gleich diejenigen, in denen die Konkurrenz die kleinen Betriebe 
am raschesten ausgemerzt hat oder wo es solche überhaupt nicht 
gegeben hat (wie in manchen Zweigen der Elektrizitätsindustrie). 
Es herrscht nicht nur der Großbetrieb, sondern diese kapitalstarken 
Großbetriebe werden einander immer gleichwertiger, die tech- 
nischen und ökonomischen Unterschiede, die einzelnen von ihnen 
eine Überlegenheit im Konkurrenzkampf gewähren würden, werden 
immer geringer. Es ist kein Kampf von Starken und Schwachen, in 
dem diese vernichtet und damit der Überfluß an Kapital in dieser 
Sphäre beseitigt würde, sondern ein Kampf zwischen Gleichen, der 
lange unentschieden bleiben mag, allen Kämpfenden gleiche Opfer 
auferlegt. Diese Unternehmen müssen alle den Kampf auszuhalten 
suchen, da sonst das ganze gewaltige Kapital, das in jedem einzelnen 
steckt, entwertet würde. Die Entlastung dieser Sphäre durch 
Kapitalvernichtung ist so sehr erschwert. Zugleich wirkt hier jedes 
neue Unternehmen vermöge der großen Produktionsfähigkeit, die 
es von vornherein besitzen muß, mit großer Wucht auf die Zufuhr. 



272 



Es wird gerade in diesen Sphären sich sehr leicht ein Zustand 
herausbilden, in dem durch längere Zeit die Profitrate unter dem 
Durchschnitt steht. Dieser Zustand wird um so gefährlicher, je 
niedriger die Durchschnittsprofitrate steht. Mit dem Fall der Profit- 
rate, der die Entwicklung der kapitalistischen Produktion begleitet, 
wird der Spielraum, innerhalb dessen eine Produktion noch profi- 
tabel ist, stets verengt. Ist die Profitrate nur 20 Prozent, während sie 
früher einmal 40 Prozent war, so reicht schon ein viel geringerer 
Preisdruck hin, um den Profit ganz verschwinden zu lassen, den 
Zweck der kapitalistischen Produktion zu vereiteln. So werden 
gerade diese Industrien mit ihren großen fixen Kapitalmassen immer 
empfindlicher gegen die Konkurrenz und den durch sie bewirkten 
Fall der Profitrate, während gleichzeitig gerade für sie die 
Schwierigkeit wächst, die einmal stattgehabte Verteilung des 
Kapitals zu ändern. So wird gerade in ihnen — freie Konkurrenz vor- 
ausgesetzt — leicht eine unterdurchschnittliche Profitrate entstehen 
können, die nur sehr allmählich, durch stockenden Zufluß neuen 
Kapitals, während der Konsum sich allmählich mit dem Wachstum 
der Bevölkerung hebt, sich ausgleichen würde. Diese Tendenz kann 
noch dadurch verstärkt werden, daß neue Kapitalien (Aktienkapital) 
im vorhinein mit unterdurchschnittlichem Profit rechnen können. 

Anderseits wird geringerer als der Durchschnittsprofit in jenen 
Sphären herrschen, in denen noch das individuelle Kapital dominiert 
und das erforderliche Kapital verhältnismäßig gering ist. Hierher 
drängen sich die Kapitalien, die in den entwickelteren Sphären nicht 
mehr konkurrenzfähig sind, deren geringer Umfang aber ander- 
seits ihren Besitzern nicht erlaubt, sie als Zins oder Dividende 
tragendes Kapital anzulegen. Es sind das die Sphären des Klein- 
handels und der kleinkapitalistischen Produktion mit ihrem erbitter- 
ten Konkurrenzkampf, mit ihrer fortwährenden Vernichtung alten 
Kapitals, das alsbald wieder durch neues ersetzt wird, Sphären, die 
besiedelt sind von jenen Elementen, die immer mit einem Fuß im 
Proletariat stehen, in denen der Bankrott eine stete Erscheinung 
ist, während nur wenige von ihnen sich allmählich zu größeren 
Kapitalisten entwickeln. Es sind das diejenigen Zweige der Produk- 



273 



tion, welche immer mehr in den verschiedensten Formen vom 
großen Kapital in indirekte Abhängigkeit gebracht werden. 

Neben der Überfüllung dieser Sphären der Produktion kommt 
noch ein anderer Umstand hinzu, um hier die Profitrate zu senken. 
Es herrscht erbitterte Konkurrenz um den Absatz, und diese Kon- 
kurrenz auszufechten werden große Summen aufgewandt, um den 
Umschlag zu beschleunigen und den Absatz zu vergrößern. Eine 
große Reklame wird entfaltet, eine große Anzahl von Reisenden 
ausgeschickt. Um jeden Kunden kämpfen zehn Reisende. Dies alles 
erfordert Geld, das das Kapital dieser Sphären anschwellt, aber, da 
es nicht produktiv angewandt wird, den Profit nicht vermehrt, son- 
dern die Profitrate, da sie jetzt auf dieses größere Kapital berechnet 
werden muß, senkt. 

So sehen wir, wie sich an den beiden Polen kapitalistischer Ent- 
wicklung aus ganz verschiedenen Ursachen eine Tendenz zur Sen- 
kung der Profitrate unter ihren Durchschnitt ergibt. Diese Tendenz 
löst nun ihrerseits dort, wo die Kapitalskraft hinreichend stark ist, 
die Gegentendenz zu ihrer Überwindung aus. Diese Gegentendenz 
führt schließlich zur Aufhebung der freien Konkurrenz und damit 
zur Tendenz, die Ungleichheit der Profitrate dauernd zu gestalten, 
bis schließlich diese Ungleichheit selbst beseitigt wird durch die Be- 
seitigung der Trennung der Produktionssphären. 

Die Tendenz, die so innerhalb des industriellen Kapitals gerade 
in seinen entwickeltsten Sphären entsteht, wird gefördert durch die 
Interessen des Bankkapitals. 

Wir haben gesehen, daß die Konzentration in der Industrie 
gleichzeitig eine Konzentration der Banken herbeiführt, die aus den 
eigenen Entwicklungsbedingungen des Bankgeschäftes heraus noch 

1 Die Tendenz zur Ausgleichung der Profitrate ist wichtig, um die Be- 
wegung der kapitalistischen Produktion zu verstehen und die Wirkungsweise 
des Wertgesetzes als Bewegungsgesetzes zu begreifen. Denn das Wertgesetz 
beherrscht nicht direkt die einzelnen Tauschakte, sondern nur ihre Gesamt- 
heit, von denen der einzelne Tauschakt nur ein durch die Gesamtheit beding- 
ter Teil. Anderseits ist die individuelle Ungleichheit der Profite wichtig für 
die Distribution des Gesamtprofits, für die Akkumulation und Konzentration, 
schließlich für die Kombination, Fusion, Kartell und Trust. 



274 






verstärkt wird. Wir sehen ferner, wie das Bankkapital durch das 
Aktienwesen den industriellen Kredit erweitern kann und, durch 
die Aussicht auf Gründungsgewinn geleitet, immer größeres Inter- 
esse an der Finanzierung gewinnt. Der Gründungsgewinn ist aber 
unter sonst gleichen Umständen abhängig von der Höhe des Profits. 
Das Bankkapital wird so direkt interessiert an dieser Höhe. Mit der 
Konzentration der Banken wächst aber zugleich der Umkreis der 
industriellen Unternehmungen, an denen die Bank als Kreditgeberin 
und Finanzinstitut beteiligt ist. 

Während das industrielle Unternehmen, das technisch oder öko- 
nomisch überlegen ist, die Aussicht hat, nach einem Konkurrenz- 
kampf siegreich den Markt zu behaupten, den eigenen Absatz zu 
vergrößern und nach Verdrängung der Gegner für längere Zeit 
Extraprofite einzuheimsen, die es für die Verluste des Konkurrenz- 
kampfes mehr als entschädigen, sind die Erwägungen der Bank 
anderer Natur. Der Sieg dieses Unternehmens ist die Niederlage 
anderer, an denen die Bank gleichfalls interessiert war. Die anderen 
Unternehmen haben starken Kredit in Anspruch genommen, und 
das geliehene Kapital ist jetzt gefährdet. Der Konkurrenzkampf 
selbst war eine Zeit des Verlustes für alle Unternehmungen. Die 
Bank mußte ihre Kredite einschränken, auf gewinnbringende 
Finanzgeschäfte verzichten. Der Sieg des einen Unternehmens ent- 
schädigt sie dafür durchaus nicht. Ein so starkes Unternehmen ist 
ein Widerpart, an dem die Bank nicht allzuviel verdienen kann. 
Sobald die konkurrierenden Werke ihre Kunden sind, hat die Bank 
von deren Konkurrenz daher nur Nachteile zu erwarten. Daher ist 
das Streben der Banken nach Ausschaltung der Konkurrenz zwischen 
Werken, an denen sie beteiligt ist, ein absolutes. Jede Bank aber hat 
auch das Interesse an möglichst hohem Profit. Dieser wird unter 
sonst gleichen Umständen wieder den höchsten Stand erreichen bei 
völliger Ausschaltung der Konkurrenz in einem Industriezweig. 
Daher das Streben der Banken nach HersteUung des Monopols. Es 
treffen so die Tendenzen des Bankkapitals mit denen des Industrie- 
kapitals nach Ausschaltung der Konkurrenz zusammen. Zugleich 
aber erhält das Bankkapital immer mehr Macht, dieses Ziel durch- 



275 



zusetzen, selbst gegen den Willen einzelner Unternehmungen, die, 
auf ihre besonders günstige Einrichtung gestützt, den Konkurrenz- 
kampf vielleicht noch vorziehen würden. Der Unterstützung des 
Bankkapitals hat es so das Industriekapital zu danken, wenn der 
Ausschluß der Konkurrenz schon in einem Stadium der ökono- 
mischen Entwicklung stattfindet, wo ohne Mitwirkung des Bank- 
kapitals die freie Konkurrenz noch weiterbestanden hätte. 

Neben diesen allgemeinen Tendenzen zur Einschränkung der 
Konkurrenz machen sich Tendenzen geltend, die aus bestimmten 
Phasen der industriellen Konjunktur entspringen. Zunächst ist zu 
bemerken, daß in der Depressionsperiode der Antrieb, den Profit 
zu erhöhen, sich besonders stark geltend machen wird. Während der 
Prosperität übersteigt die Nachfrage das Angebot. Man ersieht dies 
schon daraus, daß in dieser Zeit die Produktion lange Zeit vor ihrer 
Herstellung verkauft wird. 

1 Es ist kein Zweifel, daß die andersartige Entwicklung des Bankwesens 
in England, das den Banken viel geringeren Einfluß auf die Industrie ge- 
wahrt, mit ein Grund ist, der die Kartellierung in England erschwert und 
die englischen Kartelle, falls sie zustande kommen, meist nur zu losen Preis- 
vereinbarungen werden läßt, die in guter Konjunktur außerordentlich hohe 
Preise durchsetzen, um während der Depression zusammenzubrechen. (Siehe 
die zahlreichen Beispiele für solche Zusammenbrüche bei Henry W.Macrosty, 
„The Trust Movement in British Industry", London 1907, S. 63 ff.) Die Ver- 
besserungen in der Organisation der englischen Industrie, namentlich die 
Ausdehnung der Kombination in den letzten Jahren, sind zurückzuführen 
auf die amerikanische und deutsche Konkurrenz. Das Weltmarktsmonopol 
hatte die englische Industrie rückständig gemacht. Der beste Beweis für die 
Notwendigkeit der Konkurrenz innerhalb des kapitalistischen Systems. 

Übrigens zeitigt die englische Bankentwicklung auch noch ein anderes 
Phänomen. In Deutschland und den Vereinigten Staaten sind es zu einem 
großen Teil die Bankdirektoren, die durch Personalunion die Interessen- 
gemeinschaften der Industrie zum Ausdruck bringen, in England spielt das 
geringere Rolle; dort vollzieht sich die Personalunion durch die Direktoren 
der industriellen Aktiengesellschaften. 

2 So war Mitte Juni 1907 die Produktion deutscher und englischer Spin- 
nereien vielfach schon für das I. Quartal 1908 verkauft. Die deutschen 
Kohlenverbvaucher haben im Jänner 1907 feste Abschlüsse bis März 1908, 
also auf 15 Monate, mit dem Kohlonsyndikat gemacht. („Frankfurter Zei- 
tung" vom 16. VII. 1907.) 



276 



Es sei nebenbei bemerkt, daß die Nachfrage in dieser Zeit häufig 
spekulativen Charakter annimmt. Es wird gekauft in Erwartung, 
daß die Preise weitersteigen werden. Die Erhöhung des Preises, 
die die konsumtive Nachfrage einschränkt, ist umgekehrt ein Stachel 
für die spekulative Nachfrage. Übersteigt aber die Nachfrage das 
Angebot, so bestimmen die unter den schlechtesten Bedingungen 
produzierenden Unternehmungen den Marktpreis. Die unter besse- 
ren Bedingungen produzierenden realisieren Extraprofit. Die Unter- 
nehmer sind eine geschlossene Einheit auch ohne Vertragsabschluß. 
Umgekehrt in der Depression, wo jeder auf eigene Faust zu retten 
sucht, was noch zu retten ist, jeder rücksichtslos gegen den an- 
deren operiert. „Die Seite der Konkurrenz, die momentan die 
schwächere, ist zugleich die, worin der einzelne unabhängig von der 
Masse seiner Konkurrenten und oft direkt gegen sie wirkt und 
gerade dadurch die Abhängigkeit des einen von dem andren fühlbar 
macht, während die stärkre Seite stets mehr oder minder als ge- 
schloßne Einheit dem Widerpart gegenübertritt. Ist für diese be- 
stimmte Sorte Waren die Nachfrage größer als die Zufuhr, so über- 
bietet - innerhalb gewisser Grenzen - ein Käufer den andren und 
verteuert so die Ware für alle über den Marktwert, während auf 
der andern Seite die Verkäufer gemeinsam zu einem hohen Markt- 
preis zu verkaufen suchen. Ist umgekehrt die Zufuhr größer als die 
Nachfrage, so fängt einer an, wohlfeiler loszuschlagen, und die 
andren müssen folgen, während die Käufer gemeinsam darauf hin- 
arbeiten, den Marktpreis möglichst tief unter den Marktwert herab- 
zudrücken. Die gemeinsame Seite interessiert jeden nur, solange er 
mehr mit ihr gewinnt als gegen sie. Und die Gemeinsamkeit hört 
auf, sobald die Seite als solche die schwächere wird, wo dann jeder 
einzelne auf eigne Hand sich möglichst gut herauszuwinden sucht. 
Produziert ferner einer wohlfeiler und kann er mehr losschlagen, 
sich größren Raums vom Markt bemächtigen . . ., so tut er es, und so 
lieginnt die Aktion, die nach und nach die andren zwingt, die wohl- 
feilere Produktionsart einzuführen, und die die gesellschaftlich not- 
wendige Arbeit auf ein neues geringres Maß reduziert. Hat eine 
Seite die Oberhand, so gewinnt jeder, der ihr angehört; es ist, als 



277 



hätten sie ein gemeinschaftliches Monopol geltend zu machen. Ist 
eine Seite die schwächre, so kann jeder für seinen eignen Teil 
suchen, der stärkre zu sein (z. B. wer mit weniger Produktionskosten 
arbeitet) oder wenigstens so gut wie möglich davonzukommen, und 
hier schert er sich den Teufel um seinen Nebenmann, obgleich sein 
Wirken nicht nur ihn, sondern auch alle seine Kumpane mit be- 
rührt." 1 

Es entsteht so ein Widerspruch: Die Einschränkung der Kon- 
kurrenz ist am leichtesten möglich, wenn sie am wenigsten nötig 
ist, weil der Vertrag nur den bestehenden Zustand sanktioniert, 
nämlich während der Prosperität. Umgekehrt ist während der 
Depression, wo die Einschränkung der Konkurrenz am nötigsten, 
der Abschluß des Vertrages zugleich am schwierigsten. Dieser Um- 
sland erklärt, warum sich die Kartelle viel leichter in der Prosperi- 
tätsepoche oder wenigstens nach Überwindung der Depression 
bilden und in der Depression, namentlich wenn sie nicht straff 
organisiert sind, so oft zusammenbrechen. 

1 Marx, „Kapital", III., 1., S. 174. (Neuausgabe S. 220/221. Die Red.) 
Sehr charakteristisch ist auch die nachfolgende Stelle, die Marx zitiert und 

die ich hier in Übersetzung folgen lasse: Wenn jeder Mann einer Klasse nie- 
mals mehr haben könnte als einen bestimmten Teil oder einen aliquoten Teil 
der Gewinne und des Besitzes der ganzen Klasse, so würde er leicht zu Ver- 
einbarungen geneigt sein, um die Gewinne zu erhöhen (das tut er, bemerkt 
Marx dazu, sobald das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr es erlaubt); 
dies bedeutet Monopol. Aber sobald jedermann denkt, daß er irgendwie den 
absoluten Betrag seines eigenen Anteils vermehren könnte, obwohl durch ein 
Vorgehen, das den Gesamtbetrag vermindert, wird er es oft tun; das bedeutet 
Konkurrenz. („An Inquiry into those principles respecting the nature of 
demand etc.", London 1811, S. 105.) 

Während der Prosperität ist der Anteil (given share) gegeben, er ist gleich 
dem ganzen Produkt, das vom Einzehmternehmer erzeugt werden kann. In 
der Depression dagegen muß er um seinen Absatz kämpfen. 

2 „Die Erfahrung hat gelehrt, daß, wenn auch die Kartelle als ,Kinder 
der Not' bezeichnet werden und die Bestrebungen zum Zusammenschluß 
der Berufsgenossen zumeist in den Zeiten niedergehender wirtschaftlicher 
Konjunkturen oder Krisen ihren günstigsten Nährboden haben, dennoch das 
Zustandekommen eines Kartells am leichtesten bei günstiger geschäftlicher 
Lage und bei Hochkonjunktur sich ermöglichen läßt, denn die Aussicht auf 



278 



Ebenso ist klar, daß die monopolistischen Vereinigungen in 
Zeiten guter Konjunktur den Markt viel wirksamer beherrschen 
werden als in Depressionszeiten. 

Neben den Tendenzen, welche dauernde Senkung der Profitrate 
unter ihr Durchschnittsniveau hervorrufen und die nur überwunden 
v/erden können durch Beseitigung ihrer Ursache, der Konkurrenz, 
gibt es auch eine Senkung der Profitrate in einem Industriezweig, 
die entsteht durch eine Erhöhung des Profits in einem anderen 
Industriezweig. Entspringt jene aus dauernd wirksamen Ursachen, 
so diese aus Bedingungen des industriellen Zyklus. Tritt jene 
schließlich in allen entwickelten kapitalistischen Produktionszweigen 
ein, so betrifft diese nur bcslimmte Produktionszweige. Entsteht 
endlich jene aus der Konkurrenz innerhalb eines Industriezweiges, 
so diese aus dem Verhältnis von Industriezweigen, von denen der 
eine das Bohmaterial des anderen liefert. 



die Erhaltung günstiger Preise, verbunden mit starker Nachfrage, bildet die 
stärkste Triebfeder zur Vereinigung gemeinsamer Interessen. Das Bestreben 
dagegen, um jeden, auch den niedrigsten Preis Aufträge zu erlangen und 
diese dem Konkurrenten wegzunehmen, erschwert ein gemeinsames Vor- 
gehen." Dr. Völcker in seinem Beferat über den Verband deutscher Druck- 
papierfabriken. Kontradikt. Verh. 

Siehe auch über die Geschichte der Kartelle Heinrich Cunow, „Die Kar- 
telle in Theorie und Praxis"; „Neue Zeit", XXII., 2, S. 210. 

1 So sagt auch Levy, nachdem er angeführt hat, daß der Preis der Stahl- 
schicnen in den Vereinigten Staaten trotz aller Schwankungen sowohl des 
Weltmarktpreises als des Bohmaterials sich vom Mai 1901 bis zum Sommer 
1905 unverändert auf 28 Dollar gehalten hat: „Es scheint, als ob diese Or- 
ganisation, der Pool, stets in schlechten Zeiten an Macht verloren habe, um 
sie in guten Zeiten wieder zu gewinnen." 

„So bricht im Jahre 1892 der Bail Pool über Streitigkeiten der Carnegie 
und Illinois Steel Company, der beiden Hauptelemente im Pool, zusammen, in 
dem Augenblicke, wo die Preise sinken. So bricht weiter im Jahre 1897, nach- 
dem sich der kurze Aufschwung von 1896 verlaufen hatte, der zweite Pool 
zusammen. Es folgt die allgemeine Demoralisation des Marktes, welche 
wieder zu Ende des Jahres 1898 die Produzenten zu einer gemeinschaftlichen 
Maßnahme schreiten läßt: der Neugründung des Schienenkartells." (Her- 
mann Levy, „Die Stahlindustrie in den Vereinigten Staaten", Berlin 1905, 
S. 201.) 



279 



Während der Properität findet Ausdehnung der Produktion statt. 
Diese Ausdehnung wird dort am raschesten erfolgen, wo die Kapi- 
talien verhältnismäßig gering, die Ausdehnung der Produktion in 
kurzer Zeit und an vielen Punkten vor sich gehen kann. Diese rasche 
Steigerung der Produktion wirkt bis zu einem gewissen Grade der 
Steigerung der Preise entgegen. Dies ist der Fall in einem großen 
Teil der Industrie der Fertigfabrikate. Dagegen ist die Ausdehnung 
der Produktion in der extraktiven Industrie nicht ebenso rasch mög- 
lich. Die Fertigstellung eines neuen Schachtes, die Anlegung neuer 
Hochöfen braucht relativ lange Zeit. In der ersten Zeit der Pro- 
sperität wird die steigende Nachfrage durch intensivere Ausnützung 
der alten Produktionsmöglichkeiten befriedigt. In der Hochkon- 
junktur wächst aber die Nachfrage der Fertigindustrien rascher als 
die Produktion der extraktiven Industrien. Infolgedessen steigen 



1 Im Ruhrrevier dauert eine Zechenanlage fünf bis sieben Jahre. In den 
Vereinigten Staaten die Inbetriebsetzung reiner Stahl- und Walzwerke zwei 
Jahre, mit Hochöfen noch länger. (Heymann, a. a. O., S. 221.) 

Der hier beschriebene Vorgang ist eine reine Konkurrenzerscheinung. 
Seine Analyse fiel daher nicht mehr in das Untersuchungsgebiet des „Kapi- 
tals". Doch hatMarx gelegentlich auf eine ganz analoge Erscheinung in einein 
anderen Zusammenhang hingewiesen: „Es ist in der Natur der Sache be- 
gründet, daß pflanzliche und tierische Stoffe, deren Wachstum und Produk- 
tion bestimmten organischen, an gewisse natürliche Zeiträume gebundnen 
Gesetzen unterworfen sind, nicht plötzlich in demselben Maß vermehrt wer- 
den können wie z. B. Maschinen und andres fixes Kapital, Kohlen, Erze etc., 
deren Vermehrung, die sonstigen Naturbedingungen vorausgesetzt, in einem 
industriell entwickelten Land in kürzester Zeit vor sich gehen kann. Es ist 
daher möglich, und bei entwickelter kapitalistischer Produktion sogar unver- 
meidlich, daß die Produktion und Vermehrung des Teils des konstanten 
Kapitals, der aus fixem Kapital, Maschinerie etc. besteht, einen bedeutenden 
Vorsprung gewinnt vor dem Teil desselben, der aus organischen Rohstoffen 
besteht, so daß die Nachfrage nach diesen Rohstoffen schneller wächst als 
ihre Zufuhr und daher ihr Preis steigt." (Marx, „Kapital", III., 1., S. 94 ff. 
[Neuausgabe S. 140. Die Red.J) Die hier geschilderte Diskrepanz ist Folge 
der verschiedenen Länge der Umschlagszeit. Entspringt sie bei den orga- 
nischen Rohstoffen natürlichen Ursachen, so bei den anorganischen der 
Größe des Kapitals, besonders seines fixen Bestandteiles. 



die Preise des Rohmaterials rascher als die der Fertigfabrikate. In 
der extraktiven Industrie steigt so die Profitrate auf Kosten der 
weiterverarbeitenden Industrie, und diese kann zudem noch durch 
Rohmaterialmangel an der Ausnützung der Konjunktur verhindert 
werden. 

Umgekehrt in der Depression. Der Abfluß und die Produktions- 
cinschränkung ist in den Zweigen, die das Rohmaterial liefern, 
schwieriger und verlustreicher als in der Sphäre der Fertigfabrika- 
tion. In jenen bleibt daher die Profitrate länger unter ihrem Durch- 
schnitt, ein Moment, das auch noch dazu beiträgt, in der weiter- 
verarbeitenden Industrie die Profitrate auf ihre Norm zu bringen, 
während in der Rohmaterialher Stellung die Depression länger und 
schwerer ist. 

Wie schwer und langdauernd solche Depressionszustände bei freier Kon- 
kurrenz sein können, zeigt die Krise der Eisen- und Stahlindustrie in den 
Vereinigten Staaten von 1874 bis 1878. Roheisen in Philadelphia fiel nach 
1873 von Dollar 42,75 auf schließlich Dollar 17,63 im Jahre 1878. 1 

Die kolossalen Schwankungen der Preise während des Verlaufes eines 
industriellen Zyklus illustrieren auch folgende Zahlen, wobei zu bemerken, 
daß die Produktionskosten des Roheisens sich während dieser Zeit im all- 
gemeinen verbilligt haben: 

Base-Erz Nr. I Bessemer-Hämatit fällt von 6 Dollar im Jahre 1890 Jahr 
für Jahr bis auf Dollar 2,90 im Jahre 1895. Mesabi-Bessemer wird im Jahre 
1894 mit Dollar 2,25, Nicht-Bessemer mit Dollar 1,85 verkauft. Dann kommt 
eine kurze Periode des Aufschwungs in der Stahlindustrie . . . Sofort steigen 
die genannten Erze auf Dollar 4,—, 3,25 und 2,40. 2 

Bessemer-Roheisen in Pittsburg kostete in Dollar 1887: 21,37, 1897: 10,13, 
1902: 20,67, 1904: 13,76. Englisches bestes Roheisen 1888: 10,86, 1895: 
11,30, 1900: 20,13, 1903: 13,02.» 

Für die Gestaltung der Preisverhältnisse der Rohmaterialien zu denen 
des fertigen Roheisens beim Rückgang der Konjunktur gibt Levy 4 folgende 
instruktive Tabelle: 

„Es betrug 



1 Levy, ebenda, S. 31. 

2 Ebenda, S. 98. 

3 Ebenda, S. 121. 
* Ebenda, S. 136. 



280 



281 





Preis von 


Preis 


Preis 


Preis von 


Differenz des 




2240 lbs. 


von 2240 


von 2000 


4122 lbs. 


Preises von 


Im 


Bessemer- 


lbs. Lake 


Pounds 


Erz+2423 


Roheisen und 


Jahre 


Roheisen 


Superior- 


Koks 


lbs. Koks 


den Kosten 




Erz 






von Erz+Koks 




Dollar 


Dollar 


Dollar 


Dollar 


Dollar 


1890 


18,8725 


6,00 


2,0833 


13,56 


5,31 


1891 


15,9500 


4,75 


1,8750 


11,01 


4,94 


1892 


14,3667 


4,50 


1,8083 


10,47 


3,90 


1893 


12,8692 


4,00 


1,4792 


9,15 


3,72 


1894 


11,3775 


2,75 


1,0583 


6,34 


5,04 


1895 


12,7167 


2,90 


1,3250 


6,94 


5,78 


1896 


12,1400 


4,00 


1,8750 


9,63 


2,51 


1897 


10,1258 


2,65 


1,6167 


6,84 


3,29 



Wir sehen aus diesen Zahlen, in welche Lage nach 1890 diejenigen Be- 
triebe gerieten, welche ganz auf den Zukauf von Kohle und Erz angewiesen 
waren. Der Preis der Rohmaterialien sank nach 1890 zwar beträchtlich, aber 
die Differenz zwischen den Kosten derselben und dem Preise des fertigen 
Produktes sank noch stärker, so daß sich die Lage der Verbraucher wesent- 
lich verschlechterte. Es war die alte Tendenz: die Preise für Roheisen gingen 
schneller und stärker herab als die der Rohmaterialien, eben jene Tendenz, 
welche, wie wir ausführten, zur Kombinierung der Betriebe führte." 

Dieser Unterschied in der Profitrate muß überwunden werden, 
und er kann nur überwunden werden durch Vereinigung der extrak- 
tiven mit der weiterverarbeitenden Industrie: durch die Kombi- 
nation. Der Anstoß zur Kombination wird verschieden sein je nach 
der Phase der Konjunktur. In Prosperitätszeiten wird der Anstoß 
von den weiterverarbeitenden Werken kommen, die die hohen Roh- 
materialpreise oder gar den Rohmaterialmangel dadurch überwin- 
den. In der Depression werden die Hersteller des Rohmaterials sich 
weiterverarbeitende Werke angliedern, um nicht das Rohmaterial 
unter dem Produktionspreis verkaufen zu müssen. Sie werden es 
selbst verarbeiten und am Fertigprodukt mit höherem Profit reali- 
sieren. Allgemein gefaßt: Es besteht die Tendenz, daß der jeweils 
schlechter rentierende Betriebszweig sich den besser rentierenden 
angliedert. 

i Heymann, a. a. O., S. 223. 

In Amerika war es der Eisenbahnbedarf, der selbst wieder vom Ernte- 
ausfall abhing, der über die Konjunktur in der Eisenindustrie in den ersten 
Stadien ihrer Entwicklung entschied. Daher der rasche Wechsel und die 
Größe des Preisausschlages während der Konjunktur und der frühe Drang 
zur Kombination in den Vereinigten Staaten. (Vgl. Levy, a. a. O., S. 77.) 



282 



Je nach der Art und Weise, wie die Kombination entsteht, mag 
man also unterscheiden: die aufsteigende Kombination; zum Bei- 
spiel ein Walzwerk, das sich Hochöfen und Kohlenzechen angliedert. 
Die absteigende Kombination: eine Kohlengrube kauft Hochöfen 
und Walzwerke an. Die gemischte Kombination: ein Stahlwerk 
gliedert sich einerseits Kohlenzechen, anderseits Walzwerke an. 

Es ist also die Verschiedenheit der Profitrate, die zur Kombination 
führt. Für das kombinierte Werk sind die Schwankungen der Profit- 
rate aufgehoben, während das reine Werk seinen Profit zugunsten 
des zweiten Werkes vermindert sieht. 

Ein anderer Vorteil der Kombination entspringt aus der Erspa- 
rung des Handelsprofits. Dieser kann ausgeschaltet werden, und um 
diesen Betrag vermehrt sich der industrielle Profit. 

Die Ausschaltung des Handelsprofits ist möglich durch die fort- 
geschrittene Konzentration. Die Funktion des Handels, die in den 
einzelnen kapitalistischen Betrieben zersplitterte Funktion zu kon- 
zentrieren und so den anderen industriellen Kapitalisten die Be- 
friedigung ihres Bedarfes in dem ihnen entsprechenden Quantum 
zu ermöglichen, ist nicht mehr notwendig. Ein Weber zieht es vor, 
beim Garnhändler die verschiedenen Arten Garn in den verschiede- 
nen Qualitäten und Quantitäten zu decken, statt mit einer ganzen 
Reihe von Spinnern Transaktionen abzuschließen. Ebenso verkauft 
der Spinner lieber die ganze Produktion auf einmal an einen Händ- 
ler, statt an eine Reihe von Webern. Dadurch werden Zirkulations- 
zeit und Zirkulationsunkosten erspart, das Reservekapital ver- 
ringert. 

Anders, sobald es sich um große konzentrierte Betriebe handelt, 
die gleichartige Güter (Massengüter) produzieren, wo die Produk- 
tion des einen den Bedarf des anderen deckt. Hier wird der Handel 
überflüssig. Der Händler und sein Profit kann beseitigt werden, und 
er wird beseitigt durch die Kombination dieser Unternehmungen. 
Diese Beseitigung des Handelsprofits ist der Kombination eigen- 
tümlich gegenüber der Vereinigung gleichartiger Betriebe, wo 
natürlich keine Handelsbeziehungen bestanden haben. Der Handels- 
profit ist aber nur Teil des Gesamtprofits. Sein Wegfall erhöht pro 



283 



tanto den industriellen Profit. Solange die kombinierten Werke mit 
den reinen Werken konkurrieren, gibt ihnen der erhöhte Profit eine 
Überlegenheit in der Konkurrenz. 

Wären die Profitraten beider Werke gleich, und zwar gleich der 
Durchschnittsprofitrate, so bedeutete die Kombination zunächst 
keine Überlegenheit, da immer nur die Durchschnittsprofitrate 
realisiert werden könnte. Aber die Kombination gleicht Konjunktur- 
Unterschiede aus und bewirkt daher für das kombinierte Werk eine 
größere Stetigkeit der Profitrate. Zweitens bewirkt die Kombination 
Ausschaltung des Handels. Drittens bewirkt sie die Möglichkeit 
technischer Fortschritte und damit die Erlangung von Extraprofit 
gegenüber dem reinen Werk. Viertens stärkt sie die Stellung des 
kombinierten Werkes gegenüber dem reinen im Konkurrenzkampf 
zur Zeit einer starken Depression, wenn die Senkung der Roh- 
materialpreise nicht Schritt hält mit der Senkung der Fabrikats - 
preise. 

Die Kombination, die zugleich eine Einschränkung der gesell- 
schaftlichen Arbeitsteilung bedeutet, während sie neuen Ansporn 
gibt für die Arbeitsteilung innerhalb des neuen Gesamtbetriebes, 
die auch immer mehr die Arbeit der Leitung erfaßt, begleitet von,. 
Anfang an die kapitalistische Produktionsweise. „Endlich kann die 
Manufaktur, wie sie teilweise aus der Kombination verschiedner 
Handwerker entspringt, sich zu einer Kombination verschiedner 
Manufakturen entwickeln. Die größren englischen Glashütten 
z. B. fabrizieren ihre irdenen Schmelztiegel selbst, weil von deren 
Güte das Gelingen oder Mißlingen des Produkts wesentlich ab- 
hängt. Die Manufaktur eines Produktionsmittels wird hier mit der 
Manufaktur des Produkts verbunden. Umgekehrt kann die Manu- 
faktur des Produkts verbunden werden mit Manufakturen, worin es 
selbst wieder als Rohmaterial dient oder mit deren Produkten es 
später zusammengesetzt wird. So findet man z. B. die Manufaktur 
von Flintglas kombiniert mit der Glasschleiferei und der Gelb- 
gießerei, letztre für die metallische Einfassung mannigfacher Glas- 
artikel. Die verschiednen kombinierten Manufakturen bilden dann 
mehr oder minder räumlich getrennte Departements einer Gesamt - 



284 






manufaktur, zugleich voneinander unabhängige Produktions- 
prozesse, jeder mit eigner Teilung der Arbeit. Trotz mancher Vor- 
teile, welche die kombinierte Manufaktur bietet, gewinnt sie, auf 
eigner Grundlage, keine wirklich technische Einheit. Diese entsteht 
erst bei ihrer Verwandlung in den maschinenmäßigen Betrieb."' 1 

Die kolossale Beschleunigung, die die Kombination in der 
neuesten kapitalistischen Entwicklungsphase erfährt, ist geschuldet 
den starken Antrieben, die aus ökonomischen Ursachen, insbeson- 
dere aus der Kartellierung entstanden sind. Dies schließt aber zugleich 
ein,daß die aus ökonomischen Ursachen entstandeneKombination sehr 
bald Gelegenheit zu technischen Verbesserungen des Produktions- 
prozesses bietet, man denke zum Beispiel an die Verbindung der 
Hochöfen mit der Weiterverarbeitung, die erst die rationelle Aus- 
nützung der Hochofengase als motorischer Kraft gestattet hat. Diese 
technischen Vorteile, einmal gegeben, werden wiederum treibendes 
Motiv für die Durchführung der Kombination dort, wo die bloßen 
ökonomischen Ursachen diese noch nicht herbeigeführt hätten. 

Unter Kombination verstehen wir also die Verbindung solcher 
kapitalistischer Unternehmungen, von denen das eine das Roh- 
material für das andere liefert, und unterscheiden diese Verbindung, 
die aus der Verschiedenheit der Profitraten in verschiedenen Indu- 
striesphären entspringt, von der Vereinigung von Unternehmungen 
in demselben Industriezweig. Diese entsteht zu dem Zweck, durch 
die Aufhebung der Konkurrenz die Profitrate in dieser Sphäre über 
ihren unterdurchschnittlichen Stand zu erhöhen. Im ersten Fall 
werden die Profitraten in den Industriezweigen, denen die Unter- 
nehmungen vor ihrer Vereinigung angehört haben, nicht alteriert. 
Ihr Unterschied bleibt bestehen und verschwindet nur für das kom- 
binierte Unternehmen. Im zweiten Fall erwartet man die Erhöhung 
des Profits in diesem Industriezweig infolge Verminderung der 
Konkurrenz. Theoretisch tritt diese bereits ein bei Vereinigung 
zweier Unternehmungen, sei es, daß das Aufhören der Konkurrenz 
nur für die beiden Unternehmungen von Wirksamkeit ist, sei es, 
daß die vereinigten Unternehmungen groß genug sind, um auf 

1 Marx, „Kapital", I., 4. Auflage, S. 512. (Neuausgabe S. 364. Die Red.) 



21 Hilferding, Das Finanzkapital 



285 






dem Markte eine dominierende Stellung einzunehmen und diese zu 
Preiserhöhungen zu benützen, wodurch auch für die übrigen Unter- 
nehmungen die Wirkung der Konkurrenz verringert ist. Es kann 
allerdings auch der Fall eintreten, daß die vereinigten Unter- 
nehmungen ihre verstärkte Position zunächst zur Niederkonkur - 
rierung ihrer Gegner benützen und die Erhöhung der Profitrate 
erst eintritt, wenn dieses Ziel erreicht ist. 

Die Vereinigung der Unternehmungen kann in doppelter Form 
stattfinden. Entweder die Unternehmungen behalten formell ihre 
Selbständigkeit, und ihre Gemeinsamkeit wird nur durch Vertrag 
festgelegt. Wir haben es sodann mit einer Interessengemeinschaft. 
zu tun. Gehen aber die Unternehmungen in ein neues Unternehmen 
auf, so nennen wir dieses eine Fusion. 

Sowohl Interessengemeinschaft als Fusion können nun entweder 
partiell sein - sie lassen dann die freie Konkurrenz in dem betreffen- 
den Industriezweigbestehen-, oder sie können monopolistisch sein. 1 

Eine Interessengemeinschaft möglichst aller Unternehmungen 
zum Zweck, durch möglichst vollständige Ausschließung der Kon- 
kurrenz die Preise und damit den Profit zu erhöhen, ist das Kartell. 
Das Kartell ist also eine monopolistische Interessengemeinschaft. 

Eine Fusion mit demselben Zweck, der durch dasselbe Mittel 
erreicht werden soll, ist der Trust. Der Trust ist also eine mono- 
polistische Fusion.' 

Interessengemeinschaft und Fusion können ferner entweder 
homogen sein, das heißt Unternehmungen desselben Produktions - 



1 Es ist dabei zu beachten, daß man es bereits dann mit einer monopo- 
listischen Vereinigung zu tun hat, wenn diese für die Preisbestimmung auf 
dem Markte ausschlaggebend ist. Daß daneben noch einige selbständige Unter- 
nehmungen existieren, die in ihren Preisen sich immer nach der Preisfest- 
setzung der Vereinigung richten, ändert nichts an der Tatsache, daß in die- 
sem Produktionszweig die freie Konlcurren'i im theoretiseh.-okonoraisch.Gn 
Sinne nicht mehr existiert. Um aber pedantische Bedenken nicht zu ver- 
letzen, nenne ich solche Vereinigungen nicht totale Interessengemeinschaften 
oder Fusionen, sondern monopolistische. (Siehe auch Liefmann, „Kartelle und 
Trusts", 1905, S. 12.) 

- Liefmann, a. a. O., S. 13. 






zweiges umfassen, oder kombiniert sein, das heißt Unternehmungen 
aufeinanderfolgender Produktionszweige umfassen. Wir sprechen 
daher von partiellen homogenen oder kombinierten Fusionen und 
Interessengemeinschaften oder von homogenen oder kombinierten 
Kartellen und Trusts. Dabei ist zu beachten, daß Interessengemein- 
schaften heute häufig nicht durch formelle Verträge, sondern durch 
Personalunionen, die kapitalistische Abhängigkeitsverhältnisse aus- 
zudrücken pflegen, entstehen können. Fusionen und Interessen- 
gemeinschaften sind nicht nur in der Sphäre der Industrie möglich, 
sondern ebenso im Handel und bei den Banken. Alle diese Ver- 
bindungen gehen in einer und derselben Sphäre vor sich, und wir 
bezeichnen sie als homosphärische Vereinigungen. Es können aber 
auch Vereinigungen geschaffen werden, die zum Beispiel ein 
Handelsunternehmen mit einer Bank vereinigen. So wenn eine 
Bank eine Warenabteilung einrichtet oder ein Warenhaus eine 
Depositenbank eröffnet. Ebenso mag ein Industrieunternehmen 
ein Handelsunternehmen errichten; so errichten zum Beispiel häufig 
Schuhfabriken in den Großstädten Schuhwarengeschäfte unmittel- 
bar für den Absatz an den letzten Konsumenten. Wir sprechen dann 
von hetcrosphärischen Vereinigungen. 

Dabei ist zu bemerken, daß ebensowenig wie in der Natur die 
Arten, so in der Industrie die verschiedenen Zweige etwas Festes 
sind. Die Kombination, allgemein durchgeführt gedacht, stellt nur 
einen umfassenden Industriezweig aus früher geschiedenen zu- 
sammen. Man kann sich sehr gut vorstellen, daß die Eisenindustrie 
einen einzigen Industriezweig bilden wird, zu dem die Kohlen- und 
Erzförderung ebenso gehört wie die Herstellung von Schienen und 
Drahtstiften, da jedes einzelne Eisenwerk all diese Produktions- 
arten umfaßt und die reinen Werke verschwunden sind. Innerhalb 
dieses Industriezweiges sind dann alle Arten zur Verringerung der 
Konkurrenz von der Interessengemeinschaft bis zum Trust möglich. 

Die partielle Kombination, sei es in Form der Interessengemein- 
schaft oder der Fusion, schränkt die Konkurrenz nicht ein, sie stärkt 
das kombinierte Werk nur in der Konkurrenz gegenüber den reinen 
Werken ; dagegen hat die homogene Vereinigung immer eine Ver- 



286 



287 



minderung der Konkurrenz zur Folge, wenn es sich um eine par- 
tielle, oder eine Aufhebung, wenn es sich um eine totale Ver- 
einigung handelt. Kombination, Fusion und Trust gewähren neben 
den ökonomischen Vorteilen technische Vorteile, die dem größeren 
Betrieh gegenüber dem kleineren innewohnen. Diese Vorteile sind 
verschieden, je nach der Natur der Betriebe und der Industrie- 
zweige. 

Diese technischen Vorteile können auch allein für sich genügend 
sein, um zu Kombinationen und Fusionen zu führen; dagegen ent- 
springen Interessengemeinschaften und Kartelle nur aus rein 
ökonomischen Vorteilen. 

Alle diese Vereinigungen von Industrieunternehmungen werden 
in der Begel vorbereitet durch das gemeinsame Interesse, das eine 
Bank mit den Unternehmungen verbindet. Eine Bank, die zum Bei- 
spiel an einer Kohlenzeche stark interessiert ist, wird ihren Einfluß 
auf ein Eisenwerk benützen, um dieses zum Kunden der Zeche zu 
machen. Der Keim einer Kombination. Oder ihr Interesse an zwei 
gleichartigen Unternehmungen, die sich auf verschiedenen Märkten 
erbitterte Konkurrenz machen, bewegt die Bank zu dem Versuch, 
eine Verständigung herbeizuführen; die homogene Interessen- 
gemeinschaft oder die Fusion ist auf dem Wege. 

Diese Bankintervention beschleunigt und erleichtert einen Pro- 
zeß, der in der Entwicklungsrichtung der industriellen Konzen- 
tration gelegen ist. Sie führt ihn aber durch andere Mittel herbei. 
Das Besultat des Konkurrenzkampfes wird vorweggenommen. 
Einerseits wird dadurch unnütze Vernichtung und Vergeudung von 
Produktivkräften erspart. Anderseits aber erfolgt zunächst jene 
Eigentumskonzentration nicht, die Resultat des Konkurrenzkampfes 
war. Der Besitzer der anderen Fabrik wird nicht expropriiert. Wir 
haben Betriebs- respektive Unternehmungskonzentration ohne 
Eigentumskonzentration. Wie an der Börse reine Eigentumskonzen- 
tration ohne Betriebskonzentration, so geht jetzt in der Industrie 
eine Betriebskonzentration ohne Eigentumskonzentration vor sich, 
der sinnfällige Ausdruck dafür, daß sich die Funktion des Eigen- 
tums von der Funktion der Produktion immer mehr gelöst hat. 



288 



Dagegen bedeutet für die Bank die Vermittlung dieser Vorgänge 
einerseits größere Sicherung ihres kreditierten Kapitals und zwei- 
tens Gelegenheit zu gewinnbringenden Transaktionen, Aktien- 
umtausch, Neuausgabe von Aktien und dergleichen. Denn die Ver- 
einigung dieser Unternehmungen bedeutet für diese erhöhten Profit. 
Ein Teil dieses erhöhten Profits wird kapitalisiert von der Bank 
angeeignet. Nicht nur als Kredit-, sondern vor allem auch als 
Finanzinstitut ist die Bank so an den Vereinigungsvorgängen inter- 
essiert. 

Die zunehmende Konzentration wird aber auch zugleich zu einem 
Hemmnis ihres weiteren Fortschritts. Je größer, stärker und gleich- 
artiger die Betriebe, desto geringer die Aussicht, durch Nieder- 
konkurrierung des zweiten den eigenen Betrieb vergrößern zu 
können. Zugleich hält der niedrige Stand der Profitrate, die Be- 
fürchtung, die ohnehin gedrückten Preise durch Vermehrung der 
Produktion noch weiter zu senken, von der Ausdehnung, die sonst 
aus technischen Rücksichten vielleicht wünschenswert wäre, zu- 
rück. Die Vorteile größerer Produktion sind aber bei der gedrück- 
ten Lage des Marktes nicht zu entbehren. Da bietet sich der Aus- 
weg, den größeren Betrieb zu schaffen durch die Vereinigung bis- 
her getrennter Unternehmungen: durch die Fusion. 

Wie groß muß der Anteil einer monopolistischen Vereinigung 
an der Gesamtproduktion sein, um den Marktpreis beherrschen zu 
können? Die Frage läßt sich nicht allgemein für alle Produktions- 
zweige beantworten. Doch erhalten wir für die Beantwortung einen 
Anhaltspunkt, wenn wir uns das schon früher erwähnte verschiedene 
Verhalten der Konkurrenten in Zeiten guter und schlechter Kon- 
junktur vergegenwärtigen. In guter Konjunktur, wenn die Nach- 
frage das Angebot übersteigt, wird der Preis des Produkts ohnedies 
der höchstmögliche sein; in solchen Perioden verkaufen die Außen- 
seiter eher über, nicht unter dem Kartellpreis. Anders in Zeiten 
schlechter Konjunktur bei überwiegendem Angebot. Dies ist der 
Moment, wo es sich zeigen muß, ob die Vereinigung den Markt 
beherrscht. Dies wird aber dann der Fall sein, wenn ihre Produk- 
tion zur Versorgung des Marktes unbedingt nötig ist. Sie wird erst 



289 



verkaufen, wenn ihr Preis bewilligt ist, und dieser Preis muß be- 
willigt werden, da die Zufuhr durch das Kartell dem Markte eben 
unentbehrlich ist. Das Kartell wird zu diesem Preise das dem Markte 
fehlende Quantum verkaufen können. Dann aber muß es die Pro- 
duktion so stark einschränken, daß es den Markt nicht überlastet, 
während die Außenseiter ihre ganze Produktion absetzen könnten. 
Eine solche Preispolitik ist am ehesten möglich erstens in jenen 
Produktionszweigen, wo die Einschränkung keine allzu schweren 
Opfer auferlegt, also besonders dort, wo die lebendige Arbeit einen 
Hauptposten bildet - der Verderb des konstanten Kapitals keine 
allzu große Rolle spielt. Beides ist der Fall in der extraktiven Indu- 
strie. Erz und Kohle nützen sich nicht ab, und die lebendige Arbeit 
spielt eine große Rolle. Zweitens dort, wo die Einschränkung der 
Konsumtion während der schlechten Konjunktur gering ist. 

Wo aber beides nicht möglich, muß das Kartell, um seinen Absatz 
aufrechtzuerhalten, Preisermäßigungen gegenüber den Outsidern 
machen. Es ist dann der Moment gekommen, wo das Kartell, das 
nicht die Gesamtproduktion beherrscht, die Herrschaft über den 
Markt verliert und die freie Konkurrenz sich wiederherstellt. 

Die Notwendigkeit, die Produktion einzuschränken und damit 
die Produktionskosten für das verminderte Produkt zu erhöhen, 
die Profitrate zu vermindern, wirkt so der Tendenz entgegen, die 
Preise auch in ungünstigen Zeiten zu halten, worin sich ja die Be- 
herrschung des Marktes ausdrückt. Diese Einschränkung kann aber 
das Kartell vermeiden, wenn es nur die durchschnittliche Nachfrage 
befriedigt, die Befriedigung der Konjunkturnachfrage aber den 
Outsidern überläßt. Dies ist aber nur dann möglich, wenn diese 
erstens nicht mehr produzieren können, als diese zusätzliche Nach- 
frage der guten Konjunktur erfordert - denn sonst bestände die 
Gefahr, daß der Absatz des Kartells eingeengt wird -, zweitens aber, 
daß diese Außenseiter zu höheren Kosten als das Kartell produ- 
zieren. Denn nur dann wird eine für das Kartell noch immer 
profitable Preisgestaltung diese Konkurrenten aus dem Markte wer- 
fen und den Absatz des Kartells sichern. Mit anderen Worten: Die 
Outsider sind es wesentlich, auf die alle Lasten der Konjunktur - 



290 



Schwankungen abgewälzt werden. Das Kartell realisiert während 
der Hochkonjunktur hohe Extraprofite, während der Depression 
normalen Profit, während die Konkurrenten ausgeschaltet werden. 
Unter solchen Bedingungen ist es durchaus im Interesse der mono- 
polistischen Vereinigung, das Bestehen von Outsidern nicht völlig zu 
verhindern, wozu sie infolge ihrer Überlegenheit oft die Macht hat. 

Wann werden aber die dazu erforderlichen Bedingungen un- 
günstigerer Produktion für die Outsider erfüllt sein? Dies kann 
schon dann der Fall sein, wenn die Größe und technische Einrich- 
tung der monopolistischen Vereinigung ihr diese Überlegenheit 
sichert. Aber häufig wird diese eine vorübergehende oder nicht 
genug große sein. Anders aber, wenn es sich um Kartelle handelt, 
die über günstigere natürliche Produktionsbedingungen verfügen, 
bei denen also zu dem ökonomischen sich das natürliche Monopol 
gesellt, Kartelle also, die besonders günstige Kohlen- oder Erz- 
gruben oder Wasserfälle sich gesichert haben, während die Outsider 
ungünstiger gestellt sind. Dann werden diese zunächst die Produk- 
tion überhaupt nicht in einem Maße ausdehnen können, der dem 
Kartell den Absatz seiner Produkte unmöglich macht, sie werden 
aber dann überhaupt nur produzieren können, wenn die hohen 
Preise der Hochkonjunktur ihnen die Produktion zu ihren höheren 
Selbstkosten gestattet. 

Ein ausgezeichnetes Beispiel bietet die Politik des StahlLrusts. Die 
Corporation könnte ihre Produktion mit Leichtigkeit steigern. Sie 
tut es nicht, um nicht während der Depression die Last der Über- 
produktion tragen zu müssen. „Den kombinierten Großunter- 
nehmungen in der Roheisenindustrie erscheint es wünschenswert, 
einen Grundstock in der Produktion zu haben, welcher immer Ab- 
satz findet. Um dies zu erreichen, läßt man in Zeiten lebhafter 
Nachfrage die nichtkombinierten Outsiders mit hohen Produktions- 
kosten sich ruhig vermehren und gibt ihnen durch Zukauf sogar 
noch zu tun. Nun werden rückständige Betriebe wieder bei steigen- 
den Preisen rentabel, die Spekulationslust führt zur Entstehung 
neuer nichtkombinierter Betriebe, kurz, die Produktion wird zu 
steigenden Produktionskosten im Vergleich zu den bisher niedrig- 



291 



sten vermehrt. Dies dauert so lange, bis die steigende Nachfrage 
gesättigt ist und die Preise wieder sinken. Nun verschwinden die zur 
Zeit der Hochkonjunktur in Betrieb gesetzten Hochöfen, soweit sie 
unter hohen Produktionskosten arbeiten, als Verkauf er vom Markte, 
da sie bald keine Überschüsse mehr zu verzeichnen haben. Nur die 
billigst arbeitenden bleiben noch übrig, weil sie noch mit Über- 
schüssen produzieren können: vor allem der Trust, die großen kom- 
binierten Unternehmungen und der und jener besonders begünstigte 

.reine' Hochofen. 

So bilden jene Großunternehmungen, vor allem die Corporation, 
den Grundstock einer Produktion, welche in ihrer großen Masse in 
schlechten wie in guten Zeiten mit Überschüssen arbeiten kann und 
auch Absatz Findet. Das Entstehen einer größeren Outsiderkonkur- 
renz schadet der Corporation in guten Zeiten nicht, denn würde sie 
den steigenden Bedarf selbst decken wollen, so würde sie beim Rück- 
gang desselben die Überproduktion am eigenen Leibe stärker spüren, 
wahrend diese so in erster Linie die Outsider trifft." 



1 Levy, a. a. O., S. 156 ff. 

Levy illustriert dann das Gesagte durch folgende Zahlen der Roheisen- 
produktion, in der allerdings auch die Produktion von Gießerei- und Puddel- 
eisen eingeschlossen ist, an der die Corporation nur minimal beteiligt ist. 
Als Hlustrationsfatam für das oben Ausgeführte sind sie aber schlagend. 
Es betrug die Roheisenproduktion: 



Im Jahre 



19D2 
1303 
1901 



der Corporatioa 

gross Ions 



T 802 812 
T 123 0S3 
7 210 248 



der In dopenden is 
Bioss lons 



9 805 Sil 

10 693 538 
9 266 785 



Anteils der 

Corporation an der 

Gesa mtproduk 1 ion 

in Prozenten 



44,3 
39.9 
43.9 



Es nimmt im Jahre 1903 die Produktion im Gegensatz zu der von 1902 
sogar ab, die der Outsiders dagegen stark zu, so daß der Anteil der Corpo- 
ration an der Gesamtproduktion von 44,3 auf 39,9 Prozent sinkt. Im Depres- 
sionen- 1904 stieg aber die Produktion der Corporation noch etwas, wäh- 
rend die der Outsiders um die enorme Quantität von 1 400 000 Tonnen uad 
damit weil unter die Produktion von 1902 fiel. 

Im Vorbeigehen sei bemerkt, wie oberflächlich die Ansicht derer ist, die 
jeden Outsider eines Kartells als moralisches Scheusal und ökonomischen 



Etwas anders liegen die Verhältnisse zum Beispiel beim Bhei- 
nisch-Westfälischen Kohlensyndikat. Hier sind die Außenseiter von 
keiner großen Bedeutung. Es betrug im Jahre 1900 im Oberberg- 
amtsbezirk Dortmund der Anteil an der Gesamtproduktion bei den 
Syndikatszechen 87 Prozent, bei den nichtsyndizierten 15 Prozent. 
Das Syndikat beherrscht so den Markt und die Preise. Es zog daher 
vor, die Hochkonjunkturpreise von 1900 auch während der Krise 
von 1901 zu halten und die Produktion einzuschränken. Daher 
konnten die Außenseiter 1901 und 1902 ihre Förderung etwas ver- 
mehren, während der Anteil des Syndikats, dem die Hochhaltung 
der Preise wichtiger war, zurückging. 

Anders aber muß sich die Politik der monopolistischen Ver- 
einigungen dort gestalten, wo die Vermehrung der Produktion keine 
Beschränkung durch natürliche Monopole findet, die Produktion 
also weit über das Ausmaß einer zusätzlichen Konjunkturnachfrage 
vermehrbar ist und diese Vermehrung zu denselben oder gar ge- 
ringeren Kosten möglich ist. Dann wird allerdings die Markt- 
beherrschung wesentlich davon abhängen, ob die Vereinigung den 
weitaus größten Teil der Produktion beherrscht, soll nicht die 
schlechte Konjunktur das Kartell für die Beteiligten wertlos machen 
und es eventuell sprengen. 

Das Vorhandensein oder Fehlen eines natürlichen Monopols 
wirkt so entscheidend auf die Preisbildung und die Produktions- 
kosten, damit aber auch auf Bestand und Dauer der monopolisti- 
schen Vereinigung, auf den Grad ihrer Macht zur Marktbeherr- 
schung. Es bestimmt entscheidend die Größe des Anteils an der 
Produktion, den die Vereinigung in ihrer Hand haben muß, um 
den Markt beherrschen zu können. 



Verbrecher behandeln wollen. Dieser Standpunkt ist sogar vom Profitinter- 
esse des Kartells aus lächerlich, geschweige denn vom gesellschaftlichen 
Gesichtspunkte aus, weil gerade die Konkurrenz der Außenseiler für die 
technische und organisatorische Fortbildung der monopolistischen Vereini- 
gung sehr wertvoll sein kann, ganz abgesehen von den Konsumenten- 
interessen. 

1 Siehe „Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle", Heft 1, 
Berlin 1903, Franz Siemenroth, S. 80, Aussage von Kirdorf. 



292 



293 



Die Sicherheit, die Herrschaft über den Markt zu behaupten, 
kann verschieden groß sein. Sie wird dort am höchsten sein, wo es 
gelingt, das ökonomische Monopol durch ein natürliches zu sichern. 
Dabei hat die einmal bestehende monopolistische Vereinigung 
großen Vorsprung wegen ihrer großen Kapitalskraft, die ihr er- 
laubt, auch außerordentlich bedeutende Mittel auf längere Zeit fest- 
zulegen. Die Festigkeit der Rohstoffsyndikate beruht wesentlich auf 
ihrer Monopolisierung der Naturbedingungen der Produktion, die 
ibnen zudem meist durch die Berggesetzgebung außerordentlich 
erleichtert wird. 

Ein gesetzliches Monopol als Stütze des ökonomischen gewährt 
den monopolistischen Vereinigungen der Besitz von Patenten. Auch 
hier sind sie wegen ihrer großen Kapitalkraft leichter in der Lage 
als einzelne Konkurrenten, neue Patente zu erwerben und so ihre 
monopolistische Stellung zu stärken. 

Eine Zwischenstufe zwischen einem natürlichen und gesetzlichen 
Monopol und einem nur ökonomischen Monopol bildet das Monopol 



1 Anderseits kann wieder der Besitz von Patenten den Zusammenschluß 
unter bestimmten Umständen erschweren, wenn der dadurch erzielte Extra- 
profit hoch genug ist, um die Aufrechterhaltung der Konkurrenz vorteilhaft 
erscheinen zu lassen. 

„Jeder Zweig der Textilmaschinenindustrie umfaßt nur wenige Namen. 
Acht große Firmen in Lancashire fabrizieren Baumwollmaschinerie und 
monopolisieren nicht nur den heimischen Markt, sondern exportieren darüber 
hinaus über 4% Millionen Pfund jährlich. Wiederholt wurden Anregungen 
für eine Verschmelzung der Interessen gemacht, aber sie sind stets geschei- 
tert. Mechanische Industrien führen von selbst zu Erfindungen, die, wenn 
patentiert, ein Monopol für eine Reihe von Jahren schaffen, und solange es 
in Kraft ist, ist ein Patent ein Argument gegen Zusammenschluß. Die Ab- 
neigung, einen weltberühmten Namen, namentlich wenn er durch individuelle 
Unternehmungslust und Erfindungsgeist geschaffen worden, einer unpersön- 
lichen anonymen Vereinigung zu opfern, muß gleichfalls als ein wirksames 
Abschreckungsmittel gelten." (Macrosty, 1. c, S. 48.) 

Hier ist das kleine Monopol der Feind des größeren. Doch kann auch 
gerade der Wunsch, die Patente auszutauschen, den Anlaß zu Interessen- 
gemeinschaften geben. Hierher gehören Vereinbarungen in der deutschen 
chemischen Industrie und die der deutschen Allgemeinen Elektrizitätsgesell- 
schaft mit der amerikanischen Westinghouse Co. 



294 



an den Verkehrsmitteln. Daher das Streben der Trusts, die Herr- 
schaft über die Verkehrswege zu Wasser und zu Lande zu erhalten. 
Die Verstaatlichung der Verkehrsmittel verringert die Monopol - 
festigkeit und bewirkt so bis zu einem gewissen Grade eine Ver- 
langsamung der Konzentration der Unternehmungen und des 
Eigentums. 

Das ökonomische Monopol selbst wird um so gefestigter sein, je 
größer das Kapital, nötig, um ein neues Unternehmen ins Leben 
zu rufen, und je inniger die Verbindung der Banken mit der mono- 
polistischen Vereinigung, da ohne die Hilfe einer Bank oder gar 
gegen den Willen der Banken ein großes industrielles Unternehmen 
heute kaum noch existenzfähig ist. 



295 



Xll. Kapitel 



KARTELLE UND TRUSTS 



Die Einteilung der Art und Weise, wie sich Vereinigungen 
kapitalistischer Unternehmungen bilden, ist nach drei Gesichts- 
punkten getroffen worden. 

Die Unterscheidung zwischen homogenen und kombinierten Ver- 
einigungen betrifft die technische Eigenart der Vereinigung. Wir 
haben gesehen, wie die Entstehung dieser Vereinigungen ver- 
schiedene Ursachen hat, verschiedenen technischen und ökonomi- 
schen Ursachen entspringt. 

Die Unterscheidung zwischen partiellen und monopolistischen 
Vereinigungen beruht in ihrer verschiedenen Stellung auf dem 
Markte, darauf, ob sie die Preise beherrschen oder umgekehrt von 
den Preisen beherrscht werden. Die Preisbeherrschung ist dabei 
nicht abhängig davon, daß alle Unternehmungen derselben Art ver- 
einigt sind. Es genügt die Beherrschung jenes Teiles der Produk- 
tion, der in allen Phasen der Konjunktur für die Marktzufuhr un- 
entbehrlich ist, wobei die Kosten dieser Produktion geringer sein 
müssen als die Kosten der Outsider. Nur dann wird die während 
einer Krise notwendige Einschränkung auf die Outsider entfallen, 
und die Preise brauchen bloß bis zum Produktionspreis des Kartells 
herabgesetzt zu werden. 

Die Unterscheidung zwischen Interessengemeinschaft und Fusion 
schließlich beruht auf der Verschiedenheit der formalen Organi- 
sation. Die Interessengemeinschaft beruht auf Vertrag zweier oder 
mehrerer bisher voneinander unabhängiger Unternehmen; bei der 
Fusion gehen zwei oder mehrere Unternehmen in ein neues Unter- 



296 



nehmen auf. Dieser Gegensatz ist aber nur ein solcher der Organi- 
sationsform; er sagt aber nichts über den inhaltlichen Unterschied 
aus; dieser selbst hängt vielmehr ab von dem Inhalt des Vertrages, 
auf dem die Interessengemeinschaft beruht. Jedenfalls beschränkt 
der Vertrag in irgendwelchen Punkten die Selbständigkeit der 
Unternehmungen; die Fusion hebt die Selbständigkeit auf. Aber 
zwischen Beschränkung und Aufhebung ist nur ein gradueller 
Unterschied. Je mehr der Vertrag die Selbständigkeit der in Inter- 
essengemeinschaft befindlichen Unternehmungen einschränkt, desto 
mehr nähern sie sich in ihren ökonomischen Wirkungen der Fusion. 
Die Einschränkung der Selbständigkeit einer Unternehmung kann 
aber wieder in verschiedener Weise vor sich gehen. Zunächst kann 
die Organisation des Unternehmens vertraglich festgesetzt werden, 
indem etwa die Unternehmungsleitung sich der Aufsicht eines ge- 
meinsamen Organs unterwerfen muß, das gewisse Arten der Kon- 
kurrenz auf dem Gebiete der Zirkulation einschränkt, indem es 
gemeinsame Zahlungstermine und -bedingungen usw. festsetzt, also 
die sogenannten „Konditionen" vereinheitlicht. Dann können Ein- 
schränkungen festgelegt werden, die sich auf das ökonomische und 
betriebliche Verhalten beziehen. 

Der Inhalt des Vertrages der monopolistischen Interessengemein- 
schaft ist aber schon durch ihren Zweck bestimmt. Dieser ist Profit- 
erhöhung durch Preiserhöhung. In einfachster Form wird diese er- 
reicht durch eine Preisvereinbarung. Aber die Preise sind nichts 
Willkürliches. Sie hängen zunächst ab von Angebot und Nachfrage. 
Die bloße Preisvereinbarung wird sich nur durchführen lassen zur 
Zeit der Prosperität, wo die Preise steigende Tendenz haben, und 
nur in einem beschränkten Umfang. Aber auch dann ist die reine 
Preisvereinbarung ungenügend. Der erhöhte Preis reizt zu Produk- 
tionserweiterungen. Das Angebot steigt, und schließlich läßt sich 
die Preisvereinbarung nicht aufrechterhalten, spätestens bei Ein- 
tritt der Depression wird ein solches Kartell gesprengt. 



1 Es ist diese Form der Kartelle, die Engels im Auge gehabt hat, wenn 
or schreibt: „Die Tatsache, daß die rasch und riesig anschwellenden mo- 
dernen Produktivkräfte den Gesetzen des kapitalistischen Warenaustausches, 



29/ 



Soll also das Kartell Bestand haben, so muß der Vertrag weiter- 
gehen, er muß ein solches Verhältnis des Angebots zur Nachfrage 
bewirken, daß der festgesetzte Preis auf dem Markte auch eingehal- 
ten bleibt. Er muß also das Angebot regeln, die Produktion kontin- 
gentieren. Die Einhaltung dieser Bestimmungen ist nun zwar im 
Interesse des Gesamlkartells, nicht immer aber in dem der einzelnen 
Mitglieder, die durch Erweiterung ihrer Produktion ihre Produk- 
tionskosten herabsetzen können und daher oft das Bestreben haben, 
die Kartellbestimmungen zu umgehen. Die sicherste Gewähr gegen 
Umgehung der Bestimmungen aber ist dann gegeben, wenn der 
Verkauf der Produkte nicht mehr durch die Mitglieder selbst, son- 
dern durch ein zentrales Verkaufsbüro des Kartells besorgt wird. 

Aber die Sicherheit der Kontrolle ist nicht die einzige Wirkung 
dieser Maßregel. Die direkten Beziehungen des einzelnen Unter- 
nehmens zu seinen Kunden sind jetzt für die Dauer der Kartellie- 
rung aufgehoben, die kommerzielle Selbständigkeit des Einzelunter- 
nehmens damit beseitigt. Das Kartell bindet jetzt seine Mitglieder 
nicht mehr durch bloßen Vertrag, dessen Bestimmungen jederzeit 
leicht gebrochen oder umgangen werden können, sondern durch eine 
gemeinsame ökonomische Einrichtung. Der Austritt aus einem sol- 



imierhalb deren sie sich bewegen sollen, täglich mehr über den Kopf 
wachsen - diese Tatsache drängt sich heute auch dem Bewußtsein der Kapi- 
talisten selbst mehr und mehr auf. Dies zeigt sich namentlich in zwei Sym- 
ptomen. Erstens in der neuen allgemeinen Schutzzollmanie, die sich von der 
alten Schutzzöllnerei besonders dadurch unterscheidet, daß sie gerade die 
exportfähigen Artikel am meisten schützt." (Die Tatsache ist sehr richtig, 
aber ihre Erklärung findet sie nur, wenn man den modernen Schutzzoll in 
Zusammenhang mit den Kartellen betrachtet.) „Zweitens in den Kartellen 
(Trusts) der Fabrikanten ganzer großer Produktionssphären zur Regulierung 
der Produktion und damit der Preise und Profite. Es ist selbstredend, daß 
diese Experimente nur bei relativ günstigem ökonomischen Wetter durch- 
führbar sind. Der erste Sturm muß sie über den Haufen werfen und be- 
weisen, daß, wenn auch die Produktion einer Regulierung bedarf, es sicher 
nicht die Kapitalistenklasse ist, die dazu berufen ist. Inzwischen haben diese 
Kartelle nur den Zweck, dafür zu sorgen, daß die Kleinen noch rascher von 
den Großen verspeist werden als bisher." (Marx, „Kapital", III., 1., S. 97, 
Anm. 16. [Neuausgabe S. 142. Die Red.J) 



298 



chen Kartell erfordert erst neue Anknüpfung von Beziehungen zu 
den Kunden, Wiederherstellung der alten Absatzwege, Versuche, 
die vielleicht auch fehlschlagen können, jedenfalls nur mit Opfern 
erkauft werden können. Damit ist zugleich eine größere Festigkeit, 
eine längere Dauer des Kartells gewährleistet. Das Kartell, das so 
aus einem rein vertragsmäßigen Gebilde durch Aufhebung der 
kommerziellen Selbständigkeit der Unternehmungen zu einer kom- 
merziellen Einheit wird, nennt man ein Syndikat. Soll aber das 
Syndikat möglich sein, so muß es den Abnehmern gleich sein, von 
welchem der kartellierten Werke sie kaufen. Das setzt wieder eine 
gewisse Gleichartigkeit der Produktion voraus. Diese ist somit Vor- 
aussetzung für das Zustandekommen der engeren, dauernden und 
strafferen Organisation, wie sie das Syndikat darstellt. Es ist dabei 
zu bemerken, daß die Kartellierung von Spezialartikeln überhaupt 
schwieriger ist, da die Erzeuger Extraprofit aus der Verwendung 
ihrer Spezialmarken, Patente und dergleichen erzielen, der Aus- 
schluß der Konkurrenz für sie zunächst weniger wichtig ist. Das ist 
erst dann der Fall, wenn die Kartellierung in den Industrien, die 
ihnen Rohmaterial liefern, sie gleichfalls zur Kartellierung oder 
zur Kombination zwingt. Anderseits sorgt die Kartellierung zu- 
gleich für größere Vereinfachung der Produktion. 

1 „Das Kartell will Massengut; dessen Qualität, Form, Material usw. 
keine erheblichen Differenzen mehr aufweist. Allerdings kann hier ebenso 
künstlich nachgeholfen werden, wie dies bei den Warenbörsen geschieht, die 
ebenfalls eine gewisse Vertretbarkeit der Waren voraussetzen und deshalb 
durch spezielle Usancen festsetzen, welche Eigenschaft eine Ware aufweisen 
muß, wenn sie im Börsengeschäft lieferbar sein soll. Die Kartelle erreichen 
das gleiche Ziel dadurch, daß sie entweder nur gewisse Standardartikel her- 
ausgreifen, von denen der Geschäftsgang in der Branche hauptsächlich ab- 
hängt, oder indem sie bestimmte Typen aufstellen, nach denen alle Fabri- 
kanten ihre Erzeugnisse anfertigen müssen, so daß dann die Qualitäts- 
unterschiede wegfallen. Das internationale Spiegelglaskartell unterwarf bei- 
spielsweise der Vereinbarung nur Spiegelglas in der Dicke von 10 bis 15 Milli- 
meter. 

Das österreichisch-ungarische Bindfadenkartell wiederum hat von allen 
/u erzeugenden Sorten Qualitätsmuster aufgelegt und alle Teilnehmer ver- 
pflichtet, ihre Waren nur nach diesen Mustern zu erzeugen. Desgleichen hat 



29D 



Etwas vereinfacht und schematisiert ergähe sich also folgende 
Entwicklung des Vertragsinhalts monopolistischer Interessen- 
gemeinschaften, wobei natürlich auch die eine oder andere Ent- 
wicklungsstufe übersprungen werden kann. Zunächst als loseste 
Form, als Vorstufe gleichsam das „Konditionenkartell" (Grunzel). 
Darauf folgt die gemeinsame Regelung der Preise; um aber die 
Preise einhalten zu können, muß das Angebot entsprechend fest- 
gesetzt werden. Die Preisregelung, soll sie nicht etwa unbeständig 
und vorübergehend sein, fordert also Festsetzung der Produktion. 
Sollen aber keine Umgehungen des Vertrages möglich sein, so wird 
dies am sichersten verhindert, wenn der Absatz nicht dem Einzel- 
unternehmen überlassen bleibt, sondern von einem gemeinsamen 
Organ der Unternehmungen, einem Verkaufsbüro, besorgt wird. 
Damit verliert das Unternehmen seine kommerzielle Selbständig- 
keit, die direkte Beziehung zu seinen Kunden. Die Einhaltung des 
Vertrages ist auch gesichert, wenn die Profite nicht dem Unter- 
nehmen, das sie wirklich gemacht hat, zufallen, sondern nach einem 
vorher festgesetzten Schlüssel auf die Gesamtheit der Beteiligten 
aufgeteilt wird. Ebenso kann der Einkauf der Rohmaterialien ge- 
meinsam erfolgen. Schließlich können auch Eingriffe in die tech- 
nische Selbständigkeit des Einzelbetriebes erfolgen. Schlecht aus- 
gestattete Betriebe können stillgelegt werden, Betriebe für 
bestimmte Produkte spezialisiert werden 1 , für die sie, sei es durch 

das österreichisch-ungarische Jutekartell für die zu erzeugenden Jutesäcke 
bestimmte Typen aufgestellt." Grunzel, „Über Kartelle", Leipzig 1902, 
S. 32 ff. 

1 Daß- auch Kartelle einen gewissen Einfluß auf die Produktion und 
Technik der Betriebe ausüben, beweist zum Beispiel folgende Äußerung von 
Schaltenbrand, dem Vorsitzenden des Direktoriums des Deutschen Stahlwerk- 
verbandes: „"Wir haben weiter zu prüfen: Wie werden wir bei dauerndem 
Bestehen des Verbandes den Absatz leiten können, um ihn möglichst vorteil- 
haft zu placieren, welche Arbeitsteilung können wir einführen, um billiger 
zu produzieren in der Richtung, daß nicht jedes Werk alle Erzeugnisse zu 
produzieren hat?" (Kontrad. Verh., 10. Heft, S. 236.) Weitgehende Arbeits- 
teilung in den einzelnen Unternehmungen hat auch das österreichische 
Maschinenkartell durchgeführt. Die Profite fließen in die gemeinsame Kasse 
und werden quotenmäßig aufgeteilt. 



300 



ihre technische Einrichtung, sei es durch ihre günstige Lage zu den 
Absatzgebieten besonders bevorzugt sind. All dies kann durch Ver- 
tragsabschließungen, also in Interessengemeinschaften erfolgen. 
Aber eine solche Interessengemeinschaft ist nur mehr durch eine 
gewisse Schwerfälligkeit ihrer Organisation unterschieden von der 
Fusion. Die Frage Kartell oder Trust als sich ausschließende Gegen- 
sätze ist also falsch gestellt. Die Selbständigkeit der Unternehmun- 
gen kann auch in Kartellform so sehr eingeschränkt werden, daß 
der Unterschied gegenüber dem Trust verschwindet. Die Frage ist 
vielmehr, welche Vorteile die Einschränkung der Selbständigkeit 
bietet. Insofern die Einschränkung der Selbständigkeit Vorteile 
bietet, besitzt sie der Trust von vornherein, während es beim Kar- 
tell von der Natur und den Wirkungen des Vertrages abhängt, auf 
dem es beruht. 1 

Die monopolistische Vereinigung ist ökonomische Herrschafts- 
organisation, und die Analogie mit den staatlichen Herrschafts- 
organisationen liegt daher nahe. Das Verhältnis von Kartell, Syn- 
dikat und Trust findet dann sein Gleichnis in dem Verhältnis von 
Staatenbund, Bundesstaat und Einheitsstaat. Die Redeweise, die 
das Kartell als „demokratisch" im Gegensatz zum Trust anpreist, 
erscheint in ihrer vollen Lächerlichkeit, wenn man sie sich auf den 
seligen Deutschen Bund angewendet denkt. 

Bei der Preisfestsetzung ist der Trust dem Kartell überlegen. Das 



1 Wenn also Grunzel meint (1. c, S. 14), „Kartell und Trust sind nicht 
dem Grade, sondern dem Wesen nach sehr verschieden; es ist mir noch kein 
Fall bekannt, daß in den drei Dezennien der so lebhaften Kartellbewegung in 
Europa die eine Form in die andere übergegangen wäre", so nimmt er eben 
die juristische Form für das Wesen. Daß der Übergang vom Kartell zum 
Trust nicht häufig ist, beweist eben nur, daß beide Formen denselben Inhalt 
haben. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die fortschreitende Ein- 
schränkung der Selbständigkeit der kartellierten Unternehmungen sie ständig 
den Trusts nähert. Die Verschiedenheit der Form hängt aber mit anderen 
Umständen zusammen, vor allem mit der Entwicklung des Bankwesens und 
seinem Verhältnis zur Industrie und zum Teil mit Eingriffen der Gesetz- 
gebung. Die Förderung der Trustform durch die amerikanische Antikartell- 
gesetzgebung ist bekannt. 



22 Hilferding, Das Finanzkapital 



301 



Kartell ist gezwungen, bei der Preisfestsetzung auszugehen von dem 
Produktionspreis des am teuersten produzierenden Werkes, wäh- 
rend für den Trust nur ein einheitlicher Produktionspreis existiert, 
in dessen Produktionskosten sich die Kosten besser und schlechter 
eingerichteter Betriebe ausgleichen. Der Trustpreis kann so fest- 
gesetzt werden, daß die erzeugte Produktenmenge möglichst groß 
ist; die Größe des Umsatzes gleicht den geringen Profit auf das 
einzelne Stück aus. Der Trust kann ferner die Stillegung minder 
rentabler Betriebe viel leichter durchführen als das Kartell. Er kann 
bei Einschränkung der Produktion diese nur in den am teuersten 
arbeitenden Unternehmungen eintreten lassen und so die Produk- 
tionskosten senken und umgekehrt bei Erweiterung die Produk- 
tion der technisch vollkommensten Betriebe steigern; das Kartell 
muß in der Regel die vergrößerte Produktion gleichmäßig auf seine 
Unternehmungen verteilen. So entstehen durch die Preisfestsetzun- 
gen des Kartells Extraprofite für die technisch besser eingerichteten 
Unternehmungen, die nicht durch die Konkurrenz ausgeglichen 
werden, da das Kartell diese ja ausschließt, und die daher den 
Charakter einer Differentialrente anzunehmen scheinen. Der 
Unterschied gegen die Bodenrente besteht aber darin, daß das 
schlechteste Werk keineswegs wie der schlechteste Boden zur Befrie- 
digung des Marktes notwendig ist. Es kann ausgeschaltet werden, 
wenn seine Produktion an besser eingerichtete Werke übertragen 
wird. Da der Kartellpreis aber zunächst aufrechterhalten wird, be- 
deutet die Vergrößerung der Produktion für die billiger produ- 
zierenden Werke Extraprofit. So wird es profitabel, die Produktion 
der teurer produzierenden Werke abzulösen. Die „Differential- 
rente" ist aber dann verschwunden, und es existiert nur der hohe 
Kartellprofit. 

Gerade bei dem Rohstoffkartell ist die Verschiedenheit zwischen 
den Produktionskosten bedeutend, weil hier bestimmend in den 
Produktionspreis eingeht die Höhe der Boden- (Bergwerks-)rente. 
Daher ist hier einerseits die Tendenz zur Stillegung minder ren- 
tabler (im spezifischen Sinne des Wortes: geringere Bodenrente ab- 
werfender) Betriebe am stärksten, anderseits die Neigung, die Preise 



302 



hochzuhalten, was wieder relativ stärkere Produktionseinschrän- 
kung bedeutet. Das natürliche Monopol erlaubt zugleich, diese 
Tendenz durchzusetzen. Die hohen Rohmaterialpreise wirken zu- 
rück auf die Preise, damit aber auch auf die Quantität der Produk- 
tion der weiterverarbeitenden Industrie. 



22' 



303 









X1I1. Kapitel 



DIE KAPITALISTISCHEN MONOPOLE 
UND DER HANDEL 



Die kapitalistischen Vereinigungen in der Industrie haben auch 
eine Rückwirkung auf die Zirkulation und ihre Vermittlung durch 
den Handel. Wir sprechen hier vom Handel als spezifischer ökono- 
mischer Kategorie, betrachten ihn also losgelöst von den Funktionen 
des Wagens und Teilens sowohl als von der Funktion des Trans- 
portes. Die Warenproduktion macht den allseitigen Stellenwechsel 
der Ware nötig, und dieser vollzieht sich durch Kauf und Verkauf. 
Werden diese zu selbständigen Funktionen eines Kapitals, so ist 
dieses Kapital Handels- oder kommerzielles Kapital. Es ist klar, 
daß durch die Verselbständigung dieser Operationen, die sonst 
vom Produzenten selbst vollzogen werden müßten, die Handels- 
operationen nicht zu Wert erzeugenden Operationen werden, der 
Händler nicht zum Produzenten wird. Die Verselbständigung des 
Handels bewirkt aber Konzentration von Kauf und Verkauf, Er- 
sparnis an Aufbewahrungs- und Erhaltungskosten usw. Der Handel 
bedeutet somit eine Verringerung der sonst nötigen Zirkulation - 
kosten und damit eine Verringerung der Unkosten der Produktion. 
Aber um den Handel betreiben zu können, ist eine Geldsumme not- 
wendig, die in Waren verwandelt werden muß. In der kapitalisti- 
schen Gesellschaft nimmt nun jede Geldsumme Kapitalcharakter an. 
Sollen die Handelsfunktionen verselbständigt werden, so muß das 
im Handel angelegte Geld Kapital werden, also Profit bringen. Es 
ist aber klar, daß dieser Profit nicht durch den Handel, durch den 
bloßen Prozeß des Kaufens, um zu verkaufen, entsteht, er wird im 
Handel nur angeeignet. Die Größe des Profits ist gegeben durch die 



304 



Größe des Kapitals. Denn in entwickelter kapitalistischer Gesell- 
schaft bringt gleichgroßes Kapital gleichen Profit. Dieser Profit 
selbst aber ist Abzug von dem in der Produktion erzeugten Profit. 
Die Industriellen müssen von dem Profit, den sie in erster Hand 
vereinigen, den Kommerziellen einen solchen Teil abtreten, der 
genügt, um das für den Handel notwendige Kapital dem Handel 
wirklich zuzuführen. 

Der Handel, der vor Verallgemeinerung der Warenproduktion, 
also vor der kapitalistischen Entwicklung da ist, also — ebenso wie 
das Wucher- und Geldhandlungskapital — älter ist als das indu- 
strielle Kapital, ist selbst Ausgangspunkt der kapitalistischen Ent- 
wicklung. Er vereinigt in sich den größten Teil des Geldreichtums 
der Gesellschaft. Er bringt durch den Kredit, immer ein wichtiges 
Mittel zur Herstellung kapitalistischer Abhängigkeitsverhältnisse — 
vielfach noch in Form von Warenkredit — , die alte handwerksmäßige 
Produktion von sich in Abhängigkeit, schafft die ersten Anfänge der 
kapitalistischen Hausindustrie auf der einen Seite, die Anfänge der 
Manufaktur auf der anderen Seite. Die Entwicklung des industriel- 
len Kapitals löst diese Abhängigkeit der Produktion vom Handel 
und verselbständigt beide, indem es den Handel isoliert, von der 
Produktion loslöst. 

Die Entwicklung des Handels selbst wird durch zwei Momente 
bestimmt. Einerseits durch die handelstechnischen Bedingungen 
selbst. Der Handel sammelt und konzentriert einmal die Produkte 
aus den verschiedenen Produktionsstätten und verkauft sie schließ- 
lich an den letzten Konsumenten. Je zerstreuter sie wohnen, desto 
mehr müssen sich die Verkäufe schließlich zersplittern, nicht nur 
quantitativ, sondern auch der Zeit und dem Orte nach. Der Charak- 
ter der letzten Verkäufe hängt ab von den Einkommensverhältnissen 
der letzten Käufer und von ihrer örtlichen Konzentration, beides 
Momente, die von der sozialen Entwicklung und Struktur des Lan- 
des abhängen. Gerade handelstechnisch ist die Überlegenheit des 
großen gegenüber dem kleinen Betrieb evident. Die Kosten eines 
Kaufes und Verkaufes, die Buchführung darüber, wachsen nicht 
entfernt mit der Größe der umgesetzten Wertsummen. Die Tendenz 



305 






zur Konzentration ist damit gegeben. Aber anderseits liegt es in der 
Natur des Handels, daß, je näher er dem Konsumenten kommt, sich 
die Verkäufe desto mehr örtlich und zeitlich zersplittern. Je nach 
dem Stadium der Annäherung an die Konsumtion finden sich so 
gewisse Grenzen für die Größe des Betriebes, Grenzen, die durch- 
aus elastisch sind, mit dem Grad der Entwicklung eines Landes sich 
erweitern, aber immerhin verschiedene Größe des Geschäfts- 
umfanges bedingen. In jedem dieser Stadien setzt sich die Tendenz 
zum größeren Betrieb durch, aber mit verschiedener Stärke und 
Schnelligkeit. Die Notwendigkeit der örtlichen Dezentralisation 
wird überwunden durch Filialenbildung eines und desselben großen 
Geschäftes. Anderseits erlaubt die Konzentration der Bevölkerung 
in den Städten, auch den Detailhandel in großen Warenhäusern zu 
konzentrieren. Dies ist jedoch nur die erste Stufe der Konzentration. 
Das handelstechnische Bedürfnis verbindet die Warenhäuser selbst 
zu großen Einkaufsorganisationen, die große Gruppen von Waren- 
häusern vereinigen und sie zum größeren oder geringeren Teil 
finanziell beherrschen, während anderseits die enormen finanziellen 
Bedürfnisse großer Warenhäuser sie wieder in enge Beziehungen 
zu den Banken drängen. 



1 Anfang Juli 1908 ging folgende Notiz durch verschiedene Blätter: 
Jüngst wurde hekannt, daß die Schweizer Warenhausgruppe Braun in Zürich 
unter Beteiligung eines deutschen Konsortiums in eine Kommanditgesell- 
schaft umgewandelt worden ist. Daß Warenhäuser „gegründet" werden, ge- 
hört nicht mehr zu den seltenen Erscheinungen, die Schweizer Gründung 
verdient aus anderen Ursachen allgemeine Beachtung. Die Führung des 
deutschen Konsortiums hat die Firma Hecht, Pfeiffer u. Komp. in Berlin, 
die zu den bedeutendsten deutschen Exportfirmen zu zählen ist. Dieses Haus 
hat sich zu einem Einkauf skonzem für viele Warenhäuser in verschiedenen 
Ländern entwickelt. Das Ankommen mit dem Schweizer Warenhaus Braun 
geht dahin, daß die Firma Hecht, Pfeiffer u. Komp. ihren gesamten Einkauf 
in Zukunft besorgt und auch die Zahlungen für Ankäufe von Braun direkt 
leistet. Die Firma unterhält eine weitverzweigte Einkaufsorganisation und 
ist im Anfang vorigen Jahres in Interessengemeinschaft mit der Hamburger 
Firma M. I. Emdens Söhne getreten, die so eng ist, daß die Firma Hecht, 
Pfeiffer u. Komp. auch im Inland jetzt den Einkauf für die an die Emdensche 
Zentrale angeschlossenen 200 Geschäfte leitet. Darüber hinaus unterhält die- 



506 



Zugleich aber mit der Konzentration geht auch im Detailhandel 
die Tendenz zur Aufhebung seiner Selbständigkeit vor sich, indem 
die Produzenten der Konsumtionsmittelindustrien selbst den Ab- 
satz ihrer Produkte besorgen. Diese Entwicklung ist am fort- 
geschrittensten dort, wo ein Trust den selbständigen Handel völlig 
ausgeschaltet hat, wie zum Beispiel der amerikanische Tabaktrust. 1 



ser Konzern auch Beziehungen zu einem New- Yorker Warenhaus, für das 
nach Angabe des „Konfektionär" in Deutschland jährlich für etwa 60 Mil- 
lionen Mark eingekauft wird. Die wirtschaftliche Überlegenheit der Groß- 
warenhäuser, die nicht zuletzt in den Vorteilen besteht, die der Massen- 
einkauf ermöglicht, hat zur Gründung von Einkaufszentralen geführt, die 
die meisten von ihnen versorgten Geschäfte wohl auch in finanzieller Ab- 
hängigkeit erhalten. 

1 Siehe die interessante Zusammenstellung bei Algemon Lee, „Die Ver- 
trustung des Kleinhandels in den Vereinigten Staaten" ; „Neue Zeit", 27. Jahr- 
gang, Bd. 2, S. 654 ff. Die Zigarrenhändler hatten sich, um ihre Unabhängig- 
keit zu wahren, in einer Independent Cigar Stores Company genannten 
Händlervereinigung organisiert. Der Tabaktrust gründete dagegen die United 
Cigar Stores Company mit zwei Millionen Dollar Kapital. „Diese Gesell- 
schaft kaufte viele bestehende Detailgeschäfte auf und etablierte viele andere 
mit besseren Waren, reicherer Auswahl und entsprechenderem Äußern als 
irgendein Konkurrenzgeschäft. Die Preise wurden reduziert und zuletzt ein 
Prämiensystem eingeführt, das der Gesellschaft dauernde Kundschaft 
sicherte. Der Kampf währte nicht lange. Innerhalb eines Jahres war die 
Independent Cigar Stores Company gezwungen, zu den vom Trust diktierten 
Bedingungen an die United Cigar Stores Company auszuverkaufen. Mit ihrer 
Opposition hatten die Kleinhändler nur ihr Schicksal beschleunigt . . . Auch 
besteht nicht der geringste Zweifel, daß der Trust auf dem eingeschlagenen 
Wege bleiben wird, wahrscheinlich sogar mit beschleunigterem Tempo, bis 
er alles im Detailhandel dieses Industriezweiges Besiegenswerte besiegt hat." 

Lee berichtet dann über die Konzentration im Detailhandel mit Kaffee, 
Tee, Milch, Eis, Brennmaterialien, Spezereien usw. und faßt die Konzen- 
trationstendenzen schließlich treffend folgendermaßen zusammen: „Die Kon- 
zentration geht vor sich und die Klasse der unabhängigen Kleinhändler ver- 
liert festen Boden nach folgenden fünf verschiedenen, jedoch zum selben 
Ziele führenden Bichtungen hin: 

1. Einige der industriellen Trusts dehnen, nachdem sie die Oberherr- 
schaft in der Produktion erlangt haben, ihre Operationen auf das Gebiet des 
Kleinhandels aus, verdrängen den kleinen Kaufmann vollständig und setzen 
ihre Produkte direkt an die Konsumenten ab. 



307 



Anderseits findet diese Konzentrationsbewegung auch Hinder- 
nisse, die sie verlangsamen. Ein Handelsbetrieb kleineren Umfanges 
ist leicht zu eröffnen, je kleiner, desto leichter, zumal hier die Kredit- 
gewährung, da es sich nur um Kredit für Warenkapital handelt, ver- 
hältnismäßig ausgedehnt ist, namentlich dann, wenn diese Kredit- 
gewährung von Seiten des Produzenten erfolgt, für den sie ein Kon- 
kurrenzmittel im Kampf um den Absatzmarkt ist. In diesen Kleinbe- 
trieben herrscht eine niedrige Profitrate, die diesenHändler zu einem 
bloßen Agenten des Kapitalisten macht, dessen Produkte er absetzt. 
An seiner Verdrängung besteht kein starkes ökonomisches Interesse. 



2. Einige der großen Produktionsgesellschaften benutzen zwar noch den 
Kleinhändler, um ihre Waren an die Konsumenten zu bringen, behandeln ihn 
aber eher als Agenten denn als unabhängigen Kaufmann. 

3. In den Großstädten haben die Warenhäuser schon einen großen Teil 
des Kleinhandels den Weinen Kaufleuten entzogen, und dieser Prozeß macht 
immer größere Fortschritte; manche dieser Läden repräsentieren ein Kapital 
von Hunderttausendeu oder selbst Millionen Dollar, vielfach gehören mehrere 
einer einzigen Gesellschaft, und der Anfang ist bereits gemacht, um das Prin- 
zip der Konzentration auf dem Gebiete der Warenhäuser in noch verstärk- 
terem Maße zum Ausdruck zu bringen. Sie werden dadurch in engere Be- 
rührung mit den einzelnen Gruppen der Hochfinanz, des Großhandels und 
der industriellen Trusts gebracht. 

4. Die großen Geschäftshäuser, welche ihre Aufträge ausschließlich oder 
fast ausschließlich per Post empfangen, schädigen in den Landdistrikten das 
Gebiet des Kleinhändlers in demselben Maße, wie die Filialen dies in den 
Slädten tun; die enorme Entwicklung des Telefons und der Straßenbahnen 
sowie die Ausdehnung der freien Poslablieferung auf dem Lande haben die- 
sem Handelsgebiet ein weites Feld geöffnet, und in vielen Fällen gehören 
diese Postversandgeschäfte derselben Gesellschaft, die in der Stadt eine oder 
mehrere Filialen hat. 

5. Innerhalb der Reihen der Kleinhändler selbst arbeitet die Konkurrenz 
darauf hin, daß das Konzentrationsprinzip in verschärftem Maße zur Geltung 
kommt, genau wie sie es zu Beginn der kapitalistischen Ära auf industriellem 
Gebiet getan hat. Manche Kaufleute wissen sich irgendeinen Vorteil vor ihren 
Konkurrenten zu sichern, werden dadurch in den Stand gesetzt, ihr Geschäft 
zu vergrößern, wodurch ihnen neue Vorteile erwachsen, und verkleinern so- 
mit das Geschäftsgebiet ihrer Konkurrenten." 

Vgl. auch Werner Sombart, „Der moderne Kapitalismus", II. Bd., 22. Ka- 
pitel: „Die Bestrebungen zur Ausschaltung des Detailhandels". 



308 



Neben diesen handelstechnischen Momenten, die eine Rolle spie- 
len, wo es sich um Produkte handelt, die an den letzten Konsumen- 
ten direkt abzusetzen sind - also in dem Detailhandel -, spielt aber 
die Rückwirkung der industriellen Verhältnisse dort eine Haupt- 
rolle, wo es sich um den Warenumsatz zwischen den industriellen 
Kapitalisten selbst und zwischen diesen und den Großhändlern 
handelt. Und hier wirkt die industrielle Konzentration zurück auf 
die Entwicklung des Handels, der sich ihr anpassen muß. Je konzen- 
trierter die industriellen Betriebe, desto größer ihre Produktion, 
desto kapitalkräftiger müssen auch die Händler sein, die diese Pro- 
duktion umsetzen. Ferner: je geringer mit wachsender Konzen- 
tration die Zahl der industriellen Betriebe, desto überflüssiger 
werden überhaupt die Händler, desto einfacher muß es erscheinen, 
daß die großen konzentrierten Produktionsstätten direkt mitein- 
ander in Verbindung treten, olme Dazwischenkunft eines selb- 
ständigen Händlers. Die Konzentration in der Industrie bewirkt 
so nicht nur Konzentration, sondern auch Überfiüssigmachung des 
Handels. Es geschehen weniger Umsätze, da der Einzelumsatz 
großer wird, und bei diesen Umsätzen wird die Dazwischenkam ft 
eines selbständigen Kapitalisten immer häufiger ausgeschaltet. Da- 
mit wird aber auch ein Teil des im Handel befindlichen Kapitals 
überflüssig und kann aus der Zirkulationssphäre verschwinden. 

Das im Handel befindliche Kapital ist zunächst gleich dem Wert 
des gesellschaftlichen Jahresprodukts, gebrochen durch die Um- 
schlagszahl des kommerziellen Kapitals, multipliziert mit der An- 
zahl von Zwischenstadien, die es durchläuft, bis es zum letzten Kon- 
sumenten kommt. Aber dieses Kapital ist nur rechnungsmäßig so 
groß. Der größte Teil dieses Kapitals besieht nur in Kredit. Das 
Kaufmannskapital dient ja nur zur Warenzirkulation; wir wissen 
;,ber bereits, daß diese zum größten Teil vollführt werden kann 
olme Zuhilfenahme von wirklichem Geld. Es ist gegenseitiger 
Kredit, der von den produktiven Kapitalisten einander gegeben wird 
und sich gegenseitig ausgleicht. Das wirkliche Kaufmannskapttal 
ist viel geringer, und nur davon erhält der Kaufmann Profit. Der 
Profit des Industriellen isL abhängig von dem gesamten Kapital, 

309 



ganz gleich, ob es dem Industriellen gehört oder ob es ihm kreditiert 
ist, denn es ist Produktionskapital. Der Profit des Kaufmanns hängt 
nur ab von dem wirklich verwandten Kapital, denn dieses ist nicht 
Produktionskapital, sondern vollzieht nur die Funktionen von Geld- 
und Warenkapital. Der Kredit bedeutet hier nicht eine bloße Eigen- 
tumsscheidung und damit eine Teilung des Profits, sondern eine 
absolute Verringerung des Kapitals und damit des auf die kommer- 
zielle Klasse entfallenden, von den industriellen Kapitalisten an 
diese zu zahlenden Profits. Der Kredit vermindert hier direkt die 
Unkosten der Zirkulation ebenso wie etwa das Papiergeld. 

Der Handelsprofit ist aber ein Teil des in der Produktion erzeug- 
ten gesamten Mehrwertes. Je größer der Teil ist, der dem Handels- 
kapital zufällt, desto geringer unter sonst gleichen Umständen der 
Anteil der Industriellen. Es besteht also ein Interessengegensatz 
zwischen Industrie- und Handelskapital. 

Aus diesen entgegengesetzten Interessen entspringt ein Kampf, 
der schließlich mit der Überwindung des einen Teiles endet durch 
Entstehung kapitalistischer Abhängigkeitsverhältnisse. In diesen 
Interessenkämpfen des Kapitals entscheidet die größere oder gerin- 
gere Kapitalsmacht. Diese ist jedoch nicht bloß quantitativ zu 
fassen. Wir sehen in der ganzen bisherigen Darstellung, daß auch 
die Form des Kapitals von Bedeutung ist. Verfügung über Geld- 
kapital gibt unter sonst gleichen Verhältnissen die größte Über- 
macht, weil die Industriellen sowohl als die Kommerziellen mit der 
Entwicklung des Kreditwesens immer mehr auf das Geldkapital an- 
gewiesen sind. So vollzieht sich auch das Abhängigwerden von Indu- 
strie und Handel in verschiedenen Formen. 

Solange freie Konkurrenz herrschte, konnte der Handel den 
Konkurrenzkampf unter den Industriellen zu seinem Vorteil aus- 
nützen. Dies besonders in jenen Industriezweigen, wo die Produk- 
tion noch verhältnismäßig stark zersplittert, die Konzentration im. 
Handel bereits stärker fortgeschritten war. In demselben Sinne 
wirkten auch die Kreditverhältnisse. Solange der Kredit noch vor- 
wiegend Zahlungskredit war, die Banken vor allem für das Kauf- 
mannskapital Kredit zur Verfügung stellten, war auch die fman- 



310 



zielle Überlegenheit öfter auf Seite der Händler. Sie benützten diese 
Überlegenheit, um beim Einkauf auf die Preise der Produzenten 
zu drücken und ihnen Lieferungs- und Zahlungsbedingungen auf- 
zuerlegen, die ihnen erlaubten, von den Vorteilen der Hochkonjunk- 
tur den Rahm abzuschöpfen und die Verluste der Depression zum 
Teil auf die Produzenten abzuwälzen. Es ist die Zeit, in der 
die Klagen der Industriellen über die Diktatur der Kaufleute 
immer aufs neue laut werden. Das Vorgehen der Händler dient 
den Industriellen dann später als einer der Rechtfertigungs- 
gründe für den Abschluß von Kartellen. Dies ändert sich gründlich 
mit der Änderung des Verhältnisses der Banken zur Industrie 
und dem Entstehen der kapitalistischen Vereinigungen in der 
Industrie. 

Die partiellen industriellen Vereinigungen vermindern zunächst 
denHandel. Die kombinierten direkt, indem sie Handelsoperationen 
überhaupt überflüssig machen. Die homogenen wirken wie die 
Konzentration in der Industrie überhaupt. Die monopolistischen 
Vereinigungen aber haben die Tendenz, die Selbständigkeit des 
Handels völlig aufzuheben. Wir haben gesehen, daß eine wirkliche 
Kontrolle über den Markt erst dann möglich ist, wenn die Waren 
von einer Zentralstelle aus verkauft werden. Aber diese muß, um 
die Produktion in ihrem Industriezweig regeln zu können, die 
jeweilige Größe des Absatzes beurteilen können. Zudem ist die 
Größe der Konsumtion immer abhängig von der Höhe der Preise. 
Die Preisfestsetzung muß also bis zum letzten Stadium von der 
monopolistischen Vereinigung aus geschehen, sie darf nicht von ihr 
unabhängigen Faktoren überlassen werden. Dies sind aber zunächst 
die Händler. Die Ausnutzung der Marktlage, der Hauptvorteil des 
Kartells, würde zu einem großen Teil den Händlern zufallen, wenn 
ihnen die spezifischen Handelsoperationen überlassen würden, wozu 
ja auch die Preisfestsetzung gehört. Sie könnten spekulativ die Pro- 
dukte aufhäufen und — namentlich bei günstiger Konjunktur — zu 
höheren Preisen verkaufen. Dies hätte einerseits Einschränkung der 
Produktion zur Folge, für die das Kartell nicht durch den höheren 
Profit entschädigt würde, anderseits aber würde die Kartelleitung 



311 



auch den Markt falsch beurteilen, wenn sie diese spekulative, viel- 
leicht irrige Händlernachfrage allein zum Maßstab ihrer Produk- 
tion machen müßte. Die monopolistische Vereinigung wird also die 
Tendenz verfolgen, die Selbständigkeit des Handels aufzuheben. 
Nur dann wird das Kartell seinen Einfluß auf die Preisfestsetzung 
voll ausnützen können. 

Wir haben aber gesehen, daß die Kartellierung bereits eine innige 
Verbindung von Industrie und Bankkapital darstellt; in der Regel 
wird das Kartell über die größere Macht verfügen. Es wird dann 
dem Handel seine Gesetze diktieren können. Der Inhalt dieser Ge- 
setze wird aber dahin gehen, dem Handel seine Selbständigkeit zu 
nehmen, ihm die Preisfestsetzung zu entziehen. Die Kartellierung 
wird also den Handel als Anlagesphäre des Kapitals aufheben. Sie 
schränkt die Handelsoperationen ein, beseitigt einen Teil derselben 
und vollzieht den übrigen Teil durch eigene Lohnarbeiter, Verkaufs- 
agenten des Kartells. Dabei kann sehr wohl ein Teil der bisherigen 
Händler zu solchen Verkaufsagenten gemacht werden. Das Kartell 
schreibt ihnen dann genau die Einkaufs- und Verkaufspreise vor, 
deren Differenz die Provision dieser „Händler" bildet. Die Höhe 
dieser Provision ist aber nicht mehr bestimmt durch die Höhe des 
Durchschnittsprofits, sie ist ein Lohn, den das Kartell festsetzt. 
Wenn aber die kapitalistischen Machtverhältnisse anders liegen, so 
wird sich auch das Verhältnis von Handel und Kartell etwas anders 
gestalten können. Es ist möglich, daß die Bedingungen für die Kon- 
zentration im Handel günstiger waren als in der Industrie. Dann 
steht einigen wenigen Händlern eine Anzahl verhältnismäßig 
kapitalschwacher Unternehmungen gegenüber, die für den Absatz 
ihrer Produkte auf diese Händler angewiesen sind. Die Händler 
können dann ihre Kapitalskraft benutzen, um durch finanzielle Be- 
teiligung an diesen Unternehmungen einen Teil ihres Kapitals als 
industrielles Kapital anzuwenden. Die Abhängigkeit der Industrie 
können sie dazu benutzen, um diese Unternehmungen zu zwingen, 
billiger an sie zu verkaufen. Sie erhöhen so ihren kommerziellen 
Profit auf Kosten des industriellen. Solche Abhängigkeitsverhält- 
nisse entwickeln sich in neuester Zeit ziemlich rasch in gewissen 



Konsumtionsmittelindustrien, die an ein großes kapitalistisches 
Warenhaus verkaufen. 

Es sind Abhängigkeitsverhältnisse, die auf höherer kapitalisti- 
scher Stufenleiter den Vorgang widerspiegeln, der zur Entstehung 
kapitalistischer Hausindustrie geführt hat, wobei der Kaufmann 
den Handwerker verlegte. Aber ähnliche Verhältnisse können sich 
auch mitunter vorfinden in Industrien, die kartellfähig sind. Hier 
kann das Handelskapital, das vielleicht an einer ganzen Reihe sol- 
cher Unternehmungen beteiligt ist, dann eine analoge Rolle spielen 
wie sonst das Bankkapital. 

In diesen Fällen nehmen dann die Händler direkt teil an dem 
Kartell. Sie tun dies aber, weil sie in der Tat schon vorher in Form 
von finanziellen Beteiligungen auch an der Produktion beteiligt 
waren. 1 Sachlich wird dadurch nichts geändert. Auch hier verliert 
der Handel den Einfluß auf die Preisfestsetzung, er hört auf, der 

1 Für die Organisation des böhmischen Braunkohlenhandels ist es charak- 
teristisch, daß der Verkaufskommissionär zugleich Bergwerksbesitzer und 
Anteilseigner der von ihm vertretenen Gesellschaften ist. Die beiden Kohlen- 
kommissionsfirmen J. Petschek und Ed. J. Weinmann haben in Aussig Or- 
ganisationen gebildet, „welche den Vertrieb der Braunkohle für die großen 
höhmischen Gesellschaften besorgen . . . Auch in Aussig waren die beiden 
Kohlenfirmen ursprünglich nur die Zwischenhändler. In diesem Verhältnisse 
griff am Beginne der neunziger Jahre eine Änderung Platz, welche von der 
mächtigen Entwicklung der Brüxer Bergbaugesellschaft ihren Ausgang 
nahm. Den Verschleiß für diese Gesellschaft hatte seit alters her die Firma 
Weinmann. Die Brüxer Gewerkschaft erwarb zu sehr billigen Preisen die 
mundierten Ossegger Schächte und schwang sich hierdurch zum ersten "Unter- 
nehmen der böhmischen Braunkohlenindustrie auf. Inzwischen hatte sich ein 
Besitawechsel in den Brüxer Aktien vollzogen; die Majorität war an ein 
Syndikat unter Führung der Firma Petschek übergegangen, und als Ausdruck 
der geänderten Machtverhältnisse wurde der Kohlenverschleiß an diese Firma 
übertragen. So war ein neues Verhältnis geschaffen; der Kohlenkommissionär 
war auch Großaktionär des Unternehmens, er schloß die Verkaufsverträge 
gleichsam mit sich selbst ab und hatte auf Geschäftsführung und Produktion 
den entscheidenden Einfluß. Den gleichen Weg mußte auch die Konkurrenz- 
firma einschlagen; auch sie wußte sich durch Aktienbesitz einen maßgeben- 
den Einfluß und ein dauerndes Interesse an den von ihr vertretenen Unter- 
nehmungen zu schaffen." („Neue Freie Presse" vom 25. Februar 1906.) 






312 



313 



Markt für die Industriellen zu sein, die jetzt direkt mit den Kon- 
sumenten in Verbindung treten. 

Die monopolistische Vereinigung bewirkt so eine Ausschaltung 
des selbständigen Handels. Sie macht einen Teil der Handels- 
operationen vollständig überflüssig und verringert die Unkosten für 
den Rest. 

In derselben Richtung wirkt auch die Verringerung jener Zirku- 
lationskosten, die aufgewendet werden, um den Konsumenten 
speziell für das Produkt eines bestimmten Unternehmens zu ge- 
winnen auf Kosten des Absatzes anderer Unternehmungen. Diesem 
Zweck dienen vor allem die Ausgaben für Reisende, soweit ihre 
Zahl durch Zersplitterung der Produktion in die einzelnen Unter- 
nehmungen bedingt ist, und die Ausgaben für Reklame. Diese Aus- 
gaben stellen Unkosten der Zirkulation dar. Für den einzelnen 
Unternehmer bringen sie Profit, sofern es ihm gelingt, seinen Um- 
satz über das sonst mögliche Maß hinaus zu steigern. Aber dieser 
Profit ist der Verlust der anderen Unternehmer, auf deren Kosten 
er seinen Umsatz vergrößert hat. Für die Produktionssphäre stellen 
sie einen Abzug von dem sonst auf sie entfallenen Profit dar. Die 
Kartellierung verringert diese Kosten ganz außerordentlich, be- 
schränkt die Reklame auf die bloße Bekanntmachung und die 
Reisenden auf jene Zahl, die zur Bewegung der überdies verringer- 
ten, vereinfachten und beschleunigten Handelsoperationen nötig 
Sind. 

Eine eigentümliche Entwicklung zeigt sich in Österreich. Hier 
hat sich der eigentliche kapitalistische Großhandel aus historischen 
Ursachen nur unvollkommen entwickelt. In Sphären, die Massen- 
güter produzieren, und besonders dort, wo auch die Spekulation eine 
Rolle spielt, wie zum Beispiel im Zuckerhandel, hat die Bank die 
Funktionen des Großhandels übernommen. Das Bankkapital konnte 
das um so leichter, als ja dadurch nur geringe Mengen von Kapital 
festgelegt wurden. Das Bankkapital ist dann sowohl als Händler wie 
als Kreditgeber an der Kartellierung interessiert. In Österreich ist 
daher der direkte und bewußte Einfluß des Bankkapitals auf die 
Kartellierung am leichtesten nachzuweisen. Die Bank behält dann 



auch weiter die Verkaufsfunktionen für das Kartell und bezieht 
dafür eine feste Provision. In neuerer Zeit zeigen sich auch in 
Deutschland ähnliche Tendenzen. So hat der Schaaffhausensche 
Bankverein eine eigene Warenabteilung für den Verkauf kartellier- 
ter Produkte errichtet. 1 

Resultat des ganzen Prozesses ist also eine Verminderung des 



1 So bezeichnet die „Neue Freie Presse" (18. Juni 1905) die Übernahme 
einer großen Prager Zuckerfirma durch die Kreditanstalt als symptomatisch 
und fährt dann fort: 

Der Zuckerhandel ist diesen Bestrebungen fast gänzlich zum Opfer ge- 
fallen. Noch zu Beginn der neunziger Jahre war der Vertrieb der meisten 
böhmischen Zuckerfabriken die Domäne der reichen Prager Zuckerkaufleute, 
die aus der Vermittlung des Absatzes für die Rechnung der Erzeuger einen 
ansehnlichen Nutzen zogen, vielfach auch das Geschäft für eigene Rechnung 
pflegten und durch ihre großen Abschlüsse sowie durch die Verbindung mit 
den ausländischen Märkten eine spezifische Erscheinung des Platzes bildeten. 
Das Zuckergeschäft der Banken beschränkte sich auf den kommissionsweisen 
Verkauf für die eigenen Fabriken und auf die Kreditgewährung im Rahmen 
der normalen Banktätigkeit. Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind manche 
dieser privaten Zuckerfirmen ganz zurückgetreten oder an die Banken über- 
tragen worden, andere haben ihr Geschäft notgedrungen sehr eingeschränkt, 
und von den früheren Magnaten des Zuckerhandels ist nur eine einzige große 
Handelsfirma in Prag zurückgeblieben, die jetzt noch dreizehn Zucker- 
fabriken vertritt und jährlich viele Hunderttausend Meterzentner der weißen 
Ware umsetzt. Die allergrößten privaten Zuckerfabriken, die ihre Produktion 
auf beide Reichshälften ausdehnen, nehmen die Vermittlung beim Absatz 
gar nicht in Anspruch, sondern besorgen sich den Großverkauf selbst. Die 
mittleren und kleineren Unternehmungen sind in mehr oder minder innige 
Verbindung mit den Banken getreten, welche ihnen die nötigen Kredite ge- 
währen, die Ware für sie an den Export sowie den Kleinhandel im Inlande 
verkaufen, vielfach aber selbst das volle Risiko des Zuckerabsatzes über- 
nehmen. So ist der ehemals große und reiche Zwischenhandel in Zucker ganz 
aus seiner Stellung hinausgedrängt worden, und zwei Dritteile des Absatzes 
der böhmischen Zuckerfabriken nehmen ihren Weg durch die Zucker- 
abteilungen der Prager Institute (die aber meist nur Füialen der Wiener 
Banken sind). 

Ihren Ausgang hat diese Umbildung des Zuckerhandels von der Kredit- 
gewährung und von der Errichtung neuer Zuckerfabriken gefunden. In den 
achtziger und neunziger Jahren sind in Böhmen und Mähren zahlreiche 
neue Fabriken, darunter die großen Exportraffinerien an der Elbe, ent- 



314 



315 



kommerziellen Kapitals. Ist aber das Kapital verringert, so auch 
der darauf entfallende Profit, der, ■wie wir wissen, ein Abzug des indu- 
striellen Profits ist. Diese Verringerung des Handelskapitals ist 
eine Verringerung von Unkosten. Wie wirkt das auf die Preise? 
Der Preis des Produkts ist bestimmt durch den Kostpreis plus dem 
Gesamtprofit. Die Teilung dieses Profits in Unternehmergewinn, 

standen; sie wurden zumeist mit fremdem Kapital gebaut, und die Banken, 
welche die nötigen Mittel aufbrachten, bedangen sich die Übertragung des 
kommissionsweisen Verkaufs des Produkts der neuen Erzeugungsstätten aus. 
Namentlich waren die kleinen und mittleren Rohzuckerfabriken, die seit dem 
Abschluß des Kartells wie Pilze aus dem Boden emporschössen, vielfach mit 
ungenügendem Kapital fundiert und deshalb ganz auf ihre Kreditgeber an- 
gewiesen. Aber auch bestehende Etablissements bedurften zu ihrer Moderni- 
sierung und Erweiterung großer Mittel und traten zu den Geldquellen in 
ein näheres Verhältnis, das zumeist auch auf die Übertragung des ganzen 
Vertriebes hinauslief. So haben die Prager Filialen der Wiener Banken, aber 
auch einzelne Lokalinstitute im Zuckergeschäft festen Fuß gefaßt und dort- 
hin den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit verlegt. Die Länderbank vertritt fünf- 
zehn Fabriken . . . Die Anglobank besorgt den kommissionsweisen Verkauf 
von elf Rohzuckerfabriken; bei der Kreditanstalt ist die geschäftliche Ab- 
wicklung für fünf große Unternehmungen konzentriert; die Zivnostenska 
Banka ist die Verkaufsstelle für zahlreiche ländliche Zuckerfabriken. Die 
Banken kaufen den Rohzuckerfabriken ihre Erzeugung ab und übertragen 
sie an die Raffinerien; sie übernehmen ferner von den Raffinerien die weiße 
Ware zur Placierung an den inländischen und ausländischen Verkaufsstellen. 
Als im Laufe der Jahre der Export eine immer größere Bedeutung für die 
österreichischen Fabriken gewann, nahm auch die Tätigkeit der Banken 
einen anderen Charakter an. Die Ausfuhr bedang ein fortwährendes Ope- 
rieren auf den verschiedenen auswärtigen Märkten, die bescheidene Provision 
aus dem Kommissionsgeschäfte trat mehr in den Hintergrund gegenüber den 
großen Gewinnen aus den Arbitragen und spekulativen Transaktionen . . . 
Mit dem internationalen Geschäft war aber der Handel auf eigene Rechnung 
eng verbunden, da die wenigsten inländischen Fabrikanten in der Lage waren, 
solche oft notwendigerweise auf längere Zeit ausgedehnte Operationen auf 
sich zu nehmen. So trat als letztes Glied in den Zuckerhandel die feste Über- 
nahme durch die Banken; die Fabriken verkauften ihr Produkt an ihre Bank- 
verbindung, die ihrerseits den Nutzen durch die möglichst günstige Ver- 
wertung auf den Märkten des Inlandes und Auslandes suchte. Der Handel für 
eigene Rechnung ist gewiß noch nicht die allgemeine Regel, und einzelne 
ängstliche Institute halten sich von ihm prinzipiell zurück; neben dem 



316 






Zins, Handelsprofit und Rente läßt den Preis vollständig unberührt. 
Daß das Kartell jetzt an Stelle des Händlers getreten, daß ein Teil 
der Handelsoperationen fortgefallen ist, bedeutet nur, daß der 
Industrielle jetzt keinen Teil seines Profits mehr an die Kommer- 
ziellen abzutreten hat. Der Preis des Gesamtprodukts bleibt für den 
Konsumenten derselbe. 1 Die Zirkulationsunkosten bildeten einen 

kommissionsweisen Verkaufe nimmt er aber bereits einen großen Raum ein, 
und es ist nicht zu leugnen, daß sich die geschäftliche Entwicklung in dieser 
Richtung bewegt. 

Ein größeres Warengeschäft haben noch jene Banken, welche mit Kar- 
tellen in inniger Verbindung stehen und den Vertrieb für die von ihnen 
kontrollierten Industrien leiten. So hat die Länderbank den Verkauf für 
das Kartell der Zündhölzchenfabriken, der Sirupfabriken, der Emailgeschirr- 
fabriken, der Buntpapierfabriken, der Stärkefabriken und einzelner chemi- 
scher Industrien, der Bankverein steht zu den Pappendeckelfabriken in ähn- 
lichen Beziehungen, auch die Kreditanstalt hat den Verkauf für die ver- 
einigten Messingwerke inne. Es sind dies durchwegs nur Kommissions- 
beziehungen, die keinen engeren Handel bergen: durch die Kartellierung und 
Konzentrierung des Absatzes im Zentralverkaufsbüro ist aber doch der 
Zwischenhandel aus diesen Positionen verdrängt worden. Der Nutzen im 
Warenkommissionsgeschäft ist durch die Konkurrenz der Banken geringer 
geworden und erreicht nur mehr eine mäßige Quote der früheren ansehn- 
lichen Provisionen. Die Schmälerung der Gewinne aus dem regulären Bank- 
geschäft hat bei einzelnen Instituten, die Warenabteilungen besitzen, den 
Gedanken angeregt, den Proprehandel in Waren in stärkerem Maße zu 
pflegen, und manche Anzeichen deuten darauf hin, daß in dieser Richtung 
neuerliche Versuche zur Ausgestaltung des Geschäftes unternommen werden 
dürften. 

Im einzelnen können Preisverschiebungen erfolgen je nach dem ver- 
schiedenen Verhältnis von Industrie- und Handelskapital in den einzelnen 
Sphären. Gesetzt, in einer Sphäre, zum Beispiel im Maschinenbau, sei das 
Produktionskapital gleich 1000, das Handelskapital gleich 200. Bei einer 
Durchschnittsprofitrate von 20 Prozent werden 40 Handelsprofit gemacht. 
Der Preis für den Konsumenten ist gleich 1000 + 200 (der Preis, um den die 
Industriellen ihr Produkt an den Kaufmann absetzen) plus 240 (die dem 
Kaufmann sein Kapital plus Profit ersetzen), also im ganzen gleich 1440. In 
der Textilindustrie entfalle aber auf ein Produktionskapital von 1000 ein 
Kaufmannskapital von 400. Der Preis des Produkts wäre dann 1680, Gesetzt 
den Fall, es gelänge dem Kartell, in beiden Fällen das Handelskapital aus- 
zuschalten und die Handelsunkosten auf die Hälfte zu reduzieren, so würden 



23 Hilferding, Das Finanzkapital 



317 



Abzug vom Profit, die Verringerung dieser Kosten bedeutet, daß 
der industrielle Profit, der Unternehmergewinn, um den Betrag 
steigt, der durch die Verminderung der Handelskosten frei geworden 
ist. Es ist nur der Aberglaube an den Veräußerungsprofit, der 
Glaube, daß der Händler Profit macht einfach durch einen Auf- 
schlag auf seinen Kostpreis, der bei manchen Schriftstellern die 
Hoffnung weckt, die Verringerung der Handelskosten könnte 
irgendwie den Preis der Produkte für den Konsumenten senken. 

Die Verringerung der Handelsoperationen bedeutet auch das 
Freiwerden von bisher in der kommerziellen Sphäre beschäftigtem 
Kapital, das nun nach neuer Verwertung sucht. Unter Umständen 
kann dies den Drang nach Kapitalexport verstärken. 

die Maschinenbauer auf das Kapital von 1100 einen Profit von 540, die 
Textilfabrikanten auf ihr Kapital von 1200 einen solchen von 480 machen. 
Die Ungleichheit der Profitraten kann zu Ausgleichsvorgängen führen, die 
dann in Preisveränderungen erscheinen. Was aber die Konsumenten der 
Textilprodukte gewännen, würden die Maschinenkäufer verlieren. Im all- 
gemeinen wird aber diese Ausgleichung infolge der Kartellierung nur 
schwierig und unvollständig erfolgen. 

Anders steht die Sache, wenn der selbständige Handel durch Konsum- 
vereine, Großeinkaufsgesellschaften, landwirtschaftliche Einkaufsgenossen- 
schaften usw. ersetzt wird. Dies bedeutet nur, daß an die Stelle der Aktion 
der Handelskapitalisten die der organisierten Konsumenten selbst tritt, 
denen daher auch der Handelsprofit zufällt. Zugleich bedeutet die vermehrte 
Konzentration Ersparung von Zirkulationsunkosten. 

1 Der Großhändler Engel sagt ganz richtig: „Das Streben des Syndikats 
geht dahin, zu monopolisieren und den Großhandel einfach auszuschließen. 
Der Verleger kauft natürlich dadurch nicht billiger; denn wenn nicht so 
gerechnet würde: den Nutzen, den der Großhandel hat, will ich als Fabrik, 
als Syndikat selbst hahen — dann hätte die ganze Bewegung keinen Zweck." 
„Kontradiktorische Verhandlungen über den Verband deutscher Druckpapier- 
fabriken", Heft IV, S. 114. 

Dasselbe gilt zum Beispiel auch vom Kohlensyndikat. Es „benützt diese 
Monopolisierung des Speditions- und Großhandelsgeschäftes auch, um ohne 
eine ausdrückliche Erhöhung der Kohlenpreise durch Steigerung der Schlepp- 
und Transportlöhne die kleinen Konsumenten zu besteuern beziehungsweise 
dafür zu sorgen, daß die höheren Preise, die diese bezahlen müssen, nicht wie 
bisher dem Handel, sondern den Produzenten zugute kommen". Liefmann, 
„Kartelle und Trusts", S. 98. 



318 



Daß die Kartelle aber der Form nach den Handel beibehalten 
hegt in ihrem eigenen Interesse. Kirdorf, der Gebieter des Kohlen- 
syndikats, sagt darüber: „. ..Will man zu den untersten Quellen 
des Verbrauchs gehen, bis zum einzelnen Abnehmer, so muß man 
einen gewaltigen Apparat haben; dann kommen die erhöhten Ver- 
waltungskosten, die den Vorteil des Preises durch direkte Lieferung 
entschieden übersteigen, und man bekommt einen so teuren Be- 
tneb, daß er nicht zu ertragen ist, und ein so umfangreiches 
heamtenpersonal, daß man es nicht mehr übersehen und kontrol- 
lieren kann. Deshalb ist und bleibt der solide Zwischenhandel in 
einem gewissen Umfange eine absolute Notwendigkeit und kann 
niemals ausgeschaltet werden." 1 

In der Tat aber handelt es sich nicht mehr um Händler, Kauf- 
leute, sondern um Agenten der Syndikate, deren Selbständigkeit 
ebenso fiktiv ist wie die des Hausindustriellen, der selbständiger 
Meister tituliert wird. Nur daß, während die Hausindustrie durch 
technische Änderung der Produktion von einem gewissen Punkte an 
unrentabel wird, dies beim Handel weniger in Betracht kommt. 
Ob fix entlohnter Agent oder „selbständiger" Kaufmann, der in 
Wirklichkeit auf eine Provision gesetzt ist, deren Schwankungen 
durch territoriale Abgrenzung des Verkaufsgebietes und die Fest. 
Setzung der vom Syndikat beherrschten Preisdivergenzen so gering 
«md, daß im Effekt das Einkommen des Händlers ziemlich das- 
selbe ist wie das eines Agenten, macht ökonomisch keinen Unter- 
schied. Die Fiktion der Selbständigkeit, die durch die andere Ent- 
ohnungsart - und in diesem Falle handelt es sich um Lohn, das 
Einkommen des „Kaufmannes" besteht aus dem Profit auf sein 
Kapital und dem Lohn, den das Syndikat einem Agenten zahlen 
mußte - geschaffen wird, erspart aber dem Syndikat Überwachungs- 
kosten oder Kontrollausgaben, etwa wie der Akkordlohn gegenüber 
dem Zeitlohn. Im übrigen wird bei solchem Handel das nötige 
kapital außerordentlich reduziert; das Eigenkapital des Händlers 
-raucht nur gering zu sein, da die Stetigkeit der Kartellpreise und 
das_ortliche Monopol jedes Risiko vermindern. Diese Umsätze 
„Kontradiktorische Verhandlungen", I. S. 236. 



319 






können also hauptsächlich mit Kredit erledigt werden, indem der 
Händler das Geld für die Bezahlung zum größten Teil kreditiert 
bekommen kann; für diesen Teil des Kapitals ist nur Zins zu ent- 
richten. Das Syndikat hat nur das Interesse, die Zahl der Händler 
zu verringern, da sein eigener Absatz.dadurch vereinfacht wird, und 
die Provision in der Tat dem Arbeitslohn für die kaufmännische 
Tätigkeit, die als hochqualifiziert gewertet wird, anzunähern. Wie 
weit diese Fiktion der Selbständigkeit dabei aufrechterhalten wird, 
ist ökonomisch gleichgültig. Daß das momentane Ausmaß der Ver- 
drängung des Zwischenhandels nichts Definitives ist, sondern nur 
„mit Rücksicht auf die historische Entwicklung des Kohlenhandels" 
geboten war, sagt Kirdorf selbst 1 , wie er selbst auch betont, daß es 
vollständig zutage liege, „daß der Kohlenhandel, wie er sich bei 
der früheren Zersplitterung des Bergbaus in dieser großen Zahl 
entwickelt hat, nicht nötig ist". 

Diese Verhältnisse sind von den großen Kohlenhändlern trotz 
aller sichtbaren Zurückhaltung auch offen dargelegt worden; für 
unseren Zweck genügen einige Zitate. Großhändler Vowinkel 
(Düsseldorf) führt aus 2 : „Wenn ich eben sage, eigentliche Kauf- 
leute sind wir nicht mehr, so begründe ich das wie folgt. Das 
Kohlensyndikat schreibt uns erstens vor, welche Sorten wir kaufen, 
zweitens zu welchem Preise wir sie kaufen, drittens das Absatz- 
revier, wohin wir verkaufen dürfen, viertens die Verkaufspreise, zu 
welchen wir verkaufen dürfen. Da bleibt von der Freiheit des Han- 
delns natürlich nicht viel mehr übrig. Aber ich glaube, daß das 
Kohlensyndikat absolut den Verhältnissen nach nicht anders kann . . . 
In Zukunft müssen wir Großkaufleute uns klarmachen, daß es 
nicht anders geht und daß wir allmählich weniger werden. Diese 
Tatsache besteht in einer so starken Weise, daß es heute unmöglich 
ist, überhaupt ein Großhandelsgeschäft in größerem Maßstabe zu 
beginnen, weil die Quanten dafür nicht vorhanden sind. Auch ist 
das gegenwärtige Geschäft in der Weise beschränkt, daß es absolut 
unmöglich ist, sich auszudehnen." 

1 Ebenda, S. 235. 

2 Ebenda, S. 228 ff. 






Diese „Kaufleute" sind jeder Selbständigkeit beraubt. Denn wie 
Kohlenhändler Bell winkel (Dortmund) sagt, hat „bei jeder Verkaufs - 
Vereinigung das Syndikat durch einen Herrn seines Vorstandes Sitz 
und Stimme im Aufsichtsrat" und ist „ferner berechtigt, die sämt- 
lichen Bücher zu jeder Zeit einzusehen". Er sagt sehr richtig: „Die 
Bewegungsfreiheit ist uns allerdings schließlich genommen; wir 
sind mehr eine Art Vertreter geworden." 

Und die Prognose für die Zukunft ist noch schlechter. Diese stellt 
Herr Vowinkel folgendermaßen 1 : „Das Syndikat hat eine be- 
wundernswerte Organisation geschaffen, von der ich mir denken 
könnte, daß der Großhandel bis auf einen ganz kleinen Bruchteil 
ausgeschaltet würde. Was berechtigt denn den Großhandel über- 
haupt? Es wird schließlich für den Großkaufmann nur noch übrig- 
bleiben, daß er seinen Absatz findet beim Kleinverbraucher, beim 
Kreditbedürftigen, daß er für den Ausgleich durch große Lagerung 
von Kohlen zu Zeiten schlechten Absatzganges sorgt. Das sind die 
Punkte, die ihn in Zukunft überhaupt noch berechtigen, und es 
würde wahrscheinlich sein, daß der Kohlenhandel von einer Ab- 
nahme von 45 Prozent, wie wir heute morgen gehört haben, auf 
mindestens 20 Prozent herunterginge." 

Hier ist ganz richtig beschrieben, daß die spezifisch kommerzielle, 
den Zirkulationsvorgang W— G— W vermittelnde Funktion über- 
flüssig wird und nur erhalten bleibt die für die Vermittlung des 
Konsums unter jeder Gesellschaftsordnung mit Massenproduktion 
stets notwendige Funktion des Einteilens des Produkts, seiner Auf- 
bewahrung und Lagerung. Der kaufmännische Vertrieb aber hat 
als solcher aufgehört; er ist ganz automatisch geworden, klagt Herr 
Vowinkel. 

Wie aber allmählich der Großhändler durch den Agenten des 
Syndikats ersetzt wird, legt Vowinkel gleichfalls ausführlich dar. 
Richtig bezeichnet er die Teilhaberschaft an einer solchen Verkaufs- 
vereinigung als „Sinekure". Diese hängt ganz von der Gnade des 
Syndikats ab. Nach dem Tode der jetzigen Teilhaber wird schließ- 

1 Ebenda, S. 230. 

2 Ebenda, S. 229. 



320 



321 



lieh ihr festgelegter Anteil am Absatz an das Syndikat zurück- 
gehen; „das Syndikat wird der Beteiligte. Damit ist voll- 
ständig klargemacht, daß eigentlich dieses Untersyndikat (gemeint 
ist die Händlervereinigung) schließlich an das Hauptsyndikat über- 
geht". 1 

Das Monopol der großen Händler oder der Verkaufsvereinigun- 
gen gibt diesen auch die Macht, die kleineren Händler von sich in 
Abhängigkeit zu bringen, ihnen die Verkaufspreise vorzuschreiben, 
kurz, sie wieder ihrerseits zu ihren Agenten zu machen. So sagt zum 
Beispiel Kohlengroßhändler Heidmann (Hamburg): „Da ich in 
meinen Büchern fand, daß die Schulden dieser Leute (seil, kleinerer 
Händler, die von ihm die Kohlenbeziehen) immer mehr anschwollen, 
habe ich ihnen gesagt: Ihr bekommt Kohlen nur noch, wenn ihr 
mindestens den und den Preis nehmt." 

Von den Großhändlern des oberschlesischen Gebietes sagt Stadt- 
rat Dr. Rive: „Die Herren Großhändler, mit denen wir es hier zu 
tun haben, also die ersten Ranges (die Firmen Cesar Wollheim und 
Friedländer), haben selbstverständlich schon eine ganzeReihe Groß- 
händler zweiten Ranges im Gefolge, die - dies darf man offen be- 
haupten - ohne weiteres von ihnen abhängig sind; und die Groß- 
händler zweiten Ranges haben die Händler ersten, zweiten und 
letzten Ranges hinter sich. Einer hängt vom anderen ab, und die 
ersten Großhändler stehen mit der Konvention (gemeint die ober- 
schlesische Kohlenkonvention) wenn auch nicht vertragsmäßig, so 
doch freiwillig im Einklang." 

Es mag hier kurz darauf hingewiesen werden, daß sich die 
selbständige Stellung der beiden Kohlenfirmen in Oberschlesien 
daraus erklärt, daß diese den Handel mit den Zechen in ihren Hän- 
den lange schon vor Abschluß der Konvention innegehabt hatten. 
Die Zechen waren meist Privatbesitz, und die beiden Firmen waren 
zum Teil finanziell an ihnen beteiligt. Sie hatten nicht nur die 
Absatzorganisation in der Hand, sondern auch Anteile am Berg- 
werkseigentum, sei es direkt, sei es als Gläubiger. 

1 Ebenda, S. 230. 

2 „Kontradiktorische Verhandlungen", II. Heft, S. 455. 



Die Aktienform hat in Rheinland-Westfalen die Zechen vom 
Handel im vorhinein unabhängig gemacht. Vielleicht war auch der 
Handel im Westen deshalb weniger konzentriert, weil das un- 
bestrittene Absatzgebiet dort größer, die Konkurrenz daher weniger 
scharf war; wichtiger dürfte noch gewesen sein, daß die Zechen 
im Westen jünger sind als die alten Privatzechen Oberschlesiens. 
Daher behaupten in Oberschlesien zwar nicht der Handel, aber die 
beiden mächtigsten Handelsfirmen ihre Stellung. Sie werden eben 
zur Handelsorganisation des Kartells (nicht formell, da das eher 
in der Form geschieht, daß das Kartell sich nicht um den Handel 
kümmert, sondern den Absatz der Grube überläßt, aber doch in 
der Tat). Sie werden dies nicht als „Händler", sondern wegen ihrer 
Kapitalstärke, während der unbedeutendere, weil nicht so konzen- 
trierte Handel des Westens seine Stellung verliert und auch der 
Großhändler „mehr oder weniger Agent" wird, wie Oberbergrat 
Dr. Wachler sagt. 

Die Unterordnung des Handels unter das Syndikat erleichtert 
diesem auch die Unterbindung der ausländischen Konkurrenz, die 
in stärkerem Maße als die inländische Fabrikation auf die Vermitt- 
lung des Handels angewiesen ist. So sagt der Kaufmann Klöckner 
(Duisburg): „Die Handelsfirmen, die den Verkauf des Gießerei- 
eisens vermitteln, müssen allerdings bei dem Roheisensyndikat Be- 
dingungen unterschreiben, nach denen sie verpflichtet sind, kein 
ausländisches Eisen zu führen respektive nach Deutschland herein- 
zubringen." 

Mit dieser Übermacht der kartellierten Industrie kontrastiert 
umgekehrt die Abhängigkeit kleiner Fabrikanten in noch nicht 
kartellfähigen Industrien vom kapitalstarken Händler, eine Ab- 



1 Ebenda, S. 380. 

2 Hübsch ist die heuchlerische Phraseologie des braven Syndikatsagenten: 
„Wir haben das als Handelsfirmen auch für richtig gehalten; denn wir sind 
in der Hauptsache dazu da, das inländische Geschäft zu fördern und zu 
schützen." Die Ausplünderung des Inlandes, die Hinderung der Verarbeitung 
durch Fabrikation von künstlicher Kohlen-, Koks- und Eisennot, die Hoch- 
haltung der inländischen Preise durch Verschleuderung ins Ausland, das ist 
die nationale Gesinnung der Profitsucht. 



322 



323 



hängigkeit, die besonders drückend wird, wenn sie durch Kredit- 
gewährung gesteigert wird. 

„Viele kleine Fabrikanten sind auch geschäftlich vollständig in 
den Händen der Händler; wir haben leider sehr viele Fabrikanten 
in unserer Fertigwarenindustrie, die zu kapitalschwach sind und 
eigentlich nicht auf eigenen Füßen stehen, sondern gezwungen sind, 
um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, ihre Waren zu jedem Preis 
loszuschlagen. Dann wird die Ware von einem Händler abgenom- 
men oder gar Vorschuß darauf gegeben, und dieser hat den kleinen 
Fabrikanten dann für absehbare Zeit in der Hand; er kann 
ihm nachher seine ganze Geschäftsführung vorschreiben." 1 Herr 
Gerstein spricht von der Kleineisenindustrie und sieht in dem 
Widerstand der Händler einen wichtigen Grund, der die Kartellie- 
rung erschwert. 

Anderseits kann die Kartellierung der Fertigindustrien allein 
diesen für die Preisausnützung nicht viel nützen. „Wenn die Fabri- 
kanten der Fertigwarenindustrien sich zusammenschließen und 
wenn sie die Preise so stellen, daß ihnen ein bescheidener Nutzen 
bleibt, dann haben wir leider sehr oft die Erfahrung gemacht, daß 
ihnen die Großindustrie einen Knüppel zwischen die Beine wirft 
und die Artikel, die sie selbst benötigt, in ihren eigenen Werkstätten 
anfertigt, wobei sie dann selbstverständlich mit ganz anderen Selbst- 
kosten zu rechnen hat wie die Fabrikanten, die in bezug auf die 
Beschaffung ihrer Rohmaterialien auf die Preise der Kartelle der 
Großindustrie angewiesen sind. Diese Herstellung der benötigten 
Artikel im eigenen Betriebe geht ja, wie wir gehört haben, sehr 
weit. Herr Direktor Fuchs hat mir gestern noch gesagt, es treten 
große Werke: Bochum, der Dortmunder Verein, die Königs- und 
Laurahütte — Waggons gehören ja nicht zur Kleineisenindustrie, 
aber doch zu den Fertigfabrikaten — als Konkurrenten der reinen 
Waggonfabriken auf. Da habe ich geantwortet, daß nicht nur die 
letzteren darunter leiden, sondern auch die Betriebe der Kleineisen- 
industrie, die Fabrikanten von Waggonbeschlagteilen; denn die 

1 Aussage des Handelskammersekretärs Gerstein (Hagen); „Kontradik- 
torische Verhandlungen", 6. Sitzung, Halbzeugverband, S. 444. 






großen Stahlwerke machen nicht nur die fertigen Waggons, son- 
dern alles, was dazu gehört: Puffer, Kreuze, Kuppelungen, kurzum 
alle Teile selber. Die Königs- und Laurahütte macht für ihre 
Waggons alles, von den Rädern bis zu dem letzten Stück, vielleicht 
ausgenommen Federn, Schrauben und Nieten. Auch die Dortmunder 
Union verfertigt fast sämtliche Beschlagteile für ihre Waggon- 
fabrik und auch andere Kleineisenindustrieartikel, zum Beispiel 
Schrauben für Eisenbahnoberbau." 

Wenn aber der Handel durch seinen Einfluß auf die kleineren 
Kapitalisten die Kartellierung hemmt, sucht er auf der anderen 
Seite diesen Einfluß zu verstärken, indem er selbst Ringe schließt. 
Auch dafür führt Gerstein einige Beispiele an. Die großen Eisen- 
warenhandlungen Berlins zum Beispiel sind zu einer Vereinigung 
zusammengeschlossen, die auf die Preisbildung großen Einfluß hat. 
Die Danziger Handlungen haben eine Firma gemeinsam aufgekauft 
und sich dann zu einer Eisenhändlervereinigung, einer Gesellschaft 
mit beschränkter Haftung, zusammengeschlossen. Der Verband 
deutscher Eisenwarenhändler mit dem Sitz in Mainz hat Bestim- 
mungen über den Einkauf von Waren getroffen. Die Mitglieder des 
Verbandes lassen sich von ihren Lieferanten einen Revers unter- 
schreiben, „nach welchem diese sich verpflichten, nicht an Basare 
zu verkaufen". Die Mitglieder des Verbandes verpflichten sich, 
nicht zu kaufen von solchen Fabrikanten, die selbst an Konsumenten 
liefern, und das ist stellenweise schon so weit gegangen, daß man 
die großen Staatsbahnen unter die Konsumenten gerechnet hat und 
den Fabrikanten hat untersagen wollen, direkt an die Staatsbahnen 
verschiedene Artikel zu liefern. 



1 Aussage Gersteins, ebenda, S. 445. 

2 Ebenda, S. 447. 

Wie rigoros anderseits große Werke ihren Heineren Lieferanten gegen- 
über bisweilen verfahren, zeigt die Aussage Gersteins (ebenda, S. 556). „Ein 
großes Hüttenwerk mit Zechenbesitz hat gedruckte Bedingungen für den 
Bezug ihrer Werkzeugmaterialien, in denen eine Offerte verlangt wird, und 
da heißt es weiter: Menge: Unser Bedarf für das Kalenderjahr 1904 ohne 
Verpflichtung für uns zur Abnahme eines bestimmten Quantums. Lieferung 
auf unseren Abruf." 



324 



325 



Ein gutes Beispiel dafür, daß größere Kapitalmacht leicht zu 
Abhängigkeitsverhältnissen führt, etwa auch in der Form, daß der 
Großhändler den Hahdelsprofit auf Kosten des industriellen ver- 
größert und das auf ihn fallende, durch eigene Spekulation eventuell 
erst selbst geschaffene Risiko abwälzt, ist das folgende: „Dagegen 
steht die Spekulation in Druckpapier dem Streben des Syndikats 
nach stabilen Preisen und Anpassung des Angebots an die Nach- 
frage im Wege. Papier im allgemeinen und Druckpapier im beson- 
deren ist kein Spekulationsartikel, und nach den Vorgängen, die 
beobachtet wurden von fast allen Papierfabriken Deutschlands, sind 
allemal diejenigen Großhändler, welche im Falle weichender Ten- 
denz der Papierpreise in blanco und ohne Rücksicht auf die Her- 
stellungskosten des Papiers dasselbe verkaufen, gerade die, welche 
nachher beim Einkauf den um Bestellungen verlegenen Papier- 
fabrikanten in der unwürdigsten Art im Preise drücken. Es ging 
dies und geht dies heute noch so weit, daß derartige Händler mit 
unwahren Behauptungen den im Gebirge sitzenden, vom Papier- 
markt abgeschnittenen Papierfabrikanten zu einem weit unter dem 
Marktpreis liegenden Verkaufspreis nötigen. 

Umgekehrt sind aber dieselben Großhändler im Falle steigender 
Tendenz auf dem Papiermarkte immer wieder diejenigen, die unter 
Anwendung aller Künste und Überredungen den Papierfabrikanten 
zu einem großen Abschluß beziehungsweise Verkauf großer Quan- 
titäten Papier drängen, ohne daß sie selbst es bereits weiterverkauft 
hätten. In diesem Fall sind dann in erster Linie die Drucker die 
Geschädigten, die dem Händler seine geglückte Spekulation über 
Gebühr zu bezahlen haben; in zweiter Linie sind aber regelmäßig 
bei recht schnell vorübergehenden Hochkonjunkturen die Papier- 
fabrikanten auch die Geschädigten, weil ohne weiteres der be- 
treffende Händler nach eingetretener Abwärtsbewegung der Markt- 
preise wiederum auf den Preis drückt oder aber, wenn er das Papier 
selbst nicht abnehmen kann, den Papierfabrikanten ruhig auf der 
Ware sitzen läßt. Nur in den allerseltensten Fällen entschließt sich 
ein Papierfabrikant, eine Feststellungsklage oder überhaupt eine 
gerichtliche Klage dieserhalb gegen den Händler zu richten, immer 



326 



in der Erwägung, daß er die Kundschaft des Händlers sich nicht 
verscherzen will für späterhin." 1 

Die Herstellung des Syndikats ändert die Situation mit einem 
Schlage. Den zersplitterten Händlern tritt die vereinigte Industrie 
entgegen. Die Kapitalsmacht ist jetzt auf Seiten der Industriellen. 
Aber nicht nur dies. Es erscheint jetzt der Händler als das, was er 
ist, als entbehrliches Hilfsmittel gegenüber der unentbehrlichen 
Produktion; es erscheint gleichsam die Überlegenheit der Natur- 
notwendigkeit der Produktion über die kapitalistische Notwendig- 
keit der Distribution durch den Handel. Das Syndikat reduziert ihn 
auf seine „legitimen Grenzen". „Als legitimer Handel wird an- 
gesehen, wenn der Händler auf Grund sicherer Einkaufspreise unter 
Zuschlag eines auskömmlichen Nutzens das Papier weiterverkauft 
und dabei diejenigen Bedingungen einhält, die von den Papier- 
machern als zulässige und für den Papierverkauf handelsübliche 
hingestellt werden." So wird der Papierhändler zu dem auf feste 
Provision gesetzten Agenten des Syndikats. Seine Freiheit wird ihm 
genommen, und laut erschallen seine Klagen über unwürdige Be- 
handlung; sehnsüchtig erzählt er von den guten alten Zeiten des 
doux commerce. Unter den aufgelegten Bedingungen aber emp- 
findet er als härteste, daß er von nun an ausschließlich vom Syndikat 
beziehen muß und von niemand anderem. Die Ausnützung der Kon- 
kurrenz unter den Produzenten ist ihm versagt, und er selbst wird 
ein Werkzeug, das Syndikat zu befestigen, das Monopol, das ihn 
einschnürt, zu verewigen. Er muß alle Hoffnung fahrenlassen, 
denn über der Tür, die zur Verkaufsstelle des Syndikats führt, steht 
mit Lettern, die ihm so fürchterlich sind wie dem Sünder die Worte 
Dantes über der Höllenpforte: Kauft nur bei Syndikalisten, und 
verkauft nur zu vom Syndikat bestimmten Preisen. Es ist das Ende 
des kapitalistischen Kaufmanns. 2 



1 „Kontradiktorische Verhandlungen über den Verband deutscher Druck- 
papierfabriken", Heft IV, Aussage des Direktors Reuther, S. 110 ff. 

2 „Das Syndikat hat sich also die Aufgabe gestellt, diesen so gearteten 
Großhandel im Druckpapiergeschäft zu beseitigen. Nachdem es gelungen 
war, durch den Zusammenschluß des Syndikats eine große Anzahl von Agen- 



327 



Ein Mittel, die Spekulation beim Handel auszuschließen, ist auch 
der Abschluß langfristiger Verträge. So setzt das Kohlensyndikat 
seine Preise stets für ein ganzes Jahr unabänderlich fest und weicht 
von dieser „fundamentalen Regel" unter keinen Umständen ab. 

Tempora mutantur! In der Börsenenquete des Jahres 1893 ist die 
Spekulation die höchste Blüte und tiefste "Wurzel des Kapitalismus. 
Alles ist Spekulation: Fabrikation, Handel, Differenzgeschäfte; 
jeder Kapitalist ist Spekulant, ja der Proletarier, der überlegt, wo 
er seine Arbeitskraft am besten verkaufen soll - ein Spekulant. In 
der Kartellenquete ist die Heiligkeit der Spekulation vergessen. Sie 
ist das Böse schlechtweg, aus dem Krisen, Überproduktion, kurz, 
alle Schäden der kapitalistischen Gesellschaft folgen. Beseitigung 
der Spekulation ist die Parole. An die Stelle des Ideals der Speku- 
lation tritt die Spekulation auf das Ideal des „stabilen Preises", des 
Todes der Spekulation. Börse und Handel sind jetzt spekulativ, ver- 






teil, die sich neben anderen Papieren auch mit dem Vertrieb von Druckpapier 
beschäftigten, auszuschalten, war immer noch eine große Anzahl vonHändlern 
vorhanden, die sich mit Druckpapier beschäftigten, und so stellte sich das 
Syndikat es auch zur Aufgabe, nicht allein den "sich mit Spekulation befassen- 
den Firmen die Hergabe von Druckpapier zu weigern, sondern es auch zu 
verhüten, daß neue Händler auf dem Plan im Druckgeschäft erschienen. Das 
Syndikat weigerte daher schon in vielen Fällen jeden Verkauf von Druck- 
papier an Papierhandlungsfirmen, die erst während des Bestehens des Sj'ndi- 
kats ihren Handel auf Druckpapier ausdehnen wollen." (Ebenda, S. 111.) 

1 „Kontradiktorische Verhandlungen", 1, S. 94 ff. 

Das deutsche Kokssyndikat hat seine Abnehmer im Herbst 1899 gezwun- 
gen, für die zwei Jahre 1900 und 1901 ihren Bedarf zu decken. Nebenbei sei 
bemerkt, daß das Syndikat dabei seine Macht benutzte, um die Preise für 
1900, die bereits im Februar 1899 auf 14 Mk. festgesetzt waren, auf 17 Mk. 
für beide Jahre zu erhöhen. Unter der Drohung, daß sie sonst keinen Koks 
bekämen, ließen sich die Hütten zum Abschluß bewegen. 

Die Sache ist auch deshalb interessant, weil sie zeigt, wie wenig Syndikate 
auf die Krisen Einfluß nehmen können. Die Abschlüsse wurden 1899 ge- 
macht, also zirka 27 Monate früher. Mitte 1900 ließ die Konjunktur nach 
und 1901 war ein Krisenjahr, aber die Höchstpreise für Koks waren gesichert. 
Die Krise wurde dadurch in ihrer Wirkung für die weiterverarbeitende 
Industrie außerordentlich verschärft. („Kontradiktorische Verhandlungen", 
3. Sitzung, S. 638, 655, 664.) 



werflich, werden beseitigt zugunsten des industriellen Monopols. 
Der industrielle Profit aggregiert sich den Handelsprofit, wird selbst 
kapitalisiert zum Gründergewinn, zur Beute der als Finanzkapital 
zur höchsten Kapitalform gelangten Dreieinigkeit. Denn das indu- 
strieUe Kapital ist Gott Vater, das das Handels- und Bankkapital 
als Gott Sohn entlassen hat, das Geldkapital ist der Heilige Geist; 
sie sind drei, aber doch eins im Finanzkapital. 

Die Sicherheit des Kartellgewinnes im Gegensatz zur Unsicher- 
heit des Spekulationsgewinnes spiegelt sich wider in der Verschieden- 
heit der Psychologie ihrer Vertreter und in der Bestimmtheit ihres 
Auftretens. Der Kartellmagnat fühlt sich als Herr der Produktion, 
sein Wirken liegt klar am Tage. Seinen Erfolg verdankt er der 
Organisation der Produktion, der Ersparung von Unkosten. Er fühlt 
sich als Vertreter der gesellschaftlichen Notwendigkeit gegenüber 
der individuellen Anarchie und betrachtet seinen Profit als ge- 
bührenden Lohn für seine organisatorische Tätigkeit. Daß ihm die 
Früchte einer Organisation zufallen, die nicht sein Werk allein ist, 
erscheint seinem kapitalistischen Denken nur selbstverständlich. Er 
ist Vertreter einer neuen Zeit. „The day of the individual", herrscht 
Havemeyer die Verteidiger des Alten an, „has passed; if the mass 
of the people profit at the expense of the individual, the individual 
should and must go." 1 Es ist der Sozialismus, den er meint, und 
siegestrunken merkt er nicht, daß zu den Individuen, die gehen 
müssen, eines Tages auch er und seinesgleichen gehören könnten. 
Der Kartellmagnat kennt keine Skrupel, und wenn Havemeyer mit 
erfreulicher Offenheit erklärt, er kümmere sich nicht für zwei Cents 
um die Ethik der anderen 2 , so betont Herr Kirdorf nicht minder 
stolz das Recht des Herrn im eigenen Hause. Ihrer Ethik aber ist 
das schlimmste Verbrechen: der Bruch der Solidarität, die freie 

1 Industrial Commission, „Preliminary Report on Trusts and Industrial 
Combinations", S. 223. 

2 Industrial Commission, S. 63. „I do not care two cents for your ethics." 
Er fügt hinzu, daß es richtiges Geschäftsprinzip sei, billige Preise zu erstellen, 
um die Konkurrenz auszuschließen. Denn, wie er später meint, die Trusts 
sind nicht ein Geschäft für die Gesundheit der Konkurrenten. „Trusts are 
not in the business for their health." S. 223. 



328 



329 






Konkurrenz, das Sichausschließen von der Bruderschaft des Mono- 
polgewinnes. Gesellschaftliche Ächtung und wirtschaftliche Ver- 
nichtung sind ihm gebührende Strafe. Es wurden Listen verschickt, 
worin die nicht beitretenden Brenner durch fetten Druck hervor- 
gehoben wurden. 

Ganz anders das Auftreten des Spekulanten. Er erscheint be- 
scheiden, schuldbewußt. Sein Gewinn ist nur Verlust der anderen. 
Mag er auch notwendig sein, so ist seine Notwendigkeit doch nur 
ein Beweis für die Unvollkommenheit der kapitalistischen Gesell- 
schaft. Die Quelle seines Gewinnes bleibt unklar. Der Spekulant ist 
ja kein Produzent, der Werte schafft. Übersteigt sein Gewinn ein 
gewisses Maß, so kämpft die Bewunderung des Erfolges sofort mit 
dem Verdacht; er fühlt sich der Öffentlichkeit gegenüber nie sicher 
und fürchtet stets ein neues Börsengesetz. Er entschuldigt sich und 
bittet, nicht allzu streng mit ihm ins Gericht zu gehen : „Es ist das 
Erbteil aller menschlichen Einrichtungen : fehlerhaft und sündhaft 
sind sie immer." 

Und er ist glücklich, wenn er Gläubige findet, wie den Herrn 
Professor van der Borght, der ihn also tröstet: 

„Es liegt in der Natur des Menschen, daß die Spielsucht von Zeit 
zu Zeit besonders lebhaft wird", und seine Angreifer mit der Ver- 
sicherung zur Milde stimmt: „All diese ungünstigen Wirkungen 
sind in letzter Linie auf die unausrottbaren Schwächen und Leiden- 
schaften der menschlichen Natur zurückzuführen." 






1 Man höre die Strafandrohung der Deutschen Agrarkorrespondenz (Nr. 8 
vom Jahre 1899), die dem Bund der Landwirte nahesteht: 

„Der deutsche Brenner, der den Beitritt zur Gesellschaft versagt, ver- 
wirkt den Anspruch auf berufliche Achtung, man sollte diese Herren für 
immer stigmatisieren. Wäre solch ein fairer Herr, wenn man später seinen 
Geldbeutel recht derb angreift, nicht fühlbarer gestraft, als durch das sowieso 
ihm gebührende Pfui." 

2 „Kontradiktorische Verhandlungen", Aussage von Generalsekretär 
Köpke. 

* Deutsche Börsenenquete, I., S. 464. Worte des Generalkonsuls Rüssel 
von der Diskontogesellschaft. 

4 „Handwörterbuch der Staatswissenschaften", S. 181 ff. 



350 



Aber freilich, allzu hart darf man keinem Kapitalisten zusetzen. 
Eben noch hatte er gestanden: „Geld hat eine moralisch zersetzende 
Gewalt, und der moralische Charakter ändert sich sehr schnell mit 
der Vergrößerung des Einkommens" 1 , da läuft ihm die Galle über. 
Die ganze Zeit über hat er sich schon geärgert über das ganz kon- 
fessionswidrige Unverständnis, das Herr Professor Cohn seiner 
schönen Seele entgegenbringt. Er hat mit großer Geduld es hin- 
genommen, daß die eingehendsten Erörterungen des Herrn Profes- 
sors über die Funktion der Börse keine größere Klarheit brachten, 
und mit gelassener Gutmütigkeit hört er dafür die interessanten 
Eröffnungen an, die Professor Cohn über die Funktion der preußi- 
schen Universitäten zu machen hat. Aber zu arg darf man es doch 
nicht treiben. Er hat sicher nichts dagegen, wenn der Professor 
proklamiert: Zweck der Universität ist, zwischen Börse und Sozial- 
demokratie zu stehen, die ethische Berechtigung der Börse zu 
erweisen und sie zu verteidigen. Wenn aber der gelehrte Herr fort- 
fährt : „Wären die Universitäten nicht da, so würden diese Gegen- 
sätze aufeinanderplatzen", so macht ihn dieser Casus von Größen- 
und anderem Wahn doch lachen. An den Ernst des Professors mag 
er doch nicht glauben, und so geht die Zunge mit ihm durch: „Daß 
Börsen ethische Zwecke verfolgen, gebe ich zu (man merkt, er bleibt 
auch jetzt noch Spekulant), aber dazu sind sie nicht gegründet wor- 
den, sondern aus - Eigennutz. Soll der Kaufmann Börsen gründen, 
um Wohltätigkeitsanstalten daraus zu machen?" 2 Die ethische 
Nationalökonomie aber hat darauf keine Antwort, und Herr Pro- 
fessor Cohn gleicht in diesem Moment einem begossenen Pudel, aber 
einem, in dem kein Mephistopheles steckt. 



1 Deutsche Börsenenquete, II. Bd., S. 2151. Aussage von Van Gülpen. 
Und nicht nur dann: „Wenn sie ihm (dem Provinzialbankier) das Leben sauer 
machen, so muß er mehr, als er es bisher vielleicht getan hat, schwindelhafte 
Papiere vertreiben", versichert Herr v. Guaita. (Ebenda, S. 959.) 

2 Deutsche Börsenenquete, II., S. 2169. 



331 







XIV. Kapitel 



DIE KAPITALISTISCHEN MONOPOLE 

UND DIE BANKEN 

VERWANDLUNG DES KAPITALS IN FINANZKAPITAL 



Die Entwicklung der kapitalistischen Industrie entwickelt die 
Konzentration im Bankwesen. Das konzentrierte Banksystem ist 
selbst ein wichtiger Motor zur Erreichung der höchsten Stufe kapi- 
talistischer Konzentration in den Kartellen und Trusts. Wie wirken 
nun diese wieder zurück auf das Banksystem. Das Kartell oder der 
Trust ist ein Unternehmen von größter Kapitalkraft. In den gegen- 
seitigen Abhängigkeitsbeziehungen kapitalistischer Unternehmun- 
gen entscheidet vor allem die Kapitalstärke darüber, welches Unter- 
nehmen von dem anderen in Abhängigkeit gerät. Eine weit fort- 
geschrittene Kartellierung wirkt von vornherein dahin, daß auch 
die Banken sich zusammenschließen und sich vergrößern, um dem 
Kartell oder Trust gegenüber nicht in Abhängigkeit zu geraten. Die 
Kartellierung selbst befördert so den Zusammenschluß der Banken, 
wie umgekehrt der Zusammenschluß der Banken die Kartellierung. 
An dem Zusammenschluß der Stahlwerke zum Beispiel ist eine 
ganze Reihe von Banken interessiert, die zusammenwirken, um den 
Zusammenschluß herbeizuführen, selbst gegen den Willen einzelner 
Industrieller. Umgekehrt kann eine Interessengemeinschaft, die zu- 
nächst von den Industriellen herbeigeführt wird, zur Folge haben, 
daß auch zwei bisher konkurrierende Banken gemeinsame Inter- 
essen bekommen und zunächst auf einem bestimmten Gebiet ge- 
meinsam vorgehen. In ähnlicher Weise wirken industrielle Kombi- 
nationen auf die Erweiterung der industriellen Sphäre einer Bank 
hin, die bisher vielleicht bloß auf dem Gebiet der Rohmaterial - 
industrie sich betätigt hat und durch die Kombination gezwungen 



532 



wird, diese Tätigkeit auch auf die weiterverarbeitende Industrie zu 
erstrecken. 

Das Kartell selbst aber setzt eine Großbank voraus, die imstande 
ist, dem gewaltigen Zahlungs- und Produktionskredit einer ganzen 
Industriesphäre stets zu genügen. 

Aber das Kartell bewirkt auch eine weitere Intensivierung der 
Beziehungen zwischen Bank und Industrie. Indem die freie Kon- 
kurrenz in der Industrie aufgehoben wird, findet zunächst eine 
Steigerung der Profitrate statt. Diese gesteigerte Profitrate spielt 
eine wichtige Rolle. Wo der Ausschluß der Konkurrenz durch 
Fusion zustande kommt, wird ein neues Unternehmen gegründet. 
Dieses Unternehmen kann auf erhöhten Profit rechnen. Dieser 
erhöhte Profit kann kapitalisiert werden und Gründergewinn bilden. 
Dieser spielt beim Zustandekommen der Trusts in doppelter Hin- 
sicht eine wichtige Rolle. Erstens ist seine Erlangung ein sehr 
wichtiges Motiv für die Banken, die Monopolisierung zu fördern. 
Zweitens aber kann ein Teil des Gründergewinnes dazu verwendet 
werden, um widerstrebende, aber doch wichtige Elemente durch Be- 
zahlung eines höheren Kaufpreises zum Verkauf ihrer Fabriken, 
also zur Ermöglichung des Zustandekommens des Kartells zu be- 
wegen. Man kann das vielleicht so ausdrücken: Das Kartell übt eine 



1 Der amerikanische Zuckertrust wurde 1887 von Havemeyer durch Ver- 
schmelzung von 15 kleinen Gesellschaften, die ihr Kapital auf zusammen 
6'/a Millionen Dollar angahen, gegründet. Das Aktienkapital des Trusts wurde 
auf 50 Millionen Dollar festgesetzt. Der Trust erhöhte sofort die Preise für 
raffinierten und drückte die Preise für Rohzucker. Eine Untersuchung, die 
1888 eingeleitet wurde, ergab, daß der Trust an einer Tonne raffinierten 
Zuckers ungefähr 14 Dollar verdiente, was ihm die Auszahlung von 10 Prozent 
Dividende auf das volle Aktienkapital, also ungefähr 70 Prozent auf das bei 
Gründung der Gesellschaft wirklich einbezahlte, ermöglichte. Außerdem 
konnte sich der Trust noch gelegentlich die Zahlung von Extradividenden und 
die Rücklage enormer Reserven leisten. Heute hat der Trust 90 000 000 
Dollar Aktienkapital. Die Hälfte sind Vorzugsaktien, berechtigt zu 7 Prozent 
kumulativ, die andere Hälfte sind Stammaktien, die gegenwärtig ebenfalls 
7 Prozent bringen. („Berliner Tageblatt" vom 1. Juli 1909.) Zahllose Bei- 
spiele auch in den Reports der Industrial Commission onTrusts and Industrial 
Combinations. 



-L Hilferding, Das Finanzkapital 



355 



/ 



Nachfrage aus auf die Unternehmungen eines Industriezweiges-, 
diese Nachfrage steigert bis zu einem gewissen Grad ihren Preis 1 , 
dieser erhöhte Preis wird mit einem Teil des Gründergewinns be- 
zahlt. 

Die Kartellierung bedeutet auch eine größere Sicherheit und 
Gleichmäßigkeit des Ertrages der kartellierten Unternehmungen. 
Die Gefahren der Konkurrenz, die dem Einzelunternehmen früher 
so oft lebensgefährlich wurden, sind ausgeschaltet. Dadurch aber 
steigen einmal die Aktien dieser Unternehmungen im Kurse, was 
wieder bei Neuemissionen erhöhten Gründergewinn bedeutet. 
Weiter aber ist die Sicherheit für das in diesen Unternehmungen 
investierte Kapital eine bedeutend vermehrte. Dies erlaubt den 
Banken, den industriellen Kredit weiter auszudehnen und so in 
höherem Maße als bisher Anteil zu nehmen an dem industriellen 
Profit. So verengern sich durch die Kartellierung die Beziehungen 
zwischen Banken und Industrie noch weiter, während gleichzeitig 
die Verfügung über das in der Industrie angelegte Kapital immer 
mehr den Banken zufällt. 

Wir haben gesehen, wie im Beginn der kapitalistischen Produk- 
tion das Geld der Banken zwei Quellen entstammt. Einmal den 
Geldern der nichtproduktiven Klassen, das zweitemal dem Reserve - 
kapital der industriellen und kommerziellen Kapitalisten. Wir 
haben weiter gesehen, wie die Entwicklung des Kredits dahin geht, 
nicht nur das gesamte Reservekapital der Kapitalistenklasse, sondern 
auch den größten Teil des Geldes der nichtproduktiven Klassen der 
Industrie zur Verfügung zu stellen. Die heutige Industrie wird mit 
anderen Worten mit einem Kapital betrieben, das weitaus größer 
ist als das Gesamtkapital im Eigentum der industriellen Kapita- 
listen. Mit der kapitalistischen Entwicklung wächst auch beständig 
die Summe des Geldes, das von der nichtproduktiven Klasse den 
Banken und durch diese den Industriellen zur Verfügung gestellt 
wird. Die Verfügung über diese der Industrie unentbehrlichen 
Gelder gehört den Banken. Mit der Entwicklung des Kapitalismus 

1 Es handelt sich dabei um den „Preis des Kapitals", der gleich ist dem 
kapitalisierten Profit. 



und seiner Kreditorganisation wächst so die Abhängigkeit der Indu- 
strie von den Banken. Anderseits können die Banken die Gelder der 
nichtproduktiven Klassen nur heranziehen und den stets wachsenden 
Grundstock derselben zu dauernder Verfügung behalten, wenn sie 
diese Gelder verzinsen. Dies konnten sie, solange diese Gelder nicht 
zu umfangreich waren, durch ihre Verwendung zu Spekulations- 
kredit und Zirkulationskredit. Mit dem Wachstum dieser Gelder 
einerseits, mit der abnehmenden Bedeutung der Spekulation und 
des Handels anderseits mußten sie immer mehr in industrielles 
Kapital verwandelt werden. Ohne die ständige Ausdehnung des 
Produktionskredits wäre die Verwendbarkeit der Depositen, damit 
aber auch die Verzinsung der Bankdepositen längst viel tiefer ge- 
sunken. Dies ist in der Tat zum Teil in England der B'all, wo die 
Depositenbanken nur Zirkulationskredit vermitteln, der Depositen- 
zins daher minimal ist. Daher das beständige Abströmen der De- 
positen in industrielle Anlagesphären durch Aktienkauf. Hier 
macht das Publikum direkt, was bei der Verbindung von In- 
dustrie- und Depositenbank die Bank tut. Für das Publikum ist 
das Resultat dasselbe, da der Gründergewinn ihm auf keinen 
Fall zufällt. Für die Industrie bedeutet es aber eine geringere 
Abhängigkeit vom Bankkapital in England im Vergleich zu 
Deutschland. 

Die Abhängigkeit der Industrie von den Banken ist also die 
Folge der Eigentumsverhältnisse. Ein immer wachsender Teil des 
Kapitals der Industrie gehört nicht den Industriellen, die es an- 
wenden. Sie erhalten die Verfügung über das Kapital nur durch die 
Bank, die ihnen gegenüber den Eigentümer vertritt. Anderseits 
muß die Bank einen immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der 
Industrie fixieren. Sie wird damit in immer größerem Umfang 
industrieller Kapitalist. Ich nenne das Bankkapital, also Kapital in 
Geldform, das auf diese Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapi- 
tal verwandelt ist, das Finanzkapital. Den Eigentümern gegenüber 
behält es stets Geldform, ist von ihnen in Form von Geldkapital, 
zinstragendem Kapital, angelegt und kann von ilmen stets in Geld- 
form zurückgezogen werden. In Wirklichkeit aber ist der größte 



534 



24" 



535 



Teil des so bei den Banken angelegten Kapitals in industrielles, 
produktives Kapital (Produktionsmittel und Arbeitskraft) verwan- 
delt und im Produktionsprozeß fixiert. Ein immer größerer Teil 
des in der Industrie verwendeten Kapitals ist Finanzkapital, Kapital 
in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Indu- 
striellen. 

Das Finanzkapital entwickelt sich mit der Entwicklung der 
Aktiengesellschaft und erreicht seinen Höhepunkt mit der Mono- 
polisierung der Industrie. Der industrielle Ertrag gewinnt einen 
sicheren und stetigeren Charakter, damit gewinnt die Anlagemög- 
lichkeit von Bankkapital in der Industrie immer weitere Aus- 
dehnung. Aber die Verfügung über das Bankkapital hat die Bank, 
und die Herrschaft über die Bank haben die Besitzer der Majorität 
der Bankaktien. Es ist klar, daß mit zunehmender Konzentration des 
Eigentums die Besitzer des fiktiven Kapitals, das die Macht über 
die Banken, und desjenigen, das die Macht über die Industrie gibt, 
immer mehr identisch werden. Dies um so mehr, als wir gesehen 
haben, wie die Großbank immer mehr auch die Verfügungsgewalt 
über das fiktive Kapital gewinnt. 

Haben wir gesehen, wie die Industrie immer mehr in Abhängig- 
keit gerät vom Bankkapital, so bedeutet das durchaus nicht, daß 
auch die Industriemagnaten abhängig werden von Bankmagnaten. 
Wie vielmehr das Kapital selbst auf seiner höchsten Stufe zum 
Finanzkapital wird, so vereinigt der Kapitalmagnat, der Finanz- 
kapitalist, immer mehr die Verfügung über das gesamte nationale 
Kapital in der Form der Beherrschung des Bankkapitals. Auch hier 
spielt die Personalunion eine wichtige Bolle. 

Mit der Kartellierung und Trustierung erreicht das Finanz- 
kapital seine höchste Machtstufe, während das Handelskapital seine 
tiefste Erniedrigung erlebt. Ein Kreislauf des Kapitalismus hat sich 
vollendet. Bei Beginn der kapitalistischen Entwicklung spielt das 
Geldkapital als Wucherkapital und als Handelskapital eine be- 
deutende Bolle sowohl für die Akkumulation des Kapitals als auch 
bei der Verwandlung der handwerksmäßigen Produktion in kapita- 
listische. Dann aber beginnt der Widerstand der „produktiven", das 



536 



heißt der Profit ziehenden Kapitalisten, also der Kommerziellen und 
Industriellen gegen die Zinskapitalisten. 

Das Wucherkapital wird dem Industriekapital untergeordnet. 
Als Geldhandlungskapital vollzieht es die Geldfunktionen, die sonst 
die Industriellen und Kommerziellen bei der Metamorphose ihrer 
Waren selbst hätten vollziehen müssen. Als Bankkapital vermittelt 
es die Kreditoperationen unter den Produktiven. Die Mobilisierung 
des Kapitals und die stets stärkere Ausdehnung des Kredits ändert 
allmählich die Stellung der Geldkapitalisten vollständig. Die Macht 
der Banken wächst, sie werden die Gründer und schließlich die Be- 
herrscher der Industrie, deren Profite sie als Finanzkapital an sich 
reißen, ganz wie einst der alte Wucherer in seinem „Zins" den 
Arbeitsertrag des Bauern und die Bente des Grundherrn. Der Hege- 
lianer könnte von Negation der Negation sprechen : Das Bankkapital 
war die Negation des Wucherkapitals und wird selbst vom Finanz- 
kapital negiert. Dieses ist die Synthese des Wucher- und Bank- 
kapitals und eignet sich auf einer unendlich höheren Stufe der 
ökonomischen Entwicklung die Früchte der gesellschaftlichen 
Produktion an. 

Ganz anders aber die Entwicklung des Handelskapitals. Die Ent- 
wicklung der Industrie drängt es von der herrschenden Stellung über 
die Produktion, die es in der Manufakturperiode innehatte, all- 
mählich zurück. Aber dieser Bückgang bleibt definitiv, und die 
Entwicklung des Finanzkapitals reduziert den Handel absolut und 
relativ und verwandelt den einst so stolzen Kaufmann in einen 
Agenten der vom Finanzkapital monopolisierten Industrie. 



1 In der Tat war der „Wucher ein Hauptmittel für die Akkumulation des 
Kapitals, das heißt seine Anteilnahme an den Revenuen des Grundbesitzes. 
Aber das industrielle und kommerzielle Kapital gehen mehr oder minder 
Hand in Hand mit den Grundbesitzern gegen diese altmodische Form des 
Kapitals". Marx, „Theorien über den Mehrwert", I. Bd., S. 19. 



557 



XV. Kapitel 



DIE PREISBESTIMMUNG 

DER KAPITALISTISCHEN MONOPOLE 

GESCHICHTLICHE TENDENZ DES FINANZKAPITALS 



Die partiellen Vereinigungen bedeuten eine weitere Stufe der 
Konzentration; sie unterscheiden sich von der früheren Form der 
Konzentration durch Vernichtung des schwächeren Unternehmens 
dadurch, daß hier nicht gleichzeitig mit der Betriebsvereinigung 
und Unternehmungsvereinigung auch eine Eigentumsvereinigung 
stattfinden muß; sie bedeuten aber keine prinzipielle Änderung in 
den Konkurrenzverhältnissen. Insofern sie niedrigere Kosten haben 
als die anderen Unternehmungen oder sie selbst vor ihrer Ver- 
einigung, sind sie im Konkurrenzkampf stärker; sind die Ver- 
einigungen genug zahlreich und ausgedehnt, so daß sie den größten 
Teil der Produktion herstellen, so werden ihre Produktionskosten 
ausschlaggebend für die Preise werden. Diese Vereinigungen haben 
so die Tendenz, preissenkend zu wirken. Dies hindert nicht, 
sondern dies ist sogar vorausgesetzt, daß die Vorteile der Ver- 
einigung den vereinigten Unternehmungen Extraprofit abwerfen 
können. 

Anders die monopolistischen Vereinigungen, die Kartelle und 
Trusts. Ihr Zweck ist die Erhöhung der Profitrate, und sie können 
das erreichen zunächst durch Erhöhung der Preise, wenn sie im- 
stande sind, die Konkurrenz auszuschalten. Hier entsteht nun die 
Frage nach dem Kartellpreis. Man wirft gewöhnlich diese Frage 
zusammen mit der nach dem Monopolpreis schlechthin und streitet 
darüber, ob die monopolistische Vereinigung wirklich ein Monopol 
sei oder wodurch dieses beschränkt, ob daher die Preise dieser Ver- 
einigungen wirklich gleich oder niedriger sein müssen als Monopol- 



338 



preise. Diese selbst aber seien bestimmt durch das gegenseitige 
Abhängigkeitsverhältnis der Produktionskosten und der Stufen- 
leiter der Produktion einerseits, des Preises und der Größe des Ab- 
satzes anderseits. Der Monopolpreis sei gleich jenem Preis, der 
einen so großen Absatz zulasse, daß die Stufenleiter der Produktion 
die Produktionskosten nicht so sehr verteuere, daß dadurch der 
Profit auf die Einheit zu sehr abnähme. Ein höherer Preis senke 
den Absatz und damit die Stufenleiter der Produktion, erhöhe daher 
die Kosten und senke den Profit per Einheit; ein niederer senke den 
Profit so stark, daß auch die Masse des Absatzes kein Äquivalent für 
den erniedrigten Preis mehr biete. 

Das Unbestimmte und Unmeßbare unter der Herrschaft von 
Monopolpreisen ist die Nachfrage. Wie diese auf die Erhöhung 
des Preises reagiere, kann nicht angegeben werden. Der Monopol- 
preis läßt sich zwar empirisch festsetzen, seine Höhe aber nicht 
objektiv theoretisch erkennen, sondern nur psychologisch, subjektiv 
begreifen. Die klassische Ökonomie, wozu wir auch Marx rechnen, 
hat daher den Monopolpreis, den Preis der Güter, die nicht beliebig 
vermehrbar sind, aus ihren Deduktionen ausgeschaltet. Umgekehrt 
ist es die Lieblingsbeschäftigung der psychologischen Schule, 
Monopolpreise zu „erklären", wobei sie am liebsten, von einem 
beschränkten Gütervorrat ausgehend, alle Preise als Monopolpreise 
erklären möchte. 

Die klassische Ökonomie faßt den Preis als Erscheinungsform 
der anarchischen gesellschaftlichen Produktion, seine Höhe als ab- 
hängig von der gesellschaftlichen Produktionskraft der Arbeit. Das 
objektive Preisgesetz setzt sich aber nur durch die Konkurrenz durch. 
Wenn die monopolistischen Vereinigungen die Konkurrenz auf- 
heben, so heben sie damit das einzige Mittel auf, wodurch sich ein 
objektives Preisgesetz verwirklichen kann. Der Preis hört auf, 
eine objektiv bestimmte Größe zu sein, er wird ein Rechenexempel 
derjenigen, die ihn mit Willen und Bewußtsein bestimmen, wird 
an Stelle eines Resultats Voraussetzung, an Stelle eines Objektiven 
ein Subjektives, an Stelle eines vom Willen und dem Bewußtsein 
der Beteiligten Unabhängigen und Notwendigen ein Willkürliches 



339 



und Zufälliges. Die Verwirklichung der Marxschen Konzentrations- 
lehre, die monopolistische Vereinigung, scheint damit zur Auf- 
hebung der Marxschen Werttheorie zu werden. 

Sehen wir näher zu ! Die Kartellierung ist ein historischer Prozeß, 
und sie ergreift die kapitalistischen Produktionszweige in einer zeit- 
lichen Reihenfolge je nach den Bedingungen, die für die Kartellie- 
rung gegeben sind. Wir haben gesehen, wie die Entwicklung des 
Kapitalismus dahin geht, diese Bedingungen immer mehr für alle 
Produktionszweige zu verwirklichen. Unter sonst gleichen Um- 
ständen - also bei gleichem Entwicklungsgrade des Einflusses der 
Banken auf die Industrie, in gleicher Phase des industriellen Zyklus, 
bei gleicher organischer Zusammensetzung des Kapitals - wird ein 
Industriezweig desto geeigneter für die Kartellierung sein, je größer 
der Kapitalumfang der Einzelunternehmung und je geringer die 
Zahl der Unternehmungen in diesem Produktionszweig ist. 

Gesetzt, diese Bedingungen seien zuerst in der Gewinnung der 
Eisenerze erreicht. Der Eisenerzbergbau sei kartelliert und erhöhe 
die Preise. Die nächste Folge ist die Erhöhung der Profitrate für 
die Bergbauunternehmer. Aber die erhöhten Verkaufspreise des 
Eisenerzes bedeuten für die Roheisenproduzenten Erhöhung ihrer 
Kostpreise. Die Verkaufspreise des Roheisens werden aber dadurch 
zimächst nicht berührt. Auf dem Roheisenmarkt hat sich durch 
die Kartellierung der Erzgruben nichts geändert. Das Verhältnis 
von Angebot und Nachfrage und damit die Preise bleiben die 
gleichen. Die Erhöhung der Profitrate des Kartells hat also zur 
Folge die Senkung der Profitrate der Roheisenproduzenten. Was 
bedeutet das aber? 

Theoretisch können folgende Folgen eintreten : Das Kapital fließt 
aus der Sphäre niedrigerer Profitrate zu der höherer Profitrate. 
Bisher in der Roheisenproduktion verwendetes Kapital wird jetzt 
zum Betrieb von Erzbergwerken gebraucht. Für den Erzbergbau 
würde so Konkurrenz entstehen, die um so fühlbarer wäre, da die 
Eisenproduktion eingeschränkt worden wäre. Die Erzpreise würden 
sinken, die Roheisenpreise steigen und nach einigen Schwankungen 
der frühere Zustand wiederhergestellt sein, nachdem wahrscheinlich 



340 



inzwischen das Kartell gesprengt worden wäre. Wir wissen aber 
bereits, daß die Aus- und Einwanderung von Kapital gerade in 
solchen Produktionszweigen kaum übersteigbare Schranken finden 
würde. Dieser Weg zur Ausgleichung der Profitrate ist also nicht 
gangbar. 

Die Kartellpreise sind nur für diejenigen Roheisenproduzenten 
von Bedeutung, die das Erz auf dem Markte kaufen müssen. Um 
den Wirkungen des Kartells zu entgehen, genügt es, daß die Boh- 
eisenwerke selbst sich Erzgruben angliedern. Damit sind sie vom 
Kartell unabhängig geworden, und ihre Profitrate wird die normale 
Höhe einnehmen. Diejenigen Unternehmungen, die so zuerst zu 
kombinierten Unternehmungen werden, werden zudem Extraprofit 
machen gegenüber den anderen, die die teuren Rohmaterialien und 
den Handelsprofit der Erzhändler zahlen müssen. Aber dasselbe gilt 
auch von den Erzgruben, die zur Roheisenproduktion übergehen, 
auch sie werden als kombinierte den reinen Werken in der Kon- 
kurrenz überlegen sein. So erweist sich zunächst das Kartell als 
stärkster Antrieb zur Kombination und damit zu einer weiteren 
Konzentration. Diese wird sich besonders stark geltend machen in 
den Industriezweigen, die die Abnehmer und Weiterverarbeiter der 
Kartellprodukte sind. 

Wir haben im früheren gesehen, wie die Tendenz zur Kombi- 
nation durch gewisse Konjunkturerscheinungen hervorgerufen oder 
verstärkt wird. Durch die Kartellierung wird diese Tendenz ge- 
steigert und zugleich modifiziert. Eine monopolistische Vereinigung 
mag während einer Krise ihre Preise hochhalten, während das ihren 
nichtkartellierten Abnehmern unmöglich sei. Dann tritt für diese 
zu den Wirkungen der Krise noch die Unmöglichkeit, ihre Produk- 
tionskosten zu vermindern durch billigeren Einkauf des Roh- 
materials. In solchen Zeiten wird einerseits bei den Nichtkartellier- 
ten der Drang, sich aus eigenen Gruben billiges Rohmaterial zu 
schaffen, besonders stark sein. Gelingt dies aber nicht, so werden 
eine ganze Reihe von sonst lebensfähigen, technisch gut ausgestal- 
teten Betrieben nicht weiterexistieren können. Sie müssen Bankrott 
machen oder sich zu billigem Preis von einer Erzgrube ankaufen 



341 



lassen, für die die Erwerbung des Werkes zu dem niedrigen Preis 
die Sicherheit künftiger Rentabilität bedeutet. 

Noch ein anderer Weg steht den Roheisenindustriellen offen. Der 
vereinigten Macht der Erzgrubenbesitzer standen die Roheisen- 
produzenten vereinzelt gegenüber. Sie waren daher machtlos gegen- 
über der Verteuerung des Rohmaterials. Aber ebenso machtlos 
waren sie, als es galt, die Preiserhöhung ihres Rohmaterials in 
dem Preis des Eisens zum Ausdruck zu bringen. Das ändert sich, 
sobald sie sich selbst zum Kartell vereinigen. Dann sind sie im- 
stande, dem Erzgrubenkartell geschlossen gegenüberzutreten und 
ihre Macht als Abnehmer geltend zu machen. Anderseits aber 
können sie beim Verkauf ihrer Produkte jetzt selbst preisbestim- 
mend auftreten und die Profitrate über die Norm erhöhen. In 
der Tat werden beide Wege eingeschlagen, sowohl die Kombina- 
tion als die Kartellierung, und das Resultat des Prozesses wird die 
kombinierte monopolistische Vereinigung von Erz- und Eisen- 
produzenten sein. 

Es ist klar, daß dieser Prozeß sich dann weiter fortpflanzen muß 
auf die weiteren Abnehmer des Roheisens und eine kapitalistische 
Produktionssphäre nach der anderen ergreifen wird. So entfalten 
die Kartelle ihre propagandistische Kraft. Die Kartellierung be- 
deutet zunächst eine Änderung der Profitrate. Diese Änderung ist 
erfolgt auf Kosten der Profitrate der anderen kapitalistischen Indu- 
strien. Die Ausgleichung dieser Profitraten auf ein gleiches Niveau 
kann nicht erfolgen durch die Wanderung des Kapitals. Denn die 
Kartellierung bedeutet ja, daß die Konkurrenz des Kapitals um 
seine Anlagesphären gehemmt ist. Die Behinderung der Freizügig- 
keit des Kapitals durch ökonomische Ursachen und durch Eigen- 
tumsverhältnisse (Monopol an Rohstoffen) ist ja die Voraussetzung 
der Aufhebung der Konkurrenz auf dem Markte zwischen den Ver- 
käufern. Die Ausgleichung kann nur erfolgen durch Anteilnahme 
an der erhöhten Profitrate durch Selbstkartellierung oder durch 
Ausschaltung derselben durch Kombination. Beides bedeutet er- 
höhte Konzentration und daher Erleichterung der Weiter- 
kartellierung. 



542 



Ist aber die Weiterkartellierung aus irgendwelchen Gründen 
ausgeschlossen: wie wirkt dann der Kartellpreis, und können wir 
dann über seine Höhe etwas aussagen? 

Wir haben gesehen, wie die durch Erhöhung des Kartellpreises 
bewirkte Erhöhung der Profitrate durch nichts anderes bewirkt 
werden kann als durch die Erniedrigung der Profitrate in anderen 
Industriezweigen. Der Kartellprofit ist zunächst nichts anderes als 
Anteilnahme, Aneignung des Profits anderer Industriezweige. Nun 
besteht, wie wir bereits wissen, in Industriezweigen mit geringem 
Kapital und starker Zersplitterung der Betriebe die Tendenz einer 
Senkung der Profitrate unter ihren gesellschaftlichen Durchschnitt. 
Die Kartellierung bedeutet eine Verstärkung dieser Tendenz, eine 
weitere Herabdrückung der Profitrate in diesen Zweigen. Wie weit 
diese Herabdrückung gehen kann, hängt ab von der Natur dieser 
Produktionssphäre. Eine zu starke Herabdrückung wird beant- 
wortet werden mit Auswanderung von Kapital aus diesen Sphären. 
Diese Auswanderung ist wegen der technischen Natur des Kapitals 
in diesen Sphären nicht allzu schwer. 

Aber um so schwieriger wird die Frage, wohin dieses Kapital sich 
wenden soll, da auch die anderen Sphären kleiner Kapitalanlage in 
gleicher Weise von den kartellierten Industrien ausgebeutet wer- 
den. Und so wird schließlich in diesen Industrien der Profit der 
scheinbar noch selbständigen Kapitalisten zu reinem Aufsichtslohn, 
diese Kapitalisten selbst zu Angestellten des Kartells, zu Zwischen- 
kapitalisten oder Zwischenunternehmern, analog den Zwischen - 
meistern des Handwerks. 

Der Kartellpreis ist so in der Tat abhängig von der Nachfrage. 
Aber diese selbst ist kapitalistische Nachfrage. Der Kartellpreis muß 
also theoretisch schließlich gleich dem Produktionspreis sein plus 
der Durchschnittsprofitrate. Aber diese selbst hat sich geändert. Sie 
ist verschieden für die große kartellierte Industrie und für die 
kleinen von ihr in Abhängigkeit geratenen Sphären der Klein- 

1 Zugleich ändert sich der Charakter des Kartellprofits. Er hesteht aus 
unbezahlter Arbeit, aus Mehrwert, aber zum Teil aus Mehrwert, den die 
Arbeiter fremder Kapitalisten produziert haben. 



345 






Industrie, deren Kapitalisten sie eines Teiles des Mehrwerts beraubt, 
um sie auf ein bloßes Gehalt zu beschränken. 

Aber diese Preisbestimmung selbst ist — wie das isolierte oder 
partielle Kartell selbst — nur provisorisch. 

Die Kartellierung bedeutet eine Änderung in der Durchschnitts- 
profitrate. Die Profitrate steigt in den kartellierten Industrien und 
sinkt in den nichtkartellierten. Diese Verschiedenheit führt zur 
Kombination und Weiterkartellierung. Für die außerhalb der Kar- 
tellierung befindlichen Industrien sinkt die Profitrate. Der Kartell- 
preis wird um den Betrag über den Produktionspreis der kartellier- 
ten Industrien steigen, um den er in den nichtkartellierten unter 
ihren Produktionspreis gefallen ist. Sofern in den nichtkartellierten 
Industrien Aktiengesellschaften vorhanden sind, kann der Preis 
nicht sinken unter k+z, Kostpreis plus Zins, da sonst keine Anlage 
von Kapital möglich wäre. Die Erhöhung des Kartellpreises findet 
also ihre Grenze an der Möglichkeit der Senkung der Profitrate in 
nicht kartellfähigen Industrien. Innerhalb dieser findet eine Aus- 
gleichung der Profitrate zu einem niedrigeren Niveau statt durch 
die hier bestehende Konkurrenz des Kapitals um die verschiedenen 
Anlagesphären. 

Die Erhöhung des Kartellpreises läßt den Preis der nichtkartel- 
lierten Produkte nicht unverändert. Diese Änderung rührt her von 
der Ausgleichung der Profitrate innerhalb der nichtkartellierten 
Industrien. Würde die nichtkartellierte Industrie eine Einheit bil- 
den, so bliebe der Preis der nichtkartellierten Produkte unverändert. 
Derselbe Preis würde nur eine geringere Profitrate als früher be- 
deuten, da der Preis der Rohmaterialien, also der Kostpreis, 
gestiegen ist. War der Preis früher 100, die Profitrate 20 Prozent, 
so sinkt sie jetzt auf 10 Prozent, weil durch die Kartellierung der 
Kostpreis, der früher 80 war, jetzt auf 90 gestiegen ist. Da aber in 
den einzelnen nichtkartellierten Industrien je nach ihrer organi- 
schen Zusammensetzung in verschiedener Weise durch die Kar- 
tellierung der Kostpreis steigt, so muß eine Ausgleichung statt- 
finden. Diejenigen Industrien, die größere Mengen von durch das 
Kartell verteuertem Rohmaterial verbrauchen, müssen die Preise 



ihrer Produkte erhöhen, diejenigen, die weniger verbrauchen, wer- 
den eine Verminderung ihrer Preise erfahren. Mit anderen Worten: 
Industrien mit überdurchschnittlicher organischer Zusammen- 
setzung ihres Kapitals werden eine Erhöhung, Industrien mit unter- 
durchschnittlicher Zusammensetzung des Kapitals eine Senkung des 
Produktionspreises erfahren, während dieser in Industrien mit 
durchschnittlicher Zusammensetzung unverändert bleibt. Gewöhn- 
lich hat man nur die Preiserhöhung im Auge und bildet sich dann 
sofort ein, jede Erhöhung der Produktionskosten sei ohne weiteres 
auf die Konsumenten abwälzbar. Aber die Erhöhung der Produk- 
tionskosten führt unter bestimmten Umständen sogar eine Senkung 
des Preises herbei. 

Aber die Preisgestaltung weist noch einige andere Eigentümlich- 
keiten auf. Gesetzt, das Kapital der kartellierten Industrien 
betrage 50 Milliarden. Bei einer Profitrate von 20 Prozent beträgt 
der Produktionspreis 60 Milliarden. Davon würden die nicht- 
kartellierten Industrien 50 Milliarden kaufen. Ihr Produktions- 
preis betrüge dann bei gleicher Profitrate ebenfalls 60 Milliarden. 
Der Wert des Gesamtprodukts also 120 Milliarden. Aber die kar- 
tellierten Industrien haben ihre Profitrate erhöht und die der nicht- 
kartellierten Industrien dadurch gesenkt. Die Profitrate der nicht- 
kartellierten betrage so nur 10 Prozent. Ihr Profit ist reduziert, 
weil sie für Rohmaterial nicht 50, sondern rund 55 Milliarden 
zahlen müssen. (Ich vernachlässige hier das variable Kapital, das in 
diesem Beispiel nichts zur Sache tut.) Wenn aber das Kartell für 
50 Milliarden 55 bekommt, so muß es für 60 Milliarden 66 er- 
halten. Die Preise müssen ja nicht nur für die kapitalistischen Kon- 
sumenten, sondern für alle Konsumenten gleich sein. Nach unserer 
Voraussetzung müssen also die letzten 10 Milliarden, die direkt an 
die Konsumenten gehen, nicht um 10, sondern um 11 Milliarden 
verkauft werden. Die Konsumenten kaufen also die Masse der nicht- 
kartellierten Produkte zu den alten Preisen, die kartellierten Pro- 



1 Hier ist nicht die durchschnittliche organische Zusammensetzung des 
gesellschaftlichen Gesamtkapitals gemeint, sondern nur die der nichtkar- 
tellierten Industrien. 



344 



345 



dukte zu erhöhten Preisen. Ein Teil des Kartellprofits stammt also 
von den Konsumenten, womit hier alle nichtkapitalistischen Kreise, 
die abgeleitetes Einkommen beziehen, gemeint sind. Die Konsu- 
menten werden aber vielleicht ihre Konsumtion bei den erhöhten 
Preisen einschränken. Und hier kommen wir zur zweiten Schranke 
des Kartellpreises. Die Preiserhöhung muß erstens den nichtkartel- 
lierten Industrien eine Profitrate lassen, die die Fortführung der 
Produktion ermöglicht. Sie darf aber zweitens auch die Konsumtion 
nicht zu stark verringern. Die zweite Schranke selbst hängt wieder 
ab von der Größe des Einkommens, über die die nicht direkt produk- 
tiven Klassen verfügen. Da aber für die kartellierten Industrien in 
ihrer Gesamtheit die produktive Konsumtion eine weit größere 
Rolle spielt als die unproduktive, so ist die erste Schranke im all- 
gemeinen die eigentlich bestimmende. 

Die Verringerung des Profits in den nichtmonopolisierten Indu- 
strien bedeutet aber eine Verlangsamung ihrer Entwicklung. Die 
Senkung der Profitrate bedeutet, daß neues Kapital diesen Sphären 
nur langsam zuströmen wird. Zugleich aber wird, da die Profitrate 
gesunken ist,ein um so erbitterterer Kampf um denAbsatz stattfinden, 
der hier um so gefährlicher wirkt, da schon eine relativ kleine Preis- 
senkung den niedrigen Profit aufhebt. Gleichzeitig tritt noch eine 
andere Wirkung ein: Wo es der Übermacht der kartellierten Indu- 
strien gelingt, den Profit auf einen bloßen Aufsichtslohn zu redu- 
zieren, da ist kein Raum mehr für die Bildung von Aktiengesell- 
schaften, da sowohl Gründergewinn als Dividenden erst aus dem 
Ertrag über den Aufsichtslohn hinaus gezahlt werden können. 
So wirkt die Kartellierung hindernd auf die Entwicklung der 
nichtkartellierten Industrien. Gleichzeitig verschärft sie in 
ihnen die Konkurrenz und damit die Konzentrationstendenz, 
bis diese Industrien schließlich selbst kartellfähig werden oder 
fähig, von einer bereits kartellierten Industrie angegliedert zu 
werden. 

Die freie Konkurrenz erzwingt die ständige Erweiterung der 
Produktion infolge Einführung verbesserter Technik. Für die Kar- 
telle bedeutet die Einführung besserer Technik gleichfalls Erhöhung 



546 



des Profits. Sie müssen sie zudem einführen, weil sonst die Gefahr 
besteht, daß der neuen Technik sich ein Outsider bemächtigte und 
sie im neu entstehenden Konkurrenzkampf gegen das Kartell an- 
wenden würde. Ob dies möglich, hängt von dem Charakter des 
Monopols ab, das das Kartell sich geschaffen hat. Ein Kartell, das 
auch die Naturbedingungen seiner Produktion monopolisiert hat - 
wie zum Beispiel die Bergwerkssyndikate — oder dessen Produktion 
höchste organische Zusammensetzung aufweist, so daß ein neues 
Unternehmen außerordentlicher Kapitalskraft bedürfte, die nur die 
Banken zur Verfügung stellen könnten, die aber gegen das Kartell 
nichts unternehmen wollen — ein solches Kartell ist gegen neue 
Konkurrenz in hohem Maße geschützt. Da bedeutet die Verbesse- 
rung der Technik einen Extraprofit, der nicht durch die Konkurrenz 
schließlich zum Verschwinden gebracht würde, so daß die Preise 
der Ware sinken müßten. Die Einführung der verbesserten Technik 
kommt dann den Konsumenten nicht zugute, sondern nur diesen 
straff organisierten Kartellen und Trusts. Die verbesserte Technik 
könnte aber größeres Ausmaß der Produktion bedingen und deren 
Absatz wieder eine Senkung des Preises erfordern, ohne die Aus- 
dehnung der Konsumtion nicht erfolgen würde. Dies kann der Fall 
sein, muß es jedoch nicht; es wäre auch möglich, daß zum Beispiel 
der Stahltrust diese verbesserte Technik in einigen Betrieben an- 
wendete, deren Produktion dann ausreichte, um den ganzen Bedarf 
zu den bisherigen Preisen zu decken, während er dafür andere Be- 
triebe stillegte. Die Preise blieben dieselben, die Produktionskosten 
wären gefallen und der Profit gestiegen. Eine Produktionsaus- 
dehnung hätte nicht stattgefunden, die verbesserte Technik hätte 
Arbeiter freigesetzt, die keine Aussicht auf Beschäftigung fänden. 
Ein ähnliches Resultat könnte auch bei der Kartellorganisation ein- 
treten. Die größten Werke führen die Verbesserung ein und dehnen 
damit ihre Produktion aus; damit sie das innerhalb des Kartells tun 
können, kaufen sie kleineren Werken ihre Beteiligung ab und legen 
sie still. Die verbesserte Technik ist angewendet worden und hat 
auch Konzentration bewirkt, dagegen keine Ausdehnung der 
Produktion. 



34/ 



Die Kartellierung bedeutet außergewöhnliche Extraprofile 1 , und 
wir haben gesehen, wie diese Extraprofite kapitalisiert und als 
konzentrierte Kapitalmassen den Banken zufließen. Gleichzeitig 
aber bedeuten die Kartelle eine Verlangsamung der Kapitalsanlage. 
In den kartellierten Industrien, weil die erste Maßregel des Kartells 
die Einschränkung der Produktion ist, in den nichtkartellierten, weil 
die Senkung der Profitrate zunächst von weiteren Kapitalanlagen 

1 Eine interessante Form nimmt der Kartellextraprofit in folgendem Fall 
an. Die Lieferung von Schuhmaschinen für die deutsche Industrie lag bis in 
die neunziger Jahre fast ausschließlich in den Händen Amerikas. Die nach 
Deutschland liefernden amerikanischen Schuhmaschinenfabriken haben sich 
zu der „Deutschen Vereinigten Schuhmaschinengesellschaft (D. V. S. G.)" 
zusammengeschlossen. Die Maschinen werden nicht käuflich abgegeben, son- 
dern gegen eine bestimmte Pacht vermietet. Wünscht ein Schuhfabrikant eine 
Maschine zu beziehen, so wird ein Vertrag auf 5 bis 20 Jahre abgeschlossen. 
„In diesem verpflichtet sich die liefernde Firma zur Aufstellung der Maschine, 
zur kostenlosen Ausführung von Reparaturen und Anbringung aller Neue- 
rungen sowie zur Lieferung von Ersatzteilen zu mäßigen Preisen. Dagegen 
zahlt der Schuhfabrikant eine einmalige Grundtaxe, die etwa dem Her- 
stellungspreis der Maschine entspricht, und außerdem fortlaufend eine be- 
stimmte Abgabe per 1000 Umdrehungen der Maschine . . . Die Abgaben . . . 
bedeuten einen Betrag von 15 bis 25 Pf. per Paar Stiefel, die der Fabrikant 
an die D. V. S. G. entrichtet, einen Tribut, von dessen Größe wir uns erst 
einen Begriff machen, wenn wir erfahren, daß zum Beispiel für 1907 drei 
Erfurter Schuhfabriken mit zusammen 885 Arbeitern, die vorwiegend jene 
Maschinen benützen, 61 300 Mk. für die einjährige Benützung gezahlt 
haben." Karl Rehe, „Die deutsche Schuhgroßindustrie", S. 32. Das Inter- 
essante besteht hier darin: Die Benützung der Maschinen gewährt den deut- 
schen Fabrikanten Extraprofit, weil sie ihren Konkurrenten dadurch über- 
legen werden. Der amerikanische Trust zwingt sie, einen Teil dieses Extra- 
profits (nicht den ganzen, sonst entfiele das Motiv zur Anwendung dieser 
Maschinerie) an ihn abzutreten. Die Stipulierung einer jährlichen Rente 
erleichtert einmal den Ankauf der Maschinerie und steigert die Abhängigkeit 
des Fabrikanten vom Trust, da er an diese Maschine gebunden ist. Alle Ver- 
besserungen dieser Maschinerie werden sofort angewandt und steigern den 
Extraprofit, damit den Umsatz des Fabrikanten, damit aber auch die Abgabe 
an den Trust, der so einen Teil des fremden Extraprofits in eigenen ver- 
wandelt. Den Nutzen aus der verbesserten Technik heimsen so zum größten 
Teil der Trust, zu einem geringeren die Anwender der Maschinen und nur 
zum kleinsten Teil die Konsumenten ein. 



348 






zurückschreckt. So wächst einerseits rapid die Masse des zur Akku- 
mulation bestimmten Kapitals, während sich anderseits seine An- 
lagemöglichkeit kontrahiert. Dieser Widerspruch verlangt seine 
Lösung und findet sie im Kapitalexport. Der Kapitalexport selbst 
ist nicht eine Folge der Kartellierung. Er ist eine Erscheinung, die 
von der kapitalistischen Entwicklung unzertrennlich ist. Aber die 
Kartellierung steigert plötzlich den Widerspruch und schafft den 
akuten Charakter des Kapitalexports. # 

Es entsteht aber die Frage, wo die Grenze der Kartellierung 
eigentlich gegeben ist. Und diese Frage muß dahin beantwortet 
werden, daß es eine absolute Grenze für die Kartellierung nicht 
gibt. Vielmehr ist eine Tendenz zu stetiger Ausbreitung der Kar- 
tellierung vorhanden. Die unabhängigen Industrien geraten, wie 
wir gesehen haben, immer mehr in Abhängigkeit von kartellierten, 
um schließlich von ihnen annektiert zu werden. Als Resultat des 
Prozesses ergäbe sich dann ein Generalkartell. Die ganze kapitali- 
stische Produktion wird bewußt geregelt von einer Instanz, die das 
Ausmaß der Produktion in allen ihren Sphären bestimmt. Dann 
wird die Preisfestsetzung rein nominell und bedeutet nur mehr die 
Verteilung des Gesamtprodukts auf die Kartellmagnaten einerseits, 
auf die Masse aller anderen Gesellschaftsmitglieder anderseits. Der 
Preis ist dann nicht Resultat einer sachlichen Beziehung, die die 
Menschen eingegangen sind, sondern eine bloß rechnungsmäßige 
Art der Zuteilung von Sachen durch Personen an Personen. Das 
Geld spielt dann keine Rolle. Es kann völlig verschwinden, da es 
sich ja um Zuteilung von Sachen handelt und nicht um Zuteilung 
von Werten. Mit der Anarchie der Produktion schwindet der sach- 
liche Schein, schwindet die Wertgegenständlichkeit der Ware, 
schwindet also das Geld. Das Kartell verteilt das Produkt. Die sach- 
lichen Produktionselemente sind wiederproduziert worden und wer- 
den zu neuer Produktion verwendet. Von dem Neuprodukt wird ein 
Teil auf die Arbeiterklasse und die Intellektuellen verteilt, der 
andere fällt dem Kartell zu beliebiger Verwendung zu. Es ist die 
bewußt geregelte Gesellschaft in antagonistischer Form. Aber dieser 
Antagonismus ist Antagonismus der Verteilung. Die Verteilung 



25 Hilferding, Das Finanzkapital 



349 



selbst ist bewußt geregelt und damit die Notwendigkeit des Geldes 
vorüber. Das Finanzkapital in seiner Vollendung ist losgelöst von 
dem Nährboden, auf dem es entstanden. Die Zirkulation des Geldes 
ist unnötig geworden, der rastlose Umlauf des Geldes hat sein Ziel 
erreicht, die geregelte Gesellschaft, und das Perpetuum mobile der 
Zirkulation Findet seine Ruh'. 

Die Tendenz zur Herstellung eines Generalkartells und die Ten- 
denz zur Bildung einer Zentralbank treffen zusammen, und aus 
ihrer Vereinigung erwächst die gewaltige Konzentrationsmacht des 
Finanzkapitals. Im Finanzkapital erscheinen alle partiellen Kapital - 
formen zur Totalität vereinigt. Das Finanzkapital erscheint als 
Geldkapital und besitzt in der Tat dessen Bewegungsform G— G , 
geldtragendes Geld, die allgemeinste und begriffloseste Form der 
Kapitalbewegung. Als Geldkapital wird es in den beiden Formen 
des Leihkapitals und des fiktiven Kapitals den Produktiven zur Ver- 
fügung gestellt. Die Vermittlung besorgen die Banken, die zugleich 
einen immer größeren Teil in eigenes Kapital zu verwandeln suchen 
und dem Finanzkapital damit die Form von Bankkapital geben. 
Dieses Bankkapital wird immer mehr die bloße Form — Geldf orm — 
des wirklich fungierenden Kapitals, das heißt des industriellen 
Kapitals. Zugleich wird die Selbständigkeit des kommerziellen 
Kapitals immer mehr beseitigt, während die Trennung des Bank- 
kapitals und des produktiven Kapitals im Finanzkapital aufgehoben 
wird. Innerhalb des industriellen Kapitals selbst werden die Schran- 
ken der einzelnen Sphären durch fortschreitende Vereinigung früher 
getrennter und selbständiger Produktionszweige aufgehoben, die 
gesellschaftliche Arbeitsteilung — das heißt die Teilung in die ver- 
schiedenen Sphären der Produktion, die nur durch die Tauschaktion 
als Teile des ganzen gesellschaftlichen Organismus verbunden sind — 
stetig verringert, während anderseits die technische Arbeitsteilung 
innerhalb der vereinigten Betriebe immer weitergetrieben wird. 

So erlischt im Finanzkapital der besondere Charakter des Kapitals. 
Das Kapital erscheint als einheitliche Macht, die den Lebensprozeß 
der Gesellschaft souverän beherrscht, als Macht, die unmittelbar 
entspringt aus dem Eigentum an den Produktionsmitteln, den 



550 



Naturschätzen und der gesamten akkumulierten vergangenen 
Arbeit, und die Verfügung Über die lebendige Arbeit als unmittel- 
bar entspringend aus den Eigentumsverhältnissen. Zugleich er- 
scheint das Eigentum, konzentriert und zentralisiert in der Hand 
einiger größter Kapitabassoziationen, unmittelbar entgegengesetzt 
der großen Masse der Kapitallosen. Die Fragenach den Eigentums- 
verhältnissen erhält so ihren klarsten, unzweideutigsten, zugespitz- 
tes^ Ausdruck, während die Frage nach der Organisation der 
gesellschaftlichen Ökonomie durch die Entwicklung des Finanz- 
kapitals selbst immer besser gelöst wird. 



351 



VIERTER ABSCHNITT 



DAS FINANZKAPITAL UND DIE KRISEN 



XVI. Kapitel 



DIE ALLGEMEINEN BEDINGUNGEN DER KRISE 



Es ist empirisches Gesetz, daß die kapitalistische Produktion in 
einen Kreislauf von Prosperität und Depression gebannt ist. Der 
Übergang von einer Phase zur anderen vollzieht sich kritisch. In 
einem bestimmten Moment der Prosperität tritt in einer Reihe von 
Produktionszweigen Absatzstockung ein, infolgedessen sinken die 
Preise; Absatzstockung und Preissenkung verbreiten sich, die Pro- 
duktion wird eingeschränkt; dieses Stadium dauert kürzere oder 
längere Zeit; die Preise und Profite sind niedrig; allmählich beginnt 
sich die Produktion auszudehnen, Preise und Profite steigen; der 
Umfang der Produktion ist größer als je zuvor, bis die Wendung 
aufs neue eintritt. Die periodische Wiederkehr dieses Vorganges 
stellt die Frage nach seinen Ursachen, die eine Analyse des 
Mechanismus der kapitalistischen Produktion ergeben muß. 

Die allgemeine Möglichkeit der Krise ist gegeben mit der Ver- 
doppelung der Ware in Ware und Geld. Dies schließt ein, daß der 
Fluß der Warenzirkulation eine Unterbrechung erfahren kann, in- 
dem das Geld, statt zur Zirkulation der Waren verwendet zu werden, 
als Schatz gerinnt. Der Prozeß Wj— G-W 2 stockt, weil das G, das die 
Ware W x realisiert hat, nicht selbst W 2 realisiert. W 2 bleibt unver- 
käuflich, und damit ist die Absatzstockung gegeben. 

Solange aber das Geld nur als Zirkulationsmittel fungiert, sich 
die Ware unmittelbar gegen Geld und dieses gegen Ware umsetzt, 
braucht die Verwandlung des Geldes in Schatz nur ein vereinzelter, 
isolierter Vorgang zu sein, der die Unverkäuflichkeit einer Ware 
bedeutet, aber nicht eine allgemeine Absatzstockung. Dies ändert 



355 



sich mit der Entwicklung der Funktion des Geldes als Zahlungs- 
mittel, weiter mit der Entwicklung des Zirkulationskredits. 
Stockung des Verkaufes bedeutet jetzt, daß die bereits versprochene 
Zahlung nicht geleistet werden kann. Dieses Zahlungsversprechen 
hat aber, wie wir gesehen haben, als Zirkulations- oder Zahlungs- 
mittel für eine ganze Reihe anderer Umsätze gedient. Die Zahlungs- 
unfähigkeit des einen macht auch die anderen zahlungsunfähig. Die 
Verkettung der Zahlungspflichtigen, die das Geld als Zahlungs- 
mittel bewirkt hat, ist gesprengt, und die Stockung auf dem einen 
Punkt setzt sich auf alle anderen fort; sie wird allgemein. So ent- 
wickelt der Zahlungskredit eine Solidarität der Produktionszweige 
und gibt die Möglichkeit, daß die partielle Absatzstockung in eine 
allgemeine umschlägt. 

Aber diese allgemeine Möglichkeit der Krise ist nur ihre all- 
gemeine Bedingung: Ohne Geldzirkulation und die Entwicklung 
des Geldes in seiner Funktion als Zahlungsmittel ist auch die Krise 
unmöglich. Aber Möglichkeit ist noch lange nicht Wirklichkeit. Die 
einfache Warenproduktion oder, besser gesagt, die vorkapitalistische 
Warenproduktion kennt überhaupt keine Krisen; die Störungen der 
Wirtschaft sind keine ökonomisch- gesetzmäßigen Krisen, sondern 
Katastrophen, die aus besonderen, natürlichen oder historischen, 
also vom ökonomischen Standpunkt aus zufälligen Ursachen, wie 
Mißwachs, Dürre, Seuchen, Kriegen, entspringen. Ihr Gemein- 
sames ist, daß sie entspringen aus einem Defizit der Reproduktion, 
aber durchaus nicht aus Überproduktion irgendwelcher Art. Es ist 
dies selbstverständlich, wenn wir bedenken, daß diese Produktion 
ja immer noch wesentlich Produktion für den Selbstbedarf ist, daß 
Produktion und Konsumtion als Mittel und Zweck verbunden, die 
Warenzirkulation eine verhältnismäßig geringe Rolle spielt. Denn 
erst die kapitalistische Produktion verallgemeinert die Waren- 
produktion, läßt möglichst alle Produkte die Form der Ware an- 
nehmen und macht — das ist das Entscheidende — den Verkauf der 
Ware zur Vorbedingung der Wiederaufnahme der Reproduktion. 



1 Abgesehen von den Resten früherer Eigenproduttion, wie sie sich 
namentlich in der bäuerlichen Wirtschaft erhalten, spielt Eigenproduktion 



356 



Diese Verwandlung der Produkte in Waren bewirkt aber die 
Abhängigkeit der Produzenten vom Markt und macht aus der im 
Prinzip schon in der einfachen Warenproduktion vorhandenen 
Regellosigkeit der Produktion infolge der Selbständigkeit der 
Privatwirtschaften erst jene Anarchie in der kapitalistischen Pro- 
duktion, die mit der Verallgemeinerung der Warenproduktion, mit 
der Ausweitung der lokalen und zersplitterten Märkte zum um- 
fassenden Weltmarkt, die zweite allgemeine Bedingung der Krisen 
herstellt. 

Die dritte allgemeine Bedingung der Krisen stellt der Kapitalis- 
mus her durch die Trennung der Produktion von der Konsumtion. 
Er trennt einmal den Produzenten von seinem Produkt und redu- 
ziert ihn auf jenen Teil des Wertprodukts, der ein Äquivalent für 
den Wert der Arbeitskraft darstellt. Er schafft so in den Lohn- 
arbeitern eine Klasse, deren Konsumtion in keinem unmittelbaren 
Verhältnis zur Gesamtproduktion steht, sondern nur zu dem Teil 
der Gesamtproduktion, der gleich ist dem Lohnkapital. Das Produkt, 
das die Lohnarbeiter erzeugen, ist aber nicht ihr Eigentum. Ihre 
Produktion dient daher nicht dem Zweck ihrer Konsumtion. Um- 
gekehrt ist ihre Konsumtion und deren Ausmaß abhängig von der 
Produktion, auf die sie keinen Einfluß haben. Die Produktion des 
Kapitalisten dient aber nicht der Bedarfsdeckung, sondern dem 
Profit. Die Realisierung und Vermehrung des Profits ist der 
immanente Zweck kapitalistischer Produktion. Das bedeutet, daß 
für das Geschick der Produktion, für ihr Ausmaß, ihre Verminde- 
rung oder Vermehrung, nicht die Konsumtion und deren Wachstum 
das Entscheidende ist, sondern die Realisierung des Profits. Es wird 

auch in der kapitalistischen Gesellschaft eine Rolle, dort, wo das Produkt des 
Unternehmens selbst wieder zu einem Element der Reproduktion wird; so 
das Getreide zur Aussaat, die Kohle beim Kohlenbergwerk usw. Mit der Zu- 
nahme der Kombination wächst der Umfang dieser Art Eigenproduktion. Sie 
ist deshalb Eigenproduktion, weil die Ware nicht für den Markt bestimmt, 
sondern als Element des konstanten Kapitals in demselben Betrieb verwendet 
wird. Sie ist aber toto coelo verschieden von der auf Deckung des Bedarfs 
gerichteten Eigenproduktion früherer Gesellschaftsformationen, da sie nicht 
der Konsumtion, sondern der Warenproduktion dient. 



357 



produziert, um einen bestimmten Profit zu erzielen, einen bestimm- 
ten Verwertungsgrad des Kapitals zu erhalten. Die Produktion wird 
damit abhängig nicht von der Konsumtion, sondern von dem Ver- 
wertungsbedürfnis des Kapitals, und eine Verschlechterung der Ver- 
wertungsmöglichkeit bedeutet eine Einschränkung der Produktion. 
Es bleibt auch in der kapitalistischen Produktionsweise ein all- 
gemeiner Zusammenhang zwischen Produktion und Konsumtion, 
der ja als natürliche Bedingung allen Gesellschaftsformationen ge- 
meinsam ist. Während aber in der Bedarfdeckungswirtschaft die 
Konsumtion die Ausdehnung der Produktion bestimmt, die unter 
diesen Verhältnissen ihre Schranke nur findet an dem erreichten 
Stand der Technik, wird in der kapitalistischen Produktion um- 
gekehrt die Konsumtion bestimmt durch das Ausmaß der Produk- 
tion. Dieses aber ist begrenzt durch die jeweilige Verwertungsmög- 
lichkeit, durch den Verwertungsgrad des Kapitals, durch die Not- 
wendigkeit, daß das Kapital und sein Zuwachs eine bestimmte 
Profitrate abwerfen. Die Ausdehnung der Produktion stößt hier an 
eine rein gesellschaftliche, nur aus dieser bestimmten Gesellschafts - 
struktur entspringende und nur dieser eigentümliche Schranke. Die 
Krisenmöglichkeit entspringt zwar schon aus der Möglichkeit der 
ungeregelten Produktion, also der Warenproduktion überhaupt, 
aber ihre Wirklichkeit nur aus einer ungeregelten Produktion, die 
zugleich das unmittelbare Verhältnis von Produktion und Kon- 
sumtion, das andere Gesellschaftsformationen auszeichnet, aufhebt 
und zwischen Produktion und Konsumtion die Bedingung der Ver- 
wertung des Kapitals zu jeweils bestimmter Bäte einschiebt. 

Der Ausdruck „Überproduktion von Waren" ist überhaupt an 
sich so nichtssagend wie der Ausdruck „Unterkonsumtion". Man 
kann von einer Unterkonsumtion strenggenommen nur in physiolo- 
gischem Sinne sprechen; der Ausdruck hat dagegen keinen Sinn in 
der Ökonomie, wo er nur besagen könnte, daß die Gesellschaft 
weniger konsumiert, als sie produziert hat. Es ist aber nicht ein- 
zusehen, wieso das möglich, wenn nur in der richtigen Proportion 
produziert worden. Da das Gesamtprodukt gleich ist dem konstanten 
Kapital plus dem variablen plus dem Mehrwert (c + v + m), v ebenso 



558 



wie m konsumiert werden, die Elemente des verbrauchten konstan- 
ten Kapitals sich gegenseitig ersetzen müssen, so kann die Produk- 
tion ins Unendliche ausgedehnt werden, ohne zur Überproduktion 
von Waren zu führen, das heißt dazu, daß mehr Waren, bei denen 
in diesem Zusammenhang und für diese Auffassung nur der Ge- 
brauchswert in Betracht käme, mehr Güter also produziert werden, 
als konsumiert werden könnten. 

Zudem ist eines klar: Da die Krisen in ihrer periodischen Auf- 
einanderfolge Produkt der kapitalistischen Gesellschaft sind, so 
muß ihre Ursache im Kapitalcharakter gelegen sein. Es muß sich 
um eine Störung handeln, die aus dem spezifischen Charakter der 
Gesellschaft entspringt. Die enge Basis, die die Konsumtionsver- 
hältnisse der kapitalistischen Produktion bieten, ist aber deshalb 
allgemeine Bedingung der Krise, weil die Unmöglichkeit, sie zu 
erweitern, eine allgemeine Voraussetzung der Absatzstockung ist. 
Wäre die Konsumtion beliebig ausdehnbar, so wäre Überproduktion 



1 „Es ist eine reine Tautologie, zu sagen, daß die Krisen aus Mangel 
an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten her- 
vorgehn. Andre Konsumarten als zahlende kennt das kapitalistische System 
nicht, ausgenommen die sub forma pauperis oder die des , Spitzbuben'. Daß 
Waren unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine zahlungsfähigen 
Käufer für sie fanden, also Konsumenten (sei es nun, daß die Waren in 
letzter Instanz zum Behuf produktiver oder individueller Konsumtion gekauft 
werden). Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer Begründung 
dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen 
Teil ihres eignen Produkts, und dem TIbelstand werde mithin abgeholfen, 
sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, 
so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden 
durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiter- 
klasse realiter großem Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des 
jährlichen Produkts erhält. Jene Periode müßte — von dem Gesichtspunkt 
dieser Bitter vom gesunden und ,einfachen' (!) Menschenverstand — um- 
gekehrt die Krise entfernen. Es scheint also, daß die kapitalistische Produktion 
vom guten oder bösen Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die 
jene relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar 
immer nur als Sturmvogel einer Krise." Dazu bemerkt Engels in der An- 
merkung: „Ad notam für etwaige Anhänger der Bodbertusschen Krisen- 
theorie." Marx, „Kapital", II., S. 406 ff. (Neuausgabe S. 414. Die Red.) 



359 



■ 



nicht möglich. Aher unter kapitalistischen Verhältnissen bedeutet 
Ausdehnung der Konsumtion Verminderung der Profitrate. Denn 
Ausdehnung der Konsumtion der breiten Massen ist gebunden an 
die Steigerung des Arbeitslohnes. Diesebedeutet aber Verminderung 
der Mehrwertsrate und daher Verminderung der Profitrate. Steigt 
daher die Nachfrage nach Arbeitern durch die Akkumulation so 
stark, daß eine Verminderung der Profitrate eintritt, so daß (als 
äußerste Grenze) das vermehrte Kapital keinen größeren Profit ab- 
werfen würde als das unvergrößerte, so muß die Akkumulation 
unterbleiben, da ja der Zweck der Akkumulation, Vergrößerung 
des Profits, nicht erreicht würde. An diesem Punkte tritt eben die 
eine notwendige Voraussetzung der Akkumulation, die nach Er- 
weiterung der Konsumtion, in "Widerspruch mit der anderen 
Bedingung, der nach Realisierung des Profits. Die Verwertungs- 
bedingungen rebellieren gegen die Konsumtionserweiterung, und 
da sie die entscheidenden sind, steigert sich der Widerspruch bis 
zur Krise. Aber deshalb ist die enge Basis der Konsumtion doch eben 
nur eine allgemeine Bedingung der Krise, die aus der Konstatierung 
der „Unterkonsumtion" durchaus nicht erklärt wird. Am wenigsten 
ist daraus der periodische Charakter der Krise zu erklären, da eine 
Periodizität aus einer ständigen Erscheinung überhaupt nicht er- 
klärt werden kann. So steht es auch durchaus nicht im Widerspruch 
zu der früher angeführten Stelle, wenn Marx meint: 

„Die gesamte Warenmasse, das Gesamtprodukt, sowohl der Teil, 
der das konstante und variable Kapital ersetzt, wie der den Mehr- 
wert darstellt, muß verkauft werden. Geschieht das nicht, oder nur 
zum Teil, oder nur zu Preisen, die unter den Produktionspreisen 
stehn, so ist der Arbeiter zwar exploitiert, aber seine Exploitation 
realisiert sich nicht als solche für den Kapitalisten, kann mit gar 
keiner oder nur teilweiser Realisation des abgepreßten Mehrwerts, 
ja mit teilweisem oder ganzem Verlust seines Kapitals verbunden 
sein. Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die 
ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit 
und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur 
beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren 



durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und 
durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber 
bestimmt weder durch die absolute Produktivkraft noch durch 
die absolute Konsumtionskraft, sondern durch die Konsumtionskraft 
auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die 
Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur inner- 
halb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum 
reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, 
den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion 
von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die 
kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revo- 
lutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig 
verknüpfte Entwertung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen 
Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Produktion zu ver- 
bessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungs- 
mittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muß daher be- 
ständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und die 
sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den 
Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer un- 
kontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich aus- 
zugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. 
Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät 
sie in Widerspruch mit der engen Basis, worauf die Konsumtions- 
verhältnisse beruhen. Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis 
durchaus kein Widerspruch, daß Übermaß von Kapital verbunden 
ist mit wachsendem Übermaß von Bevölkerung; denn obgleich, 
beide zusammengebracht, die Masse des produzierten Mehrwerts 
sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch 
zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und 
den Bedingungen, worin er realisiert wird." 1 

Die periodische Krise ist dem Kapitalismus eigentümlich, sie 
kann also nur abgeleitet werden aus besonderen kapitalistischen 
Ei gentümlichkeiten. 2 



1 Marx, „Kapital", III., 1., S. 225 fi. (Neuausgabe S. 272/273. Die Red.) 

2 „Es handelt sich aber darum, die weitere Entwicklung der potentiellen 



360 



361 



Die Krise ist ganz allgemein eine Zirkulationsstörung. Sie er- 
scheint als massenhafte Unverkäuflichkeit der Ware, als Unmög- 
lichkeit der Realisierbarkeit des Warenwertes (respektive ihres Pro- 
duktionspreises) in Geld. Sie kann daher nur erklärt werden aus 
den spezifisch kapitalistischen Bedingungen der Warenzirkulation, 
nicht aus den Bedingungen einfacher Warenzirkulation. Das spezi- 
fisch Kapitalistische aber an der Warenzirkulation ist dies, daß die 
Waren als Produkt vom Kapital, als Warenkapital produziert sind 
und als solche realisiert werden müssen. Diese Realisierung schließt 
daher Bedingungen ein, die nur dem Kapital als solchem zukommen, 
und das sind eben seine Verwertungsbedingungen. 

Die Analyse dieser Verwertungsbedingungen sowohl vom Stand- 
punkt des individuellen als — was hier vor allem wichtig — vom 
Standpunkt des gesellschaftlichen Kapitals hat Marx im II. Band 
des „Kapital" geliefert und damit einen Versuch durchgeführt, der 
außer von Quesnay in der politischen Ökonomie nicht einmal be- 
gonnen wurde. Wenn Marx einmal den „Tableau economique" 
Quesnays den genialsten Einfall nennt, dessen sich die politische 
Ökonomie bisher schuldig gemacht habe, so ist seine eigene Analyse 
des gesellschaftlichen Produktionsprozesses sicher die genialste 
Durchführung des genialen Einfalls, wie überhaupt die so unbeach- 
teten Analysen des II. Bandes vom Standpunkt sozusagen der reinen 
ökonomischen Vernunft die glänzendsten in dem erstaunlichen 
Werke sind. Vor allem aber ist eine Erkenntnis der Krisenursachen 
nur möglich, wenn man sich die Ergebnisse der Marxschen Analyse 
vergegenwärtigt. 



Krisis — die reale Kxisis kann nur aus der realen Bewegung der kapitalistischen 
Produktion, Konkurrenz und Kredit dargestellt werden — zu verfolgen, 
soweit sie aus den Formbestimmungen des Kapitals hervorgeht, die ihm 
als Kapital eigentümlich und nicht in seinem bloßen Dasein als Ware und 
Geld eingeschlossen sind." (Marx, „Theorien über den Mehrwert", IL, 2., 
S. 286.) 

1 Es ist das Verdienst Tugan-Baranowskis, auf die Bedeutung dieser 
Untersuchungen für das Krisenproblem in seinen bekannten „Studien zur 
Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England" hingewiesen zu 
haben. Merkwürdig ist nur, daß es erst eines solchen Hinweises bedurfte. 



562 



Die Gleichgewichtsbedingungen 
des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses 

Wenn wir die wichtigsten Ergebnisse der Marxschen Analyse 
kurz rekapitulieren, so ergibt sich folgendes: 

Wir setzen bei dieser Betrachtung zunächst gleichbleibende 
Stufenleiter der kapitalistischen Produktion, also einfache Repro- 
duktion voraus und sehen ebenso ab von Wert- oder Preis- 
veränderungen. 

Das Gesamtprodukt, also auch die Gesamtproduktion der Gesell- 
schaft, zerfällt in zwei große Abteilungen: 

1. Produktionsmittel, Waren, welche eine Form besitzen, worin 
sie in die produktive Konsumtion eingehen müssen oder wenigstens 
eingehen können. 

2. Konsumtionsmittel, Waren, welche eine Form besitzen, worin 
sie in die individuelle Konsumtion der Kapitalisten- und Arbeiter- 
klasse eingehen. 

In jeder Abteilung zerfällt das Kapital in zwei Bestandteile: 
variables (v) und konstantes (c) Kapital. Letzteres zerfällt wieder in 
fixes und in zirkulierendes konstantes Kapital. 

Der Wertteil c, der das in der Produktion verzehrte konstante 
Kapital darstellt, deckt sich nicht mit dem Wert des in der Produk- 
tion angewendeten konstanten Kapitals. Das fixe Kapital hat nur 
einen Teil seines Wertes auf das Produkt übertragen. Im folgenden 
sehen wir zunächst von dem fixen Kapital ab. 

Das Gesamtwarenprodukt sei nun durch folgendes Schema ver- 
körpert : 

I 4000 c+ 1000 v+ 1000 m = 6000 Produktionsmittel 
II 2000 c+ 500 v+ 500 m = 3000 Konsumtionsmittel 

Gesamtwert = 9000, wovon das in seiner Naturalform fort- 
fungierende fixe Kapital nach der Voraussetzung ausgeschlossen ist. 

Wenn wir nun die auf Grundlage einfacher Reproduktion, wo 
also der ganze Mehrwert unproduktiv konsumiert wird, notwendi- 
gen Umsätze untersuchen und dabei zunächst die sie vermittelnde 



363 






Geldzirkulation unbeachtet lassen, so ergeben sich uns von vorn- 
herein drei große Anhaltspunkte: 

1. Die 500 v, Arbeitslohn der Arbeiter, und die 500 m, Mehr- 
wert der Kapitalisten der Abteilung II, müssen in Konsumtions- 
mittel verausgabt werden. Aber ihr Wert existiert in den Konsum- 
tionsmitteln zum Wert von 1000, die in den Händen der Kapitali- 
sten, Abteilung II, die vorgeschossenen 500 v ersetzen und die 
500 m repräsentieren. Arbeitslohn und Mehrwert der Abteilung II 
werden also innerhalb der Abteilung II gegen Produkt von II um- 
gesetzt. Damit verschwinden aus dem Gesamtprodukt (500 v+ 
500 m) II = 1000 Konsumtionsmittel. 

2. Die 1000 v+ 1000 m der Abteilung I müssen ebenfalls in 
Konsumtionsmitteln verausgabt werden, also in Produkt von Ab- 
teilung II. Sie müssen sich also austauschen gegen den von diesem 
Produkt noch übrigen, dem Belauf nach gleichen, konstanten 
Kapitalteil, 2000 c. Dafür erhält Abteilung II einen gleichen Be- 
trag von Produktionsmitteln, Produkt von I, worin der Wert von 
1000 v+ 1000 m von I verkörpert. Damit verschwinden aus der 
Rechnung 2000 c II und (1000 v+ 1000 m) I. 

3. Es bleiben noch 4000 c I. Diese bestehen in Produktions- 
mitteln, die nur in Abteilung I vernutzt werden können, zum Ersatz 
ihres verzehrten konstanten Kapitals dienen und daher durch gegen- 
seitigen Austausch zwischen den einzelnen Kapitalisten von I eben- 
so ihre Erledigung finden wie die (500 v+500 m) II durch Aus- 
tausch zwischen den Arbeitern und Kapitalisten, respektive zwischen 
den einzelnen Kapitalisten von II. 

Eine besondere Rolle spielt der Ersatz des fixen Kapitals. Ein 
Wertteil des konstanten Kapitals ist übertragen von den Arbeits- 
mitteln auf das Arbeitsprodukt; diese Arbeitsmittel fahren fort, als 
Elemente des produktiven Kapitals zu fungieren, und zwar in ihrer 
alten Naturalform; es ist ihr Verschleiß, der Wertverlust, den sie 
nach und nach erleiden während ihrer in bestimmter Periode fort- 
dauernden Funktion, der als Wertelement der vermittels derselben 
produzierten Waren wieder erscheint. Das Geld nun, soweit es den 
Warenwertteil vergoldet, der gleich ist dem "Verschleiß von fixem 



564 



Kapital, wird nicht wieder rückverwandelt in den Bestandteil des 
produktiven Kapitals, dessen Wertverlust es ersetzt. Es schlägt 
nieder neben dem produktiven Kapital und verharrt in seiner Geld- 
form. 

Dieser Geldniedcrschlag wiederholt sich, bis die aus einer größe- 
ren oder geringeren Anzahl von Jahren bestehende Reproduktions- 
epoche abgelaufen ist, während deren das fixe Element des kon- 
stanten Kapitals unter seiner alten Naturalform fortfährt im 
Produktionsprozeß zu fungieren. Sobald das fixe Element, Baulich- 
keiten, Maschinerie usw., ausgelebt hat, nicht länger im Produk- 
tionsprozeß fungieren kann, existiert sein Wert neben ihm, voll- 
ständig ersetzt in Geld — der Summe der Geldniederschläge, der 
Werte, die vom fixen Kapital allmählich übertragen worden auf die 
Waren, in deren Produktion es mitgewirkt und die durch den Ver- 
kauf der Waren in Geldform übergegangen. Dies Geld dient dann 
dazu, das fixe Kapital (oder Elemente desselben, da die verschiedenen 
Elemente desselben verschiedene Lebensdauer haben) in natura zu 
ersetzen und so diesen Bestandteil des produktiven Kapitals wirklich 
zu erneuern. Dies Geld ist also Geldform eines Teiles des konstanten 
Kapitalwerts, des fixen Teiles desselben. 

Diese Schatzbildung ist also selbst ein Element des kapitalistischen 
Reproduktionsprozesses, Reproduktion und Aufspeicherung — in 
Geldform — des Wertes des fixen Kapitals oder seiner einzelnen 
Elemente bis zu der Zeit, wo das fixe Kapital ausgelebt und folglich 
seinen ganzen Wert an die produzierten Waren abgegeben hat und 
nun in natura ersetzt werden muß. Dies Geld verliert aber nur seine 
Schatzform und tritt daher erst aktiv wieder ein in den durch 
die Zirkulation vermittelten Reproduktionsprozeß des Kapitals, 
sobald es rückverwandelt wird in neue Elemente des fixen Kapi- 
tals, um die abgestorbenen zu ersetzen. Damit aber keine Störung 
der einfachen Reproduktion stattfinde, muß der Teil des fixen 
Kapitals, der jährlich abstirbt, gleich sein dem, der jährlich zu 
erneuern ist. 

Betrachten wir zum Beispiel den Umsatz von (1000 v+ 1000 m) I 
gegen 2000 c II. In diesen 2000 c sind 200 fixes Kapital zu ersetzen. 



2(> Hilferding, Das Finanzkapital 



56" 



Es tauschen sich also 1800 c, die nur in zirkulierendes konstantes 
Kapital zu verwandeln sind, um in 1800 (v+m) I; die 200, die 
von I übrigbleiben und die Naturalform von fixem Kapital haben, 
müssen nun ebenfalls von II bezogen werden; sie können aber nur 
bezogen werden, wenn Kapitalisten von II 200 in Geld vorrätig 
haben, um 200 fixes Kapital von I zu kaufen; denn 200 müssen in 
Geld von anderen Kapitalisten II ersetzt und festgehalten werden 
in Geldform als Verschleiß für ihr fixes Kapital. Es werden also 
Kapitalisten, die aus früheren Jahren den Verschleiß ihres fixen 
Kapitals sukzessive in Geld abgeschätzt haben, in diesem Jahre ihr 
fixes Kapital in natura erneuem; sie kaufen um 200 Geld den Rest 
von I (v + m) = 200. I kauft um andere 200 Geld den Rest der 
Konsumtionsmittel von den anderen Kapitalisten II, die dies Geld, 
das für sie Verschleiß ihres fixen Kapitals bedeutet, ihrerseits auf- 
schatzen. Der Teil der Kapitalisten II also, der in diesem Jahre sein 
fixes Kapital in natura erneuert, liefert das Geld, womit die anderen 
Kapitalisten II ihren Verschleißteil vergolden und als Geld fest- 
halten können. Es muß also eine konstante Proportion zwischen ab- 
sterbendem und zu erneuerndem fixen Kapital angenommen wer- 
den. Ferner aber muß auch angenommen werden, daß die Propor- 
tion zwischen absterbendem (und daher zu erneuerndem) fixen 
Kapital und dem in alter Naturalform fortwirkenden konstant 
bleibt. Denn stiege das absterbende fixe Kapital auf 300, so hätte 
das zirkulierende Kapital abgenommen. II c hätte jetzt weniger 
zirkulierendes Kapital und könnte die Produktion nicht auf glei- 
cher Stufenleiter fortsetzen. Ferner würde auch, wenn das fixe 
Kapital auf 300 stiege, II aber nur 300 Geld für Erneuerung des 
Kapitals in natura auszugeben hat, 100 fixes Kapital in I unver- 
käuflich sein. 

Es kann also Mißverhältnis in der Produktion von fixem und 
zirkulierendem Kapital auftreten bei bloßer Erhaltung des fixen 
Kapitals, wenn nur - was in Wirklichkeit auch stets der Fall - die 
Proportion des jährlich absterbenden fixen Kapitals zu dem weiter- 
fungierenden wechselt. 

Ebenso sah man vorhin, daß zur Ermöglichung einfacher Repro- 



366 



duktion bestimmte Proportionsverhältnisse erfüllt sein müssen. 
I (v+m) mußte gleich sein II c. Die Erfüllung dieser Proportion 
wird infolge der Anarchie der kapitalistischen Gesellschaft stets 
gestört. Um die Produktion ständig in Gang zu halten, ist ein ge- 
wisses Maß von Überproduktion stets notwendig, um für plötzlich 
auftretende Bedürfnisse sowie für die fortwährenden Schwankungen 
des Bedarfes stets gerüstet zu sein. Beständig finden aber gewisse 
Störungen und Unregelmäßigkeiten im Rückfluß des umschlagen- 
den Kapitalwertes statt. Um diese Unregelmäßigkeiten zu über- 
winden, müssen die Kapitalisten, wie einerseits über Warenvorrat, 
so anderseits stets über Geldvorrat verfügen, um über diesen Waren- 
vorrat immer entsprechend verfügen und Störungen ausgleichen zu 
können. Dieser Ausgleich erfordert also zuschüssiges Geld, Reserve- 
geldkapital; dieses muß notwendig in Geldform gehalten werden, 
weil ja gerade der Umschlag des Warenkapitals es ist, der gestört 
werden kann, andere Waren und zu einem früheren Zeitpunkt dem 
Kapitalisten zur Verfügung stehen müssen. Nur in der Geldf orm aber 
hat der Wert die Form des allgemeinen Äquivalents, kann er sich 
jederzeit in beliebige andere Waren verwandeln. Auch hier ent- 
springt die Notwendigkeit des Geldes aus der Anarchie der kapitali- 
stischen Produktionsweise. 

„Ist die kapitalistische Form der Reproduktion einmal beseitigt, 
so kommt die Sache darauf hinaus, daß die Größe des absterbenden 
und daher in natura zu ersetzenden Teils des fixen Kapitals (hier des 
in der Erzeugung der Konsumtionsmittel fungierenden) in ver- 
schiednen sukzessiven Jahren wechselt . . . Die zur jährlichen Pro- 
duktion der Konsumtionsmittel nötige Masse von Rohstoffen, Halb- 
fabrikaten und Hilfsstoffen — sonst gleichbleibende Umstände vor- 
ausgesetzt — nimmt deswegen nicht ab; die Gesamtproduktion der 
Produktionsmittel müßte also im einen Fall zunehmen, im andren 
abnehmen. Diesem kann nur abgeholfen werden durch fort- 
währende relative Überproduktion; einerseits ein gewisses Quantum 
fixes Kapital, das mehr produziert, als direkt nötig ist, andrerseits 
und namentlich Vorrat von Rohstoff usw., der über die unmittel- 
baren jährlichen Bedürfnisse hinausgeht (dies gilt ganz besonders 



w 



367 



von Lebensmitteln). Solche Art Überproduktion ist gleich mit Kon- 
trolle der Gesellschaft über die gegenständlichen Mittel ihrer eignen 
Reproduktion. Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aber ist 
sie ein anarchisches Element." 

Diese relative Überproduktion muß innerhalb gewisser Grenzen 
auch in der kapitalistischen Gesellschaft beständig stattfinden und 
findet ihren Ausdruck in einem stets vorhandenen Warenvorrat, 
der zum Ausgleich von Störungen dient. Ihm entspricht auf der 
anderen Seite eine Reserve von Geldkapital zur Verfügung der 
industriellen Kapitalisten, die ihnen die Möglichkeit gibt, falls 
Störungen eintreten, aus dem Warenvorrat die nötigen Elemente 
zur Fortführung ihrer Produktion sich zu verschaffen. Dieses 
Reservegeldkapital, das allen Kapitalisten zur Sicherung gegen 
momentane Störungen auch in normalen Zeiten zur Verfügung 
stehen muß, ist nicht zu verwechseln mit dem Rescrvegeldkapital, 
das notwendig wird, wenn der Absatz der Waren stockt. Die Zeiten 
der Prosperität sind einerseits solche, in denen die Produktion 
stark und rasch erweitert wird, anderseits früheres Reservegeld- 
kapital in produktives verwandelt wird ; das Reservegeldkapital ver- 
mindert sich, und seine Verminderung bedeutet den Wegfall des die 
Störungen ausgleichenden Moments; dies ist daher eine Ursache 
der Krise. 

Anderseits ist festzuhalten, daß die Notwendigkeit solcher rela- 
tiver Überproduktion nicht auf der kapitalistischen Gesellschaft, 
sondern auf der Natur des Reproduktionsprozesses beruht, sobald 
jene Produktionselemente, die in der kapitalistischen Gesellschaft 
als fixes Kapital erscheinen, einen größeren Umfang erreicht haben. 
Diese aus technisch natürlichen Umständen notwendige „Über- 
produktion" ist in Wirklichkeit bloße Vorratsbildung und als solche 
auch einer geregelten Bedarfsdeckungswirtschaft eigen und nicht 
zu verwechseln mit der allgemeinen Überproduktion während der 
Krise. Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aber bildet auch 
diese Überproduktion ein unter Umständen krisenverschärfendes 
Moment. 



1 Marx, „Kapital", IT., S. 465. (Neuausgabe S. 473. Die Red.) 






368 



Die Gleichgewichtsbedingungen 
des kapitalistischen Akkumulationsprozesses 

Verlangt schon die einfache Reproduktion, die in der kapitalisti- 
schen Gesellschaft, für die die Akkumulation des Kapitals Lebens- 
bedingung ist, in Wirklichkeit nicht vorkommt, was natürlich nicht 
ausschließt, daß im Laufe des industriellen Zyklus ein lahr nicht, 
nur gleichbleibende, sondern sogar verminderte Reproduktion auf- 
weist, bestimmte komplizierte Proportionsverhältnisse, so werden 
diese noch komplizierter, falls der Akkumulationsprozeß ungestört 
vor sich gehen soll. Marx gibt folgendes Schema: 

I Produktion der Produktionsmittel: 

4000 c+ 1000 v+ 1000 m = 6000. 

II Produktion der Konsumtionsmittel: 

1500 c + 750 v+750 m = 3000. 
Gesamtwert des gesellschaftlichen Produkts = 9000. 

Angenommen nun, daß I die Hälfte seines Mehrwerts = 500 
akkumuliert, die andere Hälfte als Revenue verzehrt. 

Wir haben dann folgende Umsätze: 1 000 v+ 500 m, die als 
Revenue verausgabt werden, werden von I umgesetzt gegen 
1500 c IL II ersetzt sich so sein konstantes Kapital und liefert I 
die von ihm zu verbrauchenden Konsumtionsmitte], ein Umsatz, 
dem wir schon ganz analog in der Analyse der einfachen Reproduk- 
tion begegnet sind. Von den 5001m, die noch übrig sind und in 
Kapital verwandelt werden sollen, müssen bei gleichbleibender 
organischer Zusammensetzung 400 in konstantes und 100 in 
variables verwandelt werden. Die 500 existieren in Produktions- 
mitteln, und zwar müssen 400 davon in solchen existieren, die I für 
Vergrößerung seines konstanten Kapitals benötigt. I schlägt also 
diese 400 zu seinem konstanten Kapital. Der Rest von 100 m ist in 
variables Kapital, also in Lebensmittel zu verwandeln; es muß also 
von II gekauft werden, und da er in Produktionsmitteln existiert, 
muß II sie zur Vergrößerung seines eigenen konstanten Kapitals 
benützen. 



369 



Wir haben dann für I ein Kapital von 4400 c+ 1 100 v = 5500. 

II hat jetzt für konstantes Kapital 1600 c; es muß zu deren Be- 
arbeitung weitere 50 v in Geld für Ankauf neuer Arbeitskraft zu- 
schießen, so daß sein variables Kapital von 750 auf 800 wächst. 
Diese Ausdehnung des konstanten wie variablen Kapitals von II 
um zusammen 150 wird bestritten aus seinem Mehrwert; von den 
750 II m bleiben also nur 600 m als Konsumtionsfonds der Kapi- 
talisten II, deren Jahresprodukt sich nun verteilt wie folgt : 

II 1600c + 800v+600m (Konsumtionsfonds) = 3000. 

Wir haben nun folgendes Schema: 
I 4400c+1100v+500 Konsumtionsfonds = 6000 

II 1600 c+ 800v+600 Konsumtionsfonds =3000 

Summe = 9000 wie oben. 
Davon sind Kapital : 

I 4400 c+1 100 v (Geld) = 5500 
II 1600c+ 800 v (Geld) = 2400 
während die Produktion begann mit 

I 4000 c+ 1000 v= 5000 
II 1500 c+ 750 v= 2250 
Wir sehen hier eine Reihe neuer komplizierter Bedingungen. 
Einmal müssen in I die 500 m, die zu akkumulieren sind, in solchen 
Produktionsmitteln produziert sein, daß */* davon zu konstantem 
Kapital für I, 1 /s zu konstantem Kapital für II geeignet sind. So- 
dann hängt der Grad der Akkumulation in II ab von der Akku- 
mulation in I. In I wird die Hälfte des Mehrwerts akkumuliert, in 
II ist dies unmöglich;vondemMehrwertvon750 kann nur 150, also 
nur 1 /b akkumuliert werden, während *(» konsumiert werden müssen. 
Betrachten wir nun den Fortgang der Akkumulation : 
Wird mit dem vermehrten Kapital nun wirklich produziert, so 
erhalten wir am Ende des nächsten Jahres : 

I 4400 c+ 1100 v+ 1100 m = 6600 
II 1600 c+ 800 v+ 800 m = 3200 
Wird in derselben Weise fortakkumuliert, so erhalten wir dann 
im Jahre darauf: 



= 7900, 



= 7250. 



= 9800. 



570 



= 10780. 



I 4840c+1210v+1210m = 7260 
II 1760 c+ 880 v+ 880 m = 3520 

In diesem Beispiel war vorausgesetzt, daß die Hälfte des Mehr- 
werts I akkumuliert, und I (v + Vs m) = II c. 

I (v+m) muß, soll akkumuliert werden, immer größer sein als 
II c, denn ein Teil von I m kann eben nicht in II c verwandelt wer- 
den, sondern muß als Produktionsmittel dienen. Dagegen kann I 
(v+Vs m) größer oder kleiner sein als II c. Nähere Ausführungen 
sind für unseren Zweck unnötig. 1 

Die gesteigerte Produktion erfordert eine gesteigerte Goldmenge 
zu ihrem Umsatz. Diese gesteigerte Goldmenge muß, bei gleicher 
Umlaufgeschwindigkeit und vom Kredit abgesehen, von der Gold- 
produktion geliefert werden. Die kapitalistische Produktion würde 
hier an eine natürliche Schranke stoßen. Das Kreditsystem schiebt 
diese Schranke außerordentlich zurück, schafft sie aber nicht ganz 
aus der Welt. 

Betrachten wir nun noch einen Augenblick die notwendige Vor- 
aussetzung, damit jene Zirkulationsprozesse, die die Akkumulation 
in sich schließen, vor sich gehen können. Wir haben in unserem 
Beispiel angenommen, daß I 500 m akkumuliert und davon 400 in 
konstantes Kapital verwandelt werden. Durch welche Zirkulations- 
prozesse wird dies möglich, mit welchem Geld kauft I die 400? 

Betrachten wir zunächst die Akkumulation eines einzelnen Kapi- 
talisten. Damit dieser den Mehrwert in Kapital verwandeln kann, 
muß der Mehrwert zuvor eine bestimmte Größe erreicht haben. 
Eine Reihe Jahre hindurch muß also der Mehrwert, der am Ende 
des Jahres in Geld verwandelt wurde, in Geldform aufgeschatzt 
werden. Sowohl die Kapitalien der verschiedenen Industriezweige 
als auch innerhalb dieser die individuellen Kapitale befinden sich 
auf verschiedenen Stufen des Prozesses der sukzessiven Verwand- 
lung von Mehrwert in Kapital. Ein Teil der Kapitalisten verwandelt 
daher beständig sein zu entsprechender Größe angewachsenes poten- 
tielles Geldkapital in produktives Kapital, während ein anderer noch 

1 Siehe weitere Beispiele bei Marx, „Kapital", IL, S. 512 ff. (Neuausgabe 
S. 519-529. Die Red.) 



371 



beschäftigt ist mit der Aufschatzung seines potentiellen Geld- 
kapitals. Kapitalisten, diesen beiden Kategorien angehörig, treten 
sich also gegenüber, die einen als Käufer, die anderen als Verkäufer 
und jeder der beiden in dieser exklusiven Rolle. 

A verkaufe zum Beispiel 600 (= 400 c+ 100 v+ 100 m) an B 
(der mehr als einen Käufer repräsentieren mag). Er hat für 600 
"Waren verkauft, gegen 600 in Geld, wovon 100 Mehrwert dar- 
stellen, die er der Zirkulation entzieht, sie auf schätzt als Geld; aber 
diese 100 Geld sind nur die Geldform des Mehrprodukts, das der 
Träger eines Wertes von 100 war. 

Die Schatzbildung ist überhaupt keine Produktion, also von vorn- 
herein auch kein Inkrement der Produktion. Die Aktion des Kapi- 
talisten dabei besteht nur darin, daß er das durch Verkauf des Mehr- 
produkts von 100 ergatterte Geld der Zirkulation entzieht, festhält 
und mit Beschlag belegt. Diese Operation findet nicht nur statt auf 
Seite des A, sondern auf zahlreichen Punkten der Zirkulations- 
peripherie von anderen A , A , A , Kapitalisten, die alle ebenso 
emsig an dieser Sorte Schatzbildung arbeiten. Diese zahlreichen 
Punkte, wo Geld der Zirkulation entzogen wird und sich in zahl- 
reichen individuellen Schätzen respektive potentiellen Geldkapita- 
lien aufhäuft, scheinen ebenso viele Hindernisse der Zirkulation, 
weil sie das Geld immobilisieren und es seiner Zirkulationsfähigkeit 
für längere oder kürzere Zeit berauben. 

A vollbringt aber diese Schatzbildung nur, sofern er — mit Bezug 
auf sein Mehrprodukt — nur als Verkäufer, nicht hintennach als 
Käufer auftritt. Seine sukzessive Produktion von Mehrprodukt - 
dem Träger seines zu vergoldenden Mehrwerts — ist also die Vor- 
aussetzung seiner Schatzbildung. Obgleich also A Geld für seinen 
Mehrwert der Zirkulation entzieht und es aufschatzt, wirft er 
anderseits Ware in sie hinein, ohne ihr andere Ware dafür zu ent- 
ziehen, wodurch B, B , B usw. ihrerseits befähigt werden, Geld 
hineinzuwerfen und dafür nur Ware ihr zu entziehen. 

„Wie vorher, bei Betrachtung der einfachen Reproduktion, finden 
wir hier wieder, daß der Umsatz der verschiednen Bestandteile des 
jährlichen Produktes, d. h. ihre Zirkulation (die zugleich Reproduk- 



tion des Kapitals, und zwar seine Wiederherstellung in seinen ver- 
schiednen Bestimmtheiten, konstantes, variables, fixes, zirkulieren- 
des Geldkapital, Warenkapital, umfassen muß) keineswegs bloßen 
Kauf von Ware voraussetzt, der sich durch nachfolgenden Verkauf, 
oder Verkauf, der sich durch nachfolgenden Kauf ergänzt, so daß 
tatsächlich nur Umsatz von Ware gegen Ware stattfände (das Geld 
also bloßes Zirkulationsmittel und damit relativ überflüssig wäre, 
R. H.), wie die politische Ökonomie, namentlich die Freihandels- 
schule seit den Physiokraten und Adam Smith annimmt (verführt 
durch polemische Interessen im Kampfe gegen Monetär- und 
Merkantilsystem, R. H.). Wir wissen, daß das fixe Kapital, nach- 
dem die Auslage dafür einmal gemacht, während seiner ganzen 
Funktionszeit nicht erneuert wird, sondern in der alten Form fort- 
wirkt, während sein Wert sich allmählich in Geld niederschlägt." 
Was hier das Geld überhaupt erst ermöglicht, ist diese Trennung und 
Verselbständigung der Wertzirkulation gegenüber der Beständig- 
keit der technischen Funktion im Produktionsprozeß. Gesellschaft- 
lich ist diese Trennung nicht möglich, und es muß jedesmal soviel 
fixes Kapital geliefert werden, als altes verschleißt. Individuell aber 
wird der Verschleißwertteil Jahre hindurch in Geldform fest- 
gehalten. „Wir sahen nun, daß die periodische Erneuerung des 
fixen Kapitals II C (welcher gesamte Kapitalwert II e sich umsetzt in 
Elemente zum Wert von I( v+m \) voraussetzt einerseits bloßen Kauf 
des fixen Teils von II C , der sich aus Geldform in Naturalform rück- 
verwandelt und welchem entspricht bloßerVerkaufvonI m ;andrerseits 
voraussetzt bloßen Verkauf von Seiten II C , Verkauf des fixen (Ver- 
schleiß-)Wertteils desselben, der sich in Geld niederschlägt und 
welchem entspricht bloßer Kauf von I m . Damit sich hier der Um- 
satz normal vollziehe, ist vorauszusetzen, daß bloßer Kauf seitens 
II dem Wertumfang nach gleich sei dem bloßen Verkauf seitens 
II C . . . Sonst wird die einfache Reproduktion gestört; bloßer Kauf 
hier muß gedeckt werden durch bloßen Verkauf dort. Ebenso ist 
hier vorauszusetzen, daß der bloße Verkauf des schatzbildenden 
Teils A, A , A von I m im Gleichgewicht stehe mit dem bloßen 

1 Marx, „Kapital", II., S. 495. (Neuausgabe S. 499/500. Die Red.) 



57i 



Kauf des Teils B, B\ B" in I m , der seinen Schatz in Elemente von 
zusätzlichem produktivem Kapital verwandelt. 

Soweit das Gleichgewicht dadurch hergestellt wird, daß der 
Käufer nachher und für den gleichen Wertbetrag als Verkäufer auf- 
tritt und umgekehrt, findet Rückfluß des Geldes statt an die Seite, 
die es beim Kauf vorgeschossen, die zuerst verkauft hat, ehe sie 
wieder kaufte. Das wirkliche Gleichgewicht, mit Bezug auf den 
Warenumsatz selbst, den Umsatz der verschiednen Teile des jähr- 
lichen Produkts, ist aber bedingt durch gleichen Wertbetrag der 
gegeneinander umgesetzten Waren. 

Soweit aber bloß einseitige Umsätze stattfinden, Masse bloßer 
Käufe einerseits, Masse bloßer Verkäufe andrerseits - und wir 
haben gesehn, daß der normale Umsatz des jährlichen Produkts auf 
kapitalistischer Grundlage diese einseitigen Metamorphosen be- 
dingt -, ist das Gleichgewicht nur vorhanden unter der Annahme, 
daß der Wertbetrag der einseitigen Käufe und der Wertbetrag der 
einseitigen Verkäufe sich decken." 1 In allen diesen einseitigen 
Transaktionen wirkt aber das Geld nicht als bloßer Vermittler von 
Warenaustausch, sondern als Initiator oder Beendiger eines Pro- 
zesses, wo auf der einen Seite nur die Ware, auf der anderen Seite 
nur der Warenwert in seiner verselbständigten Form - Geld - steht, 
ist also das Geld notwendig, damit überhaupt diese einseitigen 
Prozesse vor sich gehen können. 

„Die Tatsache, daß die Warenproduktion die allgemeine Form 
der kapitalistischen Produktion ist, schließt bereits die Rolle ein, 
die das Geld nicht nur als Zirkulationsmittel, sondern als Geld- 
kapital in derselben spielt, und erzeugt gewisse, dieser Produktions- 
weise eigentümliche Bedingungen des normalen Umsatzes, also 
des normalen Verlaufs der Reproduktion, sei es auf einfacher, sei 
es auf erweiterter Stufenleiter, die in ebenso viele Bedingungen des 
anormalen Verlaufs, Möglichkeiten von Krisen umschlagen, da das 
Gleichgewicht - bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produk- 
tion — selbst ein Zufall ist." 



1 Karl Marx, „Das Kapital", Bd. II, S. 500. Die Red. 

5 Marx, „Kapital", IL, S. 496. (Neuausgabe S. 500/501. Die Red.) 



Die Kapitalisten A, A , A bilden durch den Verkauf ihres Mehr- 
produkts den Schatz, zuschüssiges potentielles Geldkapital. Dieses 
Mehrprodukt besteht in unserem Fall aus Produktionsmitteln von 
Produktionsmitteln, die in der Hand von B, B , B als solche fungie- 
ren. Erst in ihrer Hand fungiert dies Mehrprodukt als zuschüssiges 
konstantes Kapital; aber es ist dies virtualiter schon, bevor es ver- 
kauft wird, in der Hand der Schatzbildner A, A , A (I). Betrachten 
wir bloß den Wertumfang der Reproduktion seitens I, so befinden 
wir uns noch innerhalb der Grenzen der einfachen Reproduktion. 
Der Unterschied liegt nur in den anderen Gebrauchswerten, die 
erzeugt wurden. Es wurden innerhalb des gleichen Wertumfanges 
mehr Produktionsmittel für Produktionsmittel statt solcher für 
Konsumtionsmittel produziert. Ein Teil von I m, der früher ganz 
bei der einfachen Reproduktion gegen II c ausgetauscht wurde, also 
aus Produktionsmitteln für Konsumtionsmittel bestehen mußte, be- 
steht nun aus Produktionsmitteln für Produktionsmittel, um als 
solche dem konstanten Kapital I einverleibt werden zu können. Es 
folgt also, daß — bloß dem Wertumfang nach betrachtet — innerhalb 
der einfachen Reproduktion das materielle Substrat der erweiterten 
Reproduktion produziert wird. 

Es ist einfach direkt in Produktion von Produktionsmitteln, in 
Schöpfung von virtuellem zuschüssigen Kapital I verausgabte Mehr- 
arbeit der Arbeiterklasse I. 

Die Bildung von virtuellem zusätzlichen Geldkapital seitens A, 
A , A (I) — durch sukzessiven Verkauf ihres Mehrprodukts, das 
ohne alle kapitalistische Geldausgabe gebildet — ist also hier die 
bloße Geldform von zuschüssigen produzierten Produktions- 
mitteln I. „Produktion auf großer Stufenleiter von zuschüssigem 
virtuellem Geldkapital — auf zahlreichen Punkten der Zirkulations- 
peripherie — ist also nichts als Resultat und Ausdruck vielseitiger 
Produktion von virtuell zusätzlichem produktivem Kapital, dessen 
Entstehung selbst keine zusätzlichen Geldausgaben seitens der indu- 
striellen Kapitalisten voraussetzt." 1 

„Die sukzessive Verwandlung dieses virtuell zusätzlichen produk- 

1 Marx, ..Kapital", IL. S. 499. (Neuausgabe S. 503. Die Red.) 






374 



375 



tiven Kapitals in virtuelles Geldkapital (Schatz) seitens A, A', A 
etc. (I), die durch den sukzessiven Verkauf ihres Mehrprodukts 
bedingt ist - also durch wiederholten einseitigen Warenverkauf 
ohne ergänzenden Kauf - vollzieht sich in wiederholter Entziehung 
von Geld aus der Zirkulation und ihr entsprechende Schatzbildung. 
Diese Schatzbildung - ausgenommen den Fall, wo der Goldproduzent 
der Käufer - unterstellt in keiner Weise zusätzlichen Edelmetall- 
reichtum, sondern nur veränderte Funktion vonbisher umlaufendem 
Geld. Eben fungierte es als Zirkulationsmittel, jetzt fungiert es als 
Schatz, als sich bildendes, virtuell neues Geldkapital. Bildung von 
zusätzlichem Geldkapital und Masse des in einemLande befindlichen 
edlen Metalls stehn also in keiner ursächlichen Verbindung mit- 
einander. 

Es folgt daher ferner: Je größer das bereits in einem Lande 
fungierende produktive Kapital (eingerechnet die ihm inkorporierte 
Arbeitskraft, die Erzeugerin des Mehrprodukts), je entwickelter die 
Produktivkraft der Arbeit und damit auch die technischen Mittel 
rascher Ausweitung der Produktion von Produktionsmitteln - je 
größer daher auch die Masse des Mehrprodukts nach seinem Wert 
wie nach der Masse der Gebrauchswerte, worin er sich darstellt - 

desto größer ist 

1. das virtuell zusätzliche produktive Kapital in der Form von 
Mehrprodukt in der Hand von A, A', A' etc. und 

2. die Masse dieses in Geld verwandelten Mehrprodukts, also des 
virtuell zuschüssigen Geldkapitals in den Händen von A, A , A . 
Wenn also Fullarton z. B. nichts von der Überproduktion im ge- 
wöhnlichen Sinn wissen will, wohl aber von Überproduktion von 
Kapital, nämlich Geldkapital, so beweist dies wieder, wie absolut 
wenig selbst die besten bürgerlichen Ökonomen vom Mechanismus 
ihres Systems verstehn." 1 

„Wenn das Mehrprodukt, direkt produziert und angeeignet durch 
die'Kapitalisten A, A, A" (D, die reale Basis der Kapitalakkumula- 
tion, d. h. der erweiterten Beproduktion ist, obgleich es aktuell erst 
in dieser Eigenschaft fungiert in den Händen von B, B', B etc. (I) - 
~^~Marx, „Kapital", II, S. 499. (Neuausgabe S. 503/504. Die Red.) 



376 



so ist es dagegen in seiner Geldverpupp ung — als Schatz und bloß 
sich nach und nach bildendes virtuelles Geldkapital — absolut un- 
produktiv, läuft dem Produktionsprozeß in dieser Form parallel, 
liegt aber außerhalb desselben. Es ist ein Bleigewicht (dead weight) 
der kapitalistischen Produktion. Die Sucht, diesen als virtuelles 
Geldkapital sich abschätzenden Mehrwert sowohl zum Profit wie 
zur Bevenue brauchbar zu machen, findet im Kreditsystem und in 
den ,Papierchens' das Ziel ihres Strebens. Das Geldkapital erhält 
dadurch in einer andern Form den enormsten Einfluß auf den Ver- 
lauf und die gewaltige Entwicklung des kapitalistischen Produk- 
tionssystems. 

Das in virtuelles Geldkapital umgesetzte Mehrprodukt wird 
seiner Masse nach um so größer sein, je größer die Gesamtsumme 
des bereits fungierenden Kapitals war, aus dessen Funktion es her- 
vorgegangen. Bei der absoluten Vergrößerung des Unifangs des 
jährlich reproduzierten virtuellen Geldkapitals ist aber auch dessen 
Segmentation leichter, so daß es rascher in einem besondren Ge- 
schäft angelegt wird, sei es in der Hand desselben Kapitalisten, sei 
es in andren Händen (z. B. Familiengliedern, bei Erbteilungen etc.). 
Segmentation von Geldkapital meint hier, daß es ganz von Stamm- 
kapital losgetrennt wird, um als neues Geldkapital in einem neuen 
selbständigen Geschäft angelegt zu werden." 

Die Verkäufer des Mehrprodukts A, A , A (I) haben dasselbe als 
direktes Ergebnis des Produktionsprozesses erhalten. Die B, B , B 
müssen es erst durch einen Zirkulationsakt erwerben. Das dazu er- 
forderliche Geld haben sie früher ebenso gebildet wie jetzt A, A , A 
durch Verkauf ihrer respektiven Mehrprodukte; sie sind jetzt ans 
Ziel gelangt. Ihr als Schatz aufgehäuftes, nur virtuelles Geldkapital 
fungiert nun effektiv als zusätzliches Geldkapital. 

Das Geld, das zu diesen Umsätzen des Mehrprodukts nötig ist, 
muß sich in den Händen der Kapitalistenklasse befinden. Bei der 
einfachen Beproduktion kehrte das Geld, das nur zur Verausgabung 
als Bevenue in Konsumtionsmitteln diente, zu den Kapitalisten zu- 
rück, im Maß, wie sie es vorgeschossen zum Umsatz ihrer respek- 



1 Marx, „Kapital", II., S. 500. (Neuausgabe S. 504. Die Red) 



377 



tiven Waren; hier erscheint dasselbe Geld wieder, aber mit ver- 
änderter Funktion. Die A's und die B's (I) liefern sich abwechselnd 
das Geld zur Verwandlung von Mehrprodukt in zusätzliches 
virtuelles Geldkapital und werfen abwechselnd das neugebildete 
Geldkapital als Kaufmittel in die Zirkulation zurück. 

Das einzige, was hierbei vorausgesetzt, ist, daß die im Lande 
befindliche Geldmasse (Umlaufgeschwindigkeit usw. als gleich ge- 
setzt) hinreicht sowohl für aktive Zirkulation - also dieselbe Voraus- 
setzung, die, wie wir sahen, auch bei einfacher Warenzirkulation 
erfüllt sein muß. Nur die Funktion der Schätze ist hier verschieden. 

Die schematische Darstellung ist natürlich stark vereinfacht. Es 
ist klar, daß Proportionsverhältnisse, wie sie zwischen den Produk- 
tionsmittel- und Konsumtionsmittelindustrien in ihrer Gesamtheit 
herrschen müssen, in analoger Weise für jeden einzelnen Produk- 
tionszweig vorhanden sein müssen. Aber zugleich zeigen diese 
Schemata, daß in der kapitalistischen Produktion sowohl Repro- 
duktion auf einfacher als auf erweiterter Stufenleiter ungestört vor 
sich gehen kann, wenn nur diese Proportionen erhalten bleiben. 
Umgekehrt kann Krise auch bei einfacher Reproduktion eintreten 
bei Verletzung der Proportion, zum Beispiel zwischen abgestorbe- 
nem und neu anzulegendem Kapital. Es folgt also durchaus nicht, 
daß die Krise in der der kapitalistischen Produktion immanenten 
Unterkonsumtion der Massen ihre Ursache haben muß. Eine allzu 
rasche Ausdehnung der Konsumtion würde an sich ebenso wie 
Gleichbleiben oder Verringerung der Produktion der Produktions- 
mittel zur Krise führen müssen. Ebensowenig folgt aus den Schema- 
ten an sich die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion von 
Waren, vielmehr läßt sich jede Ausdehnung der Produktion als 
möglich zeigen, die überhaupt bei den vorhandenen Produktiv- 
kräften stattfinden kann. 



378 



XVII. Kapitel 



DIE URSACHEN DER KRISE 



Betrachtet man die Kompliziertheit der Proportionalitätsverhält- 
nisse, die in der doch anarchischen Produktion erfüllt sein müssen, 
so ist man zunächst versucht, die Frage aufzuwerfen, wer für die 
Erhaltung dieser Verhältnisse Sorge trägt. Es ist klar, daß diese 
Funktion das Preisgesetz erfüllen muß, da ja die Preise die kapita- 
listische Produktion regulieren, Änderungen der Preise für Erweite- 
rung oder Einschränkung, für Aufnahme einer neuen Produktion 
usw. maßgebend sind. Auch daraus ergibt sich die Notwendigkeit 
eines objektiven Wertgesetzes als einzig möglichen Regulators der 
kapitalistischen Wirtschaft. Die Störung dieser Proportionen muß 
sich also erklären lassen durch die Störung in der spezifischen Regu- 
lierung dieser Produktion, also durch eine Störung in den Preis- 
gestaltungen, so daß die Preise die Notwendigkeiten der Produk- 
tion nicht mehr richtig erkennen lassen. Da diese Störung periodisch 
ist, muß auch die Störung im Preisgesetz als periodisch auftretend 
nachgewiesen werden. 

Was den Kapitalisten interessiert, ist nicht die absolute Höhe des 
Preises seines Produkts, sondern das Verhältnis des Marktpreises zu 
dem Kostpreis, mit anderen Worten, die Höhe des Profits. Von 
dieser Höhe hängt ab, in welchen Produktionszweigen er sein 
Kapital anlegt. Sinkt der Profit beträchtlich, so werden Neuanlagen 
ganz unterlassen. Dies besonders, wo es sich um ausgedehnte An- 
lage von fixem Kapital handelt, da so angelegtes Kapital ja für lange 
Zeit festgelegt ist und der Preis des fixen Kapitals für die Berech- 
nung der Profitrate entscheidend ist. 



379 






Nun wissen wir, daß die organische Zusammensetzung des Kapi- 
tals sich ändert. Aus technischen Ursachen wächst der konstante 
Kapitalteil rascher als der variable. Es wächst ferner der fixe 
Kapitalteil rascher als der zirkulierende. Die relative Verminderung 
des variablen Kapitalteiles hat aber eine Senkung der Profitrate zur 
Folge. Die Krise bedeutet Absatzmangel. Absatzmangel setzt in 
der kapitalistischen Gesellschaft voraus: Aufhören von Neuanlage 
von Kapital; dieses wieder setzt voraus Sinken der Profitrate; dieses 
Sinken der Profitrate ist gegeben durch die Änderung der organi- 
schen Zusammensetzung des Kapitals, die bei der Neuanlage dieses 
Kapitals stattgefunden hat ; die Krise bedeutet nichts anderes als den 
Moment, wo das Sinken der Profitrate eintritt. Aber der Krise geht 
die Prosperitätsperiode voraus, in der die Preise und die Profite 
hoch sind. Wie tritt diese kapitalistische Weltwende ein, dieser 
Übergang von der Seligkeit fieberhaft angespannter Tätigkeit, hoher 
Profite und gesteigerter Akkumulation zur Trostlosigkeit der Ab- 
satzstockung, verschwundener Profite und massenhaft brachliegen- 
den Kapitals ? 

Jeder industrielle Zyklus beginnt mit einer Ausdehnung der 
Produktion, deren Gründe je nach den konkreten historischen 
Momenten im einzelnen variieren, im allgemeinen aber sich auf 
Eröffnung neuer Märkte, Entstehen neuer Produktionszweige, Ein- 
führung neuer Technik, steigenden Bedarf infolge Bevölkerungs- 
vermehrung zurückführen lassen. Es entsteht vermehrte Nachfrage, 
die zunächst in einzelnen Produktionszweigen Steigen der Preise 
und Profite bewirkt. Infolgedessen wird die Produktion in diesen 
Sphären ausgedehnt, und ihre gesteigerte Produktion bedeutet ge- 
steigerte Nachfrage in den Sphären, die für diese Zweige die 
Produktionsmittel liefern. Neuanlage von fixem Kapital, Ersatz der 
alten und technisch überholten Anlagen findet in größerem Umfang 
statt. Der Prozeß verallgemeinert sich, jeder Industriezweig schafft 
durch seine Ausdehnung Nachfrage für die anderen, die Produk- 
tionssphären alimentieren sich gegenseitig, die Industrie wird der 
Industrie bester Kunde. 

So beginnt der Zyklus mit der Erneuerung und dem Anwachsen 



380 






des fixen Kapitals, die den Hauptgrund bilden für die beginnende 
Prosperität, während der die Erweiterungen 1 fortdauern zugleich 
mit der größten Anspannung aller vorhandenen Produktivkräfte. 
„In demselben Maße also, worin sich mit der Entwicklung der 
kapitalistischen Produktionsweise der Wertumfang und die Lebens- 
dauer des angewandten fixen Kapitals entwickelt, entwickelt sich 
das Leben der Industrie und des industriellen Kapitals in jeder be- 
sondren Anlage zu einem vieljährigen, sage im Durchschnitt zehn- 
jährigen. Wenn einerseits die Entwicklung des fixen Kapitals dieses 
Leben ausdehnt, so wird es andrerseits abgekürzt durch die beständige 
Umwälzung der Produktionsmittel, die ebenfalls mit der Entwick- 
lung der kapitalistischen Produktionsweise beständig zunimmt. Mit 
ihr daher auch der Wechsel der Produktionsmittel und die Not- 
wendigkeit ihres beständigen Ersatzes infolge des moralischen Ver- 
schleißes, lange bevor sie physisch ausgelebt sind. Man kann an- 
nehmen, daß für die entscheidendsten Zweige der großen Industrie 
dieser Lebenszyklus jetzt im Durchschnitt ein zehnjähriger ist. Doch 
kommt es hier nicht auf die bestimmte Zahl an. Soviel ergibt sich: 
Durch diesen eine Reihe von Jahren umfassenden Zyklus von zu- 
sammenhängenden Umschlägen, in welchen das Kapital durch 
seinen fixen Bestandteil gebannt ist, ergibt sich eine materielle 
Grundlage der periodischen Krisen, worin das Geschäft aufeinander- 
folgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Über- 
stürzung, Krise durchmacht. Es sind zwar die Perioden, worin 
Kapital angelegt wird, sehr verschiedne und auseinanderfallende. 
Indessen bildet die Krise immer den Ausgangspunkt einer großen 
Neuanlage. Also auch — die ganze Gesellschaft betrachtet — mehr 
oder minder eine neue materielle Grundlage für den nächsten Um- 
schlagszyklus." 

Das Steigen der Profitrate findet aber zu Beginn der Prosperität 
noch aus einer anderen Ursache als dem eben geschilderten Steigen 
der Nachfrage statt. Gleichzeitig und infolge des Steigens der Nach- 
frage verkürzt sich zunächst die Umschlagszeit des Kapitals. Es ver- 
kürzt sich die Arbeitsperiode, weil die Einführung technischer Ver- 

1 Marx, „Kapital", II., S. 164 f. (Neuausgabe S. 180. Die Red.) 



27 Hilfen! cnü, Das Finanzkapital 



381 









besserungen raschere Fertigstellung des Produkts erlaubt, die Hilfs- 
arbeiter zum Beispiel im Bergbau auf das Minimum zugunsten der 
eigentlichen Förderung beschränkt werden, die Maschinerie durch 
Beschleunigung der Laufzeit, vor allem aber durch Verlängerung 
der Arbeitszeit (Wegfall der Feierschichten, Überstunden, Ein- 
stellung neuer Arbeiter) intensiver ausgenutzt wird usw. Ferner 
verkürzt sich die Umlauf szeit; der Absatz geht flott vonstatten; 
häufig wird die Zirkulationszeit gleich Null, da auf Bestellung ge- 
arbeitet wird; für eine Reihe bedeutender Industriezweige nimmt 
der Absatz auf den nahe gelegenen inländischen Märkten im Ver- 
hältnis zu dem Absatz auf entfernteren ausländischen zu, was wie- 
der Verkürzung der Zirkulationszeit bedeutet. Dies alles bewirkt 
wieder eine Erhöhung der Jahresrate des Profits, da das produktive 
Kapital und damit auch das Mehrwert produzierende variable Kapi- 
tal rascher umschlägt. 

Die Verkürzung der Umschlagszeit bedeutet zugleich eine relative 
Verringerung des vom Industriellen vorzuschießenden Geldkapitals 
im Verhältnis zum produktiven Kapital. Einmal wird das vor- 
handene produktive Kapital ohne Mehrausgabe von Geldkapital 
oder wenigstens ohne entsprechende Mehrausgabe besser ausgenützt 
durch Verkürzung der Arbeitsperiode infolge Beschleunigung der 
Laufzeit der Maschinerie, überhaupt durch intensivere Ausnützung 
der vorhandenen Produktionselemente. Dann aber verkürzt sich die 
Zirkulationszeit und damit der Umfang des Kapitals, das während 
der Zirkulationszeit vom Kapitalisten neben dem eigentlichen in der 
Produktion fungierenden Kapital gehalten werden muß. Es ver- 
ringert sich so das nur zu Zirkulationszwecken, also unproduktiv 
verwendete Kapital im Verhältnis zu dem Profit produzierenden, im 
Produktionsprozeß fungierenden Kapital. Die Verkürzung der 
Zirkulationszeit und der schnellere Umschlag verringert zugleich 
den als Warenvorrat brachliegenden Teil des Kapitals, das nur Un- 
kosten verursacht. So steigt die Jahresrate des Mehrwerts und Profits 
und letztere noch stärker durch Verringerung des zu Zirkulations- 
zwecken dienenden Kapitals. Zugleich steigt die Mehrwertmasse 
und damit die Möglichkeit der Akkumulation. 



582 



So bedeutet die industrielle Prosperität nichts anderes als Ver- 
besserung der Verwertungsbedingungen des Kapitals. Aber die- 
selben Umstände, die zunächst zur Prosperität führen, schließen 
Potenzen in sich, die die Verwertungsbedingungen allmählich ver- 
schlechtern, bis schließlich der Punkt eintritt, wo die Neuanlage 
von Kapital gehemmt und die Absatzstockung eklatant wird. 

Wenn das Steigen der Nachfrage zum Beispiel in der ersten 
Phase des industriellen Zyklus Erhöhung der Profilrate bedeutet, 
so findet diese Erhöhung doch nur unter Umständen statt, die ein 
späteres Sinken der Profitrate vorbereiten. Während der Prosperität 
findet starke Neuanlage von Kapital statt, eine Neuanlagc, die dem 
neuesten Stand der Technik entsprechen muß. Wir wissen aber, daß 
technische Verbesserungen sich in höherer organischer Zusammen- 
Setzung des Kapitals ausdrücken. Höhere organische Zusammen- 
setzung aber bedeutet Sinken der Profitrate, Verschlechterung der 
Verwertungsbedingungen des Kapitals. Und zwar sinkt die Profit- 
rate aus zwei Gründen. Einmal weil das variable Kapital im Ver- 
hältnis zum Gesamtkapital abgenommen, also dieselbe Mehrwert- 
rate sich in einer geringeren Profitrate ausdrückt. Zweitens weü, je 
größer der Anteil des fixen Kapitals gegenüber dem zirkulierenden, 
desto größer die Umschlagszeit des Kapitals; Verlängerung der Um- 
schlagszeit bedeutet aber ebenfalls Sinken der Profitrate. 

Dazu kommen andere Umstände, die die Umschlagszeit ver- 
längern; auf dem Höhepunkt der Prosperität kann die Arbeits- 
periode sich verlängern, weil Mangel an Arbeitskräften, besonders 
au qualifizierten, eintreten kann, abgesehen auch von Lohnkämpfen, 
die in solchen Perioden häufiger zu sein pflegen; Störungen im 
Arbeitsprozeß können sich auch ergeben aus allzu intensiver 
Ausnützung des konstanten Kapitals, zum Beispiel aus allzu großer 
Beschleunigung der Laufzeit der Maschinerie, die auch durch Ein- 
stellung ungeübter Arbeiter geschädigt werden kann, oder aus Ver- 
nachlässigimg von Reparaturen und Hilfsarbeiten, um die kurze 
Zeit industrieller Hochspannung ja nicht ungenützt vorübergehen 
zu lassen. Zugleich verlängert sidi im weiteren Verlauf die Um- 
laufszeit. Der Bedarf des inländischen Marktes ist befriedigt, weiter 



585 






m 



entfernte auswärtige Märkte müssen aufgesucht werden. Der Ab- 
satz der Waren, ihre Rückverwandlung in Geld verlängert sich; 
alles Momente, die ein Sinken der Profitrate in der zweiten Phase 
der Prosperität herbeiführen. 

Dazu kommen andere Momente. Während der Prosperität steigt 
die Nachfrage nach Arbeitskraft, deren Preis sich erhöht. Dies 
bedeutet Verringerung der Mehrwert- und damit der Profitrate. 
Es steigt ferner allmählich der Zinsfuß über sein normales Niveau 
aus Gründen, die noch anzuführen sind, und es sinkt infolgedessen 
die Rate des Unternehmergewinnes. Allerdings steigt dafür (ein 
Umstand, der gewöhnlich vernachlässigt wird) der Gewinn des 
Bankkapitals. Aber die Banken sind in dieser Periode nicht mehr in 
der Lage, das Geld für den Zweck der Produktionserweiterung zur 
Verfügung zu stellen. Einmal steht in dieser Periode die Speku- 
lation sowohl in Waren als in Effekten in höchster Blüte und stellt 
sehr gesteigerte Anforderungen an den Kredit. Dann aber reicht, 
wie wir noch sehen werden, der Zirkulationskredit, den sich die 
Produktiven untereinander gewähren, nicht aus, um den gesteiger- 
ten Ansprüchen zu genügen, und auch hier müssen die Banken ein- 
treten. Deshalb werden die Banken die Tendenz haben, ihren Ge- 
winn in der flüssigen Form, in Geldform, festzuhalten; und damit 
wird die Verwandlung in produktives Kapital, also die wirkliche 
Akkumulation und Erweiterung des Reproduktionsprozesses ge- 
hemmt. Es bedeutet dies gleichzeitig eine Störung des Produktions- 
prozesses, da infolge der Hemmung der Rückverwandlung des Geld- 
kapitals, das die Banken durch den gestiegenen Zinsfuß an sich 
gezogen haben und in Geldform festhalten, ein Teil des für die 
erweiterte Reproduktion bestimmten produktiven Kapitals pro tanto 
unverkäuflich bleibt. So bedeutet die Verringerung des Unter- 
nehmergewinnes gleichfalls für die ganze Kapitalistenklasse eine 
steigende Ungunst der Verwertungsbedingungen, eine Verringe- 
rung der Akkumulation. 

Die Krise tritt nun in dem Augenblick ein, wo sich die zuletzt 
beschriebenen Tendenzen der sinkenden Profitrate durchsetzen 
gegenüber den Tendenzen, die infolge der gestiegenen Nachfrage 



Steigen der Preise und des Profits bewirkt haben. Es fragt sich hier 
zweierlei: einmal, wie sich diese Tendenzen, die der Prosperität ein 
Ende bereiten, in der und durch die kapitalistische Konkurrenz 
durchsetzen; sodann, warum dieses Durchsetzen kritisch und nicht 
lytisch, plötzlich und nicht allmählich erfolgt. Die letztere Frage 
ist allerdings von geringerer Bedeutung, da der Wechsel von Pro- 
sperität und Depression für die Wellenbewegung der Konjunktur 
das entscheidende ist und die Plötzlichkeit dieses Wechsels erst in 
zweiter Reihe steht. 

Soviel ist klar: Wäre die Preissteigerung während der Prosperität 
allgemein und gleichmäßig, so bliebe sie rein nominell. Stiegen alle 
Waren um 10 Prozent oder 100 Prozent, so ließe das ihr relatives 
Austauschverhältnis unverändert. 1 Die Erhöhung der Preise hätte 
dann auch keine Beeinflussung der Produktion zur Folge; es würde 
keine Verschiebung in der Verteilung des Kapitals auf die ver- 
schiedenen Produktionszweige, keine Änderung in den Proportions- 
verhältnissen auftreten. Erfolgt die Produktion in den richtigen 
Proportionen, wie dies früher schematisch dargestellt worden ist, 
so brauchten diese keine Änderung zu erfahren und infolgedessen 
auch keine Störungen aufzutreten. Anders aber, wenn sich aus der 
Natur der Preissteigerung Momente anführen lassen, die eine solche 
Gleichmäßigkeit ausschließen. Die geänderte Preisgestaltung wird 
dann auch eine Änderung in der Proportionalität der Produktions- 
zweige herbeiführen können, da ja die Preis- und Profitänderung 
bestimmend auf die Verteilung des Kapitals auf die verschiedenen 
Produktionszweige einwirkt. Diese Möglichkeit wird zur Wirklich- 
keit, wenn sich zeigen läßt, daß die Preissteigerung mit Notwendig- 
keit eine Verschiebung der Verhältnisse der Kapitalverteilung mit 
sich führen muß. Und in der Tat lassen sich auch Momente nach- 
weisen, die diese Gleichmäßigkeit verhindern. 

1 Auf den ersten Blick scheint die Prosperitätsperiode gekennzeichnet 
durch allgemeine und gleichmäßige Preissteigerung, die Depressionsperiode 
durch ebensolche Preissenkung. Dies der Grund, warum in einer Wert- 
änderung des Geldes so lange und so beharrlich die Ursache der Krise gesucht 
wurde. Der Aberglaube an die Quantitätstheorie findet darin seine festeste 
Stütze. 



584 









Die Änderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals, 
die in letzter Instanz das Sinken der Profitrate bewirkt, wird, von 
technischen Revolutionen abgesehen und zunächst nur den Durch- 
schnitt der beständigen technischen Änderung betrachtet, am größ- 
ten sein, wo die Anwendung von Maschinerie, von fixem Kapital 
überhaupt am größten. Denn je größer die bereits angewendete 
Masse Maschinerie, Wissenschaft usw., desto größer und häufiger 
die Möglichkeit rationellerer Einrichtung, verbesserter Technik, 
wissenschaftlicherer Verfahrungsweisen. Desto stärker werden hier 
die Tendenzen zu höherer organischer Zusammensetzung wirksam 
sein. Die höhere organische Zusammensetzung des Kapitals ist aber 
nur der ökonomische Ausdruck gestiegener Produktivität. Diese 
bedeutet geringeren Preis für die gleiche Warenmenge. Die neu 
angelegten Kapitale arbeiten daher zunächst mit Extraprofit. Das 
Kapital wird daher in diese Anlagen strömen. Schon hier macht sich 
ein Moment der Störung geltend. Je größer der in diesen Neu- 
anlagen zu machende Extraprofit, desto mehr Kapital strömt in 
diese Sphären. Eine Korrektur kann erst eintreten, bis die neuen 
Produkte dieser Sphären auf den Markt kommen und ihr Über- 
angebot den Preis senkt. 1 Unterdessen hat die Nachfrage dieser 
Sphären den Preis von Produkten anderer Sphären gleichfalls er- 
höht und dort Kapitalzufuhr bewirkt, wenn auch in geringerem 
Maß, da dort wegen geringerer technischer Verbesserungen der 
Extraprofit geringer ist. Es hat dies wieder zur Folge, daß hier die 
Preissteigerung, da die Kapitalvermehrung nicht in gleicher Pro- 

1 „Unzweifelhaft ist gerade in Lothringen-Luxemburg die wirtschaftliche 
Entwicklung im Bergbau und Eisengewerbe eine viel zu rasche gewesen, die 
um so schärfer wirkte, als die neuen Werke spät in Betrieb kamen und somit 
lange Zeit in der Hochkonjunktur die Nachfrage mit verstärken helfen. Als 
aber die neuen Werke in die Produktion mit eintraten, und das war Ende 1899 
beziehungsweise Frühjahr 1900, da war der Höhepunkt der Entwicklung 
bereits überschritten, so daß sie nunmehr das Angebot mit vermehrten . . . 
Indem sie also aus der Reihe der Konsumenten ausschieden und nunmehr mit 
ihrer eigenen Produktion auf dem Markt erschienen, war die Produktions- 
fähigkeit immens gesteigert worden und eine Überproduktion unausbleib- 
lich." Die Störungen im deutschen Wirtschaftsleben während der Jahre 
1900 ff.. 2. Band, „Montan- und Eisenindustrie", S. 48 



portion zugenommen hat, verhältnismäßig stärker ist. In der ersten 
Produktionssphäre ist der Extraprofit bedeutend, in der zweiten 
geringer; dies gleicht sich allmählich aus durch Verringerung des 
Extraprofils durch stärkere Kapitalzufuhr dort und durch Preis- 
erhöhung infolge relativ geringerer Zufuhr hier. 

Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion wächst der 
Umfang des fixen Kapitals, und mit diesem Wachstum geht Hand 
in Hand eine wachsende Differenzierung der verschiedenen Indu- 
strien in bezug auf den Umfang des angewendeten fixen Kapitals. 
Je größer aber der Umfang des fixen Kapitals, desto länger die Zeit, 
nötig, um Neuanlagen herzustellen, desto größer auch daher der 
Unterschied der Zeit, während der in einzelnen Industriezweigen 
die Produktion erweitert werden kann. Je länger aber die Zeit zur 
Neuanlage, desto schwieriger die Anpassung an die Bedürfnisse der 
Konsumtion; desto länger bleibt das Angebot hinter der Nachfrage 
zurück, desto stärker steigen hier die Preise, und desto allgemeiner 
wird in solchen Industrien der Akkumulationsdrang. 

Je größer die Masse des fixen Kapitals, desto länger dauert es, 
bis die neuen Änderungen getroffen, die Leistungsfähigkeit ge- 
steigert wird. Bis zu diesem Zeitpunkt aber wird das Angebot hinter 
der Nachfrage zurückbleiben. Die Vermehrung der Hochöfen, die 
Anlage neuer Kohlenschächte, die Fertigstellung neuer Eisen- 
bahnen dauert länger als die Vermehrung der Textilprodukte oder 
der Papierfabrikation. Während also mit der Höhe der organischen 
Zusammensetzung die Ursachen sich mehren, welche auf die Dauer 
eine Senkung der Profitrate erzeugen müssen, tritt gerade in diesen 
Sphären während der guten Konjunktur infolge der geänderten 
Konkurrenzverhältnisse, der Verschiebung des Verhältnisses von 
Angebot und Nachfrage, dadurch, daß das Angebot langsamer 
wächst als die Nachfrage, zunächst ein stärkeres Steigen der Preise 
ein als in anderen Produktionszweigen. Der Profit nimmt nicht nur 
nicht ab, sondern die Veränderung der organischen Zusammen- 
setzung ist zunächst begleitet von steigenden Preisen und steigen- 
den Profiten; und zwar werden die Preise im allgemeinen die Ten- 
denz haben, um so mehr zu steigen, je höher entwickelt die orga- 



586 



58; 






nische Zusammensetzung. Das Kapital strömt aber in die Sphären 
höheren Profits. Es wird daher das zu akkumulierende Kapital vor 
allem in diese Sphären abgelenkt werden, und diese Ablenkung wird 
insolange dauern, bis die Neuanlagen vollendet sind und die stärkere 
Konkurrenz der neuen Betriebe sich geltend macht. Es besteht so 
die Tendenz zu einer Überanlage, Überakkumulation des Kapitals 
in den Sphären höchster organischer Zusammensetzung im Ver- 
gleich zu denen niedrigerer Zusammensetzung. Ein Mißverhältnis, 
das erscheint, wenn die Produkte der ersten Sphären auf den Markt 
gelangen. Der Absatz dieser neuen Produkte ist dadurch gehindert, 
daß die Produktion in den Sphären niederer Zusammensetzung 
nicht in gleicher Weise, nicht gleich rasch, sondern schneller, dafür 
aber weniger intensiv vermehrt wurde. Dies erklärt, warum die 
Krisen am stärksten sich äußern in den technisch entwickeltsten 
Produktionszweigen, also in den früheren Perioden vor allem in der 
Textil-(Baumwoll-)industrie, später in den schweren Industrien. Die 

Krise ist im allgemeinen dort am stärksten, wo der Umschlag des 
Kapitals am längsten und die technischen Verbesserungen und 
Neuerungen am größten, was zumeist der Fall, wenn die organische 
Zusammensetzung am höchsten. 

Die Krise selbst bringt zunächst Preis- und Profitsenkung unter 
das normale Niveau, das heißt unter die Produktionspreise und den 
Durchschnittsprofit, mit sich. Die Produktion kontrahiert sich, die 
schwächeren Betriebe gehen zugrunde, und nur diejenigen setzen 
schließlich den Betrieb fort, die auch bei gesunkenen Preisen den 
Durchschnittsprofit erzielen. Dieser Durchschnittsprofit hat aber 
jetzt ein anderes Niveau. Er entspricht nicht mehr der organischen 
Zusammensetzung am Ausgangspunkt des industriellen Zyklus, 
sondern der geänderten, höheren organischen Zusammensetzung 
des Kapitals. 

Umgekehrt findet in den Industrien mit geringerem Umfang des 
fixen Kapitals raschere Anpassung an die Konsumtion statt, bleibt 
das Steigen der Preise innerhalb engerer Grenzen (von Preis- 
schwankungen des Bohmaterials abgesehen) und wird die Akku- 
mulation weniger angestachelt. Es ist dies ein weiterer Grund zur 



~S8 



Entstehung von Disproportionalität, von Konzentrierung des neu 
anzulegenden Kapitals auf diejenigen Produktionszweige, wo die 
Preise am raschesten und höchsten steigen, und zugleich der Grund, 
warum im allgemeinen die Krisen eine um so stärkere Wirkung 
haben, je umfangreicher das fixe Kapital überhaupt, und in jenen 
Produktionszweigen, wo das fixe Kapital den größten Umfang 
besitzt. 

Dazu kommt, daß, je größer der Umfang der Kapitalsmasse ist, 
die der Stand der Technik in einem bestimmten Moment für einen 
bestimmten Produktionszweig erfordert, desto schwieriger eine ge- 
naue quantitative Anpassung der Vermehrung der Produktion an 
die vermehrte Konsumtion wird. Es ist technisch irrationell und 
deshalb unökonomisch, etwa die Stahlproduktion zu vermehren 
durch Neuanlage eines kleinen Stahlwerkes. Die Technik bestimmt 
hier den Grad der Vermehrung aus eigener Machtvollkommenheit, 
obne sich darum kümmern zu können, ob das Maß der Vermehrung 
mit den Ansprüchen der Konsumtion übereinstimmt. Die Ver- 
mehrung in den schweren Industrien kann, wenn einmal die vor- 
handenen Produktivkräfte voll ausgenützt sind — und die Varia- 
tionen in den Ausnützungsmöglichkeiten sind ein wichtiger Faktor, 
um geringere Schwankungen in der Nachfrage auszugleichen — , nur 
im großen Maßstab, sprunghaft erfolgen, nicht in dem bescheidenen 
Umfang der Anfangsepochen des Kapitalismus. Auch hier ist die 
Anpassungsmöglichkeit der leichteren Industrien bei weitem größer 
und deshalb hier die Preissteigerung in der Zwischenzeit geringer. 
Zu diesen Mißverhältnissen der Preisgestaltung, die sich aus der 
Verschiedenheit der organischen Zusammensetzung ergeben, treten 
andere, die aus natürlichen Umständen entspringen. Wir haben ge- 
sehen, daß eine Tendenz zur Überakkumulation in den Sphären 
höherer organischer Zusammensetzung besteht. Diese Sphären sind 
einerseits starke Verbraucher von Rohstoff, dann aber liefern sie 
auch Rohstoffe und Halbfabrikate (Eisen, Kohle) für andere Indu- 
strien. Hier können nun Störungen der Proportionalität auftreten. 
„Man hat . . . gesehn, daß, nachdem die Waren in Geld verwandelt, 
verkauft sind, ein bestimmter Teil dieses Geldes wieder in die Stoff - 



589 







liehen Elemente des konstanten Kapitals rückverwandelt werden 
muß, und zwar in den Verhältnissen, wie sie der bestimmte tech- 
nische Charakter jeder gegebnen Produktionssphäre erheischt. Hier 
ist in allen Zweigen — vom Arbeitslohn . . . abgesehn — das wich- 
tigste Element der Rohstoff, mit Einschluß der Hilfsstoffe, die 
namentlich wichtig in Produktionszweigen, wo kein eigentlicher 
Rohstoff eingeht, wie in Bergwerken und der extraktiven Industrie 
überhaupt . . . Steigt der Preis des Rohstoffs, so mag es unmöglich 
sein, ihn nach Abzug des Arbeitslohns aus dem Wert der Ware 
vollständig zu ersetzen. Heftige Preisschwankungen bringen daher 
Unterbrechungen, große Kollisionen und selbst Katastrophen im 
Reproduktionsprozeß hervor. Es sind namentlich eigentliche Agri- 
kulturprodukte, der organischen Natur entstammende Rohstoffe, 
die solchen Wertschwankungen infolge wechselnder Ernteerträge 
etc. — hier noch ganz vom Kreditsystem abgesehn — unterworfen 
sind . . . Ein zweites, das nur der Vollständigkeit wegen hier er- 
wähnt wird — da die Konkurrenz wie das Kreditsystem hier noch 
außer dem Kreis unsrer Betrachtung liegt — , ist dies: Es ist in der 
Natur der Sache begründet, daß pflanzliche und tierische Stoffe, 
deren Wachstum und Produktion bestimmten organischen, an ge- 
wisse natürliche Zeiträume gebundnen Gesetzen unterworfen sind, 
nicht plötzlich in demselben Maß vermehrt werden können wie 
z. B. Maschinen und andres fixes Kapital, Kohlen, Erze etc., deren 
Vermehrung, die sonstigen Naturbedingungen vorausgesetzt, in 
einem industriell entwickelten Land in kürzester Zeit vor sich gehen 
kann. Es ist daher möglich, und bei entwickelter kapitalistischer Pro- 
duktion sogar unvermeidlich, daß die Produktion und Vermehrung 
des Teils des konstanten Kapitals, der aus fixem Kapital, Maschi- 
nerie etc. besteht, einen bedeutenden Vorsprung gewinnt vor dem 
Teil desselben, der aus organischen Rohstoffen besteht, so daß die 
Nachfrage nach diesen Rohstoffen schneller wächst als ihre Zufuhr, 
und daher ihr Preis steigt. Dies Steigen des Preises führt in der Tat 
nach sich 1. daß diese Rohstoffe aus größrer Entfernung zugeführt 
werden, indem der steigende Preis größre Transportkosten deckt; 
2. daß die Produktion derselben vermehrt wird, ein Umstand, wel- 



cher, der Natur der Sache nach, aber vielleicht erst ein Jahr später, 
die Produktenmasse wirklich vermehren kann; und 5. daß allerlei 
früher unbenutzte Surrogate vernutzt und ökonomischer mit den 
Abfällen umgegangen wird. Wenn das Steigen der Preise anfängt, 
sehr merklich auf die Ausdehnung der Produktion und die Zufuhr 
zu wirken, ist meist schon der Wendepunkt eingetreten, wo infolge 
des länger fortgesetzten Steigens des Rohstoffs und aller Waren, in 
die er als Element eingeht, die Nachfrage fällt und daher auch eine 
Reaktion im Preise des Rohstoffs eintritt. Abgesehn von den Kon- 
vulsionen, die dies durch Entwertung von Kapital in verschiednen 
Formen bewirkt, treten noch andre gleich zu erwähnende Um- 
stände ein. 

Zunächst ist aber schon aus dem bisher Gesagten klar: Je ent- 
wickelter die kapitalistische Produktion und je größer daher die 
Mittel plötzlicher und anhaltender Vermehrung des aus Maschinerie 
usw. bestehenden Teils des konstanten Kapitals, je rascher die Akku- 
mulation (wie namentlich in Zeiten der Prosperität), desto größer 
die relative Überproduktion von Maschinerie und andrem fixem 
Kapital und desto häufiger die relative Unterproduktion der pflanz- 
lichen und tierischen Rohstoffe, desto markierter das vorher be- 
schriebne Steigen ihres Preises und der diesem entsprechende Rück- 
schlag. Desto häufiger sind also die Revulsionen, die in dieser 
heftigen Preisschwankung eines der Hauptelemente des Reproduk- 
tionsprozesses ihren Grund haben." 1 

„Je mehr wir daher in der Geschichte der Produktion der un- 
mittelbarsten Gegenwart näherrücken, um so regelmäßiger finden 
wir, namentlich in den entscheidenden Industriezweigen, den stets 
sich wiederholenden Wechsel zwischen relativer Teurung und dar- 
aus entspringender, spätrer Entwertung der der organischen Natur 
entlehnten Rohstoffe." 2 

Zu diesen Störungen treten andere, die sich aus der Art ergehen, 
wie das fixe Kapital reproduziert wird. Wir haben gesehen, daß bei 



1 Marx, „Kapital", in., 1., S. 94 und 95. (Neuausgabe S. 139-141. 
Die Red.) Siehe auch Marx, „Theorien über den Mehrwert", II., 2., S. 289 ff. 

2 Marx, „Kapital", III., 1., S. 98. (Neuausgabe S. 143. Die Red.) 



590 



391 



einfacher Reproduktion das abgestorbene fixe Kapital gleich sein 
muß dem neu anzulegenden. In der Tat wird diese Bedingung nie 
streng erfüllt sein. Es muß also auf der einen Seite zur Ausgleichung 
stets ein Überschuß an fixem Kapitalbestandteil, also Warenvorrat 
vorhanden sein, dem auf der anderen Seite Reservegeldkapital ent- 
spricht. Ein gewisser Vorrat und eine gewisse Schatzansammlung 
ist Bedingung der Reproduktion, die sonst stets an einem oder dem 
anderen Punkte ins Stocken geraten würde. Solche geringe Aus- 
gleichungen werden auch erleichtert durch die Elastizität des Kapi- 
tals selbst, die erlaubt, durch Forcierung der Produktion, Über- 
stundenarbeit usw. gewisse drängende Bedürfnisse zu befriedigen. 
Die fieberhafte Anspannung aller Produktionspotenzen vermindert 
sowohl den Warenvorrat auf der einen als den Geldvorrat auf der 
anderen Seite (relativ und absolut) und beseitigt damit ein Moment, 
das in normalen Zeiten zur Ausgleichung von Störungen dient. Die 
Verminderung des Reservegeldkapitals wird im Stadium vor der 
Krise absolut, einerseits weil die Nachfrage der industriellen Kapi- 
talisten nach Geldkapital jetzt am höchsten ist, anderseits weil in- 
folge der beginnenden Verlangsamung der Rückflüsse und damit 
des Zirkulationskredits die Nachfrage nach Geld als Zahlungsmittel 
rasch zunimmt. Eine weitere Störung im Absatz kann nicht durch 
Heranziehung von Reservegeldkapital ausgeglichen werden und 
führt deshalb zum Bankrott. 

Eine weitere Störung der Proportionalität kann erfolgen, indem 
das Verhältnis der Produktion zur Konsumtion sich ändert. Wäh- 
rend der Prosperität steigen die Preise und damit der Profit. Das 
Steigen der Warenpreise muß stärker sein als das Steigen des 
Arbeitslohnes, denn sonst könnte der Profit nicht steigen. Es steigt 
also der Anteil der Unternehmerklasse an dem Neuprodukt rascher 
als der der Arbeiter. Absolut vermehrt sich die Konsumtion, da so- 
wohl die Unternehmer als die Arbeiter ihre Konsumtion ausdehnen 
werden. Noch schneller vermehrt sich die Akkumulation, da gerade 
jetzt der Akkumulationsstachel am schärfsten wirkt, wenn es auch 
immer eine gewisse Zeit dauert, bis die Luxuskonsumtion zunimmt. 
Diese ist sehr elastisch und paßt sich leicht dem starken Akkumu- 



592 



lationsdrang an. So findet eine Verschiebung statt; ein relativ 
größerer Teil des Profits dient der Akkumulation, ein relativ klei- 
nerer der Konsumtion. Das heißt aber, daß die Konsumtion nicht 
Schritt hält mit dem Steigen der Produktion. Es kommt hierzu noch 
jener sich gleichbleibende Teil der Konsumtion, der auf die in 
festem Gehalt stehenden oder die nicht aus der Produktion unmittel- 
bar alimentierten und deshalb von deren Schwankungen nur in- 
direkt und mittelbar berührten Einkommensschichten entfällt. 

So entstehen im Ablauf der Konjunkturperiode Disproportionali- 
tätsverhältnisse durch Störungen der Preisgestaltung. Denn all die 
erwähnten Momente bedeuten Abweichungen der Marktpreise von 
den Produktionspreisen und dadurch Störungen in der Regulierung 
der von der Preisgestaltung in ihrem Ausmaß und ihrer Richtung 
abhängigen Produktion. Daß diese Störungen schließlich zur Ab- 
satzstockung führen müssen, ist klar. Ihre Durchsetzung ist be- 
gleitet und vermittelt durch Krediterscheinungen, die nunmehr zu 
analysieren sind. 



593 







XVIII. Kapitel 



DIE KREDITVERHALTNISSE 
IM ABLAUF DER KONJUNKTUR 



Zu Beginn der Prosperität herrscht niedriger, nur langsam und 
allmählich steigender Zinsfuß. Das Leihkapital ist reichlich. Die 
Erweiterung der Produktion und damit der Zirkulation steigert 
zwar die Nachfrage nach Leihkapital. Aber die gesteigerte Nach- 
frage findet leichte Befriedigung. Denn einmal steht dafür das 
während der Depression brachliegende Geldkapital zur Verfügung. 
Zweitens aber dehnt sich zu Beginn der Prosperität gleichzeitig der 
Zirkulationskredit aus. Das in Geldkapital rückzuverwandelnde 
Warenkapital der Industriellen und Kommerziellen ist 2war ge- 
stiegen, sowohl was die Masse als was die Preise der Waren 
anbelangt. Aber die dafür notwendigen Zirkulationsmittel liefert 
die vermehrte Menge des Kreditgcldes. Es wächst die Masse des 
Kreditgeldes, und gleichzeitig verkürzt sich mit dem rascheren 
Umschlag des produktiven Kapitals die Umlaufszeit des Kredit- 
geldes. Das vermehrte Angebot von Leihkapital, das durch die 
vermehrte Schaffung des Kreditgeldes gegeben ist, befriedigt die 
gestiegene Nachfrage nach Leihkapital ohne Steigerung des Zins- 
fußes. 

In dieser Periode wächst das Angebot von Leihkapital auch des- 
halb, weil durch die Verkürzung der Umlaufszeit das durch die 
Länge der Umlaufszeit in seinem Ausmaß bestimmte Geldkapital, 
das die Produktiven während der Zirkulationszeit ihres Kapitals zur 
Verfügung haben müssen, sich verringert und als Leihkapital auf 
den Geldmarkt kommt. 



394 



Mit der Dauer der Prosperität andern sich diese Verhältnisse, und 
die Allmählichkeit der Änderung drückt sich aus im allmählichen 
Steigen des Zinsfußes. 

Wir haben gesehen, daß während der Prosperität erstens die Um- 
schlagszeit des Kapitals sich verlängert, zweitens Disproportionalität 
der Produktionszweige sich ausbildet. Die Verlängerung der Um- 
schlagszeit, also die Verlangsamung des Absatzes, bedeutet aber zu- 
gleich Verlangsamung der Umlaufsgeschwindigkeit des Kredit- 
geldes. Ein Dreimonatswechsel kann bei Verfall nicht eingelöst 
werden, wenn die Ware, deren Geldform, er repräsentiert, erst in 
vier Monaten gezahlt wird. Der Wechsel muß prolongiert oder bar 
bezahlt werden. Die Prolongation bedeutet Inanspruchnahme von 
Kredit, Kapitalkredit von Seiten der Bank, also vermehrte Nach- 
frage nach Bankkredit. Die Nachfrage nach Bankkredit wird all- 
gemein sein, weil ja die Notwendigkeit der Prolongierung nicht 
einen einzelnen Kapitalisten, sondern in einem bestimmten Durch- 
schnitt die ganze Klasse der produktiven Kapitalisten trifft. Sowohl 
die vermehrte Nachfrage nach Bankkredit, die ja eben nur die Folge 
des Umstandes ist, daß der Zirkulationskredit, den sich die Produk- 
tiven untereinander geben, nicht mehr ausreicht, als auch die ver- 
mehrte Nachfrage nach Bargeld wirkt unmittelbar steigernd auf 
den Zinsfuß. 

Dieselbe Wirkung hat die zunehmende Disproportionalität, die 
ebenfalls Absatzstockung bedeutet. Ware muß durch Ware ersetzt 
werden, damit das Kreditgeld seine Funktion, Bargeld zu ersetzen, 
erfüllen kann. Stockt der gegenseitige Warenumsatz, so muß das 
Kreditgeld durch Bargeld ersetzt werden. Der Wechsel kann bei 
Verfall nicht eingelöst werden, weil die Ware, die er repräsentiert, 
nicht verkauft worden. Soll er doch eingelöst werden, so kann er 
das nur durch Inanspruchnahme von Bankkredit, der jetzt an Stelle 
des Zirkulationskredits getreten ist. Für den Industriellen ist es 
aber ein gleichgültiger Umstand, ob die Einlösung des Wechsels, 
für den er seine Ware verkauft hat, auf dem Wege des Zirkulations- 
kredits erfolgt, also in letzter Linie durch den Ersatz seiner Ware 
durch eine andere, oder ob auf dem Wege des Bankkredits, also ohne 



595 



daß seine Ware endgültig durch andere Ware ersetzt ist. Er muß 
zwar jetzt etwas erhöhten Zins zahlen, aber er weiß erstens nicht, 
was das zu bedeuten hat, und verstünde er es, es würde nichts ändern 
und ihm nichts helfen. Noch sind die Preise und die Profite hoch. 
Noch hat er durch die Einlösung seines Wechsels das Geldkapital 
nötig, um die Produktion im gleichen Umfang fortführen zu 
können. Daß das Geldkapital, mit dem er jetzt arbeitet, nicht mehr 
verwandelte Form seines eigenen Warenkapitals darstellt, das in 
Wirklichkeit noch gar nicht abgesetzt ist, ist ihm verhüllt. Er weiß 
nicht, daß er jetzt die Produktion fortführt mit zuschüssigem Geld- 
kapital, das ihm der Bankier zur Verfügung stellt. 

Es ist dies aber ein Umstand von größter Bedeutung. Die be- 
ginnende Disproportionalität muß sich in Bildung von Warenvorrat 
äußern. Auf irgendeinem Punkt des Zirkulationsprozesses der Ware 
muß Stockung stattfinden. Dieser Warenvorrat müßte auf den 
Markt drücken, wenn die Ware verkauft werden müßte, um mit 
dem erlösten Geld die Produktion weiterführen zu können. Diese 
Wirkung und damit die Wirkung auf Preis und Profit wird ver- 
mieden, da den Produktiven von den Banken Geldkapital zur Ver- 
fügung gestellt wird. So verhüllt der Kredit die beginnende 
Disproportionalität. Die Produktion wird unverändert weiter- 
geführt, in gewissen Zweigen, wo die Preise besonders hoch stehen, 
noch stark erweitert, weil die Heranziehung von Geldkapital ver- 
hütet, daß die Waren einen Druck auf den Markt ausüben und die 
Preise ins Wanken bringen. Die Produktion erscheint noch völlig 
gesund, obwohl die Disproportionalität der Produktionszweige be- 
reits ausgebildet ist. 

Die Änderungen in der Höhe des Zinsfußes, die primär durch 
Änderungen der Proportionalitätsverhältnisse während des Kon- 
junkturablaufes bedingt sind, beeinflussen ihrerseits aufs stärkste 
die Vorgänge der Gründungen, der Waren- und der Effekten- 
spekulation und damit die Gestaltung der Börsengeschäfte. Zu Be- 
ginn der Prosperität ist der Zinsfuß niedrig; dies bewirkt unter 
sonst gleichen Umständen hohen Kurs des fiktiven Kapitals. Bei 
jenem Teil des fiktiven Kapitals, das feste und gesicherte Erträg- 



396 



nisse abwirft, also zum Beispiel bei den Schuldtiteln des Staates und 
öffentlicher Körperschaften, bei manchen Arten von Pfandbriefen 
usw. steigt der Kurs unmittelbar infolge des Sinkens des Zinsfußes. 
Bei den Aktien wirkt dem Steigen des Kurses infolge des gesunkenen 
Zinsfußes die Minderung der Dividende und die größere Unsicher- 
heit des Ertrages entgegen. Die Prosperität beseitigt diese Gegen- 
tendenz; die Aktienkurse steigen bei fortdauerndem niedrigen Zins- 
fuß, weil die Erträgnisse und deren Sicherheit zunehmen. Zugleich 
steigt die Spekulation, die die steigenden Kurse für sich zu eskomp- 
tieren trachtet, und damit vermehrt sich die Nachfrage nach Aktien, 
und der Kurs steigt weiter. Die Ausdehnung der Produktion be- 
deutet zugleich vermehrte Gründungstätigkeit. Neue Aktiengesell- 
schaften werden gegründet, bestehende vermehren ihr Kapital. Die 
Emissionstätigkeit der Banken wird lebhaft. Der hohe Kurs der 
Aktien und der niedrige Zinsfuß bedingen hohe Emissionsgewinne. 
Die neuen Aktien werden von der Börse rasch aufgenommen und 
leicht an das Publikum, das heißt an Kapitalisten, die Leihkapital 
zur Verfügung haben, abgesetzt. Es ist die Periode, wo die Grün- 
dungstätigkeit am lebhaftesten und die Gewinne der Banken aus 
der Emissionstätigkeit am größten. Die Geldflüssigkeit begünstigt 
die Spekulation, die ja für ihre Operationen auf die Inanspruch- 
nahme von Kredit angewiesen ist. Da dei Zins niedrig, können 
auch kleine Schwankungen im Kurs, wie sie während der ersten 
Periode der Prosperität noch vorherrschen, von der Spekulation be- 
reits ausgenützt werden. Die Börsentätigkeit ist lebhaft, die Um- 
sätze bedeutend bei verhältnismäßig geringen Schwankungen, die 
sich aber insgesamt schließlich zu einer Erhöhung des Kursniveaus 
summieren. Das erhöhte Kursniveau, das aus der Vermehrung der 
Masse der Effekten und aus dem Steigen der Kurse sich ergibt, einer- 
seits, die Vermehrung der Umsätze anderseits bedeuten größere 
Inanspruchnahme von Kredit zur Ausgleichung der Bilanzen, die 
größere Beträge erfordern werden, und dies um so mehr, da in 
solchen Perioden die Spekulation ä la hausse die Baissespekulation 
überwiegt, die Käufe die Verkäufe übertreffen und die schließlich 
auszugleichende Bilanz vergrößert wird. Der erhöhten Nachfrage 



28 Hilfeiding, Das FinaDzkapital 



397 



nach Kredit, den die Börse ausübt, steht a